Chapter 8 of 15 · 3745 words · ~19 min read

Part 8

Rumbee war inzwischen von Mustapha von unserer Ankunft benachrichtigt worden und ließ uns nach Ablauf des ersten Regenschauers zu sich entbieten. In der großen Empfangshalle seines Palastes waren zwei mit Leopardenfellen behangene Lehnstühle für uns beide hergerichtet worden, während Rumbee mit dem Kreis der Seinen auf Matten und kleinen Bambusschemeln lagerte. Im Hintergrunde spielte eine aus Sansibar stammende Hauskapelle, bestehend aus drei Mann, die verschiedenartig gestimmte Tamtams schlugen und wirbelten, und zwei Frauen, die als Sängerinnen fungierten. Außer diesen trat noch ein Bauchpfeifer als Sonderkünstler auf, der bald eine Kriegstrompete nachahmte, bald wie eine wütende Bestie fauchte, zischte und die unglaublichsten Töne hervorbrachte. Diese kleine Künstlerschar spielte und sang während einiger Stunden eine ganze Reihe von Kampf- und Schlachtliedern, unter anderen auch den berühmten »Unsterblichkeitsgesang« der Mohammedaner, den Rumbee für gewöhnlich den »Ungläubigen« nicht vorzuführen pflegte. Ich glaube gern, daß die Araber, durch den Sirenengesang schöner Frauen und die Verheißungen eines paradiesischen Lebens im Jenseits angefeuert, mit Todesverachtung in den Kampf ziehen.

Dieses nächtliche Konzert inmitten einer fanatischen Bevölkerung auf der durch Pechfackeln nur spärlich beleuchteten »Barza« (eine Art Vorhof oder überdeckte Veranda) machte auf uns beide einen sehr starken Eindruck. Um uns für die liebenswürdige Überraschung erkenntlich zu zeigen, ließ Janssen aus unseren Vorräten eine Anzahl Perlenschnüre, Ringe, Armbänder und allerlei Zierat durch Mustapha dem Häuptling überreichen. Dieser erhob sich nunmehr und, in rhythmischen Bewegungen der Musik folgend, die von kreischendem »Allah«-Geschrei der ganzen Menge begleitet wurde, überreichte unsere Geschenke den Spielern. Das uns zu Ehren gegebene Fest hatte seinen Höhepunkt erreicht; einige weitere Gongschläger und Sängerinnen hatten sich der Gruppe angeschlossen und vollführten einen infernalischen Spektakel.

Janssen hatte durch Mustapha verschiedene Male andeuten lassen, daß wir gerne Haremsfrauen tanzen sehen möchten. Anfänglich weigerte sich Rumbee sehr entschieden, doch gegen Mitternacht konnte er sich unseren Bitten nicht länger verschließen und ließ uns durch Mustapha bedeuten, wir möchten uns verabschieden. Sobald wir uns erhoben hatten, zerstreute sich die versammelte Menge und begab sich zur Ruhe. Wir aber wurden nach kurzer Zeit von Mustapha durch eine kleine Seitenpforte in eine geschlossene Halle geführt, in die man unsere Stühle sowie Matten und Felle für Rumbee und einige seiner ganz Intimen hinübergebracht hatte.

War vorher vor dem Gefolge nur Tee und feiner englischer Biskuit herumgereicht worden, so bedeutete Mustapha uns jetzt, daß wir uns ohne weiteres Champagner und Liköre servieren lassen könnten. Rumbee gab einem seiner Diener ein Zeichen, und dieser kehrte kurz darauf mit einer versiegelten Flasche Ananaslikör zurück.

