Part 2
Der Tag unserer Ankunft war ein Sonntag, und der Anblick der in Festtagsgewänder gehüllten Bevölkerung war ein unbeschreiblich komischer -- der reinste Fastnachtstaumel. Was da an Phantasietoiletten in den schreiendsten, grellsten Farben geboten wurde -- vom Talmi-Gentleman in Frack, grauem Zylinder, roter Krawatte und hellgelben Schuhen, bis zum halbnackten Baby mit überhängendem Bauch und grellen Strümpfen und Schuhen -- davon läßt sich eine Beschreibung überhaupt nicht geben. Die Neger dieser Küste, sowohl Männer wie Frauen, sind überaus putzsüchtig und eitel; sie geben den letzten Groschen ihres Verdienstes hin, um sich gegenseitig auszustechen. Bei ihrer Vorliebe für leuchtende Farben kommen dabei die unmöglichsten Toiletten heraus. Derart in Festtagsgewänder gehüllt, tragen sie eine gemessene Miene zur Schau und sind tiefgekränkt, wenn sie nicht vollwertig als Gentleman und Lady genommen werden.
Wir nahmen hier etwa 70 dieser Gentlemen als Arbeiter zum Aus- und Einladen des Dampfers bei der Ankunft im Kongostaate an Bord. In den modernsten nagelneuen Kostümen, mit Lackschuhen, weißer Weste, weißen oder feuerroten Glacéhandschuhen kamen sie an Bord, hinter sich einen Boy mit leerem Schiffskoffer. In diesen wanderten eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft all die Herrlichkeiten des äußeren Menschen, mit ihnen aber auch der Gentleman, und an seine Stelle trat, teils halbnackt, teils in alte zerrissene Fetzen gehüllt, der Neger.
Doch zurück nach Freetown. In unseren neuen Tropenkostümen wanderten wir durch das Gewirr von Gäßchen. Es ist geradezu unglaublich, in welchem Elend, Schmutz und Unrat diese Talmi-Gentlemen leben. Vor den Häusern, auf den Straßen, überall liegen die Abfälle, und wären nicht die »Charognards« (Aasgeier), die morgens und abends darunter aufräumen, so würden unbedingt Seuchen entstehen.
Nur allzubald ertönte die Schiffskanone als Zeichen der Abfahrt, und wir mußten an Bord zurück. Hier fanden wir das ganze Zwischendeck von den Gentlemen in Beschlag genommen, die, wilde Grimassen schneidend, zankten und quakten, wie ein Heer schnatternder Gänse. Gegen 7 Uhr abends, kurz nach Sonnenuntergang, legte sich der allgemeine Lärm, und beim Klang von Gitarren und Ziehharmonikas begann ein aus der Mitte der Neger entstandener Chor allerhand schwermütige Weisen zu singen, die mir bei diesen herrlichen Tropennächten sehr zu Herzen gingen.
Der 23. Juli war einer der heitersten und gemütlichsten Tage, die ich während dieser Fahrt verbracht habe, und wenn auch der gute Neptun so manchen Kopf und Magen, darunter auch den meinen, arg zugerichtet hat, so kam ich doch als einer der ersten ziemlich glimpflich davon und konnte mit Schadenfreude wahrnehmen, daß es den »Nichtfreiwilligen« bedeutend schlechter ergangen war. Am Abend vorher, um 8 Uhr -- wir saßen gerade beim Diner -- erdröhnte plötzlich ein Kanonenschuß. Die Schiffsschraube hielt für kurze Zeit, und bald darauf erschien ein Meerungeheuer als Abgesandter Neptuns, ließ sich beim Kapitän melden und überreichte ihm ein Protokoll, in welchem Neptun seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß wir diese Breiten, die die Weltkugel in 2 Teile zerlegen, besuchten. Zugleich kündete er für den folgenden Tag seine Ankunft nebst Gattin und Gefolge an und empfahl inzwischen Fasten und Beichten, damit wir, aller Sünden rein, die Taufe glücklich bestehen würden. Nach dem ersten Schreck war alles in hellster Aufregung, denn die meisten Passagiere faßten diese Zeremonie, von der sie bereits vorher gehört hatten, als eine höchst unangenehme Prozedur auf. Schaudergeschichten, die dem Neuling die Haare zu Berge stehen lassen, wurden bei dieser Gelegenheit von den alten Afrikanern erzählt.
