Part 7
In Schaffhausen lagen damals fünf preußische Werboffiziers in verschiedenen Wirtshäusern. Alle Tag traktierte einer die andern. So kam's auch jeden fünften Tag an uns. Das kostete jedesmal einen Louisdor, dafür gab's freilich Burgunder und Champagner gnug zu trinken. Aber bald hernach wurde ihnen ihr Handwerk gelegt, wie die Sag' ging, weil ein junger Schaffhauser, der in Preußen seine Jahre ausgedient, keinen Abschied kriegen konnte. Kurz, sie mußten alle fort, und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute gemacht, drei einzige Erzschurken ausgenommen, die sich, Verbrechen wegen, auf flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach Rottweil. Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm polnisch parlieren konnte. Sonst war's in Rottweil ein lustig Leben. Besonders gingen wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirt und etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im Hornung 1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg nahmen wir zu Haßlach im Kinzingertal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Europa verspürte. Ich empfand nichts davon, denn ich hatte mich tags vorher auf einem Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber sah' ich alle Gassen voll Schornsteine, und im nächsten Wald war die Straße mit umgeworfenen Bäumen in die Kreuz und Quer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege nehmen mußten. In Straßburg mußt' ich Maul' und Augen aufsperren, denn da sah' ich erstens: die erste, große Stadt; zweitens: die erste Festung; drittens: die erste Garnison; und viertens: am dortigen Münster das erste Kirchengebäud', bei dessen Anblick ich nicht lächeln mußte, wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag' zu dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch diesmal gastfrei und zahlte mir gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie Heu, wär' ich nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst hielt nicht viel besser Haus. Bei unsrer Rückkehr hatten wir zu Rottweil alle Tage Ball, bald in diesem, bald in jenem Wirtshause. Fast alle Hochzeiten richtete man, Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Bräute, und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dies ein ganzes Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Ännchen treu zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort, gleichwohl aber macht' ich mir kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu schäkern, wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten. Mein Herr war vollends ein Liebhaber des schönen Geschlechts bis zum Entsetzen, und im Notfall jede Köchin ihm gut genug. Mich bewahre Gott davor, dacht' ich oft, so ein armes bisher ehrliches Mädchen zu besudeln, dann heut oder morgen wegzureisen und es sitzen zu lassen. Eine von den beiden Köchinnen im Wirtshause, Mariane, dauerte mich innig. Sie liebte mich heftig, gab und tat mir, was sie mir an den Augen ansah. Ich hingegen bezeigte mich immer schnurrig, sie ließ sich's aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets dieselbe. Schön war sie nicht, aber herzlich gut. Die andre Köchin, Hanne, machte mir schon mehr Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich, vermutlich darum, eine Zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie meine Aufwart williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stund. Ich merkte, daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schlich. Damit tat sie mir einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß, zweitens stand nun mein Herr nicht mehr so früh als gewöhnlich auf, also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. Bisweilen kam er schon gestiefelt und gespornt auf meine Kammer und traf mich noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen, denn er merkte, daß ich wußte, wo die Katz' im Stroh lag. Nichtsdestoweniger warnte er mich, nach solcher Herren Weise, vor seinen eignen Sünden mit großem Ernst. »Ollrich!« hieß es da, »hörst, mußt dich mit den Mädels nicht zu weit einlassen, du könnt'st die schwere Not kriegen!« Übrigens hatt' ich's in allen Dingen bei und mit ihm wie von Anfang, viel Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist einen Patron wie die liebe Stunde, zwei einzige Mal ausgenommen, einmal, da ich den Schlüssel zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell' finden konnte, das andre Mal, da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beidemal war ich unschuldig. Aber das hätt' mir wenig geholfen, sondern nur durch demütiges Schweigen entging ich der zumal des Schlüssels wegen schon über mir gezogenen Fuchtel. Derlei Geschichtchen, kurz, alles, was mir Süßes oder Saures widerfuhr, meine Liebesmücken ausgenommen, schrieb ich fleißig nach Haus, und predigte bei solchen Anlässen meinen Geschwistern ganze Litaneien voll, wie sie Vater, Mutter und andern Vorgesetzten ja nie widerbelfern, sondern, auch wo sie Unrecht zu leiden vermeinen, sich hübsch gewöhnen sollten, das Maul zu halten, damit sie's nicht von fremden Leuten erst zu spät lernen müßten. Alle meine Briefe ließ ich meinem Herrn lesen, nicht selten klopfte er mir während der Lektur auf die Schulter! Bravo, Bravo! sagte er dann, verpitschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich in Ansehung aller an mich eingehenden Depeschen portofrei.
