Chapter 3 of 15 · 3933 words · ~20 min read

Part 3

Kisanga gehört noch zu Portugiesisch-Angola und bestand damals außer der portugiesischen Zollstation und dem holländischen Hause nur noch aus einer kleinen portugiesischen Faktorei. Während der Dämmerung ertönte plötzlich von der Flußseite her lebhaftes Geschrei. Eine Cabindafrau war beim Waschen von einem Krokodil durch einen Schlag seines mächtigen Schwanzes ins Wasser geschleudert und vor den Augen der entsetzten Gefährtinnen in Stücke zerrissen und in die Tiefe gezerrt worden. Der Vorfall versetzte mich begreiflicherweise in die höchste Aufregung, während die Holländer und Portugiesen die Sache ganz kühlen Blutes als etwas hinnahmen, was sich öfters ereignet. Es war den Eingeborenen untersagt, bei Einbrechen der Dämmerung an das Flußufer, noch dazu an tiefe Stellen, zu gehen, wo ein Krokodil sich ganz unbemerkt an sie heranmachen konnte. Beim ersten Morgengrauen verließen wir Kisanga, und in voller Fahrt ging es stromaufwärts nach der Haupt- und Regierungsstadt Boma, die wir gegen 1/2-12 Uhr -- falls wir glücklich, ohne hängen zu bleiben, die große Sandbarriere überschreiten würden -- erreichen sollten. An Stelle der dicht bewaldeten Inseln und des verhältnismäßig ziemlich hoch gelegenen und mit üppiger Vegetation bedeckten linken Flußufers stießen wir, je weiter wir ins Innere kamen, auf große Weide- und Schilfgebiete. Die Inseln verflachen sich und sind mit hohem Schilfgras bewachsen, und die bewaldeten, hohen Ufer entschwinden allmählich aus dem Gesichtskreis. Wir näherten uns der großen Sandbank, welche alljährlich durch die Strömung hier angeschwemmt wird und, vor allem gegen Ende der Trockenperiode, wenn der Wasserstand am niedrigsten ist, die Schiffahrt ernstlich gefährdet.

Ein Heer von Piloten ist beständig mit dem Sondieren der Wassertiefe und dem Suchen nach einem Durchgangswege für die Schiffe betraut, da Menschenhände bisher die Macht des Flusses infolge der eigenartigen geologischen Beschaffenheit des Terrains nicht zu bändigen vermochten und die Sandbänke im beständigen Abbau und in Neubildung begriffen sind. Das Flußbett, welches auf der Höhe von Kisanga z. B. eine Breite von zirka 1500 bis 2000 Meter haben mag, umfaßt hier wohl das Zehnfache und bildet mit den vielen Inseln, toten Armen und Sandbänken eine Art Binnensee, in welchem die Strömung kaum bemerkbar ist.

An der eigentlichen Barriere bleibt dem Dampfer manchmal kein anderer Ausweg, als sich mit aller Maschinenkraft über das letzte Hindernis hinwegzuarbeiten. Gelingt das nicht, dann bleibt er oft zwei bis drei Wochen auf dem Sande sitzen, bis er soweit entladen ist, daß er sich herausarbeiten kann. Auch wir waren verschiedene Male an Sandbänke angefahren und gelangten schließlich nach einer Reihe von Stößen, die das Schiff bis in die Grundfesten erschütterten, über die große Barriere nach Boma.

