Part 10
Während der ersten Nacht, die er auf einer von Rauch und den Negerleibern infolge des langen Gebrauches schwarz gewordenen Pritsche inmitten einer von Ratten und Mäusen und anderem Ungeziefer heimgesuchten Negerhütte zubringen muß, hat der unerfahrene Angestellte dann reichlich Zeit, über das Lächeln des Direktors, dessen Verschlagenheit er erst jetzt ganz versteht, nachzudenken. Hat er dann, von der Sonnenglut und den Strapazen der Reise völlig erschöpft, das Ziel seiner Reise erreicht und seine Wut über die leere Kiste, die den Stuhl ersetzen muß, und das harte Nachtlager ausgetobt, dann steigt er wohl von seiner Höhe herunter und arbeitet, um das Fehlende zu ersetzen. Nach kurzer Zeit macht er eine ganz sonderbare Wahrnehmung. Etwas ihm bisher völlig Fremdes, ein anderes kraftvolles und mächtiges Wesen, der Wille den Kampf mit dem Dasein aufzunehmen, quillt aus seinem Innersten hervor und durchbricht kraftvoll alle Schranken, die Trägheit und Gewohnheit ihr in den Weg legen. Von diesem Augenblick an tritt er in die Reihe jener Pioniere, die im Laufe der Jahre im Schweiße ihres Angesichts aus den kahlen Grassteppen und den Urwäldern Afrikas blühende Posten -- Stätten der Zivilisation -- und herrliche Plantagen hervorgezaubert haben, während jene, die in dieser schweren Schicksalsstunde verzagend den Kopf hängen lassen, körperlich und geistig zugrunde gehen. Das Kräftige und Starke im Menschen behält auch hier die Oberhand, das Schwache geht unter.
Seit einiger Zeit machte sich ein regelmäßiger Abgang von Hühnern fühlbar, dessen Ursache wir uns lange nicht zu erklären vermochten. Eines Morgens bemerkte ich endlich den vermeintlichen Hühnerdieb in der Gestalt eines Leguans von der Größe eines kleinen Krokodils, der auf einem Baumriesen von etwa 40 Meter Höhe neben dem Hühnerhof, unmittelbar unter einem Loch saß. Da Janssen sich mein Schrotgewehr für die Reise ausgeliehen hatte, holte ich meinen Kugelstutzen und verwundete das Tier durch einen wohlgezielten Schuß derart, daß es nur mit Mühe zu seinem Unterschlupfloch gelangen konnte. Hier verschwand es, und da ich befürchtete, daß das Tier dort verenden könnte, ließ ich in einer kleinen tiefer liegenden Öffnung einige Späne anzünden, um es durch die Rauchentwicklung herauszutreiben. Keiner von uns ahnte, daß das Innere des Stammes wie ein Kamin vollständig hohl war und die Krone sich einzig und allein durch eine starke Liane, die sich um den Baum in die Höhe schlängelte, erhielt. Ein Knistern und Knattern, wie das Abbrennen eines Feuerwerks, eine kräftige Flamme schlug durch das Innere des trockenen Stammes empor, und noch ehe wir uns von dem ersten Schrecken erholt hatten, brannte der ganze Baum lichterloh. Gleichzeitig schossen zwei Tiere in der Größe von Affen wie der Blitz aus einem der vielen Löcher heraus, erkletterten das schützende Laubdach und flogen von dort zu unserem Erstaunen von Baum zu Baum. Es gelang, eines der Tiere zu erlegen, und es stellte sich später heraus, daß ich damit einen äußerst seltenen Fang getan hatte. Es war ein fliegender Hund, ein Mittelding zwischen einem Affen, einem Nagetier und einer großen Fledermaus.
