Part 6
Nun flog ich noch zu meinem Ännchen hin, welcher ich erst ein paar Nächte vorher mein Vorhaben entdeckt hatte. Sie ward darüber gewaltig verdrießlich, wollt' sich's aber anfangs nicht merken lassen. »Meinethalben,« sagte sie mit ihrem unnachahmlichen Bitterlächeln, »kannst gehen, hab' gemeint, wer nur so liebt, mag sich packen, wohin er will.« »Ach! Liebchen,« sprach ich, »du weißt wahrlich nicht, wie weh 's mir tut; aber du siehst wohl, mit Ehren könnten wir's so nicht mehr lang aushalten. Und ans Heiraten darf ich jetzt nicht denken. Bin noch zu jung; du bist noch jünger, und beide haben wir keines Kreuzers Wert. Unsre Eltern vermöchten nicht uns ein Nestlin zu schaffen, wir gäben ein ausgemachtes Bettelvölklin. Und wer weiß, das Glück ist kugelrund. Einmal, ich lebe der guten Hoffnung.« »Nun, wenn's so ist, was liegt mir dran?« fiel Ännchen ein. »Aber, gelt! du kommst noch einmal zu mir, eh' du gehst?« »Ja, freilich, warum nicht?« versetzt ich: »Das hätt' ich sonst getan!« Jetzt ging ich, wie gesagt, wirklich, meinem Herzchen das letzte Lebewohl zu sagen. Sie stund an der Tür, sah meine Reisepäckchen, hüllte ihr hold gesenktes Köpfchen in ihre Schürze und schluchzte, ohne ein Wort zu sagen. Das Herz brach mir schier. Es machte mich wirklich schon wankend in meinem Vorhaben, bis ich mich wieder ein wenig erholt hatte. Da dacht' ich: In Gottes Namen! es muß denn doch sein, so weh' es tut. Sie führt mich in ihr Kämmerlin, setzt sich aufs Bett, zieht mich wild an ihren Busen, und -- ach! ich muß einen Vorhang über diese Szene ziehn, so rein sie übrigens war, und so honigsüß mir noch heute ihre Vergegenwärtigung ist. Wer nie geliebt, kann's und soll's nicht wissen, und wer geliebt hat, kann sich's vorstellen. G'nug, wir ließen nicht ab, bis wir beide matt von Drücken, geschwollen von Küssen, naß von Tränen waren, und die andächtige Nonne in der Nachbarschaft Mitternacht läutete. Dann riß ich mich endlich aus Ännchens weichen, holden Armen los. »Muß es denn sein?« sagte sie: »Ist auf Himmel und Erde nichts dafür? Nein! Ich lass' dich nicht, geh' mit dir, so weit der Himmel blau ist. Nein, in Ewigkeit lass' ich dich nicht, mein alles, alles auf der Welt!« Und ich: »Sei doch ruhig, liebes, liebes Herzchen! Denk einmal ein wenig hinaus, was für Freude, wenn wir uns wiedersehen und ich glücklich bin!« Und sie: »Ach! ach! dann laßst du mich sitzen!« Und ich: »Ha! in alle Ewigkeit nicht, und sollt' ich der größte Herr werden und bei Tausenden gewinnen, in alle Ewigkeit lass' ich dich nicht aus meinem Herzen. Und wenn ich fünf, sechs, zehn Jahre wandern müßte, werd' ich dir immer, immer getreu sein. Ich schwör' dir's«! (wir waren jetzt auf der Straße nach dem Dorf, wo Laurenz mich erwartete, fest umschlungen, und gaben uns Kuß und Kuß --) »Der blaue Himmel da ob uns mit allen seinen funkelnden Sternen, diese stille Mitternacht -- diese Straße da sollen Zeugen sein!