Der schicksalsschwere Tag brach an. Gegen 10 Uhr passierten wir San Thomé. Der Äquator berührt die Insel, die eine der schönsten und fruchtbarsten Afrikas sein soll. Da der Nebel sie völlig einhüllte, war leider nur die höchste Spitze, »=La Dent du Chien=«, sichtbar. Während der Kapitän den Neulingen den Äquator durch ein eigens zu diesem Zweck eingestelltes Fernrohr zeigte, auf welchen Spaß auch richtig Verschiedene hineinfielen, traf die Mannschaft heimlich alle erdenklichen Vorbereitungen zum würdigen Empfange Neptuns. Das Vorderdeck des Schiffes wurde mittels wasserdichten Segelleinens zu einem Bassin umgewandelt und angefüllt. Um 3 Uhr nachmittags erdröhnte wieder ein Kanonenschuß; der feierliche Moment nahte; bang klopften alle Herzen; Neptun mit dem Dreizink -- ein ehrwürdiger Meergreis -- mit Gemahlin, Doktor, Einseifer und Barbier sowie einem großen Gefolge von Soldaten erschien am Schiff, besichtigte dasselbe und begrüßte den Kapitän. Unter ohrenbetäubendem Tamtam aus allen möglichen und unmöglichen Blechgefäßen und Trommeln wurden sämtliche Passagiere mit Namen aufgerufen und im Halbkreis um das Bassin aufgestellt. Mit Ausnahme der Damen, denen man gestattete, sich in ihre Kabinen einzuschließen, wurde niemand verschont. Die Soldaten durchsuchten das ganze Schiff und brachten alle Neulinge, die sich angsterfüllt verkriechen wollten, auf Deck.
Auf Anraten meines afrikanischen Freundes hatte ich mich freiwillig als erster gemeldet. Nachdem Neptun eine feierliche Anrede an mich gehalten hatte, deren Sinn ich in der ungeheuren Aufregung, die sich meiner bemächtigte, nicht begriff, bekam ich vom Doktor, der mich auf meine Widerstandsfähigkeit untersucht hatte, eine Pechpille in den Mund geschoben. Als nächste Prozedur schmierte mir der Barbier mit einem riesigen Pinsel eine übelriechende, klebrige Masse im Gesicht, auf Kopf und Nacken herum, die er mit einem großen, aus Holz hergestellten Rasiermesser zum Teil abscheuerte. Im nächsten Moment fühlte ich mich von kräftigen Händen mit einem Ruck ins Wasser gestürzt, daß mir Hören und Sehen verging, und ich glaubte, meine letzte Stunde sei gekommen. Ich wurde 5- bis 6mal untergetaucht, dann hinausgehoben, und ehe ich noch recht gewahr wurde, wo ich war, steckte ich in einem etwa 6 Meter langen Schlauch, gerade groß genug, um dem Körper zu gestatten, sich wie eine Schlange hindurchzuwinden. Hier hineingestopft, wurde ich mit der Wasserspritze von hinten so lange unerbittlich bespritzt, bis es mir gelang, zum anderen Ende wieder herauszukommen. Ich begab mich sofort in eines der Badezimmer, das glücklicherweise noch nicht besetzt war. Mit großer Mühe nur vermochte ich die pechartige, ölige Flüssigkeit vom Leibe zu bringen, wobei natürlich mit Seife und Bürste nicht gespart werden durfte. Sodann begab ich mich wieder an Bord, um dem Schluß der Feierlichkeiten beizuwohnen.
