Chapter 6 of 15 · 3775 words · ~19 min read

Part 6

Unter den afrikanischen Leckerbissen nimmt -- neben der Ananas -- die Mangofrucht unstreitig den ersten Platz ein. Feinschmecker behaupten sogar, daß die Ananas an die Mangofrucht bei weitem nicht heranreiche. In der Größe und ungefähren Form einer Kaiserbirne hat sie einen leichten Anflug terpentinartigen Geschmacks. Der Mangobaum selbst ist ein vorzüglicher Schattenspender. Man kann zum Beispiel in der Allee von Brazzaville bei der stärksten Sonnenhitze ohne Kopfbedeckung gehen, was, einen Schritt außerhalb derselben, schnellen Tod durch Sonnenstich zur Folge hätte.

Rings um das Wohngebäude des Direktors war ein Ziergarten angelegt, in dem inmitten von wundervollen Orchideen und afrikanischen Blumen und Blattpflanzen auch herrliche Rosen blühten. Gehege von Äffchen und Papageien waren harmonisch darin angebracht. An das große Empfangszimmer, im Mitteltrakt des Gebäudes gelegen, war ein Vogelhaus mit Zierbäumen und einem Springbrunnen angebaut, in dem Blaumeisen, Kanarienvögel, Kolibris verschiedener Größen und Kardinäle mit leuchtend rotem Gefieder fröhlich trillerten und zwitscherten. Sie wurden vom Direktor, der ein großer Tierfreund ist, alle Tage selbst gefüttert. Die Innenausstattung der Räume war für afrikanische Verhältnisse fürstlich. Beim Eintritt fiel der erste Blick auf ein lebensgroßes Gemälde der Königin Wilhelmine -- ein Meisterwerk in schwerem Rahmen -- dessen Transport hierher zu Zeiten, als noch keine Bahn bestand und alles auf Negerschultern getragen werden mußte, jedenfalls ungeheure Mühe und Arbeit gekostet haben muß. Der Raum war mit schweren Teppichen und kunstvollen inländischen Geweben ganz auf europäische Art eingerichtet. Auf Tischchen und am Schreibtisch standen Photographien und Nippes -- kurzum allerhand Kram, der ein europäisches Heim gemütlich macht und für gewöhnlich in den Tropen entbehrt werden muß. Telephon, elektrisches Licht, Klingelleitung -- alles war vorhanden.

In der Gartenanlage fanden wir sämtliche Früchte Innerafrikas, wie Coeur de Boeuf, Banane, Papaye, Goyaven, Ananas, Advokat usw., angepflanzt und in den Lichtungen zwischen Palmen alle Arten Nutzpflanzen, wie Pataten (süße Kartoffel), Kürbis, Maniok und Ignam (Knollenfrucht bis zu fünf Kilo Schwere, im Geschmack ähnlich unserer Kartoffel), die im Laufe der Jahrhunderte ihren zielbewußten Weg von den Küsten Afrikas her über endlose Prärien nach diesem fruchtbaren Boden gefunden hatten.

Nachdem ich Brazzaville, tagsüber als Gast des Direktors, bis ins letzte besichtigt und auch dem übrigen Personal vorgestellt worden war, verließ ich gegen Abend mit dem gleichen Dampfer unsere Zentrale, ohne irgend etwas Näheres über meine zukünftige Bestimmung erfahren zu haben. Voraussichtlich würde ich nach dem oberen Sangaflusse kommen, wo in letzter Zeit infolge eines Negeraufstandes verschiedene Beamte getötet worden seien.

Fußnote:

[3] Arbeiter-Aufseher.

Die Fahrt zum oberen Kongo. Die Faktorei Stanleyville.

