Part 13
Das Nilpferd war über diesen unerwarteten Empfang wahrscheinlich ebensosehr erschrocken wie ich kurz zuvor. Mit einem Satz verschwand es in das tiefe Wasser, und ich beeilte mich, sobald die Schießerei aufgehört hatte, mit einem Sprung auf die Sandbank zu gelangen. Konnten wir wissen, ob das vielleicht verwundete Tier nicht in rasendem Schmerz sich auf das Boot stürzen und es zermalmen würde? Einige Sekunden bangen Wartens, während der ich der zunächststehenden Wache das Gewehr entrissen und mich feuerbereit gemacht hatte, vergingen, dann tauchte das Tier auf etwa zehn Meter Distanz für einen Augenblick auf. Gleich krachten unsere Gewehre, und sofort verschwand es wieder. War auch die Nacht so klar, daß man auf der Sandbank jeden Menschen auf hundert Meter Entfernung hätte aufs Korn nehmen können, so konnte von einem regelrechten Ziel auf der dunkeln oder vom Mondschein glitzernden Wasserfläche keine Rede sein. Wir gaben daher das Schießen bald als unnütze Munitionsverschwendung auf.
Nach diesem aufregenden Erlebnis hatte ich natürlich keine Lust mehr, meine unterbrochene Nachtruhe im Boote fortzusetzen, obgleich ich mir sagen mußte, daß uns nach der vielen Schießerei sicherlich nichts mehr behelligen würde. Ich ließ daher mein Bett auf die Sandbank bringen. Dieser nächtliche Besuch war für uns alle eine um so größere Überraschung, als wir bisher angenommen hatten, daß in diesem Teil des Flusses überhaupt keine Nilpferde vorkamen. Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch hielten wir scharfe Umschau an allen Plätzen und Sandbänken, die Nilpferde mit Vorliebe aufzusuchen pflegen, doch das Tier war und blieb verschwunden. Sicherlich hatten wir es mit einem alten, erfahrenen Einsiedler zu tun gehabt, der tagsüber das befahrene Fahrwasser meidet und an einer abseits gelegenen, völlig unzugänglichen Flußstelle ein beschauliches Dasein führte.
Wieder fuhren wir eine Strecke stromabwärts, bis wir an einen kleinen Flußpfad kamen, der zu den im Innern des Landes gelegenen Dörfern führte. Diese Pfade sind derart angelegt, daß sie von den vorbeifahrenden Dampfern und Booten aus völlig unsichtbar sind und nur dank der Lokalkenntnis meiner Capitas, die zu wiederholten Malen die Dörfer besucht haben, entdeckt werden konnten.
[Illustration: Arbeiterfrauen vor einer Hütte.]
Wie schon aus meinen früheren Schilderungen ersichtlich, sind die scheuen Eingeborenen stets darauf bedacht, ihre Dörfer derart im Urwald anzulegen, daß sie alle Vorgänge durch Späher aus der Ferne beobachten, selbst jedoch nicht entdeckt werden können. Hat ein Dorf sich irgend etwas zuschulden kommen lassen und fürchtet es die Rache seiner Nachbarn oder der Europäer, dann übersiedelt es einfach mit den tragbaren Hütten einige Stunden landeinwärts an völlig unzugängliche Stellen und sucht den Gegner durch Irrwege, die in den Morast führen oder plötzlich im Urwalde aufhören, irrezuführen.
