Chapter 3 of 15 · 3785 words · ~19 min read

Part 3

Ein andermal, da ich an einem schönen Sommertag mit meiner Herde herumgetrillert, überzog sich der Himmel gegen Abend mit schwarzen Wolken; es fing gewaltig an zu blitzen und zu donnern. Ich eilte nach einer Felshöhle, diese oder eine große Wettertann waren in solchen Fällen immer mein Zufluchtsort, und rief meine Geißen zusammen. Die, weil's sonst bald Zeit war, meinten, es gelte zur Heimfahrt und sprangen über Kopf und Hals mir vor, daß ich bald keinen Schwanz mehr sah. Ich eilte ihnen nach. Es fing entsetzlich an zu hageln, daß mir Kopf und Rücken von den Püffen sausten. Der Boden war dicht mit Steinen bedeckt; ich rannte in vollem Galopp drüber fort, fiel aber oft auf den Hintern und fuhr große Stück weit wie auf einem Schlitten. Endlich, in einem Wald, wo's gäh zwischen Felsen hinunterging, konnt' ich vollends nicht anhalten und glitschte bis zu äußerst auf einen Rand, von dem ich, wenn mich nicht Gott und seine guten Engel behütet hätten, viele Klafter tief herabgestürzt und zermürst worden wäre. Jetzt ließ das Wetter allmählig nach, und als ich nach Haus kam, waren meine Geißen schon eine halbe Stunde daheim. Etliche Tage lang fühlt' ich von dieser Partie keinerlei Ungemach; aber mit eins fingen meine Füß zu sieden an, als wenn man sie in einem Kessel kochte. Dann kamen die Schmerzen. Mein Vater sah nach und fand mitten in der einen Fußsohle ein groß Loch, und Moos und Gras darin. Nun erinnert' ich mich erst, daß ich an einem spitzen Weißtannast aufgesprungen war: Moos und Gras war mit hineingegangen. Der Ätti grub mir's mit einem Messer heraus und verband mir den Fuß. Nun mußt' ich freilich ein paar Tage meinen Geißen langsam nachhinken, dann verlor ich die Binde, Kot und Dreck füllten das Loch, und es war bald wieder besser. Viel andre Mal, wenn's durch die Felsen ging, liefen die Tiere ob mir weg und rollten große Steine herab, die mir hart an den Ohren vorbeipfiffen. Oft stieg ich einem Wälschtraubenknöpfli, Frauenschühlin oder andern Blümchen über Klippen nach, daß es eine halsbrechende Arbeit war. Wieder zündete ich große, halbverdorrte Tannen von unten an, die bisweilen acht bis zehn Tage aneinander fortbrannten, bis sie fielen. Alle Morgen und Abend sah ich nach, wie's mit ihnen stund. Einst hätte mich eine maustot schlagen können: denn indem ich meine Geißen forttrieb, daß sie nicht getroffen würden, krachte sie hart an mir in Stücken zusammen. So viele Gefahren drohten mir während meinem Hirtenstand mehrmal, Leibs und Lebens verlustig zu werden, ohne daß ich's viel achtete, oder doch alles bald wieder vergaß, und leider damals nie daran dachte, daß du allein es warst, mein himmlischer Vater und Erhalter! der in den Winkeln einöder Wüste die Raben nährt, und auch Sorge für mein junges Leben trug.

[Sidenote: Kameradschaft]