Mir ist so wohl beim Zurückdenken an diese glücklichen Tage! Heute noch schreib' ich mit innigem Vergnügen davon, und ich bin jetzt noch so wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich, so geneigt, mich über alles zu rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum tat und ließ. Freilich vor dir nicht, Allwissender! Aber vor Menschen darf ich's sagen: Damals war ich ein guter Bursch' ohne Falsch, vielleicht für die arge Welt nur zu redlich. Harmlos und unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, heut' wie gestern, und morgen wie heute. Kein Gedanke stieg in mir auf, daß es mir jemals anders als gut gehen könnte. In allen Briefen schrieb ich meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für mich sorgen, der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich. Man glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer, der mich bisweilen anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann möcht' ich Gottes vergessen. Aber nein! beruhigte ich mich bald wieder, das werd' ich nie: War er's nicht, der mir, durch Mittel, die nur seine Weisheit zum besten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwünschten Los half? Mein erster Schritt in die Welt geriet unter seiner leitenden Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden nicht noch besser gelingen? Auf irgendeinem Fleck der Erde werd' ich vollends mein Glück bau'n. Dann hol' ich Ännchen, meine Eltern und Geschwister zu mir, und mache sie des gleichen Wohlstands teilhaft. Durch welche Wege? fragt' ich mich nie, und hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht schwer gewesen, drauf zu antworten, denn damals war mir alles leicht. Zudem kam mein Herr tagtäglich mit allerlei Exempeln von Bauern, die zu Herren worden, und andern Fortunaskindern angestochen. Der Herren, die zu Bettlern worden, tat er keine Meldung. Er versprach auch, an meinem ferneren Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten. Was hätt' ich weiter befürchten sollen, oder vielmehr, was nicht alles hoffen dürfen? Von einem Herrn wie Markoni, einem so großen Herrn, dacht' ich Esel, dem zweit- oder drittnächsten vielleicht auf den König, der Länder und Städte, geschweige Gelds zu vergeben hat, soviel er will. Aus seiner jetzigen Güte zu schließen, was wird er erst für mich in der Zukunft tun? Oder warum sollt' er auf mich groben, ungeschliffenen Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht große Dinge mit mir im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu nach Berlin transportieren lassen, wenn er je im Sinn hätte, mich zum Soldaten zu machen, wie mir's ehemals ein paar böse Mäuler aufbinden wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht gescheh'n, darauf will ich leben und sterben. So dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je Zeit zu denken hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Das Traktement konnt' ich nach meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's an guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd förderten die Dauung; denn ohne das hätt's mir freilich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie bald da, alle Edelleut' in der Runde. Ich mußte überall mit; und es tat mir in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffart mit mir trieb. Sonst waren solche Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen seinem Geldbeutel wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarockspiel mit Pfaffen und Laien auch schöne Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten vor seinen Augen in kleine Stück zerreißen und dem Vulkan zum Opfer bringen, aber morgens drauf ihm schon wieder neue holen. Ein andermal hatt' er auch eine ziemliche Summ' verloren, und kam abends um neun Uhr mit einem tüchtigen Räuschchen verdrießlich nach Haus. »Ollrich!« sagte er, »geh', schaff mir Spielleut', es koste, was es will.« »Ja, Ihr Gnaden!« antwortet ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's schon so spät und stockfinster.« »Fort, Racker!« fuhr er fort, »oder --« und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich packen, stolperte im Dunkeln durch alle Straßen, und spitzte die Ohren, ob ich nirgends eine Geige höre? Als ich endlich zu oberst im Städtchen an die Müller- und Bäckerherberg' kam, merkt' ich, daß es da etwas Herumspringens absetzen wollte. Ich schlich mich hinauf und ließ einen Spielmann herausrufen. Die Bursch' in der Stube schmeckten den Braten; ein paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach, und husch! mit Fäusten über mich her. Dem Wirt hatt' ich's zu danken, daß sie mich nicht fast zu Tod geschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt, sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort halten könnte. Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus kam, mit den Worten ins Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer Viertelstund' werden sie da sein!