Chapter 5 of 15 · 3760 words · ~19 min read

Part 5

Eines Abends kam mir Ännchen so in den Wurf, daß ich nicht entwischen konnte. Ich stund wie versteinert. »Uli!« sagte sie, »komm heut z'Nacht ein bißli zu mir, ich hab' mit dir z'reden. Willst kommen, sag'?« -- »Ich weiß nicht,« stotterte ich. »Eh, komm! Ich muß notwendig mit dir reden, sag, versprich mir's!« »Ja, ja gewiß, wenn ich kann!« Wir mußten scheiden. Ich rannte eilends nach Haus. Himmel! dacht' ich, was mag das sein? Kann das liebe Ännchen mir noch so freundlich begegnen? Soll ich, darf ich? Ja, ich muß, ich will gehn. Nun geriet ich, ob aus Ehrlichkeit oder List weiß ich selbst nicht, auf den guten Einfall, das Ding der Mutter zu sagen. »Ja ja, geh' nur,« sprach diese, »ich will dir nach dem Essen schon forthelfen, daß kein Hahn darnach krähen soll.« Das war mir recht gekocht. Alles gesagt, getan. Ich ging hin und traf Ännchen, ihre Mutter und ihren Stiefätti, sie hielten sonst eine Schenke, ganz allein an. Ich ließ ein Glas Branz[32] holen, um doch etwas zu tun, bis die Alten im Bett' wären, weil ich nichts zu reden wußte. Aus lauter Furcht saß ich weit von Ännchen weg. Aber darum mocht' ich's doch kaum erwarten, bis die Eltern zur Ruh' gingen. Endlich geriet's. Da fing mein Liebchen an, in einem fort zu schnättern, daß es lieblich und doch betrübt zu hören war, als sie mir über mein kaltes Bezeigen Vorwürf' über Vorwürf' machte, und alles, was sie die Zeit her über mich schwatzen gehört, mir unter die Nase rieb. Ich faßte Mut, verantwortete mich so gut ich konnte, und sagt' ihr auch gerad' allen Kram heraus, was die Leut' von ihr redeten und wofür man sie hielt, von meinen Gesinnungen hingegen kein Wort: »So!« sagte sie, »was schiert mich der Leute Reden! Ich weiß schon, wer ich bin, und hinter dir hätt' ich ein wenig mehr als soviel gesucht. Macht aber nichts, schadet gar nichts!« Nachdem dieser Wortwechsel noch ein Weilchen fortgedauert hatte, und mir das Brenz ein wenig in den Kopf stieg, wagt' ich's ihr ein bißchen näher zu rücken, denn das zwar bösscheinende, aber verzweifelt artige Räsonnieren gefiel mir in der Seele wohl. Ich erkühnte mich sogar, ihr einige läppische Lehrstücke von erznärrischen Liebkosungen zu machen. Sie wies mich aber frostig zurück und sagte: »Kannst mir warten! Wer hat dich das gelehrt?« Dann schwieg sie eine Weile still, guckte steif ins Licht, und ich ein gut' Klafter von ihr entfernt, ihr ins Gesicht. Oh, ihre zwei blauen Äuglin, die gelben Haarlocken, das nette Näschen, das lose Mäulchen, die sanft roten Bäcklin, das feine Ohrläpplin, das geründelte Kinn, das glänzend weiße Hälschen, o, in meinem Leben hab' ich so nichts gesehn. Kein Maler vom Himmel könnt's schöner malen. »Dürft' ich doch,« dacht' ich, »nur ein einziges Mal einen Kuß auf ihr holdes Mündlein tun! Aber nun hab' ich's schon wieder, und ach! wohl auf ewig verdorben.« Ich nahm also kurz und gut Abschied. Ganz frostig sagte sie: »Adieu!« Ich noch einmal: »Leb' wohl, Anne!« und im Herzen: Leb' ewig wohl, herzallerliebstes Schätzchen! Aber vergessen konnt' ich sie nun einmal nicht. In der Kirch' sah ich sie mehr als den Pfarrer, und wo ich sie erblickte, war mir wohl ums Herz. Eines Sonntagabends sah ich einen Schneiderbursch Ännchen heimführen. Wie da urplötzlich mein Blut sich empörte, und alle Säfte mir in allen Gliedern rebellierten! Halb sinnlos sprang ich ihnen auf dem Fuß nach, ich hätte den Schneider erwürgen können, aber ein gebietender Blick von Ännchen hielt mich zurück. Inzwischen macht' ich ihr nachwärts bittere Vorwürf' drüber, und eine ganze Litanei von räudigen Schneidern und Schneidereigenschaften. Dacht' halt: Verloren ist verloren! -- Aber Anne blieb mir nichts schuldig, wie ihr's leicht denken könnt.

