Part 11
Schon im vorigen Jahre geriet ich bei meinem Herumpatrouillieren hie und da an eine sogenannte Schöne; und es gab deren nicht wenig, die mir herzlich gut waren, aber meist ohne Vermögen. Ich nichts, sie nichts, dacht' ich dann, ist doch zu wenig, denn so unbedachtsam war ich nicht mehr wie im zwanzigsten. Auch sprach der Vater immer zu uns: »Buben! seid doch nicht so wohlfeil. Seht euch vor. Ich will's euch zwar nicht wehren; aber werft den Bengel ein Bißlin hoch, er fällt schon von selbst wieder tief; in diesem Punkt darf sich einer alleweil was Rechtes einbilden.« Nun, das war schön und gut; aber es muß einer denn doch durch, wo's ihm geschaufelt ist. Gleichwohl dacht' ich etwas zu erhaschen, und glaubte mich eigentlich zum Ehestand bestimmt, sonst wär' ich um diese Zeit sicher in die weite Welt gegangen. Inzwischen war, aller meiner obbelobten Bedächtlichkeit ungeachtet, der Geiz wirklich nicht meine Sache. Ein Mädchen, ganz nach meinem Herzen, hätt' ich nackend genommen. Aber da leuchtete mir eben keine vollkommen ein, wie weiland mein Ännchen. Mit einem gewissen Lieschen war ich ein paarmal auf dem Sprung. Erst machte das Ding Bedenklichkeiten; nachwärts bot es sich selber an. Aber meine Neigung zu ihr war zu schwach; und doch glaub' ich nicht, daß ich unglücklich mit ihr gefahren wäre. Aber zu stockig ist zu stockig. Bald darauf kam ich fast ohne mein Wissen und Willen mit der Tochter einer katholischen Witwe in einen Handel, welcher ziemliches Aufsehen machte, obschon ich nur ein paarmal mit ihr spazieren gegangen war und ein Glas Wein mit ihr getrunken hatte, alles ohne sonderliche Absicht, und vornehmlich ohne sonderliche Liebe. Aber da blies man meinem Vater ein, ich wolle katholisch, und Marianchens Mutter, sie wolle reformiert werden; und doch hatte keins von uns so wenig an den Glauben als eine Änderung desselben gedacht. Das arme Ding kam wirklich darüber in eine Art geheimer Inquisition von Geist- und Weltlichen, erzählte mir alles haarklein, und ihr ward himmelangst. Ich hingegen lachte im Herzen des dummen Lärms, um so viel mehr, da mein Vater solider zu Werk ging, mich zwar freundernstlich examinierte, aber mir dann auch auf mein Wort glaubte, als ich ihm sagte, daß ich so steif und fest auf mein Bekenntnis leben und sterben wollte, als Lutherus oder unsre Landskraft Zwingli. Inzwischen wurde die Sache auf Marianchens Seite ernsthafter, als ich glaubte. Das gute Kind ward so vernarrt in mich wie ein Kätzchen, und befeuchtete mich oft mit seinen Tränen. Ich glaube, das Närrchen wär' mit mir ans End der Welt gelaufen; und wenn ihm schon sein mütterlicher Glaube sehr ans Herz gewachsen war, meint' ich fast, ich hätt' in der Wagschal' überwogen. Auch setzte mir das Mitleid fast mehr zu, als je zuvor die Liebe. Doch mußt' ich, wenn ich alles und alles überdachte, durchaus allmählich abbrechen, und tat es wirklich. Hier falle eine mitleidige Träne auf das Grab dieses armen Töchterchens! Es zehrte sich nach und nach ab, und starb nach wenig Monaten im Frühling seines zarten Lebens. Gott verzeihe mir meine schwere Sünde, wenn ich an diesem Tod einige Schuld trug. Und wie sollt' ich mir dies verbergen wollen?
