Chapter 14 of 15 · 3901 words · ~20 min read

Part 14

Am folgenden Morgen besuchte ich die letzten beiden Dörfer Yobi und Komango, teilte Stoffe und Geschenke wie in allen übrigen Dörfern aus und ließ auch hier einen Capita zurück. Dann trat ich endlich die Rückreise an, die ohne nennenswerte Begebenheit verlief und mich nach vierzehntägiger Abwesenheit gesund und trotz der überstandenen Strapazen gekräftigt nach Stanleyville in meine Faktorei zurückbrachte.

Einiges über die Gewinnung des Kautschuks.

Es wird den Leser, der dem Verfasser bis hierher auf seinen abenteuerlichen Wegen durch den Urwald und bis in die entferntesten Negerdörfer gefolgt ist und das im Kongo übliche »System« des Kautschuksammelns kennengelernt hat, gewiß interessieren, etwas Näheres über die Gewinnung dieses wertvollen Naturproduktes zu erfahren.

Bis vor wenigen Jahren galt als Hauptreichtum des Kongostaates die Ergiebigkeit seiner ungeheuren Wälder und Prärien an Kautschuk, jenem kostbaren Material, das bisher chemisch nicht zu ersetzen und für das mit der zunehmenden Verwendung zu technischen Zwecken ein kaum zu befriedigender Markt entstanden war. Mit dem Bau der Eisenbahn Matadi-Stanley-Pool, mit der fortschreitenden Erschließung des Landes, der Unterwerfung der blutdürstigen, wilden Negerstämme, die bisher ausschließlich vom Morden und Plündern der schwächeren Nachbarn gelebt hatten, mit ihrer Heranziehung zu friedlicher Feldarbeit und Ausbeutung der reichen Lianenbestände der Urwälder, die von der Kongomündung quer durch ganz Zentralafrika bis zum Indischen Ozean reichen, wurde von Belgiens größtem Herrscher, dem König Leopold, mit sicherem, zielbewußtem Blick ein Kulturwerk geschaffen, so groß und mächtig, wie er selbst es ursprünglich kaum geahnt hatte. Schwere finanzielle Opfer hat es erfordert, viel Blut ist auf beiden Seiten geflossen, bis der neugeschaffene Staat die sengend und plündernd herumziehenden unbotmäßigen Horden bezwingen und seine Grenzen gegen räuberische Einfälle mächtiger Sklavenjäger zu schützen vermochte.

Der Lohn hierfür blieb nicht aus. Bald war bis in die entferntesten Dörfer des Urwaldes die Kunde gedrungen, daß der weiße Gott, der auf einem Feuerroß aus dem Meere aufgetaucht war und den Strom heraufgefahren kam, gegen den bisher nur zu »Gongschlägern« verfertigten Kautschuk prachtvolle Gewebe, glänzende Arm- und Beinspangen aus Messing, kurzum eine Menge nie gesehener Herrlichkeiten eintauschte, als sich alsobald hunderttausende fleißiger Hände an die Arbeit machten, den milchigen Saft der Lianen zu sammeln, zu Kugeln oder Platten zu formen und in die Stationen am großen Fluß zu bringen. Aus allen Teilen des Landes kam das kostbare, aber für die Eingeborenen fast wertlose Material. Immer mehr häuften sich die Vorräte, gleich dem Anschwellen einer Lawine. Die reiche Fracht füllte die Dampfer bis an Deck, wurde nach Antwerpen dirigiert und machte diesen Hafen bald zum zweitgrößten Kautschukmarkt der Welt. Dank der weisen Politik des klugen Königs, der durch Gewährung von Konzessionen Kapital ins Land zu bringen wußte, um all die ungeheuren Produktionsquellen voll zur Entfaltung bringen zu können, gediehen die unter Aufwand von vielen Millionen gegründeten Unternehmungen prächtig und entwickelten sich mit der Zeit zu großen Aktiengesellschaften, die ihren Gründern und ihrem Schöpfer alljährlich goldenen Gewinn eintrugen.