Ein Blick auf den brennenden Baumriesen ließ mich erkennen, daß Löscharbeit vollständig nutzlos war, und man mußte damit rechnen, daß er in kurzer Zeit zusammenbrechen würde. Auf der einen Seite in unmittelbarer Nähe lag das vor kurzem vollendete Warenmagazin, auf der anderen die Wohnungen der Arbeiter. Ein unglücklicher Zufall, und das Magazin mit dem Werte von vielen Tausenden, die Frucht mühseliger Arbeit, drohte vernichtet zu werden. Damit -- dies fühlte ich ganz genau -- war auch meine afrikanische Laufbahn besiegelt, da ich nicht die Mittel besaß, den Schaden wieder gutzumachen. Bitter mußte ich meine jugendliche Unvorsichtigkeit [Illustration: Wohnhaus im Urwalde.]
büßen. Wie ein Wahnsinniger lief ich völlig ratlos umher, um an dem Überneigen der Baumkrone nach der einen oder der anderen Seite hin die vermutliche Fallrichtung festzustellen. Doch das Geäst war ziemlich gleichmäßig verteilt, und der Sturz hing daher völlig von irgendeinem Zufall ab. Ein Fällen des Baumes von irgendeiner Seite war wegen der Glutwelle, die von ihm ausging, ganz ausgeschlossen. Zudem hätte es wochenlanger Arbeit bedurft, um das eisenharte Holz an der Basis zu durchschlagen. Stunde auf Stunde verging unter Hangen und Bangen; das Magazin und die Arbeiterhütten waren vollständig ausgeräumt worden. Brennende Äste waren zu wiederholten Malen gestürzt; da plötzlich, gegen Sonnenuntergang, drang aus dem Baume ein Ächzen und Stöhnen, der Riese bäumte sich in einer letzten Anstrengung gegen die alles verheerende Macht des Feuers auf -- dann schwebte die ausgebreitete Krone in der Luft und fiel in gerader Richtung auf das Magazin zu. Schon glaubte ich alles verloren, als die starke Liane, die anscheinend nicht durchgebrannt war, die fallende Krone im letzten Augenblick etwas zur Seite lenkte, so daß der Koloß hart neben der Faktorei mit explosionsartigem, dumpfem Knall, der den Erdboden erschütterte, gerade mitten zwischen den Hütten und dem Magazin niederstürzte. Hier lag nun der mächtige Stamm in der Kaffeeplantage -- eine Zentnerlast war mir vom Herzen gefallen.
Mit Ausnahme einer leichten Beschädigung einer Negerhütte, die innerhalb einer Woche wiederhergestellt werden konnte, und der Zerstörung einiger Kaffeebäume war nichts geschehen. Wie durch ein Wunder war ich einer großen Gefahr entgangen, und die Leute meinten, daß ein mächtiger »Fetisch« Magazin und ihre Hütten vor sicherer Zerstörung bewahrt hätte.
Der Knall und der aufsteigende Rauch beim Fall des Riesen war derartig stark, daß Stanleyville -- eine Pulverexplosion vermutend -- uns sofort ein Boot mit =Dr.= Bellis zur Hilfeleistung über den Strom sandte. Von dem Leguan war keine Spur mehr aufzufinden, er war offenbar vollständig zu Asche verbrannt worden.
Eine Fahrt zum ersten Stanleyfall. Fieberkrank.
Der Bau der Faktorei hatte bereits große Fortschritte gemacht, die Gerüste zweier weiterer Magazine, eins zum Trocknen für Kautschuk und eins für Elfenbein und Kautschuk, waren fertiggestellt und harrten nur noch der Vollendung des Dachstuhles, damit die Mauern, vor Regen geschützt, aufgeführt werden konnten.
Da die Suaheli aus den Dörfern oberhalb der Stanleyfälle, die das Bedeckungsmaterial aus Palmblättern anfertigen, in den letzten Wochen ausgeblieben waren, beschloß ich, ein großes Boot über den Fall hinaufzubringen und von meinen eigenen Arbeitern das Material schneiden zu lassen. Dadurch ersparte ich die hohen Anschaffungskosten und wurde auch von der Trägheit der Suaheli unabhängig.
