Chapter 2 of 15 · 3882 words · ~19 min read

Part 2

Nun wurde wieder eine Magd angeschafft; die war dem Vater recht, weil sie brav arbeitete. Aber Mutter und Großmutter konnten sie nicht leiden, weil sie glaubten, sie schmeichle dem Vater, und trag' ihm alles zu Ohren. Auch war sie krätzig, so daß wir alle die Raud von ihr erbten. Und kurz, die Mütter ruhten nicht; sie mußte fort, und eine andre zu. Die war nun ihnen recht, aber dem Vater nicht, weil sie nur das Haus- aber nicht das Feldwerk verstand. Auch meinte er, sie helfe den Weibern allerhand verschmauchen. Jetzt gab's bald alle Tage Zank. Die Weibervölker stunden zusammen, der Mann hinwieder glaubte, er sei einmal Meister, und kurz, es schien, als wenn der alte Näbis-Joggeli einen guten Teil vom Hausfrieden mit sich unter den Boden genommen hätte. Aus Verdruß ging der Vater einstweilig wieder dem Salpetersieden nach, übergab die Wirtschaft seinem Bruder, als Knecht, und glaubte mit einem so nahen Blutsfreunde wohl versorgt zu sein. Er betrog sich. Er konnt' ihn nur ein Jahr behalten und sah noch zu rechter Zeit die Wahrheit des Sprichworts ein: Wer will, daß es ihm ling, schau selber zu seinem Ding! Nun ging er nicht mehr fort, trat aufs neue an die Spitze der Haushaltung, arbeitete über Kopf und Hals, und hirtete die Kühe selber; ich war sein Handbub, und mußte mich brav tummeln. Die Magd schaffte er ab und dingte dafür einen Geißenknab, da er jetzt einen Fasel Geißen gekauft, mit deren Mist er viel Weid und Wiesen machte. Inzwischen wollten ihn die Weiber noch immer meistern; das konnt' er nicht leiden; 's gab wieder allerlei Händel. Endlich, da er einmal der Großmutter in der Hitz' ein Habermußbecken nachgeschmissen, lief sie davon, und ging wieder zu ihren Freunden in den Näbis. Die Sach' kam vor die Amtsleut. Der Vater mußt' ihr alle Wochen sechs Batzen und etwas Schmalz geben. Sie war ein kleines buckliges Fräulein, mir eine liebe Großmutter, die hinwieder auch mich hielt wie ihr rechtes Großkind, aber, die Wahrheit zu sagen, ein wenig wunderlich, wetterwendisch, ging immer den sogenannten Frommen nach und fand doch niemand recht nach ihrem Sinn. Ich mußt' ihr alle Jahr die Metzgeten[11] bringen, und blieb dann ein paar Tage bei ihr. Da war gut Leben, ich ließ mir's schmecken, ihre wohlgemeinten Ermahnungen hingegen zum einen Ohr ein und zum andern wieder aus. Gewiß kein Ruhm für mich. Aber dergleichen Buben machen's leider Gott erbarm! so. Zuletzt war sie einige Jahre blind, und starb endlich in der Feuerschwand in einem hohen Alter im Jahre 50, 51, oder 52. Sie vermachte mir ein Buch, Arndts wahres Christentum, apart. Sie war gewiß ein gottseliges Weib, in der Schamaten hoch estimiert, und die Leut dort sind mir noch besonders lieb um ihretwillen. Auch glaub' ich gewiß noch Glück von ihr her zu haben; denn Elternsegen ruht auf Kindern und Kindeskindern.