Indem ich so hin und wieder meinen Salpeter brannte, sah' ich eines Tags ein Mädchen mit einem Amazonengesicht vorbeigehn, das mir, als einem »alten Preußen« nicht übel gefiel, und das ich bald nachher auch in der Kirche bemerkte. Dieser fragte ich erst ganz verstohlen nach, und was ich von ihr vernahm, behagte mir ziemlich, einen Kapitalpunkt ausgenommen, daß es hieß, sie sei verzweifelt böse, doch im bessern Sinn; und dann glaubten einige, sie habe schon einen Liebhaber. Nun, mit alledem, dacht' ich, 's muß doch einmal gewagt sein! Ich sucht' ihr also näherzukommen und mit ihr bekannt zu werden. Zu dem End' kauft' ich in Eggberg, wo mein Schatz daheim war, etwas Salpetererde, und zugleich ihres Vaters Gaden, ihr zulieb viel zu teuer, denn es war fast verloren Geld. Schon bei diesem Handel merkt' ich, daß sie gern den Herrn und Meister spiele; aber der Verstand, womit sie's tat, war mir nicht zuwider. Nun hatt' ich alle Tag Gelegenheit, sie zu sehen; doch ließ ich ihr lange meine Absichten unentdeckt, und dachte, du mußt sie erst recht ausstudieren. Die Böse, wovon man mir so viel Wesens gemacht, konnt' ich nicht an ihr finden. Aber der Henker hol' ein lediges Mädchen aus! Meine Besuche wurden immer häufiger. Endlich leert ich den Kram aus und gewahrte, daß ihr mein Antrag nicht unerwartet fiel. Dennoch hatte sie viele Bedenken, und ihr Ziel ging offenbar dahin, mich auf eine lange Probe zu setzen. Setz' du nur, dacht' ich, wanderte unterdessen mit meinem Salpeterplunder von einem Ort zum andern, und machte noch mit verschiedenen andern Mädchen Bekanntschaft, welche mir, die Wahrheit zu gestehen, vielleicht besser gefielen, von denen aber keine so gut für mich zu taugen schien als sie. Endlich begriff ich, oder vielmehr gab mir's mein guter Genius ein, daß ich nicht bloß meiner Sinnlichkeit folgen solle. Inzwischen setzte es jetzt schon fast allemal, wenn ich meine Schöne sah, irgendeinen Strauß oder Wortwechsel, aus denen ich wahrnehmen konnte, daß unsre Seelen eben nicht gleichgestimmt waren. Aber selbst diese Disharmonie war mir nicht zuwider, und ich bestärkte mich immer mehr in einer gewissen Überzeugung: Diese Person wird dein Nutzen sein, wie die Arznei dem Kranken. Einst ließ sie sich gegen mich heraus, daß ihr meine dreckige Hantierung mit dem Salpetersieden gar nicht gefalle, und mir war's selber so. Sie riet mir, ein kleines Händelchen mit Baumwollengarn anzufangen, wie's ihr Schwager getan, dem's auch nicht übel gelungen sei. Das leuchtete mir so ziemlich ein. Aber wo 's Geld hernehmen? war meine erste und letzte Frage. Sie bot mir wohl etwas an, aber das kleckte nicht. Nun ging ich mit meinem Vater zu Rat. Der hatte ebenfalls nichts dawider und verschaffte mir hundert Gulden, die er noch von der Mutter zu beziehen hatte.
Um diese Zeit hatt' ich eine gefährliche Krankheit zu bestehen, da mir ein Geschwür, an welchem ich beinahe das Leben verloren hätte, tief im Schlunde wuchs. Endlich schnitten's mir die Herren Doktors Mettler, Vater und Sohn, mit einem krummen Instrumente so glücklich auf, daß ich gleichsam in einem Nu wieder schlucken und reden konnte.
[Sidenote: Als Garnhändler]
[Sidenote: Wohnungspläne]
Im März des folgenden Jahres, 1759, fing ich wirklich an, Baumwollengarn zu kaufen. Damals mußt' ich noch den Spinnern auf ihr Wort glauben, und den Lehrbletz teuer genug bezahlen. Indessen ging ich den fünften April das erstemal mit meinem Garn nach St. Gallen, und konnt' es so mit ziemlichem Nutzen absetzen. Dann schaffte ich mir sechsundsiebenzig Pfund Baumwolle, das Pfund zu zwei Gulden, an, ward also in aller Form ein Garnhändler, und bildete mir schon mehr ein, als der Pfifferling wert war. Ungefähr ein Jahr lang trieb ich nebenbei noch mein Salpetersieden fort, und da meine Barschaft gering war, mußt' ich sie um so viel öftrer umzusetzen suchen. Ich wanderte deswegen einmal übers andere nach St. Gallen und befand mich dabei nicht übel; doch betrug mein Vorschlag in diesem Jahr nicht über zwölf Gulden. Aber das deuchte mir damals schon ein Großes.