Unser letzter Dampfer »Henriette« hatte gegen zwanzig Yambinga-Arbeiter aus Upoto-Irengi heraufgebracht, und mit diesen machte ich mich eines Nachmittags auf den Weg. An Stromschnellen und Wirbeln vorbei, über Hindernisse aller Art ging die an Aufregungen reiche Fahrt. Mit Hilfe langer Stangen und Bootshaken halfen wir an besonders reißenden und gefährlichen Stellen nach, wo die Ruderer versagten, bis wir nach einstündiger, harter Arbeit in die unmittelbare Nähe des Falles, dessen Lärm und Getöse bei einbrechender Nacht in Stanleyville jedes andere Geräusch übertönt, gelangten.
[Illustration: Fischereianlagen im Kongo.]
Hatte unser Boot bis dahin brav standgehalten, obwohl es mehrmals von der Wucht der Strömung gegen die Felsmassen geschleudert worden war und dabei viel Wasser bekommen hatte, so entschloß ich mich jetzt, das Vergebliche und Gefahrvolle weiterer Versuche einsehend, hier am Fall mit der Mehrzahl meiner Leute zu Lande weiter vorzudringen. Nur zwei Mann, einer vorne am Bug und ein zweiter am Hinterteil, beide vollständig nackt, verblieben, um das Boot mit Stangen und Bootshaken durch die unzähligen Felsblöcke hindurchzusteuern, während der Rest der Leute unter meiner Führung, von Fels zu Fels springend, das Kanu an einem langen Tau stromaufwärts zogen.
Dicht vor dem Fall, auf der linken Seite des Flusses, liegt eine kleine Insel, die die Aussicht versperrt. Hier begann, am Flußufer entlang, eine äußerst gefährliche Kletterei, eine halsbrecherische Tour über aufeinander getürmte Granitblöcke, die der Strom hier im Laufe von Jahrtausenden gleich einer Lawine angeschwemmt hat. Diese Granitblöcke haben oftmals einen Durchmesser von fünf bis sechs Meter. Sie sind glatt und durch das Wasser abgerundet und bilden große Lücken und Spalten, zwischen denen ein kleiner Seitenarm des Stromes in der Tiefe durchschießt. Wehe demjenigen, der von der Höhe eines solchen Granitblocks beim Klettern abstürzt und in die Lücke gleitet. Von den tosenden Wassermassen würde er sofort in die Tiefe gezogen und vernichtet werden. Bei Hochwasser ist diese ganze Region in wilder Bewegung und bildet ein Chaos von Gischt, Schaum und Wirbeln.
Auf einer Anhöhe liegt das Hauptdorf der Bakenien, Peneka Tango, dessen Einwohner fast ausschließlich vom Fischfang leben. Das äußerst zahlreiche junge Volk spielte am Wasser und eilte, sowie es unser ansichtig wurde, ganz ohne Scheu herbei, ein Zeichen, daß Europäer hier beständig durchkommen und die Eingeborenen die ihnen sonst eigentümliche Angst vollständig überwunden hatten.
Wir passierten die Stellen, an denen bei Hochwasser gefischt wird, und die nun verlassen waren. Zwischen einem Gewirr von kolossalen Baumstämmen, die in Löchern zwischen den Granitblöcken geschickt versenkt und an der Spitze mit Querbalken versehen sind, auf denen die Fischer zu ihren Reusen gelangen, bahnte ich mir einen Weg, wobei zwei meiner Leute mir beim Sprung über Wassergerinnsel als Stütze dienten.
Auf den Felsen im Umkreis lagen Fischkörbe und Reusen in den verschiedensten Ausmaßen. Die größten hatten an der Mündung zwei bis drei Meter im Durchmesser und eine Länge bis zu fünf Meter. Diese Reusen sind aus starken Lianen wie Korbwerk geflochten und werden von den Balken aus, an denen sie mittels Lianen befestigt sind, in den Strudel versenkt. Sind diese Körbe auch nicht so solide wie die eisernen Reusen, die bei der Flußfischerei in Europa, z. B. bei Lauffenberg am Rhein beim Lachsfang, zur Verwendung gelangen, so übertreffen sie diese an Umfang und leisten sicherlich die gleichen Dienste, da in ihnen Fische bis zu sechzig Kilogramm Gewicht gefangen werden.