« Und sie: »Ja! ja! Hier meine Hand und mein Herz, fühl' meinen klopfenden Busen, Himmel und Erde seien Zeugen, daß du mein bist, daß ich dein bin; daß ich, dir unveränderlich getreu, still und einsam deiner harren will, und wenn's zehn und zwanzig Jahre dauern, wenn unsre Haare drüber grau werden sollten; daß mich kein männlicher Finger berühren, mein Herz immer bei dir sein, mein Mund dich im Schlaf küssen soll, bis« -- -- hier erstickten ihr die Tränen alle Worte. Endlich kamen wir zu Laurenzes Haus. Ich klopfte an. Wir setzten uns vors Haus aufs Bänkchen, bis er herunterkam. Wir achteten seiner kaum. Wirklich fing Ännchen jetzt wieder aufs neue an; die Scheu vor einem lebendigen Zeugen gab uns selber den Mut, uns besser zu fassen. Wir waren beide so beredt wie Landvögte. Aber freilich übertraf mich mein Schätzchen in der Redekunst, in Liebkosungen und Schwüren himmelweit. Bald ging's ein wenig bergauf. Nun wollte Laurenz Ännchen nicht weiterlassen. »Genug ist genug, ihr Bürschlin!« sagte er. »Uchel! so kämen wir ewig nicht fort. Ihr klebt da aneinander wie Harz. Was hilft jetzt das Brieggen? Mädel, es ist Zeit, mit dir ins Dorf zurück. Es gibt noch der Knaben mehr als genug!« Endlich, freilich währt' es lange genug, mußt' ich Ännchen selber bitten, umzukehren: »Es muß, es muß doch sein!« Dann noch einen einzigen Kuß, aber einen, wie's in meinem Leben der erste und der letzte war, und ein paar Dutzend Händedrück', und: Leb', leb' wohl! Vergiß mein nicht! Nein, gewiß nicht, nie, in Ewigkeit nicht! Wir gingen; sie stand still, verhüllte ihr Gesicht und weinte überlaut, ich nicht viel minder. Soweit wir uns noch sehen konnten, schweiten[39] wir die Schnupftücher und warfen einander Küsse zu. Jetzt war's vorbei. Wir kamen ihr aus dem Gesicht. Oh, wie's mir da zumute war! Laurenz wollte mir Mut einsprechen und fing eine ganze Predigt an: wie's in der Fremde auch schöne Engel gebe, gegen welche mein Ännchen nur ein Rotznäschen sei und dergleichen. Ich ward böse auf ihn, sagte aber kein Wort, ging immer stumm hinter ihm her, sah wehmütig ans Siebengestirn hinauf. Zwei kleine Sterne gegen Mittag sah ich, wie mir's deuchte, so nahe beisammen, als wenn sie sich küssen wollten, und der ganze Himmel schien mir voll liebender Wehmut zu sein. So ging's fort, ohne meinerseits zu wissen wohin, und ohne den mindesten Gedanken an Gutes oder Böses, das mir etwa bevorstehen könnte. Laurenz plauderte beständig; ich hörte wenig und betete in meinem Inwendigen fast unaufhörlich: Gott behüte meine liebe Anne! Gott segne meine lieben Eltern! Gegen Tagesanbruch kamen wir nach Herisau. Ich seufzte noch immer meinem Schätzchen nach: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Und nun, vielleicht für lange das letztemal, schreib' ich's noch mit großen Buchstaben: ÄNNCHEN!
Wanderschaft
Es war ein Sonntag. Wir kehrten im Hecht ein und blieben da den ganzen Tag. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen jungen Tockenburger oder Appenzeller gesehen hätten, der in die Fremde ging, nicht wußte wohin, noch viel minder warum. An allen Tischen hört' ich viel von Wohlleben und lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu trinken vor. Ich war des Weins nicht gewohnt und darum bald aufgeräumt und recht guter Dingen.
