Part 11
Ein Schmerz durchzuckte meinen Körper. Ich öffnete die Augen und erkannte in tiefer Erregung den über mich gebeugten Dr. Bellis, mit der Pravazschen Spritze in der Hand, mittels der er gerade noch rechtzeitig durch Chinin und Koffein-Einspritzungen unter die Haut die entfliehenden Lebensgeister gebannt hatte. Dank seiner Hilfe war ich für diesmal gerettet.
Janssen, durch Eilboten vom Arzt aus Romée zurückberufen, kehrte nach vier Tagen heim. Acht qualvolle Tage und Nächte fesselte mich der beständige Kampf mit dem Fieber und der sich immer wieder von neuem ansammelnden Galle ans Krankenbett. Als einzige Nahrung während der ganzen Zeit erhielt ich etwas mit Wasser zu gleichen Teilen flüssig gemachte kondensierte Milch. Kein Wunder, daß ich mich nach neun Tagen völlig entkräftet, ein schwankendes Rohr, von meinem Lager erhob. Von Mustapha und meinem Boy unterstützt, ließ ich mich für einige Stunden im Lehnstuhl hinaus ins Freie tragen, von wo auch ich einen freien Überblick über den Strom und das Leben um mich genießen konnte. Die muntere Arbeit und das frohe Leben und Treiben um mich her erweckten in mir bald die schlummernden Lebenskräfte, und in zwei weiteren Tagen war ich bereits so weit hergestellt, um die Arbeit wieder aufnehmen zu können.
Faktoreichef. Reisen ins Innere des Landes.
Eines Tages kam Janongo, der Häuptling eines Dorfes, das bisher die Hälfte unserer monatlichen Kautschukproduktion lieferte, mit unserem im Dorfe installierten Capita zurück. Gewöhnlich nehmen Dörfer die Namen von Häuptlingen an, die sich durch persönlichen Mut und Unerschrockenheit besonders hervorgetan haben. Der Häuptling war übel zugerichtet. Das rechte Auge und die Nase waren unförmig angeschwollen und der übrige Teil des Gesichtes und die Brust mit gestocktem Blute bis zur Unkenntlichkeit besudelt. Vom Rücken und den Lenden abwärts zeigte die Haut blutige Striemen und entsetzliche Wunden und Geschwüre. Der Mann war offenbar mißhandelt worden und hatte dabei reichlich Blut verloren. Was hatte sich zugetragen?
[Illustration: Ankauf von Kautschuk.]
Die Dörfer Janongos, zum Rayon der Stanleyfälle gehörend, liegen in unmittelbarer Nähe der Grenze, welche den anschließenden Aruwimi-Distrikt von der »=Province Orientale=« scheidet.
Zwischen dem ehemaligen Staatsangestellten, der den einige Stunden stromabwärts gelegenen Staatsposten kommandierte, und unserer Faktorei bestanden bisher freundschaftlich nachbarliche Beziehungen. Seit kurzem war der Beamte auf Urlaub nach Europa zurückgekehrt, und sein Nachfolger P..... hatte Janssen bei seiner letzten Reise ziemlich kühl aufgenommen, so daß dieser, ganz gegen seine bisherige Gewohnheit, gar nicht dort übernachtet hatte, sondern nach kurzem Aufenthalt weitergereist war. P....., von den Eingeborenen »=Malu Malu=« (»Schnell schnell«) genannt, war nun vor einigen Tagen mit fünfzig Soldaten im Dorfe erschienen und hatte von Janongo eine monatliche Steuer von hundert Säcken Kautschuk verlangt. Aus die Erklärung Janongos, daß sein Dorf seit Jahren Kautschuk an die Stanleyfälle liefere, und seine Weigerung, dem Befehl nachzukommen, ließ P..... ihn in Ketten legen und befahl seinen Soldaten, in den Hütten der Eingeborenen nach Kautschuk zu suchen. Einer der Soldaten schnüffelte im Hause unseres Capitas den bereits fertiggestellten Kautschuk auf. Unser Capita, nichts Gutes ahnend, hatte wahrscheinlich Reißaus genommen, obgleich er natürlich steif und fest behauptete, zur Zeit nicht im Dorfe gewesen zu sein. P..... ließ nun den gesamten