Chapter 4 of 15 · 3982 words · ~20 min read

Part 4

Die Trockenperiode, welche in diesen Breiten von April bis Anfang Oktober dauert, näherte sich ihrem Ende, und der Sommer hielt langsam unter unaufhörlichen feuchtheißen Regengüssen seinen Einzug. Der Sommer oder, besser gesagt, die Regenzeit währt hier von Mitte Oktober bis Ende März und zerfällt in zwei Perioden, die eigentliche Regenperiode zur Übergangszeit, also November und Februar, März, und dazwischenliegend »=la petite saison sèche=«, d. h. die kleine Trockenperiode.

Gleich bei den ersten Regengüssen, die von ungemein heftigen Gewitterstürmen, sogenannten Tornados, begleitet waren, trat der Kongostrom aus seinen Ufern und überschwemmte einen Teil der Faktorei. Da sämtliche Gebäude, wie bereits erwähnt, Pfahlbauten sind, hinderte dies vorderhand am Betriebe nichts. Doch mußte ich, da auch die Schienenstränge überschwemmt waren, bei der Arbeit fortwährend im Wasser stehen. Das Bild des Bahnhofes von Matadi gewährte damals einen eigenartigen Anblick, da der ganze Bahnkörper oft einen Fuß hoch unter Wasser stand.

Bald stellten sich die Folgen dieser ungesunden Tätigkeit bei den Arbeitern in Form von »Beri-Beri« -- eine Art Wassersucht --, bei mir in heftigen Gallfiebern ein, die mich wochenlang aufs Krankenbett warfen. Die Wasserhöhe war inzwischen beständig gestiegen, sie hatte in der Faktorei gegen 1-1/2 Meter erreicht. Das feuchte Element begann die Fußböden der Zimmer zu lockern und zu überfluten. Des Nachts kamen Krokodile in die Faktorei hereingeschwommen, die nach lebenden Wesen suchten und sich dann auf den Veranden breitmachten. Im Vorjahre war einer der Arbeiter von ihnen in Stücke zerrissen worden. Wenn auch die Türen von innen verriegelt und verschlossen waren, so war es doch kein angenehmes Gefühl, nur durch eine dünne Holzwand von den furchtbaren, heimtückischen Tieren getrennt zu sein. Endlich, als der Kongofluß auch das Hauptgebäude bis über den Flur überschwemmte, wurde mit der Übersiedlung in eine an der Berglehne aus Bambus errichtete primitive Baracke begonnen. Der Faktoreichef übersiedelte gleichzeitig mit uns beiden, da er nachts nicht allein unten bleiben wollte. Mein Krankheitszustand hatte inzwischen immer bedenklichere Formen angenommen, ich kam aus den Fiebern -- Wechselfieber, Gallfieber -- überhaupt nicht mehr heraus. Mein Kollege, Herr Hosemans, ein Holländer, lag an Rheumatismus, vollständig an allen Gliedern gelähmt, danieder und mußte an Bord des nächsten Europadampfers gebracht werden. Mein Chef, Bertoen, war an Schwarzwasserfieber erkrankt und lag im Sterben.

Eben wieder von einem schweren Gallfieber hergestellt, ließ ich mir vom Stabsarzt ein Zeugnis ausstellen, wonach ein längerer Aufenthalt in dieser verseuchten Faktorei für mich eine Katastrophe bedeuten würde, und mit diesem Dokument in der Hand ersuchte ich um meine sofortige Versetzung oder um meine Entlassung. Mit dem nächsten Dampfer traf mein Nachfolger und gleichzeitig ein Schreiben aus Banana ein, worin mein Gesuch bewilligt wurde.

In Boma. Eine Nilpferdjagd.

Kurz vor meiner definitiven Abreise nach dem Oberkongo wurde ich noch auf zwei Monate nach Boma gerufen, um dort einen schwerkranken Kameraden zu vertreten. Während meines kurzen Aufenthaltes daselbst hatte ich Gelegenheit, eine Nilpferdjagd mitzumachen, die mir unvergeßlich bleiben wird. Nichts in meinem bisherigen Leben läßt sich mit den Eindrücken vergleichen, welche dies Erlebnis auf mein Gemüt ausübte. Endlich einmal, nach vielen Monaten, ein echt afrikanisches Abenteuer, wie es mir in der Phantasie in Europa vorgeschwebt hatte.