Wie am vorhergehenden Tag hatten wir auch heute wieder während des Marsches mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen. Ein tiefer Morast hemmte bald unseren Vormarsch in den Urwald. Zu seiner Durchquerung hatten die leichtfüßigen Eingeborenen überall dünne Bäume umgeschlagen, um einen gangbaren Weg zu schaffen. Die Stämmchen erwiesen sich aber für das Gewicht einer Last, d. h. einer Kiste, die von zwei Mann an einer Stange auf den Schultern getragen wird, also etwa für 180 bis 200 Kilogramm, als zu schwach. Die Folge davon war, daß verschiedene meiner Leute mit der Traglast zusammenbrachen und sich beim Sturze Verletzungen an den Füßen und bloßen Körperteilen zuzogen, die dann schwer zuheilten. Überdies verloren wir viel Zeit mit der Anbahnung einer neuen Marschroute. Was wir an diesem Tage an Strapazen durchzumachen hatten, läßt sich in Worten nicht wiedergeben. Durch dick und dünn, bald auf allen vieren, dann wieder gebückt, durch niederes Gestrüpp von Pandanus (einer Art Stachelpalme, die im Morast oder an Flußläufen wächst) führte ein kaum erkennbarer Fußpfad zu dem ungefähr eine Wegstunde vom früheren Standplatz des Dorfes gelegenen neuen Dorfe Lungulungu. Angeblich mußte der alte Ort wegen zunehmender Verseuchung im Stich gelassen werden.
Hier, wie in den früheren Dörfern, nahm ich den gesammelten Kautschuk in Empfang, wechselte den Capita aus und ließ, nachdem ich an den Häuptling Lungulungu und die im Kreise versammelten Eingeborenen reichliche Geschenke ausgeteilt hatte, einen neuen Vorrat an Waren zurück.
Ich hatte soeben mein Mittagsmahl vollendet, als der frühere Capita zwei Unterhäuptlinge des Dorfes vor mich brachte, die Streit miteinander führten und sich dem Urteil Lungulungus nicht unterwerfen wollten. Da dieser Streit zweier ebenbürtiger Gegner, von denen jeder einen mächtigen Anhang hinter sich hatte, zu einer Spaltung des Dorfes und zu Blutvergießen führen konnte, nahm ich das verantwortungsvolle Amt eines Schiedsrichters erst an, nachdem beide vorher feierlich erklärt hatten, sich meinem Schiedspruch fügen zu wollen. Mabruki und Alsala entstammten einer weitverzweigten Patrizierfamilie, die seit Menschengedenken viele tapfere Krieger hervorgebracht und dank mutiger, räuberischer Überfälle auf schwächere Nachbardörfer ihre Macht durch erbeutete Sklaven immer mehr vergrößert hatte. Beide verfügten im Rat des Dorfes, teils durch Überlieferung, teils durch ihren Anhang, über eine einflußreiche Stimme. Bis vor kurzem waren Mabruki und Alsala innige Freunde, so daß Alsala bei der Verheiratung seiner Schwester mit Mabruki ihr zwei Sklavinnen mit in die Ehe gab. Nun war die Schwester einige Monate nach der Heirat plötzlich aus unbekannten Gründen verschieden, und Alsala behauptete, Mabruki hätte sie verhext und wäre an ihrem Tode schuld. Alsala fürchtete auch, daß Mabruki die beiden Sklavinnen ebenfalls verhexen würde, und forderte diese zurück. Nun hatten letztere sich vor einiger Zeit beim Holzsuchen im Walde zu weit entfernt und waren dabei in die Gefangenschaft eines am Flußufer gelegenen Fischerdorfes geraten. Mabruki mußte für deren Auslieferung sechzig Shokkas (Eisenstücke, die zu Pfeilspitzen verarbeitet werden) bezahlen, was ungefähr den Wert von dreißig Frank repräsentiert. Alsala wollte diesen Preis nicht zahlen, sondern forderte die unverzügliche Rückgabe der beiden, seiner Schwester freiwillig überlassenen Sklavinnen, worüber sich heftiger Streit und Feindschaft auf Leben und Tod zwischen den beiden Parteien entwickelt hatte.
Man würde allgemein annehmen, daß der auf das Recht des Stärkeren pochende unzivilisierte Wilde nicht imstande sei, einen Prozeß klar durchzuführen und nachzuweisen, daß das Recht auf seiner Seite ist. Dem ist nicht so -- gerade das Gegenteil trifft zu. Die meisten Neger sind hervorragende Redner und sowohl im Angriff als in der Abwehr äußerst findige Advokaten, die es glänzend verstehen, durch geschickte Argumente den Schein des Rechtes auf ihre Seite zu bringen.
