Chapter 12 of 15 · 3871 words · ~19 min read

Part 12

Überhaupt vertrödelte ich diese Sechzigerjahre, daß ich nicht recht sagen kann, wie? und so, daß sie meinem Gedächtnis weit entfernter sind als die entferntesten Jugendjahre. Nur etwas Weniges also von meiner damaligen Herzens- und Gemütslage. Schon mehrmals hab' ich bemerkt, wie ich in meiner Bubenhaut ein lustiger, leichtsinniger, kummer- und sorgenloser Junge war, der dann doch von Zeit zu Zeit manche gute Regungen zur Buße und manche angenehme Empfindung, wenn er in der Besserung auch nur einen halben Fortschritt tat, bei sich verspürte. Nun war die Zeit längst da, einmal mit Ernst ein ganz anderes Leben anzufangen. Gerade von meiner Verheiratung an wollt' ich mit nichts Geringerm beginnen, als der Welt völlig abzusagen, und das Fleisch mit allen seinen Gelüsten zu kreuzigen. Aber, oh, ich einfältiger Mensch! Was es da für ein Gewirre und für Widersprüche in meinem Innern absetzte. Vor meinem Ehestand bildete ich mir ein, wenn ich nur erst meine Frau und eigen Haus und Heimat hätte, würden alle andern Begierden und Leidenschaften wie Schuppen von meinem Herzen fallen. Aber, potztausend! welch' eine Rebellion gab's da. Lange Zeit wendete ich jeden Augenblick, den ich entbehren, aber auch manchen, den ich nicht entbehren konnte, aufs Lesen an. Ich schnappte jedes Buch auf, das mir zu erhaschen stund. Ich hatte acht Foliobände von der Berlenburger Bibel vollendet, nahm dann, wie es sich gebührt, eine scharfe Kinderzucht vor, ging dann und wann in die Versammlung etlicher Heiliger und Frommen, und ward darüber, wie es mir jetzt vorkommt, ein unerträglicher, eher gottloser Mann, der alle andern Menschen um ihn her für bös, sich selber allein für gut hielt, und darum jedes Bein nach seiner Pfeife wollte tanzen lehren. Jede auch noch so schuldlose Freude des Lebens machte mir Skrupel über Skrupel, ich wollte mir bald sogar die Befriedigung eigentlich unentbehrlicher Bedürfnisse versagen, und mein Busen steckte doch voll schnöder Lust und tausend abenteuerlicher Begierden, die ich so oft ertappte, als ich hineinzugucken Mut genug hatte. Ich geriet dann freilich fast in Verzweiflung, faßte aber doch allemal von neuem wieder Posto und suchte meine Sachen mit Beten, Lesen und -- oh, ich abscheulicher Kerl! -- hauptsächlich damit wieder zu verbessern, daß ich meiner Frau und Geschwisterten wie ein Pfarrer zusprach, und die Höll' bis zum Zerspringen heiß machte. Oft fiel mir's gar ein, ich sollte, gleich den Herrnhutern und Inspirierten, in der weiten Welt herumziehn und Buß' predigen. Wenn ich aber so nur einem meiner Brüder oder Schwestern einen Sermon hielt, und schon im Text stockte, dacht' ich wieder: Du Narr! Hast ja keine Gaben zu einem Apostel, und also auch keinen Beruf dazu. Dann fiel ich darauf, ich könnte vielleicht besser mit der Feder zurechtkommen, und flugs entschloß ich mich, ein Büchlein zum Trost und Heil wo nicht ganz Tockenburgs, wenigstens meiner Gemeinde zu schreiben, oder es auch nur meiner Nachkommenschaft -- statt des Erbguts zu hinterlassen.

Das Jahr 1767 hatte mir wieder einen Buben beschert. Ich nannte ihn nach meinem Vater Johannes. Um die nämliche Zeit fiel mein Bruder Samson im Laubergaden ab einem Kirschbaum zu Tod. Im Jahre 68 fing ich obbelobtes Büchlein und zugleich ein Tagebuch an, das ich bis zu dieser Stunde fortsetze, das anfangs aber voll Schwärmereien stak, und nur bisweilen ein guter Gedanke in hundert leeren Worten ersäuft war, mit denen nb. meine Handlungen nie übereinstimmten.

