Part 12
Hatte der Häuptling meinem ersten Verlangen ohne weiteres Folge geleistet, so erklärte er jetzt, dabei die Volksmenge mit jedem Satz apostrophierend, ungefähr folgendes: »Der weiße Häuptling =Nfuma Ntanga= ist in unser Dorf gekommen -- =ayoki= (hört), um drei Frauen aus Yakussi zurückzufordern -- =ayoki=. Wir wollen keinen Krieg mit dem weißen Häuptling -- =ayoki=. Darum geben wir die Frauen zurück -- =ayoki=. =Nfuma Ntanga= bringt Stoffe und »=Shokkas=« (große Stücke Eisen, welche an Geldes Statt zirkulieren) und will, daß wir Kautschuk sammeln gehen -- =ayoki=. Kautschuk sammeln ist Sklavenarbeit -- =ayoki=. Wir aber sind freie Männer und wollen keinen Kautschuk machen.«
Nach jedem Satze wiederholte die Menge wie aus einem Munde »=ayoki=«, was ungefähr »wir hören« heißt. Nach den letzten Worten des Häuptlings brach ein tausendstimmiges Jubelgeheul aus, das von der grünen Mauer des Urwaldes jenseits des Wasserspiegels widerhallte. Darin kennzeichnete sich das stolze Bewußtsein und der unerschütterliche Wille eines freien Volkes, das Sklavenarbeit verachtete und bereit war, für seine Gesinnung sein Leben einzusetzen.
Diese einzigartige Kundgabe des Volkswillens machte auf mich einen großen Eindruck. Zum erstenmal stand hier in Gestalt des Wilden ein Mann vor mir, dem die Natur den Stempel des Herrschers aufgedrückt hatte. Von Wuchs ein über das Mittelmaß reichender, herkulisch gebauter Mann, in Miene und Gebärden jeder Zoll ein König, die Gesichtszüge von tiefem, feierlichem Ernst durchdrungen, das stolz erhobene Haupt mit Adlerfedern geschmückt, um die gewölbte, sehnige Brust ein Diadem von Leopardenzähnen, um die Hüften ein kunstvolles faltenreiches Gewebe aus Raphiafasern: so stand der Mann vor mir, mit tieftönender, voller Stimme zu seinem Volke redend. Diese Szene hat sich unauslöschlich meinem Gedächtnis eingeprägt. Der Wille und die Kraft, die von dieser Herrschernatur ausgingen, waren derart, daß sie geradezu hypnotische Wirkung auf das Volk ausüben mußten. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, erhoben sich alle, die mit dem Häuptling gekommen waren, und verließen den Versammlungsplatz, mich in ziemlicher Bestürzung zurücklassend.
Was hatte dies alles zu bedeuten? Warum war der Häuptling mit seinen Leuten so unvermittelt verschwunden? Hatten sie etwa die Absicht, über uns herzufallen? Diese Fragen und viele ähnliche bestürmten mich im nächsten Augenblick. Mechanisch griff ich nach einer illustrierten Zeitschrift, die ich immer bei mir zu tragen pflegte, da ich aus Erfahrung wußte, daß die Illustrationen und das gedruckte Papier für die Eingeborenen als »schwarzer Zauber« gelten und sie davor einen großen Respekt haben. Während ich mechanisch in der Zeitschrift blätterte, arbeitete mein Gehirn fieberhaft. Ich beobachtete genau, was um mich vorging und ob nicht irgend etwas in dem Gebaren der Eingeborenen auf feindliche Absicht schließen ließ. Doch nichts dergleichen geschah -- langsam fand ich das seelische Gleichgewicht wieder.