Mein Vater hatte bisweilen aus der Geißmilch Käse gemacht, bisweilen Kälber gesäugt und seine Wiesen mit dem Mist geäufnet.[22] Dies reizte unsere Nachbarn, daß ihrer vier auch Geißen anschafften und beim Kloster um Erlaubnis baten, ebenfalls im Kohlwald hüten zu dürfen. Da gab's nun Kameradschaft. Unser drei oder vier Geißbuben kamen alle Tag zusammen. Ich will nicht sagen, ob ich der beste oder schlimmste unter ihnen gewesen, aber gewiß ein purer Narr gegen die andern, bis auf einen, der ein gutes Bürschchen war. Einmal, die übrigen alle gaben uns leider kein gutes Exempel. Ich wurde ein Bißlein witziger, aber desto schlimmer. Auch sah's mein Vater gar nicht gern, daß ich mit ihnen laichte,[23] und sagte mir, ich sollte lieber allein hüten und alle Tage auf eine andere Gegend treiben. Aber Gesellschaft war mir zu neu und zu angenehm; und wenn ich auch etwa einen Tag den Rat befolgte und hörte die andern hüpfen und johlen, so war's, als wenn mich ein paar beim Rock zerrten, bis ich sie erreicht hatte. Bisweilen gab's Zänkereien, dann fuhr ich wieder einen Morgen allein oder mit dem guten Jacobli, von dem hab' ich selten ein unnützes Wort gehört, aber die andern waren mir kurzweiliger. Ich hätte noch viele Jahre für mich können Geißen hüten, eh' ich den Zehnteil von dem allem inne worden wäre, was ich da in kurzem vernahm. Sie waren alle größer und älter als ich, fast aufgeschossene Bengel, bei denen schon alle argen Leidenschaften aufgewacht. Schmutzige Zoten waren alle ihre Reden und unzüchtig alle ihre Lieder, bei deren Anhören ich oft Maul und Augen auftat, oft aber auch aus Schamröte niederschlug. Über meinen bisherigen Zeitvertreib lachten sie sich die Haut voll. Späne und junge Vögel galten ihnen gleich viel, außer wenn sie glaubten, Geld aus einem zu lösen, sonst schmissen sie dieselben samt den Nestern fort. Das tat mir anfangs weh; doch macht' ich's bald mit. So geschwind konnten sie mich hingegen nicht überreden, schamlos zu baden wie sie. Einer besonders war ein rechter Unflat, aber sonst weder streit- noch zanksüchtig, und darum nur desto verführerischer. Ein anderer war auf alles verpicht, womit er einen Batzen verdienen konnte, der liebte darum die Vögel mehr als die andern, die nämlich, welche man ißt; suchte allerlei Waldkräuter, Harz, Zunderschwamm und dergleichen. Von dem lernt' ich manche Pflanze kennen, aber auch, was der Geiz ist. Noch einer war etwas besser als die schlimmern; er machte mit, aber furchtsam. Jedem ging sein Hang sein Leben lang nach. Jacobli ist noch ein guter Mann, der andre blieb immer ein geiler Schwätzer und ward zuletzt ein miserabler hinkender Tropf; der dritte hatte mit List und Ränken etwas erworben, aber nie Glück dabei. Vom vierten weiß ich nicht, wo er hingekommen ist.

[Sidenote: Sonderbare Gemütsstimmung]

[Sidenote: Ende des Hirtenstandes]