Allerdings bildete ich nach diesem Ereignis eine Jammerfigur, von oben bis unten von ungezählten Moskitos zerstochen, Augenlider, Lippen und Hände bis zur Unkenntlichkeit angeschwollen. Meine Füße, die beim Waten im Sand den ganzen Tag über den sengenden Sonnenstrahlen ausgesetzt waren, verloren nachher die Haut in Fetzen, wobei ich wahnsinnige Schmerzen aufzustehen hatte.

Doch was hatte all dies zu bedeuten gegenüber jenem Hochgefühl im Augenblick der Gefahr, wenn der Mensch diesem Zyklopen eines vergangenen Jahrtausends gegenübertritt, wenn der mächtige Koloß unter lautem Gebrüll mit geöffnetem Rachen sich auf das schmächtige Boot stürzt, alle Insassen mit sicherem Tod und Verderben bedrohend, gegenüber jenem Jubelschrei, der sich der Brust entringt, wenn die Intelligenz in diesem ungleichen Kampf der Kräfte Sieger geblieben ist und das mächtige Tier, zu Tode getroffen, verendet?

Magalhaes und Pereira, zwei Portugiesen, die den Fleischbedarf Bomas seinerzeit fast ausschließlich deckten, waren die ersten, die das Züchten von Nutz- und Schlachtvieh auf einer Insel unterhalb »Punta de Lenha« in großem Stil versuchten. In Sportkreisen waren sie als die erfolgreichsten Nilpferd- und Büffeljäger allgemein bekannt, und ich war daher hocherfreut, von Pereira gelegentlich zu einer solchen Jagd eingeladen zu werden.

Es war gegen 2 Uhr früh und noch finstere Nacht, als wir in einem Eingeborenen-Kanu, das mit zehn Ruderern bemannt war, langsam stromabwärts fuhren. Die Neger waren hübsche, kräftig gebaute, mit den Gefahren dieser Jagd völlig vertraute Leute. Bei ihrem Gesange und dem gleichmäßigen Ruderschlag glitten wir fast ohne jede schaukelnde Bewegung des Bootes dahin. Meine Augen, geblendet von den Hafenlichtern von Boma, gewöhnten sich nach und nach an die Dunkelheit und suchten sich zu orientieren. Die Lichter Bomas verschwanden langsam; dafür glitzerten zur Rechten die Feuer von »Shinkakassa« und ganz in der Ferne ein großes Signalfeuer am Fetish-Rock, »=Pedro feitice=« genannt. Mit dem Felsen verknüpft sich eine ähnliche Sage wie mit dem Loreleifelsen am Rhein. Auf ihm sitzt, nach dem Glauben der Eingeborenen, ein Dämon, der alle vorbeifahrenden Boote in die Tiefe zieht. Selbst große Ozeanschiffe arbeiten stromaufwärts an dieser Stelle oft eine Stunde, um durch die Strudel und Stromschnellen hindurchzukommen. Je mehr wir uns ihr näherten, um so mächtiger und unheilverkündender wurde ein dumpfes Brausen, das vom Brechen der Strömung an den Felsmassen herrührte, vernehmlich. Diese selbst riß uns bald in rasender Fahrt mit sich. Bald kam uns eine heftige Gegenströmung entgegen, die mit aller Kraftanstrengung überwunden werden mußte, damit wir von ihr nicht in die alles vernichtenden Strudel und Trichter gezogen wurden. Wir passierten die gefährliche Stelle, indem wir uns ganz knapp am gegenüberliegenden Ufer hielten. Unterhalb des Fetish-Rock verbreitert sich der Strom und umfaßt zahlreiche Inseln, die mit hohem Schilfgras bewachsen sind. Wir waren in unserem Jagdrevier angelangt und wurden sofort von einem Heer von Moskitos überfallen, die uns buchstäblich aussaugten. Niemand, der nicht selbst einmal das Opfer dieses blutdürstigsten aller Insekten gewesen ist, kann sich eine Vorstellung von den Qualen machen, die wir bis Sonnenaufgang zu erdulden hatten.

