Part 4
Unterdessen war unsre Familie bis auf acht Kinder angewachsen. Mein Vater stak je länger je tiefer in Schulden, so daß er oft nicht wußte, wo aus noch ein. Mir sagte er nichts; aber mit der Mutter hielt er oft heimlich Rat. Davon hört' ich eines Tags ein paar Worte und merkte nun die Sache halb und halb. Allein es focht mich wenig an, ich ging leichtsinnig meinen kindischen Gang und ließ meine armen Eltern inzwischen über hundert unausführbaren Projekten sich den Kopf zerbrechen. Unter diesen war auch der einer Wanderung ins Gelobte Land, zu meinem größten Verdrusse, zu Wasser worden. Endlich entschloß sich mein Vater, alle seine Habe seinen Gläubigern auf Gnad und Ungnad zu übergeben. Er berief sie eines Tags zusammen, entdeckte ihnen mit Wehmut, aber redlich, seine ganze Lage und bat sie: In Gottes Namen Haus und Hof, Vieh, Schiff und Geschirr[27] zu ihren Handen zu nehmen und seinetwegen ihn, nebst Weib und Kindern, bis aufs Hemd auszuziehen; er wolle ihnen noch dafür danken, wenn sie ihn nur einmal der unerträglichen Last entledigten. Die meisten von ihnen, und selbst die, welche ihm mit Treiben am unerbittlichsten zugesetzt hatten, erstaunten über diesen Vortrag. Sie untersuchten Soll und Haben; und das Fazit war, daß sie die Sachen bei weitem nicht so schlimm fanden, als sie sich's vorgestellt hatten. Sie baten ihn also alle wie aus einem Munde, er soll doch nicht so kläglich tun, guten Muts sein, sich tapfer wehren, und seine Wirtschaft emsig treiben wie bisher; sie wollten gern Geduld mit ihm tragen und ihm noch aus Kräften beraten und beholfen sein; er habe eine Stube voll braver Kinder, die werden ja alle Tag' größer und können ihm an die Hand gehen. Was er mit diesen armen Schafen draußen in der weiten Welt anfangen wollte? Allein mein Vater unterbrach sie in diesen liebreichen Äußerungen ihres Mitleids alle Augenblick: »Nein, um Gottes willen, nein! Nehmt mir die entsetzliche Bürde ab. Das Leben ist mir so ganz verleidet! Aufs Besserwerden hofft' ich schon dreizehn Jahr vergebens. Und kurz, bei unserm Gut hab' ich einmal weder Glück noch Stern. Mit sauerm Schweiß und so vielen schlaflosen Nächten grub ich mich nur immer tiefer in die Schulden hinein. Geb, wie ich's machte, da half Hausen und Sparen, Hunger und Mangel leiden, bis aufs Blut arbeiten, kurz, alles und alles nichts. Besonders mit dem Vieh wollt's mir nie gelingen. Verkauft' ich die Küh', um das Futter versilbern zu können, und daraus meine Zinse zu bestreiten, so hatt' ich mit meiner Haushaltung, die außer dem Güterarbeiten keinen Kreuzer verdienen konnte, nichts zu essen, wenn ich gleich die halbe Losung wieder in andre Speisen steckte. Schon von Anfang an mußt' ich immer Taglöhner halten, Geld entlehnen und aus einem Sack in den andern schleufen, bis ich mich nicht mehr zu kehren wußte. Noch einmal, um Gottes willen! Da ist all' mein Vermögen. Nehmt, was ihr findet und laßt mich ruhig meine Straße ziehen. Mit meinen ältern Kindern wird's mir wohl möglich werden, uns allen ein schmales Stücklein Brot zu erwerben. Wer weiß, was der liebe Gott uns noch für die Zukunft beschert hat!