[Sidenote: Nachtwanderung]
Wir machten uns erst bei anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein fuchsroter Herisauer, und, wie Laurenz, ein Müller, war unser Gefährte. Es ging auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Ort kamen wir bei einem Schopf vorbei, wo etliche Mädel beim Licht Flachs schwungen. »Laßt mich einmal,« sagt' ich, »ich muß die Dinger sehn, ob keine meinem Schatz gleiche?« Damit setzt' ich mich unter sie hin und spaßte ein wenig mit ihnen. Aber da war wenig zu vergleichen. Indessen musterten mich meine Führer fort, sagten, ich werde derlei Zeug noch genug bekommen, und machten allerlei schmutzige Anmerkungen, daß ich rot bis über die Ohren ward. Dann kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn. Hier überfiel mich mit eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war, des Marschierens und Trinkens nicht einmal zu gedenken, das erstemal in meinem Leben, daß ich zwo Nächte nacheinander nicht geschlafen hatte. Allein die Kerls wollten nichts vom Rasten hören, pressierten gewaltig auf Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur, ich könnte keinen Schritt weiter, ein Pferd. Das gefiel mir nicht unfein. Unterwegs ging's an ein Predigen, wie ich mich in Schaffhausen verhalten, hübsch grad strecken und frisch antworten sollte. Dann flismeten[40] sie zwei miteinander, doch mit Fleiß so, daß ich's hören mußte, von galanten Herren, die sie kennten, deren Diener es so gut hätten als die Größten im Tockenburg. »Sonderlich,« sagte Laurenz, »kenn' ich einen Deutschländer, der sich dort inkognito aufhält, gar ein vornehmer Herr von Adel, der allerlei Bediente braucht, wo's der geringste besser hat als ein Landamman.« »Ach!« sagt' ich, »wenn ich nur nicht zu ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden!« -- »Nur gradzu gered't, wie's kömmt,« sagten sie, »so haben's dergleichen vornehme Leut' am liebsten.«
[Sidenote: In Schaffhausen]
[Sidenote: Preußische Werbeoffiziere]
Wir kamen noch bei guter Zeit in Schaffhausen an und kehrten beim Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb lahm und stund da wie ein Hosendämpfer. Da ging's von Seite meiner Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege hinaufkamen, hießen sie mich ein wenig auf der Laube warten, traten in die Stube und riefen mich nach wenigen Minuten hinein. Da sah ich einen großen hübschen Mann, der mich freundlich anlächelte. Sofort hieß man mich die Schuh' ausziehn, stellte mich an eine Säul' unter ein Maß und betrachtete mich vom Kopf bis zu'n Füßen. Dann red'ten sie etwas Heimliches miteinander; und hier stieg mir armen Bürschchen der erste Verdacht auf, die zwei Kerls möchten's nicht zum besten mit mir meinen. Dieser Argwohn verstärkte sich, als ich deutlich die Worte vernahm: »Hier wird nichts draus, wir müssen weiter gehn.« »Heut' setz' ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus,« sagt' ich zu mir selber; »ich hab' noch Geld!« Meine Führer gingen hinaus. Ich saß am Tische. Der Herr spazierte das Zimmer auf und ab und guckte mich unterweilen an. Neben mir schnarchte ein großer Bengel auf der Bank, der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube ging, nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirtsjungfer zu fragen, wer denn wohl dieser Bursche sein möchte. »Ein Lumpenkerl,« sagte sie. »Erst heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und schon sauft der H. sich blindstern voll und macht e'n Gestank, puh!« -- »Ha!« sagt' ich, eben als der Herr wieder hereintrat, »so ein Bedienter könnt' ich auch werden.« Dies hört' er, wandte sich gegen mich und sprach: »Hätt'st du zu so was Lust?« »Nachdem es ist,« antwortet' ich. »Alle Tag neun Batzen,« fuhr er fort, »und Kleider so viel du nötig hast.« »Und was dafür tun?« versetzt' ich. Er: Mich bedienen. Ich: Ja! wenn ich's könnte. Er: Will dich's schon lehren. Pursch, du gefällst mir. Wir wollen's vierzehn Tag probieren. Ich: Es bleibt dabei. Damit war der Markt richtig. Ich mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir Essen und Trinken vorsetzen und tat allerlei gutmütige Fragen an mich. Unterdessen waren meine Gefährten, wie ich nachwärts erfuhr, zu ein paar andern preußischen Werbeoffizieren gegangen, deren sich damals fünf auf einmal in Schaffhausen befanden, und machten bei ihrer Zurückkunft große Augen, als sie mich so draufloszechen sahen. »Was ist das?« sagte Laurenz. »Geschwind, komm! Jetzt haben wir dir einen Herrn gefunden.« »Ich hab' schon einen,« antwortet' ich. Und Er: »Wie, was? ohne Umständ« und wollten schon Gewalt brauchen. »Das geht nicht an, ihr Leute!« sagte mein Herr. »Der Bursch' soll bei mir bleiben!« »Das soll er nicht,« versetzte Laurenz. »Er ist uns von seinen Eltern anvertraut.« »Lirum! Larum!« erwiderte der Herr. »Er hat zu mir gedungen, und damit auf und Holla!« Nach einem ziemlich heftigen Wortwechsel gingen sie miteinander in ein Nebenkabinett, wo Laurenz und der Herisauer, wie ich im Verfolg hörte, sich mit drei Dukaten abspeisen ließen, von denen einer meinem Vater werden sollte, den er aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur mit einem Wort von mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf zwanzig Louisdor für mich gefordert haben.