Als ich so den Handelsherrn spielte, dacht' ich, Liebchen sollte nun keine Einwendung mehr gegen meine Anträge machen. Aber weit gefehlt! Das verschmitzte Geschöpf wollte meine Ergebenheit noch auf andre Weise probieren. Nun, was ohnehin in meinen Planen stund, mochte hingehn. Als ich ihr daher eines Tags mit großem Ernst vom Heiraten redete, hieß es: Aber wo hausen und hofen? Ich schlug ihr verschiedene Wohnungen vor, die damals eben zu vermieten stunden, »das will ich nicht,« sagte sie, »in meinem Leben nehm' ich keinen, der nicht sein eigen Haus hat!« »Ganz recht!« erwiderte ich; aber hätt's nicht auch in meinem Kopf gelegen, ich wollt's probiert haben. Von der Zeit an fragt' ich jedem feilgebotenen Häuschen nach; aber es wollte sich nirgends fügen. Endlich entschloß ich mich, selber eins zu bauen, und sagte es meiner Schönen. Sie war's zufrieden, und bot mir wieder Geld dazu an. Dann eröffnete ich meine Absicht auch meinem Vater, der versprach, ebenfalls mir mit Rat und Tat beizustehn, wie er's auch redlich hielt. Nun erst sah ich mich nach einem Platz um und kaufte einen Boden um ungefähr hundert Taler, dann hie und da Holz. Einige Tännchen bekam ich zum Geschenk. Nun bot ich alle meine Kräfte auf, fällte das Holz, das meist in einem Bachtobel stund, und zügelte es -- der gute Ätti half mir wacker -- nach der Säge, dann auf den Zimmerplatz. Aber Sägen und Zimmern kostete Geld. Alle Tag' mußt' ich dem Seckel die Riemen ziehn, und das war doch nur der Schmerzen ein Anfang. Doch bisher ging alles gut von statten; der Garnhandel ersetzte die Lücken. Meinem Schatze rapportiert' ich alles fleißig, und sie trug an meinem Tun und Lassen meist ein gnädiges Belieben. Den Sommer, Herbst und Winter durch macht' ich alle nötigen Zubereitungen mit Holz, Stein, Kalk und Ziegel, um im künftigen Frühjahr mit meinem Bau zeitig genug anfangen und je eher je lieber mit meiner jungen Hausehre einziehen zu können. Nebst meinem kleinen Handel pfuscht' ich, zumal im Winter, allerlei Mobilien und Werkgeschirr. Ich dachte, in ein Haus würde auch Hausrat gehören, von meiner Liebsten werd' ich nicht viel zu erwarten haben, und von meinem Vater, dem ich jetzt ein geringes Kostgeld bezahlen mußte, noch minder. Überhaupt war wohl nichts unüberlegter, als dergestalt, bloß einem Weibsbild und meiner Eitelkeit zulieb, um eine eigene Hofstätte zu haben, mich in ein Labyrinth zu vertiefen, aus welchem nur Gott und Glück wieder herausführen konnten. Auch lächelten mich ein paar meiner Nachbarn immer schalkhaft an, so oft ich bei ihnen vorüberging. Andre waren offenherziger und sagten mir's rund ins Gesicht: »Ulrich, Ulrich! du wirst's schwerlich aushalten.« Einige hatten vollends die Gutheit, mir nach dem Maß ihrer Kräfte, bloß auf mein und des Ätti Ehrenwort, tätlich unter die Arme zu greifen.
[Sidenote: Bräutigamsstand]
Übrigens war dies Tausendsiebenhundertundsechzig ein vom Himmel außerordentlich gesegnetes Wunderjahr, durch ein seltenes Gedeihen der Erdfrüchte und namhaften Verdienst, bei äußerst geringem Preis aller Arten von Lebensmitteln. Ein Pfund Brot galt zehn Pfennige, ein Pfund Butter zehn Kreuzer. Das Viertel Äpfel, Birnen und Erdäpfel konnt' ich beim Haus um zwölf Kreuzer haben; die Maß Wein um sechs Kreuzer, und die Maß Branz um sieben Batzen. Alles, reich und arm, hatte vollauf. Mit meinem Bauelgewerb wär's mir um diese Zeit gewiß gut gegangen, wenn ich ihn nur besser verstanden und mehr Geld und Zeit dareinzusetzen gehabt hätte. So floß mir dieses Jahr ziemlich schnell dahin. Mit meiner Schönen gab's manchmal ein Zerwürfnis, wenn sie etwa meine Lebensart tadelte, mir Verhaltungsbefehle vorschreiben wollte, und ich mich, wie noch heutzutag, rebellisch stellte; aber der Faden war allemal bald wieder angesponnen und bald wieder zerbrochen.