Am 29. März traf in Brazzaville die Nachricht ein, daß Herr Kiel, der Chef der holländischen Faktorei in Stanleyville, an Dysenterie erkrankt und unterwegs sei. Noch am gleichen Nachmittag erhielt ich Order, mich für den folgenden Morgen reisefertig zu halten. Ich war über die unerwartet günstige Wendung, die die Dinge für mich genommen hatten, natürlich hocherfreut, denn Stanleyville galt allgemein als das Paradies auf Erden und als eine der schönsten und gesündesten Gegenden Innerafrikas. Dazu kam noch, daß unser Direktor seinerzeit die Station persönlich gegründet hatte und eine gewisse Vorliebe für sie besaß.

Meine Freude erfuhr allerdings einen Dämpfer, als ich vernahm, daß mein zukünftiger Chef Janssen hieß; denn ein Mann gleichen Namens war mir von einem Streit, den er auf der Durchreise nach Fuca Fuca mit Kameraden hatte und in dessen Verlauf von Schußwaffen Gebrauch gemacht worden war, in unliebsamer Erinnerung. Umfragen bei den Kollegen in Kinschassa ergaben, daß Janssen, der gegenwärtig die Faktorei Upoto leitete, tatsächlich mit dem Angeführten identisch war. So wenig verlockend die Aussicht war, mit einem jähzornigen Menschen zusammen leben zu müssen, tröstete ich mich schließlich damit, daß ich, vor die Alternative gestellt, entweder in das Aufruhrgebiet des oberen Sanga zu gehen und von den Negern aufgefressen zu werden oder mit einem voraussichtlich brutalen Vorgesetzten nach dem vielgepriesenen Stanleyville zu reisen, immer noch das bessere Teil erwählt hatte.

Die Freude über die bevorstehende herrliche Reise und das Gefühl der Befriedigung, nach Tagen planloser Zeitvergeudung und Umherirrens endlich wieder in die Bahn zielbewußter Tätigkeit geleitet zu werden, überwogen schließlich alle Bedenken, und mit glücklich pochendem Herzen sah ich der Ankunft des Dampfers »Nfuma Ntangu« auf Deutsch: »Gebieter der Sonne«, der mich als Passagier aufnehmen sollte, entgegen. Das Schiff langte noch am selben Tage an und ging vor Kinschassa, wo es den Rest der Ladung einzunehmen hatte, vor Anker. Mir wurde vom Kapitän eine geräumige Kabine auf dem Oberdeck zugewiesen, die ich sofort bezog, da der Dampfer beim ersten Morgengrauen aufbrechen sollte. Das ungewohnte Leben und Treiben an Bord, alle die neuen Eindrücke, die auf mich einstürmten, brachten es mit sich, daß ich die ersten Tage wie im Traum lebte.

Unser Dampfer »Nfuma Ntangu« war ein Flußboot, wie sie auf dem Oberkongo, überhaupt auf allen seichten Flüssen, hier im Gebrauch stehen. Vorn, am Bug, saßen zwei Lotsen, welche während der ganzen Dauer der Reise abwechselnd drei Meter lange Stöcke in der Art einer Fischangel, auf der das englische Fußmaß eingekerbt ist, ins Wasser tauchten und eintönig die Wassertiefe: =tanu= (fünf), =samboanu= (sechs) ausriefen. Am rückwärtigen Teil des Schiffes, gleich dem Rad einer Kornmühle, befand sich über der ganzen Schiffsbreite das große Schaufelrad. Der Dampfer war bei der Ausfahrt derart voll geladen, daß das Niveau des Unterdecks auf der gleichen Höhe mit dem Wasserspiegel stand. Bei Stromschnellen, scharfen Kurven usw., bei welchen das Boot in eine schiefe Lage kam, stand die eine Seite des Unterdecks ganz unter Wasser -- eine Wahrnehmung, die mir anfangs großen Schrecken einflößte, an die ich mich aber mit der Zeit gewöhnte.