Es ereignete sich nun ein kleiner Zwischenfall, der viel Spaß erregte, jedoch von bösen Folgen hätte begleitet werden können. Einige erbitterte Passagiere näherten sich von rückwärts dem dicken, ahnungslosen Neptun, und ehe dieser es sich versah, wurde er von kräftigen Fäusten hochgehoben und kopfüber ins Bassin gestürzt. Triefend vor Nässe, prustend und nach Atem ringend, tauchte der Riesenschädel, dem die Krone infolge des Sturzes bis über die Ohren gesunken war, empor. Der Greisenbart hing wirr in langen Fäden auf die Brust herunter, und seiner Pracht war ein jämmerliches Ende bereitet. Ein Glück, daß die Krone umfangreich und über die Ohren hinuntergerutscht war, da ihm das scharfe Messingblech sonst böse Verwundungen hätte beibringen können. Dies bildete den Schlußakt der Taufe der Passagiere. Nun kamen die Neger an die Reihe. Dieselben wurden zu Dutzenden in das Wasser geworfen und purzelten in höchst komischer Weise durcheinander.
Am Abend fand zu Ehren der Taufe ein Konzert statt. Die künstlerisch ausgestatteten Programme wurden versteigert und brachten ein namhaftes Erträgnis, welches zum Teil der beim Neptunsreigen mitwirkenden Mannschaft, zum Teil für das »Seemannsheim für verlassene Witwen und Waisen« gespendet wurde. Der Abend verlief äußerst gemütlich und artete schließlich, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, in ein Champagnergelage aus.
Ankunft in Banana.
Am Morgen des 25. Juli bemerkten wir auf der sonst dunkelblauen Wasserfläche allenthalben gelbe Flecken, die auf die Mündung des Kongoflusses schließen ließen. Gegen 10 Uhr kam dieser selbst in Sicht, und längs herrlicher Urwälder und Mangroven fuhren wir Mittag in Banana ein. Der Hafen ist durch die Landzunge, deren größter Teil Besitz der holländischen Gesellschaft »N. A. H. V.« ist, vom Meere getrennt. Ein ungemein liebliches Bild bot sich von Bord aus unseren Augen dar. Die ganze Landzunge bildet eine Art Naturpark, der von Menschenhänden sorgfältig gepflegt wird. Neben mächtigen Mangobäumen finden sich überwiegend die mit Nüssen reich beladenen Kokospalmen, unter deren Schatten die blendend weißen Dächer der Faktoreigebäude und die sie verbindenden, mit weißem Kies bestreuten und zu beiden Seiten mit schneeweißen Muscheln eingefaßten Fußwege hervorleuchten. Zur Linken die Dockanlagen und Schiffsreparaturwerften der Gesellschaft, auf deren Hellingen gerade verschiedene Dampfer ausgebessert wurden. Trotz der Mittagshitze herrschte überall, wahrscheinlich infolge der Ankunft unseres Dampfers, fieberhafte Tätigkeit.
Eine Dampfbarkasse, mit der holländischen Fahne und dem holländischen Wappen geschmückt -- denn der jeweilige Direktor der »N. A. H. V.« ist gleichzeitig holländischer Konsul -- löste sich vom Ufer und brachte diesen sowie einen Sanitäts-Offizier an Bord, der die Schiffspapiere untersuchte, um zu konstatieren, ob wir keinen verseuchten Hafen angelaufen waren. Ihnen folgte eine ganze Anzahl kleiner, schmaler, von den Eingeborenen gelenkter Kanus, die ich hier zum ersten Male in ihrem schlanken Bau und in ihrer einfachen Konstruktion bewundern konnte. Diese aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestehenden Boote sind schon so oft beschrieben, daß ich hier nicht weiter darauf eingehe. Mehr noch als die Boote bewundere ich die außerordentliche Geschicklichkeit der Neger im Rudern, denn diese schwankenden Kanus stehend im Gleichgewicht zu halten, ist wahrhaftig keine Kleinigkeit. Hier wiederholt sich ungefähr das gleiche Bild wie in Las Palmas, mit dem Unterschied, daß die Eingeborenen in ihren Nußschalen an Stelle von Tabak und Zigarren graue Kongopapageien, rote, reich ornamentierte Tongefäße, die als Wasserkaraffen verwendbar sind, Kürbisflaschen, in allen möglichen Größen und Formen und mit weißen Ornamenten versehen, sowie Ananas, Mangos und Papaifrüchte in schlechtem Portugiesisch zum Kaufe anbieten.