[Sidenote: Die Eltern]

Ännchens Stiefätti war ein leichtsinniger Brenzwirt; ihm galt's gleichviel, wer kam und ihm sein Brenz absoff. Ich war nun in kurzem bei seinem Töchterchen wieder wohl am Brett, und genoß dann und wann ein herrliches Viertelstündchen bei ihr. Das lag meinem Vater gar nicht recht. Er sprach mir ernstlich zu, es half aber alles nichts, Ännchen war mir viel zu lieb. Fürchterlich schimpft' er bisweilen auf das verdammte Brenznest, wie er es nannte; und Anne sah' er für eine liederliche Dirn' an. Aber Gott weiß es! das war sie nicht; das redlichste bravste Mädchen, fast meiner Länge, so schlank und hübsch geformt, daß es eine Lust war. Aber ja, schwätzen konnt' sie wie eine Dohle. Ihre Stimme klang wie ein Orgelpfeifchen. Sie war immer munter und allert;[33] um und um lauter Leben; und das macht es eben, daß mancher Sauertopf so schlimm von ihr dachte. Wenn meine Mutter meinen Vater nicht bisweilen eines Besseren belehrt, er hätt' mit Stock und Stein dreingeschlagen.

[Sidenote: Ännchen zum Besuch]

So verstrich der Sommer. Noch in keinem hatten mir die Vögel, die ich alle Morgen mit Entzücken behorchte, so lieblich gesungen. Gegen den Herbst zogen wir in die Pulverstampfe, wo um diese Zeit mein Vater zum Pulvermacher angenommen worden war. Der Meister, C. Gasser, wurde von Bern verschrieben, und lehrt' uns das Handwerk aus dem Fundament, so daß wir auch das Schwerste in wenig Wochen begreifen konnten. Unter andern war mein Ätti froh, mich jetzt ein Stück weit von Ännchen weg zu haben. Auch überwand ich mich ziemlich lang -- als das liebe Kind einst unversehens zu uns zu Stubeten[34] kam. Ich erschrak sehr, und dacht' da würd' ein Wetter losgehen. So lang' sie da war, hingen des Vaters Augenbraunen tief herunter, er schnaubte vor Grimm, redte kein Wort, horchte aber, wie man leicht merken mochte, auf alle Scheltwort'. Oh, wie dauerte mich das herrliche Schätzchen! Würd's doch mein Vater wie ich kennen, wie ganz anders wär's da empfangen worden. Des Abends geleitete ich sie nach Haus. Noch war ich immer der alte blöde Junge. Sie neckte mich artlicher als sonst, aber doch mußt's geneckt sein. Morgens drauf erst ging des Ättis Predigt an: was er an Ännchen Ungereimtes bemerkt, oder vielmehr bemerkt haben wollte, was er gehört und nicht gehört, sondern nur vermutet, das alles kam in die Nutzanwendung seines Sermons. Allerhand Spottnamen, und kurz, alles was Ännchen in meinen Augen verächtlich machen sollte, blieb +per se+ nicht aus. Und wirklich, so lieb mir das Mädchen war, nahm ich mir jetzund doch vor, von ihr abzustehn, weil mir der Vater sie schwerlich jemals lassen würde, und inzwischen noch mancher Ehrenpfennig ihretwegen spazieren müßte. Gleichwohl darf ich zu ihrem Preis auch nicht verschweigen, daß sie mich nie um Geld bringen wollte, ja, daß sie sogar, wenn ich für sie ein Brenzlin zahlte, nicht selten die Ürte[35] mir heimlich wieder zusteckte. Eines Tags nun sagt' ich zum Ätti: »Ich will nicht mehr zur Anne gehn', ich versprech dir's.« »Das wird mich freuen,« sprach er, »und dich nicht gereuen, Uli! Ich mein's gewiß gut mit dir. Sei doch nicht so wohlfeil. Du bist noch jung, und kommst alleweil früh genug zum Schick. Unterdessen geht's dir sicher mehr auf als ab. So eine gibt's noch, wann der Markt vorbei ist. Führ' dich brav auf, bet' und arbeite, und bleib fein bei Haus. Dann gibst einen rechten Kerl, einen Mann ins Feld, und, ich wette, bekommst mit der Zeit ein braves Bauernmädle. Indessen will ich immer für dich sorgen.«