« -- Die Furcht vor neuen Prügeln, eh' noch die alten versaust wären, verführte mich zu diesem Wagestück. Aber nun stand ich Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus übel ärger gemacht. Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich seinetwegen gelitten, um +per Avanzo+ sein Mitleid rege zu machen, wenn der Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leute kamen, eh' wir's uns versahen. Unser Wirt hatte inzwischen etliche lustige Brüder und ein paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandierte Markoni Essen und Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum voraus einen Dukaten hin, und tanzte eine Menuett und einen Polnischen. Bald aber fing er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann erwacht' er wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's so hundsföttisch!« Ich mußt' ihn also zu Bett bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das war uns übrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Vögel im Hanfe; alles so durcheinander, Herren und Dienstboten. Es währte bis morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um fünf. Seine ersten Worte waren: »Ollrich! Sein Tage trau' Er keinem Menschen; 's ist alles falsch wie'n Teufel. Wenn der Kujon von R*** kömmt, so sag' Er, ich sei nicht zu Hause.«
[Sidenote: Adieu Rottweil!]
Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren viel hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld bringen, aber wohl, daß er noch mehr bei ihm holen möchte; denn mein Herr konnte keinem Menschen etwas abschlagen. Indessen wollt' er mich von Zeit zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder einzutreiben; dazu aber taugt' ich in Grundsboden nicht: die Kerls gaben mir gute Wort'; und ich ging zufrieden nach Haus. Aber länger mocht' eine solche Wirtschaft nicht dauern. Dazu kam, daß Markoni am End' das ärgste befürchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er für so viel Geldverzehrens seinem König geliefert hatte; denn der Große Friedrich, wußt' er wohl, war zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit. Er strengte darum mich, unsern Wirt, und alle seine Bekannten an, uns doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein paar Kerls ins Garn bringen könnten? Aber alles vergebens. Auch die beiden Wachtmeister Hevel und Krüger langten um die gleiche Zeit ebenfalls mit leeren Händen wieder zu Rottweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisefertig machen. Vorher aber gab's noch ein paar lustige Tägel. Hevel war ein Virtuos' auf der Guitarr, Krüger eine gute Violine; beide feine Herren, solang sie auf der Werbung lagen, beim Regiment aber magere Korporals. Ein dritter endlich, Labrot, ein großer, handfester Kerl, ließ ebenfalls seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug. Diese drei Bursche belustigten noch zu guter Letzt ganz Rottweil mit ihren Sprüngen. Es war eben Fastnacht, wo die sogenannte Narrenzunft, ein ordentliches Institut dieser Stadt, bei welchem über zweihundert Personen von allen Ständen eingeschrieben sind, ohnehin ihre Gaukeleien machte, die meinem Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe Zeit, den Fleck zu räumen. Jetzt ging's an ein Abschiednehmen. Mariane flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen, den sie mir mit Tränen gab, und den ich ebensowenig mit trockenem Aug' abnehmen konnte. Und nun ade! Rottweil, liebes friedsames Städtchen! liebe, tolerante, katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so tausendswohl bei euerm vertrauten, brüderlichen Zechen! Ade! ihr wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirtshaus so gern von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren Eseln heimreiten sah! Wie trefflich schmeckten mir oft Milch und Eier in euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen Fluren, wo Markoni so viel Dutzend singende Lerchen aus der Luft schoß, die mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so oft mein Herr mir's vergönnte, in euern topfebenen Wäldern, an des Neckars reizenden Ufern, auf und nieder zu schlendern, wo ich ihm Hasen ausspähen sollte, aber lieber die Vögel behorchte, und das Schwirren des Wests in den Wipfeln der Tannen! Und nirgends war's so lustig als um Hefendorf, und dann bei dem auf einem schauerlich schönen Felsenberg gelegenen Schlosse Rotenstein, welches der dasselbe fast rund umrauschende Neckar zu einer höchst romantischen Halbinsel macht. -- Nochmal also ade! Rottweil, wertes, teures Nestchen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab' seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal größer, und zwanzigmal saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Kleinheit, und mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn- und zwanzigmal lieber als sie! Ade, Marianchen! Tausend Dank für deine innige, und doch so unverdiente Liebe zu mir! Ade! Sebastian Zipfel, lieber, guter Armbrustwirt! und deine zarte Mühle desgleichen! Lebt alle, alle wohl!