[Illustration: Eingeborene bringen Kautschuk.]

Kehren wir zurück zum Ursprung des Kautschuks und zu dessen Gewinnung. Im Gegensatz zum Plantagenkautschuk, der auf großen Anpflanzungen, z. B. in Brasilien, durch rationelle Ausbeutung gewonnen wird, stammte noch während meines Aufenthaltes am Kongo neun Zehntel der dortigen Gesamtproduktion aus sogenanntem »Raubbau«. Die Eingeborenen, die den Wert der Lianen nicht erkennen, haben, sobald sie eine solche finden, das natürliche Bestreben, möglichst viel Kautschuk aus ihr zu gewinnen, ohne Rücksicht darauf, daß die Pflanze bei einem solchen Verfahren eingeht. Der Rest verdankte seinen Ursprung gleichfalls rationeller Plantagenausbeutung.

Um dem Raubbau zu steuern und zu verhüten, daß die kostbaren Kautschukbestände eine Verminderung erfahren, werden sämtliche Gesellschaften seit dem Jahre 1900 durch königliche Verordnung dazu angehalten, alljährlich für je 1000 Kilogramm angekauften Kautschuk 500 neue Kautschuklianen anzupflanzen. Jede Gesellschaft besitzt daher heute geeignete ausgedehnte Terrains, die vom Staat unter gewissen Modalitäten kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, auf welchen die Kautschukkulturen rationell betrieben werden. Diese Pflanzungen werden alljährlich von eigens dazu bestellten Inspektoren kontrolliert.

Der Kautschukbaum kommt in den Urwäldern Afrikas nicht vor. Aller geerntete Kautschuk rührt von wild wachsenden Lianen her. Man unterscheidet unter ihnen folgende Arten, die hauptsächlich für die Kautschukgewinnung in Betracht kommen: =Landolphia Ovariensis=, =Landolphia Droogmansia=, =Landolphia Klainei=, =Clitandra Arnoldiana=, =Clitandra Nzunde=. Die ersten drei Arten ergeben einen rötlichen, durchsichtigen Kautschuk, während die zuletzt genannten den schwarzen Kautschuk liefern. Alle diese Lianen erreichen einen Durchmesser bis zu Armstärke, ranken an hohen Bäumen als Parasit empor und erreichen eine Länge bis zu 25 bis 30 Metern.

Hat der kautschuksammelnde Eingeborene eine derartige Liane entdeckt, dann klettert er am Baum so hoch wie möglich empor und durchschneidet sie. Die nunmehr zu Boden stürzende Liane wird durch Holzgabeln gestützt und mit ringartigen Quereinschnitten in ihrer Rinde versehen. Der an der Schnittfläche herausträufelnde milchige Saft trocknet entweder sofort am Baum ein oder wird in aus Blättern angefertigten primitiven Behältern aufgefangen. Im ersten Fall kehrt der Eingeborene am nächsten Tag zurück, um den trockenen Kautschuk mit einem stumpfen Messer loszulösen und zu einer Kugel zu formen, deren Größe je nach dem Distrikt von einer Pflaume bis zu einer Orange wechselt. Im letzten Fall entleert er die milchige Flüssigkeit in ein zu diesem Zwecke mitgebrachtes Gefäß und gießt sie zu Hause in kochendes Wasser, worauf sie sofort hart wird und wie ein flacher Kuchen auf der Oberfläche des Wassers schwimmt. Der frisch gewonnene Kautschuk ist schneeweiß und enthält viel Wasser, das ihn, falls man ihn nicht gehörig zerteilt und im Schatten trocknet, zersetzt und in eine klebrige, unansehnliche Masse verwandelt.

[Illustration: Verarbeitung von Kautschuk.]

Die gleiche Operation wiederholt der betreffende Eingeborene so oft, bis die Liane erschöpft ist. In besonders reichen Waldrevieren läßt er die Liane, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hat, liegen und verkommen. Im Kasai-Gebiet schneidet der Eingeborene sie in Stücke und schleppt sie in seine Hütte, um mittels Wassers durch Stampfen oder Klopfen der Rinde den unter derselben fest gewordenen Kautschuk zu extrahieren, eine Arbeit, die viele Stunden in Anspruch nimmt.