Frühmorgens wurde ich durch das Zischen des Dampfers, das Gejohle und Geschnatter der Leute, die Kisten und Ballen durcheinanderwarfen, aufgeweckt. Nach dem Frühstück mit dem Kapitän auf der Kommandobrücke begab ich mich an Unterdeck, um dort Umschau zu halten. Unser Dampfer war nämlich ein wahres Babel in bezug auf die verschiedenartigen Negerstämme, die der blinde Zufall zusammengewürfelt hatte. Vom zivilisierten Küstenneger in Hemd, Hosen und Schuhen, der entweder aus Senegambien, Sierra Leone, Akkra oder dem Portugiesischen Kongo stammt und die etwas mehr Intelligenz verlangenden Arbeiten eines Maschinisten, Kochs oder Lavadeiro (Waschmann) verrichtet, bis zum Bangala mit spitz zugefeilten Zähnen und Hahnenkamm auf der Stirne waren alle Rassen Innerafrikas, selbst Kannibalen, vertreten. Ihr fortwährendes Schnattern, Quaken und Schnalzen, ihr ärgerliches Zanken und Streiten muteten ganz sonderbar an. Auf Holzkisten, Körben und Bündeln jeder Größe, in denen ihre Habseligkeiten untergebracht waren, hatten sie sich's bequem gemacht und ihr Lager, bestehend aus einer einfachen Strohmatte, das bei den Vermögenderen durch ein paar Decken vervollständigt wurde, aufgeschlagen. Darauf lagen sie nun träge und faul über- und aufeinander, ein Wirrwarr von Füßen, Armen und Leibern. Der eine war damit beschäftigt, direkt unter der Nase des zweiten aus seinen Zehen Sandflöhe herauszuoperieren, ein anderer ließ sich von seiner Frau die Haare scheren, unbekümmert darum, ob dieselben in den Topf des Nachbars fielen, in welchem eben ein von Verwesung grün gewordenes und das ganze Unterdeck mit seinem Gestank verpestendes Stück Hippopotamusfleisch brodelte. Während ich noch eben den Topf auf seinen Inhalt kritisch musterte, bemerkte ich, wie einer der herumhockenden Neger seinen Koffer ausleerte. Mit einer Anzahl schmutziger Kleidungsstücke flogen zugleich Spinnen, Kakerlaken (große afrikanische schwarze Schaben), Russen und kleine Mistkäfer heraus, ein Teil davon direkt in den brodelnden Topf. Die auf den Boden geschleuderten Insekten hüpften und zappelten erschreckt, so plötzlich aus ihrem dunklen Versteck gezerrt zu sein, dem erstbesten Schlupfwinkel zu. Diesmal hatte jedoch der Koch die neue Würze und den unerwünschten Zusatz zu seiner Speise bemerkt. Wutschnaubend fuhr er den Unvorsichtigen an, und eine Flut von Verwünschungen und kannibalischen Kraftausdrücken, wie =katuka bushman -- nyama=[4], quollen aus seinen wulstigen Lippen hervor, während er sich bemühte, die größeren Schaben mit dem einzigen Kochlöffel, den er besaß, herauszufischen und zu zerdrücken; die kleineren blieben drinnen, da es ihm ob solcher Bagatellen offenbar nicht der Mühe lohnte. Der Rest des Ungeziefers hatte seinen Weg über Gesichter, Leiber und Beine der auf dem Boden Liegenden hinweg in irgendeine Ritze gefunden, soweit sie nicht durch die kleinen Jungen am Körper der Schlafenden zerdrückt und zerschlagen worden waren. Eine der großen Spinnen fand auch durch den Hosenschlitz Einlaß zu ganz empfindlichen Teilen eines Schlafenden. Beim Freudengeheul der ganzen kleinen Bande, die dies besonders unterhielt, wachte der Betreffende auf, warf wütende Blicke um sich und suchte -- =sans gêne= -- in der Tiefe nach der Ursache des Juckens! -- =Honni soit qui mal y pense!.=