[Sidenote: Reise nach Berlin]
Den fünfzehnten März 1756 reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister Hevel, Krüger, Labrot, ich und Kaminski, mit Sack und Pack, und, den letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Übergewehr, von Rottweil ab. Marianchen nähte mir den Strauß aufn Hut und schluchzte; ich drückte ihr einen Neunbätzner in die Hand und konnt's auch kaum vor Wehmut. Denn so entschlossen ich zu dieser Reis war, und so wenig Arges ich vermutete, fiel's mir doch ungewohnt schwer auf die Brust, ohne daß ich eigentlich wußte, warum? War's Rottweil oder Marianchen, oder daß ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die immer weitere Entfernung vom Vaterland und Ännchen? -- Ich hatte allen zu Hause mein letztes Lebewohl geschrieben. Markoni gab mir zwanzig Gulden auf den Weg; was ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schießen. Dann klopfte er mir auf die Schulter: »Gott bewahre dich, mein Sohn, mein lieber, lieber Ollrich, auf allen deinen Wegen! In Berlin sehn wir uns bald wieder.« Dies sprach er sehr wehmütig; denn er hatte gewiß ein weiches Herz. Unsre erste Tagreise ging sieben Stunden weit, bis ins Städtchen Ebingen, meist über schlechte Wege durch Kot und Schnee. Die zweite bis auf Obermarkt neun Stunden. Auf der erstgenannten Station logierten wir beim Reh; auf der zweiten weiß ich selbst nicht mehr, was es für ein Tier war. An beiden Orten gab's nur kalte Küche und ein Gesöff ohne Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder neun Stunden. Diesen Tag fing ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fühlen; schon hatt' ich Schwielen an den Füßen, und war mir's sonst sterbensübel. Im Städtchen Egna setzten wir uns ein Stück Wegs auf einen Bauernwagen, da denn das gewaltige Schütteln dieses Fuhrwerks, zumal bei mir, seine gewohnte, herzbrechende Wirkung tat. Als wir unweit Ulm abstiegen, ward's mir schwarz und blau vor den Augen. Ich sank zu Boden. »Um Gottes Barmherzigkeit willen,« sagt' ich, »weiter kann ich nicht; lieber laßt mich auf der Gasse liegen.« Ein barmherziger Samariter lud mich endlich auf seine nackte Mähre, auf der ich mich vollends bis ins Städtchen so lahm ritt, daß ich weder mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm logierten wir beim Adler und hatten dort unsern ersten Rasttag. Meine Kameraden besorgten da ihre alten Herzensangelegenheiten. Ich legte mich auf die faule Haut. Nur sah ich an diesem Ort einen Leichenzug, der mir sehr wohl gefiel. Das Weibsvolk ging ganz weiß bis auf die Füße. Den fünften Tag marschierten wir bis Gengen sieben Stunden. Den sechsten auf Nördlingen, wieder sieben Stunden, und hielten da den zweiten Rasttag. Hevel hatte dort beim Wilden Mann ein lieb's Liesel. Sie spielte artig die Guitarr, er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich von diesem und so vielen andern Orten, wo wir durchkamen, nichts zu erzählen. Meist erst nachts langten wir müd' und schläfrig an, und morgens früh mußten wir wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen und beobachten können? Ach Gott! dacht' ich oft, wenn ich nur einmal an Ort und Stell' wäre, mein Lebtag wollt' ich nicht mehr eine so lange Reise antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal angedeutet, ein lustiger Polack, ein Mann wie ein Baum, ein paar Beine wie zwei Säulen, und lief wie ein Elefant. Labrot hatte auch seinen tüchtigen Schritt. Krüger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Füße, und bald alle sechs Tage mußte man uns flicken oder versohlen. Am achten Tage ging's nach Gunzenhausen, acht Stunden. Gegen Mittag sahen wir Hevels Lieschen über ein Feld dahertrippeln. Das arme Ding rannte ihm durch andere Wege bis hierher nach, und wollte sich nicht abweisen lassen, ihn wenigstens bis auf unsere Station zu begleiten. Von hier gingen wir über Nürnberg, Bayreuth und Hof weiter und erreichten in sechs Tagen Schleiz, wo wir endlich wieder Rasttag hielten. Von Gunzenhausen an hatten wir in keinen Betten gelegen, sondern wenn's gut ging, auf elendem Stroh. Und überhaupt, obschon wir viel Geld verzehrten, war's ein miserabel Leben, meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege. Krüger und Labrot fluchten und pestierten den ganzen Tag; Hevel hingegen war ein feiner, sittlicher