« Als nun endlich unsere Gläubiger sahen, daß mit meinem Vater anders nichts anzufangen wäre, nahmen sie das Dreyschlatt mit aller Zubehörd gemeinschaftlich zu ihren Handen, setzten einen Gildenvogt, ließen einen neuen Überschlag machen und fanden wieder, daß einmal da kein großer Verlust herauskommen könne. Sie schenkten darum dem armen Ätti nicht allein allen Hausrat, Schiff und Geschirr, sondern baten ihn auch, bis sich ein Käufer fände, weiter auf dem Gut zu bleiben und es um billigen Lohn zu bearbeiten. Dieser bestund, nebst freier Behausung und Holzes genug, in der Sömmerung[28] für acht Kühe, und Grund und Boden, zu pflanzen, was und wieviel wir konnten und mochten. Jetzt war meinem Vater wieder so wohl, als wenn er im Himmel wäre; und was ihm am meisten Freud' machte, seine alten Schuldherren waren fast noch zufriedner als er, so daß von dem ersten Augenblick an keiner ihm nur eine saure Miene gemacht. Wir hatten ein recht gutes Jahr und konnten neben unsrer Güterarbeit noch eine ziemliche Zeit für Salpetersieden erübrigen. Ich lernte dieses ebenfalls, als mein Vater einst an einem Bein Ungelegenheit hatte und hernach wirklich bettliegerig ward. Die Schmerzen nahmen täglich so sehr überhand, daß er eines Abends von uns allen Abschied nahm. Endlich gelang es dem Herrn Doktor Müller aus der Schamaten, ihn wieder zu kurieren. Derselbe tat solches nicht nur unentgeltlich, sondern gab uns noch Geld dazu. Der Himmel wird es ihm reichlich vergelten. -- Inzwischen zeigte sich ein Käufer zum Dreyschlatt. Wir waren im Grund alle froh, diese Einöde zu verlassen, aber niemand so wie ich, da ich hoffte, das strenge Arbeiten sollt' nun ein Ende nehmen. Wie ich mich betrog, wird die Folge lehren.
[Sidenote: Wanderung nach Wattweil]
[Sidenote: Schlimme Hausgenossenschaft]
Mitten im März des Jahres 1754 zogen wir mit Sack und Pack aus dem Dreyschlatt weg und sagten dem wilden Ort auf ewig gute Nacht! Noch lag dort klaftertiefer Schnee. Von Ochs oder Pferd war keine Rede. Wir mußten unsern Hausrat und die jüngern Geschwister auf Schlitten selbst fortzügeln. Ich zog an dem meinigen wie ein Pferd, so daß ich am End fast atemlos hinsank. Doch die Lust, unsre Wohnung zu verändern und einmal auch im Tal, in einem Dorf, und unter Menschen zu leben, machten mir die saure Arbeit lieb. Wir langten an. Das muß ein rechtes Kanaan sein, dacht' ich; denn hier guckten die Grasspitzen schon unterm Schnee hervor. Unser Gütlin (es hieß die Staig), das wir zu Lehen empfangen hatten, stund voll großer Bäume, und ein Bach rollte angenehm mitten durch. Im Gärtlin bemerkt' ich einen Zipartenbaum. Im Haus hatten wir eine schöne Aussicht das Tal hinauf. Aber übrigens, was das für eine dunkle, schwarze, wurmstichige Rauchhütte war! Lauter faule Fußboden und Stiegen; ein unerhörter Unflat und Gestank in allen Gemächern. Aber das alles war noch nichts gegen den lebendigen Einsiegel, den wir im Haus haben mußten: ein abscheuliches Bettelmensch, das sich besoff, so oft es ein Kirchenalmosen erhielt und auf die Art zu Wein kam, dann in der Trunkenheit sich mutternackt auszog, und so im Haus herumsprang und pfiff, auch, wenn man ihm das geringste einreden wollte, ein Fluchen und Lamentieren erhob wie eine Besessene. Es bekam zwar deshalb oft den Rinderriemen, der aber leider meist aus übel ärger machte. Das Ungeheuer war überdies auf junge Mannspersonen erpicht -- Puh! mir schaudert noch die Haut davor -- und hätte gern auch mich angepackt. Das war mir eine völlig neue Erscheinung, und ich redete davon mit meinem Vater, ohne der Versuchung selbst zu erwähnen. Der sagte mir dann, was eine Katze sei, und nun bekam ich einen solchen Ekel vor dem Tier, daß mir ein Stich durch alle Adern ging, so oft es mir unter Augen kam.