[Sidenote: Als Bedienter]
Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schneider kommen und mir das Maß von einer Montierung nehmen. Alle andern Beitaten folgten in kurzem. Da stand ich gestiefelt und gespornt, funkelnagelneu vom Scheitel bis an die Sohlen. Ein hübscher bordierter Hut, samtne Halsbinde, ein grüner Frack, weißtüchene Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwei paar Schuhen: alles so nett angepaßt. -- Sackerlot! Da bildet' ich mir kein kaltes Kraut ein. Mein Herr reizte mich noch dazu, nur ein wenig stolz zu tun. »Ollrich!« sagte er: »Wenn du die Stadt auf- und abgehst, mußt du hübsch gravitätisch marschieren, den Kopf recht in die Höhe, den Hut ein wenig auf's eine Ohr.« Mit eigner Hand gürtete er mir einen Pallasch an die Seite. Als ich so das erstenmal über die Straße ging, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre. Auch rückte alles den Hut vor mir. Die Leut' im Haus begegneten mir wie einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch möblierte Zimmer, und ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden des Tags das frohe Gewimmel der durchs Schifftor aus- und eingehenden Menschen, Pferde, Wagen, Kutschen und Chaisen, und, was mir nicht wenig schmeichelte, man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald so gut war, als ob ich sein eigner Sohn wäre, lehrte mich frisieren, frisierte mich anfangs selbst und flocht mir einen tüchtigen Haarzopf. Ich hatte nichts zu tun, als ihm bei Tisch zu servieren, seine Kleider auszuklopfen, mit ihm spazieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn und dergleichen. Ha! das war ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft' ich vollends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag' ging ich bald durch alle Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn außer Lichtensteig hatt' ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein größer Wasser als die Thur. Ich spazierte also bald alle Abend an den Rhein hinaus und konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich den Sturz bei Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber so furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein klein winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen kehrt' ich ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen ging's auf den Bonenberg, der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich den Schiffleuten, und fuhr bald selbst mit Pläsier hin und her.