Gewöhnlich beginnt das Plädoyer damit, daß der Redner die Ruhmestaten oder die soziale Stellung seiner Vorväter hervorhebt und dann die Lichtpunkte seiner eigenen Vergangenheit zur Geltung bringt, gewissermaßen, um den Richter für sich einzunehmen. Einmal im Redeschwall, gefällt er sich sichtlich darin, das Zentrum gespannter Aufmerksamkeit zu sein, und seine lebhafte Phantasie führt alles mögliche aus dem Vorleben des Gegners an, was diesen im öffentlichen Ansehen schädigen könnte. Sein Hauptbestreben geht dahin, Sensation zu machen und den Widersacher durch erfundene Geschichten bloßzustellen. Kommt er endlich nach mancherlei Abschweifungen an die eigentliche Streitfrage, dann beleuchtet er aufs genaueste alle Einzelheiten, die für ihn sprechen. Solche Prozesse sind immer langwierig und dauern, wenn man den Gegenstand nicht gewaltsam abkürzt, oft tagelang. Kaum hat der eine der beiden Gegner geendet, so beginnt der andere bereits wieder.
Nach zweistündigem Palaver gelang es mir, die vorliegende Streitfrage in einem den Sitten und Rechtsanschauungen der Eingeborenen entsprechenden Sinne zu erledigen. Alsala mußte die sechzig Shokkas zahlen und erhielt dagegen die zwei Frauen zurück. Auch suchte ich ihm plausibel zu machen, daß Mabruki die Frau nicht verhext habe, da aus den Zeugenaussagen der beiden Sklavinnen und der anderen Einwohner hervorging, daß die Eheleute im besten Einvernehmen miteinander gelebt hätten. Die Frau war irgendeiner Krankheit zum Opfer gefallen. Es ist unnötig, zu erwähnen, daß ich mit diesem Argument keinen Erfolg hatte. Alsala war nach wie vor überzeugt, daß ein »=Nkischi=« seiner Schwester das Lebenslicht ausgeblasen hatte.
Ein beschwerlicher Marsch brachte uns an das Flußufer zurück, von wo aus wir uns direkt nach dem Staatsposten »Romée« einschifften. Ich war glücklich, nach zweimaligem Übernachten im Busch endlich wieder ein komfortables Zimmer und die Gesellschaft von Europäern vorzufinden. Seit zwei Tagen hatte ich mich oftmals fragen müssen, ob ich eigentlich zu den Vierfüßlern oder zu den Menschen gehöre. Romée wird von zwei Ökonomiebeamten verwaltet und umfaßt ausgedehnte Plantagen von Kaffee-, Kakao-, Kautschukbäumen und Lianen. Als Arbeiter werden die Sträflingskolonnen der =Province orientale= herangezogen.
Körperlich und geistig neugestärkt verließ ich am folgenden Morgen die Station, um meine Werbetätigkeit in den Negerdörfern fortzusetzen. Ich besuchte die Dörfer Turumbo, Mokotantefu und Lulanga, in welchen ich wie bisher Waren, Geschenke und Capitas zurückließ, und übernachtete am folgenden Tage in einem am Flusse gelegenen kleinen Staatsposten, der von einem schwarzen Korporal kommandiert wurde.