Über die ganze Breite des Stromes, die hier gegen 1300 Meter betragen dürfte, haben die Bakeniens unmittelbar vor dem Absturz der Wassermassen große Balken und Bäume auf fast unerklärliche Weise in den Strom versenkt und untereinander durch ein Gerüst von Querbalken verbunden. Von weitem gleicht die Anlage einer Palisadenwand. Nun wurde mir auch klar, warum in letzter Zeit verschiedene umgeschlagene Kanus mit Frauen und Männern an unserer Faktorei vorbeistrichen. Alle paar Tage mußte ich durch meine Arbeiter solche Leute auffischen lassen.
Der Strom stürzt hier in seiner ganzen Breite über Felsen hinweg auf etwa drei Meter in die Tiefe. Über einzelne tiefere Stellen, an denen das Wasser das Bett etwas mehr ausgehöhlt hat, gehen die verwegenen Kerle mit ihren Kanus durch den Katarakt: ein unglücklicher Zufall, eine ungeschickte Bewegung, und das Kanu zerschellt an den Felsen. Die Insassen, zumeist gute Schwimmer, werden von der Strömung fortgerissen; keiner ihrer Konkurrenten denkt daran, ihnen nachzueilen.
Bei unserer Ankunft war gerade eine Anzahl Eingeborener damit beschäftigt, die Reusen und Körbe im Strudel zu heben. Der Mut und die Gewandtheit dieser Leute sind geradezu verblüffend. Wie Affen springen und klettern sie an dem infolge des Anpralls der Strömung stets schwankenden Gerüst ganz weit in den Strom hinaus, um unmittelbar oberhalb der sich überströmenden Wassermassen ihre halsbrecherische Arbeit zu versehen. Nach dem, was ich hier gesehen, würde es mich nicht wundern, Neger zu sehen, die imstande wären, Affen auf den Bäumen nachzueilen und sie zu fangen.
Während ich nun so in Betrachtungen der kochenden, stürzenden Wassermassen dasaß, kamen von oberhalb des Falles zwei gut bemannte Kanus direkt auf den Fall zugerudert. Ich traute kaum meinen Augen, als etwa fünf bis zehn Meter oberhalb des Falles die Hälfte der Mannschaft in den Strom sprang und mit Leibeskräften auf die Balken im Falle selbst zuschwamm. Die übrige Besatzung hatte mit ein paar Ruderschlägen das Boot nun derart gedreht, daß es mit der Breitseite gegen die Balken antrieb, wo es, von der inzwischen dort postierten Gruppe, unterstützt von den Leuten im Kanu, die sich mit aller Gewalt mit langen Stöcken gegen die Felsen anstemmten, in Empfang genommen wurde. Die Wucht des Anpralls wurde durch die vereinten Kräfte vollständig gebrochen. Hier lag nun das Boot infolge der starken Strömung wie festgenagelt an den Balken, während die Insassen an den Bäumen emporkletterten und auf diesem halsbrecherischen Gerüst herumsprangen und -kletterten, als ob sie auf allen Vieren geboren wären. Um die in die Tiefe stürzenden Wassermassen, die jeden Herabfallenden zermalmen und zerschmettern würden, kümmerten sie sich nur soweit, als es ihre Fischapparate anging. Ebenso wie sie gekommen, gelang es beiden Kanus auch wieder, mit Hilfe der langen Stangen aus dem Bereich des Falles stromaufwärts zu entkommen.