[Sidenote: Allerlei Schicksale]

Unsre Haushaltung vermehrte sich. Es kam alle zwei Jahr geflissentlich ein Kind; Tischgänger genug, aber darum keine Arbeiter. Wir mußten immer viel Taglöhner haben. Mit dem Vieh war mein Vater nie recht glücklich, es gab immer etwas krankes. Er meinte, die starken Kräuter auf unsrer Weid seien nicht wenig schuld daran. Der Zins überstieg alle Jahr die Losung.[12] Wir reuteten viel Wald aus, um mehr Mattland und Geld von dem Holz zu bekommen; und doch kamen wir je länger je tiefer in die Schulden, und mußten immer aus einem Sack in den andern schleufen. Im Winter sollten ich und die ältesten, welche auf mich folgten, in die Schule; aber die dauerte zu Krinau nur zehn Wochen, und davon gingen uns wegen tiefem Schnee noch etliche ab. Dabei konnte man mich schon zu allerlei Nützlichem brauchen. Wir sollten anfangen, Winterszeit etwas zu verdienen. Mein Vater probierte aller Gattung Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er uns letztere kämbeln, Strümpfstricken und dergleichen. Aber keins warf damals viel Lohn ab. Man schmälerte uns den Tisch, meist Milch und Milch, ließ uns lumpen und lempen,[13] um zu sparen. Bis in mein sechzehntes Jahr ging ich selten, und im Sommer barfuß in meinem Zwilchröcklin, zur Kirche. Alle Frühjahr mußte der Vater mit dem Vieh oft weit nach Heu fahren und es teuer bezahlen.

Bubenjahre

[Sidenote: Knabenspiele]

Indessen kümmerte mich alle dies kein Haar. Auch wußt' ich eigentlich nichts davon, und war überhaupt ein leichtsinniger Bube, wie es je einen gab. Alle Tag dacht' ich dreimal ans Essen, und damit aus. Wenn mich der Vater nur mit langanhaltender oder strenger Arbeit verschonte, oder ich eine Weile davonlaufen konnte, war mir alles recht. Im Sommer sprang ich in der Wiese und an den Bächen herum, riß Kräuter und Blumen ab, und machte Sträuße wie Besen; dann durch alles Gebüsch, den Vögeln nach, kletterte auf die Bäume und suchte Nester. Oder ich las ganze Haufen Schneckenhäuslein oder hübsche Steine zusammen. War ich müd', so setzt' ich mich an die Sonne und schnitzte zuerst Hagstecken,[14] dann Vögel, und zuletzt gar Kühe; denen gab ich Namen, zäunt' ihnen eine Weid ein, baut' ihnen Ställe, und fütterte sie, verhandelte dann bald dies bald jenes Stück, und machte immer wieder schönere. Ein andermal richtete ich Öfen und Feuerherd auf und kochte aus Sand und Lett[15] einen saubern Brei. Im Winter wälzt ich mich im Schnee herum, und rutschte bald in einer Scherbe von einem zerbrochenen Napf, bald auf dem bloßen Hintern, die Gähen hinunter. Das trieb ich alles so, wie's die Jahreszeit mitbrachte, bis mir der Vater durch den Finger pfiff, oder ich sonst merkte, daß es Zeit über Zeit war. Noch hatt' ich keine Kameraden; doch wurd' ich in der Schule mit einem Buben bekannt, der oft zu mir kam, und mir allerhand Lappereien um Geld anbot, weil er wußte, daß ich von Zeit zu Zeit einen halben Batzen zu Trinkgeld erhielt. Einst gab er mir ein Vogelnest in einem Mausloch zu kaufen. Ich sah täglich darnach. Aber eines Tages waren die Jungen fort; das verdroß mich mehr, als wenn man dem Vater alle Küh' gestohlen hätte. Ein andermal, an einem Sonntag, bracht' er Pulver mit -- bisher kannt' ich diesen Höllensamen nicht -- und lehrte mich Feuerteufel machen. Eines Abends hatt' ich den Einfall: Wenn ich auch schießen könnte! Zu dem End' nahm ich eine alte, eiserne Brunnröhre, verklebte sie hinten mit Lehm, und machte eine Zündpfanne, auch von Lehm; in diese tat ich das Pulver, und legte brennenden Zunder daran. Da's nicht losgehen wollte, blies ich ... Puh! mir Feuer und Lehm alles ins Gesicht. Dies geschah hinterm Haus; ich merkte wohl, daß ich was Unrechtes tat. Inzwischen kam meine Mutter, die den Klapf gehört hatte, herunter. Ich war elend blessiert. Sie jammerte und half mir hinauf. Auch der Vater hatte oben in der Weide die Flamm gesehen, weil's fast Nacht war. Als er heimkam, mich im Bett antraf, und die Ursache vernahm, ward er grimmig böse. Aber sein Zorn stillte sich bald, als er mein verbranntes Gesicht erblickte. Ich litt große Schmerzen. Aber ich verbiß sie, weil ich sonst fürchtete, noch Schläge obendrein zu bekommen, und wußte, daß ich solche verdient hätte. Doch mein Vater empfand, daß ich Schläge genug habe. Vierzehn Tage sah ich keinen Stich; an den Augen hatt' ich kein Härlein mehr. Man hatte große Sorgen wegen dem Gesicht. Endlich ward's allmählig und von Tag zu Tag wieder besser. Jetzt, sobald ich vollkommen hergestellt war, machte es der Vater mit mir, wie Pharao mit den Israeliten, ließ mich tüchtig arbeiten und dachte: So würden mir die Possen am besten vergehen. Er hatte recht. Aber damals konnt' ich's nicht einsehen, und hielt ihn für einen Tyrann, wenn er mich so des Morgens früh aus dem Schlaf nahm, und an das Werk musterte. Ich meinte, das wär' eben nicht nötig; die Kühe gäben ja die Milch von sich selber.

