Chapter 15 of 15 · 1363 words · ~7 min read

Part 15

Mein Vaterland ist zwar kein Schlaraffenland, kein glückliches Arabien und kein reizendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg, dessen Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leute verschrien waren, aber allerorten, soweit ich gekommen bin, hab ich ebenso grobe, wo nicht viel gröbere -- ebenso dumme, wo nicht viel dümmere Leut' angetroffen. -- Unser Tockenburg ist ein anmutiges, zwölf Stunden langes Tal, mit vielen Nebentälchen und fruchtbaren Bergen umschlossen. Das Haupttal zieht sich in einer Krümmung von Südost nach Nordost hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhöhe, steht mein Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine treffliche Aussicht beinahe über das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal das entzückendste Vergnügen gewährte, bald in das mit Dörfern reich besetzte Tal hinab, bald auf die mit den fettesten Weiden, Wiesen und Gehölzen bekleideten und abermals mit zahllosen Häusern übersäten Anhöhen zu beiden Seiten, über welche sich noch die Gipfel der Alpen hoch in die Wolken erheben, dann wieder hinunter auf die durch viele Krümmungen sich mitten durch unser Haupttal schlängelnde Thur, deren Dämme und mit Erlen und Weiden bepflanzten Ufer die angenehmsten Spaziergänge bilden. Mein hölzernes Häuschen liegt gerade da, wo das Gelände am allerlieblichsten ist, und besteht aus einer Stube, drei Kammern, Küche und Keller -- Potz Tausend! die Nebenstube hätt' ich bald vergessen -- einem Geißställchen, Holzschopf, und dann rings ums Häuschen ein Gärtchen, mit etlichen kleinen Bäumen besetzt, und mit einem Dornhag tapfer umzäunt. Aus meinem Fenster hör' ich von drei bis vier Orten her läuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor meiner Türe liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter Rasenplatz. Von da seh' ich senkrecht in die Thur hinab, auf die Bleichen hinüber, auf das schöne Dorf Wattwil, auf das Städtchen Lichtensteig und hinwieder durchs Tal hinauf. Hinter meinem Haus rinnt ein Bach herab, der Thur zu, der aus einem romantischen Tobel kömmt, wo er über Steinschrofen[57] daherrauscht. Sein jenseitiges Ufer ist ein sonnenreiches Wäldchen, mit einer hohen Felswand begrenzt. In dieser nisten alle Jahr' etliche Sperber und Habichte in einer unzugänglichen Höhle. Diese, und dann noch ein gewisser Berg, der mir um die Tag- und Nachtgleiche die liebe Sonne des Morgens eine Stunde zu lang aufhält, sind mir unter allem, was zu dieser meiner Lage gehört, allein widerlich. Beide würd' ich gern verkaufen oder gar verschenken. Die vertrackten Sperber zumal plagen nicht nur von Mitte April bis spät in den Herbst mit ihrem Zetergeschrei meine Ohren, sondern, was noch weit ärger ist, verjagen mir die lieben Singvögelchen, daß bald kein einziges mehr in der Gegend sich einzunisten wagt. Meine Nachbarn sind recht gute ehrliche Leute, die ich aufrichtig schätze und liebe. Freilich läuft bisweilen auch ein andrer mit unter, wie überall. Innige Freunde, mit denen man Gedanken wechseln und Herzen tauschen kann, hab' ich in der Nähe keine. Dies ersetzen mir meine platonischen Geliebten in meinem Stübchen. Im Frühling liegt mir der Schnee auch ein bißchen zu lang in meinem Gärtchen. Aber ich fange einen Krieg mit ihm an, zerfetze ihn zu kleinen Stücken, und werfe ihm Asche und Kot auf die Nase; dann verkriecht er sich in die Erde, so daß ich noch mit den Frühesten gärtnen kann. Und überhaupt macht mir dies kleine Grundstück viel Vergnügen. Zwar ist die Erde ziemlich grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fünfundzwanzig Jahr bearbeitet habe, demungeachtet gibt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen, und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genüge; mitunter auch Blumenwerk und Rosen die Fülle. Kurz, es freut mich so wohl, als manchen Fürsten all' seine babylonischen Gärten. -- Sag' also, Bub! ist unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und doch nahe bei den Leuten; mitten im Tal, und doch ein wenig erhöht. Oder geh' mir einmal im Maimond auf jenen Rasenhügel vor unserer Hütte. Schau durchs buntgeschmückte Tal hinauf; sieh', wie die Thur sich mitten durch die schönsten Auen schlängelt; wie sie ihre noch trüben Schneewasser gerade unter deinen Füßen fortwälzt. Sieh', wie an ihren beiden Ufern unzählige Kühe mit geschwollenen Eutern im Gras waten. Höre das Jubelgetön von den großen und kleinen Buschsängern. Ein Weg geht zwar an unsern Fenstern vorbei; aber der ist noch nichts. Sieh' erst jenseits der Thur jene Landstraße mitten durchs Tal, die nie leer ist. Sieh' jene Reihe Häuser, welche Lichtensteig und Wattwil wie zusammenketten. Da hast du einigermaßen, was man in Städten und auf dem Lande nur haben kann. Ha! sagst du vielleicht, aber diese Matten und Kühe sind nicht unser! Närrchen! freilich sind sie und die ganze Welt ist unser. Oder wer wehrt dir, sie anzusehn, und Lust und Freud' an ihnen zu haben? Butter und Milch bekomm' ich ja von dem Vieh, das darauf weidet, so viel mir gelüstet, also haben ihre Eigentümer nur die Mühe zum Vorteil. Was braucht es, jene Alpen mein zu heißen? Oder jene zierlich prangenden Obstbäume? Bringt man uns ja ihre schönsten Früchte ins Haus! Oder jenen großen Garten? Riechen wir ja seine Blumen von weitem! Und selbst unser eigener kleiner, wächst nicht alles darin, was wir hineinsetzen, pflegen und warten? Also, lieber Junge! wünsch' ich dir, daß du bei allen diesen Gegenständen nur das empfinden möchtest, was ich dabei schon empfunden habe und noch täglich empfinde; daß du mit eben dieser Wonne und Wollust den Höchstgütigen in allem findest und fühlest, wie ich ihn fand und fühlte, so nahe bei mir, rings um mich her, und in mir, wie er dies mein Herz aufschloß, das er so weich und so fühlend schuf. Lieber Knabe! Beschreiben kann ich's nicht. Aber mir war schon oft, ich sei verzückt, wenn ich all' diese Herrlichkeit überschaute, und so, in Gedanken vertieft, den Vollmond über mir, dieser Wiese entlang hin und her ging, oder an einem schönen Sommerabend dort jenen Hügel bestieg, die Sonne sinken, die Schatten steigen sah, mein Häuschen schon in blauer Dämmerung stand, die schwirrenden Weste mich umsäuselten, die Vögel ihr sanftes Abendlied anhuben. Wenn ich dann vollends bedachte: »Und dies alles für dich, armer, schuldiger Mann?« Und eine göttliche Stimme mir zu antworten schien: »Sohn! dir sind deine Sünden vergeben.« Oh! wie da mein Herz in süßer Wehmut zerschmolz, wie ich dem Strom meiner Freudentränen freien Lauf ließ, und alles rings um mich her, Himmel und Erde, hätte umarmen mögen, und noch selige Träume der folgenden Nacht mein gestriges Glück wiederholten.