Trotz der fortwährend wechselnden Szenerie, trotz all des Ungewohnten und vollständig Neuen, was seit acht Tagen um mich vorging, trotz aller unvorhergesehenen Ereignisse, die bei der Navigation in dem gefährlichsten aller Flüsse, der unter seiner Wasserfläche bald Sandbänke, bald Felsriffe und bald treibende Baumstämme trügerisch birgt, vorkommen, konnte der Fahrt nach Befriedigung der ersten Neugierde eine gewisse Eintönigkeit nicht abgesprochen werden. Hatten die sengenden Sonnenstrahlen und die überstandenen Krankheiten den Körper und das Gehirn bereits derart geschwächt, daß ich nicht mehr so aufnahmsfähig war? Mir war oft, als lebte ich in einem beständigen Traum, läge meine Kindheit wie ein Märchen, von einem Wolkenschleier verhüllt, weit, weit hinter mir. Meine Erinnerung an die Lieben in der Heimat schwand -- losgelöst von allen Fesseln, die mich bisher an die Menschheit ketteten, wandelte ich wie im Traum dahin.

Ich saß oft stundenlang am Steven des Dampfbootes, und eine eigenartige Musik, die nichts mit dem Irdischen gemein hat, klang mir beim gleichmäßigen Takt der Schaufel, die das Wasser aufpeitschte, in den Ohren. Bald wild und mächtig, bald als sanfte Liebkosung klang die Melodie in mir ... Ich träume ... Es ist Abend. Tiefe Schatten lagern zu beiden Seiten des Stromes. Die Dämmerung hat ihr dunkles Kleid über die vor Sonnenglut schmachtende Erde gelegt und wirft fahle Schatten über die Wasserfläche. Irgendwo aus dem rätselhaften Dunkel des Urwalds klingt klagend ein langgezogener Schrei. Unheimlich hallt er über das weite Land, wie von einer Seele in höchster Not und Pein. Und vor mein geistiges Auge tritt der Herrscher dieser Gebiete, der Bayansi, wie er im Schatten des Waldes sich eben anschickt, sein Opfer mit bestialischer Grausamkeit hinzuschlachten. Noch einmal, diesmal jedoch wie aus weiter Ferne und wie gebrochen, hallt der Schrei an mein Ohr -- -- --

[Illustration: Holzposten am Kongo.]

Unser Kapitän van den Andel, allgemein der »fliegende Holländer« genannt, war ein Original seiner Art und vereinigte alle Eigenschaften, sowohl die guten als auch die bösen, die den Flußfahrer Innerafrikas kennzeichnen. Von Natur aus schweigsam und gutmütig veranlagt, stand er oft den ganzen Tag auf der Kommandobrücke und zog den Rauch aus der kurzen Pfeife, ohne den Mund aufzutun. Der Dienst an Bord klappte aufs Haar; denn alle Leute, vom Steuermann angefangen bis zum jüngsten Schiffsjungen, wußten genau, daß mit dem Kapitän nicht gut Kirschen essen war. Hatte er doch erst kurz vorher einen baumlangen Senegalesen, den stärksten Mann der Besatzung, der widerspenstig werden wollte, mit einem wuchtigen Faustschlag zu Boden gestreckt.

Doch van den Andel hatte einen großen Fehler, nein, eine Leidenschaft, die ihm zum Verhängnis wurde, da er ohne sie gewiß bereits »=Chef de marine=« geworden wäre. Seine Leidenschaft, die Trösterin verbitterter, einsamer Stunden, war der Alkohol. Des Abends, wenn er zur Flasche griff und einige Gläschen »Schiedam« zur Stärkung der verbrauchten Kräfte zu sich genommen hatte, wurde er gesprächig. Dann erzählte er mir von all den Kollegen, die weit im Innern des Landes auf einsamen, verlassenen Faktoreien saßen. Er kannte jeden einzelnen von seinen jahrelangen Reisen. Er war es, der sie, wenn sie als Neuling von Europa kamen, zu ihren Stationen brachte, durch ihn erhielten sie stets die neuesten Nachrichten vom Unterkongo und ihren Kollegen im ganzen Stromgebiet.