[Sidenote: Beschreibung von Dreyschlatt]

Dreyschlatt ist ein wilder, einöder Ort, zuhinderst an den Alpen Schwämle, Kreutzegg und Aueralp; vorzeiten war's eine Sennweid. Hier gibt's immer kurzen Sommer und langen Winter, während letzterm meist ungeheuern Schnee, der oft noch im Mai ein paar Klafter tief liegt. Einst mußten wir noch am heiligen Pfingstabend einer neuangelangten Kuh mit der Schaufel zum Haus pfaden. In den kürzesten Tagen hatten wir die Sonn' nur fünf Viertelstunden. Dort entsteht unser Rotenbach, der dem Fäsi in seiner Erdbeschreibung und dem Walser in seiner Kart entwischte, ungeachtet er zweimal größer als der Schwendi- oder Lederbach ist, der viele Mühlen, Sägen, Walken, Stampfen und Pulvermühlen treibt. Doch beim Dreyschlatt hat es das herrlichste Quellwasser; und wir in unserm Haus und Scheuer aneinander hatten einen Brunnen, der nie gefror, unterm Dach, so daß das Vieh den ganzen Winter über nie den Himmel sah. -- Wenn's im Dreyschlatt stürmt, so stürmt's recht. Wir hatten eine gute, nicht gähe Wiese von vierzig bis fünfzig Klafter Heu und eine grasreiche Weide. Auf der Sommerseite im Altischwil ist's schon früher, aber auch gäher und rauher. Holz und Stroh gibt's genug. Hinterm Haus ist ein Sonnenrain, wo's den Schnee wegbläst, der hingegen an einem Schattenrain vor dem Haus im Frühjahr oft noch liegen bleibt, wenn's an jenem schon Gras und Schmalzblumen hat. Am frühesten und am spätesten Ort auf dem Gut trifft's wohl vier Wochen an.

Ja! ja! sagte jetzt eines Tags mein Vater, der Bub wächst, wenn er nur nicht so ein Narr wäre, ein verzweifelter Lappi; auch gar kein Hirn. Sobald er an die Arbeit muß, weiß er nicht mehr, was er tut. Aber von nun an muß er mir die Geißen hüten, so kann ich den Geißbub abschaffen. Ach! sagte meine Mutter, so kommst du um Geißen und Bub. Nein! Nein! Er ist noch zu jung. Was, jung? sagte der Vater, ich will es drauf wagen, er lernt's nie jünger, die Geißen werden ihn schon lehren, sie sind oft witziger als die Buben, ich weiß sonst nichts mit ihm anzufangen.