Kautschukvorrat mit Beschlag belegen und dem Häuptling Janongo, weil dieser ihn belogen hatte, fünfzig Hiebe mit der Nilpferdpeitsche geben. Überdies traktierte er den am Boden Liegenden in schamlosester Weise mit seinen Stiefelabsätzen. Noch in der gleichen Nacht hatten Janongo und der inzwischen zurückgekehrte Capita das Dorf verlassen, um Klage bei uns zu führen. Janssen war durch die geschilderten Vorgänge in eine nicht wiederzugebende Aufregung und Wut versetzt worden. Abgesehen davon, daß Janongo stets einer der verläßlichsten Häuptlinge gewesen war und wir durch die Beschlagnahme des bereits bezahlten Kautschuks einen enormen finanziellen Schaden erlitten hatten, erregte es ihn besonders, daß unser Prestige bei den Eingeborenen infolge der Mißhandlungen des Häuptlings durch einen Staatsbeamten stark erschüttert worden war. Er betraute mich mit der Klage beim Distrikts-Kommissar, da er fürchtete, nicht Herr seiner Erregung bleiben zu können. Ich begab mich sofort mit den beiden Zeugen auf das Kommissariat und ließ den ganzen Sachverhalt zu Protokoll nehmen, worauf der Distrikts-Kommissar uns volle Entschädigung und Bestrafung des Schuldigen in Aussicht stellte und sofort einen der hiesigen Offiziere mit der Untersuchung an Ort und Stelle betraute.
Bei meiner Rückkehr fand ich Janssen mit hochgradigem Fieber infolge der Aufregung im Bette vor. Gegen Mitternacht ließ er mich zu sich rufen. Sein Zustand hatte sich bedeutend verschlimmert, es erwies sich, daß er an Schwarzwasserfieber erkrankt war. Ich gab ihm sofort heißen Tee und eine reichliche Dosis Antipyrin. Der Harn, welcher vorher schwarzrot war, bekam daraufhin wieder seine natürliche Farbe. Da das Fieber während der Nacht absolut nicht weichen wollte, ließ ich am folgenden Morgen =Dr.= Bellis von der Station kommen. Merkwürdigerweise ließ das Fieber plötzlich ganz nach, so daß der Arzt nun nicht recht wußte, was er von der Veränderung halten sollte. Vorsichtigerweise verordnete er Janssen ein Purgativ, völlige Ruhe und Diät. Gegen 11 Uhr früh fühlte Janssen sich wieder vollständig wohl und erhob sich trotz aller Abmahnungen. Die Geschichte mit Janongo wollte ihm nicht aus dem Kopf.
Meine Abreise in Begleitung des befreundeten Offiziers mit einer Eskorte von zehn Soldaten war für den nächsten Morgen in Aussicht genommen, und Janssen gab mir eine Menge Ratschläge, wie ich mich bei der Sache zu verhalten habe.
Gegen Abend begann das Fieber von neuem, um Mitternacht traten wieder die einwandfreien Zeichen von Schwarzwasserfieber auf. Ernstlich beunruhigt, ließ ich diesmal trotz der späten Stunde =Dr.= Bellis rufen. Dieser kam gegen 1 Uhr und bestätigte unsere Vermutung. Er ließ sofort einen Einlauf von zwei Liter Seifenwasser machen, gab dem Patienten ein Gramm Chinin und viel heißen Tee und meinte, daß die Krankheit bis spätestens am nächsten Tage behoben wäre. Unter diesen Umständen wollte ich meine Reise nach Janongo unbedingt um einige Tage verschieben, um Janssen zu pflegen. Doch diesem ging die Angelegenheit fortwährend derart im Kopfe herum, daß =Dr.= Bellis, um ihn nicht unnötig noch mehr aufzuregen, mich bat, wegzufahren. Janssens Abschiedsworte waren: »Tu dein möglichstes, um die Sache glücklich zu Ende zu führen, dann werde ich sicherlich vor Freude genesen.« Dies waren die letzten Worte, die er an mich richtete. Das Schicksal hatte gewollt, daß wir uns nie wiedersähen. Der Tod hatte während meiner kurzen Abwesenheit Einkehr in unserer kleinen Faktorei gehalten und ein junges Menschenopfer gefordert.