Nach den Quantitäten an Fischen zu urteilen, die das Dorf allwöchentlich an die Station Stanleyville für die Tafel der Staatsangestellten und zur Ernährung der schwarzen Arbeiter abzuliefern hatte, mußte die Ausbeute eine ganz gewaltige sein. Es kommen verschiedene große Arten von Wels vor, die oft ein Gewicht von 60 und 80 Kilogramm erreichen und auch Leichen anfressen sollen. Außer diesen finden sich unzählige Arten, vom Catfisch angefangen, bis zum Kongosalm -- Rüsselfische, Hundefische (nach ihrem scharfen Gebiß so benannt), Fische in der Art unserer Barben, Karpfen, Schleie, Barsche usw.
Unser eigenes Kanu hatten wir inzwischen, es immer dicht am Ufer entlang ziehend, mit Hilfe von ein paar Bakeniens, die für Geld und gute Worte herbeigeeilt waren, über die Felsen emporgezogen und oberhalb des Falls verankert. Nachdem ich mich bis gegen Sonnenuntergang an dem gewaltigen Naturschauspiel, das der Fall uns bot, geweidet hatte, sandte ich das schwarze Personal zu Fuß nach der Faktorei zurück, während ich mich mit Mustapha oberhalb des Falles auf das rechte Ufer übersetzen ließ, von wo aus ein bequemer Promenadenweg durch die Araberniederlassungen nach Stanleyville führt. Auf unserem Weg wurden wir wiederholt von Händlern angehalten, die uns Sklaven und Sklavinnen zum Kaufe oder besser gesagt zum Freikaufe -- wie der Staat dies diplomatisch ausdrückt -- anboten.
Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch machte ich mich, von zwölf Arbeitern begleitet, auf den Weg nach Peneka Tango und schiffte mich auf unserem Kanu ein. Wir fuhren eine kleine Strecke stromaufwärts, um bei Überquerung des Flusses nicht in die Fälle hineingetrieben zu werden und gingen dann auf die andere Seite über, wo wir in einen Seitenarm des Kongos einbogen. Zur Rechten dichtbelaubte Inseln, zur Linken das nach der Tiefe zu sich abstufende Laub des Urwaldes, über uns die Sonne eines herrlichen Frühlingsmorgens, auf Blättern und Blüten gleich Myriaden Diamanten große, in den Sonnenstrahlen funkelnde Tautropfen: wie in einem Märchenlande glitt unser Boot über die spiegelglatte Wasserfläche dahin. Tiefer, weihevoller Frieden lag auf der Wasserfläche. Das Leben und Treiben von Stanleyville drang nicht bis hierher, selbst das dumpfe Brausen des unweit hinter Inseln und Bäumen befindlichen Falles ertönte wie aus weiter Ferne. Nur das Trillern, Gezwitscher und Lockrufen der Vögel, die den herrlichen Morgen mit ihrem Jubellied feierten, war hörbar und stimmte das Herz unsagbar glücklich.
[Illustration: Häuptling mit Gefolge.]
Nach dreistündiger, genußreicher Wasserfahrt gelangten wir an unser Reiseziel. Ich ging mit den Leuten durch den Urwald bis an Sumpfniederungen, wo Riesenpalmblätter und Bambus in Unmengen wucherten. Das Terrain war zum Teil stark versumpft, und meine Leute arbeiteten bis zu den Knien im Morast, um das zum Dachdecken nötige Material zu gewinnen. Während dieser Zeit machte ich einen kleinen Streifzug in die nächste Umgebung und hatte Gelegenheit, einen »=Bulikoko=« (blauer Fasan) und zwei Affen zur Strecke zu bringen.