[Sidenote: Der Geißbube]

~Mutter~: Ach! was wird mir das für Sorg' und Kummer machen. Sinn' ihm auch nach! Einen so jungen Bub mit einem Fasel Geißen in den wilden, einöden Kohlwald schicken, wo ihm weder Steg noch Weg bekannt sind, und es so gräßliche Töbler hat. Und wer weiß, was für Tier sich dort aufhalten, und was für schreckliches Wetter einfallen kann? Denk' doch, eine ganze Stund' weit! und bei Donner und Hagel, oder wenn die Nacht einfällt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und du mußt's verantworten.

~Ich~: Nein, nein, Mutter! Ich will schon Sorge haben, und kann ja dreinschlagen, wenn ein Tier kommt, und vorm Wetter untern Felsen kreuchen, und wenn's nachtet, heimfahren, und die Geißen will ich, was gilt's, schon paschgen.[16]

~Vater~: Hörst jetzt! Eine Woche mußt' mir erst mit dem Geißbub gehen. Dann gib Achtung, wie er's macht, wie er die Geißen alle heißt und ihnen lockt und pfeift, wo er durchfahrt, und wo sie die beste Weid finden.

[Sidenote: Der Beckle]

Ja, ja! sagt' ich, sprang hochauf und dacht': Im Kohlwald bist du frei; da wird dir der Vater nicht immer pfeifen und dich von einer Arbeit zur andern jagen. Ich ging also etliche Tage mit unserm Beckle hin, so hieß der Bub, ein rauher, wilder, aber ehrlicher Bursche. Denkt doch! Er stund eines Tags wegen einer Mordtat im Verdacht, da man eine alte Frau, welche wahrscheinlich über einen Felsen hinunterstürzte, auf der Kreutzegg tot gefunden. Der Amtsdiener holte ihn aus dem Bett nach Lichtensteig. Man merkte aber bald, daß er ganz unschuldig war, und er kam zu meiner großen Freud noch denselben Abend wieder heim. -- Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Der Vater wollte zwar den Beckle als Knecht behalten; aber die Arbeit war ihm zu streng, und er nahm im Frieden seinen Abschied. Anfangs wollten mir die Geißen, deren ich bis dreißig Stück hatte, kein gut tun; das machte mich wild, und ich versucht' es, ihnen mit Steinen und Prügeln den Meister zu zeigen, aber sie zeigten ihn mir, ich mußte also die glatten Wort' und das Streicheln und Schmeicheln zur Hand nehmen. Da taten sie, was ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheucht' ich sie so, daß ich oft nicht mehr wußte, was anfangen, wenn sie alle ins Holz und Gesträuch liefen, und ich meist rundum keine einzige mehr erblicken konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen und johlen, sie an den Galgen verwünschen, brüllen und lamentieren mußte, bis ich sie wieder beieinander hatte.

[Sidenote: Hirtenstand]

Drei Jahre hatte ich so meine Herde gehütet; sie ward immer größer, zuletzt über hundert Köpf; mir immer lieber, und ich ihnen. Im Herbst und Frühling fuhren wir auf die benachbarten Berge, oft bis zwei Stunden weit. Im Sommer hingegen durft' ich nirgends hüten als im Kohlwald, eine mehr als Stund weite Wüstenei, wo kein recht Stück Vieh weiden kann. Dann ging's zur Aueralp, zum Kloster St. Maria gehörig, lauter Wald, oder Kohlplätz und Gesträuch, manches dunkle Tobel und steile Felswand, an denen noch die beste Geißweid zu finden war. Von unserm Dreyschlatt weg hatt' ich alle Morgen eine Stunde Wegs zu fahren, eh' ich nur ein Tier durfte anbeißen lassen; erst durch unsre Viehweid, dann durch einen großen Wald, in die Kreuz und Quer, bald durch diese, bald durch jene Abteilung der Gegend, deren ich jede mit einem eigenen Namen taufte. Da hieß es im vordern Boden; dort, zwischen den Felsen; hier, in der Weißlauwe; dort im Köllermelch, auf der Platten, im Kessel. Alle Tag hütete ich an einem andern Ort, bald sonnen-, bald schattenhalb.[17] Zu Mittag aß ich mein Brötlein, und was mir sonst die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt' ich meine eigne Geiß, an der ich sog. Die Geißaugen waren meine Uhr. Gegen Abend fuhr ich immer wieder den nämlichen Weg nach Haus, auf dem ich gekommen war.