Auf meiner Reise nach Janongo ließ ich unser Kanu vorsichtshalber noch in der Mission St. Gabriel anlaufen und Pater Willibrord, der Janssen persönlich sehr zugetan war, bitten, ihn während meiner Abwesenheit zu pflegen.
Während der nächsten Tage besuchte ich mit meinem Begleiter die Dörfer von Janongo und stellte an Ort und Stelle an der Hand von Zeugenaussagen der Eingeborenen den Tatbestand fest. Meine Capitas waren auf die Nachricht unserer Ankunft hin wieder zur Stelle. Der schuldtragende Beamte wurde einige Zeit danach vom Distrikts-Kommissar abberufen und anderswohin versetzt -- der leidtragende Häuptling Janongo hingegen für die erlittene Unbill von mir reichlich mit Geschenken bedacht.
Vier Tage später kehrte ich gegen 10 Uhr nachts ahnungslos von meiner Reise zurück. Wir waren im Begriffe, die Mission St. Gabriel zu passieren, als unser Boot von dorther angerufen wurde. Durch den Gesang der Ruderer war die Annäherung unseres Bootes schon bemerkt worden. Beim Überqueren des Flußufers erkannte ich mehrere vom Fackelschein beleuchtete Männer, darunter den Leiter der Mission Pater Vitus und =Dr.= Bellis, die am Anlegeplatz standen.
»=Vous avez reçu la nouvelle?=« war die erste Frage. Ich ganz erstaunt: »=Mais quelle nouvelle, mon reverend Père?=«
Ich ließ anhalten und erfuhr nun vom Pater Gabriel, daß mein Chef Janssen am Morgen gestorben und nachmittags in der Mission begraben worden war.
Der Schlag traf mich gänzlich unerwartet. Nach den letzten Äußerungen von =Dr.= Bellis hatte ich an die Krankheit gar nicht mehr gedacht, sondern geglaubt, daß Janssens gesunde, kräftige Konstitution diese zweite Attacke ebenso leicht überwinden würde wie die erste. Den ganzen Nachmittag hatte ich im Hochgefühl einer für uns äußerst günstigen Abwicklung geschwelgt und mich auf den Moment gefreut, wo ich Janssen die erfreuliche Nachricht überbringen würde und nun ... Ein Bote war mir am frühen Morgen nachgesandt worden, der mich aber verfehlt haben mußte. Infolge meiner Abwesenheit waren an sämtliche Magazine und Gebäude vom Gerichtsschreiber Siegel angelegt worden. Ein Justizoffizier und Pater Willibrord waren auf der Faktorei verblieben. Tief niedergeschlagen traf ich gegen Mitternacht in Stanleyville an, wo mich de Koning, der vom Distrikts-Kommissar mit der Überwachung der Faktorei beauftragt war, empfing.
Am folgenden Morgen wurden die Siegel gelöst, und ich machte mich an die äußerst langwierige Arbeit, ein vollständiges Inventar von dem gegenwärtigen Stand der Faktorei und allen Janssen gehörenden Effekten aufzustellen. Mein langersehnter Wunsch, Faktoreichef zu werden, war erfüllt, allerdings auf eine Art, die mir jede Freude daran benahm. Ich hatte Janssen eigentlich nie als meinen Chef, sondern vielmehr stets als guten Kameraden betrachtet, und seine Stütze ging mir in der ersten Zeit sehr ab.