Die Sansibariten hatten ihre großen Gongs mit Saiteninstrumenten und einem kleinen Gong vertauscht, und kurz darauf erschienen sechs blühende junge Haremsfrauen, über und über mit Zierat behangen, der wie ein Schuppenpanzer vom Hals bis zum Busen reichte und diesen teilweise bedeckte. Hüfte und Leib waren vollständig entblößt und wiegten und wanden sich in rhythmischen Bewegungen in vollendeter Grazie nach dem Takte der Musik, bald in tollem, sinnenberückendem Wirbel, bald in vornehmer majestätischer Ruhe. Auch hier verabreichten wir Geschenke in Form von allerlei Zierat und golddurchwirkten »=Pagnes=« (Schürzen), welche die reizenden Geschöpfe in sichtlich kindlicher Freude aus den Händen Rumbees entgegennahmen. Meine entzückten Augen konnten sich nicht sattsehen an dem wundervollen Glanz der lachenden Kinderaugen, deren Ausdruck durch die langen Wimpern und schwarzen Brauen nur noch mehr gehoben wurde, an den blendend weißen Zähnen, die wie Perlenreihen aus den halb geöffneten Lippen hervorlugten, an den feingeschwungenen Lippen und Gesichtszügen, an den zarten, schmalen, rassigen Händen und Füßen und endlich an dem jungfräulichen und doch wieder kräftigen Körper, der berückend schön in jeder Bewegung uns seine Reize offenbarte. Nachdem wir zum Schlusse noch den üblichen Bauchtänzen beigewohnt hatten, schieden wir von Rumbee und begaben uns in unsere primitive Behausung, wo ich mich auf das harte Bambuslager legte und von dem Harem träumte, während Janssen noch lange vor der Tür lauerte, da er behauptete, eines der jungen Mädchen habe ihn bedeutungsvoll angeblinzelt und mit der Hand zugewinkt.

Ich mochte kaum eine Stunde geschlafen haben, als mir plötzlich etwas über den bloßen Arm und das Gesicht hinweglief. Mit einem Satz war ich aufgesprungen und lauschte ins Dunkel hinein. In der Hütte um mich herum ertönten unheimliche Laute wie das Gepiepse von Ratten und Mäusen, die erschreckt die Flucht ergriffen. Ein fernes Brausen drang vom Fluß herauf, in wilder Jagd sausten unbekannte Geschöpfe über Geräte hinweg, die Wand der Hütte hinauf und wieder hinab. Über mir mußte irgendeine große Fledermaus umherfliegen, denn ganz deutlich konnte ich das Klappen der Flügel hören und den leichten Luftzug, den das Tier hervorbrachte, wenn es sich mir näherte, fühlen. Ich wollte Licht machen, doch versagten die Zündhölzer, die durch den Regen naß geworden waren. Nun suchte ich, mit der Hand vorsichtig tastend, in der Dunkelheit nach einem Prügel und erwischte schließlich einen Knochen, der meinen Zwecken dienlich schien. Nicht ahnend, welche Art Knochen ich da erfaßt hatte, schlug ich damit an die Bettkante und verschaffte mir so wenigstens für einige Minuten Ruhe. Ich ergriff mit der anderen Hand das Oberende, und ein Grauen überfiel mich. Der Knochen, den ich in der Hand hielt, stammte vom Oberschenkel eines Menschen. Eine Täuschung war unmöglich, kein Tier hat derartig geformte Knochen. Ein eiskalter Schauer fuhr mir den Rücken hinab, der Angstschweiß stand mir auf der Stirn. Bei diesem Zeugnis von Kannibalenmahlzeiten wurde mir klar, warum die beiden Bassengi vorhin wie aufgescheuchte Bestien aus der Hütte geflüchtet waren und sich nicht mehr blicken ließen.

Raschelnd kam über die trockenen Blätterwände der Hütte wieder allerlei Getier angelaufen. Ratten und Mäuse stöberten unter altem Hausgerät nach Speiseresten. Aus unmittelbarer Nähe ertönten schaurige Rufe und Schreie in die stockfinstere Nacht, wie von einem Kind herrührend, das man langsam hinmordet und an dessen Qualen sich jemand weidet. Dazwischen vermeinte ich wieder flüsternde Stimmen zu vernehmen. Die Nacht war lebendig um mich, ich war von einer Schar unsichtbarer Feinde umgeben. Ganz deutlich fühlte ich etwas an dem Bambus unter meinem Kopf heraufkriechen. Sollte es eine jener gehörnten Vipern sein, die nachts in die Hütten der Eingeborenen kommen und Jagd auf Ratten und Mäuse machen? Man hatte mich vor dieser furchtbarsten aller Schlangen, deren Biß qualvolle Schmerzen verursacht und unbedingt tödlich ist, gewarnt. Die Beine hochgezogen, die schützende Decke gleichsam als Schild vor dem vor Grauen in Schweiß gebadeten Körper haltend, kauerte ich auf meiner Pritsche und starrte in das unheimliche Dunkel, in der Rechten den Menschenknochen haltend und bereit, mit ihm alles zu erschlagen, was in meine Nähe kam.

[Illustration: Baluba-Frau.]