Unsere Reiseroute weiter stromabwärts verfolgend, gelangten wir endlich nach Janongo, welches Dorf die unschuldige Veranlassung zu Janssens Tod gewesen ist. Der Häuptling Janongo war von seinen Wunden völlig wiederhergestellt, und die Kunde von der gerichtlichen Untersuchung war bis zu dem unweit gelegenen Staatsposten durchgedrungen, so daß das Dorf von weiteren Besuchen verschont blieb. Von Janongo geleitet, besuchte ich fünf Dörfer, die unter seiner Herrschaft standen, und nahm einen der Unterhäuptlinge, dessen Dorf sich gegen Janongo aufgelehnt und das versprochene Quantum Kautschuk nicht angefertigt hatte, gefangen mit mir. Ich ließ ihn in Ketten legen und den daraufhin geflüchteten Einwohnern mitteilen, daß ihr Häuptling so lange in Stanleyville in der Gefangenschaft bliebe, bis sie sich Janongo unterworfen und den Kautschuk abgeliefert hätten. Beim Besuch der Dörfer hatte ich Gelegenheit, zu konstatieren, daß dank unserem raschen Vorgehen und dem sofortigen Eingreifen des Distriktskommissars unser Ansehen in Janongo nicht nur nicht gelitten, sondern sogar bedeutend gestärkt worden war. Überdies benutzte ich die Gelegenheit, um Janongo ein Geschenk zu überreichen, welches ihn für alle erlittenen Demütigungen aufs reichlichste entschädigte.
Bei einbrechender Nacht an das Flußufer zurückgekehrt, ließ ich meine Leute bis zum nächstgelegenen Fischerdorf rudern, um daselbst zu übernachten. Eine größere Hütte, groß genug, um mein Feldbett darin unterzubringen, war bald gefunden. Beim Ausräumen derselben stürzten plötzlich meine Leute mit dem Schrei »=Nioka=« heraus, und Mustapha erklärte mir, daß man auf eine armdicke gehörnte Viper, eine der schönsten und giftigsten Schlangen Zentralafrikas, gestoßen sei. Da es schon lange mein Wunsch war, ein tadelloses Exemplar dieser Schlangenart zu konservieren, verbot ich meinen Leuten, sie zu töten und begab mich selbst mit einem in aller Eile herbeigeschafften Bambusstock, an dessen oberem Ende mittels »=Koddi=« (Liane) eine Schlinge befestigt war, die sich zuziehen ließ, in die Hütte. Meine Befürchtung, daß das Tier inzwischen entwichen oder in eines der Rattenlöcher verschwunden war, erwies sich glücklicherweise als grundlos, die Schlange lag zusammengerollt in einem Winkel der Hütte. Mein Bambusstock war lang genug, um mich selbst im ungünstigsten Falle vor einem direkten Angriff des Tieres zu schützen. Mit pochendem Herzen näherte ich jetzt die Stockspitze dem Kopfe der Schlange, als diese sich plötzlich unter Pfauchen wie eine Katze blitzschnell erhob und ihre giftigen Fänge mehrmals schnell hintereinander mit hörbarem Ticken in das Holz einschlug. Als sie sich schließlich, die Nutzlosigkeit weiterer Bisse einsehend, einen Augenblick ruhig verhielt, gelang es mir, ihr die Schlinge um den Hals zu werfen und diese mit kräftigem Ruck zuzuziehen. Mit großer Gewalt ringelte das gefangene Tier sich nun um den weit vorgehaltenen Stock und versuchte sich loszureißen, so daß die kurze Schwanzspitze bis nahe zu den Händen herunterreichte. Doch die Liane war kräftig, und die Schlinge zog sich immer enger um den zusammengeschnürten Hals. Ich war mit der gefährlichen, kostbaren Last schleunigst aus der Hütte geeilt, um im Falle eines Loskommens oder Durchbeißens der Liane meine volle Bewegungsfreiheit zu haben.
Meine Boys hatten einstweilen eine entleerte Mehlbüchse aus Blech zur Hälfte mit Alkohol, Formalin und etwas Wasser gefüllt. In diese konservierende Flüssigkeit warfen wir nun die halberwürgte Schlange und schlossen den Deckel, nachdem wir noch eben vorher die um den Hals des Tieres liegende Schlinge durchschnitten hatten.
