Chapter 9 of 15 · 3786 words · ~19 min read

Part 9

Dazwischen erschien meistens der Koch, dem man besonders gut auf die Finger sehen mußte, und holte sich seine Instruktionen für den Mittagstisch. Eines Tages hatte Janssen mich ersucht, den Speisezettel für den Mittagstisch zusammenzustellen. Der Koch schlug vor: =Suppo na lozo=, Reissuppe -- gut -- =maki na sosse= =mutake=, harte Eier in Mayonnaise als Zwischenspeise -- auch gut. -- Jetzt das schwerste, die Fleischspeise: »=Nsussu=«, Huhn, meinte endlich der Koch. Ich überlegte, daß wir gerade zwölf Hühner gekauft hatten, und daß es infolgedessen das einfachste sein würde, ein bis zwei Hühner zum Mittagsmahl zubereiten zu lassen. In Gedanken schwebte mir eine fette, zarte Poularde vor, deren Fleisch wie Butter auf der Zunge zerfließt. Ich nickte daher, der Sprache nicht mächtig, zustimmend mit dem Kopfe. Der Koch schlug weiter vor: »=Bifiteki na sussu=.« »Hei! Was? Hühner-Beefsteak?« Niemals in meinem Leben hatte ich derartiges gegessen. Was mochte das wohl sein? -- Der Koch fuhr fort: »=Nsussu na sosse mufike=«, Hühner in schwarzer Sauce. Ganz erstaunt, was das wieder zu bedeuten hatte, und ungläubig sah ich den Koch an. Wollte dieser sich am Ende gar einen Scherz mit mir erlauben? Meine Stirn verfinsterte sich. Der Koch begriff, daß ich ihn nicht verstanden hatte, ging in mein Zimmer, wisperte mit meinem Boy und kehrte triumphierend mit einer Nähnadel und schwarzem Zwirn zurück. Mit Gebärden deutete er mir an, daß er das Huhn nähen wolle. Immer mehr überrascht, bekam ich nun doch einen großen Respekt vor meinem Koch. Zu meiner Beschämung muß ich nämlich gestehen, daß ich mit Ausnahme dessen, was ich zu Hause hie und da von der Zubereitung meiner Leibspeisen in der Küche erfahren hatte, von der höheren Kochkunst keine Ahnung habe. Hühner-Beefsteak und Hühner in schwarzer Madeira-Sauce gab es bei uns zu Hause nicht. Zustimmend nickte ich daher mit dem Kopfe. Solch eine Gelegenheit, meine Kenntnisse zu bereichern, durfte ich nicht vorübergehen lassen. Der Koch fuhr fort »Panekiki«. Erfreut horchte ich auf. Das Wort schlug mir bekannt und sympathisch ans Ohr. Das mußten unbedingt unsere Pfannkuchen sein. Ich nickte wieder zustimmend und kehrte nun, hoch erfreut, zum erstenmal die schwierige Aufgabe der Aufstellung des »Speisezettels« so glänzend gelöst zu haben, an meine Arbeit zurück.

Ein Gegacker und Gekreisch im Hühnerhof zeigte bald darauf an, daß Kalamba seine Auswahl traf. Einige Minuten später erschien er, in der Linken sechs geschlachtete Hühner haltend, und ersuchte um die Hergabe von Salz. Ja, um des Himmels willen! Wozu denn die vielen Hühner? Damit konnten wir ja drei Tage ausreichen!

Entsetzt über eine derartige Verschwendung rief ich Mustapha herbei und ließ mir von dem unverfrorenen Koch erklären: zwei Hühner als Zugabe zur Suppe, zwei Hühner für Bifiteki, zwei weitere Hühner zur =Nsussu na sosse mufiki=. Doch damit nicht genug, brauche er noch 24 Eier, zehn zum Hartsieden, vier zur Mayonnaise, zwei für die Bifiteki, vier für =Nsussu mufike= und weitere vier für Panekiki.

[Illustration: Faktoreigebäude Stanleyville.]

