Part 10
Früh morgens mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen gegen das große Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine kamen und zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen weiter vor und erblickten von ferne durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz. Es war kaiserliche Kavallerie, denn die Infanterie bekamen wir nie zu Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte. Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment, das im mittlern Treffen stund, durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung, vor einer Bataille zu entwischen; jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr, weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in die Hosen. In den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern, selbst derer, die sonst noch so viel Herzhaftigkeit gleißneten. Die geleerten Brenzfläschchen, deren jeder Soldat eines hat, flogen unter den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen vielleicht keinen Fusel mehr! Jetzt avancierten wir bis unter die Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel! wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen weg, fuhren bald vor, bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft sprang, bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern weg, als wenn's Strohhälme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an, wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren. Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie einhieben! Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von der österreichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen verfolgt, zurück. Da hätte man den Spektakel sehen sollen, Pferde, die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihre Gedärme auf der Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem kleinen Gewehrfeuer zusammentraf, obschon es bereits auf dem rechten sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs, obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir wegrafften und der Wahlplatz mit Toten und Verwundeten übersät war; als mit eins, ungefähr um zwölf Uhr, die Order kam, unser Regiment nebst zwei andern, ich glaube Bevern und Kalkstein, müßten zurückmarschieren. Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sei vorbei. Wir eilten darum mit muntern Schritten die gähen Weinberge hinauf, brachen unsre Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach Herzenslust, und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts Arges in Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war. Mittlerweile trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan, auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf der andern Seite wieder hinunter führte. Sobald unsre Avantgarde den erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel an, und nun merkten wir erst, wo der Has im Stroh lag. Etliche tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken zu fallen. Dies muß unsern Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hätten sie uns die Höhe abgewonnen, und wir wahrscheinlich den kürzern gezogen. Nun setzte es ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark, allein die hintern drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe gewonnen hatten. Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten stolpern. Alsdann ging's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab, in die Ebene. Unsre gebornen Preußen und Brandenburger packten die Panduren wie Furien. Ich selber war in Jast[48] und Hitze wie vertaumelt, und, mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und ich sie am Riemen nachschleppen mußte. Indessen glaub' ich nicht, daß ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft. Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die Panduren wieder und pülverten so tapfer in die Weinberge hinauf, daß noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen überall durcheinander, und wo sich einer von letzteren noch regte, wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestoßen. Nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von Lowositz ausging, wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elender, zerquetschter, halbtoter Opfer dieses Tages, alle Sinnen betäubte! Um diese Zeit, es mochte etwa drei Uhr sein, da Lowositz schon im Feuer stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen wieder wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das Städtchen selber losging; um diese Zeit war ich freilich nicht der Vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch im Weinberg droben, von denen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über die andre hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich also noch ein wenig erhöht stand, und in die Ebene wie in ein finsteres Donner- und Hagelwetter hineinsah, in diesem Augenblick deucht' es mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der Flucht zu retten. Ich sah mich nach allen Seiten um. Vor mir war alles Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller Schlachtordnung. Zur Linken Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hie und da einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote und Verwundete als Lebende. Da, da, auf diese Seite! dacht' ich, sonst ist's nur lautere Unmöglichkeit!