Eine Viertelstunde mochte etwa vergangen sein, da tauchte plötzlich der Häuptling wieder mit seinem Gefolge auf, das zwei große Ziegen hinter sich herzog und sie mir als Geschenk übergab. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Nach dieser Gabe konnten wir über die friedlichen Absichten der Leute nicht länger im Zweifel sein, und ich ließ nun meinerseits durch Mustapha dem Häuptling ein den Wert der beiden Ziegen übertreffendes Geschenk überreichen. Im Verlaufe des sich daran anknüpfenden Gespräches stellte es sich heraus, daß die drei von Yakussi bezeichneten Dörfer in unmittelbarer Nähe lagen. Ich beschloß daher, mich sofort auf den Weg zu machen und brachte gleichzeitig meinen Koch in einer der mir freiwillig geräumten Hütten unter, um einstweilen eine Mahlzeit für mich vorbereiten zu lassen.
Von unserem Führer aus Yakussi geleitet, folgten wir einem der vielen sich kreuzenden Fußpfade, die von dem Dorfe aus durch Maniok- und Maisanpflanzungen in den Schatten des Urwaldes führten. In brennender Sonnenhitze durchquerten wir einen frischen Ausschlag aus dem Walde. Quer über dem Wege lagen die tausendjährigen, umgestürzten Urwaldriesen, über die wir bald hinwegkletterten, dann wieder unter ihnen durchschlüpfen mußten. Allenthalben waren die ungeheuren Stämme angekohlt, und große Feuer brannten, um die von der Sonne verdorrten Äste und Zweige aus dem Wege zu räumen und in befruchtende Asche umzuwandeln. In sengender Gluthitze bahnten wir uns mühsam über all diese Hindernisse hinweg einen Weg zu dem kühlen Schatten des Waldes. Unterwegs kamen wir am Grabe eines Häuptlings vorbei. Eine Binsenmatte, von vier Stöcken unterstützt, bildete das Dach dieses innerafrikanischen Mausoleums, unter dem auf einem Bäumchen ein dicker, weiß und schwarz gefleckter Baumbast zusammengerollt lag. Dieser war so täuschend einer riesigen Schlange nachgebildet, daß ich beim ersten Anblick unwillkürlich einen Schritt nach rückwärts machte. Einige Tongefäße und kleine Götzen vervollständigten diese äußerst sonderbare Begräbnisstätte.
Nach längerem Marsch deutete endlich entferntes Stampfen eines Maniokmehl-Mörsers sowie eine allmähliche Verbreiterung des Fußpfades an, daß wir uns in der Nähe eines Dorfes befanden. Einige hundert Meter vor dem Dorfe bildete der Fußpfad eine Biegung und bot einen Ausblick, durch welche die Einwohner, die in steter Furcht vor feindlichen Überfällen leben, unsere Karawane herannahen sahen. Ich hörte einen schrillen, trillernden Schrei, dann Rufen und Trappeln vieler nackter Füße. Als ich endlich im Dorfe anlangte, war die gesamte Bevölkerung geflohen. Das Dorf machte einen äußerst reinlichen und respektablen Eindruck. Zwei Reihen spitzzulaufender, kegelförmiger Hütten standen inmitten von Bananenhainen, Tabak- und Hanfanpflanzungen. Es war bisher das einzige Dorf mit Hütten dieser Konstruktion hier in der Umgebung, wo alle Eingeborenen mehr oder minder runde Hütten bauen oder sich die arabischen Häuser als Modell nehmen. Ich verharrte nahezu eine halbe Stunde im Dorfe und machte vermittels der Gongsprache alle möglichen Anstrengungen, um die Leute zurückzurufen. Es war leider vergebliche Mühe, nichts rührte sich in dem umliegenden Urwalde. Es war eine starke Enttäuschung für mich, nach langem, mühseligem Marsch unverrichteterdinge weiterziehen zu müssen.
Beim zweiten Dorfe Alelo hatten wir nicht mehr Glück. Ich hatte dieses Mal meinen Führer aus Yakussi vorausgesandt, um die Leute auf die Ankunft meiner Karawane vorzubereiten. Hatte dieser nun die übertragene Mission nicht richtig erfüllt oder hatten die Leute ein Verbrechen auf dem Gewissen, kurzum, als sie vom Herannahen eines Europäers hörten, waren sie, so schnell ihre Füße sie zu tragen vermochten, im Urwalde verschwunden. Trotz aller Versprechungen waren die Leute auch dann nicht zu bewegen, zurückzukehren.