Daheim durft' ich mir von dem, was ich bei diesen Kameraden sah und hörte, nichts merken lassen. Ich genoß aber nicht mehr meine vorige Fröhlichkeit und Gemütsruhe. Die Kerls hatten Leidenschaften in mir rege gemacht, die ich noch selbst nicht kannte, doch merkte ich, daß es nicht richtig stund. Im Herbst, wo die Fahrt frei war, hütete ich meist allein. Ein Büchlein, das mir bloß darum jetzt noch lieb ist, trug ich bei mir und las oft darin. Noch weiß ich verschiedene sonderbare Stellen auswendig, die mich damals bis zu Tränen rührten. Jetzt kamen mir die bösen Neigungen in meinem Busen abscheulich vor, und sie machten mir angst und bang. Ich betete, rang die Hände, sah zum Himmel, bis mir die hellen Tränen über die Backen rollten, faßte einen Vorsatz über den andern und machte mir so strenge Pläne für ein künftiges frommes Leben, daß ich darüber allen Frohmut verlor. Ich versagte mir alle Arten von Freude, und hatte zum Beispiel lang einen ernstlichen Kampf mit mir selber wegen eines Distelfinken, der mir sehr lieb war, ob ich ihn weggeben oder behalten sollte? Über diesen einzigen Vogel dacht' ich oft weit und breit herum. Bald kam mir die Frommkeit, wie ich mir solche damals vorstellte, als ein unersteiglicher Berg, bald wieder federleicht vor. Meine Geschwister mocht' ich herzlich lieben, aber je mehr ich's wollte, je mehr sah ich Widriges an ihnen. In kurzem wußt' ich weder Anfang noch End, und es war niemand mehr, der mir heraushelfen konnte, da ich meine Lage keiner Menschenseele entdeckte. Ich machte mir alles zur Sünde: Lachen, Jauchzen und Pfeifen. Meine Geißen sollten mich nicht mehr erzürnen dürfen, und ich ward eher böser auf sie. Eines Tags bracht' ich einen toten Vogel nach Haus, den ein Mann geschossen und auf einem Stecken in die Wiese aufgesteckt hatte. Ich nahm ihn, wie ich in dem Augenblick wähnte, mit gutem Gewissen weg, ohne Zweifel, weil mir seine zierlichen Federn vorzüglich gefielen. Aber sobald mir der Vater sagte, das heiße auch gestohlen, weint' ich bitterlich -- ich hatte diesmal recht -- und trug das Äschen morgens darauf in aller Frühe wieder an seinen Ort. Doch behielt ich etliche von den schönsten Federn; aber auch dies kostete mich ziemliche Überwindung. Doch dacht' ich: Die Federn sind nun ausgerupft, wenn du sie schon auch hinträgst, verblast sie der Wind, und dem Mann nützen sie so nichts. Bisweilen fing ich wieder an zu jauchzen und zu johlen und trollte aufs neue sorglos über alle Berge. Dann dacht' ich: So alles, alles verleugnen, bis auf meine selbstgeschnitzelten hölzernen Kühe -- wie ich mir damals den rechten Christensinn buchstäblich vorstellte -- sei doch ein traurig elendes Ding. Indessen wurde der Kohlwald von den immer zunehmenden Geißen übertrieben; die Rosse, die man auf den fettern Grasplätzen weiden ließ, bisweilen von den Geißbuben verfolgt oder gesprengt. Einmal legten die Bursche ihnen Nesseln unter die Schwänze; ein paar stürzten sich im Lauf über einen Felsen zu Tode. Es gab schwere Händel, und das Hüten im Kohlwald wurde gänzlich verboten. Ich hütete darauf noch eine Weile auf unserm eignen Gut. Dann löste mich mein Bruder a. Und so nahm mein Hirtenstand ein Ende.

[Sidenote: Neue Geschäfte]

[Sidenote: Neue Sorgen]