[Sidenote: Unerwarteter Besuch]
So stund's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine wackern Begleiter, das Gerücht in meine Heimat kam, man hätte mich aufs Meer verkauft; namentlich sollte dies ein Mann ausgesagt haben, der mich mit eignen Augen anschmieden und den Rhein hinunterführen gesehn. Schon stellte man mich allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein bei Haus bleiben und sich nicht in die böse Welt wagen sollten. Zwar glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so grämlich tat, ihm Vorwürf' über Vorwürfe machte und Tag und Nacht keine Ruhe ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren und sich selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Märe zu erkundigen. Also an einem Abend, welche Freude für uns beide, als mein innigstgeliebter Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, in meine Kammer trat! Er erzählte mir, was ihn hergeführt, und ich ihm, wie glücklich ich sei. Ich zeigte ihm meinen Kasten, die scharmanten Kleider darin, alles Stück für Stück bis auf die Hemdknöpflin, und stellte ihn meinem guten Herrn vor, der ihn freundlich bewillkommte und bestens zu traktieren befahl. -- Nun aber traf's sich, daß man gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof tanzte, und mein Herr als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten sich solches auch schmecken ließ, so wie mein Vater und ich uns am Tischchen in einem Winkel der großen Gaststube unsern Braten. Ganz unversehens kam er auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch eins mit den jungen Leuten da tanzen.« Vergebens entschuldigt' ich mich und bezeugte auch mein Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da half alles nichts. Er riß mich hinterm Tisch hervor und gab mir die Köchin im Haus, ein artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn vor Scham, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das Mädchen inzwischen riß mich so vertummelt herum, daß ich in kurzem sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Ätti red'te zwar bei dieser ganzen Szene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen wehmütigen Blick, der mir durch die Seele ging. Wir legten uns noch zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde, was ich für einen gütigen Herrn habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne und so fort. Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja, so, es ist gut, und schlief, so wie ich nicht minder, ziemlich unruhig ein. Des Morgens nahm er Abschied, sobald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm die Reisekosten, gab ihm noch einen Taler auf den Weg, und versicherte ihn hoch und teuer, ich sollt' es gewiß gut bei ihm haben und wohl versorgt sein, wenn ich mich weiter treu und redlich betragen würde. Mein redlicher Vater, der nun schon wieder Mut und Zutrauen faßte, dankte höflich und empfahl mich aufs beste. Ich gab ihm das Geleit bis zum Kloster Paradies. Auf der Straße sprachen wir so herzlich miteinander, als es seit jener Krankheit in meiner Jugend nie geschehen. Er gab mir vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und deine Heimat nicht, so wird dich Gottes Vaterhand gewiß auf gute Wege leiten, welche freilich weder ich noch du voraussehn.« Beim Abschied zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behüte, behüte Gott! herstammeln, und dachte immer: Ach! könnt' ich doch mein gegenwärtiges Glück ungetrennt von meinem guten Ätti genießen, jeden Bissen mit ihm teilen, und dergleichen.
[Sidenote: Der Dienst]
[Sidenote: Johann Markoni]
Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen, etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern preußischen Werboffizier sein Bedienter mit dem Schelmen davonging und ihm über achtzig Gulden enttrug, sagte mein Herr zu mir: »Willst du mir's auch einmal so machen, Ollrich?« Ich versetzte lachend: Wenn er mir so etwas zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den ganzen Winter durch die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne Bedienten kleine Touren machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie einen Vater. Aber er war auch freundlich und gütig danach. Nur zu viel konnt' ich spazieren und müßig gehn, und fuhr ich, besonders im Herbst, oft über Rhein auf Feuerthalen, denn die alte Brücke war kurz vorher eingefallen, und die neue erst akkordiert, in die Weinlese. Dort half ich dem jungen Volke Trauben essen, bis ans Halszäpflin. Einmal bei einer solchen Überfahrt sagte mir jemand: »Nun, wie geht's Ulrich? Weißt du auch, daß dein Herr ein preußischer Offizier ist?« Ich: »Ja! meinetwegen, er ist ein herzguter Herr.« »Ja, ja!« sagte jener, »wart' nur, bis d'enmal in Preußen bist, da mußt Soldat sein und dir den Buckel braun und blau gerben lassen. Um tausend Taler möcht' ich nicht in deiner Haut stecken.« Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; ich ging dann geschwind nach Haus und erzählte meinem Herrn alles haarklein, worauf derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so jedem Narren und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, preußischer Offizier bin ich -- und was ist's denn? von Geburt ein polnischer Edelmann, und damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß' ich Johann Markoni. Bisher nanntest du mich Herr Leutnant. Aber eben dieser Grobiane wegen sollst du mich künftig Ihr Gnaden! schelten! Übrigens sei nur getrost und guten Muts, dir soll's, bei Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du anders ein wackrer Bursche bleibst. Soldat solltest werden? Nein, bei meiner Seel' nicht! Ich konnt' dich ja haben, um ein paar schlichte Louisdor wollten deine beiden saubern Landsleut' dich verkaufen. Aber du warst mir dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen an, und ich behielt dir was Besseres vor.« Nun, dacht' ich, bin ich Leibs und Guts sicher. Ha, der gute Herr! Er hätt' mich können haben. Die Schurken! Ja wohl, mich verkaufen? Der Henker lohn's ihnen! Aber komm' mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Was für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni sein, und dabei so gut! Kurz, ich glaubte ihm von nun an alles wie ein Evangelium.
