Part 14
Um indessen doch einigermaßen ein solches Geständnis abzulegen, und dem Leser einen Blick wenigstens auf die Oberfläche meines Herzens zu öffnen, so will ich sagen: Daß ich ein Mensch bin, der alle seine Tage mit heftigen Leidenschaften zu kämpfen hatte. In meinen Jugendjahren erwachten nur allzufrüh gewisse Naturtriebe in mir; etliche Geißbuben und ein paar alte Narren von Nachbarn sagten mir Dinge vor, die einen unauslöschlichen Eindruck auf mein Gemüt machten, und es mit tausend romantischen Bildern und Fantaseyen erfüllten, denen ich, trotz alles Kämpfens und Widerstrebens, oft bis zum unsinnig werden nachhängen mußte, und dabei wahre Höllenangst ausstund. Denn um die nämliche Zeit hatte ich von meinem Vater, und aus ein paar seiner Lieblingsbücher allerlei, nach meinen jetzigen Begriffen übertriebene Vorstellungen von dem, was eigentlich fromm und reinen Herzens sei, eingesogen. Da wurde mir nur das allerstrengste Gesetz eingepredigt; da schwebten mir immer unübersteigliche Berge, und die schwersten Stellen aus dem Neuen Testament von Händ' und Füß' abhauen, Augausreißen und so ferner vor. Mein Herz war von jeher äußerst empfindlich; ich erstaunte daher sehr oft, wenn ich weit bessere Menschen als ich, bei diesem oder jenem Zufall, bei Erzählung irgendeines Unglücks, bei Anhörung einer rührenden Predigt und dergleichen, wie ich wähnte, ganz frostig bleiben sah. Man denke sich also meine damalige Lage in einem rohen einsamen Schneegebürg': Ohne Gesellschaft, außer jenen schmutzigen Buben und unflätigen Alten auf der einen -- auf der andern Seite jenen schwärmerischen Unterricht, den mein junger feuerfangender Busen so begierig aufnahm; dann mein von Natur tobendes Temperament und eine Einbildungskraft, welche mir nicht nur den ganzen Tag über keine Minute Ruhe ließ, sondern mich auch des Nachts verfolgte, und mir oft Träume bildete, daß mir noch beim Erwachen der Schweiß über alle Finger lief. Damals war es (wie man schon zum Teil aus meiner obigen Geschichte wird ersehen haben) meine größte Lust, an einem schönen Morgen oder stillen Abend, während dem Hüten meiner Geißen, mich auf irgend einem hohen Berge in einen Dornbusch zu setzen -- dann jenes Büchelchen hervorzulangen, das ich viele Zeit überall und immer bei mir trug, und daraus mich über meine Pflichten gegen Gott, gegen meine Eltern, gegen alle Menschen und gegen mich selbst, so lang zu erbauen, bis ich in eine Art wilder Empfindung geriet, und (ich entsinne mich noch vollkommen) allemal mit einer Ermahnung an Kinder endete, deren Anfang lautete: »Kommt Kinder! Wir wollen uns vor dem Thron des himmlischen Vaters niederwerfen.« Dann richtete ich meine Augen starr in die Höhe, und häufige Tränen flossen die Wangen herab. -- Dann hing ich wieder für etwas Zeit Grillen von ganz andrer Natur, und auch diesen bis zur Wut nach; baute mir ein, zwei, drei Dutzend spanischer Schlösser auf, riß alle Abend die alten nieder, und schuf ein paar neue. -- So dauerte es bis ungefähr in mein achtzehntes Jahr, da mein Vater seinen Wohnort veränderte, und ich sozusagen in eine ganz neue Welt trat, wo ich mehr Gesellschaft, Zeitvertreib, und minder Anlaß zum Phantasieren hatte. Hier fingen dann auch, besonders eine Art der Kinder meiner Einbildungskraft -- und zwar leider eben die schönste von allen -- an, sich in Wirklichkeit