Außer den oben angeführten Lianen, die nur im Urwald gedeihen, wurde im Jahre 1885 in den ausgedehnten Prärien Afrikas eine neue Art von Liane entdeckt, die =Landolphia Thollonii Dewevre=, die ungefähr 10 bis 15 Zentimeter unter der Erdoberfläche wächst und ihre Triebe nach allen Richtungen hin erstreckt. Ihre Wurzeln, die eine Länge bis zu drei Metern und Fingerdicke erreichen, werden von den Eingeborenen ausgegraben und, zu Bündeln verschnürt, ins Dorf getragen. Hierauf weicht man sie die Nacht über ein, damit die Rinde sich leicht vom Stamm löst, dann trocknet man diese in der Sonne und klopft und stampft sie mittels Holzknüppel so lange, bis alle Rindenteilchen aus der Kautschukmasse entfernt sind. Der auf diese Weise gewonnene Kautschuk ist in Qualität dem durch Rindeneinschnitte erzielten gleichwertig und auch in seinem Aussehen von diesem nicht zu unterscheiden.

Der Einkaufspreis von einer Tonne -- 1000 Kilogramm -- Kautschuk stellt sich je nach Qualität im Ursprungslande auf 1500 bis 2000 Frank. Der erzielte Nettoerlös in Antwerpen schwankt, je nach der Konjunktur, zwischen 7000 bis 12000 Frank per Tonne. Diese Preise wurden bis kurz vor Ausbruch des Weltkrieges gezahlt.

Eine Faktorei produzierte damals durchschnittlich monatlich 2000 bis 3000 Kilogramm Kautschuk, so daß sie alljährlich einen Bruttogewinn von 150 bis 200 Mille Frank erzielte.

Faktoreichef. Tausend gefährliche Seuchen. Heimreise.

Den Gefahren und Anstrengungen der Reise im Urwald folgte eine mehrwöchige Periode der Ruhe auf der Faktorei. Auch hier harrte meiner eine Unmenge Arbeit, die sofortiges Zugreifen erheischte. Die Aufzeichnungen des Schreibers während meiner Abwesenheit, die Auslieferungen der Warenvorräte und die Eingänge an Kautschuk und Elfenbein mußten genau kontrolliert und gebucht, der mitgebrachte Kautschuk von den Arbeitern in kleine Stückchen geschnitten und in das Trockenmagazin gebracht werden, um ein Zersetzen und Klebrigwerden zu verhindern.

Mitten in der Arbeit überraschte uns eines schönen Tages unser Dampfer »Henriette« mit Kapitän Jarigsma, der mir meine Ernennung zum Faktoreichef und die Mitteilung von einer namhaften Erhöhung meiner bisherigen Bezüge mit Beteiligung am Reinertrag der Faktorei überbrachte. Gleichzeitig wurde mir ein Unterbeamter avisiert, der mit dem nächsten Dampfer heraufkommen sollte. Da das Schiff für Stanleyville zwanzig Tonnen Laderaum verfügbar hatte und unser Vorrat an Kautschuk, Elfenbein und Reis nur zirka achtzehn Tonnen ausmachte, beschloß ich, mit nach Romée hinunterzureisen und dort noch Reis einnehmen zu lassen.