Nun hieß es: Eingespannt in den Karrn mit dem Buben, ins Joch! Er ist groß genug! Wirklich tummelte mich mein Vater meisterlich herum; in Holz und Feld sollt' ich ihm statt eines vollkommenen Knechtes dienen. Die mehrern Mal überlud er mich, ich hatte die Kräfte noch nicht, die er mir nach meiner Größe zutraute, und doch wollt' ich stark sein und keine schwere Bürde liegen lassen. In Gesellschaft von ihm oder mit den Taglöhnern arbeitete ich gern; aber sobald er mich allein an ein Geschäft schickte, war ich faul und lässig, staunte Himmel und Erde an und hing, ich weiß selbst nicht was für Gedanken und Grillen nach; das freie Geißbubenleben hatte mich halt verwöhnt. Das zog mir Scheltwort oder gar Streiche zu, und diese Strenge war nötig, obschon ich's damals nicht fassen konnte. Im Heuet besonders gab's bisweilen fast unerträgliche Bürden. Oft streckt' ich mich vor Mattigkeit und fast zerschmolzen von Schweiß, der Länge nach auf den Boden und dachte: Ob's wohl auch in der Welt überall so mühselig zugehe? Ob ich mich grad' jetzt aus dem Staub machen sollte? Es werde doch an andern Orten auch Brot geben, und nicht gleich Henken gelten. Ich hätte auf der Kreutzegg beim Geißhüten mehrere solche Bursche gesehen, denen's außer ihrem Vaterland, wie sie mir erzählten, recht wohl gegangen, und was des Zeugs mehr war. Dann aber fand ich: Nein! es wäre doch Sünd', von Vater und Mutter wegzulaufen; wie? wenn ich ihnen ein Stück Boden abhandeln, es bauen, brav Geld daraus ziehen, dann aus der Losung ein Häuschen drauf stellen und so für mich leben würde? Husch! sagt' ich eines Tags, das muß jetzt sein! Aber, wenn mir's der Ätti abschlägt? Ei! frisch gewagt, ist halb gewonnen. Ich nahm also das Herz in beide Händ', und bat den Vater noch desselben Abends, daß er mir ein gewisses Stücklein Lands abtrete. Nun sah er freilich meine Narrheit ein, aber er ließ mich's nicht merken und fragte nur, was ich damit anfangen wolle? »Ha! sagt' ich, es in Ehren legen, Mattland daraus machen und den Gewinn beiseite tun.« Ohne ein mehreres Wort zu verlieren, sprach er: »So nimm eben die Zipfelweid, ich gebe sie dir um fünf Gulden.« Das war nun spottwohlfeil; hier zu Wattwil wär' so ein Grundstück mehr als hundert Gulden wert. Ich sprang darum vor Freuden hoch auf und fing sogleich die neue Wirtschaft an. Den Tag über arbeitete ich für den Vater; sobald der Feierabend kam, für mich, sogar bei Mondschein. Da macht' ich aus dem noch vor Nacht gehauenen Holz und Stauden kleine Bürden von Brennholz zum Verkaufen. Eines Abends dacht' ich so meiner jetzigen Lage nach; mir fiel ein: Deine Zipfelweid ist gar wohlfeil! Es könnte den Vater reuen und er's wieder an sich ziehen, wenn ich ihm den Kaufschilling nicht bar erlege. Ich muß um Geld schauen, so kann er mir nicht mehr ab der Hand gehn. Ich ging also zum Nachbar Görg, erzählt' ihm den ganzen Handel und bat ihn, mir die fünf Gulden zu leihen, ich woll' ihm bis auf Wiederbezahlung mein Land zum Pfand einsetzen. Er gab mir's ohne Bedenken. Ganz entzückt lief ich damit zum Vater und wollt' ihn ausbezahlen. Potz hundert! wie der mich abschnauzte: »Wo hast du das Geld her?« Es fehlte wenig, so hätt' es noch Ohrfeigen obendrein gesetzt. Im ersten Augenblick begriff ich nicht, was ihn so entsetzlich bös mache. Aber erklärte mir's bald, da er fortfuhr: »Du Bärenhäuter! Mir mein Gut zu verpfänden!« riß mir die fünf Gulden aus der Hand, rannte im Augenblick zu Görg und gab sie ihm wieder, mit Bedeuten, daß er, so lieb ihm Gott sei! dem Buben kein Geld mehr leihe, er woll' ihm schon geben, was er brauchte. So war meine Freude kurz. Der Ätti, nachdem er bald wieder besänftigt war, mocht' mir lang sagen, ich brauch' ihm das Ding gar nicht zu zahlen, ich könn' ihm ja ein billiges Zinslein geben, der Schlempen Weid werde die Sach nicht ausmachen, ich soll damit schalten und walten wie mit meinem Eigentum. Ich konnt' es ihm nicht glauben, denn er lachte dabei immer hinten im Maul. Das war mir verdächtig. Aber er hatte guten Grund dafür. Endlich fing ich einfältiger Tölpel an, mich wieder zu beruhigen und machte aufs neue die Rechnung hinterm Wirt, was ich aus dem Bletz[24] mit der Zeit für Nutzen ziehen wollte; als eines Tags mir die Kühe in mein Äckerlein brachen, den jungen Samen abfraßen, auch mein Holz eben keine Käufer fand und mir fast alles liegen blieb. Solche gehäufte Unglücksstreiche nahmen mir mit eins den Mut, ich überließ den ganzen Plunder wieder dem Vater und bekam von ihm zur Entschädigung ein flanellenes Brusttuch.