Die unmittelbare Folge dieses Todesfalles war, daß die Konkurrenz, die mit wachsendem Mißmut das Anschwellen unserer Kautschukproduktion in den letzten Monaten -- eine Folge der fortwährenden Bemühungen und Reisen von Janssen ins Innere des Landes -- beobachtet hatte, sich sofort ans Werk machte, um die Dörfer, die bisher Kautschuk für uns anfertigten, uns abspenstig zu machen und zu sich hinüberzuholen. Laut übereinstimmenden Berichten glaubwürdiger Vertrauensmänner ergab sich, daß die Chefs der »SAB« und der »Belgika« überall in den Dörfern die Todesnachricht verbreiteten und unsere Capitas auffordern ließen, in ihre Dienste überzutreten. Hier galt es rasch handeln, wollte ich diese Absicht vereiteln und nicht die Früchte monatelanger Organisationsarbeit verlieren.
Zwei Tage und Nächte arbeitete ich am Inventar und den schriftlichen Berichten an die Direktion in Brazzaville, die ich gleichzeitig auch um einen neuen Beamten ersuchte. Am dritten Tag übergab ich die Station meinem schwarzen Schreiber und brach mit 40 Mann, 20 Gewehren und einer reichlichen Auswahl an Waren und Geschenken aller Art, die für die Häuptlinge bestimmt waren, in zwei Kanus auf, um sämtliche Dörfer, die bisher Kautschuk für uns geliefert hatten, zu besuchen und zur Weiterarbeit anzufeuern. Gleichzeitig wollte ich noch versuchen, einige weitere Dörfer zur Kautschukproduktion heranzuziehen.
Trotz wenig günstiger Witterung fuhren wir gegen 9 Uhr früh ab. Meine Leute, froh, die eintönige Faktoreiarbeit für wenigstens eine Woche zu verlassen, stimmten jubelnd ein melodisches Ruderlied in ihrer Yambingasprache an, und von kräftigen Ruderschlägen getrieben, schoß das Boot wie ein Pfeil mit der Strömung dahin. Gegen Mittag begann es zu regnen. Mein Kanu besaß ein kleines Dach, gerade groß genug, um mich und meine Effekten zu decken, während die Waren in dem zweiten Kanu dem Regen preisgegeben waren. Einer meiner Leute entdeckte auf der Fahrt ein Fischerkanu, das mit Schilfdächern beladen war. Ich forderte die Fischer auf, mir zwei davon zu verkaufen. In unbegreiflicher Verstocktheit wollten die Leute von ihrem Vorrat nichts abgeben, so daß ich gezwungen war, das Gewünschte einfach »requirieren« zu lassen, worauf die Leute dann gerne die Bezahlung annahmen. Da der Regen an Heftigkeit zunahm, beschloß ich, über Mittag in der Mission St. Gabriel zu bleiben.
Nirgends in der Welt herrscht größere Gastfreundschaft als in den spärlich besiedelten Teilen Zentralafrikas, wo der Gast zu jeder Tageszeit willkommen ist. Ist er doch gewöhnlich Träger interessanter Neuigkeiten aus der Außenwelt, von der man vollständig abgeschlossen ist, und bringt ein neues Element der Fröhlichkeit und des belebenden Gedankenaustausches mit sich. In vielen Stationen würde es dem Europäer geradezu verübelt werden, wollte er auf der Durchreise sich nicht aufhalten.
Gegen Nachmittag ließ der Regen nach, und ich fuhr weiter stromabwärts nach dem Dorfe Kilomani. Hier war Janssen eine Woche vor seinem Ableben von den Eingeborenen mit Speeren und Pfeilen empfangen worden. Ein Korporal mit zehn Soldaten hatte nachts Streit mit den Eingeborenen angefangen, und im Verlaufe desselben waren mehrere Leute verwundet worden. Seither fürchteten sie eine Strafexpedition und flohen, sobald sie eines Europäers ansichtig wurden. Auch mir erging es nicht besser. Das ganze Dorf war bei Ankunft meiner bewaffneten Macht auf einen hochtönenden, trillernden Schrei hin verschwunden. Ringsum war keine Menschenseele zu erblicken. Vor den Hütten brodelten in Töpfen über dem Feuer alle möglichen Nahrungsmittel, und ich hatte Mühe, meine Leute vom Plündern abzuhalten. Zwischen den Hütten krähte ein naseweiser Hahn, eine Henne lief gackernd mit den Jungen davon, um sich vor der Gefahr in Sicherheit zu bringen.