So ging der Winter vorbei. Aber mein Wort hielt ich wenig, und sah Ännchen, so oft es insgeheim geschehen konnte.

[Sidenote: Immer noch Liebesgeschichten]

Von Gallitag bis in März konnten wir kein Pulver machen. Ich verdient' also mein Brot mit Baumwollenkämmen; die andern mit Spinnen. Der Vater machte die Hausgeschäfte, las uns an den Abenden aus David Hollatz, Böhm und Meads »Beinahe-Christ« die erbaulichsten Stellen vor, und erklärte uns, was er für unverständlich hielt, eben nicht allemal am verständlichsten. Ich las auch für mich. Aber mein Sinn stund meist nicht im Buch, sondern in der weiten Welt.

Im folgenden Frühling (1755) hieß es: Wohin nun mit so viel Buben? Jakob und Jörg wurden zum Pulvermachen bestimmt, ich zum Salpetersieden. Bei diesem Geschäft gab mir mein Vater den Uli M., einen groben, aber geraden, ehrlichen Menschen zum Gehilfen, der ehemals Soldat gewesen, und das Handwerk von seinem Vater her verstand, der in seinem Beruf, aber auch elend genug, verstorben, da er in einen siedenden Salpeterkessel fiel. Wir beiden Ulis fingen also miteinander im März 1755 in der Schamatten unsern Gewerb an. Da gab's unter der Arbeit allerlei Gespräche, die mein Kamerad wohl durch einen Umweg, und wie ich nachwärts erfuhr, geflissen, vielleicht gar auf Anstiften meines Vaters auf Heiratsmaterien zu lenken wußte. Er empfahl mir endlich eine schon ziemlich ältliche Tochter zur Frau, die auch meinen Eltern, dem Ätti besonders, ihres bestandenen Alters und stillen Wandels wegen, wohl gefiel. Ihnen zu Gefallen, führt' ich diese Ursel ein paar Mal zum Wein. Mein Uli machte viel Rühmens von diesem Esaugesicht, das er, nach seiner eignen Sag', schon vor zehn Jahren karessiert hätte. Daß ich eben wenig Reizendes an ihr entdeckte, versteht sich schon. Eine Stunde bei ihr dünkte mich eine halbe Nacht, so gut sie mir immer begegnete, ja, je besser, desto schlimmer für mich. Übrigens trug sie eine ordentliche Bauerntracht. Aber mit Ännchen verglichen war's halt wie Tag und Nacht. Als mich daher letztre eines Tags an der Straß' auffing, sprach sie mit bitterm Spott: »Pfui, Uli! So ein Haargesicht, so eine Iltishaut, so ein Tanzbär! Mir sollt' keiner mehr auf einen Büchsenschuß nahe kommen, der sich an einer solchen Dreckpatsche beschmiert hätte! Uhi! wie stinkst!« Das ging mir durch Mark und Bein. Ich fühlte, daß Ännchen recht hatte; aber dennoch verdroß es mich. Ich verbiß meinen Unmut, schlug ein erzwungenes Gelächter auf, und sagte: »Gut, gut, Ännchen! Nächstens will ich dir alles erklären!« und damit gingen wir voneinander. Es währte kaum vierundzwanzig Stunden, so gab ich meiner grauen Ursel förmlichen Abschied. Sie sah mir wehmütig nach und rief immer hintendrein: »Ist denn nichts mehr zu machen? Bin ich dir zu alt oder nicht hübsch gnug? Nur noch einmal.« Aber ein Wort, ein Mann.