Ich verabschiedete mich hier von meinem Reisegefährten, Herrn Lukas, welchem als altem Afrikaner die Ehre zuteil wurde, von unserem Generaldirektor persönlich bewillkommt und an Bord seiner Dampfbarkasse an Land gebracht zu werden. Ich dagegen erhielt Order, an Bord des Dampfers meine Instruktionen abzuwarten.
An Bord herrschte Tag und Nacht fieberhafte Tätigkeit. Leichterboote zu beiden Seiten des Schiffes, die leer ankamen und vollbeladen mit Waren an Land zurückkehrten; ein ständiges Gerassel und Fauchen der Maschinen, die die großen Dampfwinden bedienten und schwere Lasten aus den Eingeweiden unseres schwimmenden Riesen auf den Dampfer »Prins Hendrik« überluden.
Da der Wasserstand des Kongoflusses 8 Stunden stromaufwärts an der großen Sandbank ziemlich niedrig ist, mußte ein großer Teil der zu befördernden Waren ausgeladen werden, um den Dampfer derart zu entlasten, daß er die Barriere passieren konnte. Drei Tage lang harrte ich an Bord der in Aussicht gestellten Instruktionen, während meine Mitpassagiere vergnügt an Land gingen und mir immer wieder Neues von den Herrlichkeiten und Wundern dieses Kontinents berichteten.
Wie ganz anders hatte ich mir in meiner jugendlichen Phantasie meine Ankunft und meinen Empfang auf afrikanischem Boden vorgestellt. Ich hatte erwartet, mit offenen Armen aufgenommen zu werden, und mußte nun das Gegenteil erleben. Dies war die erste einer ganzen Reihe von Enttäuschungen und Lehren, die meiner harrten, und sie war vielleicht gerade als erste die allerschwerste. Von Hause aus verwöhnt, waren mir meine früheren Chefs in Holland mit der größten Liebenswürdigkeit entgegengekommen und hatten mich in ihren Familienkreis eingeführt. Infolge meines kühnen Entschlusses, nach Afrika zu gehen, war ich gewissermaßen unter meinen Bekannten als Held gefeiert worden; und nun diese Ernüchterung!
Endlich erhielt ich ein paar Zeilen mit der Aufforderung, mit meinem Gepäck an Land zu kommen. Ein junger Faktoreibeamter erwartete mich hier und wies mir in einem der Gebäude ein luftiges, auf der Seeseite gelegenes ebenerdiges Zimmer an. Dieses war innen weiß getüncht, der Lehmboden war von einer Strohmatte teilweise bedeckt und das ganze Mobiliar bestand aus einem Bett, einem Waschbecken und einem Stuhl, alles hier an Ort und Stelle von Zimmerleuten roh angefertigt. Fenster sind hier ein unbekannter Luxus, an deren Stelle einfache Holzläden treten. Im ersten Augenblick war ich starr vor Erstaunen und Enttäuschung, da das schlanke Faktoreigebäude, von außen gesehen, den Eindruck des behaglichen Komforts machte.
[Illustration: Rückentätowierung einer Frau.]
Noch ehe ich mich von meiner Überraschung vollständig erholt hatte, war der Angestellte verschwunden, und an seiner Stelle verblieb ein kleiner, schmutziger Negerjunge, mein »Boy«, in weißem Hemd und farbigem Lendentuch, der in einem Kauderwelsch von Portugiesisch sich nach meinen Wünschen erkundigte. Da meine Toilette beim Ausbooten etwas gelitten hatte, bedeutete ich ihm, der Sprache nicht mächtig, durch Gebärden so gut wie möglich, mir Waschwasser zu bringen und zog mich um.