Mein erstes am folgenden Morgen war, nach den beiden Bassengi zu forschen. Diese hatten Reißaus genommen und blieben unauffindbar. Mustapha bestätigte mir, daß der gefundene Knochen ein Menschenknochen sei. Beim Durchstöbern der Hütte fand sich noch eine ganze Anzahl vor, eine Tatsache, die ihn nicht im geringsten wunderte, da die Eingeborenen im Innern, am Fluß Lindi entlang, bekanntlich Kannibalen sind.

[Illustration: Upoto-Mann.]

Bei Tagesanbruch setzten wir unsere Reise stromaufwärts fort, um eine möglichst lange Strecke vor Beginn der großen Sonnenhitze zurückzulegen. Wir mochten ungefähr drei Stunden unterwegs sein, ohne daß sich irgend etwas Nennenswertes ereignet hatte, als plötzlich in unmittelbarer Nähe eine Leiche vorbeitrieb. Beine und Hüften ragten aus dem Wasser, waren vollständig weiß und zeigten bläuliche Tupfen. Mustapha erklärte, daß dies die Leiche eines Negers sei, die nach längerem Liegen im Wasser die Hautfarbe verändert. Ungläubig und mißtrauisch diskutierte ich mit Janssen die Frage, als plötzlich in kurzer Reihenfolge hintereinander fünf bis sechs Leichen gerade in unserer Fahrtrichtung angeschwommen kamen. Nunmehr ernstlich beunruhigt, was dies zu bedeuten habe, ließen wir einen dieser Leichname mit dem Bootshaken drehen und überzeugten uns nun an den wulstigen Lippen und überhaupt an dem Gesichtsausdruck, daß der Tote tatsächlich ein Neger war. Wir hatten bereits gefürchtet, daß während unserer Abwesenheit in Stanleyville die Soldaten oder Araber gemeutert und sämtliche Europäer ins Wasser geworfen hätten. Mustapha erklärte das Vorkommen der vielen Leichen damit, daß die Eingeborenen der Fischerdörfer stromaufwärts ihre Toten nicht begraben, sondern sie einfach dem Flusse anvertrauen. Gegen drei Uhr nachmittags kamen wir, immer stromaufwärts fahrend, an die Mündung des Lindiflusses, welches Gebiet uns kurz vorher vom Distriktskommissar als Arbeitsfeld für die Gewinnung von Kautschuk freigegeben war.

Laut Bericht von Mustapha hatten weder die »S. A. B.« (=Société Anonyme Belge=, kurz S. A. B. genannt), noch die »Belgika«, unsere beiden Konkurrenten, es bisher gewagt, dieses Gebiet zu betreten, da erst kürzlich zwei staatliche Offiziere, die die Eingeborenen zwingen wollten, Elfenbein vom Innern an das Flußufer zu bringen, von ihnen erschlagen und die im Schlafe überfallenen Begleitsoldaten aufgefressen worden waren. Eine sofort entsandte Expedition hatte zwar ein furchtbares Blutbad unter den Kannibalen angerichtet und die Stämme, die nunmehr versprachen, Kautschuk zu liefern, völlig unterworfen, doch traute keiner einstweilen den friedlichen Gesinnungen der Bevölkerung.

Wir rekognoszierten nun ein wenig das Terrain an der Mündung des Flusses und liefen eine Landungsstelle, an der wir einige verlassene Boote sahen, an. Einige im Gebüsch verborgene Eingeborene kamen auf wiederholtes Anrufen herbei und erboten sich, uns nach dem einige Stunden im Innern entfernt gelegenen Dorfe zu führen. Da aus ihren Gesprächen hervorging, daß die Eingeborenen friedlich waren und bisher Kautschuk als Steuer an den Staat geliefert hatten, beschloß Janssen sofort, womöglich schon im Laufe der Woche eine Erkundigungsreise von diesem Dorfe aus nach dem oberen Laufe des Lindis zu unternehmen.