umzuschaffen, und kamen mir eben nahe an Leib. Aber zu meinem Glücke hielt mich meine angeborene Schüchternheit, Schamhaftigkeit, oder wie man das Ding nennen will, noch Jahre lang zurück, eh' ich nur ein einziges dieser Geschöpfe mit einem Finger berührte. Da fing endlich jene Liebesgeschichte mit Aennchen an, die ich oben, wie ich denke, nur mit allzusüßer Rückerinnerung, beschrieben habe. Noch lebt diese Person, so gesund und munter wie ich; und mir steigt eine kleine Freude ins Herz, so oft ich sie sehe, obgleich ich mit Wahrheit bezeugen kann, daß sie alle eigentlichen Reize für mich verloren hat. Hie und da geriet ich auch an andre Mädchen; aber da stund mir keine an wie mein Aennchen. Nur eines gewissen Käthchens und Mariechens erinnr' ich mich noch mit Vergnügen, obschon unsere Bekanntschaft nur eine kleine Zeit währte. Wenn ein Weibsbild, sonst noch so hübsch, dastund oder saß wie ein Stück Fleisch, mir auf halbem Weg entgegen kam, oder mich gar noch an Frechheit übertreffen wollte, so hatte sie's schon bei mir verdorben; und wenn ich dann auch etwa in der Vertraulichkeit mit ihr ein bißchen zu weit ging, war's gewiß das erste und letzte Mal. Nie hab' ich mir auf meine Bildung und Gesicht viel zu gut getan, obschon ich bei den artigen Närrchen sehr wohl gelitten war, und einige aus ihnen gar die Schwachheit hatten, mir zu sagen, ich sei einer der hübschesten Buben. Wenn gleich meine Kleidung nur aus drei Stücken bestund, einer Lederkappe, einem schmutzigen Hemd, und ein Paar Zwilchhosen, so schämte sich doch auch das niedlichst geputzte Mädchen nicht, ganze Stunden mit mir zu schäkern. Insgeheim war ich denn freilich stolz auf solche Eroberungen, ohne recht zu wissen warum? Andremal nagte mir, wie gesagt, wirklich die Liebe ein Weilchen am Herzen: Dann sucht' ich mich des lästigen Gastes durch Zerstreuungen zu entledigen; jauchzte, pfiff, und trillerte einen Gassenhauer, deren ich in kurzer Zeit viele von meinen Kameraden gelernt hatte; oder brütete an abgelegenen Orten wieder etliche Fantaseyen aus, und träumte von lauter Glück und guten Tagen, ohne daß ich mir einfallen ließ, mich auch zu fragen: Wann und woher sie auch kommen sollten, was ich mir auch sicher nicht hätte beantworten können. Denn die Wahrheit zu gestehn, ich war ein Erzlappe und Stockfisch, und besaß zumal keine Unze Klugheit oder gründliches Wissen, wenn ich schon über alles ganz artlich zu reden wußte. Daß ich bei jedermann, und bei jenen schönen Dingern insonderheit wohl gelitten war, kam einzig daher, weil ich so ziemlich gut an jedem Ort augenblicklich den für dasselbe schicklichsten Ton zu treffen wußte, und mir, wie meine Nymphen behaupteten, alles zierlich nett anstund. -- Und nun abermals ein neuer Akt meines Lebens. Als mich nämlich bald hernach das Verhängnis in Kriegsdienste führte, und vorzüglich in den sechs Monaten, da ich noch auf der Werbung herumstreifte, ja da geht's über alle Beschreibung, wie ich mich nun fast gänzlich im Getümmel der Welt verlor. Zwar unterließ ich auch während meiner wildesten Schwärmereien nie, Gott täglich mein Morgen- und Abendopfer zu bringen, und meinen Geschwisterten gute Lehren nach Haus zu schreiben. Aber damit war's dann auch getan; und ob der Himmel daran große Freude hatte, muß ich zweifeln. Doch, wer weiß! Selbst diese flüchtige Andacht unterhielt vielleicht manche