Um 6 Uhr abends erscholl ein Gongschlag, und von den Hauptgebäuden begaben sich die verschiedenen Angestellten, die tagsüber darin beschäftigt waren, in ihre Wohnhäuser. In den Zimmern nebenan wurde es lebendig. Ich stellte mich selbst meinen Nachbarn vor und erfuhr, daß dies das Passagiergebäude und sie, gerade so wie ich, nur Passagiere seien -- allerdings Passagiere, die bereits drei Jahre in Afrika zugebracht hatten und nun auf der Rückkehr in die Heimat den Dampfer hier erwarteten.
Ein zweites Gongzeichen ertönte, und mit meinen neuen Bekannten begab ich mich in die Vorhalle des Hauptgebäudes, wo inzwischen die Aperitif- und Bitter-Tafel gedeckt war. Hier stellte ich mich dem Bureauchef vor und wurde von diesem allen ankommenden Herren, im ganzen vielleicht 30 Personen einschließlich des Direktors, vorgestellt. Es ging bei dieser Bitter-Tafel gewissermaßen kameradschaftlich zu, doch mit einem Unterton, wie etwa in einer Offiziersmesse, wenn höhere und höchste Offiziere zugegen sind. Jeder hatte seinen Rang und danach auch seine Stimme, und nachdem der Direktor sich höflichkeitshalber nach dem Verlauf meiner Reise erkundigt hatte, war vorläufig die Anteilnahme für mein Schicksal erloschen.
Ich habe absichtlich den Tag meiner Ankunft etwas ausführlich geschildert, um meinen Lesern damit ein Beispiel dafür zu geben, wie wenig Bedeutung das eigene »Ich«, losgelöst von der heimatlichen Scholle, im Weltgetriebe draußen hat.
Meine erste Beschäftigung. Ein Jagdausflug.
Früh 1/2-6 Uhr erschien mit dem ersten Gongzeichen mein kleiner Boy, öffnete Tür- und Fensterläden und ermahnte mich durch Gebärden zum Aufstehen. Die Nacht war kühl, draußen herrschte noch leichte Dämmerung, als ich mich von meinem harten Lager erhob und von meiner Veranda aus Umschau hielt. Punkt 6 Uhr waren alle Beamten und Arbeiter in Reih und Glied vor dem Hauptgebäude aufgestellt, und den verschiedenen Sektionen wurde ihre Tagesarbeit unter Aufsicht der Beamten zugeteilt. Ich wurde vorläufig zur Disposition des Bürochefs gestellt, der mir verschiedene Bureauarbeiten, wie Kontrolle der Bilanzen der Faktoreien, anvertraute. Zur Abwechslung wurde ich vom Faktoreichef zuweilen zur Revision der vom Oberkongo hereinkommenden Transitladungen von Elfenbeinzähnen herangezogen, welche Arbeit mein Interesse besonders fesselte, da unter den Zähnen solche bis zu 70 und 76 Kilogramm Gewicht vorkamen.
Ich hatte mich in mein neues Leben sehr bald eingewöhnt und mir durch mein Klavierspiel auch die Zuneigung des Direktors erworben. An Arbeit und neuen Eindrücken fehlte es nicht, denn von 6 Uhr früh bis 6 Uhr abends, und an Posttagen sogar oft bis 8 und 10 Uhr nachts wurde mit einer kurzen Mittagspause von einer Stunde ununterbrochen gearbeitet. Gegen 6 Uhr abends fanden sich immer einige Bekannte, mit denen ich gemeinsam an einer seichten Stelle des Meeres ein Bad nahm, während eine Schildwache mit geladenem Gewehr dabei beständig Ausschau hielt, um etwa allzu vorwitzige Haifische, die sich zu nahe heranwagen sollten, sofort anzuschießen. Längs der Küste kommen diese unheimlichen Gesellen in beträchtlicher Anzahl vor, und die über die Wasserfläche hinausragenden Schwanz- und Rückenflossen sind mit bloßem Auge bei einiger Aufmerksamkeit leicht zu erkennen.