Mann, der uns immer Geduld und Mut einsprach. Den neunzehnten Tag gelangten wir über die Elbe bis auf Halle. Als wir den breiten Strom passiert hatten, bezeugten die Sergeanten große Freude, denn nun betraten wir Brandenburger Boden. Zu Halle logierten wir bei Hevels Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts desto minder den ganzen Abend mit uns spielte und haselierte,[41] so daß ich glaube, sein Bruder Sergeant war frommer als er. Inzwischen war mein Geld alle geworden, und Hevel mußte mir noch zehn Gulden herschießen. Den zwanzigsten bis vierundzwanzigsten Tag ging's über Zerbst, Dessau, Spandau und Charlottenburg in vierundvierzig Stunden nach Berlin. An den letztern Orten zumal wimmelte es von Militär aller Gattungen und Farben, so daß ich mich nicht satt gucken konnte, die Türme von Berlin zeigte man uns schon, eh' wir nach Spandau kamen. Ich dachte, wir hätten's in einer Stunde erreicht, wie erstaunt' ich darum, als es hieß, wir gelangten erst morgen hin. Und nun, wie war ich so herzlich froh, als wir endlich die große herrliche Stadt erreicht. Wir gingen zum Spandauertor ein, dann durch die melancholisch angenehme Lindenstraße, und noch ein paar Gassen durch. Da, dacht' ich Einfaltspinsel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg, da wirst du dir dein Glück bauen, dann schickst du einen Kerl mit Briefen ins Tockenburg, der muß dir deine Eltern und Ännchen zurückbringen, die werden die Augen aufsperren. Nun bat ich meine Führer, sie sollten mich zu meinem Herrn führen. »Ei!« erwiderte Krüger, »wir wissen ja nicht, ob er schon angelangt ist, und noch viel minder, wo er Quartier nimmt!« »Der Henker!« sagt' ich, »hat er denn kein eigen Haus hier?« Über diese Frage lachten sie sich die Haut voll. Mögen sie immer lachen, dacht' ich, Markoni wird doch, will's Gott! ein eigen Haus haben.
[Sidenote: In Berlin]
Es war den achten April, als wir zu Berlin einmarschierten und ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die anderen verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt, wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: »Da, Mußier, bleib' Er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dacht' ich, was soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit auf seine Stube, wo sich schon zwei andre Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch konnt' ich ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz, ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz des Herrn Leutnant Markoni Lakai, die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein müsse. Es war ein Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er über den Tisch ausspreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu und sagte: »Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein Kommißbrot bringen.« »Was? für mich?« versetzt' ich, »von wem, wozu?« »Ei, deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt's da Fragens? Bist ja ein Rekrute.« »Wie, was? Rekrute?« erwidert' ich! »Behüte Gott! da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht. Markonis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen, und anders nicht. Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« »Und ich sag' dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.« Ich: Ach! wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er: Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener sein, als seines Leutnants? Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr Zittemann!« fuhr ich fort, »was soll das werden?« »Nichts, Herr!« antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da, Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache führt, kreuzweis schließt, und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen krachen, bis Er kontent ist!« Ich: Das wär', beim Sacker! unverschämt, gottlos. Er: Glaub' Er mir's auf mein Wort, ander's ist's nicht, und geht's nicht. Ich: So will ich's dem Herrn König klagen. Hier lachten alle hoch auf. Er: Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich: Oder wo muß ich mich sonst melden? Er: Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles umsonst. Ich: Nun so will ich's probieren, ob's so gelte? Die Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.
[Sidenote: Zum Rekruten gepreßt ]