gute Gesinnung in mir, die sonst auch noch zu Trümmern gegangen wäre, und behütete mich vor groben Ausschweifungen, deren ich mir, Gott Lob! keiner einzigen bewußt bin. So z. B. wenn ich schon mit hübschen Mädchens für mein Leben gern umgehen mochte, hätt' ich's doch auf allen meinen Reisen und Kriegszügen nie über's Herz gebracht, nur ein einziges zu übertölpeln, wenn ich auch dazu noch so viel Reizung gehabt. Wahrlich, mein Gewissen war so zart über diesen Punkt, daß ich mir vielmehr oft nachwärts ruchlose Vorwürfe über meine eigne Feigheit gemacht und den und diesen guten Anlaß wieder zurückgewünscht. Aber wenn sich denn wirklich die Gelegenheit von neuem ereignete, und alles bis zum Genusse fix und fertig war, so fuhr ein zitternder Schauer mir durch Mark und Beine, daß ich zurückbebte, meinen Gegenstand mit guten Worten abfertigte oder leise davon schlich. Auf dem ganzen Transport bis nach Berlin bin ich, bis auf ein einziges Nestchen, vollends ganz rein davon gekommen. In dieser großen Stadt hätt' ich an gemeinen Weibsleuten keinen Schuh' gewischt. Hingegen will ich's nicht verbergen, daß meine zügellose Einbildungskraft ein paarmal über glänzende Damen und Mamselles brütete. Aber es stellten sich immer noch zu rechter Zeit genugsame Hindernisse in den Weg; die Anfechtungen verschwanden, und besserer Sinn und Denken erwachten wieder. Während meiner Campagne und auf der Heimreise hab' ich abermals keinen weiblichen Finger berührt. Was meine Desertion betrifft, so machte mir mein Gewissen darüber nie die mindesten Vorwürfe. Gezwungener Eid ist Gott leid! dacht' ich; und die Ceremonie, die ich da mitmachte, wähnt' ich wenigstens, könne kaum ein Schwören heißen. -- Nach meiner Rückkehr ins Vaterland ergriff ich wieder meine vorige Lebensart. Auch Buhlschaften spannen sich bald von neuem an. Meine herzliebe Anne war freilich verplempert; aber es fanden sich in kurzem andere Mädels, mehr als eines, denen ich zu behagen schien. Mein Aeußeres hatte sich ziemlich verschönert. Ich ging nicht mehr so läppisch daher, sondern hübsch gerade. Die Uniform, die mein ganzes Vermögen war, und eine schöne Frisur, die ich recht gut zu machen wußte, gaben meiner Bildung ein Ansehn, daß dürftige Dirnen wenigstens die Augen aufsperrten. Bemittelte Jungfern dann -- ja, o bewahre! -- die warfen freilich auf einen armen ausgerissnen Soldat keinen Blick. Die Mütter würden ihnen fein ausgemistet haben. Und doch wenn ich's nur ein wenig pfiffiger und politischer angefangen, hätt' es mir mit einer ziemlich reichen Rosina geglückt, wie ich nachwärts zu spät erfuhr. Inzwischen erhob selbst dieser mißlungene Versuch meinen Mut und meine Einbildung nicht um ein geringes -- und der geschossene Bock wäre mir nicht um tausend Gulden feil gewesen. Ich sah darum von erwähnter Zeit an alle meine bisherigen Liebschaften so ziemlich über die Achsel an, und warf den Bengel höher auf. Aber meine sorglose lüderliche Lebensart verderbte immer alles wieder. Mit Kindern meines Standes war mein Umgang freilich, Gott verzeih' mir's! oft nur allzufrei; in Absicht auf solche hingegen, die über mir standen, verließ mich meine Feigheit nie; und das war mir am meisten hinderlich. Denn wer weiß nicht, wie oft der dümmste Labetsch[56] bloß mit einem beherzten angriffigen Wesen zuerst sein Glück macht. Aber mir so viele Mühe