Unsere Erholungszeit fiel also hauptsächlich in die Abendstunden nach dem Abendmahl, welche uns alle im Billard- und Musikzimmer vereinigte, um die allabendliche Kriegspartie, bei der eine beliebige Anzahl Spieler teilnehmen kann, auszutragen. Als beliebte Abwechslung waren die Passagierboote der »Messagerie Maritime« sowie der »Woerman-Linie« sehr willkommen, bei deren Ankunft wir entweder Besuche an Bord der Schiffe abstatteten oder an Land Feste zu Ehren der befreundeten Kapitäne abhielten. Ganz besonders in Erinnerung ist mir ein Fest anläßlich der Ankunft des Gouverneurs von Kamerun, Exzellenz von Puttkamer, der uns an Bord des deutschen Kriegsschiffes »Habicht« besuchte, und bei welcher Gelegenheit olympische Spiele der Neger-Segelregatta und sogar ein Theaterstück aufgeführt wurden. Da gerade Vollmondnacht war, veranstalteten die Eingeborenen ihren ganz eigenartigen Mondtanz, in welchem die Tanzenden als einzige Bekleidung um die Lenden in der Art unserer Ballettänzerinnen einen Gürtel aus Strohgeflecht und als Kopfbedeckung eine Maske aus demselben Material trugen.
Den ersten freien Sonntag benutzte ich zu einem Jagdausflug auf eine der gegenüberliegenden Inseln. Der Kongo hat an seiner Mündung eine Breite von mehr als 15 Kilometern und bildet mit seinen unzähligen toten Armen -- sogenannten Creeks -- eine Unmenge größerer und kleiner Inseln, die nur zum Teil von einer friedlichen Bevölkerung bewohnt, im übrigen aber vollkommen unkultiviert und von undurchdringlichem Mangrovendickicht und Urwald bewachsen sind. Der Zutritt zu einer solchen Insel ist durchaus keine leichte Sache und nur an solchen Stellen möglich, wo irgendein Dickhäuter, z. B. ein Nilpferd, sich einen Weg zum Wasser gebahnt hat. Anderwärts starrt dem Eindringling aus Morast und Sumpfgelände ein Gewirr von drei bis vier Meter hohen Luftwurzeln der Mangroven als unüberbrückbarer Wall entgegen.
Es war gegen 3 Uhr nachmittags; die größte Hitze war vorüber, als ich in Begleitung eines älteren Faktoreibeamten, gefolgt von zwei Dienern, mit scharfen Haumessern, die dazu dienen sollten, uns nötigenfalls einen Weg durch das Dickicht zu bahnen, bewaffnet, in einem kleinen Ruderboot in das Labyrinth von Inseln und totem Wasser eindrang. Eine leichte Brise von der Seeseite her milderte die drückende Schwüle, die auf der Wasserfläche lastete. Tiefes, fast übernatürliches Schweigen der Natur, das unwillkürlich zur Andacht stimmte, herrschte um uns. Das Lockrufen und Zwitschern der Vögel am frühen Morgen und gegen Abend, das Kreischen der Papageien und Krächzen der Nashornvögel, das Zirpen, Pfeifen und Surren der Zikaden, Baumgrillen und Myriaden anderer Insekten ist um diese Zeit verstummt. Die Natur lag in tiefem Mittagsschlaf. Fast war man geneigt, das Plätschern unserer Ruder als brutale Störung dieser Waldandacht zu empfinden.