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Sonst ward ich in diesen frommen Jahren des Garnhandels bald überdrüssig, weil ich dabei, wie ich wähnte, mit zu viel rohen und gewissenlosen Menschen umzugehen hätte. Aber, oh, des Tucks! warum überließ ich ihn denn meiner Frau und beschäftigte mich selbst mit der Baumwolltüchlerei? Ich glaubte halt, für meine Haut und mein Temperament mit den Webern besser als mit den Spinnern auskommen zu können. Aber es war für meine Haushaltung ein törichter Schritt, oder wenigstens fiel er übel aus. Im Anfang kostete mich das Webgeschirr viel, und mußt' ich überhaupt ein hübsches Lehrgeld geben: und als ich die Sachen ein wenig im Gang hatte, schlug die War' ab. Doch, dacht' ich, es wird schon wieder anders kommen.

Das Jahr 1769 bescherte mir den dritten Sohn. »Ha!« überlegt' ich eines Tags, »nun mußt du einmal mit Ernst ans Sparen denken; bist immer noch so viel schuldig wie im Anfang, und dein Haushalt wird je länger je stärker. Frisch! die Händ' aus den Hosen getan, und die Bären abbezahlt. Jetzt kann's sein. Bisher hattest noch stets an deiner Hütte zu flicken, und fehlte immer hie und da ein Stück; andrer Ausgaben in deinem Gewerb zu geschweigen. Dann hast du unvernünftig viel Zeit mit Lesen und Schreiben zugebracht. Nein, nein! Jetzt willst anders dahinter. Zwar das Reichwerdenwollen soll von heut an aufgegeben sein. Der Faule stirbt über seinen Wünschen, sagt Salomon. Aber jenes ewige Studieren zumal, was nützt es dir? Bist ja immer der alte Mensch, und kein Haar besser als vor zehn Jahren, da du kaum lesen und schreiben konntest. Etwas Geld mußt' freilich noch aufnehmen; aber dann desto wackerer gearbeitet, und zwar alles, wie's dir vor die Hand kömmt. Verstehst ja, neben deinem eigentlichen Berufe noch das Zimmern, Tischlern und anderes wie ein Meister; hast schon Webstühl', Trög', Kästen und Särg' bei Dutzenden gemacht. Freilich ist schlechter Lohn dabei, und: Neun Handwerk', zehn Bettler, lautet das Sprichwort, doch wenig ist besser als nichts.« So dacht' ich. Aber es liegt nicht an jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Verhängnis, an Zeit und Glück!

[Sidenote: Die schlimmen Siebenzigerjahre]

Während diesem meinem neuen Planmachen und Projekteschmieden rückten die heißhungrigen Siebenzigerjahre heran, und das erste brach ein, ganz unerwartet wie ein Dieb in der Nacht ein, da jedermann auf ganz andre Zeiten hoffte. Freilich gab's seit dem Jahr 1760 in unsern Gegenden kein recht volles Jahr mehr. Die Jahre 1768 und 1769 fehlten gänzlich, hatten nasse Sommer, kalte und lange Winter, großen Schnee, so daß viel Frucht darunter verfaulte, und man im Frühling aufs neue pflügen mußte. Das mögen politische Kornjuden wohl gemerkt und der nachfolgenden Teurung vollends den Schwung gegeben haben. Dies konnte man daraus schließen, daß fürs Geld immer Brot genug vorhanden war; aber eben jenes fehlte, und zwar nicht bloß bei dem Armen, sondern auch bei dem Mittelmann. Also war diese Epoche für Händler, Bäcker und Müller eine goldene Zeit, wo sich viele bereicherten oder wenigstens ein Hübsches auf die Seite schaffen konnten. Hinwieder fiel der Baumwollengewerb fast gänzlich in den Kot und war aller diesfällige Verdienst äußerst klein, so daß man Arbeiter genug ums bloße Essen haben konnte. Ohne dies wäre der Preis der Lebensmittel noch viel höher gestiegen, und hätte die teure Zeit bald gar kein End' genommen.