geben, kriechen, bitten, seufzen und verzweifeln, konnt' ich eben nicht. -- Eines Tages ging ich nach Herisau an eine Landsgemeinde. Meine gute Mutter steckte mir all' ihr kleines Spargeldlin von etwa 6 Gulden bei. Einer meiner Bekannten im Appenzeller Land trachtete mir zu Trogen, in einer großen Gesellschaft, eine gewisse Ursel aufzusalzen, die mir aber durchaus nicht behagen wollte. Ich suchte also, sie je eher je lieber wieder los zu werden. Es glückte mir auf dem Rückweg nach Herisau, wo sie sich, oder vielmehr ich mich, unter dem großen Haufen verlor. Es war eine große Menge jungen Volkes. Bei einbrechender Abenddämmerung näherte man sich einander, und formierte Paar und Paar, als ich mit eins ein wunderschönes Mädel, sauber wie Milch und Blut, erblickte, das mit zwei andern solchen Dingern davon schlenterte. Ich streckt' ihm die Hand entgegen, es ergriff sie mit den beiden seinigen, und wir marschierten bald Arm an Arm +in dulci jubilo+ unter Singen und Schäkern unsre Straße. Als wir zu Herisau ankamen, wollt' ich sie nach Haus begleiten. »Das bei Leib nicht!« sagte sie, »ich dürft's um alles in der Welt nicht. Nach dem Nachtessen vielleicht, kann ich denn eher noch ein Weilchen zum Schwanen kommen.« Mit einem solchen Ersatz war ich natürlich sehr zufrieden. Damals wußt' ich noch nicht, wer mein Schätzgen war, und erfuhr erst jetzt im Wirtshaus, daß sie ein Töchterchen aus einem guten Kaufmannshaus, und ungefähr sechszehn Jahr alt sei. Ungefähr nach einer Stunde kam das liebe Geschöpf -- Käthchen hieß es -- mit einem artigen jungen Kind auf dem Arm, das sein Schwesterchen war, denn anders hätt' es nicht entrinnen können, als eben auch die verwünschte Ursel in die Stube trat, mich gleichfalls aufsuchen wollte, bald aber Unrat merkte, mir bittere Vorwürfe machte, und davon ging. Alsdann gab uns der Wirt ein eigen Zimmer; Käthchen hinein, und ich nach, geschwind wie der Wind. Ich hatte ein artiges Essen bestellt. Nun waren ich und das herrliche Mädchen allein, allein. O was dieses einzige Wort in sich faßt! Tage hätt' es währen sollen, und nicht zwei oder drei wie Augenblicke verflossene Stunden. Und doch -- die Wände unsers Stübchens -- das Kind auf Käthchens Schoß -- die Sternen am Himmel sollen Zeugen sein unsrer süßen, zärtlichen, aber schuldlosen Vertraulichkeit. Ich blieb noch die halbe Woche dort. Mein Engel kam alle Tage mit ihrem Schwesterchen vier bis fünfmal zu mir. Endlich aber ging mir die Barschaft aus, ich mußte mich losreißen. Käthchen gab mir, immer mit dem Kind auf dem Arm, trotz aller Furcht vor seinen Eltern, das Geleit noch weit vor den Flecken hinaus. Wie der Abschied war, läßt sich denken. Tränen vom Liebchen trug ich auf meinen Wangen genug nach Haus. Wir winkten einander mit Schürze und Schnupftüchern unser Lebewohl mehr als hundertmal, und so weit wir uns sehen konnten. O man verzeihe mir meine Torheit! Gehören doch diese Tage zu den allerglücklichsten, und ihre Freuden zu den allerunschuldigsten meines Lebens. Denn mein guter Engel hatte mir gegen dies holde Mädchen ordentlich eben so viel Ehrfurcht als Liebe eingeflößt; so daß ich sie, wie ein Vater sein Kind, umarmte, und sie mich hinwieder, wie eine Tochter ihren Erzeuger, sanft an ihren reinen Busen drückte, und mein Gesicht mit ihren Küssen bedeckte. -- Jetzt war ich dem Leibe nach wieder bei Haus, aber im Geiste