[Sidenote: Wißbegierde]

Ich bin in meinen Kinderjahren nur wenige Wochen in die Schule gegangen; bei Haus hingegen mangelte es mir gar nicht an Lust, mich in mancherlei unterweisen zu lassen. Das Auswendiglernen gab mir wenig Müh, besonders übt' ich mich fleißig in der Bibel, konnte viele darin enthaltene Geschichten aus dem Stegreif erzählen und gab überhaupt auf alles Achtung, was mein Wissen vermehren konnte. Mein Vater las auch gern etwas Historisches oder Mystisches. Gerad um diese Zeit ging ein Buch aus, der flüchtige Pater genannt. Er und unser Nachbar Hans vertrieben sich manche liebe Stunde damit und glaubten an den darin prophezeiten Fall des Antichrists und die dem End der Welt vorgehenden nahen Strafgerichte, wie ans Evangelium. Auch ich las viel darin, predigte etlichen unsrer Nachbarn mit ängstlich andächtiger Miene, die Hand vor die Stirn gestemmt, halbe Abende aus dem Pater vor und gab ihnen alles für bare Münz aus; dies nach meiner eignen völligsten Überzeugung. Mir stieg kein Gedanke auf, daß ein Mensch ein Buch schreiben könnte, worin nicht alles nur lautere Wahrheit wäre; und da mein Vater und der Hans nicht daran zweifelten, schien mir alles vollends Ja und Amen zu sein. Aber das brachte mich eben auf allerlei jammerhafte Vorstellungen. Ich wollte mich gern auf den bevorstehenden jüngsten Tag recht zubereiten; allein da fand ich entsetzliche Schwierigkeiten, nicht so fast in einem bösen Tun und Lassen, als in meinem oft argen Sinn und Denken. Dann wollt' ich mir wieder alles aus dem Kopf schlagen, aber vergebens. Wenn ich zumal bisweilen in der Offenbarung Johannis oder im Propheten Daniel las, schien mir alles, was der Pater schrieb, vollends gewiß und unfehlbar. Und was das schlimmste war, so verlor ich ob dieser Überzeugung alle Freud' und Mut. Wenn ich im Gegenteil den Ätti und den Nachbar fast noch fröhlicher sah als zuvor, machte mich solches gar konfus, und kann ich mir's noch jetzt nicht erklären, wie das zuging. So viel weiß ich wohl, sie steckten damals beide in schweren Schulden und hofften vielleicht durch das Ende der Welt davon befreit zu werden: wenigstens hört' ich sie oft vom Neufunden Land, Carolina, Pensylvani und Virgini sprechen, ein andermal überhaupt von einer Flucht, vom Auszug aus Babel, von den Reisekosten und dergleichen. Da spitz' ich die Ohren wie ein Has. Einmal, erinnr' ich mich, fiel mir wirklich ein gedrucktes Blatt in die Hände, das einer von ihnen auf dem Tisch liegen gelassen und welches Nachrichten von jenen Gegenden enthielt. Das las ich wohl hundertmal; mein Herz hüpfte mir im Leib bei dem Gedanken an dies herrliche Kanaan, wie ich mir's vorstellte. Ach! wenn wir nur alle schon da wären, dacht' ich. Aber die guten Männer, denk' ich, wußten ebensowenig als ich Steg und Weg und wahrscheinlich noch minder, wo das Geld herzunehmen. Also blieb das schöne Abenteuer stecken und entschlief nach und nach von selbst. Indessen las ich immer fleißig in der Bibel, doch noch mehr in meinem Pater und andern Büchern, unter anderen in dem sogenannten Pantli Karrer, und in dem weltlichen Liederbuch, dessen Titel mir entfallen ist. Sonst vergaß ich, was ich gelesen, nicht so bald. Allein mein unruhiges Wesen nahm dabei sichtbarlich zu, so sehr ich mich auf mancherlei Weise zu zerstreuen suchte; und, was das Schlimmste war, hatt' ich das Herz nie, dem Pfarrer oder auch nur dem Vater hievon das Mindeste zu offenbaren.