Dieser Ausflug in das Morastgebiet sollte mir teuer zu stehen kommen und hatte für mich böse Folgen. Als ich am folgenden Morgen erwachte, fühlte ich eine unbegreifliche Schwäche in mir. Abgespannt und müde erhob ich mich vom Lager, entschlossen, dem unsichtbaren Feind, dem Fieber, welches mich unvermutet in der Nacht überfallen hatte, zu trotzen und es durch Arbeit niederzukämpfen. Da Janssen verreist war, hatte ich alle Hände voll zu tun und ging wie gewöhnlich meiner Beschäftigung nach. Gegen 9 Uhr wurde ich plötzlich von heftigem Schüttelfrost befallen. Ich ließ mir eine Tasse heißen Tee machen und nahm gleichzeitig ein halbes Gramm Antipyrin. Auch jetzt noch war ich fest entschlossen, der wachsenden Schwäche und inneren Erregung zu widerstehen. Ich hatte jedoch kaum die ersten paar Schlucke heißen Tees im Magen, als sich die Reaktion mit elementarer Gewalt einstellte. Unter Erbrechen von großen Brocken Galle brach ich zusammen. Ein Schüttelfrost überfiel mich mit solcher Heftigkeit, daß ich vor dem Klappern der Zähne kaum imstande war, mich mit meinem Boy und dem schnell herbeigeeilten Mustapha verständlich zu machen. Sie brachten mich zu Bett, und als alle im Hause verfügbaren Decken nicht genügten, bei mir ein Wärmegefühl aufkommen zu lassen, eilte Mustapha ins Magazin und ließ auch von unserem dortigen Vorrat noch weitere dazu holen. Immer und immer wieder versuchte ich, heißen Tee, als einziges und bestes Mittel, den kalten Todesschauer loszuwerden, zu mir zu nehmen, doch jeder Versuch verursachte erneutes Erbrechen von Galle. Es ist geradezu ungeheuerlich, welche Quantitäten davon der menschliche Körper bei Gallfieber von sich gibt.
Hatte ich bisher tapfer standgehalten, so brach ich nun völlig nieder, jede Energie und Widerstandskraft war dahin. Eine dumpfe Resignation bemächtigte sich meiner. Nach dem Schüttelfrost kam plötzlich ein heißer Schauer über mich. Ich hatte das Gefühl, als ob eine Blutwelle durch den ganzen Körper dem Kopfe zujagte und auf ihrem Weg dahin alle Adern zum Bersten bringen müßte. Kopf und Stirne waren glühend heiß; das Thermometer stieg von 38,7 auf 39,5, 40,2, um schließlich bei 41 Grad haltzumachen. Das Hirn arbeitete ruhelos, die Pulse flogen und trommelten im Schnelltempo. Ich fühlte, wie mir das Bewußtsein entschwand, und hatte das Empfinden, als ob ich durch das Bett immer tiefer und tiefer in die Erde, in mein Grab sänke. Das Bett und meine Umgebung wankte und schaukelte wie auf hoher See. Gleichzeitig fühlte ich im Kopfe ein Sausen und Brausen wie die Brandung des Meeres. Das Chinin tat offenbar bereits seine Wirkung.
Das Nächste, woran ich mich zurückerinnern kann, war, daß mich plötzlich ein wohliges, warmes Gefühl überkam. Irgend etwas in meinem Hirn schien gerissen zu sein. Ich hatte keinen eigenen Willen mehr, sondern befand mich in einer Art hochgradigen Fiebertraumes, der fremdartige Phantasiegebilde, in denen ich den Mittelpunkt bildete, gleich den Bildern eines Kaleidoskops in wilder Jagd an meinem geistigen Auge vorüberziehen ließ. Von unsichtbarer Gewalt getrieben, eilte ich in wilder Hast über seltsame Landschaften mit Palmenhainen und mit Blumen übersäten Wiesen, die von der aufgehenden Sonne hell beleuchtet waren, meiner entflohenen Seele nach, die wie ein Schatten vor mir herschwebte und die ich unter Aufbietung aller Kräfte wiederzuerlangen suchte.