[Sidenote: Göttliche Heimsuchung]
Wenige Tage nach unsrer Ankunft ward ich mit einem heftigen Frost und Fieber befallen. Ob mir das plötzliche Vertauschen der frischen Bergluft mit der im Tal, oder die unreinliche Wohnung, oder ein schon mitgebrachter Stoff dazu im Körper, oder endlich gar der Abscheu vor dem entsetzlichen Geschöpfe das Übel zugezogen, weiß ich nicht. Einmal zuvor war, außer leichten Kopf- und Zahnschmerzen, jedes andre Übelbehagen mir ganz unbekannt. Man ließ den lieben Herrn Doktor Müller kommen; er verordnete mir eine doppelte Aderlässe, zweifelte aber gleich beim ersten Anblick an meinem Aufkommen. Am dritten Tag glaubt' ich, nun sei's gewiß mit mir aus, da mein armer Kopf beinah zerspringen wollte. Ich rang, wimmerte, krümmte mich wie ein Wurm, und stund Höllenangst aus: Tod und Ewigkeit kamen mir schrecklich vor. Meinem Vater, der sich fast nie von mir entfernte und oft ganz allein um mich war, beichtete ich in einem solchen Augenblick alles, was mir auf dem Herzen lag, sonderlich auch wegen der Verfolgungen des vorerwähnten Unholds, der mir viel zu schaffen machte. Der gute Ätti erschrak entsetzlich und fragte mich, ob ich mit dem Tier etwas Böses getan? »Nein, gewiß nicht, Vater!« antwortete ich schluchzend, »aber das Ungeheuer wollt' mich dazu bereden; und ich hab's dir verschwiegen. Das nun, fürcht' ich, sei eine große Sünd'.« »Sei nur ruhig, mein Sohn!« versetzte mein Vater, »halt dich im stillen zu Gott. Er ist gütig und wird dir deine Sünden vergeben.« Dies einzige Wort des Trostes machte mich gleichsam wieder auflebend. Oh, wie eifrig gelobt' ich in diesem Augenblick, ein ganz andrer Mensch zu werden, wenn ich's länger auf Erden treiben sollte. Indessen gab's noch verschiedene Rückfälle. Einmal wußt' ich vierundzwanzig Stunden lang nichts mehr von mir; aber dies war die Krisis. Beim Erwachen fühlt' ich zwar meine Schmerzen wieder, doch in weit geringerm Grade, und was für mich viel wichtiger war, die bangen, angsthaften Gedanken blieben aus. Der Doktor fing an, Hoffnung zu schöpfen, und ich nicht minder; und kurz, es ließ sich täglich mehr zur Besserung an, bis ich, freilich erst nach etlichen Wochen, wieder ganz auf die Beine kam. Aber das Tiermensch, das wir im Haus hatten und dulden mußten, war mir unausstehlicher als jemals. Mich und alle meine Geschwister überhäufte es mit den unflätigsten Schimpfworten. Während meiner Krankheit sagte es mir oft ins Gesicht, ich sei ein mutwilliger Bankert, es fehle mir nichts, man sollte mir statt Arzneien die Rute geben, und dergleichen. Ich bat meinen Vater, so hoch ich konnte, er solle uns die Kreatur vom Hals schaffen, sonst könnt' ich in Ewigkeit nicht vollkommen gesund werden. Aber es war unmöglich, für einmal wollt' sie uns niemand abnehmen. Wenn sie's gar zu schlimm machte, ließen wir sie, wie gesagt, karbatschen. Aber zuletzt wollt' uns auch diesen Dienst niemand mehr leisten, denn jedermann fürchtete sich vor ihr, wie vor dem bösen Geist. Mit guten Worten kam man ihr gewissermaßen noch am leichtesten bei. Was mir indessen als die allerherbste Prüfung vorkam, war, daß ich und meine Geschwister in ihrer Gesellschaft mit Baumwollen-Kämmen und Spinnen unsern Feierabend machen mußten. Sobald aber der Sommer anrückte, half ich mir damit, daß ich meine Arbeit, so viel's immer die Witterung zuließ, außer dem Haus verrichtete.