Träge glitt unser Boot an einem undurchdringlichen grünen Wall von Schlingpflanzen, Mangrovendickicht und Urwald, eng miteinander verschlungen und verwachsen und dem Eindringling den Zugang zum festen Lande verwehrend, vorüber. Vom Wasser aus gesehen, hat dieser lebende Schutzwall geradezu etwas Märchenhaftes. In zarten Fäden, gleich Spinnweben, hängen die Ausläufer von den höchsten Spitzen der Mangroven und Bäume bis zum Wasser herab und bilden, mit den gleichfalls aus dem Laubdach herabfallenden Lianen dicht verschlungen, reizende Grotten und Höhlen. Dem Neuling erschließt sich hier ein Reich der Wunder, welches Herz und Sinne völlig in seinen Bann schlägt.
Wir landeten an einem ausgetretenen Nilpferdpfad, und mein Herz pochte mächtig bei dem Gedanken, das ungeschlachte Ungeheuer könnte uns aus dem undurchdringlichen Dickicht entgegentreten. Doch nichts dergleichen geschah, und mit ein paar Sprüngen über Morast standen wir auf festem Boden. Beim Eintreten in das Walddickicht konnte ich mich eines gewissen Gefühles der Beklemmung nicht erwehren. War es das mächtige Walten und Schaffen der Natur, das mich Neuling niederdrückte? Meine Augen schweiften unruhig umher und bemerkten, daß der Grund und Boden, auf dem wir standen, von mir unbekannten Geschöpfen wimmelte. Das Gelände war sumpfig und allenthalben von Löchern unterhöhlt. Vor diesen saßen prachtvoll vom hellsten Rot bis zum tiefsten Violett gefärbte Krabben von der Größe unserer heimischen Art bis zu den Maßen eines Hummers. Sowie wir uns auf ein paar Schritte näherten, verschwanden sie, um sofort, wenn wir den Rücken gekehrt hatten, wieder aus den Löchern hervorzukommen. Viele Stunden habe ich diese Tiere in ihrem Leben und Treiben belauscht und oftmals mittels eines Netzes versucht, ihrer habhaft zu werden; es ist mir aber nie gelungen. Diese Krabben, ebenso wie die Baumechsen in allen möglichen Größen und Formen, welche beim geringsten Geräusch mit einer unglaublichen Gewandtheit den nächsten Baum erklettern, bildeten während meines kurzen Aufenthaltes in Banana einen Gegenstand beständigen Interesses und Studiums. Beide Tierarten habe ich auf meinem weiteren Vordringen nach dem Innern Afrikas nirgends mehr angetroffen.
Auf diesem ersten Jagdausflug erlegte ich eine kleine Wildkatze, meine erste Beute auf afrikanischem Boden, deren Fell ich abzog und präparierte. Leider übersah ich bei dieser Prozedur den langen, buschigen Schwanz, so daß derselbe die Haare verlor.
Die Fahrt nach Fuca-Fuca. Faktoreibeamter.
Etwa sieben Wochen waren seit meiner Ankunft in Banana verstrichen. Ich hatte in dieser Zeit gründlich Gelegenheit gehabt zu überlegen, daß das ruhige Bureauleben auf einer großen Station, soviel Angenehmes es auch für den Durchschnittsmenschen haben mag, für meine abenteuerhungrige und nach freier Betätigung verlangende Natur nicht taugte. Lieber die Strapazen beschwerlicher Karawanenreisen, lieber Hungersnöte und Kämpfe mit den Eingeborenen ertragen, als hier von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends bei sengender Sonnenhitze hinter Büchern vergraben zu sein.
Mein erster Versuch fortzukommen, wurde vom Konsul unter Hinweis auf die großen Vorzüge, die ich hier an Ort und Stelle in Form eines behaglichen Heimes, der Gesellschaft von Europäern, eines reich besetzten Tisches und schließlich einer voraussichtlich schnellen Karriere -- da er mir persönlich sehr zugetan sei -- schlankweg abgewiesen. Tatsächlich waren in der letzten Zeit einige unserer Agenten in abgemagertem, elendem Zustande vom oberen Ubangi eingetroffen, die von unsagbaren Leiden und Hungersnöten in diesen Gebieten infolge eines Negeraufstandes berichteten. Doch ihre Erzählungen hatten auf mich gerade den gegenteiligen Einfluß und bestärkten mich eher in meinem Beschlusse, von Banana fortzukommen. Da mündliche Anträge nichts halfen, beschloß ich schriftlich, sowohl hier als auch bei der Zentrale in Europa anzusuchen. Diese Schritte geben mir Gelegenheit, einige Worte über die Organisation unseres geschäftlichen Unternehmens einzuflechten.