Je mehr die Literflasche »Schiedam« zur Neige ging, desto gesprächiger wurde der Kapitän. Wehe dem Faktoreichef, der das Unglück hatte, aus irgendeinem Grunde van den Andels Rachsucht auf sich zu ziehen. An diesem blieb kein gutes Haar mehr, von diesem konnte er wahre Schaudergeschichten erzählen. Jede Reise bot ihm Anlaß, durch seine Vertrauten unter den Arbeitern allerhand Begebenheiten aufzuschnüffeln, die dann in völlig entstellter Form bald hier, bald dort als Gerüchte auftauchten und von Mund zu Mund weitergetragen und aufgebauscht wurden. Aus oft ganz harmlosen Anlässen entstanden dann durch phantastische Schilderungen haarsträubende Mißverständnisse, deren Verbreitung im weiten Stromgebiet ihm allmählich zur zweiten Natur geworden war, je mehr Krankheiten und Ärger aller Art sein stets arbeitendes Hirn verwirrten. Tags über der gutmütigste Mensch, war mit van den Andel abends, wenn er die Flasche neben sich hatte, nicht zu spaßen. Geradezu gefährlich konnte er werden, wenn man seinen Schaudermären nicht unbedingt Glauben schenkte.

[Illustration: Eingeborene bringen Lebensmittel.]

Ich entsinne mich noch ganz genau, daß er gegen Ende eines Abendessens, anläßlich eines ganz harmlosen Widerspruchs eines der Gäste, urplötzlich aufsprang, die Tischdecke mitsamt den Schüsseln auf den Boden warf, sich auf seinen Gast stürzte und ihn im nächsten Moment von der Kommandobrücke in den Fluß warf. Es hätte nicht viel gefehlt, und der Fürwitzige hätte seine Unbedachtsamkeit mit dem Leben gebüßt.

Während der ersten Tage als einziger Passagier an Bord, glaubte ich natürlich alle Geschichten aufs Wort und war ein aufmerksamer Zuhörer; ich stand daher in besonderer Gunst bei ihm.

Nach achttägiger Fahrt, auf der wir die Posten Kimpoko, Kwamuth, an der Mündung des Kasai-Flusses gelegen, die Mission Berghe Ste. Marie, Bolobo, den Militärposten Yumbi und Lukolela berührt hatten, näherten wir uns dem Äquator. Die Fahrt war reich an Abwechslung und bot uns wiederholt Gelegenheit, auf Nilpferde, Krokodile, Reiher, Gänse und Enten zu schießen. Einmal stießen wir auf eine Sandbank, die von einer Herde Krokodile bedeckt war. Es mochten gegen zwanzig Tiere sein, große und kleine, die bei unserer Ankunft, in Reih und Glied marschierend, ins tiefe Wasser zogen. Es machte den Eindruck, als ob die ganze Sandbank im Laufen wäre. Dann wieder eine Tagereise stromaufwärts ragte eines Morgens eine etwa sechs bis acht Meter breite und ebenso hohe graue Felswand aus dem Strom, die Kapitän van den Andel nicht auf seiner Karte verzeichnet fand. Bei unserer Annäherung veränderte sich das Bild, so daß wir mit unseren Gewehren hinfeuerten. Nun geriet die Wand in stärkere Bewegung, und es zeigte sich, daß sie aus etwa zehn bis fünfzehn Hippopotamus gebildet war, die durch- und übereinanderlagen und schleunigst das tiefe Wasser aufsuchten.