[Sidenote: Jetzt Tagelöhner]
»Danke deinem Schöpfer,« sagte inzwischen eines Tags mein Vater zu mir, »er hat dein Flehen erhört und dir von neuem das Leben geschenkt. Ich zwar, ich will dir's nur gestehen, dachte nicht, wie du, Uli, und hätt' dich und mich nicht unglücklich geschätzt, wenn du dahingefahren wärst. Denn, ach! große Kinder, große Sorgen! Unsre Haushaltung ist überladen. Ich hab' kein Vermögen, keins von euch kann noch sicher sein Brot gewinnen. Du bist das älteste. Was willst du nun anfangen? In der Stube hocken und mit der Baumwolle hantieren, seh' ich wohl, magst du nicht. Du wirst müssen tagmen!«[29] -- »Was du willst, mein Vater!« antwortete ich, »nur ja nicht ofenbruten!« Wir waren bald einig. Der damalige Schloßbauer, Weibel K., nahm mich zum Knecht an. Von meiner überstandenen Krankheit war ich noch ziemlich abgemattet, aber mein Meister, als ein vernünftiger und stets aufgeräumter Mann, trug alle Geduld mit mir, um so viel mehr, da er eigne Buben von gleichem Schrot hatte. Die meiste Zeit mußt' er seinen Amtsgeschäften nach, dann ging's freilich oft bunt über Eck. Indessen gab er mir auch blutwenig Lohn, und die Frau Bäurin ließ uns manchmal bis um zehn Uhr nüchtern. Bei strenger Arbeit erhielten wir auch immer bessere Kost. Bisweilen brachten wir ihm etwas Wildbret, einen Vogel oder Fisch nach Haus; das ließ er sich vortrefflich schmecken. Eines Tages erbeuteten wir ein ganzes Nest voll junger Krähen, die mußt' ihm seine Hausehre wunderbar präparieren. Er verschlang mit ungeheurer Lust alle bis auf die letzte. Aber mit eins gab's eine Rebellion im Magen. Er sprang vom Stuhl und rannte todblaß und schnellen Schrittes den Saal auf und nieder, wo die Füß' und Federn noch überall zerstreut am Boden lagen! Endlich schnauzt er uns Buben mit lächerlichem Grimm an: »Tut mir das Schinderszeug da weg, oder ich kotze euch hunderttausend Dutzend von euern Bestien heraus. Einmal in meinem Leben solche schwarze Teufel gefressen, und nimmermehr!« Dann legte sich der launigte Mann zu Bett, und mit einem tüchtigen Schweiß ging alles vorbei.
Auch mein Bruder Jakob verrichtete um die nämliche Zeit ähnliche Knechtdienst'. Die Kleinern mußten in den Stunden neben der Schule spinnen. Unter diesen war Georg ein besonders lustiger Erzvogel. Wenn man ihn an seinem Rädchen glaubte, saß er auf einem Baum oder auf dem Dach, und schrie Kuckuck! »Du fauler Lecker!« hieß es dann etwa von seite der Mutter, wenn sie ihn so in den Lüften erblickte, und von seiner: »Ich will kommen, wenn du mich nicht schlagen willst, sonst steig ich dir bis in Himmel auf!« Was war da zu tun? Man mußte meist des Elends lachen.
Die erste Liebe
Wenn einer in sein zwanzigstes Jahr geht, darf er schon ahnden, es gebe zweierlei Leute in der Welt. Der Weibel hatte ein bluthübsches Töchterchen, aber scheu wie ein Hase. Es war mir eine Freud', wenn ich sie sah, ohne zu wissen warum? Nach etlichen Jahren heiratete sie einen Schlingel, der ihr ein Häufchen Jungens auflud, und sich endlich als ein Schelm aus dem Land machte. Das gute Kind!
[Sidenote: Ännchen]
[Sidenote: Auf dem Pfingstmarkt]
Dann hatte unser Nachbar Uli eine Stieftochter, Ännchen; die konnt' ich alle Sonntage sehen. Allemal winselt es mir ein wenig ums Herzgrübchen. Ich wußte wieder nicht warum, denk' aber wohl, weil's mich so hübsch dünkte; einmal etwas anderes kam mir gewiß nicht in den Sinn. An den gedachten Sonntagen zu Abend machten wir jungen Leute miteinander Buntreihen, Kettenschleuffen, Habersieden, Schühle verbergen und dergleichen. Ich war wie in einer neuen Welt, nicht mehr ein Eremit wie im Dreyschlatt. Nun merkt' ich zwar, daß mich Ännchen wohl leiden mocht', dacht' indessen, sie würd' sonst schon ihre Liebsten haben. Einst aber hatte meine Mutter die Schwachheit, mir, und zwar als wenn sie stolz drauf wäre, zu sagen: »Ännchen sehe mich gern.