Das siebenziger Jahr neigte sich schon im Frühling zum Aufschlagen. Der Schnee lag auf der Saat bis im Maien, so daß gar viel darunter erstickte. Indessen tröstete man sich den ganzen Sommer auf eine leidliche Ernte, dann auf das Ausdreschen; aber alles umsonst. Ich hatte eine gute Portion Erdäpfel im Boden; es wurden mir aber viel gestohlen. Den Sommer über hatte ich zwo Kühe auf fremder Weide, und ein paar Geißen, welche mein erstgeborener Junge hütete; im Herbst aber mußt' ich aus Mangel an Geld und Futter alle diese Schwänze verkaufen. Der Handel nahm ab, so wie die Fruchtpreise stiegen, und bei den armen Spinnern und Webern war nichts als Borgen und Borgen. Nun tröstete ich die Meinigen und mich selbst mit meinem: »Es wird schon besser kommen!« so gut ich konnte; ich mußte aber auch dafür manche bittre Pille verschlucken, die meine Bettgenossin wegen meinem vorigen Verhalten, Sorglosigkeit und Leichtsinn mir auftischte, und die ich nicht allemal geduldig und gleichgültig ertragen mochte. Gleichwohl sagte mir mein Gewissen meist: Sie hat recht. Wenn sie's nur nicht so herb' präpariert hätte.

[Sidenote: Mein erstes Hungerjahr]