Ehe- und Wehestand
[Sidenote: Der Hausbau]
Nachdem ich, wie gesagt, den Winter über alle möglichen Anstalten zu meinem Bauen gemacht, das Holz auf den Platz geschleift und der Frühling nun heranrückte, langten auch meine Zimmerleute auf den Tag an, wie sie mir's versprochen hatten. Es waren außer meinem Bruder Georg, den ich ebenfalls gedingt, und für den ich darum meinem Vater jetzt Kostgeld entrichten mußte, sieben Mann, deren jedem ich alle Tag für Speis' und Lohn sieben Batzen, dem Meister Hans Jörg Brunner von Krinau aber neun Batzen bezahlte und darüber noch täglich eine halbe Maß Branz, Sell-,[51] Beschluß- und Firstwein. Es war den siebenundzwanzigsten März, da die Selle zu meiner Hütte gelegt wurde, bei sehr schönem Wetter, das bis Mitte April dauerte, wo die Arbeit durch eingefallenen großen Schnee einige Tage unterbrochen ward. Bis Mitte Mai, also in zirka sieben Wochen, kam alles unter Dach. Noch vorher aber, End' Aprils, spielte mir das Schicksal etliche fatale Streiche, die mir, so unbedachtsam ich sonst alles dem Himmel anheimstellte, der doch nirgends für den Leichtsinn zu sorgen versprochen hat, beinahe allen Mut zu Boden warfen. Es hatten sich nämlich drei oder vier Unsterne miteinander vereinigt, meinen Bau zu hintertreiben. Der eine war, daß ich noch viel zu wenig Holz hatte, ungeachtet der Meister mir gesagt, es sei genug, und daher es erst jetzt einsah, als er an die oberste oder Firstkammer kam. Also mußt' ich von neuem in den Wald, Bäum kaufen, fällen, und sie in die Säge und auf den Zimmerplatz führen. Der zweite Unstern war, daß, als bei dem ebengedachten Geschäft mein Fuhrmann mit einem schweren Stück zwischen zwei Felsen durch, und ich nebenein galoppieren wollte, mir der Baum im Renken den rechten Fuß erwischte, Schuh' und Strümpf' zerriß, und Haut, Fleisch und Bein zerquetschte, so daß ich ziemlich miserabel auf dem einen Roß heimreiten, und unter großen Schmerzen viele Tag' inliegen mußte, bis ich wieder zu meinen Leuten konnte. Nebendem vereinigten sich während dieser meiner Niederlage noch zwei andre Fatalitäten mit den erstern. Die eine, einer meiner Landsmänner, dem ich hundertzwanzig Gulden schuldig war, schickte mir unversehns den Boten, daß er zur Stund' wolle bezahlt sein. Ich kannte meinen Mann und wußte, daß da Bitten und Beten umsonst sei. Also dacht' ich hin und her, was anzufangen wäre. Endlich entschloß ich mich, meinen Vorrat an Garn aus allen Winkeln zusammenzulesen, nach St. Gallen zu schicken und um jeden Preis loszuschlagen. Aber, o weh! das vierte Ungeheuer! Mein Abgesandter kam, statt mit Barschaft, mit der entsetzlichen Nachricht, mein Garn liege im Arrest wegen allzu kurzen Häspeln, ich müsse selber auf St. Gallen gehn und mich vor den Herren Zunftmeistern stellen. Was sollt' ich nun anfangen? Jetzt hatt' ich weder Garn noch Geld, sozusagen keinen Schilling mehr, meine Arbeiter zu bezahlen, die indessen drauflos zimmerten, als ob sie Salomonis Tempel bauen müßten. Und dann mein unerbittlicher Gläubiger! Aufs neue borgen? Gut! Aber wer wird mir armen Buben trauen? Mein Vater sah meine Angst, und mein Vater im Himmel sah sie noch besser. Sonst fanden der Ätti und ich noch immer Kredit. Aber sollten wir den mißbrauchen? Kurz, er rannte in seinem und meinem Namen, und fand endlich Menschen, die sich unser erbarmten, Menschen und keine Wuchrer! Gott vergelt' es ihnen in Ewigkeit!