Längs des Kongoflusses sind vom Staat etappenweise Holzposten eingerichtet, die die Dampfer gegen eine geringe Entschädigung an Stoffen und »Mitakos« mit Brennmaterial versehen. Der Mitako ist ein zwölf bis fünfzehn Zentimeter langer, drei Millimeter starker Messingstab, welcher an Geldes Statt einen bestimmten Wert, und zwar je nach der Länge fünf bis zehn Centimes, repräsentiert. Ich vergaß zu erwähnen, daß Geld vom Stanley-Pool ab als Verkehrsmünze nicht gangbar ist. An dessen Stelle tritt der Mitako und am Oberlauf die =Nsoka=, ein spatenförmiges Stück Eisen, aus dem die Eingeborenen ihre Pfeilspitzen verfertigen.

Das Erscheinen des Dampfers ist für die Eingeborenen allemal ein aufregendes Ereignis. Da der »Nfumu ntanga« im ganzen Stromgebiet als guter Zahler bekannt war, eilte die Bevölkerung auf das dreimalige Ertönen der Dampfpfeife, zum Zeichen, daß das Schiff anlegen möchte, ans Flußufer. Oft schon binnen weniger Minuten waren die sonst verlassenen Ufer schwarz von Menschen. Männer, Frauen und Kinder eilten herbei, in ihren »Kisakos« (Tragkörbe) schnell alles herantragend, dessen sie habhaft werden konnten.

=Nsusu= (Hühner), =mpata= (Enten), =njama= (Ziegen), =maki na nsusu= (Eier), =nanasi= (Ananas), Palmöl in großen Steinkrügen, aber auch =Mbidia=, eine Art Polenta, =matadi=, das Blatt der Maniokstaude als Gemüse bereitet, geräucherte Heuschrecken, Termiten und ähnliche Leckereien für die besonderen Feinschmecker wurden, sauber in Blätter eingewickelt, von den Eingeborenen zum Kaufe angeboten.

Eines Tages sah ich wieder belustigt dem mir neuen, ungewohnten Leben und Treiben am Ufer zu. Aus dem Handeln, Feilschen, Schnattern tönte das Kreischen und Schelten alter Frauen, die stets sehr anspruchsvoll sind und sich von ihren Sachen nicht trennen wollen, heraus. Da bemerkte ich in der Ferne eine ältere Kokette, die offenbar bei ihrer Morgentoilette überrascht worden war und nun, von der Angst, zu spät zu kommen, getrieben, pustend, schwitzend und schnaubend dahergelaufen kam. Ein Teil der Haare war in kleinen Zöpfchen und Strähnen, reichlich mit rotem Tukulapulver und Palmöl vermischt, gedreht, während die übrigen, wie beim Struwwelpeter, ihr wirr um den Kopf hingen. Zwei enorme Brüste, die bis an den Nabel herunterreichten, baumelten beim raschen Laufen klatschend gegen den aufgedunsenen, herabhängenden Leib, der in der rückwärtigen Partie sein Gegenstück in einer unförmigen Rundung fand. Keuchend vor Aufregung, die Schweißtropfen in langen, roten Linien über Gesicht und Brust herabrinnend, hatte sie endlich ihren schweren Korb zwischen die der anderen Megären niedergestellt und stürzte sich sofort, wie das Raubtier auf seine Beute, auf ein paar schwarze Arbeiter des Dampfers, die unschlüssig mit ihren Mitakos in der Hand dastanden und offenbar nicht wußten, was sie unter all den dargebotenen Schätzen kaufen sollten. Mit einer Selbstverständlichkeit, die ihnen absolut keine Zeit zum Überlegen ließ, nahm sie ihnen die Mitakos aus der Hand, klemmte sie zwischen die Oberschenkel unter dem etwa fünf Zentimeter breiten »Schamfleck«, der ihr einziges Kleidungsstück bildete, und gab jedem dafür eine gewisse Anzahl »Chikoange« (gestampfte Maniokwurzel in Blätter gehüllt, an Stelle unseres Brotes von den Eingeborenen verzehrt).