immer mit diesem herzigen Schätzgen beschäftigt, dem weiland Ännchen sogar weit nachstand. Indessen kam mir nur kein Gedanke daran, daß ich jemals zu ihrem Besitz gelangen könnte; vielmehr sucht' ich mir alles Vorgegangene vollkommen aus dem Sinn zu schlagen, und es gelang mir. Denn dies war von jeher meine Art: Was einen schnellen Eindruck auf mich machte, war auch bald wieder vergessen, und von neuen Gegenständen verdrängt. Allein, wer hätte daran gedacht? An einem schönen Abend brachte mir der Herisauer Bote ein Briefchen von meinem Käthchen, worin sie in zärtlich verliebten und dabei recht kindisch naiven Ausdrücken mir sagte, wie's ihr sei seit unserm Abschied; wie sie mich gern wieder sehen, noch einmal mit mir reden möchte, und wenn das nicht möglich wäre, mich wenigstens zu einem schriftlichen Verkehr auffordere. Ich küßte das Papier, las es wohl hundertmal, und trug's immer in der Tasche, bis es ganz verschmutzt und zerfetzt war. Also -- ich flog eilends nach Herisau? Nein! Ich antwortete auf der Stelle? Nein! auch das nicht; kein Wort. Kurz ich ging nicht und schrieb nicht. Warum? Daß ich gerade damals kein Geld hatte, dessen erinnere ich mich; daß sonst noch etwas dazwischen kam, weiß ich auch; die eigentliche Ursach' aber ist mir aus dem Gedächtnis entfallen. Genug, ich vergaß meinen Herisauer Schatz, worüber ich mir nachwärts manchen bittern Vorwurf gemacht. Endlich, erst nach zwanzig Jahren, dacht' ich wieder einmal dieser Begebenheit so lange und so ernsthaft nach, und die Begierde, zu erfahren, ob das liebe Kind noch lebe, und was aus ihr geworden sei, ward so stark in mir, daß ich eigens deswegen auf Herisau ging (ungeachtet ich in der Zwischenzeit manchmal mich tagelang dort aufhielt, ohne daß mir nur ein Sinn an sie kam) nach ihrer Wohnung fragte, und bald erfuhr, daß sie schon Mutter von zehn Kindern, und auf einem Wirtshaus sei. Ich flog dahin. Der Mann war eben nicht zu Hause. Ich sprach sie um Nachtherberg an, setzte mich zu Tisch' und beguckte mein -- nun nicht mehr mein Käthchen. Himmel! wie das arme Ding ganz verlottert war. Und doch erkannt' ich ihre ehevorigen jugendlichen Gesichtszüge mitunter noch deutlich. Ich konnte mich der Tränen kaum erwehren. Sie war unglücklicher Weise an einen brutalen und dabei lüderlichen Mann geraten, der nachwärts wirklich bankerott machte. Schon damals war sie in sehr ärmlichen Umständen. Sie kannte mich nicht mehr. Ich fragte sie alles aus, nach ihrer Herkunft, wer ihr Mann sei, und so fort. Und endlich auch: Ob sie sich nicht mehr eines gewissen U. B. erinnre, den sie vor zwanzig Jahren etliche Tag' nacheinander beim Schwanen angetroffen. Hier sah sie mir starr ins Gesicht, fiel mir an die Hand: »Ja! Er ist's, er ist's!« und große Tropfen rollten über ihre blassen Wangen herab. Nun ließ sie alles stehn, setzte sich zu mir hin, erzählte mir der Länge und Breite nach ihre Schicksale, und ich ihr die meinigen, bis spät in die Nacht hinein. Beim Schlafengehen konnten wir uns nicht erwehren, jene seligen Stunden durch ein paar Küsse zu erneuern; aber weiter stieg mir auch nur kein arger Gedanke auf. Im Verfolg kehrte ich noch manchmal bei ihr ein. Sie starb etwa vier Jahre nach unserm ersten Wiedersehen, und es tut mir so wohl, noch eine Träne auf ihr Grab zu weinen, wo sie jetzt mit so viel andern guten Seelen im Frieden wohnt.
