Chapter 8 of 15 · 3500 words · ~18 min read

Part 8

Sobald also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: »Herr ... Major! Ich bin ... Herr Leutnants Markonis Be ... Bedienter. Fü ... fü ... für das bi ... bi ... bin ich angewo ... worben, und sonst wei ... weiters für ni ... ni ... nichts. Si ... Si ... Sie können ihn selbst fra ... gen. I ... Ich weiß nicht wo er i ... i ... ist. Jetzt sagen's da, ich müsse So ... o ... oldat sei ... ei ... ein, ich wolle o ... der wolle nicht.« -- »So!« unterbrach er mich, »so ist Er das saubre Bürschchen! Sein feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König dienen, da ist's aus und vorbei.« Ich: Aber Herr Major! Er: Kein Wort, Kerl! oder die Schwernot! Ich: Aber ich hab' ja weder Kapitulation noch Handgeld! Ach! Könnt' ich doch mit meinem Herrn reden! Er: Den wird Er sobald nicht zu sehen kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost't als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht darin obenan. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich: Aber -- Er: Fort, Er ist ja ein Zwerg, daß -- Ich: Ich bi ... bi ... bitte. -- Er: Kanaille! scher' Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst und Not kaum finden konnte. Da klagt' ich Zittemann mein Elend in den allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. »Geduld, mein Sohn! Es wird schon alles besser gehn. Jetzt mußt' dich leiden, viel hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn, gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt' er dich doch unter sein Regiment abgeben, sobald es hieß: ins Feld, marsch! Aber wirklich, einstweilen würd' er kaum

[Sidenote: Kapitulation]

einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen.« So tröstete mich Zittemann, und ich mußt's wohl annehmen, da mir kein besserer Trost übrigblieb. Nur dacht' ich dabei, die Größern richten solche Suppen an, und die Kleinern müssen sie aufessen.

[Sidenote: Soldatenleben]

Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Kommißbrot nebst Unter- und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Besseren bedacht. »Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch' von der Welt.« Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde und Strümpfe. Dann mußt' ich mit noch etwa zwanzig andern Rekruten zum Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte dafür was ich gern wollte, ich glaube an Ännchen; er schwung dann die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier geben. Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen noch viere übrig; mit diesen sollt' ich vier Tage wirtschaften, und sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren. Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen! Per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Bursche oft noch eine Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden.« »Oh! oh! Da geh' ich mein Tage nicht mehr hin,« sagt' ich. »Potz Velten!« antwortete Cran, »du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei's ein wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam zugesehn, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst. Des Morgens um e'n Dreier Fusel und e'n Stück Kommißbrot. Mittags holen sie in der Garküche um e'n andern Dreier Suppe und nehmen wieder e'n Stück Kommiß. Des Abends um zwei Pfennig Konvent oder Dünnbier und abermals Kommiß.« »Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes Leben,« versetzt' ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht. Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware: Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmirgel, Seife und was der hundert Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn Er solche Dinge nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt' ich noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze, sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl lernen,« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's dir wie e'n Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen Gesangbuch, oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so gab's deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem Militär, wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall, Leute aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein Stücklein Brot gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen, wenn ich nur erst recht exerzieren könnte; etwa an der Spree? Doch nein! da lärmt's zu stark, aber z. E. auf einem Zimmerplatz, da ich mich so ziemlich auf die Art verstund. So war ich wieder fix und fertig, neue Pläne zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern so schändlich gescheitert. Gibt's doch hier, damit schläferte ich mich immer ein, selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leute, die ihre hübschen Kapitalien haben, Wirtschaft, Kaufmannschaft treiben, und anders. Aber dann erwog ich nicht, daß man vorzeiten ganz andere Handgelder gekriegt als heutzutag oder dergleichen Bursche bisweilen ein Namhaftes mochten erheiratet haben, besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling gut hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten; ich hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen wisse. Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand ich auch einen elenden Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so schont das Blei jene Glückskinder so wenig, als dich armen Hudler! -- Also bist du so gut wie sie.