Welche Lust, bei angenehmen Sommertagen über die Hügel fahren, durch Schattenwälder streichen, durchs Gebüsch Eichhörnchen jagen und Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten meine Geißen zwei bis drei Stunden aus, wann es heiß war noch mehr. Ich aß mein Mittagsbrot, sog mein Geißchen, badete im spiegelhellen Wasser und spielte mit den jungen Gitzen. Immer hatt' ich einen Gertel[18] oder eine kleine Axt bei mir und fällte junge Tännchen, Weiden oder Ilmen. Dann kamen meine Geißen haufenweis und kafelten[19] das Laub ab. Wenn ich ihnen Leck, Leck rufte, ging's gar im Galopp, und wurd' ich von ihnen wie eingemauert. Alles Laub und Kräuter, die sie fraßen, kostete auch ich; und einige schmeckten mir sehr gut. Solang der Sommer währte, florierten die Erd-, Im-, Heidel- und Brombeeren; deren hatt' ich immer vollauf, und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug nach Haus bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst daran zum Ekel überfraß. Und welch' Vergnügen machte mir jeder Tag, jeder neue Morgen! wenn jetzt die Sonne die Hügel vergoldete, denen ich mit meiner Herde entgegenstieg, dann jenen haldigen Buchenwald, und endlich die Wiesen und Weidplätze beschien. Tausendmal denk' ich dran, und oft dünkt's mich, die Sonne scheine jetzt nicht mehr so schön. Wenn dann alle anliegenden Gebüsche von jubilierenden Vögeln ertönten, und dieselben um mich her hüpften, oh! was fühlt' ich da! Ha, ich weiß es nicht! Halt süße, süße Lust! Da sang' und trillerte ich mit, bis ich heiser ward. Ein andermal spürte ich den muntern Waldbürgern durch alle Stauden nach, ergötzte mich an ihrem hübschen Gefieder, und wünschte, daß sie nur halb so zahm wären wie meine Geißen, beguckte ihre Jungen und ihre Eier, und erstaunte über den wundervollen Bau ihrer Nester. Oft fand ich deren in der Erde, im Moos, im Farrn, unter alten Stöcken, in den dicksten Dörnern, in Felsritzen, in hohlen Tannen oder Buchen; oft hoch im Gipfel, in der Mitte, zu äußerst auf einem Ast. Meist wußt' ich ihrer etliche. Das war mir eine Wonne, und fast mein einziges Sinnen und Denken, alle Tag gewiß einmal nach allen zu sehn, wie die Jungen wuchsen, wie das Gefieder zunahm, wie die Alten sie fütterten. Anfangs trug ich einige mit mir nach Haus, oder brachte sie sonst an einen bequemeren Ort. Aber dann waren sie dahin. Nun ließ ich's bleiben und sie lieber groß werden. Da flogen sie mir aus. Ebensoviel Freuden brachten mir meist meine Geißen. Ich hatte von allen Farben, große und kleine, kurz- und langhaarige, bös- und gutgeartete. Alle Tage ruft' ich sie zwei- bis dreimal zusammen und überzählte sie, ob ich's voll habe? Ich hatte sie gewöhnt, daß sie auf mein Zub, Zub! Leck, Leck! aus allen Büschen hergesprungen kamen. Einige liebten mich sonderbar, und gingen den ganzen Tag nie einen Büchsenschuß weit von mir; wenn ich mich verbarg, fingen sie alle ein Zetergeschrei an. Von meinem Duglöörle, so hieß ich meine Mittagsgeiß, konnt' ich mich nur mit List entfernen. Das war ganz mein eigen. Wo ich mich setzte oder legte, stellte es sich über mich hin, und war gleich parat zum Saugen oder Melken; und doch mußt' ich's in der besten Sommerszeit oft noch ganz voll heimführen. Andremal melkt' ich es einem Köhler, bei dem ich manche liebe Stund zubrachte, wenn er Holz schrotete oder Kohlhaufen brannte.