[Illustration: Stampfen von Maniokmehl.]
Mißmutig zogen wir durch den Urwald weiter. Einmal passierten wir eine Ameisenkarawane, die auf einige hundert Schritt den schmalen Fußpfad und die Büsche zu beiden Seiten desselben vollständig mit Beschlag belegte. Ein seltsames Knistern und Zirpen hätte uns aufmerksam machen sollen, doch achtlos liefen wir weiter, bis ein kräftiges Zwicken im Gesicht, am Hals und an den Händen mich veranlaßte, gleich meinen Trägern aus Leibeskräften zu laufen, um den Bissen dieser kleinen Insekten, die alles Strauchwerk um uns belebten, zu entrinnen. Die Zangen zum Angriff weit geöffnet, den Schlachtruf in Form eines eigenartigen Knisterns und Zirpens ausstoßend, waren Legionen dieser kleinen Soldaten bereit, alles, was in den Bereich ihrer Zangen geriet, sofort wütend anzufallen. Ihr Biß ist derart kräftig, daß die Scheren aus der Wunde meist nicht wieder herauszubekommen sind, sondern auseitern müssen. Eine kurze Rast mitten im Urwalde gab uns Gelegenheit, uns unserer Kleidung zu entledigen und uns von den kleinen Peinigern zu befreien. Hierauf setzten wir unseren Marsch durch das Dickicht, über Morast und kleine Flüsse hinweg, fort.
In die Nähe des dritten Dorfes gelangt, ließ ich haltmachen und sandte jetzt Mustapha mit dem Führer aus Yakussi voraus. Diesmal verschwanden nur die Frauen und Kinder und zogen sich nach den entlegeneren Hütten des Dorfes zurück. Der Häuptling Monganga und die Männer erwarteten uns. Ein Blick auf sie belehrte mich übrigens sofort, daß ich es hier mit reinen Urwaldbewohnern zu tun hatte, mit Leuten, die ihren Fuß sicherlich noch nicht außerhalb der unmittelbaren Nähe des Dorfes gesetzt und niemals zuvor einen Europäer von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten. Durch die bisherigen Erfahrungen gewitzigt, hatte ich angeordnet, daß die begleitende Eskorte sowie der größte Teil des Personals zurückbleiben und erst allmählich Mann für Mann nachkommen sollte. Ich selbst folgte Mustapha in einiger Entfernung, nur von einem Gewehrträger begleitet. Bloß diesen Vorsichtsmaßregeln hatte ich es zu verdanken, daß die Leute nicht auch hier das Weite suchten. Der Häuptling schlotterte an allen Gliedern, als ich mich ihm näherte und ihn ansprach. Um ihn nicht unnötig zu erregen, setzte ich mich sofort in meinen inzwischen angekommenen Streckstuhl und befahl den herbeikommenden Trägern, sich gleichfalls zu setzen.
Je mehr von meinen Leuten herankamen, um so ängstlicher wurden die Mienen der Eingeborenen. Ich hatte das Gefühl, daß nur die Furcht, niedergeschossen zu werden, sie auf dem Platze festhielt. Meine friedliche Absicht, Tauschhandel zu treiben, durch unseren Yakussi-Führer in die Sprache der Eingeborenen übersetzt, wurde beifällig aufgenommen. Die Leute erklärten sich gern bereit, für uns Kautschuk im Walde zu sammeln.