Boma ist die malerisch auf einer Anhöhe gelegene Haupt- und Residenzstadt des Gouverneurs des Kongostaates und zählte damals gegen 300 Europäer aller Nationen. Die Stadt ist von dem gleichfalls auf einem Hügel gelegenen Fort Shinkakassa vor feindlichen Angriffen sowohl von der Landseite aus als auch gegen den Fluß hin geschützt und besitzt eine kleine Lokalbahn, die das Ufer mit dem Fort verbindet und die Stadt durchquert. Boma ist überdies der Ausgangspunkt einer Eisenbahnlinie, die nach dem reichen und für Plantagenbau besonders geeigneten Hinterlande Mayumbe führt und von dort die Kolonialprodukte an Kautschuk, Kakao, Kaffee, Tee, Palmöl, Nutzhölzern aller Art usw. vom Innern an das Flußufer bringt. Von der Landungsbrücke gelangt man auf einen schattigen großen Platz mit einem Musikpavillon, =Place de la Marine= genannt, auf welchem an Sonntagen die Kapelle der »Katholischen Missionskinder« spielt. Von hier führt eine Straße den Fluß entlang ins sogenannte Faktoreiviertel, d. h. die Niederlassungen der holländischen, portugiesischen, englischen und französischen Kaufleute, während eine zweite schattige Allee von Mangobäumen den Hügel erklimmt und nach dem »Boma-Plateau« führt, auf welchem die meisten Verwaltungsgebäude der Regierung, die Katholische Mission nebst kleiner Missionskapelle sowie das Gouvernementsgebäude liegen. Die einzelnen Häuser sind von schönen Gärten umgeben und stehen ziemlich weit auseinander, so daß Boma auf den ersten Anblick viel größer erscheint, als es tatsächlich ist. Vom Plateau aus genießt man einen prächtigen Rundblick auf den majestätisch dahinziehenden Strom, der nach dem Unterlaufe zu mit einer in das Bett hineinragenden Felsengruppe, dem sogenannten »Fetish-Rock« abschließt, während nach seinem Oberlauf die Ufer zu beiden Seiten ihn immer mehr einschließen. Zur Rechten erblickt man das Fort Shinkakassa, und zu Füßen, hinter Palmenanlagen, leuchten die weißen Dächer der Faktoreigebäude aus dem saftigen Grün hervor. Das wellenförmige Hügelgelände der Umgebung ist eine ausgedehnte unfruchtbare Grassteppe, deren Eintönigkeit hie und da durch einen mächtigen »Baobab« (Affenbrotbaum) oder »Wurstbaum«, nach den wurstartigen Früchten so benannt, belebt wird. Das Gelände durchschneidet ein kleiner Bach, der in einer Lagune in den Fluß einmündet und »Krokodilfluß« heißt. Vor Jahrzehnten soll das Gewässer eine Brutstätte für Krokodile gewesen sein.

[Illustration: Palmenstraße in Boma]

Was die einheimische Bevölkerung anbelangt, so ist Boma das moderne Babel der Negerrassen Innerafrikas. Als größere Garnisonstadt finden sich unter den Soldaten, die übrigens in ihrer dunkelblauen Uniform mit Pumphosen, roter Schärpe und dunkelrotem Fes höchst schmuck aussehen, Vertreter sämtlicher Rassen. Allerdings fallen bei ihnen die Stammesmerkmale nicht so sehr in die Augen, da sie meistenteils frühzeitig von ihrer Heimat weg Dienste beim Europäer angenommen und infolgedessen die Tätowierung vernachlässigt haben.

Von Boma stromaufwärts verengt sich, wie gesagt, der Lauf des Stromes, und die Ufer zu beiden Seiten nehmen gebirgigen Charakter an. Die Fahrt wird immer genußreicher, und bei jeder Krümmung bietet sich dem entzückten Auge des Reisenden eine neue Offenbarung des mächtigen Waltens der Natur. Steile Felsen senken sich von beträchtlicher Höhe fast senkrecht zum Wasserspiegel hinab und schließen jede weitere Aussicht derart ab, daß das vor uns liegende Wasserbecken einem von allen Seiten eingeschlossenen Hochgebirgssee gleicht. Dies Bild wiederholt sich in immer anderer Gestalt fortwährend. Ein Landschaftsmaler könnte hier Motive für unzählige Bilder finden. Kommt man näher an die Ufer heran, so ist man erstaunt, zu sehen, wie hier die Natur vorgesorgt hat, die Öde und Eintönigkeit der Gegend zu verdecken und zu beleben, denn im Grunde genommen ist es doch ein trostloses Bild, das sich dem Auge bietet. Nichts als dürres Gras gedeiht auf diesen Steinfelsen und in der Tiefe, aus welcher befruchtende Quellen aus dem Gebirge kommen, einiges Laubwerk.