« Dieser Bericht rannte mir wie ein Feuer durch alle Glieder. Bisher hielt ich dafür, meine Eltern würden's nicht zugeben, daß ich, noch so jung, nur die geringste Bekanntschaft mit einem fremden Mädchen hätte. Jetzt aber -- so wichtig ist es, die Menschen in nützlichen Meinungen durch kein unvorsichtiges Wort irrezumachen -- merkt ich's meiner Mutter deutlich an, daß ich so etwas schon wagen dürfte. Indessen tat ich nicht dergleichen, aber meine innre Freud' war nur desto größer, daß man mir jetzt selbst die Tür aufgetan, unter das junge lustige Volk zu wandeln. Von dieser Zeit an, versteht sich's, schnitt' ich bei allen Anlässen Ännchen ein entschieden freundlich Gesichtchen; aber daß ich ihr mit Worten etwas von Liebe sagen durfte, oh, um aller Welt Gut willen hätt' ich dazu nicht Herz gehabt. Einst erhielt ich Erlaubnis, auf den Pfingst-Jahrmarkt zu gehn. Da sann ich lang hin und her, ob ich sie aufs Rathaus zum Wein führen dürfe? Aber das schien mir schon zuviel gewagt. Dort sah ich sie eins herumschlängeln. Herodes mag das Herz nicht so gepocht haben, als er Herodias Tochter tänzeln sah. Ach! so ein schönes, schlankes, nettes Kind, in der allerliebsten Zürchbietler-Tracht! Wie ihm die goldfarbnen Zöpf' so fein herunterhingen! Ich stellte mich in einen Winkel, um meine Augen im Verborgenen an ihr weiden zu können. Da sagt' ich zu mir selbst: Ah! in deinem Leben wirst du Lümmel nie das Glück haben, ein solch Kind zu bekommen, sie ist viel, viel zu gut für dich! Hundert andre weit bessre Kerls werden sie lang vor dir erhaschen. So dacht' ich, als Ännchen, die mich und meine Schüchternheit schon geraume Zeit mochte bemerkt haben, auf mich zukam, mich freundlich bei der Hand nahm und sagte: »Uli! führ' du mich auch eins herum!« Ich feuerrot erwiderte: »Ich kann's nicht, Ännchen! gewiß ich kann's nicht!« -- »So zahl' mir eine halbe,« versetzte sie, ich wußt' nicht ob im Schimpf oder Ernst. »Es ist dir nicht Ernst, Schleppsack,« erwidert' ich darum. Und sie: »Mi See,[30] 's ist mir ernst!« Ich todblaß: »Mi See, Ännchen, ich darf heut' nicht!« Ein andermal. »Gwüß ich möcht' gern, aber ich darf nicht!« Das mocht ihr ein wenig in den Kopf steigen, sie ließ sich's aber nicht merken, trat, mir nix dir nix rückwärts und machte ihre Sachen wie zuvor. So auch ich, stolperte noch eine Weile aus einer Ecke in die andre, und machte mich endlich, wie alle übrigen, auf den Heimweg. Ohne Zweifel, daß Ännchen auf mich acht gegeben. Nahe beim Dorf kam sie hinter mir drein: »Uli! Uli! Jetzt sind wir allein. Komm' noch mit mir zu des Seppen, und zahl mir eine Halbe!« »Wo du willst,« sagt' ich, und damit setzten wir ein paar Minuten stillschweigend unsre Straße fort. »Ännchen! Ännchen!« hob ich dann wieder an, »ich muß dir's nur grad sagen, ich hab' kein Geld. Der Ätti gibt mir keins in Sack, als etwa zu einem Schöppli, und das hab' ich schon im Städtli verputzt. Glaub' mir's, ich wollt' herzlich gern -- und dich dann heim geleiten! Oh! Aber da müßt' ich wieder meinen Vater fürchten. Gwüß, Ännchen! 's wär das erstemal. Noch nie hätt' ich mich unterstanden, ein Mädle zum Wein zu führen, und jetzt, wie gern ich's möcht', und auf Gottes Welt keine lieber als dich, bitte, bitte, glaub mir's, kann und darf ich's nicht. Gwüß ein andermal, wenn du mir nur wart'st, bis ich darf und Geld hab'.« -- »Ei, Possen, Närrlin!« versetzte Ännchen, »dein Vater sagt nichts, und bei der Mutter will ich's verantworten -- weiß schon, wo der Has lauft. Geld? Mit samt dem Geld! 's ist mir nicht ums Trinken und nicht ums Geld -- und damit griff sie ins Säcklin -- hier hast du, glaub' ich, genug, zu zahlen, wie's der Brauch ist. Mir wär's Ein Ding, ich wollt' lieber für dich zahlen, wenn's so Mode wär'.