[Sidenote: Desertion]
[Sidenote: Glücklich entronnen]
[Sidenote: In Prag]
Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf die linke Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei. »Komm', komm', Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich ripostierte kein Wort, tat nur ein wenig blessiert, und ging immer allgemach fort, freilich mit Furcht und Zittern. Sobald ich mich indessen so weit entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte, verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts und links wie ein Jäger, sah noch von weitem, zum letztenmal in meinem Leben, morden und totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag, rannte eines Rennens gerade dem Fluß nach hinunter, und stand jetzt an einem Tobel. Jenseits desselben kamen soeben etliche kaiserliche Soldaten angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten, und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich gefeuert haben. Ihr Hunde, dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei Lowositz gezeigt! Als ich zu ihnen kam und mich als Deserteur angab, nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte, verlor sich bald darauf, und nahm das Füsil mit. Nun so sei's! Alsdann führten sie mich ins nächste Dorf Scheniseck, eine starke Stunde unter Lowositz. Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern und Kindern. Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor den Preußen, denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben. Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche hinausgeworfen, hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu, und die roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstunden, Toback, Branntwein und Geleit auf Leitmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter Stockböhmen übernachtete, und freilich nicht wußte, ob ich da mein Haupt sicher zur Ruhe legen konnte. Allein ich hatte von dem Tumult des Tags noch einen so vertaumelten Kopf, daß dieser Kapitalpunkt mir am mindesten betrug. Morgens darauf, den zweiten Oktober, ging ich mit einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteurs, von denen, so zu reden, jeder seinen eignen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte; neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beide hoch auf vor Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freiheit zu sehn! Da ging's an ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus hinterm Ofen säßen. Einzig hieß es bisweilen: Ach wäre nur auch der Schärer von Wil bei uns! Wo mag der geblieben sein? Wir hatten die Erlaubnis, alles im Lager zu besichtigen. Offiziers und Soldaten stunden bei Haufen um uns, denen wir mehr erzählen sollten als uns bekannt war. Etliche wußten Winds genug zu machen, ihren Wirten zu schmeicheln und zur Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's auch unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler; und der kleinste Zwerg rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigten Brandenburger auf seiner eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangenen von der preußischen Kavallerie. Ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer an Wunden oder Beulen leer ausgegangen; etliche übers ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins Genick, andre über die Ohren, über die Schultern oder Schenkel. Da war alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein; und wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und bekamen jeder einen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem Kavallerietransport nach einem böhmischen Dorfe, wo wir, nach einem kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten wir uns, und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf, welche einen Weg gingen. Wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern, Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg. In Prag selbst war ein Zittern und Beben vor den Preußen ohne seinesgleichen. Man hatte den Ausgang der Schlacht bei Lowositz bereits vernommen und glaubte den Sieger schon vor den Toren zu sehn. Auch da stunden ganze Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen sollten, was der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese neugierigen Hasen; andre hatten noch ihre Freude daran, sie tapfer zu schrecken, und sagten ihnen, der Feind werde spätstens in vier Tagen anlangen und sei ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele die Händ' über'm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar heulend im Kot herum.
Heimkehr
[Sidenote: Heimreise mit Bachmann]