Durch dieses Ereignis wurde mein Nachtmahl verzögert, so daß ich ziemlich spät mein Lager aufsuchte. Ich mochte bereits einige Stunden geschlafen haben, als ich plötzlich gegen Mitternacht durch das Dröhnen eines Gongs und ein markerschütterndes Geschrei geweckt wurde. Im ersten Moment glaubte ich an den Überfall eines benachbarten Dorfes. Schon wollte ich mich erheben, als eine der Wachen mir den Vorfall erzählte. Ein Eilbote von »Mbula Matadi«, der Soldat Fundi, war in einem Kanu angekommen und wollte neue Ruderer haben. Natürlich wollte keiner der Eingeborenen sein warmes Lager verlassen und für einen Schwarzen bei stockfinsterer Nacht weiß Gott wohin rudern. Doch der Kerl hatte den Häuptling gepackt, aus der Hütte gezerrt und brüllte wie ein Besessener, daß er das ganze Dorf in Brand stecken würde. Der Lärm hielt eine halbe Stunde an, bis der Soldat die nötige Anzahl Ruderer beisammen hatte. Verschiedentlich kam die Versuchung über mich, dem Spektakel ein Ende zu machen, indem ich den schwarzen Soldaten wegen nächtlicher Ruhestörung einfach in Ketten legen ließ. Doch der Gedanke, daß der Mann vielleicht Träger wichtiger Briefe war, hielt mich glücklicherweise davon zurück. Wer weiß, was für Unannehmlichkeiten für mich daraus hätten erwachsen können.
Einmal durch den Lärm geweckt, konnte ich sobald nicht wieder einschlafen. Ratten und Mäuse hetzten in wilder Hast am Boden der Hütte umher und nagten und spielten mit meinen Schuhen. Dann wieder erklang das langgezogene Geheul einer Hyäne durch die tiefe Stille der Nacht. Meine Gedanken schweiften unwillkürlich nach Stanleyville zurück. In welchem Zustande würde ich die Faktorei bei meiner Rückkehr vorfinden?
Bei Tagesanbruch, noch vor dem ersten Hahnenschrei, ließ ich das Dorf und meine Arbeiter durch den Gong alarmieren. Eine nervöse Unruhe war über mich gekommen. Ich wollte die restlichen Dörfer Jasuko, Komango und Yombo in aller Eile noch besuchen und dann sofort die Heimkehr antreten. Unter dem gleichmäßigen Schlag der Ruderer ging unsere Fahrt weiter stromabwärts dem Endziel unserer Reise zu. Als nach einer Stunde die Sonne ihre ersten Strahlen schräg über die Baumwipfel auf die Wasserfläche sandte und ich in kurzer Reihenfolge einen großen grauen Reiher und zwei Wildgänse erlegt hatte, da legte sich die innere Unruhe. Schließlich bog unser Kanu in eine kleine Ausbuchtung des Flusses ein und war kurz darauf unter dem Schatten des überhängenden Laubdaches, vom Strom aus völlig unsichtbar, an der Mündung eines kleinen Baches gelandet.
Nichts deutete darauf hin, daß irgendein Fußpfad hier ins Innere des Landes führte. Von einem meiner kräftigsten Männer auf den Rücken genommen, wurde ich im Bach wohl eine Viertelstunde lang getragen, bis endlich ein kleiner Pfad zum Vorschein kam und ich auf trockenen Boden gesetzt wurde. Eine Stunde später waren wir im Dorfe Jasuko angelangt, und ich hielt hier kurze Rast, um zu frühstücken und meinen Leuten Gelegenheit zu geben, das gleiche zu tun. Der Häuptling war soeben für einige Minuten verschwunden, als plötzlich im Dorfe ein ungeheurer Tumult entstand. Die Eingeborenen in der Nähe stürzten in ihre Hütten und kamen, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, wieder heraus. Das Schreien und Rufen, das Durcheinanderlaufen von bewaffneten Männern, die alle in der gleichen Richtung verschwanden, verbreitete sofort eine wilde Panik um mich her.