Unsere Ruderer hatten auf ein Geheiß Pereiras ihre Tätigkeit eingestellt, um das Erwachen des Tages abzuwarten. Klatschend fielen ihre Hände auf die nackten Körper, um ihre Peiniger zu töten. Hier und da plätscherte ein Ruder im Wasser, fremdartige Laute verkündeten den anbrechenden Tag, junge Wildgänse flogen mit hellem Gekreisch aus dem Schilf, während das eintönige Quaken der Frösche, dem sich der Ruf der Unken als beständiger Begleitton beimischte, die Sinne in Schlaf wiegten. Allmählich kam Leben in unsere Umgebung. Große Raubfische sprangen mit lautem Geplätscher aus dem Wasser; Enten, Reiher und das zahlreiche gefiederte Volk dieser Inseln stimmten ihr Morgenlied an. Lockrufe des Bulikoko und anderer großer Vögel ertönten dazwischen, und schließlich formte sich das Ganze zu einem Jubelchor der erwachenden Natur.

Meine Sinne waren von diesen starken Eindrücken noch ganz befangen, als von ferne plötzlich zweimal ein tiefes Brüllen mächtig und drohend über die stille Wasserfläche zu uns herüberdrang. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr es uns in die Glieder; wir waren alle wie elektrisiert. Ohne ein Kommando abzuwarten, ergriff jeder Mann sein Ruder, und aufrechtstehend, jeden Nerv und jede Muskel angespannt, mit leuchtenden Augen und pochenden Herzen, zog er es im gleichen Takt lautlos durch die spiegelglatte Wasserfläche, so daß das Kanu wie ein Pfeil dahinglitt. Vorsichtig, möglichst jedes plätschernde Geräusch vermeidend, fuhren wir an Einbuchtungen, Inseln und Sandbänken vorbei, aus welchen graue und weiße Fischreiher, Pelikane, Regenpfeifer, Störche, Gänse und Enten überrascht aufflogen.

Bei jeder neuen Ausbuchtung vermeinten wir der Tiere ansichtig zu werden. Doch wir hatten uns in der Entfernung getäuscht und mußten noch etwa eine halbe Stunde rudern, eine halbe Stunde -- eine Ewigkeit für unsere fieberhaft gespannten Nerven. Schließlich gelangten wir wieder zu einer tiefen Einbuchtung, die einen Ausblick in einen kleinen Binnensee bot, ein Motiv, das in allen afrikanischen Landschafts- und Flußbildern so oftmals wiederkehrt. Vor uns, kaum 200 Schritte entfernt, den Kopf uns abgewandt, schwamm ruhig ein anscheinend älteres Hippopotamus. Es hatte uns nicht bemerkt und tauchte von Zeit zu Zeit in unserer Fahrtrichtung unter. Diese Zwischenpause benutzten wir, um mit Leibeskräften vorwärts zu rudern. Tauchte das Tier wieder auf, so legten wir uns platt in das Kanu. Auf diese Weise kamen wir dem Tier schnell näher, ohne von ihm bemerkt zu werden. Schon fürchtete ich, daß wir es überholt hätten und daß das Tier sich unter uns befinden müsse, als es plötzlich dicht vor unserem Bug auftauchte. Ein scharfer Knall -- und das Tier verschwand wieder, diesmal allerdings in rasender Flucht, daß das Wasser nur so schäumte. Um so deutlicher zeigte sich die Spur auf dem Wasser, und dieser folgten unsere Neger, nun wieder mit höchster Anspannung der Kräfte rudernd. Wir mochten unserem Leittier so etwa 50 Meter gefolgt sein, als plötzlich zu unserer Rechten, auf kaum zehn Meter Entfernung, eine ganze Herde von acht bis zehn Nilpferden in wilder Flucht auf- und übereinander stürzten. So plötzlich und unerwartet sich dieses Schauspiel vor unseren Augen abspielte, waren wir doch alle gewissermaßen darauf vorbereitet, und pang, pang krachten von unseren drei Büchsen fortwährend Schüsse. Ein Jubelgeschrei unserer Ruderer, und wir sahen eine schwere, graue Masse die Beine teilweise aus dem Wasser strecken. Dies alles war das Werk weniger Sekunden. Die nicht getroffenen Tiere stürzten rechts und links von unserem Boote in Riesensätzen ins tiefe Wasser, während ein junges Exemplar, von Angst gepeitscht, im Schilf verschwand. Unsere Ruderer hatten indessen alle Mühe, unser Boot aus dem Bereiche der sich überstürzenden Kolosse zu bringen, um das Vollschlagen mit Wasser zu verhindern. Beim Absuchen des Terrains ergab sich, daß zwei Tiere verendet waren. Man kann sich schwerlich einen Begriff von unserer Freude machen, noch weniger aber von dem Taumel der Neger, die sich wie Wahnsinnige gebärdeten, den aufgedunsenen Körper betasteten, an den beiden Saugzapfen der Weibchen sogen oder durch den Exkrementenkanal mit dem ganzen Arm in dem noch warmen Körper wühlten. Die beiden Tiere waren Weibchen von mittlerer Große und wogen etwa 3000 Kilogramm.