Welch' Vergnügen dann am Abend, meiner Herde auf meinem Horn zur Heimreise zu blasen! Zuzuschauen, wie sie alle mit runden Bäuchen und vollen Eutern dastunden, und zu hören, wie munter sie sich heimblökten. Wie stolz war ich, wann mich der Vater lobte, daß ich gut gehütet habe! Run ging's an ein Melken, bei gutem Wetter unter freiem Himmel. Da wollte jede zuerst über dem Eimer von der drückenden Last ihrer Milch los sein und beleckte dankbar ihren Befreier.

Nicht daß lauter Lust beim Hirtenleben wäre! Potz Tausend, nein! Da gibt's Beschwerden genug. Für mich war's lang die empfindlichste, des Morgens so früh mein warmes Bettlin zu verlassen, und bloß und barfuß ins kalte Feld zu marschieren, wenn's zumal einen baumstarken Reif hatte, oder ein dicker Nebel über die Berge herabging. Wenn dann dieser gar so hoch ging, daß ich ihm mit meiner bergansteigenden Herde das Feld nicht abgewinnen und keine Sonn' erreichen konnte, verwünscht' ich ihn in Ägypten hinein, und eilte, was ich eilen konnte, aus der Finsternis wieder in ein Tälchen hinab. Erhielt ich hingegen den Sieg, und gewann die Sonne und den hellen Himmel über mir, das große Weltmeer von Nebeln, und hie und da einen hervorragenden Berg, wie eine Insel unter meine Füße, was das dann für ein Stolz und eine Lust war! Da verließ ich den ganzen Tag die Berge nicht, und mein Aug' konnt' sich nie satt schauen, wie die Sonnenstrahlen auf diesem Ozean spielten, und Wogen von Dünsten in den seltsamsten Figuren sich drauf herumtaumelten, bis sie gegen Abend mich wieder zu übersteigen drohten. Dann wünscht' ich mir Jakobs Leiter; aber umsonst, ich mußte fort. Ich ward traurig, und alles stimmte in meine Trauer ein. Einsame Vögel flatterten matt und mißmütig über mir her, und die großen Herbstfliegen summsten mir so melancholisch um die Ohren, daß ich weinen mußte. Dann fror ich fast noch mehr als am frühen Morgen, und empfand Schmerzen an den Füßen, obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt' ich die meiste Zeit Wunden oder Beulen an ein paar Gliedern, und wenn eine Blessur heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre, sprang entweder auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stück Haut an einem Zehen, oder hieb mir mit meinen Instrumenten eins in die Finger. Ans Verbinden war selten zu gedenken; und doch ging's meist bald vorüber. Die Geißen hiernächst machten mir, wie schon gesagt, anfangs großen Verdruß, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil ich ihnen nicht recht zu befehlen verstund. Ferner prügelte mich der Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete, wo er mir befohlen hatte, und nur hinfuhr, wo ich gerne sein mochte, und die Geißen nicht das rechte Bauchmaß heimbrachten, oder er sonst ein loses Stücklein von mir erfuhr. Dann hat ein Geißbub überhaupt viel von andern Leuten zu leiden. Wer will einen Fasel Geißen immer so in Schranken halten, daß sie nicht einem Nachbar in die Wiesen oder Weid gucken? Wer mit soviel lüsternen Tieren zwischen Korn- und Haberbrachen, Räb- und Kabisäckern[20] durchfahren, daß keins ein Maul voll versuchte? Da ging's an ein Fluchen und Lamentieren: Bärenhäuter! Galgenvogel! waren meine gewöhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Äxten, Prügeln und Hagstecken, einst gar einer mit einer Sense nach, der schwur, mir ein Bein vom Leibe wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Füßen, und nie hat mich einer erwischen mögen. Die schuldigen Geißen wohl haben sie mir oft ertappt und mit Arrest belegt; dann mußte mein Vater hin und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab's Schläge. Etliche unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwärtig und richteten mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich freilich: Wartet nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh' recht sind, so will ich euch auch die Buckel salben. Aber man vergißt's, und das ist gut. Und dann hat das Sprichwort doch auch seinen wahren Sinn: »Wer will ein Biedermann sein und heißen, der hüt' sich vor Tauben und Geißen.« -- So gibt es freilich dieser und anderer Widerwärtigkeiten genug in dem Hirtenstand. Aber die bösen Tage werden reichlich von den guten ersetzt, wo es gewiß keinem König so wohl ist.