Die Fahrt nach Romée auf dem prachtvollen Dampfer und der Aufenthalt bei dem liebenswürdigen Kapitän am Deck boten mir eine willkommene Zerstreuung. Das Geschäft mit den Arabern in Romée und das Heranbringen des erforderlichen Quantums Reis an Bord war in einer Stunde erledigt. Den Rest des Tages verbrachten wir beim stellvertretenden Kommandanten des Postens in vergnügter Gesellschaft. Die zweitägige Flußreise stromaufwärts beruhigte meine von den schnell aufeinanderfolgenden freudigen Ereignissen erregten Nerven wieder. Die ungeheuren Urwälder, die den Fluß zu beiden Seiten einfassen, die ewig wechselnden Szenerien, die weite Wasserfläche, die bald gleich einem Binnensee kaum merklich dahinfließt, dann wieder, eng in das Flußbett gezwängt, wie eine Lawine sich vorwärts wälzt, bieten dem Naturbeobachter unvergleichliche Augenweide. Wie oft hatte ich diese Strecke nun bereits befahren, und doch, wenn ich sie in ihren großen Zügen auch kannte, jede weitere Reise erschloß mir neue Naturschönheiten und Reize, an denen ich früher achtlos vorübergefahren war. Es ist, als ob man in einem großen Weltbuche, dem Buche der Natur, blättert und jedesmal neue Schätze entdeckt, die in ihm beschrieben sind. Ganz in Betrachtung versunken, saß ich in meinem Lehnstuhl und sah doch wieder nichts -- das gleichmäßige Schaukeln des Bootes versetzte mich in andere Regionen. Ich träumte vor mich hin, bis irgendeine Begebenheit, wie etwa das plötzliche Ins-Wasser-gleiten eines Krokodils, das ich für einen Baumstamm gehalten, mich aus meinen Träumen aufschreckte.

Die gewaltigen Natureindrücke dieser tropischen Welt bleiben nicht ohne starke und dauernde Wirkung auf die Seele. Aus mir, der ich von meiner Kindheit an äußerst lebhaft und unruhig veranlagt war, hatte Afrika im Lauf der Zeit einen schwermütigen, ernsten Träumer gemacht. Die Einwirkungen des Klimas auf den Körper sollten bald für meine Laufbahn entscheidend werden.

Zwei Tage nach meiner Rückkehr nach Stanleyville fühlte ich beiderseits der Leistengegend ein starkes Stechen, dem eine von heftigem Fieber begleitete Drüsenanschwellung folgte. Äußerst bestürzt begab ich mich sofort zu =Dr.= Bellis, den ich mit denselben Krankheitserscheinungen, nur in verstärktem Maße, behaftet vorfand. Wir beide und mit uns ein großer Teil der Europäer und der Schwarzen der Umgebung waren von einer Art Bubonenpest befallen. Die Krankheit war wie hergeflogen ganz plötzlich über den Distrikt hereingebrochen, und niemand wußte ihre Ursache oder ihr Entstehen zu erklären. =Dr.= Bellis und der Kommandant fuhren mit dem nächsten Dampfer nach Leopoldville, um sich daselbst einer Operation zu unterziehen. Mir hatte er zuvor eine Salbe verschrieben, die sich in der Folge nicht nur als völlig wirkungslos erwies, sondern im Gegenteil die Anschwellungen und Schmerzen noch vermehrte.

Einige meiner Leute, die unter derselben Krankheit zu leiden hatten und dank dem Heilmittel einer arabischen Giftmischerin der Genesung entgegensahen, brachten mich auf den Gedanken, diesmal die Heilkräfte der Eingeborenen gleichfalls für mich in Anspruch zu nehmen. Ich sandte daher meinen Capita Mustapha mit entsprechenden Geschenken auf den Weg zu der Alten. Doch ich hatte mich gründlich getäuscht. Für mich gab es keine Medizin. Das schlaue, erfahrene Weib wollte ihre Quacksalberei an mir nicht ausprobieren, da sie offenbar fürchtete, im Falle eines Mißlingens mit dem Gefängnis von Stanleyville Bekanntschaft machen zu müssen.

Mein Leiden war inzwischen zur unerträglichen Qual geworden, die mir weder Schlaf noch Ruhe gönnte. Da griff ich zur List, ließ den ärmsten meiner Arbeiter, der ein Leidensgefährte war, kommen und versprach ihm, seine Behandlung zu bezahlen, wenn er die Hälfte der Salbe, die die Alte ihm gab, mir anvertraute. Den Hokuspokus überließ ich ihm ganz. Die Wirkung der in Bananenblätter gewickelten, scharf riechenden, schwarzen Salbe erwies sich als vorzüglich. Die Schmerzen ließen nach, die Leistenanschwellungen, die ohne sie zum Durchbruch und zu langwierigen Leiden geführt hätten, waren bald vollständig behoben, so daß ich in einiger Zeit mein Schmerzenslager verlassen konnte.