[Sidenote: Geistliche Unterweisung]

Indessen wundert' es mich doch bisweilen, wie mein Vater und der Pfarrer von diesem und jenem Spruch in der Bibel, von diesem und jenem Büchlin denke. Letzterer kam oft zu uns, selbst zur Winterszeit, wenn er schier im Schnee stecken blieb. Da war ich sehr aufmerksam auf alle Diskurse und merkte bald, daß sie meist bei weitem nicht einerlei Meinung waren. Anfangs kam's mir unbegreiflich vor, wie der Ätti so frech sein und dem Pfarrer widersprechen dürfe. Dann dacht' ich auf der andern Seite: Aber mein Vater und der flüchtige Pater zusammen sind doch auch keine Narren und schöpfen ihre Gründe wie jener aus der gleichen Bibel. Das ging in meinem Sinn so hin und her, bis ich's etwa wieder vergaß und andern Fantaseyen nachhing. Inzwischen kam ich im Jahre 1752 zu diesem Pfarrer Heinrich Näf von Zürich in die Unterweisung zum heiligen Abendmahl. Er unterrichtete mich sehr gründlich und war mir in der Seele lieb. Oft erzählt' ich meinem Vater ganze Stunden lang, was er mit mir geredet hatte und meinte, er sollte davon so gerührt werden wie ich. Bisweilen tat er mir zu Gefallen dergleichen; aber ich merkte wohl, daß es ihm nicht recht zu Herzen ging. Doch sah ich auch, daß er überhaupt Wohlgefallen an meinen Empfindungen und an meiner Aufmerksamkeit hatte. Nachwärts ward dieser Heinrich Näf Pfarrer gen Humbrechtikon am Zürichsee; und seither, glaub' ich, kam er noch näher an die Stadt. Noch auf den heutigen Tag ist meine Liebe zu ihm nicht erloschen. Viel hundertmal denk' ich mit gerührter Seele an des redlichen Manns Treu und Eifer, an den liebevollen Unterricht, welchen ich von seinen holdseligen Lippen sog, und den mein damals gewiß für das Gute weiches und empfängliches Herz begierig aufnahm. Oh, der redlichen Vorsätze und heiligen Entschlüsse, die ich so oft in diesen unvergeßlichen Stunden faßte! Wo seid ihr geblieben? Welchen Weg seid ihr gegangen? Ach! wie oft seid ihr von mir zurückgerufen und leider wieder verabschiedet worden! O Gott! Wie freudig ging ich stets aus dem Pfarrhause heim, nahm gleich das Buch wieder zur Hand und erfrischte damit das Angedenken an die empfangenen heilsamen Lehren. Aber dann war bald alles wieder verflogen. Selbst in späteren Tagen, in Augenblicken, wo Lockungen von allen Seiten mir die süßesten Mienen machten und mich bereden wollten, Schwarz sei, wo nicht Weiß, doch Grau, stiegen mir meines ehemaligen Seelsorgers treugemeinte Warnungen noch oft zu Sinn und halfen mir in manchem Scharmützel mit meinen Leidenschaften den Sieg erringen. Was ich mir aber noch zu dieser Stunde nicht vergeben kann, ist mein damaliges öfteres Heucheln, und daß ich, selbst wenn ich mir keines eigentlichen Bösen bewußt war, immer besser scheinen wollte, als ich zu sein mich fühlte. Endlich -- ich weiß nicht, war vielleicht auch das ein Tuck des armen Herzens? -- sang ich, und zwar, wenn ich ganz allein bei der Arbeit war, wirklich mit größerer Lust etliche geistliche Lieder, die ich von meiner Mutter gelernt, als meine weltlichen Quodlibet und wünschte nur freilich allemal, daß mich mein Vater auch hören möchte, wie er mich sonst meist über meinem losen Lirum Larum ertappt hatte.