Gegen sechs Uhr abends, bei einbrechender Dunkelheit, kamen wir bei der katholischen Mission St. Gabriel an, und ich schlug Janssen vor, hier zu übernachten, da der Himmel im Verlaufe des Nachmittags sich immer mehr umwölkt hatte und jetzt ein drohendes Aussehen erhielt. Janssen wollte jedoch um jeden Preis nach Stanleyville zurückkehren, und wir fuhren weiter. Stunde um Stunde verging, leichte Windstöße kamen von allen Seiten und kündeten das Nahen des Tornados an. Die Dunkelheit war inzwischen völlig hereingebrochen. Alle Augenblicke fuhr unser Kanu auf unter dem Wasserspiegel treibende Baumstämme auf und konnte nur mit Mühe losgemacht werden. Als das Sausen und Krachen kolossaler Bäume über uns immer heftiger wurde, ersuchte ich Janssen bei der nächsten Strombiegung, ungefähr eine Stunde unterhalb unserer Faktorei, den Strom zu überqueren, da dies vielleicht später nicht mehr möglich sei. Wir hatten noch kaum die Mitte des hier ungefähr 800 Meter breiten Stromes erreicht, als plötzlich der Tornado mit voller Wucht über uns hereinbrach. Ein Regenschauer, von Windstößen zu ungeheurer Wucht angefacht, zerschmetterte das Schutzdach über unseren Köpfen und begrub uns unter den Trümmern. Mustapha und der Boy hieben mit ihren langen Haumessern über unseren Köpfen die Stützen nieder, und unseren vereinten Bemühungen gelang es, das Dach, das dem Orkan eine Angriffsfläche bot und unser Verderben hätte werden können, über Bord zu werfen. Da stürzte einer der Ruderer über den Rand des schwankenden Bootes. Gellend hallten die Hilferufe in die schaurige, von grellen Blitzen durchzuckte Nacht hinein, übertönt vom Höllenlärm, in dem sich der Schlag auf Schlag herniederdröhnende Donner mit dem Tosen des Sturmes und dem Prasseln der herabfallenden Wassermassen mischten. An Rettung war nicht zu denken. Ein Drehen des Bootes wäre gleichbedeutend mit unser aller Untergang gewesen. Also vorwärts, mit allen Kräften vorwärts, dem schützenden Ufer zu. Die Ruderer, die im ersten Augenblick der Überraschung völlig den Kopf verloren zu haben schienen und die Befehle Mustaphas nicht beachteten, erkannten jetzt die ungeheure Gefahr, in der wir uns alle befanden, und ruderten für ihr Leben.

Indessen führten die losgelassenen Elemente einen wahren Hexentanz um uns auf, alle Dämonen der Hölle schienen entfesselt und sich mit den wilden Göttern »Kilimas«, des Urwaldes, zu schlagen. Das Ächzen und Stöhnen der vom Wirbelwind erfaßten tausendjährigen Baumriesen, das Krachen und Splittern der zu Tode getroffenen und übereinanderstürzenden Laub- und Holzmassen fand in unserem Gemüt hundertfachen Widerhall und brachte uns zum Bewußtsein, wie unendlich wenig unser jämmerliches Leben zu bedeuten hat.

Janssen stöhnte, jammerte und schrie erbärmlich. Die Hände vor das Gesicht geschlagen, heulend, Gott und alle Heiligen zum Schutze anrufend, kniete er vor mir, ein Bild des Elends, eine Jammergestalt. Den Tod beständig vor Augen, die Beine bis zu den Knien im Wasser, saß ich neben ihm, meine innere Erregung gewaltsam beherrschend und kein Wort der Klage über die Lippen bringend. Dem Beispiel Mustaphas folgend, ergriff ich meinen Tropenhelm und schöpfte mit ihm das Wasser mechanisch aus dem Boote. Ein kräftiger Stoß vorn am Bug, durch den zwei Ruderer, die das Gleichgewicht verloren hatten, ins Wasser geschleudert wurden, zeigte uns an, daß wir endlich das andere Ufer erreicht hatten, und alle Mann klammerten sich mit Leibeskräften an Äste, Zweige und Büsche. Erschlug uns jetzt nicht einer der niederstürzenden Baumriesen, dann waren wir gerettet, da die Wucht des Orkans uns unter dem schützenden Laubdache nicht mehr viel anhaben konnte. Hier lagen wir wohl eine Stunde, die für uns alle, die wir vom Kopf bis zu den Füßen durchnäßt waren, zu einer Ewigkeit wurde. Gegen Mitternacht langten wir in unserer Faktorei, von den durchlebten Strapazen völlig erschöpft, an und ließen uns sofort heißen Tee und Chinin geben, um schweren Krankheiten vorzubeugen.

Das Leben auf der Faktorei. Zwei Leopardenbesuche.