Da Unglück selten allein zu kommen pflegt, und Stanleyville, das bisher im Rufe stand, das gesündeste Klima im ganzen Stromgebiet zu besitzen, dazu ausersehen schien, in diesem Jahre alle Seuchen Zentralafrikas mitmachen zu müssen, tauchten nunmehr plötzlich die Blattern in nie dagewesener Heftigkeit auf. Gerüchte über die am jenseitigen Ufer unter den Soldaten und Eingeborenen aufgetauchte Seuche, die sofort viele Menschenleben dahinraffte, veranlaßten uns, jeden Verkehr mit drüben abzubrechen. Diese Vorsichtsmaßregel blieb leider wirkungslos, da die gefährliche Seuche einige Tage später auch bei uns ausbrach. Eine Feldarbeiterin (Sklavin) machte den Anfang, der Boy meines ehemaligen Chefs folgte. Jeder weitere Tag brachte eine vermehrte Anzahl von Kranken, so daß bald drei Viertel des ganzen Personals von der schrecklichen Seuche erfaßt waren.

[Illustration: Anfertigung von Kautschukkörben.]

Zur Isolierung der Kranken ließ ich sofort auf einige hundert Meter Abstand von der Faktorei Baracken, in denen sie so gut wie möglich untergebracht wurden, errichten. Impfstoff, das einzige wirksame Mittel zur Bekämpfung der Seuche, war vorläufig nicht vorhanden, so daß wir uns auf den Rat der katholischen Mission mit Reiswasser als Nahrung und zur Regelung der Verdauung begnügen mußten.

Die Sklavin war sofort nach ihrer Erkrankung zu ihrem arabischen Häuptling gelaufen, der sie vom Kopf bis zu den Füßen mit Kalk bestreichen ließ. Doch scheint auch diese Behandlungsmethode in den meisten Fällen versagt zu haben, da die Kranke ebenso wie viele andere zugrunde ging. Auch bei mir starben trotz sorgfältiger Überwachung und Pflege verschiedene Leute. Einer der Arbeiter wurde verrückt und lief den ganzen Tag mit einem dicken Prügel herum, um vermeintliche Feinde zu töten. Dem Mann war die Krankheit aufs Gehirn geschlagen; er litt an Verfolgungswahnsinn und schlief nachts auf einem Baum. Einige Tage später starb er. Ich ging selbst zu den Isolierbaracken, um dem Begräbnis beizuwohnen und mich vom Schicksal der übrigen Kranken zu überzeugen. Der Anblick des bis aufs Skelett abgemagerten, am ganzen Körper mit blutenden Geschwüren bedeckten Toten mit den glasigen Augen und aus dem Munde heraushängenden Schleimfäden und die von goldigen Sonnenstrahlen, vom fröhlichen Zwitschern der Vögel erfüllte Welt bildete einen grausigen Kontrast. Der übelriechende Kadaver war über und über mit Fliegen bedeckt, die auf den gräßlichen Geschwüren ihr Mahl hielten. Obwohl ich kaum meines physischen Unbehagens Herr werden konnte, hielt ich tapfer bis zur Einbettung des in Decken und Matten gehüllten Toten in die Erde stand, um dem Pflegepersonal damit ein Beispiel von Unerschrockenheit zu geben.