Die Holländer waren neben den Portugiesen die ersten, die viele Jahre vor Zustandekommen der »Association Internationale«, aus der der heutige Kongostaat hervorgegangen ist, von der Kongomündung Besitz ergriffen hatten. Während die Portugiesen am linken Ufer des Stromes Fuß faßten, gründeten die Holländer Banana, errichteten daselbst eine eigene Schiffswerft und befuhren mit ihren Handelsdampfern den gesamten Unterlauf des Kongo bis nach Vivi, ungefähr auf der Höhe des heutigen Matadi gelegen, sowie die ganze portugiesische Küste nördlich und südlich der Kongomündung -- heute Angola und Portugiesisch-Kongo genannt --, in deren wichtigsten Plätzen sie Faktoreien anlegten. Beim weiteren Vordringen ins Innere des Landes bis zum Stanley-Pool, im Gefolge von Stanley, waren wieder die Holländer die ersten, die in Brazzaville am Stanley-Pool die erste Handelsniederlassung gründeten und von dort aus mit ihren eigenen Dampfern den ganzen Oberlauf des Kongoflusses befuhren und daselbst Stationen errichteten. Die großen Entfernungen, die beide Stützpunkte räumlich voneinander trennen -- die Eisenbahn Matadi-Stanley-Pool wurde erst Jahrzehnte später in Angriff genommen -- nötigte die Gesellschaft, zwei vollständig voneinander getrennte Abteilungen mit je einem Direktor an der Spitze -- die Unterkongo- und Oberkongo-Abteilung -- einzurichten.
Ich war von Europa aus ursprünglich auf mein Ansuchen hin für die Oberkongo-Abteilung bestimmt und vom Konsul gegen einen anderen Agenten eingetauscht worden. Meinem nochmaligen, schriftlichen Ansuchen konnte dieser sich daher nicht gut widersetzen, und er erfüllte meinen Wunsch wenigstens soweit, daß er mich nach der durch ihr ungesundes Klima berüchtigten Faktorei Fuca Fuca versetzte.
Mit gemischten Gefühlen verließ ich am 27. September Banana, einesteils erfreut, meinen Wunsch erreicht zu haben, doch auch wieder besorgt, wie meine weitere Zukunft sich gestalten werde, da Fuca Fuca im Rufe einer verseuchten Faktorei stand, auf der ihrer ungesunden Lage wegen kein Europäer es länger als zwölf Monate aushält und die meisten von ihnen sterben. Doch der herrliche Sonnentag, die heitere Gesellschaft an Bord und vor allem das Vertrauen auf meinen Glücksstern verscheuchten bald alle trüben Gedanken. Bald tauchte auf der linken Seite des Flusses, mitten im Palmenwald gelegen, Kisanga auf. Von der Flaggenstange vor dem Hauptfaktoreigebäude flatterte lustig die holländische Fahne in der leichten Brise. Das Gebäude selbst sah viel mehr einem modernen Jagdschlößchen als einer Faktorei ähnlich. Wege und Anlagen waren tadellos gepflegt und rein gehalten -- ein europäisches in die Tropen versetztes Schmuckkästchen. Wir waren nachmittags gegen 2 Uhr von Banana ausgefahren und verbrachten hier die Nacht, da wir noch einen Teil der Ladung löschen sollten. Ich begab mich mit dem Kapitän und dem Lotsen an Land und wurde vom Chef der Faktorei nach Besichtigung derselben zu einer Partie Billard eingeladen.