Bei Abschluß der Verhandlung ergab sich aber eine Schwierigkeit. Keiner meiner Leute wollte als Capita im Dorfe zurückbleiben. Andererseits getraute sich auch niemand, vom Dorfe den fertigen Kautschuk per Boot nach Stanleyville zu bringen. Die Leute trugen so sehr den Stempel tiefster Verrohung an sich, daß mein mutigster Capita sich weigerte im Dorf zu bleiben und offen erklärte, er sei überzeugt, daß die Leute ihn abschlachten würden, noch ehe ich außer Rufweite des Dorfes gelangt sein würde. Unter diesen Umständen blieb mir nichts übrig, als vorerst abzuwarten, bis durch wiederholten Besuch des Dorfes meine Capitas mehr Vertrauen zu den Eingeborenen gefaßt haben würden und diesen einstweilen ein kleines Quantum Waren anzuvertrauen. Erwiesen die Leute sich innerhalb eines Monats des Vertrauens würdig, dann konnte ein Versuch im größeren Stil unternommen werden. Im anderen Falle war damit nicht viel verloren.
Ich ließ den Häuptling unter den mitgebrachten Waren seine Auswahl treffen. Dann gab ich ihm als Geschenk eine weiß und rot gestreifte Decke, ein großes Dolchmesser mit einer Scheide und einen breitkantigen, schwarzen Hut, der ihm ein behagliches Grinsen abnötigte und ihn geradezu grotesk kleidete. Dagegen gelobte Monganga, Ende des nächsten Monats acht Körbe Kautschuk bereitzuhalten, die entweder ich oder meine Leute vom Dorfe abzuholen hätten.
Nicht besonders erbaut über das Resultat des Tages, kehrte ich bei einbrechender Nacht nach dem Fischerdorfe zurück und verzehrte in aller Eile das von meinem Koch inzwischen zubereitete Essen, wobei ein andächtiger Kreis von Kindern, Frauen und Männern mir zusah. Bildete doch von der Petroleumlampe angefangen bis zum Salzstreuer jeder Gegenstand ein bisher nie gesehenes Wunder, von welchem man Wochen lang noch sprechen würde. Zum Schluß servierte mein Koch eine »=Omelette soufflée=«, die ich reichlich überzuckerte. Als ich nun noch den darübergegossenen Rum angezündet hatte, war mein Ruf als Feuerfresser und großer Medizinmann für alle Zeit gesichert. Die Nacht verbrachte ich in einer der größeren Negerhütten, nachdem ich sie vorher, eingedenk früherer Erlebnisse, von meinen Leuten völlig hatte ausräumen lassen.
Meinem Personal waren vom Häuptling fünf weitere Hütten zur Verfügung gestellt worden, und ich hatte den Wachen strikten Befehl erteilt, darauf zu achten, daß keiner der Leute nachts auf Abenteuer ausging. Die Nacht verlief ruhig. Ich war dank den anstrengenden Märschen des Tages in tiefen Schlummer gefallen, aus dem weder Ratten, Mäuse noch sonstiges Ungeziefer mich wecken konnten.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit beiden Kanus ein gutes Stück stromaufwärts, um die berühmten »Tschoppa-Fälle« auf dem Lindifluß zu besuchen. Diese gelten weit und breit als die herrlichsten Fälle der Region und werden mit Vorliebe von Stanleyville aus besucht. Kurz vor dem eigentlichen Fall verließen wir die Kanus, da die Strömung zu heftig wurde. Dem Flusse entlang bahnten mir ein paar Arbeiter mit Haumessern einen Weg durch den Urwald, um zum eigentlichen Fall zu gelangen. Der Fluß stürzt hier in seiner ganzen Breite aus etwa 20 Meter Höhe in die Tiefe. Die Gewalt der fallenden Wassermassen übertrifft alles, was ich bisher in dieser Art gesehen habe. Mit Recht wird der Fall als herrlichstes Naturschauspiel Zentralafrikas bezeichnet.