Unter den übrigen Kranken, die teilweise der Genesung entgegensahen, befand sich noch ein besonders schwerer Fall, der Boy meines ehemaligen Chefs, ein braver, treuer Bursche, der seinen Herrn stets aufopfernd gepflegt hatte und nun, durch die Krankheit bis zur Unkenntlichkeit entstellt, selbst im Begriffe war, ins Jenseits einzugehen. Schon seit acht Tagen hatte ich erkannt, daß eine Rettung aussichtslos war. Mit wimmernder, gebrochener Stimme rief er mich mit Namen, und mit flehend zu mir erhobenen Augen bat er mich, ihm doch zu helfen und ihm eine andere Hütte zu geben. Nie in meinem Leben habe ich meine Ohnmacht mehr empfunden als in diesem Augenblick. Tief zu Herzen ist mir sein rührendes Flehen gegangen, und gern hätte ich zehn Jahre meines Lebens hingegeben, um dasjenige des armen Jungen verlängern zu können. Den letzten Wunsch des Sterbenden wenigstens konnte ich erfüllen. Ich ließ eine der anderen Hütten sorgfältig reinigen, dem Schwerkranken von neuen Decken ein weiches Lager darin herrichten und ihn dahin bringen.

Ganz plötzlich, wie der würgende Todesengel erschienen war, verschwand er auch wieder, in vielen Hütten ein Tag und Nacht andauerndes lautes Wehklagen zurücklassend. Gar zu viele Menschenleben waren dahingerafft worden.

[Illustration: Ablieferung von Kautschukkörben.]

Die Totentrauer ist hier eine ganz eigenartige Sitte. Irgendeine nähere alte Verwandte, manchmal auch die Mutter des Verstorbenen, setzt sich vor dessen Hütte und stimmt ein tieftrauriges Klagelied an. Bald schließt sich ihr die nähere Nachbarschaft, junge und alte Weiber, an, die alle in die gleiche, schaurig tönende Melodie einfallen. Ich habe oftmals ganz junge Dinger lachend vom anderen Ende des Dorfes herbeieilen sehen, die, wie von magischen Kräften durch das Wehklagegeheul angezogen, sich in den Kreis der anderen setzten und ihrem Beispiel folgten. Je mehr Männer und Weiber dazukommen, um so schauriger ertönt der Chor. Die ganz alten Weiber singen sich meist in eine förmliche Ekstase hinein. Die Tränen rinnen ihnen über die Wangen, mit den knochigen Armen schlagen sie in ihrem Schmerz an ihre dünnen Gebeine. So ansteckend wirkt diese unmelodiöse, traurige Weise, daß mich beim Zuhören plötzlich die Lust überkam, mich auch hinzusetzen und mitzuheulen. Zeitweise steht eine der Frauen auf, holt ihr Kind oder verrichtet eine ihr nötig erscheinende Arbeit und kehrt ruhig wieder an ihren Platz zurück, um im Chor weiterzuheulen, gerade so, als ob sie damit eine gemeinsame Arbeit mit den anderen zu erledigen habe. Das Klagegeheul für einen Toten dauert manchmal einen ganzen Tag und wird wahrscheinlich nach einem gewissen Zeremoniell geregelt. Zu den Mahlzeiten flaut es merklich ab, da die meisten Teilnehmer für einige Zeit verschwinden, um sofort danach wieder zu der Totentrauer zurückzukehren. --

Am 15. Mai 1900 kündigte ich meinen auf drei Jahre lautenden Vertrag, der einen Monat später abgelaufen war. Lange Zeit hatte ich im unklaren geschwebt, ob ich nicht ein Jahr zugeben sollte. Doch der rasche Tod Janssens, die fortwährenden Seuchen, die seither über die Region hereingebrochen waren, und schließlich mein eigener Gesundheitszustand, der manches zu wünschen übrigließ, veranlaßten mich, darauf zu verzichten. Gelegentlich der letzten Untersuchung hatte =Dr.= Bellis starke Milz- und Leberanschwellung bei mir konstatiert, die zu einem Abszeß führen konnte. Wiederholt hatte ich heftiges Stechen in der Seite gefühlt, was mich lebhaft beunruhigte. Dazu kam, daß ich das mir gesteckte Ziel, Faktoreichef zu werden, erreicht und durch eine Verlängerung des Kontraktes keine besonderen Vorteile zu erwarten hatte.