Eine unheimliche Stille lastete bei unserer Ankunft über dem verlassenen Dorf, in den niedrigen Plantagen und dem undurchdringlichen Blätterdach des Urwaldes. Wir hatten das Gefühl, daß jeder Baum und jeder Strauch einen unsichtbaren Feind verbarg und daß hunderte Augenpaare jede unserer Bewegungen scharf beobachtete, um im geeigneten Moment auf ein gegebenes Zeichen uns mit einem Hagel von Pfeilen und Speeren zu überschütten. Es ist für den Neuling ein ganz eigenartiges Gefühl, so inmitten eines verlassenen afrikanischen Dorfes, das allenthalben deutliche Spuren der anwesenden Einwohnerschaft zeigt, zu stehen und dabei im unklaren zu sein, ob nicht in der nächsten Minute ein gefiederter Schaft mit fünf Zentimeter langer Eisenspitze einem durch die Rippen fährt.
Am Hauptplatz, vor der Hütte des Häuptlings machten wir halt. Gewöhnlich unterscheidet sich diese von den niedrigen aus Palmenblättern bestehenden Hütten der übrigen Eingeborenen durch ihre massive, geräumige Struktur. Sie ist meistens doppelt so groß wie die anderen und manchmal von einer Palisadenwand umgeben. Vor der Hütte befindet sich stets ein großer freier Platz, der Versammlungsplatz des Dorfes, und rings herum im Kreise, je nach dessen Größe, ein zwei- bis dreifacher Kranz von Hütten. Unmittelbar vor der Hütte des Häuptlings steht der »Medizinbaum«, ein kahler Strauch, auf dessen Zweige kleine Götzen und Fetische, kleine Beutel aus Antilopenfell, worin sich eine Medizin befindet, die Schädel von Affen und allen möglichen kleinen Tieren, aber auch von Leoparden, Büffeln usw. befestigt sind. Daneben steht, gegen Regen durch ein Dach geschützt, der große Gong des Dorfes, welcher gleich unseren Telegraphen den benachbarten Dörfern Kunde von allen Vorfällen und Beschlüssen des Häuptlings geben soll. Mittels desselben ließ ich durch einen meiner der »Gong-Sprache« kundigen Leute den Eingeborenen mitteilen, daß ich in friedlicher Absicht zu ihnen käme, um Tauschhandel mit ihnen zu treiben und daß ich mit dem Streit, den sie mit den Soldaten hatten, nichts zu tun hätte.
Einige Minuten herrschte tiefes Stillschweigen, dann erscholl aus der Tiefe des Waldes eine Stimme, die den Eingeborenen befahl, auf den weißen Mann nicht zu schießen. Hierauf kamen zögernd hinter Büschen und Sträuchern einige unbewaffnete Männer hervor. Die Kameraden, noch immer mißtrauisch, beobachteten von ihren Verstecken aus, was weiter geschah. Um die Leute zu beruhigen, hatte ich meinerseits Anweisung gegeben, die Gewehre zu Pyramiden zusammenzustellen. Endlich, nach wiederholter Aufforderung kam auch der Häuptling Monkwojama und mit ihm ein Teil der Dorfjugend hervor, und nunmehr konnten wir mit den äußerst mißtrauischen Eingeborenen in Verhandlung treten.
Gegen 20 »=dottis=« (etwa 70 Meter verschieden gefärbter Baumwollstoffe), einen langen Gehrock samt grauem, breitrandigem Touristenhut für den Häuptling sowie einem entsprechenden Geschenk an Spiegeln, Perlen, Zündhölzern, hohlen Arm- und Beinringen aus Messing, kleinen Schellen und Glöckchen, Löffeln und Messern, alles blinkende Herrlichkeiten für die entzückten Dorfschönen, wurden wir schließlich handelseinig, und das Dorf versprach, das von mir angesetzte Quantum Kautschuk anzufertigen.