Dieselbe Prozedur wiederholte sie zu meinem Erstaunen soundso oft mit dem gleichen Erfolg, noch ehe ihre Opfer aus ihrer Verblüffung herausgekommen waren. Wagte ein besonders Mutiger eine Einwendung gegen dieses summarische Verfahren, dann schleuderte sie ihm durch ihre wulstigen Lippen eine derartige Flut von Verwünschungen und Drohungen entgegen, stemmte ihre Arme in die Seiten und erhob ein solches Geschrei, daß der Tapfere schleunigst das Feld räumte. Denn in ihrem Zorn, der wie ein Blitz aus ihren Augen sprühte, war sie geradezu furchtbar anzusehen, und jeder fürchtete offenbar, zur Schadenfreude der anderen, noch eine Tracht Prügel obendrein zu erhalten. Als letzte unter allen Frauen war sie gekommen -- als erste hatte sie ihren Stand vollkommen ausverkauft. Dann nahm sie, ihre Umgebung mit mißtrauischen, giftigen Blicken musternd, all die glänzenden Mitakos hinter ihrem Schamschurz hervor und legte sie in Bündeln von je zehn vor sich hin.

Beim Durchmustern all der Frauen am Ufer bemerkte ich nicht ein einziges junges Geschöpf. Die Männer halten die jungen Schönen im Dorfe zurück, aus Angst, daß sie mit einem der Arbeiter auf dem Dampfer entwischen könnten. Dies soll übrigens oftmals vorkommen, besonders dann, wenn der Dampfer an solch einem Holzposten übernachtet.

An diesen Anlegestellen wurden vom Kapitän Hühner, Enten und Ziegen, Eier, Ananas und andere Lebensmittel für die Schiffstafel gegen =Chilulu mufike, Indigo blùe drill= -- Stücke =à= 4 Bras, jede Bras 2 Yards -- Mitakos, Salz, Haumesser usw. eingetauscht. Auffällig ist, wie mißtrauisch und habsüchtig die Eingeborenen sind. Sie geben ihre Waren nicht eher aus den Händen, als bis sie die volle Bezahlung dafür erhalten haben. Es liegt selbstverständlich im Interesse jedes passierenden Kapitäns, streng darauf zu achten, daß sowohl Brennholz als auch alle Lebensmittel gebührend bezahlt werden, da er sonst bei seiner Rückkehr weder das eine noch das andere, wohl aber dafür Pfeile für die Besatzung vorfinden würde.

Als warnendes Zeichen geben allenthalben abgebrannte Posten beredtes Zeugnis von früheren Vorfällen. Die vom Staat hingesetzten Wärter wurden von den Eingeborenen ermordet, und da die meisten Stämme dieser Gebiete, wie Bayansi, Bambala usw., Kannibalen sind, aufgefressen. Die Leute trugen ihre Hütten einfach einige Stunden weiter ins Innere in unzugängliche Moräste und den Urwald, wo sie vor der Rache des Europäers vollkommen sicher waren.

Wir berührten im Verlaufe der Reise auch hie und da Dörfer, die von der Schlafkrankheit, jener furchtbaren Seuche, heimgesucht wurden, die alljährlich Hunderttausende an Opfern fordert, ohne daß es damals bereits trotz mannigfacher Versuche gelungen wäre, ein wirksames Heilmittel zu ihrer Bekämpfung zu finden. Ehemals blühende Dörfer in der Umgebung von Berghe Ste. Marie glichen einer vollkommenen Wildnis, die Wege waren verwachsen, die Hütten zum Teil verfallen. Vor ihnen hockten und kauerten auf zerrissenen Matten in der Sonne lebende Skelette, grau von Schmutz und Schuppen, die knöchernen Arme flehend erhoben, den Tod in den fahlen, tiefgeränderten, völlig glanzlosen Augen. Hie und da wankte eines dieser entsetzlichen Gerippe ins Innere des Hauses, um Nahrung für die anderen zu holen.