Nachdem der erste Freudentaumel verflogen war, wurden beide Weibchen von sämtlichen Ruderern, die sich ihrer Lendentücher entledigt hatten, auf eine nahegelegene Sandbank gewälzt und die Bauchhöhlen mit Faschinenmessern aufgehackt. Beim Entfernen der Eingeweide wurden unsere Leute in völligen Blutrausch versetzt. Nacheinander sprang jeder einzelne in die Bauchhöhle und badete sich in dem noch rauchenden Blut der Tiere. Auch Magalhaes und Pereira hatten sich inzwischen ihrer Kleider entledigt, um die auf der unter Wasser stehenden Sandbank stattfindende Arbeit zu leiten. Ich folgte ihrem Beispiel. Es mochte gegen 6 Uhr morgens sein, und ein Fußbad konnte unseren zerstochenen Füßen nur guttun.

In einiger Entfernung hielten sich respektvoll einige Krokodile, die durch den Fleischgeruch, die abtreibenden Abfälle und das Blut angelockt waren. Doch keines dieser bei Tag äußerst scheuen Tiere wagte sich so weit in die Nähe, um uns einen guten Schuß zu ermöglichen.

Gegen 11 Uhr vormittags waren die beiden Nilpferde mittels schwerer Holzhacken so weit zerlegt, daß der größte Teil in das Boot verladen werden konnte. Da die einzelnen Teile immer noch zu schwer zum Heben waren, wurde das Boot zum Sinken gebracht. Das durch die Tragfähigkeit des Wassers verminderte Gewicht des Fleisches erlaubte jetzt, die Stücke ohne weiteres im Innern des Kanus zu verstauen. Zum Schluß kam über das Ganze, gleichsam als Schutzdach gegen die sengenden Sonnenstrahlen, der ausgeweidete Körper des einen Nilpferdes. Der Rest des anderen Tieres wurde inmitten einer Insel derart untergebracht, daß die Krokodile es nicht leicht wegschleppen konnten. Hierauf wurde das Wasser aus dem Kanu ausgeschöpft, und wir nahmen wieder darin Platz. Das Boot war nunmehr so stark beladen, daß sein Rand nur um halbe Handbreite aus dem Wasser herausragte. Nachdem wir uns an gebackenen Fischen, einer Mettwurst, Kieler Sprotten, Schinken und Hühnern in Dosen sowie einigen Flaschen Rotwein herrlich delektiert hatten, begann die Heimfahrt. Ich saß mit Magalhaes rittlings auf dem Rücken des einen Nilpferdkadavers und mußte in dieser schwierigen Stellung bis 1 Uhr nachts, also gegen zwölf Stunden, aushalten. Rühren durfte ich mich nicht, da bei der geringsten Bewegung sofort Wasser ins Boot schlug.