Vor meiner Abreise mußte ich Monkwojama noch versprechen, seine Sache beim Kommandanten von Stanleyville zu vertreten. Dies konnte ich um so eher zusagen, als sich herausstellte, daß keiner der Soldaten verwundet oder getötet worden war und, wie ich aus Erfahrung wußte, diese sich hüten würden, von ihrem nächtlichen Raubzug etwas verlauten zu lassen. Zum Schutze des Dorfes vor ähnlichen Vorkommnissen, und um auch dafür zu sorgen, daß der Kautschuk zustande kam, ließ ich hier einen meiner Leute mit einem Perkussionsgewehr zurück. Als vermeintlicher Feind war ich ins Dorf gekommen, als Freund verließ ich dasselbe eine Stunde später, von der freudig erregten Menge begleitet, die im Tanzschritt unter dem ohrenbetäubenden »Yolah«-Geschrei und Tuten von Hörnern ihrer kindlichen Freude Ausdruck verlieh, ein Zeichen, wie schnell Volksstimmungen umschlagen.
Weiter stromabwärts eilten meine beiden Kanus in wilder Wettfahrt, um noch vor Einbruch der Nacht die »Baptist-Mission Yakussi« zu erreichen, wo wir freundliche Aufnahme vorfanden und übernachteten.
Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch machten wir uns auf den Weg nach dem unweit der Mission im Urwald gelegenen Dorfe Yakussi. Die ganze Nacht durch hatte es geregnet, und die schmalen, lehmigen Fußpfade standen unter Wasser. Auf Schritt und Tritt streifte ich von dem dichten Unterholz große Regentropfen ab, so daß meine Kleidung binnen wenigen Minuten vom Kopf bis zu den Füßen völlig durchnäßt, und ich wohl oder übel gezwungen war, ein unfreiwilliges Kneippbad zu nehmen. Denkt sich der Leser hierzu noch rote, braune und schmutzige Flecken infolge Abstreifens des roten Tukula-Pulvers, womit Männer und Frauen sich den Körper beschmieren, dann kann er sich ungefähr eine Vorstellung davon machen, in welchem Aufzug ich eine halbe Stunde später nach forciertem Marsche im Dorfe ankam. Ich benützte die erste freie Hütte, um mich vollständig umzukleiden und hatte eben meine rasche Toilette beendigt, als der »Tambu Tambu« -- Neger-Sultan Yakussi -- mit großem Gefolge und tanzenden Frauen, die mich mit lautem Händeklatschen begrüßten, eintraf, um mich zum Hauptdorfe zu geleiten.
Das Dorf Yakussi, ursprünglich aus einem paar halbverfallener, im Urwald versteckter Negerhütten bestehend, hatte sich im Laufe der Jahre unter dem Schutze der Mission zu einer langgestreckten Ansammlung von Negerhütten und zu einem bedeutenden Markte entwickelt. Der alte Häuptling hatte wahrscheinlich mit schwerem Herzen von der Sitte seiner Vorväter und dem Genuß delikater Menschenkotelettchen Abstand genommen, seinen Lendenschurz mit dem Prunkgewand eines Negersultans vertauscht und dazu im Laufe der Zeit den Titel angenommen.
[Illustration: Marktbild.]