[Sidenote: Soldatendressur]

[Sidenote: Wiedersehen mit Markoni]

Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente Itzenblitz, die beiden erstern vollends unter der nämlichen Kompagnie Lüderitz befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen, marschieren lernen. Den Kerl mocht' ich für den Tod nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage nichts begreifen können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und nahm mich unter sein Peloton.[42] Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt kapiert' ich in einer Stund' mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne; aber, bat er um Gottes willen, ich solle ihn nicht verraten. Des folgenden Tags, sobald das Exerzitium vorbei war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel verdeutet hatte, und murmelte immer vor mich her: »Ja, ja, Markoni! wart' nur, ich will dir deinen an mir verübten Lumpenstreich, deine verfluchte Verräterei so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Leutnant und nirgends Ihr Gnaden bist!« -- Bei geringer Nachfrage fand ich das mir benannte Haus. Es war eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an; ein kleines, magres, fuchsrotes Bürschchen öffnete mir die Tür und führte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er mich erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach zu mir mit einem Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm entwaffnete und mir die Tränen in die Augen trieb: »Ollrich! mein Ollrich! mach' mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's noch, und wirst's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen Umständen handeln. Gib dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem Herrn.« -- »Ja, Ihr Gnaden« -- -- »Nichts Gnaden!« sagte er: »Beim Regiment heißt es nur: ›Herr Leutnant!‹« Jetzt klagt' ich ihm, nach aller Ausführlichkeit, meine gegenwärtige große Not. Er bezeugte mir sein ganzes Mitleid. »Aber,« fuhr er fort, »hast ja noch allerlei Sachen, die du versilbern kannst, wie z. E. die Flinte von mir, die Reisemütze, die dir Leutnant Hofmann in Offenburg verehrt, und dergleichen. Bring sie nur mir, ich zahl' dir dafür, so viel sie je wert sind. Dann könntst du dich, wie andre Rekruten, um Gehaltserhöhung beim Major« -- »Potz Wetter!« fiel ich ein. »Nein, den sah ich einmal und nimmermehr!« Drauf erzählt' ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet sei. »Ha!« versetzte er, »die Lümmels meinen, man könn' auf Werbung von Luft leben und Kerle im Strick fangen.« »Ja!« sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir wenigstens in Rottweil auch einen Notpfennig erspart haben.« »Alles hat seine Zeit, Ollrich!« erwiderte er, »halt' dich nur brav! Wenn einmal die Exerzitien vorbei sind, kannst du was verdienen. Und wer weiß, vielleicht geht's bald ins Feld, und dann« -- Weiter sagte er nichts; ich merkte aber, was er damit wollte, und ging vergnügt, als ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach etlichen Tagen trug ich Flinte, Pallasch und die samtene Mütze wirklich zu ihm hin; er zahlte mir etwas weniges dafür, aber von Markoni war ich alles zufrieden. Bald darauf verkauft' ich auch meinen Tressenhut, den grünen Frack, so wie alles Übrige, und ließ mir nichts mangeln, so lang ich was anzugreifen hatte. Schärer war ebenso arm als ich, allein er bekam ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot. Der Major hielt ein gut Stück mehr auf ihn als auf mich. Indessen waren wir Herzensbrüder, solang einer was zu brechen hatte, konnte der andre mitbeißen. Bachmann hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und harmonierte nie mit uns; doch schien immer die Stunde ein Tag lang, wo wir nicht beisammen sein konnten. Gästli mußten wir in schlechten Häusern suchen, wenn wir ihn haben wollten; er kam bald hernach ins Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam. Ich wollt' für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit einem Finger berührt haben. Sobald das Exerzieren vorbei war, flogen wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner- oder Gottwitzerbier, schmauchten ein Pfeifchen, und trillerten ein Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage nimmt man mit noch weniger vorlieb.

[Sidenote: Spaziergänge in Berlin]

[Sidenote: Vom Desertieren]

[Sidenote: Exerzierübungen]

[Sidenote: Schmale Kost]

[Sidenote: Heimweh]

[Sidenote: Der Gefangene]

Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin ich bei weitem nie ganz darin herumgekommen. Wir drei Schweizer machten zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach's uns an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazen so marode, daß wir uns lieber der Länge nach hinlegten.