Unterwegs begegneten mir eine Menge bekannter Gestalten, die ich im Leben niemals gesehen, die mir jedoch im Verlaufe der Jahre wiederholt im Traum erschienen waren und die mich jetzt verwundert und entsetzt betrachteten, um gleich darauf wieder wesenlos zu verschwinden. Plötzlich kam ich an ein hohes Felsengebirge, das ich im rasenden Laufe erkletterte. Ein dunkler Abgrund -- unermeßlich tief --, aus welchem gleich Nebelschwaden Rauch aufstieg, lag zu meinen Füßen. Vor mir tat sich die Hölle auf, und in sie hinein entschwand meine Seele. Von Grauen gepackt, wollte ich einhalten im rasenden Lauf. Unmöglich -- ein unsichtbares Etwas trieb mich unaufhaltsam dem Abgrunde zu. Ich fühlte, wie ich durch die Luft schwebte und in die Tiefe sauste. Immer tiefer durch Feuerwolken und giftige Gase, in ein Flammenmeer, das mir den Atem raubte und mir die Sinne nahm. Dann wieder stand ich inmitten hellen Sonnenscheins, von allen Seiten eingeschlossen, in einer Bodensenkung. Oben auf einer Anhöhe standen meine Eltern und winkten mir, heraufzukommen. Ich hatte sie viele Jahre nicht gesehen und als tot beweint, und mein Herz sehnte sich danach, sie in die Arme zu schließen. Im Begriffe, zu ihnen zu eilen, bemerkte ich mit Entsetzen, daß ich inmitten tausender Schlangen stand, die von allen Seiten aus Erdlöchern herausschlüpften, um sich zu sonnen. Zu Ringen und Klumpen geballt, lag das giftige Gewürm über- und aufeinander. Die einen fraßen die anderen auf. Ich hatte ein Schwert in der Hand und versuchte, von Grauen gepackt, mich der Schlangen zu erwehren. Ich zerspaltete und durchschnitt die ekelhafte Brut. Doch es wuchsen den einzelnen Teilen neue Köpfe, die sich nun mit ihren giftigen Fängen an meinem ganzen Körper festbissen. Ganz genau empfand ich, wie die Nattern sich trotz meiner verzweifelten Gegenwehr um Füße, Arme und Beine hinaufringelten und mir schließlich die Kehle durchbissen. In wahnsinniger Angst eilte ich mit geflügelten Schritten weiter -- meine Eltern waren meinen Blicken entschwunden.
Dann wieder sah ich mich inmitten von Totenschädeln als Leiche aufgebahrt. Ein Kreis der nächsten Verwandten saß fröhlich plaudernd neben dem Totenlager, während sich meine Mutter, ihr Herz vom wilden Schmerze zerrissen, über den Toten warf. Ich aber stand daneben, und das Weinen und Wehklagen der Mutter, die mich, ihren totgeglaubten Sohn, betrauerte, schnitt mir tief ins Herz hinein. Ich wollte mich ihr zu Füßen stürzen, ihr zurufen, doch die Glieder und die Stimme versagten ihren Dienst, und jetzt wurde ich plötzlich mit Erstaunen gewahr, daß kein Ton, kein Laut eines lebenden Wesens meinem Ohr vernehmbar war. Grabesstille herrschte in diesem Weltall der Toten, das doch wieder voll Leben war. Ganz deutlich sah ich mit den Augen die geschilderten Vorgänge -- das Ohr jedoch vernahm nichts davon.
Dann wieder eilte ich an der Spitze einer Karawane durch dichten Urwald und weite Grassteppen mit Palmenhainen, aus deren Wedeln große Affen mit Menschenfratzen höhnisch auf uns herabblickten. Meine Karawane war kunterbunt aus Negern von der Küste und Traumgestalten von Leuten, denen ich im Leben einmal begegnet sein mochte, zusammengestellt. Stunden über Stunden waren wir unter sengender Sonnenhitze über Steppen und Wiesen dahingeeilt, ohne einen Tropfen Wasser oder etwas Nahrung zu uns genommen zu haben. Die Zunge klebte am Gaumen, die Füße versagten ihren Dienst. Da sahen wir plötzlich aus einem Bananenwald liebliche Hütten auftauchen und einladend winken. Und von allen Hütten näherten sich uns Negerfrauen und -mädchen, die uns in scheuer Furcht betrachteten und wieder verschwanden. Wohl fiel mir auf, daß wir nur weibliche Personen zu Gesicht bekamen, doch der Gedanke, ins Reich der Amazonen zu kommen, hatte nichts Schreckliches an sich.