Den fünften Oktober traten wir unsre wirkliche Heimreise an. Es war schon abends, als wir von Prag ausmarschierten. Es ging bald über eine Anhöhe, von welcher wir eine unvergleichliche Aussicht über das ganze schöne königliche Prag hatten. Die liebe Sonne vergüldete seine mit Blech bedeckten zahllosen Turmspitzen zum Entzücken. Wir stunden eine Weile still, unter allerhand Gesprächen und mannigfaltigen Empfindungen dieses herrlichen Anblicks zu genießen. Einige bedauerten den prächtigen Ort, wenn er sollte bombardiert werden; andre hätten mögen dabei sein, wenigstens während dem Plündern. Ich konnte mich kaum satt sehn; sonst aber war mein einziges Sehnen wieder nach Haus, zu den Meinigen, zum Anneli. Wir kamen noch bis auf Schibrack; den sechsten bis Pilsen. Dort hatte der Wirt eine Tochter, das schönste Mädchen, das ich in meinem Leben gesehn. Mein Herr Bachmann wollte mit ihr hübsch tun, und fast einzig ihr zulieb hielten wir da Rasttag. Aber der Wirt verdeutete ihm, sein Kind sei keine Berlinerin! Vom achten bis zwölften ging's über Stab, Lensch, Rötz, Kürn auf Regensburg, wo wir zum zweitenmal rasteten. Bisher hatten wir nur kurze Tagreisen von zwei bis drei Meilen gemacht, aber desto längere Zechen. Mein Dukaten Reisegeld war schon dünn wie ein Laub worden, sonst hatt' ich keinen Heller in der Ficke, und ward also genötigt, auf den Dörfern zu fechten. Da bekam ich oft beide Taschen voll Brot, aber nie einen Heller bar. Bachmann hingegen hatte noch von seinem Handgeld übrig, ging in die Schenke, und ließ sich's wohlschmecken. Nur etwa zu vornehmen Häusern, Pfarrhöfen und Klöstern, kam er mit. Da mußten wir oft halbe Stunden stehn und den Herren alle Hergangenheit erzählen; des wurde besonders Bachmann meist überdrüssig, sonderlich wo für die Geschichte einer ganzen Schlacht, der er nicht beigewohnt, nur ein paar Pfennige flogen. Er gab immer vor, daß er bei Lowositz gewesen, und ich mußt' ihm die Lüge frisieren helfen; dafür hat er mir die ganze Reis' über keinen Krug Bier bezahlt. In den Klöstern gab's Suppen, oft auch Fleisch. Zu Regensburg, oder vielmehr im Bayerschen Hof verteilten wir uns wieder. Bachmann und ich erhielten einen Paß nach der Schweiz. Die andern, ein Bayer, zween Schwaben und ein Franzose, von denen ich nichts weiter zu sagen weiß, als daß sie alle vier rüstige Kerls und uns Tölpeln weit überlegen waren, nahmen jeder seine Straße. Die unsrige ging, der kleinern Orte nicht zu gedenken, über Ingolstadt, Donauwörth, Dillingen, Bregenz, Rheineck, nach Rorschach. Oberhalb Rheineck begegnete mir bald ein trauriger Spaß. Bisher waren wir unter lauter muntern Gesprächen über unsre glückliche Flucht, über unsre ältern und neuern Schicksale und unsre Aussichten für die Zukunft ganz brüderlich gereist. Bachmann, dem, von vorigen Zeiten her, fast alle Tag Hünd' und Hasen wieder in den Sinn stiegen, hatte sich, sobald wir von Prag weg waren, eine Jagdflinte gekauft, die er mit sich trug. Ich war seiner ewigen Diskurse von Hetzen und Treiben schon längst müde geworden, als wir, wie gesagt, oberhalb Rheineck in den Weinbergen Hunde jagen hörten. Hier machte mein Urian vor Entzücken ordentliche Purzelsprünge und behauptete, es wären, beim Himmel! seine alten Bekannten; er kenne sie noch am Bellen! Ich lachte ihn aus. Hierüber ward er böse, befahl mir stillzustehn, und der schönen Musik zuzuhorchen. Jetzt spottete ich vollends seiner und stampfte mit den Füßen. Das hätt' ich freilich sollen bleiben lassen. Er ward rasend, stand ganz schäumend mit aufgehobener Flinte vor mich hin, und setzte sie mir zähneknirschend vor den Kopf, als wenn er mich den Augenblick töten wollte. Ich erschrak. Er war bewaffnet, ich nicht; und auch dies und seine Wut ungerechnet, glaub' ich kaum, daß ich dem ohnehin verzweifelt wilden, handfesten Kerle, der beinahe zwei Zoll höher als ich war, hätte gewachsen sein können. Doch, ich weiß nicht, ob aus Mut oder Furcht, stand ich bockstill und guckte nach allen Seiten herum, ob ich niemand zu Hilf rufen könnte? Aber, es war an einem einsamen Ort, auf einer Allmend;[49] ich sah kein Mäuschen. »Sei kein Narr!« sagt' ich zu ihm, »wirst wohl Spaß verstehn.« Damit legte sich seine Wut schon um ein ziemliches. Wir gingen stillschweigend weiter, und ich war froh, als wir unvermerkt ins Städtchen Rheineck traten. Jetzt flattierte er mir wieder, eines Talers wegen, den ich auf dem Weg von ihm geborgt hatte; und ich dachte oft, dies Lumpenstück Geld hab' mir das Leben gerettet. Aber von dem Augenblick an schwand alles Vertrauen unter uns. Doch hab' ich mich nie gerochen, obgleich's der Anlässe viele gab, und mein Vater zahlte ihm den Taler willig, als er wenig Tage nach meiner Heimkunft in unser Haus kam. Wir kamen noch bis Rorschach, und des folgenden Tags (25. Oktober) auf Herisau, denn mein Herr Bachmann mochte nicht eilen, und ich merkte, daß er sich nicht recht nach Haus getraute, bis er sich erkundigt hätte, wie seiner vorigen Frevel wegen der Wind blies.
[Sidenote: Trennung]
[Sidenote: Heim! Heim!]
[Sidenote: Nichts als Heim!]