Waren auch die Anschaffungskosten für Hühner und Eier nach europäischen Begriffen nicht hoch, so fragte ich mich doch entsetzt, was mein Chef Janssen zu dieser Verschwendung sagen würde. Nach langem Hin- und Herparlamentieren, und nachdem ich vergeblich versucht hatte, wenigstens vier Eier aus dem Programm zu streichen, händigte ich ihm nunmehr auch die 24 Eier aus. Kaum hatte ich meine Arbeit wieder aufgenommen, da erschien Kalamba neuerdings auf der Bildfläche. Diesmal brauchte er Butter. Ich wurde ernstlich böse, fortwährend bei der Arbeit gestört zu werden, und fing an, zu begreifen, warum Janssen mich mit der schwierigen Aufgabe des Speisezettels betraut hatte.

Wieder mußte ich ins Magazin. In gereizter Stimmung konstatierte ich, daß von den drei Dosen Butter, die für uns jeden monatlich bestimmt waren, nach einer Woche bereits mehr als die Hälfte fehlte. Ich beschloß, sparsam zu sein, und gab dem Koch daher den Inhalt eines vollen Suppenlöffels. Als er mich daraufhin starr vor Erstaunen ansah, schob ich ihn einfach zur Tür hinaus. Später sagte ich mir allerdings, daß ein Löffel Butter zur Zubereitung von sechs Hühnern etwas wenig war. Doch was kann ein geschickter Koch unter Zufügung von etwas Wasser nicht alles daraus machen. Mit diesem Gedanken tröstete ich mich und ging wieder an die Arbeit. Man kann in Afrika schließlich nicht wie bei »Lukullus« kochen. --

Das von Kiel begonnene Magazin war inzwischen vollständig fertiggestellt worden. Der eine Raum diente als Verkaufsladen, der zweite als Warenmagazin. Längs den Innenwänden waren aus Bambus hohe, mit rotem Tuch bekleidete Stellagen errichtet worden, und auf ihnen prangten -- ähnlich wie bei den Kaufleuten in kleineren Orten -- aufgestapelt all die hunderterlei Gegenstände, die als Austauschobjekte in unserer Gegend gehandelt wurden! Reihen von farbigen und bedruckten Baumwollgeweben, zu Stücken =à= acht Yard aufgemacht, Schals, Tücher, einfarbige und gestreifte Decken, weiße, graue und blaue Drills, Khaki, fertige Anzüge, leinene und baumwollene Araberhemden usw.; ferner Emailgeschirr, Hauen, Spaten, Dolch- und Haumesser, Messingringe, Kurzwaren, Perlen und Gablonzer Galanteriewaren aller Art lockten den Beschauer zum Kaufen an.

Die Stützen der Stellagen waren an ihrer Basis sorgfältig verkohlt und der Lehmboden an ihrer Basis mit Asche bestreut worden, um die weißen Termiten, diese gefährlichsten Feinde eines Warenlagers, fernzuhalten. Dieses Insekt, von der Größe einer Waldameise, vernichtet alles, was ihm in den Weg kommt. Es sucht mit Vorliebe die Wohnstätten von Menschen auf, in denen es allerlei Leckerbissen vermutet. Kaum ist ein Gebäude unter Dach, da tauchen die kleinen Zerstörer bereits aus dem Schoße der Erde auf, um Träger, Balken und Gerüste mit unglaublicher Freßgier anzufallen. Winzige, kleine Erdhäufchen zeigen zuerst ihre Anwesenheit an. In unglaublich kurzer Zeit schlängeln sich an der Außenseite der Balken und Wände Tausende röhrenartige Tunnels aufwärts, die sich wie das Gerinsel von Quellen nach allen Richtungen hin verzweigen und binnen wenigen Tagen das ganze Gebäude überziehen. Woher kommen und wohin ziehen diese Myriaden Zerstörer? Sie kommen aus dem ungeheuren Urwald, der in seinem rätselhaften Schoße unzählige tierische Wesen entstehen läßt und zur Vermehrung treibt, um zu vernichten, was Menschenhand geschaffen. Nichts verschonen sie, durch Ballen und Kisten, über Stahl und Eisen bauen sie ihre Röhrengewinde. Wehe dem Lager, in das sie unbemerkt gelangen. In wenigen Tagen, ja wenigen Stunden sind sämtliche Vorräte zerstört. Die Beobachtung, daß Termiten einzig und allein das Feuer fürchten und verkohlte Bäume mit ihren Angriffen verschonen, hat sich der Mensch zunutze gemacht und Stützen und Träger, soweit sie im Boden versenkt sind, angeglüht.