[Illustration: Erlegtes Nilpferd.]

Während die Fahrt frühmorgens mit der Strömung ein wahrer Genuß war, kann ich von der Rückkehr nur das Gegenteil sagen. Das schwerbeladene Boot kämpfte sich wie ein Bleiklotz Schritt für Schritt, immer dicht am Ufer und am Schilf entlang, stromauf vorwärts. Um die Hauptströmung zu vermeiden, mußte ein Riesenumweg in kleinen, seichten Kanälen gewählt werden. Langsam verschwand die Sonne am Firmament als leuchtender, roter Feuerball; die Dämmerung rückte heran; es wurde dunkler und dunkler und die Ausdünstung des Nilpferdfleisches immer unerträglicher. Mit anbrechender Dunkelheit fielen wieder Schwärme von Moskitos über uns her und peinigten uns auf das furchtbarste. Hände, Kopf und Füße waren von den Blutflecken der erschlagenen Insekten wie tätowiert. Meine Kräfte erlahmten, und im Sitzen ließ mich die Müdigkeit in eine Art Halbschlummer fallen, als ich von meinem Nachbar Magalhaes plötzlich unsanft wachgerüttelt wurde. Dicht vor uns, auf kaum zwanzig Schritte Entfernung, trat ein mächtiger Hippopotamus aus dem Schilf und kreuzte, gemächlich durch das seichte Wasser watend, unseren Weg.

Die Dämmerung ließ die Umrisse des ungeschlachten Tieres noch über seine normale Größe hinauswachsen. Unwillkürlich kamen mir bei seinem Anblick die Riesen der Vorzeit, die Ichtiosaurier und Dynosaurier, in den Sinn. Niemals später im Leben habe ich einen ähnlichen Schrecken und -- ich sage es aufrichtig -- eine solche Angst empfunden. Unser Boot näherte sich inzwischen immer mehr dem Kreuzungspunkt, wo es mit dem Flußpferd zusammenstoßen mußte. Mir sträubten sich die Haare bei dem Gedanken, daß das Tier unser schwer lenkbares Boot angreifen würde; doch kümmerte es sich merkwürdigerweise gar nicht um uns. Vorher auf der Jagd hatte ich nur einen Teil des Oberkörpers sowie den ungeheueren Kopf der Bestie gesehen; dies Tier aber ragte in seiner vollen Größe aus dem Wasser und schien in der Dämmerung ins Ungeheuere zu wachsen. Pereira, der die Eigenschaften des Flußpferdes kannte und es offenbar darauf ankommen lassen wollte, wer von beiden den kürzeren zog, gab schließlich einen kurzen Befehl; die Ruderer bremsten das vorwärts treibende Boot mit aller Macht und ließen das Tier vorbei. Pereira, den Finger am Drücker seines Gewehres, rührte sich nicht in seinem Stuhl. Langsam, Schritt für Schritt, tief im Sande versinkend, zog das Flußpferd etwa zwei bis drei Meter vor unserer Bootsspitze vorüber, zeitweilig stehenbleibend und uns herausfordernd anbrüllend. Weit riß es den ungeheueren Rachen auf, tief und drohend hallte das Brüllen ins Land hinein, bis es in weiter Ferne von irgendeinem Kampfbullen, der es als eine Herausforderung betrachtete, gleichsam als Echo wiedergegeben wurde.

Ich saß wie versteinert auf meinem unsicheren Sitz. Die gespenstischen Schatten der Dämmerung, die unermeßliche Macht der schaffenden Natur, welche sich in dem drohenden Ungeheuer da vor uns kundgab, hatten mich vollständig gelähmt. Ich fühlte plötzlich die unsichtbaren Gewalten und tausenderlei Gefahren, denen wir ahnungslos in diesem wilden Kontinent entgegentreten.