Nun brach der große Winter ein, der schauervollste, den ich erlebt habe. Ich hatte fünf Kinder und keinen Verdienst, ein bißchen Gespunst ausgenommen. Bei meinem Händelchen büßt' ich von Woche zu Woche mehr ein. Ich hatte viel vorrätig Garn, das ich zu hohem Preis eingekauft, und an dem ich verlieren mußte, ich mocht' es wieder roh verkaufen oder zu Tüchern machen. Doch tat ich das letztere und hielt mit dem Losschlagen zurück, mich immer meines Waidspruchs getröstend: »Es wird schon besser werden!« Aber es ward immer schlimmer, den ganzen Winter durch. Inzwischen dacht' ich: »dein kleiner Gewerb hat dich bisher genährt, wenn du damit gleich nichts beiseite legen konntest. Du magst und kannst's also nicht aufgeben. Tätest du's, müßtest du gleich deine Schulden bezahlen, und das wär' dir jetzt pur unmöglich.« Auch in andern Punkten ging's mir nicht besser. Mein kleiner Vorrat von Erdäpfeln und anderm Gemüs' aus meinem Gärtchen, was mir die Diebe übriggelassen, war aufgezehrt, ich mußte mich also Tag für Tag aus der Mühle verproviantieren; das kostete am End' der Woche eine hübsche Handvoll Münze, nur für Rotmehl und Rauchbrot. Dennoch war ich noch immer guter Hoffnung, hatte auch nicht eine schlaflose Nacht, und sagte alleweil: »Der Himmel wird schon sorgen und noch alles zum Besten lenken!« »Ja!« ripostierte meine Jöbin: »wie du's verdient; ich bin unschuldig. Hätt'st du die gute Zeit in Obacht genommen, und deine Hände mehr in den Teig gesteckt, als deine Nase in die Bücher!« »Sie hat recht!« dacht' ich dann, »aber der Himmel wird doch sorgen,« und schwieg. Freilich konnt' ich meine schuldlosen Kinder unmöglich Hunger leiden sehn, so lang ich noch Kredit fand. Die Not stieg um diese Zeit so hoch, daß viele eigentlich blutarme Leute kaum den Frühling erwarten mochten, wo sie Wurzeln und Kräuter finden konnten. Auch ich kochte allerhand dergleichen, und hätte meine jungen Vögel noch lieber mit frischem Laub genährt, als es einem meiner erbarmenswürdigen Landsmänner nachgemacht, dem ich mit eignen Augen zusah, wie er mit seinen Kindern von einem verreckten Pferd einen ganzen Sack voll Fleisch abhackte, woran sich schon mehrere Tage Hunde und Vögel satt gefressen hatten. Noch jetzt, wenn ich des Anblicks gedenke, durchfährt Schauer und Entsetzen alle meine Glieder. Bei alledem ging mir mein eigner Zustand nicht so sehr zu nahe, als die Not meiner Mutter und Geschwisterte, welche alle noch ärmer waren als ich, und denen ich so wenig helfen konnte. Indessen half ich über Vermögen, da ich stets noch einigen Kredit fand, und sie gar keinen. Im Mai 1771 verhalf mir ein gutmütiger Mann wieder zu einer Kuh und zu ein paar Geißen, da er mir Geld dazu bis auf den Herbst lieh. Nunmehr hatte ich wenigstens ein bißchen Milch für meine Jungen. Aber verdienen konnt' ich nichts. Was mir noch etwa von meinem Gewerb einging, mußt' ich auf die Atzung von Menschen und Tieren verwenden. Meine Schuldner bezahlten mich nicht, ich konnte also auch meine Gläubiger nicht befriedigen und mußte Geld und Baumwolle auf Borg nehmen wo ich's fand. Endlich ging dem Faß vollends der Boden aus. Zwar kam mir mein gewöhnliches: »Gott lebt noch! 