Über Granitblöcke emporkletternd bahnten wir uns einen Weg zu einem Felsblock, von dem aus wir einen Blick in den tobenden Hexenkessel unter uns werfen konnten, ohne von dem aufwirbelnden Wasserstaub durchnäßt zu werden. Schräg fielen die ersten Strahlen der Morgensonne auf die aufsteigenden Gischtschwaden. Über der geheimnisvollen, grausigen Tiefe wölbte sich ein Regenbogen in leuchtenden Farben. In den zartesten Tönen vom hellsten Blau bis zum feurigsten Rot schillernd, formten sich die Wassertropfen zu funkelnden Diamanten, Saphiren und Rubinen. Das Auge konnte sich nimmer satt sehen an all der Pracht, die die Natur auf diesem weltentlegenen Fleckchen Erde inmitten des großen Urwaldes, fernab vom Weltgetriebe, aufgespeichert hatte. Eine Beschreibung dieses Naturschauspiels, die einigermaßen der Wirklichkeit gleichkommen könnte, zu geben, liegt völlig außer dem Bereich meiner Kräfte. Nicht Worte vermögen zu schildern, was ich bei seinem Anblick fühlte. Stumm stand ich vor dieser Offenbarung einer höheren Gewalt, deren Macht unsere menschlichen Begriffe übersteigt.
Wohl eine Stunde mochte im Anblick dieses überwältigenden Naturschauspiels vergangen sein, als der hohe Stand der Sonne zur Abreise mahnte. Wir schifften uns in unsere beiden Kanus ein und fuhren diesmal mit der Strömung der Mündung des Lindiflusses zu, durchquerten den Kongostrom und legten bald bei einem kleinen Fußpfade, der in den Urwald führte, an. Vier Mann ließ ich zur Bewachung der Boote zurück. Mit dem übrigen Personal, das mit Waren und meinen Reiserequisiten beladen war, machte ich mich auf den Weg nach dem Dorfe Kisui, zwei Marschstunden weit im Innern des Landes gelegen.
Der erste Teil des Fußpfades führte durch hochstämmigen Urwald, in dem wir bald auf allen Vieren, meistens aber nur in gebückter Stellung vordringen konnten. Jeden Augenblick lagen Baumstämme quer über dem Weg, die ein Durchkommen behinderten. Bald kamen wir an einen breiten Bach, über den ein umgehauener Baum als Brücke diente. Der Stamm ohne Rinde war vom Morgentau und dem Passieren vieler bloßer Negerfüße glatt wie mit Seife beschmiert, so daß ich gleich nach den ersten Schritten ausglitt. Glücklicherweise fiel ich in die Hocke und konnte mich mit den Händen noch festhalten, andernfalls wäre ich in den reißenden, über Mannshöhe tiefen Bach gestürzt. Tausend Ängste hatte ich auszustehen, bis ich mit Hilfe meiner Leute endlich über die gefährliche Stelle hinwegkam. Der Neger, von Jugend auf gewöhnt, wie ein Eichhörnchen auf den Bäumen herumzuklettern und derartige Brücken zu passieren, balanciert auf bloßen Füßen auch mit schweren Lasten mit Leichtigkeit darüber hin. Wahrlich, man muß Seiltänzer und Akrobat sein, um im Urwald zu reisen. Über Untiefen, Schluchten und Morast hinweg hatten die Eingeborenen einfach Bäume gestürzt, deren im Schlamm versenkte Äste den schwankenden Brücken zur Stütze dienen. Je nach dem Fall der Bäume führte der auf diese Art improvisierte Steg bald bis zu sechs Meter ragender Höhe über den übelriechenden Schlamm, dann wieder in die Tiefe. Manchmal waren zwei Stämme so weit von einander entfernt, daß man nur im Sprung von einem zum anderen gelangen konnte, was für mich immer einen großen Zeitverlust und eine wahnsinnige Angst, das Ziel zu verfehlen und in den Morast zu stürzen, zur Folge hatte. Endlich hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen. Durch Maniok-, Reis- und Maispflanzungen führte unser Pfad ins Dorf Kisui, das ganz von Palisaden zum Schutze gegen räuberische Überfälle umgeben war.