[Sidenote: Neue Lebensgefahren]

Im Kohlwald war eine Buche gerad über einem mehr als turmhohen Fels herausgewachsen, so daß ich über ihren Stamm wie über einen Steg spazieren und in eine gräßlich finstre Tiefe hinabgucken konnte; wo die Äste angingen, stund sie wieder geradeauf. In dieses seltsame Nest bin ich oft gestiegen und hatte meine größte Lust daran, so in den fürchterlichen Abgrund zu schauen, um zu sehen, wie ein Bächlein neben mir herunterstürzte und sich in Staub zermalmte. Einst schwebte mir diese Gegend im Traume so schauderhaft vor, daß ich von da an nicht mehr hinging. Ein andermal befand ich mich mit meinen Geißen jenseits der Aueralp, auf der Dürrwälder Seite gegen den Rotenstein. Ein Junges hatte sich zwischen zween Felsen verstiegen und ließ eine jämmerliche Melodie von sich hören. Ich kletterte nach, um ihm zu helfen. Es ging so eng und gäh, und zickzack zwischen Klippen durch, daß ich weder obsich noch niedsich[21] sehen konnte und oft auf allen Vieren kriechen mußte. Endlich verstieg ich mich gänzlich. Über mir stund ein unerklimmbarer Fels; unter mir schien's fast senkrecht, ich weiß selbst nicht wie weit hinab. Ich fing an zu rufen und zu beten, so laut ich konnte. In einer kleinen Entfernung sah ich zwei Menschen durch eine Wiese marschieren. Ich gewahrt' es gar wohl, sie hörten mich; aber sie spotteten meiner und gingen ihre Straße. Endlich entschloß ich mich, das Äußerste zu wagen und lieber mit eins des Todes zu sein, als noch weiter in dieser peinlichen Lage zu verharren, und doch nicht lange mehr ausharren zu können. Ich schrie zu Gott in Angst und Not, ließ mich auf den Bauch nieder, meine Händ' obsich verspreitet, daß ich mich an den kahlen Fels so gut als möglich anklammern könne. Aber ich war todmüd, fuhr wie ein Pfeil hinunter, zum Glück war's nicht so hoch, als ich im Schrecken geglaubt hatte, und blieb ebenrecht in einem Schlund stecken, wo ich mich wieder halten konnte. Freilich hatt' ich Haut und Kleider zerrissen und blutete an Händen und Füßen. Aber wie glücklich schätzt' ich mich nicht, daß ich nur mit dem Leben und unzerbrochnen Gliedern davonkam! Mein Geißchen mag sich auch durch einen Sprung gerettet haben; einmal, ich fand's schon wieder bei den übrigen.