Dank dem unermüdlichen Eifer der Missionare, dem unzivilisierten Negervolke ein menschenwürdiges Dasein aufzudrängen, dank ihrer nah und fern gerührten Werbetrommel, um alle mit ihrem Lose Unzufriedenen um sich zu versammeln und zum Heil »Zambis«, des einzigen, wahrhaften Gottes zu bekehren, hat Yakussi sein Dorf Monat für Monat sich vergrößern und die Anzahl der Einwohner vermehren sehen. War seine eigentliche Macht über Leben und Eigentum seiner Untergebenen auch nur mehr ein Schein, so tröstete er sich offenbar damit, daß es den Häuptlingen in den von »Felsenbrecher«, wie die Eingeborenen den Kongostaat nennen, okkupierten Gebieten auch nicht besser ging und die Häuptlinge der umliegenden Dörfer ihm gewissermaßen unterstanden. Denn Yakussi war ein mächtiger Sultan geworden, der hoch in der Gunst des weißen Eroberers stand und dessen Ohr stets auf seiner Seite hatte. Alle Häuptlinge der umliegenden Dörfer erkannten dies willig an und bedienten sich unter Zuhilfenahme reicher Geschenke stets seiner Vermittlung, wenn es galt, ihr Dorf vor drückenden Steuern zu bewahren, oder aber Streitigkeiten unter einander auszutragen. Auf diese Weise war Yakussi im Laufe der Zeit reich geworden.
Auch die Einwohner des Dorfes erfreuten sich einer gewissen Wohlhabenheit und hatten ihre ursprüngliche Scheu im Verkehr mit den Europäern vollständig abgestreift. Die Frauen saßen größtenteils in Kleidern um die Feuer und nickten uns einen freundlichen Gruß zu, während die Kleinen und Allerkleinsten, die wir in anderen Dörfern überhaupt nicht zu Gesicht bekamen, sich mir ganz zutraulich näherten, ihre Pfötchen gaben und sich mit Perlen, Spiegeln und Löffeln beschenken ließen. Auf dem Weg durch das langgestreckte Dorf schlossen sich uns immer mehr Eingeborene an, so daß uns, als wir am Versammlungsort angelangt waren, ein großer Wall von Eingeborenen umgab. Nachdem ich nun den Leuten den Zweck meines Kommens auseinandergesetzt hatte, teilte mir Yakussi mit, daß das Dorf zwar bereits für »=Talla Talla=«, d. h. Augengläser (womit der Chef der SAB, der Augengläser trug, bezeichnet wurde), Kautschuk anfertige, daß er jedoch gerne bereit sei, das gleiche auch für mich zu tun.
Nicht sonderlich erbaut über den gemachten Vorschlag, willigte ich schließlich ein und ließ die von Yakussi selbst ausgewählten Waren, wofür er ein gewisses Quantum Kautschuk innerhalb eines Monats zu liefern versprach, zurück. Meine Boys hatten inzwischen meinen transportablen Tisch aufgestellt, ein nagelneues Tischtuch darüber ausgebreitet und erschienen nunmehr mit dem Frühstück, bestehend aus Omelett, geräuchertem Schinken, Sardinen und Kaffee. Während ich inmitten der neugierigen Menge frühstückte, die jede Handbewegung, das Öffnen der Sardinenbüchse usw. mit großem Interesse beobachtete, brachten gegen dreißig Frauen aus Kürbis hergestellte Gefäße mit »=Bidia=«, einer aus Mais und Maniokmehl hergestellten Polenta, sowie allerlei Gemüse, geräucherte kleine Fische, Heuschrecken und ähnliche Delikatessen zum Kaufe für mein Personal. Ich bezahlte das gerne und ließ die Herrlichkeiten unter meine Träger verteilen, die mit Heißhunger darüber herfielen.
Nachdem Sultan Yakussi mir im Laufe des Gespräches noch angeboten hatte, durch einen seiner Leute mir den Weg zu drei Dörfern in der Nähe des Lindiflusses zeigen zu lassen, die möglicherweise auch Kautschuk für mich sammeln würden, brach ich nach einstündigem Aufenthalt auf.
Wer da glaubt, Yakussi hätte mich in selbstloser Weise zu drei Dörfern gewiesen, um meine Zwecke zu unterstützen, täuscht sich gewaltig. Von dem Sultan und einer Menge Eingeborener, die auf Pfeifen und kleinen Holzgongs, hölzernen und elfenbeinernen Hörnern einen ohrenbetäubenden Spektakel aufführten, begleitet, erfuhr ich kurz vor dem Abschied am Flußufer, daß ein am Unterlauf des Lindis gelegenes Fischerdorf drei Frauen des Dorfes geraubt hätte. Yakussi bat mich, ihm die drei Frauen gelegentlich meines Besuches der Dörfer wiederzubringen.