Von der Stadt Berlin sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben Städten; unsereinem hat man aber nur drei genannt: Berlin, Neustadt und Friedrichsstadt. Alle drei sind in der Bauart verschieden. In Berlin oder Cölln, wie man auch sagt, sind die Häuser so hoch wie in den Reichsstädten; aber die Gassen nicht so breit wie in Neu- und Friedrichsstadt, wo die Häuser wieder niedriger, aber egaler gebaut sind. Da sehen auch die kleinsten, oft von sehr armen Leuten bewohnt, wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten gibt es ungeheuer große, leere Plätze, die teils zum Exerzieren und zur Parade, teils zu gar nichts gebraucht werden; ferner Äcker, Gärten, Alleen, alles in die Stadt eingeschlossen. Vorzüglich oft gingen wir auf die lange Brücke, auf deren Mitte ein alter Markgraf von Brandenburg,[43] zu Pferd in Lebensgröße, von Erz gegossen steht, und etliche Enakssöhne mit krausen Haaren zu seinen Füßen gefesselt sitzen, dann der Spree nach, auf den Weidendamm, wo's gar lustig ist, dann ins Lazarett, um das traurigste Spektakel unter der Sonne zu sehn, bei dem einen, der nicht gar unsinnig ist, die Lust an Ausschweifungen bald vergehen muß. In diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, steht Bett an Bett gereiht, in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine eigene Art den Tod, und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier ein Dutzend, die unter den Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zetergeschrei erheben; dort andre, die sich unter ihren Decken krümmen, wie ein halb zertretener Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern. Meist mochten wir's da nur wenige Minuten aushalten, gingen wieder an Gottes Luft und setzten uns auf einen Rasenplatz. Da führte unsre Einbildungskraft uns fast immer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl's uns war, wie frei wir gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei. Dann machten wir Pläne zu unsrer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen unübersteiglichen Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken -- wie sie des folgenden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauflosgehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen Jünkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber jahrein, jahraus so kujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang, in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz und Quer pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stund, und alle Augenblicke wie unter Kabisköpfe[44] dreinzuhauen drohte. Bei einem solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so ging's schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurechtzumachen und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen Mai und Juni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht frei; dann mußten wir auf das properste Kirchenparade machen. Also blieben uns zu jenen Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten kurz und gut zu nichts Zeit, als zum Hungerleiden. Wahr ist's, unsre Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste Order, uns über Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und dachten halt, das sei so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermuteten wohl so etwas, schwiegen aber mausstill. Indessen waren Schärer und ich blutarm geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir alles verkauft. Nun mußten wir mit Brot und Wasser oder Kovent,[45] das nicht viel besser als Wasser ist, vorlieb nehmen. Mittlerweile war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meewis ins Quartier kommen, von denen der erstre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und die beide einen guten Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich anfangs ebenfalls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fleisch, mit Erdäpfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier: Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern eine Ochsenpfote, einen Hering oder ein Dreierkäschen. Nun aber konnt' ich's nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts, und mein Sold ging meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs, Kreide, Schmirgel, Öl und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fing ich erst recht an, Trübsal zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht von Herzensgrund meine Not klagen. Des Tags ging ich umher wie der Schatten an der Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte weinend in den Mond hinauf, und erzählte dem mein bittres Elend: »Du, der jetzt auch überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuten daheim, wie armselig es um mich stehe, meinen Eltern, meinen Geschwisterten, meinem Ännchen sag's, wie ich schmachte, wie treu ich ihr bin, daß sie alle Gott für mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen Weg fort? Ach, könnt' ich ein Vöglein sein und dir nach in meine Heimat fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend. Was nützt mir dieser herrliche Ort, worin ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen hier hätte und so ein schön Häuschen, wie dort grad' gegenübersteht, und nicht Soldat sein müßte, dann wär's hier gut wohnen; dann wollt' ich arbeiten, handeln, wirtschaften, und ewig mein Vaterland meiden! Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Elenden täglich vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirst mir immer vorzüglich wert bleiben! Aber, ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem Leben nicht wieder, verliere sogar den Trost, von Zeit zu Zeit an die Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Jedermann erzählt mir ja von der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile fortzubringen, worin ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß? Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie ich nicht aus Vorsatz oder Liederlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte. Doch, nein! desertieren will ich nicht. Lieber sterben, als Spießrutenlaufen. Und dann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch auszuhalten. Freilich eine lange, lange Zeit; wenn's zumal wahr sein sollte, daß auch dann kein Abscheid zu hoffen wäre! Doch, was? Kein Abscheid? Hab' ich doch eine, und zwar mir aufgedrungene Kapitulation! -- Ha! Dann müßten sie mich eher töten! Der König müßte mich hören! Ich wollte seiner Kutsche nachrennen, mich anhängen, bis er mir sein Ohr verleiht. Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausweist. Und der gerechte Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht sein.« -- Das waren so damals meine Selbstgespräche.