Doch auch diese Gefahr ging glücklich an uns vorüber, und unsere mühsame Weiterfahrt stromaufwärts verlief ohne jeden weiteren Unfall. Gegen ein Uhr nachts langten wir nach vollbrachter Riesenarbeit unserer Ruderer -- die armen Teufel hatten zwölf Stunden ohne Unterbrechung das schwerbeladene Boot gegen die Strömung hinaufgerudert -- in Boma an, wo ich nach Verschlucken einer Doppelration von Chinin, an allen Gliedern wie gelähmt, sofort in tiefen Schlaf verfiel. Leider blieb dies die einzige Jagd auf Nilpferde, die ich am Unterkongo mitmachte.

Etwa vier Wochen später wurde Magalhaes bei einer Jagd auf ein Nilpferdjunges von der Mutter, die er nicht bemerkt hatte, angegriffen. Das alte Tier warf das Kanu um, zertrümmerte einem Neger mit einem Hufschlag die Hirnschale und stürzte sich auf den des Schwimmens nicht kundigen und infolgedessen nach Hilfe rufenden Magalhaes, den es am Oberschenkel erwischte, mehrmals biß und in die Luft schleuderte, bis Magalhaes besinnungslos zwischen Schilfgras zu liegen kam. Die Neger hatten inzwischen das Boot gedreht und brachten den Besinnungslosen nach Boma, wo er infolge mehrfacher Brüche und Zerschmetterung des Oberschenkels und eines Armes sowie innerer Verletzungen binnen wenigen Stunden verschied.

Produktenhandel mit den Eingeborenen.

Doch nicht zum Vergnügen der Nilpferdjagd hatte die Direktion mich von Matadi nach Boma auf die Produktenfaktorei herunterkommen lassen. Wie bereits erwähnt, hatte ich hier Herrn Bürbank, Chef der Produktenfaktorei -- einen liebenswürdigen Holländer, der an Schwarzwasserfieber erkrankt war --, zu vertreten. Als abgehärmtes Skelett fand ich den lebensfrohen Mann ans Bett gefesselt und von der Wucht der schrecklichen Krankheit, die mit der Dysenterie die meisten Todesopfer fordert, vollständig niedergeworfen vor. Drei lange Tage hatte er in beständiger Lebensgefahr geschwebt und große Mengen Galle gebrochen, bis Podiferin -- =Pillules Antibilieuses= -- und wiederholte kräftige Einläufe den Körper so weit von allen Krankheitsstoffen befreit hatten, daß der versiegende Lebensfunken wieder langsam aufflackern konnte.

Ich hatte in der relativ kurzen Zeit meines Aufenthaltes in Banana und Fuca-Fuca von der meist portugiesischen Dienerschaft und Bevölkerung so viel von der Sprache gelernt, um ohne weiteres mit den Eingeborenen ohne Dolmetscher Handel treiben zu können. Der Produkteneintausch mit den Eingeborenen spielt sich ungefähr folgendermaßen ab:

Frühmorgens werden die Linguister (Eingeborene, die die Karawanen durch Versprechungen in die Faktorei locken sollen) mit Alkohol und allerlei Zierat, als Geschenke bestimmt, in die verschiedenen Richtungen, die ins Innere des Landes führen, ausgesandt. Schlaue Portugiesen hatten diesen Modus des Handels wegen der immer heftigeren Konkurrenz ausgedacht, und wir anderen mußten folgen, wollten wir nicht alle Karawanen zur Konkurrenz ziehen sehen. Von der Tüchtigkeit dieser Linguister im Lügen und Vorschwindeln, von der Stärke des Alkohols (die Portugiesen hatten allerhand Kniffe, um den Geschmack desselben durch Beimischen von Gewürznelken oder auch Cayenne-Pfeffer noch zu erhöhen) und schließlich auch von dem Ansehen, den dieser bei ihnen genoß, hingen dann hauptsächlich die Geschäftsresultate ab. Hatten unsere Linguister durch irgendeinen neuen Kniff die Leute betört, dann kamen in langen Reihen die Karawanen, jeder Mann seinen »Kisako«, eine Art Tragkorb, auf dem Kopf, der mit Kautschuk, Palmnüssen, Palmöl oder auch Elfenbein gefüllt war, in die Faktorei hereinspaziert.