Länger konnt' ich dem Burschen nicht abpassen; denn, so nahe bei meiner Heimat, brannt' ich vor Begierde, dieselbe völlig zu erreichen. Also den sechsundzwanzigsten Oktober morgens früh nahm ich den Weg zum letztenmal unter die Füße, rannte wie ein Reh über Stock und Stein, und die lebhafte Vorstellung des Wiedersehns von Eltern, Geschwistern und meinem Liebchen ging mir einstweilen vor Essen und Trinken. Als ich nun meinem geliebten Wattweil immer näher und näher, und endlich auf die schöne Anhöhe kam, von welcher ich seinen Kirchturm ganz nahe unter mir erblickte, bewegte sich alles in mir, und rollten große Tränen haufenweis über meine Wangen herab. Oh, du erwünschter, gesegneter Ort! so hab' ich dich wieder, und niemand wird mich weiter von dir nehmen, dacht' ich im Heruntertrollen wohl hundertmal, und dankte dabei Gottes Vorsehung, die mich aus so vielen Gefahren wo nicht wunderbar doch höchstgütig gerettet hat. Auf der Brücke zu Wattweil redete mich ein alter Bekannter an, der vor meinem Weggehn um meine Liebesgeschichte gewußt hatte, und dessen erstes Wort war: »Je, gelt! deine Anne ist auch verplempert; dein Vetter Michel war so glückselig, und sie hat schon ein Kind.« Das fuhr mir durch Mark und Bein; indessen ließ ich's den Unglücksboten nicht merken: »Eh' nun,« sagt' ich, »hin ist hin!« Und in der Tat, zu meinem größten Erstaunen, faßt' ich mich bald, und dachte wirklich: »Nun freilich, das hätt' ich nicht hinter ihr gesucht! Aber, wenn's so sein muß, so sei's, und hab' sie eben ihren Michel!« Dann eilt' ich unserm Wohnort zu. Es war ein schöner Herbstabend. Als ich in die Stube trat, Vater und Mutter waren nicht zu Hause, merkt' ich bald, daß auch nicht eines von meinen Geschwistern mich erkannte, und sie über den ungewohnten Spektakel eines preußischen Soldaten nicht wenig erschraken, der so in seiner vollen Montierung, den Tornister auf dem Rücken, mit 'runtergelassnem Zottenhut und einem tüchtigen Schnurrbart sie anredte. Die Kleinern zitterten; der Größte griff nach einer Heugabel, und lief davon. Hinwieder wollt' auch ich mich nicht zu erkennen geben, bis meine Eltern da wären. Endlich kam die Mutter. Ich sprach sie um Nachtherberg an. Sie hatte viele Bedenklichkeiten; der Mann sei nicht da und dergleichen. Länger konnt' ich mich nicht halten, ergriff ihre Hand und sagte: »Mutter, Mutter! kennst mich nicht mehr?« Oh, da ging's zuerst an ein lärmendes, von Zeit zu Zeit mit Tränen vermengtes Freudengeschrei von Kleinen und Großen, dann an ein Bewillkommnen, Betasten und Begucken, Fragen und Antworten, daß es eine Tausendslust war. Jedes sagte, was es getan und geraten, um mich wieder bei ihnen zu haben. So wollte meine älteste Schwester ihr Sonntagskleid verkaufen, und mich daraus heimholen lassen. Mittlerweile langte auch der Vater an, den man ziemlich aus der Ferne rufen mußte. Dem guten Mann rannen auch Tropfen die Backen herunter: »Ach! Willkomm, willkomm, mein Sohn! Gottlob, daß du gesund da bist, und ich einmal alle meine Zehn wieder beisammen habe. Obschon wir arm sind, gibt's doch alleweil Arbeit und Brot.« Jetzt brannte mein Herz lichterloh, und fühlte tief die Wonne, so viele Menschen auf einmal, und zwar die Meinigen, zu erfreuen. Dann erzählt' ich ihnen noch denselben und etliche folgende Abende haarklein meine ganze Geschichte. Da war's mir wieder so ungewohnt herzlich wohl! Nach ein paar Tagen kam Bachmann, holte, wie gesagt, seinen Taler, und bestätigte alle meine Aussagen. Sonntags früh putzt' ich meine Montur, wie in Berlin zur Kirchenparade. Alle Bekannten bewillkommten mich; die andern gafften mich an, wie einen Türken. Auch nicht mehr meine, sondern Vetter Michels Anne tat es, und zwar ziemlich frech, ohne zu erröten. Ich hinwieder dankte ihr hohnlächelnd und trocken. Dennoch besucht' ich sie eine Weile hernach, als sie mir sagen ließ, sie wünschte allein mit mir zu reden. Da machte sie freilich allerlei kahle Entschuldigungen. Sie hab' mich auf immer verloren geglaubt, der Michel hab' sie übertölpelt, und so weiter. Dann wollte sie gar meine Kupplerin abgeben. Aber ich bedankte mich schönstens, und ging.