Ein Teil meiner Träger ergriff die Flucht, die Traglasten mitten im Wege liegen lassend. Ich aber stürzte zu meinem Gewehr, meine Boys und die Eskorte taten dasselbe. Wir waren entschlossen, unser Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Was war geschehen? Hatte ein Teil meiner Arbeiter mit den Eingeborenen Streit angefangen, und war es zum Schlagen gekommen? So schnell uns unsere Füße tragen konnten, eilten wir den davonstürzenden Eingeborenen nach, um womöglich noch rechtzeitig einzuschreiten und unnützes Blutvergießen zu vermeiden. Am Ende des Dorfes angelangt, erblickten wir eine erregte Volksmenge, darunter einige meiner Arbeiter, unschlüssig um den Häuptling gruppiert.
Was war der Grund der allgemeinen Aufregung? Ein Leopard hatte wenige Minuten vorher einen erwachsenen Mann des Dorfes in dessen unmittelbarer Nähe und vor den Augen seiner Begleiter weggezerrt und war mit ihm im Walde verschwunden. Das Rufen und Klagegeheul des Überfallenen war noch eine Zeitlang hörbar gewesen -- dann war alles verstummt. Unschlüssig berieten nun die feigen Kerle, wer von ihnen der Erste sein sollte, dem Tier zu folgen und ihm womöglich die Beute zu entreißen.
Hier war für mich eine glänzende Gelegenheit zu einer Leopardenjagd gegeben. Mein dunkler Khakianzug war wie geschaffen dafür. Von den Leuten erfuhr ich, daß ein Prachtexemplar eines Leoparden seit etwa einem Monat ihr Dorf heimsuchte und regelmäßig jeden Tag ein Menschenopfer, bald eine Frau, bald einen Mann oder ein Kind, manchmal mitten im Dorfe, anfalle und wegschleppe. Die verfolgenden Leute sei er einmal aus dem Dickicht heraus angesprungen, habe einem Manne mit den Pranken den Bauch aufgerissen und sei darauf verschwunden, noch ehe die bestürzten Begleiter Zeit gehabt hätten, auf ihn zu schießen. Daher ihr Zaudern.
Ich versprach dem Häuptling zu bleiben und den Leoparden zu töten. Dagegen mußte mir das Dorf geloben, den ganzen Tag über ruhig zu bleiben und den Teil des Waldes nicht zu betreten, in welchen der Leopard sein Opfer geschleppt hatte. Von einem verläßlichen Mann meiner Eskorte begleitet, machte ich mich sogleich an die Verfolgung des Raubtieres. Die Spur, die der Leopard hinterließ, war deutlich an geknickten Zweigen und der Blutspur seines Opfers auf dem Boden und den Blättern der Sträucher erkennbar. Wir eilten, so schnell wir den Umständen nach laufen konnten, in der Hoffnung, vielleicht den Mann noch retten zu können, dem frechen Räuber nach. Doch alle Mühe war vergeblich. Wir fanden nur mehr eine Leiche vor. Die linke Halsschlagader, ein Teil des Halses und die linke Brust waren vom Leoparden herausgerissen und gefressen worden. Das Zucken der Eingeweide und der noch warme Körper deuteten auf den kaum eingetretenen gewaltsamen Tod hin.
Wir ließen den Toten in der gleichen Lage liegen, wie wir ihn vorgefunden hatten und erkletterten in der Annahme, daß das furchtlose Tier unbedingt zu seinem Opfer zurückkehren würde, einen in nächster Nähe befindlichen Baum. Dies geschah hauptsächlich, um dem Tier die Witterung zu benehmen. Aus demselben Grunde vermieden wir auch, den unteren Stamm des Baumes, auf dem wir uns befanden, zu berühren. Von der Schulter meines Begleiters aus konnte ich mich auf einen dicken Ast emporschwingen und den Mann nachziehen. Wir befanden uns etwa fünf Meter über dem Erdboden und waren durch das Laubdach des Unterholzes derart gedeckt, daß das anschleichende Tier uns unbedingt nicht sehen konnte. Mit der Flinte im Anschlag verhielten wir uns mäuschenstill und starrten bald auf den Leichnam unter uns, bald auf das undurchsichtige Unterholz, das uns mit seinem grünen Schutzwall umgab. Die ersten zwei Stunden verliefen verhältnismäßig erträglich. Ich war durch die Vorgänge furchtbar aufgebracht und mußte immer an meinen kleinen Boy denken, den ein gleiches Schicksal erreicht hatte, und dessen Rächer ich voraussichtlich werden würde. Denn das stand fest für mich, ich würde meinen Posten vor einbrechender Nacht, das heißt, solange genügend Licht zum Schießen vorhanden war, nicht verlassen, mochte kommen, was da wollte. Außer meinem fünfschüssigen Mauser, der mit Dum-Dum-Kugeln geladen war, trug ich meinen sechsschüssigen, schweren Armeerevolver im Gürtel. Damit war ich jedem Feind gewachsen, und meine Eskorte Mukenge verließ mich nicht, dessen war ich ganz sicher.