Die Bevölkerung des Distrikts, mit dem wir in Handelsverbindung standen, bildet drei ganz verschiedene Gruppen: die Araber und deren Abkömmlinge, die Suaheli, aus Kreuzungen der ersteren mit den Eingeborenen hervorgegangen, die Bakeniens, ein Fischervolk, das seine Dörfer unmittelbar am Kongofluß hat und sich ausschließlich dem Fischfang widmet und uns zeitweise Ruderer zur Verfügung stellte, und die Bakumu, von unseren Leuten Bassengi genannt, deren Dörfer im Innern des Landes liegen und die Hauptproduzenten von Kautschuk sind.

Die meisten hier ansässigen Araber stammen aus Sansibar. Sie sind Kaufleute großen Stils und haben den Elfenbeinhandel geradezu monopolisiert. Die Bemittelten unter ihnen, die über eine größere Anzahl Sklaven verfügen, sind vornehmlich Pflanzer von Reis, Tabak, Maniok, Zwiebeln, Kaffee sowie allen anbaufähigen Nahrungsmitteln. Diese Pflanzungen repräsentieren bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit einen großen Wert.

Die zwangsweise angesiedelten Araber sind zumeist Kriegsgefangene oder Leute, die dem Staate bei der Okkupation am oberen Nilflusse mit der Zeit lästig und infolgedessen einfach nach hier deportiert wurden. Die Terrains für Ansiedlungen und Plantagen wurden ihnen frei zur Verfügung gestellt. Dafür haben sie monatlich gewisse Abgaben an die Station in Form von Naturalprodukten oder Baumaterialien zu entrichten. Die Leute handeln mit allem -- vom Ei angefangen bis zu den Sklaven.

Die Araber stehen als Kulturvolk inmitten der wilden Völkerschaften Zentralafrikas unstreitig auf der höchsten Stufe, und ihr moralischer sowohl als ihr physischer Einfluß auf die umgebenden Völkerschaften reicht unendlich viel weiter als der des europäischen Eroberers. Während der Europäer bisher in egoistischer Selbstherrlichkeit in erster Linie nur den eigenen Komfort und die rücksichtslose Ausbeutung der eingeborenen Bevölkerung im Auge hat, wirkt der Araber als wahrer Kulturfaktor unter ihnen. Um eine Stufe tiefer stehend als der Europäer, siedelt er sich mitten unter der Bevölkerung an. Die sauberen kleinen Gebäude aus Lehm sind leichter von den Eingeborenen nachzuahmen als die solideren Wohnhäuser der Europäer. Das blendend weiße Hemd, das fast bis auf den Boden reicht, und der weiße Turban auf dem Kopf, die Bekleidung der Araber und Suaheli ist weniger kompliziert als die Tracht der Europäer und überdies viel praktischer für diese heißen Gebiete. Die Anschaffung beider Kleidungsstücke ist zudem bedeutend billiger als die von uns eingeführten gelb und dunkel karierten Hosen. Es nimmt mich daher nicht wunder, daß selbst die Boys der Europäer, die überall sonst im Kongo den Europäer in der Kleidung nachahmen, hier in Stanleyville mit Vorliebe die Suaheli-Tracht annehmen.

Ein Umstand, der mir nach Berührung mit all den vielen heidnischen Negervölkern beim Verkehr mit den Suaheli ganz besonders ins Auge fiel, war ihre Frömmigkeit: sie sind Mohammedaner. Bei Sonnenuntergang verlassen die Gläubigen ihre Arbeit, waschen Hände und Füße und knien dann vor ihren Häusern auf Matten und Teppichen, das Angesicht gen Osten gewendet, um ihr Gebet zu verrichten, wobei sie sich soundso oftmals bis auf den Boden verneigen.

Die Bakeniens sind ein robustes Fischervolk, das unsere Tafel regelmäßig mit Fischen aller Art sowie kleinen Krabben, nach unseren europäischen Begriffen zu spottbilligen Preisen, versorgte. Als ganz besondere Delikatesse bleibt mir die Fisch-Moambe, eine Art Fischpökel, aus Kongosalm und Palmenkernen hergestellt, in Erinnerung, ein Gericht, an das unser feinstes Fischpökel bei weitem nicht heranreicht.