[Sidenote: Einzug]
Sobald ich wieder aushoppen und meinen Sachen nachgehen konnte, war meine Not, vielleicht nur zu bald, vergessen. Mein Schatz besuchte mich während meiner Krankheit oft. Aber von allen jenen Unsternen ließ ich ihr keinen Schein sehn; und mein guter Engel verhütete, daß sie nichts davon erfuhr; denn ich merkte wohl, daß sie noch unschlüssig, nur mein Verhalten, und den Ausgang vieler ungewisser Dinge erwarten wollte. Unser Umgang war daher nie recht vertraut. Zu St. Gallen kam ich mit fünfzehn Gulden Buß davon. Als die Zimmerleut' fertig waren, ging's ans Mauern. Dann kam der Hafner, Glaser, Schlosser, Schreiner, einer nach dem andern. Dem letzten zumal half ich aus allen Kräften, so daß ich dies Handwerk so ziemlich gelernt und mir mit meiner Selbstarbeit manchen Schilling erspart habe. Mit meinem Fuß war's indessen noch lange nicht recht, und ich mußte bei Jahren daran bayern,[52] sonst wäre alles viel hurtiger vonstatten gegangen. Endlich konnt' ich am siebenzehnten Juni mit dem Bruder in mein neues Haus einziehn, der nun einzig, nebst mir, unsern kleinen Rauch führte. Wir beide stellten also Herr, Frau, Knecht, Magd, Koch und Keller, alles an einem Stiel vor. Aber es fehlte noch an vielem. Wo ich herumsah, erblickt' ich meist heitre und sonnenreiche, aber leere Winkel. Immer mußt' ich die Hand in Beutel stecken, und der war klein und dünn, so daß es mich jetzt noch Wunder nimmt, wie die Kreuzer, Batzen und Gulden alle heraus- oder vielmehr hineingekrochen. Aber freilich am End erklärte sich manches durch eine Schuldenlast von fast tausend Gulden.
[Sidenote: Hochzeit]
Inzwischen war ich nun beinahe vier Jahre lang einem stettigen[53] Mädchen nachgelaufen; und sie mir, wenn auch etwas minder. Wenn wir uns nicht sehen konnten, mußten bald alle Tage gebundene und ungebundene Briefe gewechselt sein, wie mich denn über diesen Punkt mein verschmitzter Schatz meisterlich zu betrügen wußte. Sie schrieb mir nämlich ihre Briefe meist in Versen, so nett, daß sie mich darin weit übertraf. Ich hatte eine große Freude an dem gelehrten Ding, und glaubte eine vortreffliche Dichterin an ihr zu haben. Aber am End kam's heraus, daß sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen konnte, sondern alles durch einen vertrauten Nachbar verrichten ließ. »Nun, Schatz!« sagt' ich eines Tags, »jetzt ist unser Haus fertig, und ich muß doch einmal wissen, woran ich bin.« Sie brachte noch einen ganzen Plunder von Entschuldigungen hervor. Zuletzt wurden wir darüber einig, ich müss' ihr noch Zeit lassen bis im Herbst. Endlich ward im Oktober (1761) unsre Hochzeit öffentlich verkündet. Jetzt, so schwer war's kaum Rom zu bauen, spielte mir ein niederträchtiger Kerl noch den Streich, daß er im Namen seines Bruders, der in piemontesischen Diensten stand, Ansprache auf meine Braut machte, die aber bald für ungültig erkannt wurde. An Aller Seelen-Tag wurden wir kopuliert. Herr Pfarrer Seelmatter hielt uns einen schönen Sermon, und knüpfte uns zusammen. So nahm meine Freiheit ein Ende, und das Zanken gleich den ersten Tag seinen Anfang. Ich sollte mich unterwerfen, wollte nicht, und will's noch nicht. Sie sollt' es auch, und will's noch viel minder. Auch darf ich einmal nicht verhehlen, daß mich eigentlich bloß politische Absichten zu meiner Heirat bewogen hatten, und ich nie jene zärtliche Neigung zu ihr verspürte, die man Liebe zu nennen gewohnt ist. Nur das erkannt' ich wohl, und erkenne ich noch in der gegenwärtigen Stunde, daß sie für meine Umstände unter allen, die ich bekommen hätte, die tauglichste war. Mein Bruder Jakob hatte ein Jahr vor mir, und meine älteste Schwester ein Jahr nach mir sich verheiratet, und keins von beiden traf's so gut wie ich. Nicht zu gedenken, daß die Familie meiner Frau weit besser war, als die, worein meine beiden Geschwister sich hineingemannet und geweibet hatten, sind diese auch immer ärmer geblieben. Bruder Jakob zumal mußte in den teuern siebenziger Jahren von Weib und Kindern weg in den Krieg laufen.