Auf das lebhafteste wurde meine Phantasie angezogen durch die Riesenbrände, die gegen Ende der Trockenperiode allenthalben wahrzunehmen sind und gierig den letzten Rest der Vegetation verschlingen. Wir kamen an mehreren solchen Brandstellen vorüber. Auf meilenweite Entfernung stand das etwa zwei Meter hohe, trockene Gras in Flammen. So großartig dies Schauspiel auch ist, so grauenhaft ist es, mitanzusehen, wie der lechzende Dämon alles Lebende vernichtet. Wehe der Karawane, die ahnungslos in den Bereich eines solchen Brandes gelangt. Da hilft keine Flucht; denn wie ein Orkan fegt die Feuersbrunst daher. Ein paar Häuflein verkohlter Skelette sind alles, was binnen wenigen Minuten übrigbleibt. Diese Riesenbrände entstehen übrigens nicht von selbst, sondern werden von den Eingeborenen zu Jagdzwecken angefacht.

[Illustration: Arbeiterdorf Boma.]

Im Verlaufe unserer Reise kamen wir öfters an schwimmenden Inseln, Fetzen festen Landes von 30 bis 40 Meter Umfang, mit Bäumen und Gestrüpp bewachsen, vorbei. Auf einem derselben lagerte ein Riesenexemplar von Krokodil, das bei unserem Nahen schwerfällig ins Wasser glitt.

Wir passierten auf unserer Fahrt, ohne anzuhalten, die malerisch in kleinen Ausbuchtungen, gleich Oasen in dieser Steinwüste, gelegenen holländischen Faktoreien Binda, Musuko, danach Muckula und zuletzt Noki. Alle diese Faktoreien liegen noch auf portugiesischem Gebiet. Kurz vor unserer Ankunft in Matadi hatte der Dampfer ein schweres Hindernis, den »=Chaudron d'Enfer=«, zu überwinden. Infolge einer quer durch das Flußbett laufenden Niveausenkung sowie der Anhäufung großer Felsmassen unter Wasser erreicht hier die Strömung eine außerordentliche Schnelligkeit und bildet Stromschnellen und Trichter, die kleinere Boote und Gegenstände, die in ihren Bereich kommen, in die Tiefe ziehen und zerschellen. Nur Schiffe, die über zwölf Knoten Geschwindigkeit laufen, können diese Stromschnellen passieren. Die Fahrt durch den Höllenschlund ist für jedes Schiff ein Ereignis; selbst mit großen Ozeandampfern haben sich hier bereits mehrfach Unglücksfälle ereignet.

Unser Dampfer hielt einige Zeit unterhalb dieser Stelle, gleichsam um Kraft und Atem zur Bewältigung dieses letzten Hindernisses zu schöpfen. Der Dampf wurde auf höchstmöglichen Druck gebracht, so daß die Kessel zu explodieren drohten, und nun ging es vorwärts, an den großen Höllentrichtern vorbei. Wir sahen, wie vorbeischwimmende Balken und Gestrüpp in kreiselförmiger Bewegung von ihnen in die Tiefe gezogen wurden. Unserem Ozeanriesen konnten sie allerdings nichts anhaben, -- der Boden unter unseren Füßen zitterte und bebte --, langsam, fast unmerkbar, kamen wir trotz erhöhter Schraubengeschwindigkeit Schritt für Schritt durch Stromschnellen und den verderbenbringenden Trichter vorwärts, bis wir, um die Flußecke biegend, in der Ferne das an Felsenwänden erbaute Matadi, die Endstation der Flußschiffahrt am unteren Kongo, erkannten und binnen einer kleinen Viertelstunde erreichten.