Eines stand fest bei mir: Ich würde meine Eltern in der Heimat besuchen und nach kurzer Erholung in Europa unbedingt wieder nach Afrika zurückkehren. Das abenteuerliche Leben im Innern Afrikas sagte meiner nach freier Betätigung verlangenden Natur viel mehr zu als das gesicherte Dahinvegetieren im europäischen Berufsleben. Die große Abrechnung mit dem Leben mußte einmal erfolgen -- hier oder dort. Wann, ob früher oder später, das war reine Glückssache. Lieber wollte ich dem tückischen Klima Afrikas oder dem Pfeil eines Eingeborenen zum Opfer fallen als mein Leben lang hinter staubigen Büchern in irgendeinem Kontor sitzen.

Doch sollte es noch mehr als zwei Monate dauern, bis der von mir erbetene Ersatzmann eintraf. Eine nervöse Unruhe war mit der Kündigung über mich gekommen. War bisher mein ganzes Denken und Trachten meinem afrikanischen Lebenswerke gewidmet, so tauchte jetzt wie hinter fernen Wolkenschleiern eine Welt von Erinnerungen vor meinem geistigen Auge auf. Der Gedanke, meine Eltern und Lieben in der Heimat wiederzusehen, ward von Stunde zu Stunde mächtiger, bis er schließlich alle anderen Rücksichten in den Hintergrund treten ließ.

Endlich erschien mein Stellvertreter mit dem Dampfer »Henriette«, und nachdem ich ihm die Faktorei in voller Ordnung übergeben hatte, schiffte ich mich zur Heimreise ein. Jetzt war ich ein freier Mann, konnte sorgenlos den wohlverdienten Urlaub antreten.

War ich wirklich frei? Oder war es wieder eine Täuschung? Diese Frage mußte ich mir schon eine Stunde nach meiner Abfahrt stellen, als mir unwillkürlich beim Andenken an alles, was ich zurücklassen mußte, die Tränen über die Wangen liefen. Jeder einzelne meines Hausgesindes, jeder Arbeiter, der Freud und Leid, Gefahren und Sorgen mit mir geteilt, hing mir am Herzen. Der Gedanke an meine Faktorei, die ich aus kleinen Anfängen heraus zur großen Station -- meinem zweiten Heim -- nach eigenem Geschmack ausgebaut hatte und die ich vielleicht nie wiedersehen sollte, schnürte mir das Herz zusammen. Still und niedergedrückt eilte ich in meine geräumige Deck-Kabine, damit Kapitän Jarigsma nicht Zeuge meines Trennungsschmerzes wurde. Jetzt, wo meine Abreise Tatsache geworden war, trat der umgekehrte Fall ein, und je weiter ich mich von der Station entfernte, desto mehr bereute ich, fortgegangen zu sein. Alle Gedanken an Europa waren mit einem Male erloschen.

Meine Leser werden fragen, ob ich während der langen Zeit niemals das Bedürfnis nach Gesellschaft und Zerstreuung empfunden habe. Ich kann hierauf nur mit einem entschiedenen Nein antworten. Die vielfachen Anforderungen, die das tägliche Leben in den Tropen an jeden Europäer stellt, die hunderterlei Probleme, die an ihn herantreten und der Lösung harren, nehmen sein ganzes Denken und Sinnen vollauf in Anspruch. Wenn er dazu ein verständnisvolles Auge für die Natur und alles, was um ihn vorgeht, hat, wenn er Sammler von Käfern und Schmetterlingen, Ethnologe oder Ethnograph ist, dann findet er in diesen Liebhabereien ein reichliches Feld für seine Mußestunden. Mit der zunehmenden Kenntnis der Eingeborenensprache lernt er deren Sitten und Gebräuche und viel Interessantes über sie kennen. Im folgenden Kapitel will ich einiges über den Aberglauben, der im Leben der Neger eine so hervorragende Rolle spielt, berichten, und zum Schluß gebe ich einige Märchen wieder, die ich mir an einsamen Abenden von Eingeborenen erzählen ließ.

Abergläubische Vorstellungen der Neger.