[Sidenote: Wirklichkeit und Idealwelt]
Daß ich in meiner obigen Geschichte über die allerernsthaftesten Scenen meines Lebens, wie ich an meine Dulcinea kam -- ein eigen Haus baute -- einen Gewerb anfing, und so fort so kurz hinweggeschlüpft, kömmt wahrscheinlich daher, daß diese Epoche meines Daseins mir unendlich weniger Vergnügen als meine jünger Jahre gewährte, und darum auch weit früher aus meinem Gedächtnis entwichen ist. So viel weiß ich noch gar wohl: Daß, als ich auch im Ehestand mich betrogen sah, und statt des Glücks, das ich darin zu finden mir eingebildet hatte, nur auf einen Haufen ganz neuer unerwarteter Widerwärtigkeiten stieß, ich mich wieder aufs Grillenfangen legte, und meine Berufsgeschäfte nur so maschinenmäßig lässig und oft ganz verkehrt verrichtete, und mein Geist, wie in einer andern Welt, immer in Lüften schwebte, sich bald die Herrschaft über goldene Berge, bald eine Robinsonsche Insel, oder irgend ein andres Schlaraffenland erträumte. Da ich hier um die nämliche Zeit anfing, mich aufs Lesen zu legen, und ich zuerst auf lauter mystisches Zeug, dann auf die Geschichte, dann auf die Philosophie, und endlich gar auf die verwünschten Romane fiel, schickte sich zwar alles dies vortrefflich in meine idealische Welt, machte mir aber den Kopf nur noch verwirrter. Jeden Helden und Abenteurer alter und neuer Zeit macht' ich mir eigen, lebte vollkommen in ihrer Lage, und bildete mir Umstände dazu und davon, wie es mir beliebte. Die Romane hinwieder machten mich ganz unzufrieden mit meinem eigenen Schicksal und den Geschäften meines Berufes, und weckten mich aus meinen Träumen, aber eben nur zu größerm Verdruß auf. Bisweilen, wenn ich denn so mürrisch war, sucht' ich mich durch irgend eine lustige Lektur wieder zu ermuntern. Alsdann je lustiger, je lieber; so daß ich darüber bald zum Freigeist geworden, und dergestalt immer von einem Extrem ins andre fiel. In dieser Absicht bedaur' ich die Gefährtin meines Lebens von Herzen. Denn so wenig Geschmack ich an ihr fand, so hatte sie doch noch viel mehr Ursache, keinen an mir zu finden. Dennoch war ihre Neigung zu mir stark, obgleich nichts weniger als zärtlich. Ein Betragen ganz nach ihrem Geschmack, meine Unterwürfigkeit und Liebe zu ihr, das alles wollte sie von dem ersten Tag' an erpochen und erpoltern -- und macht's heute mit mir und meinem Jungen noch ebenso und wird es so wenig lassen, als ein Mohr seine Haut ändern kann. Und doch ist dies, wie ich's nun aus Erfahrung weiß, gewiß das ganz unrechte Mittel, einen an das Joch zu gewöhnen. Inzwischen flossen meine Tage so halb vergnügt, halb mißvergnügt dahin. Ich suchte mein Glück in der Ferne und in der Welt, mittlerweile es lange ganz nahe bei mir vergebens auf mich wartete. Und noch jetzt, da ich doch überzeugt bin, daß es nirgends als in meinem eigenen Busen wohnt, vergeß ich nur allzuoft, in mich selbst zurückzukehren, flattre in einer idealischen Welt herum, oder wähle in dieser gegenwärtigen falsche, Ekel und Unlust erweckende Scheingüter außer mir.
[Sidenote: Glücksumstände und Wohnort]
[Sidenote: Die ganze Welt ist unser]
[Sidenote: Glücksempfindung]
Meine Lebensgeschichte so weit geschrieben, bleibt mir nur noch weniges von mir zu sagen übrig. Ein Häuschen und ein Gärtchen ist mein ganzes Vermögen. Eine Frau und vier Kinder, also sechs Mäuler und ein Dutzend Hände machen meinen Haushalt aus. Aber das gesunde Speisen der erstern, Kleider und anders mit eingezählt, zehrt das Produkt einer noch so muntern Arbeit der letztern beinahe auf. Meinen Baumwollengewerb hab' ich schon beschrieben. Dieser ist wie ein Vogel auf dem Zweig, und wie das Wetter im April. Wer sein ganzes Studium darauf wendet, und zumal die rechte Zeit abzupassen weiß, kann noch sein Glück damit machen. Aber dies Talent in gehörigem Maße hatt' ich nie, war immer ein Stümper, und werd' es ewig bleiben. Und doch hab' ich diese Art Handel und Wandel gleichsam von Jahr zu Jahr lieber gewonnen. Warum? Ich denke, natürlich, weil derselbe das Mittel war, durch welches mich die gütige Vorsehung, ohne mein sonderliches Zutun, aus meiner drückenden Lage wenigstens in eine sehr leidliche emporhob. Freilich wär' ich, ohne die Rolle eines Handelsmanns zu spielen, vielleicht auch niemals so tief in jene hineingeraten. Doch, wer weiß? Es wäre wohl gleich viel gewesen, mit welchem Berufe ich mich lässig, unvorsichtig und ungeschickt beschäftigt hätte. Und heißt's, denk' ich, auch hier: Der Hund, der ihn biß, leckt' ihn wieder, bis er heil war.
[Sidenote: Haus und Garten]