[Sidenote: Anne]
[Sidenote: Was nun anfangen?]
Und nun, hieß es, was anfangen? Graben mag ich nicht; doch schäm' ich mich zu betteln. Nein! für mein Brot war ich nie besorgt, und jetzt am allerwenigsten; denn, dacht' ich, nun bist du wieder an deines Vaters Kost, und arbeiten willst du auch wieder lernen. Doch merkt' ich, daß mein Vater meinetwegen ein bißchen verlegen war, und vielleicht obige Textesworte auf mich anwandte, obschon er nichts davon sagte. In der Tat war mir die schwarze, gefährliche Kunst eines Pulvermachers höchst zuwider; denn dergleichen Spezerei hatt' ich genug gerochen. Jetzt sollt' ich auch wieder Kleider haben, und der gute Ätti strengte alles an, mir solche zu verschaffen. Den Winter über konnt' ich Holz zügeln und Baumwolle kämmen. Allein im Frühjahr 1757 beorderte mich mein Vater zum Salpetersieden. Da gab's schmutzige und zum Teil strenge Arbeit. Doch blieb mir immer so viel Zeit übrig, meinen Geist wieder in die weite Welt fliegen zu lassen. Da dacht' ich: »Warst doch als Soldat nicht so ein Schweinskerl, und hattest bei aller deiner Angst und Not manch lustiges Tägel!« Ha! wie veränderlich ist das Herz des Menschen. Denn jetzt ging ich wirklich manche Stunde mit mir zu Rat, ob ich nicht aufs neue den Weg unter die Füße nehmen wollte; stunden mir doch Frankreich, Holland, Piemont, die ganze Welt, außer Brandenburg, offen. Mittlerweile wurde mir ein Herrndienst im Johanniterhaus Bubickheim, Zürcher Gebiets, angetragen. Ich ging zwar hin, mich zu erkundigen. Allein, ich gefiel, oder, was weiß ich, man gefiel mir nicht; und so blieb ich bei meinem Salpeter, war ein armer Tropf, hatte kein Geld, und mochte gleichwohl gern mit andern Burschen laichen.[50] Mein Vater gab mir zwar bisweilen, wenn ein Trinktag oder andrer Ehrenanlaß einfiel, etliche Batzen in den Sack; allein die waren bald über die Hand geblasen. Der ehrliche Kreuztrager hatte eben sonst immer mehr auszugeben als einzunehmen, und Kummer und Sorgen machten ihn lange vor der Zeit grau. Die Wahrheit zu sagen: Keins von allen seinen zehn Kindern wollte ihm recht ans Rad stehn. Jedes sah vor sich, und doch mochte keines was vor sich bringen. Die einen waren zu jung. Von den zwei Brüdern, die nächst auf mich folgten, gab sich der ältere mit Baumwollenkämmen ab, und zahlte dem Ätti das Tischgeld; der andre half ihm zwar in der Pulvermühle. Überhaupt aber ließ der liebe Mann jedes sozusagen machen, was es wollte, erteilte uns viel gute Lehren und Ermahnungen, und las uns aus gottseligen Büchern allerlei vor; aber dabei ließ er's bewenden, und brauchte kurz keinen Ernst. Die Mutter mit den Töchtern machte es ebenso, und war gar zu gut. -- Wie spät kommt der Verstand! Bei mir sollte er damals schon längst gekommen, und ich meines Vaters beste Stütze geworden sein. Ja! wenn das sinnliche Vergnügen nicht so anziehend wäre. An guten Vorsätzen fehlte es nie. Aber da hieß es:
Zwar billig' ich nicht mehr das Böse, das ich tue -- Doch tu' ich nicht das Gute, das ich will.
Und so stolpert' ich immer meinem wahren Glücke vorbei.
[Sidenote: Heiratsgedanken]
[Sidenote: Lieschen]