ENDE

Fußnoten:

[Footnote 1: Abgemessene Garnmenge.]

[Footnote 2: Vorraum zum Haus.]

[Footnote 3: Hütte für Vieh und Heu.]

[Footnote 4: Bachschlucht.]

[Footnote 5: Rinne, die über einen Abhang fällt, in der man das gefällte Holz hinabgleiten läßt.]

[Footnote 6: Des anderen Tages.]

[Footnote 7: Aus gröberem minderwertigen Flachs- oder Hanfwerg Garn spinnen.]

[Footnote 8: Sävenstrauch (+Juniperus Sabina+), eine Wacholderart.]

[Footnote 9: Schmalvieh, junges Vieh, Aufzucht.]

[Footnote 10: Nach einem Jahr aus dem Dienst gehen.]

[Footnote 11: Geschenk von Fleisch und Würsten beim Schlachten.]

[Footnote 12: Erlös; Einnahme.]

[Footnote 13: Armselig haushalten.]

[Footnote 14: Stecken für einen Hag; Zaunpfahl.]

[Footnote 15: Lehm.]

[Footnote 16: Bezwingen; meistern.]

[Footnote 17: Bald auf der Sonnen-, bald auf der Schattenseite.]

[Footnote 18: Kleines Handbeil mit langer Schneide.]

[Footnote 19: Nagen.]

[Footnote 20: Äcker von weißen Rüben und Kohl.]

[Footnote 21: Weder aufwärts noch abwärts.]

[Footnote 22: Emporbringen, heben.]

[Footnote 23: Herumstreichen.]

[Footnote 24: Fetzen.]

[Footnote 25: Heer = Pfarrer.]

[Footnote 26: Katechismus.]

[Footnote 27: Haus- und Ackergerät.]

[Footnote 28: Weide für die Sommerszeit.]

[Footnote 29: Taglöhnern; um Taglohn arbeiten.]

[Footnote 30: Meiner Seel!]

[Footnote 31: Zerbrechen, zerreißen.]

[Footnote 32: Branntwein.]

[Footnote 33: Flink.]

[Footnote 34: Zu Besuch.]

[Footnote 35: Die Zeche.]

[Footnote 36: Lustiger Feiertag.]

[Footnote 37: Heidelbeeren.]

[Footnote 38: Weinen.]

[Footnote 39: Schwenkten.]

[Footnote 40: Flüsterten.]

[Footnote 41: Poltern, groß sprechen, Wind machen.]

[Footnote 42: Rotte.]

[Footnote 43: Der Große Kurfürst.]

[Footnote 44: Kohlköpfe; in verächtlicher Bedeutung: Dickköpfe.]

[Footnote 45: Ursprünglich: im Kloster gebrautes Bier; hier: Dünnbier.]

[Footnote 46: Sittsam: Gegenteil von ungeschlacht.]

[Footnote 47: Erhasten.]

[Footnote 48: Ungestüm.]

[Footnote 49: Gemeindeweide.]

[Footnote 50: Herumstreichen.]

[Footnote 51: Selle: der wagerechte Grundbalken des Hauses. (Schwelle.)]

[Footnote 52: Mit dem Klöpel an die Glocke schlagen; übertragen: hinken.]

[Footnote 53: Eigensinnig.]

[Footnote 54: Steif wie ein Stab, starr.]

[Footnote 55: Geflüchtet; in Sicherheit gebracht.]

[Footnote 56: Tropf, Tölpel.]

[Footnote 57: Felsabsatz.]