Doch damit ist der Handel noch lange nicht erledigt. Die Konkurrenz hat mit scheelen Augen die Karawane vorüberziehen sehen und dabei nochmals durch ganz besonders gewandte Neger den Leuten »das Blaue vom Himmel versprechen lassen«. Gewöhnlich begleitet der eine oder andere Konkurrenzbote die Leute bis in die eigene Faktorei. Dazu werden von den Portugiesen wieder Eingeborene aus solchen Dörfern verwendet, die uns zumeist unbekannt sind. Werden sie ausfindig gemacht, dann verlassen sie hinkend die Faktorei und kehren bestimmt nicht wieder.

[Illustration: Produktenhandel.]

Jetzt beginnt ein Feilschen und Schachern, wovon ein europäischer Kaufmann sich schwer einen Begriff machen kann. Alkohol wird bei diesen Unterhandlungen im Überfluß gespendet. Mata biche (töte das Tier im Magen -- den Hunger --) ist das erste Wort und auch das letzte bei jeder Verhandlung. Im Halbkreis um die Wage herum sitzen die Neger und packen mit einer Umständlichkeit ihre Siebensachen aus ihren Körben heraus, die uns Europäern ein Lächeln entlockt. Gewöhnlich ist der Häuptling der Erste und Anspruchsvollste, der mit einigen Kilo Kautschuk an die Wage tritt. Der Preis, den er zuerst dafür fordert, ist das Dreifache des eigentlichen Wertes. Wer ärgerlich davonläuft, wird von einem Bakongo niemals ein Lot Kautschuk kaufen. Am meisten Erfolg wird stets der haben, der als Philosoph ruhig lächelt und das Ganze als lustigen Scherz auffaßt. Denn die Leute wissen ganz gut, daß das, was sie fordern, unmöglich ist, und grinsen ganz vergnügt, wenn der weiße Chef sie auslacht. Inzwischen werden bedächtig die kleinen, kunstvoll gearbeiteten Tonpfeifen in Brand gesetzt, die Alkoholflasche geht von Hand zu Hand, und die Kerls setzen sich gemächlich, als ob sie die ganze nächste Woche verhandeln wollen. Die Leute haben Zeit, Zeit, riesig viel Zeit. Sie kommen acht bis zehn Tagereisen aus dem Innern und wollen nun alles Neue, was um sie vorgeht, in Gemütsruhe auffassen und genießen. Darum »Eile mit Weile«!

Ganz gemütlich kehre ich nach der ersten Begrüßung an meinen Frühstückstisch zurück. Ist der mitgekommene Häuptling eine gewichtige Persönlichkeit oder mir von früher her bekannt, so lasse ich ihm durch einen Moleque -- portugiesische Bezeichnung für Diener -- eine dampfende Tasse schwarzen Kaffee bringen. Dies schmeichelt seiner Eitelkeit ganz besonders und macht ihn um einen großen Grad entgegenkommender. Inzwischen kommen immer neue Karawanen herein, die dem ersten Beispiel folgen.

Nach dem ersten Frühstück kehre ich abermals zur Wage zurück. Die Leute sind inzwischen im Preise heruntergegangen, verlangen aber immer noch zu viel. Ich erkenne, daß eine Einigung vorläufig unmöglich ist, und wende mich den Neuangekommenen zu. Bei ihnen gewöhnlich Wiederholung ungefähr der gleichen Prozedur.