Matadi ist die inländische Bezeichnung, welche die Eingeborenen der Stadt gegeben haben, für »Fels« oder »Gestein«. Tatsächlich ist die Stadt in die Felsen hineingebaut, und Straßen und Anlagen mußten ursprünglich aus den Felsen mittels Dynamit herausgesprengt werden. Die Riesenarbeit, die seinerzeit bei Anlage der Stadt durch Sappeure und Genie-Truppen geleistet wurde, hat auf die leicht erregbare Phantasie der Eingeborenen einen derartigen Eindruck gemacht, daß sie von da an den neuen Staat mit »=m'bula matadi=« (Felsensprenger) betitelten, welche Bezeichnung ihm bis auf den heutigen Tag als Zeichen der Höchstleistung an übernatürlicher Kraft und Energie für die Eingeborenen geblieben ist.

Matadi ist Ausgangspunkt der 500 Kilometer langen Eisenbahn nach dem Stanley-Pool und steht heute an Bedeutung und Einwohnerzahl als große Zwischenverkehrs-Station Boma kaum nach. Bei meinem ersten Besuch 1897 war die Bahnlinie erst bis Kilometer 360 fertiggestellt und in Betrieb, und Matadi bestand nur aus ein paar Häusern, dem Betriebsgebäude der »=Compagnie du Chemin de Fer=«, unserer Faktorei Fuca Fuca und dem »Englischen Hause« in Chikenge. Inzwischen wurden Kaianlagen errichtet, um die Schienenstränge vor den alljährlichen Überschwemmungen zu schützen. Die Regierung verlegte einen Teil ihrer Verwaltung nach hier, die Eisenbahnverwaltung errichtete luftige, von kleinen Gärten umgebene »=Chalets=« für ihren Beamtenstab, große, mehrstöckige Faktoreigebäude eröffneten an einer Hauptstraße entlang ihre Stores, kurzum, die Stadt hat innerhalb eines Jahrzehntes großen Aufschwung genommen.

[Illustration: Landungsbrücke und Eisenbahn von Matadi.]

Selbstverständlich war Matadi damals, wo weder Baum noch Strauch auf den kahlen Felsen gedeihen konnte, zur Zeit der heißen Regenperiode eine wahre Hölle auf Erden. Die Rückwirkung der Sonnenstrahlen von den glühenden Granitfelsen und weißen Dächern der Gebäude um die Mittagszeit war derart, daß man kaum die Augen zu öffnen wagte und das Gefühl hatte, mitten in einer Feuersbrunst zu stehen. Die Hitze des Gesteins durchbrannte die Sohlen der Schuhe, und die Augenlider waren trotz schwarzer Augenbrillen und Tropenhelm angeschwollen. Um die Mittagszeit stockte daher jeder Verkehr, und wer irgend konnte, verschloß sich in die halbwegs kühlen inneren Faktoreiräume.

Fuca Fuca war der Name der holländischen Faktorei und diese vorläufig das Endziel meiner Reise. Auch diese Bezeichnung stammt von der hiesigen eingeborenen, zum großen Teil Portugiesisch sprechenden Bevölkerung und heißt »Feuer Feuer«. Man sieht aus den beiden Beispielen, daß die Eingeborenen in ihren Bezeichnungen den Nagel auf den Kopf treffen.

~Das Märchen von Fuca Fuca.~ Tief im Innern, in Angola, in einem Urwalde, abgeschnitten von der übrigen Welt, liegt ein kleines Negerdorf, aus nur wenigen Hütten bestehend. Hier herrschte Mukenge als unumstrittener Gebieter über das Häuflein der Treuen, die das große Sterben, das vor Jahren die Blüte und Auslese seines Stammes mit rauher Todessichel hinwegraffte, übriggelassen hatte. Nur einen seiner Söhne, Kalamba, hatten die bösen »Nkichi«-Geister verschont, und dieser war die Stütze und der Stolz seines alten Vaters.

Fortuna hieß die Tochter des mächtigen Häuptlings Jongo Jongo, der in der großen Grassteppe, zwei Tagereisen gegen Sonnenaufgang, Gebieter über ein kriegerisches Volk war. Sie war eine Königstochter im wahren Sinne des Wortes; ihre Augen leuchteten wie die Sterne der Nacht; ihre Füße und Hände waren zart und klein, ihr Wuchs schlank wie der einer Gazelle.