[Sidenote: Neue Kameraden]

Übrigens hatte der Pfarrer in seinem kleinen Krinau neben mir nur einen einzigen Buben in der Unterweisung. Dieser hieß H. B., ein fuchsroter Erzstockfisch. Wenn ihn der Heer[25] was fragte, hielt der Bursch' immer sein Ohr an mich, daß ich's ihm einblasen sollte. Was man ihm hundertmal sagte, vergaß er hundertmal wieder. Am Heiligen Abend, da man uns der Gemeind vorstellte, war er vollends verstummt. Ich mußte darum fast aneinander antworten, von zwei bis fünf Uhr. Im Jahr zuvor ward hingegen ein anderer Knabe, J. W., unterwiesen, ein gar geschicktes Bürschlein, der die Bibel und den Catecist[26] vollkommen inne hatte. Mit dem macht' ich um diese Zeit Bekanntschaft. Von Angesicht war er häßlich, die Kinderblattern hatten ihn jämmerlich zugerichtet, aber sonst ein Kind wie die liebe Stunde. Er hatte einen gesprächigen Vater, von dem er viel lernte, der aber daneben nicht der beste und besonders als ein Erzlügner berühmt war. Der konnt' euch stundenlang die abenteuerlichsten Dinge erzählen, die weder gestoben noch geflogen waren; so daß es zum Sprichwort wurde, wenn einer etwas Unwahrscheinliches sagt: »Das ist ein W. -- Lug!« Wenn er redete, rutschte er auf dem Hintern beständig hin und her. Von seinen Fehlern hatte sein kleiner Bube keinen geerbt, das Lügen am allerwenigsten. Jedermann liebte ihn. Mir war er die Kron in Augen. Wir fingen an, über allerlei Sachen Brieflin zu wechseln, gaben einander Rätsel auf oder schrieben uns Verse aus der Bibel zu, ohne Spezifikation, wo sie stünden; da mußte ein jeder selbst nachschlagen. Oft hielt es schwer oder gar unmöglich, in den Psalmen und Propheten zumal, wo die Verslin meist erstaunlich kurz, und viele fast gleichlautend sind. Bisweilen schrieben wir einander von allen Tieren, welche uns die liebsten seien; dann von allerhand Speisen, welche uns die besten dünkten; dann wieder von Kleidungsstücken, Zeug und Farben, welche uns die angenehmsten wären, und so fort. Da bemühte sich je einer den andern an Anmut zu übertreffen. Oft mocht' ich's kaum erwarten, bis wieder so ein Brieflin von meinem Freunde kam. Er war mir darin noch viel lieber als in seinem persönlichen Umgang. So dauerte es lange, bis einst ein unverschämter Nachbar allerlei wüste Sachen über ihn aussprengte. Obschon ich's nicht glaubte, verringerte sich doch nun, es ist wunderbar, meine Zuneigung zu ihm augenblicklich. Ein paar Jahre nachher, es war vielleicht ein Glück für uns beide, fiel er in eine Krankheit und starb. Ein andrer unsrer Nachbarn, H., hatte auch Kinder von meinem Alter. Aber mit denen konnt' ich nichts; sie waren mir zu witznasig, arge Förschler und Frägler. Um diese Zeit gab mir Nachbar Joggli heimlich um drei Kreuzer eine Tabakspfeife zu kaufen und lehrte mich schmauchen. Lange mußt' ich's im Geheim tun, bis einst ein Zahnweh mir den Vorwand verschaffte, es fortan öffentlich zu treiben. Und, oh, der Torheit! darauf bildete ich mir nicht wenig ein.

[Sidenote: Häusliche Umstände]

[Sidenote: Der Verkauf]