Unser Wohnhaus hatte dank der aufgewendeten Verbesserungen ein anderes Aussehen erhalten. Die Veranden waren ringsherum auf drei Meter verbreitert, die Räume innen und außen mit »Pembe« (Kreide) weiß getüncht und mit einer blauen Bordüre eingefaßt worden. Zwischen den Pfosten war ein Geländer aus Bambus hergestellt worden, und darüber prangten in schwarzen Tontöpfen allerhand Schlingpflanzen und Orchideen. Die Veranda war gegen die Front zu mittels Jalousien aus feinen, gesplißten Bambusstäbchen zu schließen, die Lehmböden waren mit feinen Palmmatten bedeckt.

Das Innere der Barza sowie unsere beiden Schlafräume hatten wir so komfortabel eingerichtet, wie die Verhältnisse es erlaubten. Reproduktionen von Gemälden und Porträte schöner Frauen, die ich aus Europa mitgebracht hatte, zierten in polierten, schweren Bambusrahmen die Wände. Mitten in der Barza stand ein großer Tisch mit einer mattroten, gefransten Decke. Diese sowohl wie vier Lehnstühle und die Kredenz waren aus rotem Akajouholz angefertigt worden.

Mit Hilfe der Mission in Jakussi, von der uns ein vorzüglicher Tischler für einige Zeit zur Verfügung gestellt worden war, hatten wir eine Werkstatt eingerichtet, in der alle zu unserem Behagen noch fehlenden Möbelstücke angefertigt wurden. Fensterscharniere und Türangeln ließen wir in einer arabischen Schmiede aus Bandeisen, das zum Verschnüren von Ballen dient, anfertigen. Türschlösser besaßen wir zunächst noch nicht. An ihre Stelle traten schwere Hängeschlösser und Holzriegel, die den gleichen Zweck erfüllten.

Eines Nachts, es mochte gegen zwei Uhr früh sein, wurde ich plötzlich durch Schläge mit dem Gewehrkolben der Schildwache gegen meine Tür aus dem Schlafe geschreckt. Gleichzeitig vernahm ich aus dem Arbeiterdorf lautes Gemurmel, dazwischen gellende Schreie, Rufe und das Herbeieilen vieler Menschen. Etwas Ungewöhnliches hatte sich zugetragen, und in aller Eile schlüpfte ich in meine Kleider und begab mich in das Arbeiterdorf, wo ich Janssen bereits antraf. Hier erfuhr ich mit Bestürzung, daß ein Leopard soeben unseren Boy »Moko«, einen Jungen von acht bis zehn Jahren, der beim Essen servierte, davongetragen hatte. Aus den Erzählungen des Schreibers ging folgendes hervor: Das Haus unseres schwarzen Schreibers enthielt zwei durch Verschluß abgeteilte Räume und eine Art Vorraum, der in einen durch eine Hecke aus Palmenblättern nach allen Seiten hin abgeschlossenen Hof ausging. In diesem Vorraum nun schliefen ein kleines Mädchen, das Dienste als Mädchen für alles verrichtete, und der geraubte Boy »Moko«. Beide hatten ihr Lager inmitten des Raumes und lagen dicht beieinander auf einer Matte. Mitten in der Nacht erwachte das Mädchen plötzlich, durch eine leichte Bewegung ihres Freundes aufgeschreckt. Sie hörte ganz deutlich, wie jemand sich entfernte, und in der Vermutung, daß ihr Kamerad eine Notdurft zu verrichten beabsichtigte, rief sie ihn an. Die Nacht war stockfinster und ... die Antwort blieb aus. Sie tastete mit der Hand um sich, der Platz neben ihr war leer, und sie hörte ganz deutlich, wie jemand sich durch die Hofhecke zwängte. Sie rief nochmals ihren Freund bei seinem Namen und beschwor ihn, zu antworten, da sie sich fürchtete. Einige bange Minuten vergingen, und wieder erhielt sie keine Antwort. Dadurch ernstlich beunruhigt und vielleicht auch mit angeborenem Instinkt die Gefahr witternd, rief sie nunmehr den Schreiber und bat um Licht. Dieser, nicht sehr erfreut, wegen einer bloßen Einbildung der Dienerin das warme Lager verlassen zu müssen, suchte sie zu beruhigen ... Der Boy müsse sofort zurückkehren und habe sich nur einen Scherz erlaubt, um sie zu erschrecken. Kurze Zeit herrschte Ruhe. Plötzlich hörte das wachliegende Mädchen wieder das Knistern der trockenen Palmblätter an der Hecke, als ob jemand durchschlüpfte, und rief. »Boy Moko!« ... Wieder keine Antwort ... Sie begann zu weinen und zu flehen. Diesmal war der Schreiber wachgeblieben und forderte nun Moko auf, solche Scherze zu unterlassen ... wieder keine Antwort ... jedes Geräusch war verstummt. Jetzt erst machte der Schreiber Licht, öffnete den Türverschluß, um die vermeintlichen Störenfriede zu züchtigen, und -- hielt nach den ersten Schritten bestürzt inne.