An einem der jeden Neumond inmitten des großen Urwaldes stattfindenden Markttage hatte Kalamba Fortuna zum ersten Male gesehen, und ihre strahlenden Augensterne hatten sofort das Feuer der Liebe in seinem Busen entfacht. Auch er war der schönen Königstochter nicht gleichgültig geblieben; denn Kalamba war ein junger, kräftiger, stolzer Mann.

Monate vergingen, und bald entstand ein Gemurmel und Geflüster im Urwalde. Die Wipfel der Bäume und die Vögel des Waldes flüsterten das große Geheimnis einander zu, und eines Tages erschien Kalamba im Dorfe des Jongo Jongo an der Spitze einer großen, mit Geschenken reich beladenen Karawane, um die Königstochter zu freien.

Der alte Jongo war ein schlauer und wegen seiner Zauberkünste gefürchteter Mann. Mit heuchlerischer Güte empfing er seinen künftigen Schwiegersohn und nahm die Hochzeitsgeschenke entgegen. Bevor er seine Einwilligung zur Ehe gab, meinte er, er müsse den Segen Zambis, des höchsten Gottes, erflehen und dessen Orakel befragen und bat Kalamba, einstweilen mit seiner Gastfreundschaft vorlieb zu nehmen. In Wahrheit aber sann er darüber nach, wie er sich des unerwünschten Freiers am besten entledigen könnte.

[Illustration: Bangala-Mädchen im Tanzkostüm.]

Am nächsten Morgen versammelte er sein ganzes Dorf um sich, um den Orakelspruch, der ihm in der Nacht geworden, feierlich zu verkünden. Am vorhergehenden Tage hatte man eine der als Hochzeitsgeschenk gebrachten Ziegen geschlachtet und von ihr verschiedene Teile Zambi als Opfer dargebracht. Jongo Jongo hatte die ganze Nacht im Gebet gelegen, und gerade um die Zeit, als »Ngondo«, der Mond, am höchsten stand, sei Zambi ihm in der Gestalt von »Djakombo« (Fetisch) erschienen und habe ihm folgendes verkündet:

»Weit über Steppe und Urwald, dort, wo die Sonne in dem großen Wasser verschwindet, sei ein mächtiger Gott in der Gestalt eines weißen Mannes aus den Fluten des Meeres emporgestiegen. Im Bauche eines feuerspeienden Riesenfisches sei er auf der Oberfläche des Wassers aufgetaucht und an Land gekommen, eine Menge fremdartiger Gegenstände vom Grunde des Meeres mitbringend. Dieser fremde Gott habe Donner und Blitz in seiner Gewalt. Zu ihm solle Jongo Jongo seinen Schwiegersohn senden, und dieser solle ihm Donner und Blitz bringen, dann würde er der mächtigste Gebieter über sämtliche Stämme werden.«

Mit Staunen und Entsetzen vernahmen alle Anwesenden die Stimme des Orakels, und Furcht und Schrecken bemächtigte sich ihrer. Doch Kalamba war ein mutiger Mann; Fortuna hatte sein Herz völlig in Bann geschlagen, und er erklärte sich sofort bereit, das Geheiß des Orakels zu befolgen. Vor seiner Abreise aber mußte Fortuna einen heiligen Schwur leisten, keinem anderen Manne zu folgen und seine Rückkehr, sollte sie auch viele Monde dauern, abzuwarten. Und Fortuna schwur bei der Frucht ihres Leibes. Mond um Mond verging, und Kalamba, der sich mit zwei Waffengefährten auf den Weg gemacht hatte, kehrte nicht zurück. Durch Urwald und Steppe, über heißen Wüstensand, war er immer dem Laufe der Sonne nachgewandert. Der eine Gefährte war dem Biß einer Sandviper erlegen, während der andere beim Durchschwimmen eines größeren Flusses von einem Krokodil von seiner Seite gerissen wurde. Endlich, nach langem Herumirren und Wandern, stieß er auf menschliche Spuren und, diesen folgend, schließlich auf das Lager des weißen Mannes, genannt »Nfumu Ntanga« (Herr der Sonne).