Die Bakumu oder Bassengi gehören zu den primitivsten Stämmen Zentralafrikas. Ihre Dörfer liegen tief versteckt inmitten des großen Urwaldes und sind von hohen Palisaden umgeben, an deren Spitzen die Schädel der von ihnen getöteten und aufgefressenen Feinde stecken. Von Kind auf an den beständigen Kampf mit dem Nächsten und den Raubtieren des Waldes gewöhnt, ist der Bakumu ein moralisch unentwickeltes Geschöpf, das einzig und allein das Recht und die Macht des Stärkeren anerkennt. Ganz unverständlich sind ihm Gesetze, die ihm verbieten, das ungetreue Weib mit eigener Hand zu töten oder den niedergeschlagenen Feind zu verzehren. Wie ein Kind schmückt er sich mit Perlen und Zierat oder ergibt sich dem Tanze, um im nächsten Augenblick den vermeintlichen Nebenbuhler hinterrücks zu erschlagen. Er kennt keinen Unterschied zwischen Leben und Tod, zwischen Gutem und Bösem, und seine Blutgier ist unersättlich.

Langer Jahre Arbeit und verschiedener blutiger Kämpfe bedurfte es, um diese Völker zur Einsicht zu bringen, daß der Europäer ihr Gebieter ist. Zur Zeit meines Aufenthalts war die Region so weit befriedet, daß wir bis zu fünfzig Kilometer zu beiden Seiten des Flusses ins Innere unseren Geschäften nachgehen konnten. --

Während der nächsten Zeit wurden wir vom Bau unserer Faktorei und dem Handel mit den aus dem Innern herbeieilenden Karawanen vollständig in Anspruch genommen. Unsere schwarzen Schreiber sandten wir mit einem kleinen Kanu stromabwärts, um die in den Dörfern stationierten Capitas einzuberufen.

Aus Brazzaville hatten wir keinerlei Instruktionen mitbekommen. Entweder glaubte man, daß unser Vorgänger alle Arbeit ordnungsgemäß erledigt hatte, oder man vertraute unserer Findigkeit, selbst das Richtige zu treffen. Hacken, Haumesser, Nägel und eine große Säge waren vorhanden, und mit diesen primitiven Behelfen machten wir uns sofort an die Arbeit, um uns die mangelnde Wohnung und Einrichtung zu schaffen, wenn es mir auch vorderhand noch ein Rätsel blieb, wie wir uns die fehlenden Türangeln und Fensterscharniere herstellen sollten.

All das Neue um uns her, die Sprache, Sitten und Gebräuche der fremden Völkerstämme, die hunderterlei Probleme, die der Bau einer Faktorei uns zu lösen gab, nahmen all unser Sinnen und Denken derart in Anspruch, daß wir keine Zeit hatten, an unser früheres Leben, das hinter einem dichten Schleier in unerreichbarer Ferne lag, zu denken. Frühmorgens 1/2-6 Uhr mit der »Reveille«, die am gegenüberliegenden Ufer geblasen wurde und durch die stille Nacht über das Wasser so klar zu uns herübertönte, als stamme sie von unserer eigenen Schildwache innerhalb der Faktorei, erschien mein verschlafener Boy Mossamba, um Tür und Läden zu öffnen und mir das Waschwasser in einem Emailgeschirr auf eine umgestülpte Kiste zu stellen. Während ich mich wusch und anzog, verschwand er, um seinerseits unten am Flußufer Toilette zu machen. Punkt 6 Uhr wurde durch dreimaliges Trompetensignal »Appell« geblasen, worauf auf unserer Seite das Dröhnen und Wirbeln des Gongs antwortete und bekanntgab, daß auch wir mit der Arbeit begannen. Anfangs kamen unsere Arbeiter träge und mißmutig, in ihrem Schlafe gestört zu sein, in langen Abständen daher. Der Schreiber hatte offenbar in Abwesenheit unseres Vorgängers die Disziplin nicht strenge gehandhabt und die Zeit nicht genau eingehalten. Dies mußte sofort anders werden. Janssen nahm die Zügel kräftig in die Hand und hielt an die Leute eine Ansprache, deren Sinn Mustapha in Form kurzer Befehle den Suaheli mitteilte.

[Illustration: Arbeitsappell.]