« Paf! Jetzt stand ich da, wie die Butter an der Sonne. Ich gab endlich Ännchen mit Zittern und Beben die Hand, und so ging's vollends ins Dorf hinein, zum Engel. Mir ward's blau und schwarz vor den Augen, als ich mit ihr in die Stube trat, und da alles von Tischen voll Leute wimmelte, die einen Augenblick wenigstens auf uns ihre Blicke richteten. Indessen deucht' es mich auch wieder, Himmel und Erde müss' einem gut sein, der ein so holdes Mädchen zur Seite hat. Wir tranken unsre Maß, weder zu langsam noch zu geschwind; zu schwatzen gab's, ich denk' durch meine Schuld, eben nicht viel. Entzückt, und ganz durchglüht von Wein und Liebe, aber immer voll Furcht, führt' ich nun das herrliche Kind nach Haus, bis an die Türe. Keinen Kuß? Keinen Fuß über ihre Schwelle? Ich schwöre es: Nein! Auch ich lief nun schnurstracks heim, ging mausstill zu Bett', und dachte: Heut wirst du bald und süßer entschlummern, als sonst noch nie in deinem Leben! Aber wie ich mich betrog! Da war von Schlaf keine Rede. Tausend wunderbare Grillen gingen mir im Kopf herum und wälzten mich auf meinem Lager hin und her. Hauptsächlich verwünscht' ich jetzt meine kindische Blödigkeit und Furcht: Oh, das himmlische süße Mädchen! dacht' ich, konnt' es wohl mehr tun, und ich weniger? Ach! es weiß nicht, wie's in meinem Busen brennt, und nur durch meine Schuld. Oh, ich Hasenherz! Solch ein Liebchen nicht küssen, nicht halb zerdrücken! Kann Ännchen so einen Narren, so einen Lümmel lieben? Nein! Nein! Warum spring' ich nicht auf und davon, zu ihrem Haus, klopf an ihrer Tür' und rufe: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Steh' auf, ich will abbitten! Ich war ein Ochs, ein Esel! verzeih mir's doch! O, ich will's künftig besser machen, und dir gewiß zeigen, wie lieb mir bist! Herziger Schatz! ich bitt' dich drum, sei mir doch weiter gut und gib mich nicht auf. Ich will mich bekehren, bin noch jung und was ich nicht kann, will ich lernen. -- So machte mich, gleich vielen andern, die erste Liebe zum Narren.
Des Morgens in aller Frühe flog ich nach Ännchens Haus. -- Ja, das hätt' ich tun sollen, tat's aber eben nicht. Ich schämt' mich vor ihr, daß mir's Herz davon weh tat, in die Seel' hinein schämt ich mich, vor den Wänden, vor Sonn' und Mond, vor allen Stauden schämt' ich mich, daß ich gestern so erzalbern tat. Meine einzige Entschuldigung vor mir selber war, daß ich dachte, es hätte so seine eigne studierte Art mit den Mädels umzugehn, und ich wüßte diese Art nicht, niemand sage mir's, und ich hätt' nicht das Herz, jemand zu fragen. Aber so (roch's mir dann wieder auf) darfst du Ännchen nie, nie mehr unter die Augen treten, fliehen mußt du vielmehr das holde Kind, oder kannst wenigstens nur im Verborgenen mit ihr deine Freud' haben, nur verstohlen nach ihr blicken. Inzwischen macht' ich eine neue Bekanntschaft mit ein paar Nachbarsbuben, die auch ihre Schätz' hatten, um heimlich von ihnen zu erfahren, wie man mit diesen schönen Dingen umgehen und es machen müsse, ihnen zu gefallen. Einmal nahm ich gar das Herz in beide Händ' und fragte sie darum, aber sie lachten mich aus, und sagten mir so närrisches und unglaubliches Zeug, daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich zu Haus war.
Inzwischen ward diese Liebesgeschichte, die ich gern vor mir selber verborgen hätte, bald überall laut. Die ganze Nachbarschaft, und besonders die Weiber, gafften mir, wo ich stund und ging, ins Gesicht, als ob ich ein Eisländer wäre: »Ha, ha, Uli!« hieß es dann, »du hast die Kinderschuh auch verheyt.«[31] Meine Eltern wurden's ebenfalls inne. Die Mutter lächelte dazu, denn Ännchen war ihr lieb, aber der Vater blickte mich desto trüber an, doch ließ er kein Wörtchen verlauten, als ob er in meinem Busen Unrat lese. Das war nun desto peinigender für mich. Ich ging überall umher wie der Schatten an der Wand und wünschte oft, daß ich Ännchen nie mit einem Aug' gesehen hätte. Auch meine Bauersleute rochen bald den Braten und spotteten meiner.
[Sidenote: Nachtbesuch]
[Sidenote: Eifersucht]