Es wurde 1 Uhr mittag, es wurde 2 Uhr, und immer rührte sich noch nichts. Die Glieder fingen an, vom Sitzen auf demselben Fleck zu schmerzen. Der Magen forderte sein Recht. Der Leichnam unter uns, auf den die Sonnenstrahlen herabbrannten, begann in Verwesung überzugehen und die ganze Umgebung zu verpesten. Tausende von Schmeißfliegen saßen in der geöffneten Brusthöhle und an den heraushängenden Därmen, sogen und fraßen sich voll und setzten sich dann auf uns, um den Schweiß von Stirne, Nacken und Armen gierig aufzusaugen. Unter möglichster Vermeidung jeglichen Geräusches veränderten wir unsere sitzende Position derart, daß wir es wieder einige Zeit aushalten konnten. Die Zeit der schwersten Prüfung, die Mittagshitze, wo Minuten wie nie endenwollende Stunden erscheinen, war herangekommen. Welcher Aufwand an Kraft und Energie, welche Willensstärke nötig sind, um in einer solchen Lage auszuhalten, davon kann nur der sich einen Begriff machen, der selbst ähnliches durchgemacht hat. Um meinen Geist gewaltsam mit irgend etwas zu beschäftigen, damit er nicht fortwährend an den knurrenden Magen und die schmerzenden Glieder dachte, zwang ich mich, alle heranfliegenden großen und kleinen Mistkäfer zu zählen, die sich auf den Leichnam setzten und nach einigem Herumwühlen im Innern der Bauchhöhle verschwanden. Ich glaube, es waren im ganzen elf große schwarze und siebzehn kleine farbige und schwarze Skarabäen, die sich bekanntlich als Totengräber an Leichen heranmachen und sie verzehren.
Sooft ein Vogel im nahen Gebüsch sich regte, beim leisesten Windhauch, der durch die Blätter fuhr, vermeinten wir stets, des elenden Räubers ansichtig zu werden. Minute auf Minute bei drückender Schwüle vergingen. Es wurde 3 Uhr, es wurde 4 Uhr. Die Sonnenstrahlen fielen nunmehr schräg auf den in Fäulnis übergehenden Leichnam, dessen Verwesungsgeruch meine Geruchs- und Geschmacksnerven bis zur Übelkeit erregten. Bald würde der langersehnte Moment, die Dämmerung, eintreten, die das gefräßige Tier unbedingt zu seinem Opfer zurückbringen würde. Die Fliegenplage ließ merklich nach. Faul und dickgefressen, zu schwer, um bis zu uns emporzufliegen, blieben sie am Kadaver sitzen und stimmten ihr Summ- und Brummlied an.
Langsam erwachte der Wald um uns aus seinem lethargischen Mittagsschlaf. Vögel hüpften von Ast zu Ast und betrachteten ganz zutraulich uns fremdartige Gäste. Eine Schar grauer Papageien hatte sich ganz in der Nähe auf einem Baum niedergelassen und pfiff und krächzte fröhlich mit den anderen Vögeln um die Wette. Mit Ausnahme des Leichnams unter uns deutete nichts auf die entsetzliche Tragödie hin, die sich hier am frühen Morgen abgespielt hatte. Von dem fürchterlichen Räuber war nichts vernehmbar; der Wald hatte sein friedliches, alltägliches Aussehen. Von der Seite her passierte eine Karawane zierlicher Äffchen in den Wipfeln der Bäume über uns. Mein Auge ergötzte sich an den possierlichen Tierchen, die gleich unseren europäischen Eichkätzchen gewandt von Ast zu Ast springen.