Die Nachricht von unserer Ankunft hatte sich im Dorfe bereits verbreitet, und der Sultan Kisui mit seinen Unterhäuptlingen und einer großen Anzahl von Leuten, die auf Blasinstrumenten, Pauken und Gongs ein ohrenbetäubendes Konzert veranstalteten, kamen uns entgegen, um mich im Triumphzug durch das ganze Dorf zu geleiten. Wir brauchten wohl eine halbe Stunde, um zum Hause meines Capitas, das in unmittelbarer Nähe des »Sultanpalastes« lag, zu gelangen. Auf dem Weg dahin hatten sich viele Männer, Frauen und Kinder angeschlossen, so daß ich bald den Mittelpunkt einer ungeheuren Menschenmenge bildete, die alle den neuen »Nfuma Ntanga« von Angesicht sehen wollten. Während ich den Kautschuk übernahm, die darauf entfallenden Auszahlungen veranlaßte und neue Abschlüsse für den nächsten Monat machte, hatte der Koch mein etwas verspätetes, jedoch um so reichlicheres Frühstück zubereitet, das ich jetzt in aller Eile verzehrte, da ich noch ein Dorf, zwei Marschstunden entfernt, zu besuchen hatte. Unter die Zuschauer warf ich, von dem Quantum des gelieferten Kautschuks befriedigt, eine Menge kleiner Metallspiegel, Schellen, Arm- und Beinringe, Zündhölzchen, Perlen, Metallöffel usw., worüber ungeheurer Jubel ausbrach.
Gestärkt durch die Rastpause, brach ich gegen Mittag wieder auf. In der Nähe des Dorfes hatten die Eingeborenen den Wald gefällt, um für neue Pflanzungen Raum zu gewinnen. Auf tausend Meter im Umkreis lag im wilden Chaos alles Strauchwerk auf- und übereinander. Von Weg oder Steg war keine Spur zu sehen, die umgestürzten Stämme und das niedergelegte Unterholz hatten alle Anzeichen davon unter sich begraben. Aufs geratewohl liefen und kletterten wir in der bisherigen Marschrichtung über Äste und Zweige weiter, über tausendjährige Baumriesen, deren Stamm oft einen Durchmesser bis zu zwei Meter hatte, dahin. Dabei brannten die Sonnenstrahlen unbarmherzig auf uns herab, als wollten sie sich durch den Tropenhelm bis ins Hirn bohren. Ein Marsch unter diesen Verhältnissen ist wie geschaffen, um den stärksten Mann zu erschöpfen und ins Grab zu bringen. Immer und immer wieder drohten die Kräfte, in der ungeheuren Sonnenglut zu versagen. Wenn ich aber verzagend innehalten wollte, fiel mein Blick auf die Träger, die trotz ihrer schweren, sie in ihren Bewegungen hindernden Last von Baum zu Baum mühsam weiterkletterten, und eine innere Stimme spornte mich immer wieder zu neuen Kraftanstrengungen an. Ich durfte nicht schwach werden, ich mußte vorwärts eilen -- was würde sonst mein Personal von mir denken? Also vorwärts zum schützenden Laubdach. Völlig erschöpft von den Strapazen langten wir endlich im Walde an. Wie wohl tat die kühle Luft im Schatten der Baumriesen. Mechanisch ging ich weiter. Diese kurze Kletterei in glühender Sonnenhitze hatte mich derart mitgenommen, daß ich den ganzen Rest des Weges wie im Schlafe hinter Mustapha herlief. Von Zeit zu Zeit stolperte ich über etwas und fiel der Länge nach zu Boden, wodurch ich immer wieder für einige Minuten wach wurde. Mustapha war auf meinen Zustand aufmerksam geworden und blieb bei jedem Hindernis stehen, um mich sorgsam hinüberzuleiten.
Dem Zusammenbruch nahe, kam ich gegen 2 Uhr nachmittags in Tombako an. Mustapha hatte für mich einen kleinen Bach entdeckt, in dem ich den erschlafften Körper durch ein Bad erfrischen konnte. Was kümmerten mich die vielen Augenpaare, die hinter jedem Busch neugierig hervorlugten, um sich an dem ungewohnten Anblick meiner weißen Haut zu ergötzen. Nachdem meine beiden Boys mich von Kopf bis zu den Füßen in dem Lebensquell gewaschen, geduscht und wieder angekleidet hatten, war ich wieder so weit hergestellt, um an die Arbeit gehen zu können.