Dicht vor ihm, neben der Matte, auf der die beiden geschlafen hatten, zeichneten sich auf dem festgestampften Lehmboden deutlich die Krallen eines großen Raubtieres ab. Den Spuren nach zu urteilen, konnte es nur ein Leopard sein, da Löwen in der Gegend nicht vorkommen. An dem festen Einsetzen der Krallen des Tieres in den Boden war deutlich zu erkennen, daß es schwer belastet wegging. Das eine Bein seines Opfers mußte am Boden geschleift haben, da es eine leicht erkenntliche Spur zurückließ. Dagegen war nirgends ein Tropfen Blut zu sehen, und es blieb ein Rätsel, auf welche Weise das Tier den kräftigen Jungen getötet haben konnte, ohne daß dieser einen Laut von sich gab oder mit den Armen um sich schlug oder daß endlich eine Blutspur zu finden war. Die Matte, auf der die beiden lagen, war höchstens 125 Zentimeter breit, so daß die Schlafenden sich berührt haben mußten. Die geringste Bewegung, das kleinste Geräusch hätte das Mädchen und endlich auch den Schreiber und dessen Frau, deren Zimmer nur durch eine dünne Blätterwand von ungefähr zwei Meter Höhe vom Vorraum getrennt waren, aufwecken müssen.

[Illustration: Errichtung eines Dachfirstes.]

Man kann sich unser Entsetzen vorstellen. Mit der Fackel in der Hand verfolgten wir die nur allzu deutliche Spur des Raubtieres bis zur Hecke, wo es eine kleine Öffnung, die ursprünglich zum Einlaß für die Hühner in den Hof bestimmt war, derart erweitert hatte, daß sie ihm mit seiner Last Durchlaß gewährte. Tief erschüttert von dem schrecklichen Vorfall suchten wir unser Lager auf, nicht ohne Fensterladen und Tür tüchtig gerüttelt und auf den Verschluß untersucht zu haben. Kurz darauf -- ich war gerade im Begriff, wieder einzuschlafen -- wurde ich durch ein Gekreisch und Geheul und durch zwei Schüsse im Arbeiterdorf nochmals geweckt. Der Leopard war über eine Hecke hinweg direkt in einen Negerchimbeque hineingesprungen, in der einige Arbeiter um ein verglimmendes Feuer auf Matten lagen. Vor Furcht und Aufregung waren zwei der Leute wachgeblieben und machten nun mit den anderen einen derartigen Lärm, daß das Tier schleunigst wieder verschwand.

Diesmal ließ Janssen fünf Mann mit aufgepflanztem Bajonett und geladenem Gewehr Wache stehen. Einer der Leute mußte jede Minute, zum Zeichen, daß die Posten wach waren, auf einen Gong schlagen. Dies verjagte das beutegierige Tier von unserem Terrain. Am Morgen erfuhr ich, daß der gleiche Leopard beim Morgengrauen im benachbarten Gebiet der »S. A. B.« eingefallen und einen großen, europäischen Hund weggeschleppt hatte.

All unser Sinnen und Trachten ging nun dahin, den Tod unseres braven Jungen zu rächen und des verwegenen Raubtieres habhaft zu werden. Die Spur führte geradeswegs in das dichte Gestrüpp und Unterholz des Urwaldes, so daß es ohne Hund ausgeschlossen war, ihr zu folgen. Da Mustapha versicherte, daß kein eingeborener Hund die Spur des Raubtieres aufnehmen würde, sandten wir unser Kanu nach Stanleyville zu dem Büchsenmacher Vandyk, um dessen großen europäischen Jagdhund zu holen. Der Besitzer erschien persönlich nach kurzer Zeit mit dem Hund und bat, an der Jagd teilnehmen zu dürfen. Da Janssen kein Jäger war, machte ich mich mit Vandyk, Mustapha und zwei Eingeborenen, die uns mit Haumessern einen Weg durch das Dickicht bahnen sollten, auf den Weg.