Unbeschreiblich war das Erstaunen und der Schrecken Kalambas, als er zum ersten Male der Karawane des gefürchteten weißen Gottes ansichtig wurde. Vor Angst warf er sich zu Boden, wurde aber von den prächtig gekleideten Dienern vor Nfuma Ntanga geführt. Dieser sah ihn eine Zeitlang durchbohrend mit seinen blauen Augen an und redete dann mit ihm in einer Sprache, die er nicht verstand. Kalamba war, vor Schreck gelähmt, auf die Knie gesunken und erwartete jeden Augenblick, daß Donner und Blitz seinem Leben ein Ende bereiten würden. Als nichts dergleichen geschah, wagte er es, zuerst schüchtern und dann immer kühner, den neuen Gott und dessen Diener, die alle in kostbare, ihm unbekannte Gewebe gehüllt waren und glitzernde Ringe an Armen und Füßen trugen, zu betrachten.

Langsam nur fand er die Sprache wieder und erzählte nunmehr seine Leidensgeschichte. Einer der Leute, die auch schwarz waren, wie er, verstand seine Sprache und verdolmetschte, was er erzählte. Dieser wurde sein Freund und beruhigte ihn darüber, daß er für sein Leben nichts zu fürchten habe. Er bestätigte ihm, daß Nfuma Ntanga tatsächlich mit einem »Machoa«-Schiff aus dem großen Weltmeer aufgetaucht sei und alle die wunderbaren Gegenstände, die Kalamba hier sah, mitgebracht habe. Diese Auseinandersetzungen wurden plötzlich durch einen donnerartigen Knall unterbrochen, der das Blut Kalambas zum Erstarren brachte. Hatte da nicht plötzlich bei hellem Sonnenschein der gefürchtete Feuergott gesprochen, der Bäume fällte und Hütten in Feuer und Flammen aufgehen ließ? Sein neuer Freund belehrte ihn, dies sei der Fetisch des Sonnengottes »Bunduki« (Gewehr) genannt, der demselben Macht über Tod und Leben aller Geschöpfe verleihe. Am nächsten Morgen nahm Kalamba all seinen Mut zusammen, trat vor Nfuma Ntanga hin und bat ihn, sein Diener werden zu dürfen.

Monde und Monde vergingen. Kalamba hatte seinem neuen Herrn treue Dienste geleistet und bat ihn, von seinem Heimatdorf Fortuna, die Königstochter, als Gefährtin holen zu dürfen. Mit einem »Bunduki« und Pulver, prächtigen Armringen und Geweben aller Art beladen, zog er in die Heimat, um die Königsbraut zur Gattin zu machen.

In seinem Heimatdorfe angelangt, fand er seinen Vater sterbend vor und erfuhr daselbst, daß Fortuna, seines Herzens Hoffnungsstrahl und Sonne, Fortuna, für die er sein Leben dahingegeben hätte und lange Monate in der Fremde Sklavenarbeit verrichtete, seiner vergessen hatte und dem Häuptling eines Nachbardorfes gefolgt war.

In Kalambas Herzen wohnten, im beständigen Kampfe miteinander, zwei Dämonen, ein guter und ein böser. Bisher hatte der gute Dämon stets die Oberhand behalten. Von der Wucht der Nachricht aber war er vollständig niedergeschlagen, alle seine Hoffnungen waren zertrümmert. Dagegen wuchs sein Widersacher ins Riesenhafte. Rasender Schmerz und Zorn über die angetane Schmach übermannte Kalamba, das Blut kochte und wallte in seinem Herzen. Feuer sprühte ihm aus den Augen; nur durch den Tod konnte Sühne gefunden werden.

Und in der folgenden Nacht raste der Todesengel durch den Urwald. Mit schrecklichem Vorgefühl sahen die Wipfel der Bäume und die Vögel des Waldes Kalamba an der Spitze seines Stammes lautlos, gleich einer Geisterschar, daherschreiten. Ihnen ahnte Schreckliches; denn aus seinen Augen glühten rote Blitze, zu seinen Häupten kreiste der Todesadler in den Lüften.