Am nächsten Huheijatag,[36] wo Ännchen auch gegenwärtig war, sah sie, daß ich allein trank. Sie kam freundlich zu mir und lud mich auf den Abend ein. Voll Entzücken flog ich zu ihr hin, und merkte bald, daß ich wieder recht willkomm war, obschon mir das schlaue Mädle über meine Bekanntschaft mit Urseln aufs neue die bittersten Vorwürfe machte. Ich erzählte ihr haarklein, wie das Ding zugegangen. Sie schien sich zu beruhigen. Das machte mich herzhafter; ich wagte zum erstenmal, es zu versuchen, sie an meine Brust zu drücken, und einen Kuß anzubringen. Aber, potz Welt! da hieß es: »So! Wer hat dich das gelehrt? G'wiß die alte Hudlerin. Geh, geh, scher' dich, und sitz erst ins Bad, dir den Unrat abzuwaschen.« -- Ich: »Ha! Ich bitt' dich, Schätzle! sei mir nicht kurios. Hab' dich ja alleweil geliebt, und lieb dich je länger je stärker. Laß mich doch -- nur eins!« -- Sie: »Abslut nicht! Um alles Geld und Gut nicht! Fort, fort, nimm deine Trallwatsch, die dir das Ding gewiesen!« -- Ich: »Ach! Ännchen! Schätzchen! Laß mich! Hätt' dich schon lang für mein Leben gern -- ach, mein Gott!« -- Sie: »Laß mich gehn -- ich bitt' dich! -- Gewiß nicht. -- Einmal jetzt nicht.« -- Endlich sagte sie freundlich lächelnd: »Wenn du wiederkommst!« Aber dreimal, wenn ich wiederkam, fing das verschmitzte Mädchen immer das nämliche Spiel an. So können diese schlauen Dinger die dummen Buben lehren. Endlich schlug die erwünschte Stunde: »Ännchen, Ännchen! liebstes Ännchen! Kannst's auch übers Herz bringen? Bist mir doch so herzinniglich lieb! Und ich sollt' kein einzig Mal dein holdes Mündchen küssen? Gelt, du erlaubst's mir? Ich kann's länger nicht aushalten. Lieber will ich dich ganz und gar meiden.« Jetzt drückte sie mir freundlich die Hand, sagte aber wieder: »Nun gewiß, das nächstemal, wenn du wiederkommst!« Hier fing mir an, die Geduld auszugehn. Ich ward wild und schnippisch. Sie hinwieder befürchtete, glaub' ich, Unrat; foppte mich zwar, wie es scheinen sollte, noch immerfort, daß es eine Lust war; aber mit eins kam ihr ein Tränchen ins Aug', und sie wurde zahm wie ein Täubchen: »Nun ja!« sagte sie: »'s ist wahr, du hast die Prob' ausgehalten. Du solltest mir für deine Sünd' büßen. Aber die Straf' hat mich mehr gekostet, als dich, liebes, herziges Üchelin!« Dies sagte sie mit einem so süßen Ton, der mir jetzt noch wie ein fernes Silberglöcklin ins Ohr läutet: Ha! dacht' ich einen Augenblick, jetzt könnt' ich dich wieder strafen, loses Kind! Aber ich bedacht' mich bald eines Bessern, riß mein Liebchen in meine Arme, gab ihr wohl tausend Schmätzchen auf ihr zartes Gesichtlin, überall herum, von einem Ohr bis zum andern, und Ännchen blieb mir kein einziges schuldig; nur daß ich schwören wollte, daß die ihrigen noch feuriger als die meinigen waren. So ging's ohne Unterlaß fort mit Herzen und Schäkern und Plaudern bis zur Morgendämmerung. Jetzt kehrt' ich jauchzend nach Haus und glaubte der erste und glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden zu sein. Aber bei alldem fühlt' ich's lebhaft, noch fehle mir, ich wußte doch nicht was? Meist kam's, glaub ich, darauf hinaus: Oh, könnt' ich mein Ännchen, könnt' ich dies holde, holde Kind ganz besitzen, völlig mein heißen, und ich sein, sein Schätzchen, sein Liebchen! Wo ich darum stund und ging, waren meine Gedanken bei ihr. Alle Wochen durft' ich eine Nacht zu ihr wandeln; die schien mir eine Minute, die Zwischenzeit sechs Jahre zu sein. Oh, der seligen Stunden! Da setzte es tausend und hunderterlei verliebte Gespräche, da eiferten wir in die Wette, einander in Honigwörtchen zu übertreffen, und jeder neue oder alte Ausdruck galt einen neuen Kuß. Ich mag nicht schwören und schwöre nicht, aber das waren gewiß nicht nur die seligsten, sondern auch die schuldlosesten Nächte meines Lebens! Und doch, ich darf's einmal nicht verbergen, war Ännchens Ruf nicht der beste. Dies hatte sie ohne Zweifel ihrem freien, geschwätzigen Mäulchen zu verdanken. Ich habe stets und immer mehr das redlichste, beste, züchtigste Mädchen an ihr gefunden. Freilich, von jenen eigentlichen Verführerkünsten braucht' ich und kannt' ich wirklich keine, doch bin ich überzeugt, daß sie auch dergleichen siegreich widerstanden wäre.