Der Hund nahm anfangs die Spur ohne Zögern auf und zog uns durch Dickicht und Gestrüpp etwa 800 Schritt tief in den Urwald hinein. Hier hatte das Tier mit dem Jungen gerastet. Der Boden war im weiten Umkreis voll von Spuren, und hier fand sich auch der Pagne vor, ein Lendentuch von vier Yards Länge und 120 Zentimeter Breite, in dem Boy Moko eingerollt geschlafen hatte. War bis hierher die Verfolgung trotz dichten Dornengestrüpps und des Unterholzes verhältnismäßig leicht gegangen, so stellten sich jetzt einer weiteren Verfolgung plötzlich unüberwindliche Hindernisse entgegen. Das Terrain ging hier in ein Sumpfgelände über. Der Hund war nicht mehr von der Stelle zu bekommen. Aufgeregt lief er im Kreise umher, an allen vieren zitternd. Alle Bemühungen, ihn vom Fleck wegzubringen, waren vergeblich, weder Locken noch Ziehen an der Schnur half. Wir suchten vorsichtig die ganze Gegend im Umkreis ab und hielten gleichfalls Ausschau nach den Bäumen. Unmöglich konnte das Tier mit dem schweren Körper auf einen Baum geklettert sein. Nach stundenlangem Absuchen, und nachdem die beiden Eingeborenen sich darüber einig geworden waren, daß nicht ein Leopard, sondern ein Dämon in Gestalt eines Leoparden mit seinem Opfer hier spurlos verschwunden war, kehrten wir unverrichteter Dinge zur Faktorei zurück.

Ich beschloß, noch am gleichen Tage mit dem Bau einer Falle zu beginnen und ihm bei Mondnächten mit lebendem Köder aufzulauern. Doch erschien der Räuber nicht wieder. Überhaupt hatten wir seit diesem grausigen Ereignis lange Zeit Ruhe vor den Leoparden. Einige Monate später hatte ich jedoch Gelegenheit, eines dieser gefährlichen Tiere innerhalb der Faktorei zur Strecke zu bringen. Eines Nachts wurde ich plötzlich durch Gewehrkolbenschläge an meine Zimmertür unsanft aus dem Schlafe aufgeweckt. Aus den hastig hervorgestoßenen Reden der Wache entnahm ich, daß irgendein reißendes Tier in den Ziegenstall eingebrochen sein mußte. In einigen Sekunden war ich in Rock und Hose geschlüpft, hatte meine Sturmlaterne angezündet, meinen Mauser, der stets geladen in einer Zimmerecke stand, ergriffen und eilte nun, gefolgt von der Wache, nach dem Ziegenstall, aus dem ein wildes Durcheinanderstampfen und Meckern der verängstigten Ziegen ertönte. Einige Ziegen waren durch eine Türspalte, die zweifellos durch den eindringenden Räuber erweitert worden war, entwichen und irrten nun verzweifelt meckernd in der Dunkelheit umher, um unter den Veranden der Magazine und Wohnhäuser Schutz zu suchen.

Ein Blick auf die Zugangstür zum Ziegenstall klärte mich über das, was vermutlich vorgefallen war, auf. Die primitive Schiebetür war nachlässig geschlossen worden, so daß ein Spalt offen geblieben war. Irgendein reißendes Tier, wahrscheinlich ein Leopard, hatte mit der Tatze den Spalt erweitert und schließlich den schlanken Körper durchgezwängt. Die herausstürzenden Ziegen hatten die Tür noch weiter zur Seite geschoben, so daß ich annehmen mußte, daß der Räuber mit seiner Beute bereits das Weite gesucht hatte. Dem war glücklicherweise nicht so, denn bei dem ersten Lichtstrahl, der in den Raum fiel, sprang tatsächlich ein Leopard, der über dem Meckern der Ziegen und dem Zerfleischen seiner Opfer offenbar unser Herannahen nicht bemerkt hatte, auf und suchte sich im dunkelsten Winkel des Raumes zu verbergen, während die übrigen noch lebenden Tiere in sinnloser Angst auf den Ausgang und uns zustürzten. Da ein Schießen unter diesen Umständen ausgeschlossen war, ließen wir die fliehenden Tiere, in der Voraussetzung, daß der Leopard das Licht meiden würde, zuerst sämtlich herauslaufen. Nun ließ ich durch die Wache die Sturmlaterne an das Bajonett hängen und mit einem Ruck mitten in den Raum stellen. Dadurch war der langgestreckte Raum, wenn auch spärlich, so doch genügend erleuchtet.