[Illustration: Dorfbild.]
Wie in Kisui nahm ich auch hier den gesammelten Kautschuk entgegen und wechselte den Capita aus. Vor dessen Haus hatten die Dorfbewohner in Ermangelung von Schattenbäumen ein durch vier Pfosten gestütztes Dach zum Schutz gegen Sonne und Regen hergerichtet. Darunter fand ich, vom Bade zurückgekehrt, bereits einen gedeckten Tisch und meinen Streckstuhl vor. Der Raum ringsumher war mit erregt gestikulierenden und schreienden Bassengis beiderlei Geschlechts angefüllt, deren mit Palmöl und Rotholzpulver beschmierte Körper eine schweißdurchtränkte, übelriechende Atmosphäre verbreiteten. Nachdem die Unterhandlungen mit dem Häuptling zu befriedigendem Abschluß gebracht waren, ließ ich von meiner Eskorte den Platz von den vielen Menschen säubern, um für kurze Zeit Ruhe zu haben. Vorher verteilte ich unter mein Personal noch eine Extrafleischration von zwei Ziegen, Geschenk des Häuptlings, die sofort geschlachtet worden waren, etwa fünf Liter frischen Palmweines und reichlich »Bidia-Polenta«, die das Dorf gespendet hatte.
Gegen vier Uhr nachmittags konnte ich mein Mittagmahl, aus gebackenen kleinen Fischen, einer Dose Hummer und einem gebratenen Huhn bestehend, einnehmen und mußte jetzt an die Rückkehr denken, um vor Anbruch der Nacht ans Flußufer zu gelangen. Der Häuptling des Dorfes gab uns ein Stück Weges das Geleit und führte uns an Stellen vorbei, wo im vergangenen Kriege zwischen Kisui und Tombako die früheren Häuptlinge der beiden Dörfer gefallen waren. An diesen Stellen haben die Eingeborenen eine Lanze in die Erde gesteckt. Jeder Vorbeigehende nimmt ein Blatt, bläst es an, um den bösen Geist, der darauf sitzt, zu vertreiben, und steckt es auf die Lanze oder wirft es auf ein Häufchen daneben. Begräbnisstellen, selbst für die Häuptlinge, existieren in dieser Gegend nicht, da die Eingeborenen ihre Leichen in den Fluß werfen.
Zum Rückweg benutzten wir einen Richtweg, der etwas unterhalb des Morastes an das Flußufer führt. Auf dem ursprünglichen Weg hatte ich einen Eilboten mit dem Befehl an die beiden zurückgebliebenen Kanus gesandt, weiter stromabwärts bis zur Einmündung des Fußpfades zu rudern. Bei Anbruch der Nacht gelangten wir an das Flußufer, und da weit und breit kein Fischerdorf vorhanden war und der dichte Urwald nirgends eine Lagerstelle zum Übernachten bot, ließ ich die beiden Boote auf eine inmitten des Stromes gelegene Sandbank hinüberrudern, um dort zu übernachten.
Der dichte Sternenhimmel über uns ließ eine schöne, windstille Nacht erhoffen, zumal Sandbänke bekanntlich von Moskitos, die mit Vorliebe Grasflächen und das Laubwerk des Flußufers aufsuchen, verschont bleiben und wir die Gefahr eines Überfalls von Leoparden nicht zu fürchten hatten. Der untere Teil der Insel war zwar bewaldet, doch meidet der Leopard, wie alle Katzenarten, das Wasser, und es war nicht anzunehmen, daß die kleine Insel derartiges Raubzeug ernähren konnte.