Im Dorfe um uns schien sich etwas Geheimnisvolles vorzubereiten. Seit Menschengedenken war in diese Gegend kein männliches Wesen gekommen, und uns drohte ein fürchterliches Unheil. Mein Blick, der durch die Wände der Hütte ins Innere hineinzudringen vermochte, sah alte Weiber mit zornverzerrten Mienen um die Feuer hocken. Ich sah, wie sie untereinander tuschelten, die Köpfe zusammensteckten und in den Mondschein hinausstarrten, als erwarteten sie etwas Furchtbares zu hören. Ein Orakel hatte den Weibern den Untergang des Dorfes verkündet, sobald der Fuß eines Mannes das Gebiet betreten würde.
Die Sitte wollte es, daß, sobald eines der jungen Mädchen das heiratsfähige Alter erreicht hatte, es mit großem Pomp dem Bräutigam, der Sonne, zugeführt wurde. Die Glut der heißen Strahlen mit der ihnen innewohnenden Kraft, die stets neues Leben erweckt, befruchtete den jugendlichen, jungfräulichen Körper, der bis zur Geburt des Kindes alltäglich ein Gegenstand sorgfältigen Sonnenkultus bildete. Gebar die junge Frau ein Mädchen, dann wurde dieses Mädchen mit Prunk und Festlichkeit in die Gemeinde aufgenommen -- kam ein Junge zur Welt, so wurde er der Sonne geopfert.
Die finstere Nacht nahte heran. In schlauer Zärtlichkeit führten die schönen, bronzenen jungen Mädchen des Dorfes Freudentänze vor unseren Augen auf. Sie schmiegten sich völlig unbekleidet an uns und umfingen uns mit den Armen. In höchstem Wonnegefühl ließ ein dunkles Ahnen mein Blut in den Adern erstarren, ganz deutlich erkannte ich plötzlich in den liebevollen Augen meiner Gefährtinnen den giftigen Blick der Schlangen, die ihr Opfer suchten.
Ich wollte meine Leute warnen, wollte rufen, vermochte aber keinen Laut hervorzubringen. Ich wollte mich der fürchterlichen Umarmung erwehren, doch wie eiserne Ketten umschlossen die bloßen Arme und Füße meinen Körper. Mit Grauen bemerkte ich, wie die Frauen mit wollüstiger Grausamkeit einem Gefährten nach dem anderen die Kehle durchschnitten -- das entströmende Blut versetzte sie in einen Freudentaumel. Um mich her, toll vom Blutrausch, in den Händen die blutigen Messer und Fackeln schwingend, tanzte im Reigen eine Legion der wilden Amazonen.
Vergeblich versuchte ich, mich der von allen Seiten auf mich einstürmenden Frauenkörper, ihrem sinnlichen Begehren und der Glutwelle, die von ihren Leibern ausging, zu erwehren. Von ihnen in die Mitte des Dorfes vor ihren Götzen geschleppt, wurde ich an Händen und Füßen gefesselt. Ich hatte das Vorgefühl eines schauerlichen Todes, dem qualvolle Martern vorhergehen sollten. Eine Horde besessener Teufel mit herrlichen Frauenleibern umtanzte mich im tollen Bacchanal und weidete sich an dem Grauen, das sie mir mit ihrer Wollust einflößten. Mit scharfen Messern bezeichnete eine nach der anderen in blutigen Ringen auf meiner weißen Haut das Stück, das ihr nach meinem Tode angehören sollte. Die Vorkehrungen zum Opfer waren beendet. Ich sollte am Spieße gebraten werden. Ganz deutlich fühlte ich das kalte Eisen, das mich von unten nach oben durchbohrte, und die ungeheure Hitze der Flammen.