Ich selbst trat nun mit dem schußbereiten Gewehr so weit in den Stall, als nötig war, um unbehindert schießen zu können. Im entlegensten Winkel erkannte ich sofort das offenbar auf äußerste erschrockene Tier, das am Boden kauerte und mir den Kopf mit den phosphoreszierenden Lichtern voll zuwandte. Regungslos, wie zum Sprunge geduckt, lag die gelbe Katze pfauchend und zähnefletschend auf kaum zwanzig Schritt Entfernung vor mir. Langsam, um sie nicht durch eine allzu rasche Bewegung zum Sprung zu reizen, hob ich das Gewehr an die Backe, zielte zwischen die zwei Lichter und drückte los. Ein scharfer Knall, und das geduckte Haupt fiel leicht zur Seite, während die Hintertatzen kratzend den Boden aufwühlten. Der Leopard war, mitten durch den Schädel geschossen, wie vom Blitz erschlagen, in der gleichen Stellung tot liegengeblieben.

Einige bange Minuten vergingen, während welcher wir unverwandt das Tier beobachteten, ob es noch ein Lebenszeichen von sich gäbe. Ich erinnerte mich sehr wohl warnender Beispiele, wonach mancher erfahrene Jäger durch allzu schnelle Annäherung an die totgeglaubte Beute sein eigenes Leben einbüßte. Als auch das Scharren der Hintertatzen aufgehört hatte, traten wir an das tote Tier heran, und die Wache zog es in die Mitte des Raumes, damit wir es besser betrachten konnten. Welche Genugtuung wäre es für mich gewesen, wenn ich in diesem Leoparden den Mörder unseres getöteten Boys gefällt hätte, doch war es offenbar nicht der gefährliche Räuber, der seit langer Zeit die Gegend unsicher gemacht und auch in den Dörfern der Umgebung bereits so viele Menschenopfer gefordert hatte. An der ganzen Art und Weise, wie der Leopard den Überfall bewerkstelligt hatte, konnte man erkennen, daß er sicherlich noch ein Neuling in dieser Art Sport war. Durch den Schuß und wohl auch durch das Blöken der Ziegen war das Arbeiterdorf alarmiert worden, und eine Menge Leute eilte herbei, um ihren gefürchteten Todfeind in Augenschein zu nehmen.

Woche auf Woche, Monat auf Monat vergingen in rühriger Tätigkeit, die in ihren vielen Einzelheiten und in der Fülle der neuen Probleme, die sie jeden Tag zu lösen gab, so viel der Abwechslung und des Interessanten für mich hatte, daß ich sie eigentlich gar nicht als Arbeit empfand. Hatte die bisherige regelmäßige Beschäftigung im Bureau vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf meine nach freier Tätigkeit lechzende Natur wie Frondienst gelastet, so hatte ich jetzt die Freude, die in mir schlummernden Talente sich bis an die Grenzen meiner Fähigkeiten entfalten zu sehen. Die Umwelt erhielt ein neues Aussehen für mich, seit ich gezwungen war, mich allein mit allen Schwierigkeiten der Existenz in primitiven Verhältnissen abzufinden. Als ich erst mit der fremden Sprache und der Nutzbarmachung der reichen Produkte des Urwaldes, die der Erschließung harren, vertraut geworden war, gewährte es mir die größte Befriedigung, Häuser zu bauen, einen Gemüsegarten anzulegen, aus welchem wir bereits nach kurzer Zeit dank dem fruchtbaren Urwaldboden reiche Früchte ernteten, sowie den Verkehr mit dem Inlande und den täglichen Dienst der Faktorei zu organisieren.

[Illustration: Beim Hausbau.]