Im beständigen Kampf mit Haß, Eifersucht, Blutdurst und tierischer Brunst der eigenen Rasse, gewohnt, in den Raubtieren und dem giftigen Gezücht des Urwaldes und auch in dem Nächsten den unerbittlichen Todfeind zu sehen, kennt der Neger tief drinnen im Urwald keinen barmherzigen Gott. Er kennt nur unheimliche, tückische Gewalten, die gleich den Fieberdünsten des Waldes in der Nacht sein Lager umschleichen und sein Leben, sein Hab und Gut und seine Gesundheit bedrohen. Diese Götter zu versöhnen, ihren Zorn und Rache von sich abzuleiten, das ist sein einziges Bestreben.

Wenn Unheil und Krankheit über ihn hereinbrechen, wenn im Getöse des Tornados, in Blitz und Donner die Hölle ihre Orgien feiert, wenn er, von Fiebern geschüttelt, in grauenvoller Nacht dem Tode ins Auge schaut, dann wirft er sich in den Staub vor seinem Götzenbild -- denn seine Furcht vor »Ilimma«, dem Fabelungeheuer mit dem glühenden Auge und dem giftigen Odem, ist groß.

Der Einfluß der Fetisch- oder Medizinmänner, welche den Verkehr mit den Göttern vermitteln, ist im Innern des Landes, bis wohin die Macht des Europäers nicht reicht, ungeheuer. Sie gebieten über Leben und Tod ihrer Mitmenschen. Jede Region hat ihre Gottheit in Form eines hölzernen Götzen irgendwo im düstern Dunkel des Waldes, von Fetischmännern eifersüchtig bewacht, versteckt. Er ist dem profanen Auge des Uneingeweihten nicht sichtbar, und jeder Versuch eines Fremden, in das Geheimnis einzudringen, wird mit dem sofortigen Tode bestraft.

»Djakombo« und »Zambi« am Unterkongo -- »Ilimma« am Oberkongo genannt, sind die Herrscher über alles Lebende. Sie suchen die Menschheit mit Seuchen heim, um sie zu vernichten, sie senden ihnen Hungersnot, Heuschrecken- und Ameisenplage. Neben ihnen hausen eine Menge anderer böser Geister, die »Likundu«, die alle möglichen Missetaten verüben. Bald vernichten sie die Ernte, bald tauchen sie in der Gestalt irgendeines reißenden Tieres, wie Krokodil und Leopard, auf, um Menschenleben zu vernichten. Im allgemeinen glauben die verschiedenen Stämme an ein zukünftiges Leben in irgendeiner Form. Daher rührt auch ihr Totenkultus. Den Verstorbenen werden bei einzelnen Stämmen Nahrungsmittel, Haushaltungsgerät, Waffen, sogar Diener mit ins Grab gegeben.

Von der Geburt des Kindes an bis an sein Ende ist der Fetischmann eigentlich derjenige, der den Lebenslauf jedes einzelnen regelt. Er fabriziert die Medizin, um das Kind im Mutterleibe vor den Anschlägen feindlicher Mächte zu bewahren, er beschwört den bösen Geist, der bei der Geburt in das neuentstandene Wesen hineinfahren möchte, er verkauft der Mutter all die Amulette und »Mobangas«[5], um Seuchen und Krankheiten vom Kinde fernzuhalten. Stirbt ein Kind trotzdem vorzeitig, dann hat irgendein feindliches Wesen es mit giftigem Atem angehaucht. Die Familie schwört Rache und verspricht dem Fetischmann reichliche Geschenke, wenn er ihr den Urheber ausliefert. Dieser beruft das ganze Dorf und sämtliche Anverwandten für den Abend zur »Moganga« oder zum Gottesgericht.

Am großen Sammelplatze des Dorfes haben sich im Mondschein sämtliche Einwohner zusammengefunden. Am großen Feuer sind die Männer versammelt und harren der Dinge, die da kommen sollen, während ihre Frauen mit den Kindern in Gruppen zusammenstehen und das kommende Ereignis besprechen.