Weder alt noch jung, weder Mann noch Frau verschonte diese verheerende Seuche. Sie alle waren dem Tode verfallen. Was im Bereiche des Dorfes lag und weit darüber hinaus raffte er alles mit seiner unbarmherzigen Sichel dahin. Ich sah einen Säugling an der vollkommen versiegten Mutterbrust, aus der mangels Milch ihr rotes Herzblut floß. Kinder streckten ihre knochigen Arme mir entgegen. Erheben konnten sie sich nicht mehr, sondern nur auf allen vieren kriechen. Diese geisterhaften Kinder sahen so still und allwissend aus, das Unerforschliche, der Tod, hatte sich ihnen bereits offenbart. Herzerschütternd wirkte solch ein Anblick, und tief niedergedrückt verließ ich die traurige Stätte.

Wir passierten Irebu, eine größere Garnisonstadt, in der die neu eingereihten Rekruten ausgebildet werden, hierauf Equateurville, die ehemalige Hauptstation des Oberkongo, und eine Stunde später Coquilhatville, unmittelbar am Äquator gelegen. Schräg gegenüber Irebu mündet der Ubangi, einer der bedeutendsten Nebenflüsse des Kongo. Dieser selbst gleicht im oberen Lauf einem Binnensee, dessen Breite zwischen 18 und 25 Kilometer wechselt.

Coquilhatville liegt auf einer Anhöhe am linken Flußufer und ist eine der größten und schönsten Stationen am Kongo. Freilich auf den Neuling, der unmittelbar aus Europa kommt, und vielleicht erwartet, zwischen Palmen moderne städtische Wohnhäuser zu finden, wird Coquilhatville, wenn der Dampfer um die Waldspitze unterhalb der Station biegt, keinen besonders imposanten Eindruck machen. Wer aber selbst nach drei-, vierjähriger Dienstzeit Gelegenheit gehabt hat, eine Station in irgendeinem Winkel des großen Urwaldes zu erbauen und händeringend vor dem ersten eigenen, windschiefen, architektonischen Erzeugnis gestanden hat, der weiß zu ermessen, welch ungeheure Arbeit Menschenhände hier geleistet haben. Der Weg führte auf eine terrassenförmig aufgebaute Anhöhe, auf der stolz am hohen Flaggenmast die blaue Fahne mit dem gelben Stern im Felde im Winde weht, und verzweigt sich von hier aus über das Plateau in verschiedene Mangoalleen, die auf eine Kaffeeplantage führen. Im Schatten der Bäume, von kleinen Ziergärten umgeben, lugen die europäischen, in roten Ziegeln aufgeführten Gebäude mit drei Meter breiten, luftigen Veranden äußerst lieblich und einladend hervor. Inmitten der Station vor dem Gebäude des Distriktskommissars befindet sich ein großer, freier Platz, der als allgemeiner Sammelplatz morgens beim Appell für Europäer und Mannschaft dient. Die Anlagen, welche auf tausend Meter im Umkreis bis in die Felder der Eingeborenen führen, sind mit Flamboyants, Bananen, Papay- und Goyavenbäumen bepflanzt. Ananasstauden säumen sie ein. Hinter der Station befindet sich ebenfalls eine Kaffeeplantage, die bei unserer Ankunft in voller Blüte stand. Die samtartigen, schneeweißen Sternblüten erfüllten die Luft mit aromatischem, süßem Duft. Ich habe Coquilhatville als größere Station absichtlich etwas näher beschrieben, weil alle anderen Staatsposten am Flusse mehr oder weniger dasselbe Gepräge tragen.

Wie bereits erwähnt, gleicht der Kongo hier einem Binnensee. Unser Dampfer bahnte sich mühsam zwischen Sandbänken und Inseln seinen Weg. Mehrmals fuhren wir auf Sandbänke auf. In den meisten Fällen kamen wir aber nach kurzer Anstrengung, und nachdem sämtliche Arbeiter ins Wasser gesprungen waren und mitgeholfen hatten, wieder los. Lulanga und Nouvelle Anvers passierten wir ohne Unfall.