's wird schon besser werden!« noch immer in den Sinn, aber meine Gläubiger fingen nichtsdestoweniger an, mich zu mahnen und zu drohen. Von Zeit zu Zeit mußt' ich hören, wie dieser und jener bankerott machte. Es gab hartherzige Kerls, die alle Tag mit den Schätzern im Feld waren, ihre Schulden einzutreiben. Neben andern traf die Reihe auch meinen Schwager; ich hatte ebenfalls eine Anforderung an ihn, und war selber bei dem Auffallsakt gegenwärtig; freilich mehr ihm zum Beistande, als um meiner Schuld willen. Oh, was das für ein erbärmlicher Spektakel ist, wenn einer so wie ein armer Delinquent dastehn, sein Schulden- und Sündenregister vorlesen hören, so viele bittre, teils laute, teils leise Vorwürfe in sich fressen, sein Haus, seine Mobilien, alles, bis auf ein armseliges Bett und Gewand, um einen Spottpreis verganten sehn, das Geheul von Weib und Kindern hören und zu allem schweigen muß wie eine Maus. Oh, wie fuhr's mir da durch Mark und Bein! Und doch konnt' ich weder raten noch helfen, nichts tun, als für meiner Schwester Kinder beten und im Herzen denken: »Auch du, auch du steckst ebenso tief im Kot! heut oder morgen kann es, muß es dir ebenso gehn, wenn's nicht bald anders wird. Und wie sollt' es anders werden? Oder darf ich Tor auf ein Wunder hoffen? Nach dem natürlichen Gang der Dinge kann ich mich unmöglich erholen. Vielleicht harren deine Gläubiger noch eine Weile, aber alle Augenblick' kann die Geduld ihnen ausgehn. Doch, wer weiß? Der alte Gott lebt noch! Es wird nicht immer so währen. Aber, ach! Und wenn's auch besser würde, braucht' es Jahre, bis ich mich wieder erholen könnte. So lang werden meine Schuldherren mir gewiß nicht Zeit lassen. Ach, mein Gott! Was soll ich anfangen? Keiner Seele darf ich mich vertrauen, muß ich doch vor meinem eignen Weib meinen Kummer verbergen.« Mit solchen Gedanken wälzt' ich mich ein paar lange Nächte auf meinem Lager herum, dann faßt' ich, wie mit Eins, wieder Mut, tröstete mich aufs neue mit der Hilfe von oben, befahl dem Himmel meine Sachen und ging meine Wege wie zuvor. Zwar prüft' ich mich selbst unterweilen, ob und inwiefern ich an meinen gegenwärtigen Umständen Schuld trage. Aber, wie geneigt ist man in solcher Lage, sich selbst zu rechtfertigen! Freilich konnt' ich mir keine eigentliche Verschwendung oder Liederlichkeit vorwerfen, aber doch ein gewisses gleichgültiges, leichtgläubiges, ungeschicktes Wesen. Erstlich hatt' ich nie gelernt, recht mit dem Geld umzugehn, auch hatte es nie Reize für mich, als inwiefern ich's alle Tag zu brauchen wußte. Hiernächst traute ich jedem Halunken, wenn er mir nur ein gut Wort gab; und noch jetzt könnte mich ein ehrlich Gesicht um den letzten Heller im Sack betrügen. Endlich und vornehmlich verstunden lange weder ich noch mein Weib den Handel, und kauften und verkauften immer zur verkehrten Zeit.