Mit dem ersten Strahl der Morgensonne fuhr der Tod mit der Sichel über das schlafende Dorf und hielt reiche Ernte. Ein Morden und Würgen von Frauen, Männern, Kindern und Greisen begann, von dem die stärkste Phantasie sich kein Bild machen kann. Der gefürchtete Feuergott selbst war gekommen, um Rechenschaft in Blitz und Donner zu fordern. Der Wald hallte wider vom Todesächzen und Stöhnen zuckender und verstümmelter Menschenleiber. Fortuna war es in der ersten Verwirrung gelungen, unbemerkt das Freie zu erreichen. Da, wie aus dem Boden gewachsen, von oben bis unten in Blut gebadet, mit wutverzerrten Zügen, stand Kalamba als Rächer seiner Ehre vor ihr. Mit flehender Gebärde, die Arme emporstreckend, sank die stolze Königstochter, um Gnade flehend, in die Knie. Doch eher hätte ihr Schicksal einen Stein zu erweichen als das nach Blut lechzende Herz Kalambas zu rühren vermocht. Der böse Dämon forderte gebieterisch sein Opfer, und zu Tode getroffen, sank die Königsblume zu Boden. Der erste Sonnenstrahl brach durch die Wipfel der Bäume, küßte die an den Blättern hängenden Tautropfen und spiegelte sich in den brechenden Augen der Königstochter. Noch einmal flackerten diese auf, im Schwur hoben sich die Finger zum Sonnengestirn, gleichsam den Fluch desselben auf den Schuldigen herabbeschwörend, und Fortunas Seele hatte die sterbliche Hülle des Körpers verlassen und war auf den Sonnenstrahlen in das unbekannte Land ihrer Vorfahren entflohen.

Während die Gefährten jubelnd Siegesorgien auf den Leibern der Gefallenen feierten, kehrte Kalamba einsam und finster in sein Heim zurück. Der Dämon im Innern war verstummt; er hatte seinen Willen erreicht, dafür meldete sich ein anderer Widersacher.

Mörder der Geliebten! Mörder deiner eigenen Stammesverwandten! flüsterten die Bäume und zwitscherten die Vögel des Waldes ihm zu. Wie von Furien besessen, trieb es ihn durch Wald und Feld, von Heim und Hof. Weder bei Tage noch bei Nacht konnte er Ruhe finden. Sein Inneres war von dem beständigen Kampf zwischen befriedigter Rache und niederdrückendem Schuldbewußtsein zerfleischt. Der Sonne Strahlen, die alles Lebende befruchten und erfreuen, wurden ihm zum Rächer. Ein großes, glühendes Auge starrte rachedürstend in sein tiefstes Innere und lastete wie Blei auf seinem Kopfe.

[Illustration: Fuca Fuca.]

Nicht länger konnte er das Leben in der Heimat, bei den Freunden der Kindheit ertragen. Als einsamer, verlassener Wanderer gelangte er schließlich nach langen Irrfahrten, körperlich ein Greis, bei Nfuma Ntanga an. Aus Mitleid gab man ihm Arbeit und Feuerwasser, um seinen Kummer zu stillen. Noch gab es ein Mittel, um all die Stimmen im Innern, ja selbst die Sonne, zu bezwingen, und dies letzte Mittel mußte er versuchen.

=Aguardente= (Feuerwasser) nennen die Eingeborenen die große Medizin, die dem weißen Gott Nfuma Ntanga die übernatürliche Kraft verleiht. Wenn die Seelen der Verstorbenen und böse Götter aller Art den Körper heimsuchen und das Gemüt bedrücken, wenn am frühen Morgen das Tier im Magen, das den Hunger hervorruft, knurrt, dann genügen einige Schluck dieses Zaubertrankes, um Geister, Sorgen und Hunger zu vertreiben. »Matabiche« (=mata bichu=, töte das Tier im Innern) beschwöre die Geister und treibe die Seelen der Verstorbenen aus! Dies war die mächtige Medizin, die immer noch geholfen hatte und die auch jetzt helfen sollte.