[Sidenote: Tod des Vaters]
Das Jahr 1762 war mir besonders um des sechsundzwanzigsten Märzens und zehnten Septembers willen merkwürdig. An dem erstern starb mein geliebter Vater eines schnellen, gewaltsamen Todes, den ich lange nicht verschmerzen konnte. Er ging am Morgen in den Wald, etwas Holz zu suchen. Gegen Abend kam Schwester Anne-Marie mit Tränen in den Augen zu mir und sagte, der Ätti sei in aller Frühe fort und noch nicht heimgekommen, sie fürchten alle, es sei ihm was Böses begegnet, ich solle doch fort und ihn suchen, sein Hündlein sei etlichemal heimgekommen und wieder weggelaufen. Mir ging ein Stich durch Mark und Bein. Ich rannte in aller Eil' dem Gehölze zu, das Hündlein trabte vor mir her und führte mich gerade zu dem vermißten Vater. Er saß neben seinem Schlitten, an ein Tännchen gelehnt, die Lederkappe auf dem Schoß und die Augen sperroffen. Ich glaubte, er sehe mich starr an. Ich rief: Vater, Vater! aber keine Antwort. Seine Seele war ausgefahren, gestabet[54] und kalt waren seine lieben Hände, und ein Ärmel hing von seinem Futterhemd herunter, den er mag ausgerissen haben, als er mit dem Tode rang. Voll Angst und Verwirrung fing ich ein Zetergeschrei an, welches in kurzem alle meine Geschwisterte herbeibrachte. Eins nach dem andern legte sich auf den erblaßten Leichnam. Unser Geheul ertönte durch den ganzen Wald. Man zog ihn auf seinem Schlitten nach Haus, wo die Mutter samt den Kleinen ihr Wehklagen mit dem unsrigen vereinte. Ein armer Bube aß die Suppe, die auf den guten Herzensvater gewartet hatte. Zehn Tage vorher hatt' ich das letztemal, oh, hätt' ich's gewußt, daß es das letztemal! mit ihm gesprochen, und sagte er mir unter anderm, er möchte sich die Augen ausweinen, wenn er bedenke, wie oft er den lieben Gott erzürnt habe. Oh, welch einen guten Vater hatten wir, welch einen zärtlichen Ehemann unsre Mutter, welch eine redliche Seele und Biedermann alle, die ihn kannten, an ihm verloren. Gott tröste seine Seele in alle Ewigkeit! Er hatte eine mühsame Pilgrimschaft. Kummer und Sorgen aller Art, Krankheiten, drückende Schuldenlast folgten ihm stets auf der Ferse nach. Sonntags, den achtundzwanzigsten März, wurde er unter einem zahlreichen Gefolge zu seiner Ruhestatt begleitet, und in unser aller Mutter Schoß gelegt. Herr Pfarrherr Bösch ab dem Ebnet hielt ihm die Leichenrede, die für seine betrübten Hinterlassenen ungemein tröstlich ausfiel. Der Selige mag sein Alter auf fünfundfünfzig Jahre gebracht haben. Oh, wie oft besucht' ich seither das Plätzchen, wo er den letzten Atem ausgehaucht. Die sicherste Vermutung über seine eigentliche Todesart gab mir der Ort selbst an die Hand. Es war sehr gähe, wo er mit seinem Füderchen Holz hinunterfuhr. Der Schnee trug den Schlitten, aber mit den Füßen mußte er an einer lockern Stelle, die ich noch wohl wahrnehmen konnte, unter den letztern gekommen, und derselbe mit ihm gegen eine Tanne geschossen sein, die ihm den Herzstoß gab. Doch muß er noch eine Weile gelebt, sich freimachen gewollt, und über dieser Bemühung sein Futterhemd zerrissen haben.