So ging der mir unvergeßliche Sommer des Jahres 1755 wie eine Woche vorbei, und täglich gewann ich mein Ännchen lieber. Vor allen andern Mädels ekelte mir's, obgleich ich von Zeit zu Zeit Gelegenheit hatte, mit den artlichsten Töchtern des Lands bekannt zu werden. Inzwischen war ich ein muntrer Salpetersieder, bald allein, bald in Gesellschaft mit jenem andern Uli, der sich noch immer große Mühe gab, mir die wunderbarsten Dinger anzukuppeln. Aber, puh! davon war keine Rede mehr, nebendem daß ich noch überall an kein Heiraten denken durfte.

[Sidenote: Es geht auf Reisen]

Es war im Herbst, als ich eines Tages meinem Vater eine hübsche Buche im Wald fällen half. Ein gewisser Laurenz Aller von Schwellbrunn, ein Rechen- und Gabelmacher, war uns dabei behilflich und kaufte uns nachwärts das schönste davon ab. Unter allerhand Gesprächen kam's auch auf mich: »Ei, ei, Hans!« sagte Laurenz, »du hast da einen ganzen Haufen Buben. Was willst mit allen anfangen? Hast doch kein Gut, und kann keiner ein Handwerk. Schad', daß du nicht die größten in die Welt 'nausschickst. Da könnten sie ihr Glück machen. Siehst's ja an des Hans Joggelis seinen: Die haben im Welsch-Berngebiet gleich Dienst gefunden, sind noch kaum ein Jahr fort, und kommen schon wie ganze Herren neumontiert, mit goldbordierten Hüten heim, sich zu zeigen. Sie würden um kein Geld mehr hiezuland bleiben.« »Ha!« sagte mein Vater: »Aber meine Buben sind dazu zu läppisch und ungeschickt, des Hans Joggelis hingegen witzig und wohlgeschult; können lesen, schreiben, singen und geigen. Meine sind nur lauter Narren in Vergleichung; sie stehen, wo man's stellt, und tun's Maul auf.« »Behüte Gott!« versetzte Laurenz, »mußt das nicht sagen, Hans! Sie wären gewiß zu brauchen; sonderlich der große da ist wohl gewachsen, kann auch lesen und schreiben, und ist sicher kein Stockfisch -- seh's ihm wohl an. Potz Wetter! wenn der recht getummelt wird, das gäb' einen Kerl. Würd'st die Augen aufsperren! Hans, ich will dir Mann dafür sein, daß er nach Jahr und Tag heimkommt gestiefelt und gespornt, und Geld hat wie Hünd,[37] daß es dir ein' Ehr' und Freud' sein soll.« Während diesem Gespräch sperrt' ich Maul und Augen auf und guckte dem Vater ins Gesicht. Er mir dergleichen und sprach: »Was meinst, Uli?