[Sidenote: Oh, die Mütter]
Markoni machte bald hernach eine Reise nach Rottweil am Neckar, zwölf Stunden von Schaffhausen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher sprengte die Stadt hinauf bis ans Schwabentor, daß es donnerte. Ich meinte alle Augenblick', es müsse umschlagen, und wollte mich an allen Wänden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: »Du fällst nicht, Ollrich! Nur hübsch gerade!« Ich war's bald gewohnt, und das Fuhrwerk, sowie überhaupt die ganze Tour machte mir viel Vergnügen. Indessen begegnete mir während der Zeit ein fataler Streich. Meine Mutter war wenige Tage nach unserer Abreise gen Schaffhausen gekommen, und mußte, da ihr der Wirt nicht sagen konnte, wenn wir zurückkämen, noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein Neues Testament und etliche Hemden gebracht, und dem Wirt befohlen, mir's nachzuschicken, falls ich nicht wieder auf Schaffhausen käme. Oh, die gute Mutter! Es war eine kleine Buße für ihren Unglauben, sie wollte dem Vater nicht trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen und erst dann glauben. Ganz trostlos, unter tausend Tränen soll sie wieder von Schaffhausen heimgegangen sein. Dies schrieb mir auf ihr Ansuchen bald darauf Herr Schulmeister Am Bühl zu Wattweil, mit dem Beifügen, sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe, mich jemals wieder zu sehen, hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir ihren Segen. Es war ein sehr schöner Brief, er rührte mich innig. Unter anderm stand auch darin: Als das Gerücht in meine Heimat gekommen, ich müsse über Meer, hätten meine jungen Schwesterchen all ihr armes Gewändlin dahingeben wollen, mich loszukaufen, die Mutter desgleichen. Damals waren ihrer neun Geschwisterte bei Hause. Man sollte denken, das wären ihrer genug. Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre. Wirklich war sie drei Wochen vorher noch im Kindbett gelegen und kaum aufgestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. Oh, die Mütter, die Mütter!
[Sidenote: Hin und her]
[Sidenote: Leben in Rottweil]
Da wir uns einstweilig in Rottweil im Gasthof zur Armbrust niederließen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen, wo er wäre, damit, wenn seine Wachtmeister Rekruten machten, man ihm solche nachschicken könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühl, und -- ich sprang hochauf! -- eines von Ännchen beigebogen; dieses letztre offen, denn es sollte ein Zürchgulden zum Grüßchen drinstecken, und der war fort. Was schierte mich das? Die süßen Fuchswörtlin in dem Briefchen entschädigten mich reichlich. Meiner unverschobnen ausführlichen Antworten auf diese Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Ännchen zumal war lang wie ein Nestelwurm. -- Diesmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rottweil, gingen wieder nach dem lieben Schaffhausen zurück, und machten von Zeit zu Zeit kleine Touren auf Dießenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld u. s. f. Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. Schon als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald ich nur die Schellen ihrer Tiere hörte. Jetzt machte ich nähere Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt aber keine Antwort. Ich wußte nicht, wo es fehlte. Das drittemal bat ich einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das Päckchen an, runzelte die Stirn und wollte weder ja noch nein sagen. Ich gab ihm einen Batzen. »So, so,« sprach jetzt mein Herr Landsmann, »das Ding soll richtig bestellt werden.« Und wirklich bekam ich bald ordentliche Empfangscheine. Meine ältern Briefe und schweren Sachen hingegen waren natürlich nach Holland geschwommen.