[Sidenote: Not und Tod]

Mittlerweile ward meine Frau schwanger, den ganzen Sommer 1772 über kränklich, und schämte sich vor allen Wänden, daß sie bei diesen betrübten Zeitläufen ein Kind haben sollte. Ja, sie hätte selbst mir bald eine ähnliche Empfindung eingepredigt. Im Herbstmonate, da die rote Ruhr allenthalben grassierte, kehrte sie auch bei mir ein, und traf zuerst meinen lieben Erstgebornen. Von der ersten Stund' an, da er sich legte, wollt' er, außer lauterm Brunnenwasser, nichts, weder Speis' noch Trank mehr zu sich nehmen, und in acht Tagen war er eine Leiche. Nur Gott weiß, was ich bei diesem Unfall empfunden. Ein so gutartiges Kind, das ich wie meine Seele liebte, unter einer so schmerzhaften Krankheit geduldig wie ein Lamm Tag und Nacht, denn es genoß auch nicht eine Minute Ruh', leiden zu sehn! Noch in der letzten Todesstunde riß es mich mit seinen schon kalten Händchen auf sein Gesicht herunter, küßte mich noch mit seinem erstorbnen Mündchen und sagte unter leisem Wimmern, mit stammelndem Zünglin: »Lieber Ätti! es ist genug. Komm auch bald nach« -- rang dann mit dem Tod und verschied. Mir war, mein Herz wollte mir in tausend Stücke zerspringen. -- Noch war mein Söhnlein nicht begraben, so griff die wütende Seuche mein ältestes Töchterchen an, und es war aller Sorgfalt der Ärzte ungeachtet noch schneller hingerafft. Diese Krankheit kam mir so ekelhaft vor, daß ich's sogar bei meinen Kindern nie ohne Grausen aushalten konnte. Als das Mädchen kaum tot, ich von Wachen, Sorgen und Wehmut wie vertaumelt war, fing's auch mir an im Leibe zu zerren, und hätt' ich in diesen Tagen tausendmal gewünscht zu sterben und mit meinen Lieben hinzufahren. Doch ging ich, auf dringendes Bitten meiner Frau, selbst zu Herrn Doktor Wirth. Er verordnete mir Rhabarber und sonst was. Sobald ich nach Haus kam, mußt' ich zu Bett liegen. Ein Grimmen und Durchfall fing mit aller Wut an, und die Arznei schien die Schmerzen zu verdoppeln. Der Doktor kam selbst zu mir und sah meine Schwäche, aber nicht meine Angst. Gott, Zeit und Ewigkeit, meine geist- und leiblichen Schulden stunden fürchterlich vor und hinter meinem Bett. Keine Minute Schlaf, Tod und Grab, Sterben, und nicht mit Ehren, welche Pein! Ich wälzte mich Tag und Nacht in meinem Bett herum, krümmte mich wie ein Wurm, und durfte, nach meiner alten Leier, meinen Zustand doch keiner Seele entdecken. Ich flehte zum Himmel, aber der Zweifel, ob der mich hören wollte, ging mir jetzt zum erstenmal durch Mark und Bein, und die Unmöglichkeit, daß mir bei meinem allfälligen Wiederaufkommen noch gründlich zu helfen sei, stellte sich mir lebhafter als je vor. Indessen ward mein Töchterchen begraben, und in wenig Tagen lagen meine drei übrigen Kinder nebst mir an der nämlichen Krankheit darnieder. Nur mein ehrliches Weib war bis dahin ganz frei ausgegangen. Da sie nicht allem abwarten konnte, kam ihre ledige Schwester ihr zu Hilf'; sonst übertraf sie mich an Mut und Standhaftigkeit weit. Ich stund, teils meiner leiblichen Schmerzen, teils meiner schrecklichen Vorstellungen wegen, noch ein paar Tage Höllenangst aus, bis es mir in einer glücklichen Stunde gelang, mich und meine Sachen dem lieben Gott auf Gnad und Ungnad zu übergeben. Bisher war ich ein ziemlich mürrischer Patient. Nun ließ ich mit mir machen, was jeder gern wollte. Meine Frau, ihre Schwester und Herr Doktor Wirth gaben sich alle ersinnliche Sorge um mich. Der Höchste segnete ihre Mühe, so daß ich inner acht Tagen wieder aufkam und auch meine drei Kleinen sich wieder allmählich erholten. Als ich noch darniederlag, kam eines Abends meine Schwägerin und eröffnete mir, meine zwei Geißen seien auf und davon. »Ei so fahre denn alles hin!« sagt' ich, »wenn's so sein muß.« Allein des folgenden Morgens rafft' ich mich, so schwach und blöd' ich noch war, auf, meine Tiere zu suchen, und fand sie wieder, zu mein und meiner Kinder großer Freude.