Nirgends in der Welt werden an die Schaffenskraft und Intelligenz des einzelnen solche Anforderungen gestellt wie zwischen völlig unzivilisierten Negerstämmen Innerafrikas. Alles, vom einfachsten Haushaltungsgerät bis zum vollständigen Wohnhause -- Dinge, die in Europa einen Stab verschiedener Arbeiter voraussetzen -- muß hier vom einzelnen durchdacht und vollbracht werden. Bald Baumeister, bald Maurer, bald Tischler, bald Schmied, bald Arzt, bald Schiedsrichter, muß er die nötige Initiative und den Mut besitzen, an jede Aufgabe ohne Zaudern heranzugehen. Ich bin einer der Glücklichen dieser Erde, die sich mit jeder Situation abzufinden wissen. Ich hatte einen Chef, mit dem ich mich ausgezeichnet vertrug, der mir über die Anfangsschwierigkeiten hinweghalf -- und den ich gewissermaßen ergänzte. Janssen hatte eine Vorliebe für Reisen und das Leben im Busch. Er war meistens unterwegs und ließ mich den Bau der Faktorei und die schriftlichen Arbeiten besorgen. Wenig der französischen und englischen Sprache mächtig, legte er die Vertretung nach außen und den Verkehr mit dem Staat fast ausschließlich in meine Hände. So kam es, daß ich besonders in der ersten Zeit, bis ich die Suaheli-Sprache erlernt hatte, mit Mustapha viel auf der Faktorei verblieb. Später unternahm ich dann auch selbständige Reisen ins Innere und fand an der damit verbundenen Abwechslung großen Gefallen. Erst viele Jahre später lernte ich erkennen, wie gut es mir in Stanleyville ergangen war, denn nur wenigen Auserwählten ist das Glück beschieden, Verhältnisse wie die geschilderten zu Beginn ihrer kolonialen Laufbahn anzutreffen.

Man machte damals mit jungen Leuten nicht viel Umstände. Nach kurzer, vierwöchiger Vorbereitung in der Faktorei, der er zugeteilt war, sandte man den Neuling nach irgendeinem verlorenen, oft vier bis fünf Tagereisen vom Hauptposten entfernten Negerdorfe inmitten der ungeheuren Wildnis und überließ es einfach seiner Initiative, sich dort eine menschenwürdige Behausung zu schaffen oder aber in irgendeiner Negerhütte zu wohnen. War der Hauptposten mit Geräten aller Art gut versehen -- ein Fall, der höchst selten zutraf -- und hatte der Neuling es verstanden, sich das Wohlwollen seines Chefs zu erwerben, so bekam er wohl außer einem Feldbett auch Säge, Hammer, Zange, Hacke und ein paar Nägel mit auf den Weg, womit er wenigstens seine Kisten und Ballen selbst öffnen konnte. Traf dieser äußerst seltene Fall nicht zu, dann mußte er sich eben ohne diese Geräte behelfen. War er so vorsichtig, vor seiner Abreise von Europa sich bei der Generaldirektion nach einem Zelt, tragbarem Feldbett, Klapptisch und -stuhl -- alles Dinge, die auf beständigen Reisen wenn nicht unentbehrlich, so doch von großem Nutzen sind -- zu erkundigen, so gab man ihm mit schmunzelndem Lächeln zur Antwort, daß alle diese Dinge drüben auf den Faktoreien in genügender Menge vorhanden seien. Dafür händigte man ihm als persönliches Eigentum eine Kantine (tragbare Feldküche), enthaltend Kochtopf, Bratpfanne, Teller, Besteck, kurzum, das Allernotwendigste zur Herstellung einer Speise -- sowie einen kleinen tragbaren Arzneikasten ein, der mit seinem reichlichen Inhalt an Flaschen, allen möglichen Mixturen und Pillen, die er nie vorher im Leben gesehen, das Entzücken jedes Neulings bildet. Kaum kann er den Moment erwarten, um den Inhalt an sich selbst zu erproben. An die fürchterlichen Krankheiten in den Tropen denkt dabei meist keiner. Ich habe öfters Neulinge gesehen, die nach der ersten Seekrankheit die Hälfte ihres Arzneikastens zu sich genommen hatten, merkwürdigerweise übrigens ohne beträchtlichen Schaden zu nehmen.