Meine Glieder waren vom gebeugten Sitzen bereits derart erlahmt, daß sie mich kaum noch schmerzten. Mit der untergehenden Sonne und dem näherrückenden Zeitpunkt, an dem ich endlich den verhaßten Leopard vor dem Laufe meiner Flinte sehen würde, begann auch wieder eine gewisse Jagdleidenschaft in mir rege zu werden. Das bange und gleichzeitig freudige Gefühl der herannahenden Entscheidung ließ mich alle anderen Schmerzen, meinen hungernden Magen miteinbegriffen, vergessen.
Langsam verschwand die Sonne als rotleuchtender Feuerball zwischen den Wipfeln der Bäume, die Dämmerung rückte heran. Angestrengt lauschten wir auf jedes verdächtige Geräusch. Da, unvermittelt das leichte Zurückschnellen eines Astes in einiger Entfernung -- darauf lange Minuten lautloser Stille. Dann wieder das Knistern eines kleinen Ästchens aus derselben Richtung -- wieder vergingen einige Minuten. Die Sonne war bereits ganz am Firmament verschwunden. Dann wieder das Zurückschnellen eines Zweiges. Jetzt konnten wir genau die Richtung bestimmen, aus der der Räuber auftauchen würde. Gewisse Anzeichen, wie das Innehalten der Lockrufe der Vögel aus der gleichen Richtung deuteten darauf hin, daß die große Katze im Anzug war. Mein Herz klopfte zum Zerspringen -- -- jetzt war der Moment gekommen, auf den wir den ganzen Tag geharrt hatten. Unwillkürlich reichte ich Mukenge bedeutungsvoll die Hand.
Doch was war das? -- Plötzlich hörten wir von der entgegengesetzten Richtung gleichfalls ein Geräusch wie von einem anschleichenden Wesen. Sollten etwa zwei Räuber von entgegengesetzter Seite auf uns zukommen? Aus unserer ersten Schallrichtung vernahmen wir nichts mehr. Offenbar traute das Tier dem Frieden nicht recht, oder es hatte etwas gehört und wartete vorsichtig ab. Das Geräusch von der anderen, dem Dorfe zugekehrten Seite, wurde immer vernehmlicher. Zweige schnellten zurück, unaufhaltsam drang ein unbestimmtes Etwas in unserer Richtung vor. Immer näher kam das Verhängnis. Den Finger am Drücker, beide die Gewehre an der Backe, lauerten wir auf den Moment, wo der Kopf des Leoparden ansichtig wurde, um sofort Feuer zu geben. Zweige schlugen unter uns auseinander, ein Gemurmel wurde hörbar, und -- -- -- im Gänsemarsch, einer hinter dem anderen, tauchten fünf Eingeborene unter der Führung ihres Häuptlings auf, um -- den Toten wegzuholen.
Meine Bestürzung und Enttäuschung wiederzugeben, ist unmöglich. Also deshalb hatte ich den ganzen Tag gehungert, die unglaublichsten Schmerzen ausgehalten und den Verwesungsgeruch eingeatmet, damit im entscheidenden Moment mir der Preis verlorengehen sollte. Eine furchtbare Wut überfiel mich, und ich machte mir Luft, indem ich den verdutzten Negern von meinem Baum herunter eine Flut von Schimpfwörtern zudonnerte. Abgesehen davon, daß die Leute darauf bestanden, den Leichnam mitzunehmen, mußte ich wohl oder übel einsehen, daß nach den so unerwartet eingetretenen Ereignissen absolut keine Aussicht auf die Wiederkehr des Leoparden bestand. Der Abend und die Nacht, die ich im Dorfe zubrachte, waren mir gründlich verleidet.