Während ein Teil des Personals mit Haumessern in das kleine Wäldchen eindrang, um trockenes Holz für die Lagerfeuer heranzubringen, hatten die Boys aus dem Kanu meinen tragbaren Feldtisch, Streck- und Klappstuhl auf die Sandbank gebracht, so daß ich eine halbe Stunde später bereits vor meinem gewohnten Aperitif, meist bestehend entweder aus Portwein, Amer-Pikon, Absinth oder einer halben Flasche Champagner, saß. Es ist überflüssig zu erwähnen, daß nach derartigen Gewaltmärschen stets die Unterwäsche und Kleidung, die völlig durchnäßt ist, gewechselt werden muß. Abends empfiehlt es sich überdies, einen leichten Überrock umzunehmen, da die Nächte kühl und der Körper infolge der großen Hitze tagsüber empfindlich geworden ist.
Die Nacht war inzwischen völlig hereingebrochen, eine ideale tropische Nacht, hell erleuchtet von dem langsam am Horizont aufsteigenden Vollmond und Tausenden von Sternen, die in der klaren Luft einen strahlenden Glanz entfalten, wie wir ihn in unserer durch Rauch und Ruß geschwärzten Großstadtatmosphäre niemals sehen. Infolge der reinen Luft scheint uns der Himmel viel näher gerückt zu sein, und unwillkürlich spannen sich die Fäden meiner Gedanken hinauf zu jenen leuchtenden Gestirnen am Firmament, die in unberechenbaren Abständen im ungeheuren Weltall gleich unserer Erde ihre eigenen Bahnen ziehen. Und ich versank in Sinnen über das ungelöste Problem, wie wohl jene Macht beschaffen sein könnte, die dem Weltall ihre Gesetze diktiert. In diesen Stunden des In-mich-Gehens lernte ich erkennen, wie hinfällig alle jene Ansprüche sind, die der Mensch im egoistischen Selbstherrlichkeitsgefühl für sich aufstellt und die er ohne weiteres ungezählten Lebewesen abspricht, deren Lebensbedingungen genau dem gleichen Ursprung entstammen und den gleichen Gesetzen unterworfen sind.
Meine Leute hatten unweit der Landungsstelle große Feuer angezündet, an denen sie, in Gruppen auf Matten, die ihnen als Schlafstätte dienten, lagen und die Tagesereignisse diskutierten. In Ermangelung eines Zeltes zum Schutze gegen den bei Morgengrauen fallenden Tau hatten meine Diener mein Feldbett im Kanu unter dem Schutzdach aufgeschlagen, und, ermüdet von den Anstrengungen des Tages, begab ich mich alsbald zur Ruhe.
Ich mochte ein paar Stunden in tiefem Schlummer gelegen haben, als ich plötzlich durch einen ungeheuren Schlag, der das Boot fast zum Umschlagen brachte, aus dem Schlaf geschreckt wurde. Das Nächste, was mein entsetztes Auge wahrnehmen konnte, waren der Riesenleib und der ungeschlachte Kopf eines kolossalen Nilpferdes, das am Fußende meines Bootes, über das Boot gebeugt, stand und neugierig alles beschnüffelte. Ich war vor Schrecken an allen Gliedern gelähmt -- der Angstschweiß perlte mir von der Stirn.
Hatte ich beim jähen Erwachen irgendeine brüske Bewegung gemacht, die das Tier erschreckte, oder hatte es den Menschen -- seinen Feind -- gewittert, kurzum, es wandte mir den unförmlichen Riesenschädel zu, blies ärgerlich durch die ungeheuren Nüstern einen gewaltigen Sprühregen von Schleim, öffnete den riesigen Rachen und stieß ein tiefdröhnendes Gebrüll aus, so daß mir das Blut in den Adern erstarrte. In diesem Moment wurde es lebendig auf der Sandbank. Die Wachen, aus dem Schlaf geschreckt, eilten herbei -- und pang, pang, pang, erfolgte Schuß auf Schuß, wodurch sich meine Situation nur noch unbehaglicher gestaltete, da die Leute im ersten Schrecken erfahrungsgemäß nie etwas zu treffen pflegen und ich Gefahr lief, von der einen oder anderen Kugel getroffen zu werden.