« Aber eh' ich antworten konnte, fuhr Laurenz fort: »Potz Hagel! wenn ich noch so jung wär', und 's Maul voll hübsche Zähn' hätte, wie du, das ganze Tockenburg mit allen seinen Stricken und Seilern sollten mich nicht im Land behalten. Ich bin auch in der Welt 'rumkommen. Ha! da gibt's G'lobte Länder, und Geld z' verdienen wie Dreck. Weiß, was ich da gesehen hab'. Aber ich war halt ein liederlicher Narr, und nun ist's zu spät, wenn man dem Alter zuruckt, und gar ein Weib hat. Oh, ich möchte noch brieggen[38] darob. Aber, was ist zu machen?« »Alles gut,« fiel mein Vater ein; »aber da müßt' er Empfehlungsschreiben oder sonst jemand haben, der ihm in den Teich hülfe. Ich wollte freilich gern all meine Kinder versorgt wissen, und keinem vor dem Glück stehn. Aber« -- »Aber, was aber?« unterbrach ihn Laurenz. »Dafür laß mich sorgen, es soll dich nicht einen Heller kosten, Hans! und Bürg will ich dir sein, dein Bub soll versorgt werden, daß er einen Mann, daß er einen Herrn gibt. Ich kenne weit und breit angesehene Leut' genug, die solche Bursch' glücklich machen können; und da will ich dem Uli g'wiß den besten aussuchen, daß er mir's sein Lebtag danken soll.« -- Mein Vater traute gegen seine Gewohnheit diesmal geschwind; denn er war dem Laurenz gut. Und von mir kam's, einige Liebesskrupel ausgenommen, von denen wir bald reden werden, gar nicht in Frage. Sobald es einmal von des Ätti Seite hieß: »Wie, Uli, hätt'st Lust?« hieß es von meiner: »Ja!« Mein Vater mochte um so viel zufriedener sein, da er mich dergestalt vollends von Ännchen entfernen konnte. Der Mutter hingegen lag's gar nicht recht. Aber, man weiß es schon, wenn der Näbishans einmal einen Entschluß gefaßt, hätten ihn Himmel und Erde nicht mehr davon abwendig gemacht. Es ward also Tag und Stund' abgeredt, wo ich mit Laurenz verreisen sollte, ohne weiter einem Menschen ein Wort davon zu sagen: denn es mache nur unnötigen Lärm, sagte mein Führer.

Gute Nacht, Welt! Ich geh' ins Tirol. So hieß es bei mir. Denn einesteils wenigstens war ich lauter Freude, meinte, der Himmel hange voll Geigen und Hackbrettlin, und hätt' Siegel und Brief in der Tasche, daß mein Glück gemacht sei. Andersteils ging mir's freilich entsetzlich nahe, nicht eben das Vaterland, aber das Land zu meiden, wo mein Liebstes wohnte. Ach! könnt' ich mein Ännchen nur mitnehmen, dacht' ich wohl hunderttausendmal. Aber dann wieder: Fünf, höchstens sechs Jahr' sind doch bald vorbei. Und wie wird's dann mein Schätzchen freuen, wenn ich mit Ehr' und Gut beladen, wie ein Herr nach Haus kehren, oder es zu mir in ein Gelobt Land abholen kann.