Wir verließen Yakussi und schifften uns auf unseren Kanus wieder ein. Der Weg von Yakussi bis zur Mündung des Lindiflusses in den Kongo war, da es mit der Strömung ging, unter begeistertem Jubelgesang der Ruderer bald erreicht. Hier stellten sich mir Schwierigkeiten in den Weg, meine abergläubischen Leute dahinzubringen, in das bisher völlig unbekannte Lindistromgebiet einzufahren. Geschichten, die in Stanleyville unter den Eingeborenen umgehen, und die von einem Fabeltier erzählen, das bald in Gestalt eines ungeheuren Krokodils, bald als Riesen-Wasserschlange aus den Tiefen des Lindiflusses auftaucht und jedes Boot vernichtet, hatten die Leute verängstigt. Wir waren etwa eine Stunde weit den Fluß hinaufgefahren, ohne auf menschliche Spuren gestoßen zu sein, als wir mit einem Male bei einer Biegung des Flusses zu einem großen Fischerdorf kamen. Schätzungsweise mochte dasselbe gegen 2000 Einwohner zählen. Die Leute waren gerade im Begriffe, einen riesigen Gong, der auf vier Holzfüßen inmitten des geräumigen Versammlungsplatzes stand, einzuweihen. Von oben bis unten mit rotem Sandelholzpulver zur Feier des Tages beschmiert, tanzten Männer und Frauen unter wilden Kontorsionen der Bauchmuskeln und unter lautem Freudengeheul wie Besessene um den Gong, den zwei Mann mit Kautschuk-Keulen mit aller Gewalt bearbeiteten.
In dem allgemeinen Taumel war unsere Ankunft kaum bemerkt worden. Sowie der Häuptling uns bemerkte, gab er ein Zeichen, das Fest zu unterbrechen, und kam, umringt von den Seinen, auf uns zu. In wenigen Sekunden war unser kleines Häufchen von einer tobenden Menschenmenge umringt. Die tiefliegenden, verschleierten Augen und die starke Erregung, die sich auf allen Mienen kundgab, verriet mir auf den ersten Blick, daß die Leute viel Hanf geraucht hatten, und daß äußerste Vorsicht am Platze war, wollten wir nicht den zündenden Funken in das Pulverfaß werfen. Die getrockneten Blätter der Hanfstaude, dem Tabak beigemengt, haben berauschende Wirkung und versetzen den Neger bei reichlichem Genuß in eine tobsuchtsartige, blutdürstige Stimmung, in welcher er weder Feind noch Freund kennt, beim geringsten Anlaß blindlings darauflosschlägt und alles niedermacht, was sich ihm in den Weg stellt. Diese Unsitte fordert alljährlich unzählige Opfer und nötigt die Regierung, die Hanfstauden in den Dörfern vernichten zu lassen.
Mit einer mir später selbst fast unerklärlichen Ruhe ließ ich mir von meinen Boys inmitten des Kreises, der sich in immer weiterem Umfange um uns schloß, meinen Streckstuhl bringen und setzte mich nieder. Dem Häuptling bedeutete ich, dasselbe zu tun. Tausende Augenpaare beobachteten jede meiner Bewegungen. Hier galt es mit voller Unerschrockenheit auftreten, sonst waren wir in die Hände der Leute gegeben, die nach Belieben mit uns verfahren konnten.
Ich ließ den Mann aus Yakussi vortreten und forderte den Häuptling auf, die widerrechtlich weggeschleppten drei Frauen, die sich in seinem Dorfe aufhielten, sofort herauszugeben. Ohne ein Wort der Widerrede gab der Häuptling einem Manne ein Zeichen, die Frauen zu holen. Hierauf verständigte ich ihn vom Zwecke meines Kommens, daß ich Tauschhandel mit den Leuten seines Dorfes pflegen wolle, daß ich Geschenke für Kautschuk mitgebracht habe usw.