Sonst war der Jammer, Hunger und Kummer damals im Land allgemein. Alle Tag' trug man Leichen zu Grabe, oft drei, vier bis elf miteinander. Nun dankt' ich dem lieben Gott, daß er mir wieder so geholfen, und ebensosehr, daß er meine zwei Lieben versorgt hatte, denen ich nicht helfen konnte. Aber lange schwebten mir die anmutigen Dinger, ihr gutartiges kindliches Wesen, wie leibhaftig vor Augen. »Oh, ihr geliebten Kinder!« stöhnt' ich dann des Tages hundertmal, »wann werd' ich einst zu euch hinfahren? Denn ach! zu mir kommt ihr nicht wieder.« Viele Wochen lang ging ich umher wie der Schatten an der Wand, staunte Himmel und Erde an, tat zwar, was ich konnte, konnte aber nicht viel. Zur Bezahlung meiner Gläubiger wurden die Aussichten immer enger und kürzer. Aus einem Sack in den andern zu schleufen und mich so lange zu wehren, wie möglich, mußt' jetzt mein einziges Dichten und Trachten sein.

[Sidenote: Fünf weitere Jahre]

Fünf Jahre lang (1773-77) kroch ich so immer zwischen Furcht und Hoffnung unter meiner Schuldenlast fort, trieb mein Händelchen und arbeitete daneben, was mir vor die Hand kam. Zu Anfang dieser Epoche ging's vollends den Krebsgang. So viel unnütze Mäuler, denn die Fünfzahl meiner Kinder war jetzt wieder komplett, die Ausgaben für Essen, Kleider, Holz und die leidigen Zinse fraßen meinen kleinen Gewinst noch etwas mehr als auf. Meine schönste Hoffnung erstreckte sich erst auf Jahre hinaus, wo meine Jungen mir zur Hilfe gewachsen sein würden. Aber wenn meine Gläubiger bös gewesen, sie hätten mich lange vorher überrumpelt. Nein! sie trugen Geduld mit mir; freilich bestrebt' ich mich aus allen Kräften Wort zu halten so gut wie möglich; aber das bestund meist in neuem Schuldenmachen, um die alten zu tilgen. Da waren mir allemal die nächsten Wochen vor der Zurzacher-Messe sehr schwarze Tag' im Kalender, wo ich viele Dutzend Stunden verlaufen mußte, um wieder Kredit zu finden. Oh, wie mir da manch' liebes Mal das Herz klopfte, wenn ich so an drei, vier Orten ein christliches Helf dir Gott! bekam. Wie rang ich oft meine Hände gen Himmel, und betete zu dem, der die Herzen wendet, wohin er will, auch eines zu meinem Beistand zu lenken. Und allemal ward's mir von Stund' an leichter um das meinige, und fand sich zuletzt, freilich nach unermüdetem Suchen und Anklopfen, noch irgendeine gutmütige Seele, meist in einem unverhofften Winkel. Ich hatte ein paar Bekannte, die mir wohl schon hundertmal aus der Not geholfen, aber die Furcht, sie endlich zu ermüden, machte, daß ich immer zuletzt zu ihnen kehrte, und dann, hätt' ich ihnen ein einzigmal nicht Wort gehalten, so wäre mir auch diese Hilfsquelle auf immer versiegt; ich trug darum zu ihr wie zu meinem Leben Sorg'. Übrigens trauten's mir nur wenige von meinen Nachbarn und nächsten Gefreundten zu, daß ich sogar bis an die Ohren in Schulden stecke; vielmehr wußt' ich das Ding ziemlich geheim zu halten, meinen Kummer und Unmut zu verbergen, und mich bei den Leuten allezeit aufgeräumt und wohlauf zu stellen. Auch glaub' ich, ohne diesen ehrlichen Kunstgriff wär' es längst mit mir aus gewesen. Freilich hatt' ich, wer sollte es glauben? auch meine Neider, von denen ich wohl wußte, daß sie allen Personen, die mit mir zu tun hatten, fleißig ins Ohr zischten, was sie unmöglich mit Sicherheit wissen konnten. Da hieß es: »Er steckt verzweifelt im Dreck, lange hält er's nicht mehr aus. Wenn er nur nicht einpackt, oder Weib und Kinder im Stich läßt. Ich fürcht', ich fürcht', will aber nichts gesagt haben; wenn er's nur nicht inne wird.« Zu mir kamen die Kerls als die besten Freunde, förschelten und frägelten mich aus, taten so mitleidig, als wenn sie mir mit Gut und Blut helfen wollten, wenn ich nur Zutrauen zu ihnen hätte, und jammerten über die bösen Zeiten und Stümpler. Wie ich's doch bei meinem kleinen verderbten Händelchen mit meiner großen Haushaltung mache? Einst, ich weiß nicht mehr, ob aus Schalkheit oder Not, sprach ich einen dieser Uriane um ein halbdutzend Dublonen auf einen Monat an. Mein Herr hatte hundert Ausflüchte, schlug mir's am End' rund ab, und raunt' dann in jedes Ohr, das ihn hören wollte: Der Bräker hat gestern Geld von mir lehnen wollen. Er machte freilich auch einige meiner Kreditoren mißtrauisch; andere hingegen sagten: »Ha, er hat doch immer Wort gehalten, und so lang er das tut, soll er offne Tür bei mir finden. Er ist ein ehrlicher Mann.« Also eben jene falschen Freunde waren es, welche mir die meiste Mühe machten, und denen ich mich nicht entdecken durfte, wenn ich nicht völlig kaput sein wollte. Ich hatte schon im Jahre 1771 oder 1772 meine Weberei, obgleich mit ziemlichen Verlust, ab mir geladen und das brachte mir auch nicht den besten Ruf, da mein Baumwollenbrauch dadurch geringer und mein Baumwollenherr unzufrieden und mürrisch wurde. Desto eher sollt' ich nun die alten Baumwollenschulden bezahlen und konnt' es doch desto weniger. So verstrich ein Jahr nach dem andern. Bald flößte mir mein guter Geist frischen Mut und neue Hoffnung ein, daß mir noch einst durch die Zeit zu helfen sein werde. Nur allzuoft aber verfiel ich wieder in düstre Schwermut, und zwar, die Wahrheit zu gestehen, meist, wenn ich zahlen sollte und weder aus noch ein wußte. Da ich mich, wie schon gesagt, keiner Seele glaubte entdecken zu dürfen, nahm ich in diesen mutlosen Stunden meine Zuflucht zum Lesen und Schreiben. Ich entlehnte und durchstänkerte jedes Buch, das ich kriegen konnte, in der Hoffnung, etwas zu finden, das auf meinen Zustand paßte, fing halbe Nächte durch weiße und schwarze Grillen, und fand allemal Erleichterung, wenn ich meine gedrängte Brust aufs Papier ausschütten konnte. Dann war der Entschluß bei mir fest, die Dinge, die da kommen sollten, ruhig abzuwarten, wie sie kommen würden; und in solcher Gemütsstimmung ging ich allemal zufrieden zu Bett und schlief wie ein König.

[Sidenote: Das Samenkorn meiner Autorschaft]