Und am nächsten Tag, als zu den Foltergeistern im Innern sich noch das ungeheure Sonnenauge Fortunas gesellte und Kalambas Hirn durchbohrte und marterte, da spottete er hohnlachend seiner Peiniger. Stand er nicht unter dem Schutze des Gebieters der Sonne? Hatte er nicht die Macht in Händen, alle Geister zu bannen? Mit einem Ruck verschlang er die kostbare Medizin im Angesicht der glühenden Sonne.

Taumelnd war Kalamba infolge allzu reichlichen Alkoholgenusses und der Einwirkung der Sonnenstrahlen zusammengebrochen. Ah! Wie das wärmte und brannte, wie das die Lebensgeister entfachte, und wie es in seinem Hirn wirbelte und tollte! Wo war das feindselig blutleuchtende Auge der Fortuna? Endlich war es versöhnt und seine Macht gebrochen. Nicht mehr drohend, sondern verheißend winkte es vom blauen Äther; gleich einer heißen Blutwelle senkte es sich auf den Sterbenden herab, dessen Körper in Liebe und Leidenschaft mit sich emporziehend; wildes Feuer durchtobte den Körper und drohte die Brust zu zersprengen. Während die Seele auf Schwingen der Liebe dem strahlenden Tagesgestirn zuschwebte, entrangen sich der keuchenden Brust die Worte: »O Fortuna!« Dann: »Fuca Fuca« (Feuer Feuer).

Arbeiter, die den Sterbenden auffanden, hatten zufällig nur die letzten Worte gehört. Auf der Stelle, wo der Tote gefunden wurde, erhebt sich die heutige Faktorei, welche vom Volksmunde fortan »Fuca Fuca« genannt wurde.

* * * * *

Fuca Fuca liegt am Fuße des Felsens, auf dem Matadi erbaut ist. Es besteht vollständig aus Pfahlbauten und wird alljährlich während der Regenzeit vom Strom überflutet. Obwohl die Faktorei als heißester und ungesundester Platz im ganzen Kongostaate berüchtigt ist, ist sie doch wegen ihrer Lage und infolge der Eisenbahnverbindung ein wichtiger Knotenpunkt und Transitposten. Seit Erbauung der Kaianlagen, die es ermöglichen, die Durchfuhrgüter direkt vom Dampfer in die Waggons und umgekehrt zu verladen, hat auch sie von ihrer früheren Bedeutung viel verloren. Zur Zeit meiner Ankunft war Fuca Fuca sowohl Produktenfaktorei als Haupttransit-Station für Waren, die nach dem Oberlauf des Kongo bestimmt waren, und wurde von einem Faktorei-Chef, zwei europäischen Beamten und einem Stab schwarzer Schreiber von der Küste verwaltet. Mein Vorgänger war einer derjenigen, die es am längsten -- nämlich 18 Monate -- hier ausgehalten hatten. Er war an Schwarzwasserfieber verschieden.

[Illustration: Baobab-Baum bei Boma.]

Fuca-Fuca war der Prüfstein meines Lebens. Wenige Menschen sind imstande, die nötige Energie und Aufopferung der eigenen Person aufzubringen, um alle die Krankheiten und Leiden, die mir die nächsten sechs Monate bringen sollten, zu überwinden.

Zuerst wurde ich mit dem Ein- und Ausladen der Dampfer und Waggons sowie mit der Abwicklung des Transitverkehrs nach dem Oberkongo betraut. Mit kurzer Unterbrechung mittags war ich von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends fortwährend bei glühender Sonnenhitze auf den Beinen, bald ankommende Waggons von der Eisenbahngesellschaft anfordernd, bald Elfenbein und Kautschuk auf die Ozeandampfer verladend. -- Meine Natur war der Sonnenhitze und dem angestrengten Dienst schließlich nicht mehr gewachsen, und die ersten Fieber stellten sich ein. Diese waren meist sehr heftig, von Schüttelfrost begleitet, jedoch nur von kurzer Dauer.