Unter die zuerst Angekommenen habe ich inzwischen einige Ringe Lukolela-Tabak verteilen lassen. Diese Gratisverteilung imponiert ihnen offenbar sehr; sie ziehen mit Behagen den Duft des bei ihnen ganz besonders beliebten Krautes ein und überlegen im stillen, wie viele solcher Ringe sie sich als »Matabiche« mitnehmen werden. Inzwischen sind die Türen des Faktoreigebäudes geöffnet worden, wo Reihe an Reihe große Mengen von Tüchern, Baumwollstoffen aller Art, kurz ein ganzes Arsenal von begehrenswerten Dingen aufgestapelt liegen. Der Wunsch, all dies zu besitzen, stimmt sie nachgiebiger. Den Anführer oder Häuptling habe ich beiseite genommen und ihm außer den gewöhnlichen Draufgaben noch ein Extra-Matabiche versprochen, wenn er mir beim Kauf zur Seite steht. Kurzum, wir einigen uns auf einen Preis, der vorläufig mein Kauflimit noch überschreitet. Gestreifte und geblümte Baumwollstoffe in allen möglichen grellen Farben, Faschinenmesser, Hauen, Arm- und Beinringe aus Messing, Perlen, einige Säcke Salz usw. haben ihren Besitzer gewechselt und werden nun mit kritischen Augen betrachtet. Hat der Anführer nun erst einmal gekauft, so folgen alle anderen, wie eine Herde Schafe ihrem Leithammel. Diese sind bei weitem nicht so gerieben und verwöhnt wie der erste und nehmen, was man ihnen gibt. An ihnen muß die erste Differenz sowie das Extrageschenk dazu verdient werden. Schließlich wird der ganze Kauf noch in einer Runde Alkohol sowie verschiedenen Runden Schnupftabak gewissermaßen besiegelt. Ich habe inzwischen schnell die Gesamtbilanz gezogen und den Häuptling allein zu mir ins Magazin gebeten. Unsere weiteren Verhandlungen bleiben für alle, selbst für meine Leser, ein Geheimnis.

Es kommt aber auch vor, daß man von den Eingeborenen hineingelegt wird. Davon nur ein tragikomisches Beispiel. Eines Tages erhielt ich den Besuch eines großen Häuptlings »Nfuma mafuta mingi« der Mayumbe-Region. Er sah außerordentlich vornehm aus. Die dünnen, langen, mit schwarzem gekrullten Haar bedeckten Beine staken in einer Pumphose, die vor Jahren einmal weiß gewesen war; um den knochigen Körper schlotterte ein Gehrock, in den an verschiedenen Stellen mittels weißen Zwirns Flicken eingesetzt waren. Die mit Amuletten aller Art verzierte Brust schmückte stolz die Nickelmedaille, das Abzeichen der vom Staat anerkannten Häuptlinge. Mit dem Gruße »Mbote Nfuma« trat der Mann, gefolgt von zwei Eingeborenen seines Dorfes, zu mir auf die Veranda, nahm aus den Händen seiner Diener zwei große fette Hühner sowie eine Kalebasse mit süßem Palmwein und legte sie mit hoheitsvoller Würde zu meinen Füßen nieder. Das mindeste, was man in solchen Fällen tun kann, noch dazu, wenn man ein Geschenk erhält, ist, seinem Gast einen Stuhl anzubieten. Dies tat ich, und Nfuma mafuta mingi drehte zuerst das eine Bein einwärts, dann das zweite und setzte sich darauf mit sehr viel Würde mir gegenüber nieder.

Behaglich lehnte ich mich inzwischen in meinen Stuhl zurück und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Einige Minuten völligen Stillschweigens vergingen, dann begann Mafuta mingi:

»Ich komme von meinem Dorf.«

»Gut, das freut mich,« erwiderte ich und überlegte im stillen: Sicherlich will der Mann irgendeinen Dienst von mir, daher die Geschenke.

Wir sahen einander einige Minuten schweigend, prüfend an.

Dann fuhr er fort: »Um dir guten Morgen zu sagen.«

Ich bin von jeher ein höflicher Mann gewesen und erwiderte nun meinerseits den Gruß, gespannt, was darauf folgen sollte. Wieder langes Stillschweigen -- endlich:

»Ich bringe dir hier dieses Geschenk.« Ah, denke ich, jetzt kommt es. Doch wieder hatte ich mich getäuscht. Nach weiteren fünf Minuten Stillschweigens fing ich an ungeduldig zu werden und fragte mich vergeblich, was der gute Mann eigentlich von mir wollte. »Ist das alles, und bist du darum aus dem Dorfe gekommen, um mir nur guten Tag zu sagen und ein Geschenk zu bringen?«

Diese Frage verwirrte ihn offenbar noch mehr, und er antwortete: »Ich habe dir dieses Geschenk gebracht, weil du mein Chef und ein guter Chef bist und weil ich dich lieb habe.«