[Sidenote: Abschied vom Vaterland]

Also, auf den siebenundzwanzigsten des Herbstmonats (1755), Samstag abends, ward's abgeredt, den Weg in Gottes Namen unter die Füße zu nehmen. »Wir wollen bei Nacht und Nebel fort,« sagte Laurenz; »es gibt sonst ein gar zu wunderfitzig Gelüg, und an einem Werktag hab' ich nicht Zeit. Mach' dich also reis'fertig. Einen guten Rock, damit ist's getan.« Samstag morgens macht' ich alles zurecht. Nun ging's an den Abschied. Mutter und Schwestern vergossen häufige Tränen, und fingen schon um Mittag an, mir tausendmal: Gott behüt', Gott geleit' dich! zu sagen. Mein Vater, ebenfalls voll Wehmut, gab mir nebst etlichen Batzen folgendes auf den Weg: »Uli!« sprach er, »du gehst fort, Uli! Ich weiß nicht wohin, und du weißt's ebensowenig. Aber Laurenz ist ein gereister Mann, und ich trau' ihm die Redlichkeit zu, er werd' irgendwo ein gutes Nest kennen, wo er dich absetzen kann. Du von deiner Seite halt' dich nur redlich und brav, so wird's, will's Gott! nicht übel fehlen. Jetzt bist du noch wie ein ungebacknes Brötlin. Gib Achtung und laß dich weisen, du bist gelehrig. Übrigens weißt du, ich hab' dir das Ding nie mit einem Wort weder geraten noch mißraten. Es war Laurenzens Einfall und dein Wille; denen fügt' ich mich, und zwar noch mit ziemlich schwerem Herzen. Denn am End' konnt' ich dir noch wie bisher Brot geben, wenn du dich weiter willig zu saurer und nicht saurer Arbeit, wie sie kommt, bequemt hättest. Aber darum werd' ich mich nicht minder freuen, wenn du jetzt Speis' und Lohn dazu auf eine leichtere Art verdienen oder gar dein Glück machen kannst. Was mir am meisten Mühe macht, Uli! ist deine Jugend und dein Leichtsinn. Glaub mir's, du gehst in eine verführerische Welt hinaus, wo's Halunken und Schurken genug gibt, die auf die Unschuld solcher Buben lauern. Ich bitt' dich, trau' keinem Gesicht, bis du's kennst, und laß dich zu nichts bereden, was dich nicht recht dünkt. Bete fleißig, wie Daniel zu Babel, und vergiß nie, daß, wenn ich dich schon nicht mehr sehe und höre, dein bessrer Vater im Himmel in alle Winkel der Welt sieht und hört, was du denkest und tust. Du weißt ja die Bibel, das heißt Gottes Wort, in- und auswendig. Sinn' ihm nach, und vergiß es nie, wie wohl's den frommen Leuten, die Gott liebten, gegangen ist. Denk! Ein Abraham, Joseph, David. Und wie hingegen jenen nichtsnutzen, gottlosen Buben, wie unglücklich sie worden sind. Um deiner Seelen willen, Uli! um deiner zeitlichen und ewigen Wohlfahrt willen, vergiß deines Gottes nicht. Wo der Himmel über dir steht, ist er stets bei dir. Ich kann weiter nichts, als dich seinem allmächtigen Schutz anbefehlen, und das will ich tun, unablässig.« -- -- So ging's noch eine kurze Weile fort. Mein Herz ward weich wie Wachs. Vor Schluchzen konnt' ich nichts sagen, als: »Ja, Vater, ja!« und in meinem Inwendigen hallt' es wieder: »Ja, Vater, ja!« Endlich, nach einer kurzen Stille, sprach er: »Nun, in Gottes Namen, geh!« und ich: »Ja, ich will gehen!« und: »Liebe, liebe Mutter! tu doch nicht so, es wird mir nicht gänzlich fehlen. Behüt' euch Gott! lieber Vater, liebe Mutter! Behüt' euch Gott alle, liebe Geschwisterte! Folgt doch dem Vater und der Mutter! Ich will ihren guten Ermahnungen auch folgen in der weit'sten weiten Ferne.« Dann gab mir jedes die Hand. Die Zähren rollten ihnen über die feuerroten Backen. Ich mußte fast ersticken. Drauf gab mir die Mutter den Reisebündel und ging beiseite. Mein Vater geleitete mich noch ein Stück Wegs. Es war schon Abenddämmerung. In der Schamatten begegnete mir Kaspar Müller. Der gab mir ein artiges Reis'geldlin und Gottes Geleit auf die Straße.

[Sidenote: Abschied vom Schätzle]