[Sidenote: Familiensorgen]
Nach diesem traurigen Hinschied fiel eine schwere Last auf mich. Da waren noch vier unerzogene Kinder, bei welchen ich Vaterstelle vertreten sollte. Unsre Mutter war so immer geradezu und sagte zu allem: Ja, ja! Ich tat, was ich konnte, wenn ich gleich mit mir selbst schon genug zu schaffen hatte. Bruder Georg nahm den eigentlichen Haushalt über sich. Aus den hundert Gulden, die mir der Selige gegeben hatte, tilgte ich seine Schulden. In meinem eigenen Häuschen machte ich einen Webkeller zurecht. Ich lernte selbst weben und lehrte es nach und nach meine Brüder, so daß zuletzt alle damit ihr Brot verdienen konnten. Die Schwestern verstunden recht gut Löthligarn zu spinnen, die jüngste lernte nähen.
[Sidenote: Das erste Kind]
Der zehnte September war wieder der erste frohe Tag für mich, an welchem meine Frau mir einen Sohn zur Welt brachte, den ich nach meinem und meines Schwähers Namen Uli nannte. Ich hatte eine solche Freude mit diesem Jungen, daß ich ihn nicht nur allen Leuten zeigte, die ins Haus kamen, sondern auch jedem vorübergehenden Bekannten zurief: Ich hab' einen Buben, obgleich ich schon voraus wußte, daß mich mancher darüber auslachen und denken werde: Wart nur, du wirst noch des Dings genug bekommen, wie's denn auch wirklich geschah. Inzwischen kam mein gutes Weib dies erstemal nicht leicht davon und mußte viele Wochen das Bett hüten. Das Kind wuchs und nahm wunderbar zu.
Bald nachher erzeugten die Angelegenheiten der Meinigen manchen kleinern und größern Ehestreit zwischen mir und meiner Hausehre. Die letztre mochte nämlich nach Gewohnheit die erstern nie recht leiden, und meinte immer, ich dächt' und gäb' ihnen zu viel. Freilich waren meine Brüder ziemlich ungezogene Bursche, aber immer meine Brüder, und ich also verbunden, mich ihrer anzunehmen. Endlich kam einer nach dem andern unter die Fremden, Georg ausgenommen, der ein ziemlich liederliches Weib heiratete. Die andern alle verdienten, meines Wissens, ihr Brot mit Gott und mit Ehren.
[Sidenote: Eheleben]
Die Flitterwochen meines Ehestands waren nun längst vorbei, obgleich ich wenig von ihrem Honig zu sagen weiß. Mein Weib wollte immer gar zu scharfe Mannszucht halten; und wo viel Gebote sind, gibt's mehr Übertretung. Sobald ich nur ein bischen ausschweifte, waren gleich alle Teufel los. Das machte mich bitter und launisch, und verführte mich zu allerlei eiteln Projekten. Mein Handel ging bald gut, bald schlecht. Bald kam mir ein Nachbar in die Quere und verstümmelte mir meinen schönen Gewerb; bald betrogen mich arge Buben um Baumwolle und Geld, denn ich war gar zu leichtgläubig. Ich hatte mir eines der herrlichsten Luftschlösser gemacht, meine Schulden in wenig Jahren zu tilgen; aber die Ausgaben mehrten sich von Jahr zu Jahr. Im Winter 63 gebar mir meine Frau eine Tochter, und 65 noch eine. Ich bekam wieder das Heimweh nach Geißen; auf der Stelle mußten deren etliche herbeigeschafft sein. Die Milch stund mir und meinen drei Jungen trefflich an; aber die Tiere gaben mir viel zu schaffen. Andremal hielt ich eine Kuh; oft gar zwei und drei. Ich pflanzte Erdäpfel und Gemüse, und probierte alles, wie ich am leichtesten zurechtkommen möchte. Aber ich blieb immer so auf dem alten Fleck stehn, ohne weit vor, doch auch nicht hinterwärts zu rücken.
[Sidenote: Die Sechzigerjahre]