Als vornehmste Verhaltungsmaßregel des Europäers dem Personal und überhaupt dem Neger gegenüber gilt, daß er vom ersten Augenblick an den Leuten mit aller Energie und Entschiedenheit entgegenzutreten hat. Der Neger beugt seinen Nacken und erkennt nur denjenigen als seinen Herrn an, den er fürchtet und der imstande ist, jede aufkommende Neigung zur Auflehnung, angeborene Trägheit und Neigung zum Widerspruch sofort im Keime zu ersticken und mit unerbittlicher Strenge zu ahnden. Sogenannte »gute Menschen«, die Fehler verzeihen und zur Nachgiebigkeit neigen, werden nie die Achtung des Negers und nennenswerte Resultate erzielen. Sie werden stets den Spott und den Hohn des Personals und der Eingeborenen ernten und von diesen von vorne und hinten belogen werden. Energisches, zielbewußtes Auftreten bei jeder Art Auflehnung gegen die Disziplin, unerbittliche Strenge und sofortige Ahndung aller Vorkommnisse, die gegen Gesetz und Ordnung verstoßen, sowie gerechte Bestrafung solcher Vorfälle sind die Waffen, die dem Europäer dem einzelnen sowohl wie der Masse gegenüber unbedingt Achtung verschaffen. Von Natur aus träge und faul veranlagt, versucht der Neger auf jede Weise sich einer ihm unbequemen Arbeit zu entziehen. »=Mimi kosaba vae=« (»das kann ich nicht«) ist seine beliebte Ausrede, wenn ihm eine Arbeit nicht paßt. Oftmals kommt es auch vor, daß er irgendeine Krankheit beim Appell vorspiegelt, um sein bequemes Lager am Feuer wieder aufsuchen zu können.

Unser Personal war durch einige Suaheli des Häuptlings Shibu auf dreißig Mann gebracht worden, die in Reih und Glied Aufstellung genommen hatten. Die Arbeiter wurden nunmehr in verschiedene Gruppen eingeteilt, deren jede eine andere Arbeit zu leisten hatte. Während z. B. eine Gruppe mit Haumessern in den nahen Urwald ging, um Träger für ein neues Gebäude zu holen, machte sich eine andere auf, um Bambus für den Dachstuhl zu schneiden. Eine dritte Abteilung mußte in dem bereits fertiggestellten Magazin Tag und Nacht große Feuer zum Austrocknen der Mauern unterhalten. Wieder ein anderer Trupp ging auf die Suche nach »=koddi=« (Lianen) zum Anfertigen von Kautschukkörben.

Einzelne Arbeiter, die sich krank gemeldet hatten, wurden nun der Reihe nach vorgenommen. Zumeist handelte es sich um Risse und Geschwüre, die sie sich im Walde zugezogen hatten, und die nun mit Salben, Höllenstein und Sublimat antiseptisch behandelt wurden, oder auch um vorübergehende Magen- und Darmverstimmungen, die mit Hilfe eines Purgativs leicht behoben werden konnten.

Auf der freien, inmitten des provisorischen Wohngebäudes gelegenen Barza hatten inzwischen die Boys unsern Frühstückstisch gedeckt. Bestand das Gedeck auch nicht aus reinstem Porzellan und das Tischtuch statt aus feinem Leinen nur aus »=white domestic=«, so mundete das Frühstück auch aus Emailgeschirr nach vollbrachter Arbeit ganz ausgezeichnet.

Zuweilen, an besonders herrlichen Morgen, ließen wir die Frühstückstafel auch vor das Haus stellen. Wenn wir dann so inmitten der Morgenpracht bei dem Gezwitscher der Vögel und den ersten Strahlen der Sonne, die die Tautropfen auf Blättern und Blüten gleich Myriaden Diamanten erglänzen ließen, unser Frühstück einnahmen und dabei an die finstern kalten Morgennebel, die in dieser Zeit in der Heimat vorzukommen pflegen, dachten, fühlten wir uns doppelt glücklich in dem Bewußtsein, das weitaus schönere Teil erwählt zu haben.

[Illustration: Trägerkolonne.]

Nach dem Frühstück nahmen wir beide die Arbeit wieder auf. Dann kam etwa ein Capita mit einer Karawane von Kautschukträgern herein. Die Ware mußte ausgewogen und übernommen werden, dagegen im Austausch eine Menge neuer Stoffe, Salz, Haumesser, Mitakos, Perlen und dergleichen mehr gegeben und die Träger für ihre Mühe entlohnt werden. Eingeborene kamen mit Hühnern, Enten, Eiern, Palmöl, kurz allen möglichen Nahrungsmitteln, um sie gegen europäische Waren einzutauschen.