Part 7
Am 15. April mittags brach ein Tornado über uns herein, der uns mitten auf dem Strome überraschte und uns allen fast zum Verhängnis wurde. Der Morgen begann mit feinem Regen, später wurde es empfindlich kalt, tiefer Nebel legte sich im Laufe des Vormittags auf die Wasserfläche, so daß die Orientierung ziemlich schwer wurde. Gegen Mittag vernahmen wir in der Ferne ein Rauschen und Brausen in den Wipfeln der Bäume, das immer tosender wurde und sich mit rasender Geschwindigkeit uns näherte. Van den Andel versuchte sofort, das Schiff durch die in der Fahrtrinne unter Wasser liegenden Sandbänke in die Nähe des Ufers in Sicherheit zu bringen, doch der herannahende Orkan überholte uns. Unter Heulen und Sausen fegte der Sturm über uns her, und der Donner krachte. Prasselnd zog eine undurchdringliche Regenwand über das Wasser her und ging wie eine wahre Sintflut über uns nieder, alles, was nicht niet- und nagelfest an Bord verstaut war, mit sich in den Strom reißend. Mächtige Orkanstöße trafen das Schiff von einer Seite, so daß es zu kentern drohte. Unwillkürlich flüchtete alles vor der Wucht der Regenmassen auf die andere Seite des Dampfers. Der Kapitän stürzte, in der Rechten die Nilpferdpeitsche, in der Linken den Revolver, ins Unterdeck und peitschte unbarmherzig auf die nackten Leiber der vor Todesangst heulenden und »Kilima«, ihren Gott, anrufenden Neger, um sie auf die andere Seite zu treiben, welche unbedingt belastet werden mußte, wollten wir nicht alle eine Beute der Krokodile werden. Inzwischen zuckten Blitze und krachte der Donner unaufhörlich. Unser Dampfer war »mit höchster Geschwindigkeit« auf eine Sandbank aufgefahren, wurde vom Wirbelwind erfaßt, wie ein Kreisel um sich gedreht und, ein Spielball von Wind und Wetter, stromabwärts getrieben. Die Stahltrossen beider Anker, die wir bei der ersten Sandbank ausgeworfen hatten, waren von der Wucht des Sturmes wie Zwirn zerrissen worden. Die überirdischen Mächte hatten ihren Riesenmund aufgetan und zu reden begonnen, die gewaltigen Urwaldstämme wurden vom Sturm mit mächtigen Fäusten gepackt und inmitten von Feuer und Flammen der niedersplitternden Blitze mit donnerartigem Krach zu Boden geschleudert. Himmel und Erde berührten sich in den herabstürzenden Wassermassen, die Hölle schien ihren Schlund geöffnet zu haben.
Völlig machtlos, wie eine Nußschale, war unser Dampfer einige hundert Meter stromabwärts gegen eine breite, unter Wasser liegende Sandbank getrieben, die seinem weiteren Lauf glücklicherweise ein Ziel setzte. Hier blieb er festsitzen -- wir waren gerettet. Wohl eine halbe Stunde mochte der Himmel all seine Schleusen über uns geöffnet haben, ehe wir wagten, wieder freier aufzuatmen und die Schäden, die der Tornado angerichtet hatte, näher zu betrachten. Wir saßen zwar auf der Sandbank fest, doch der Dampfer hatte mit Ausnahme der zwei gesprengten Stahltrossen und Anker, die sich übrigens bald wieder vorfanden, keinerlei Schaden genommen. Dagegen hatten wir zwei Ziegen, sämtliche Hühner und Enten sowie einen Teil der kleinen Bagage unserer Mannschaft eingebüßt, ein Verlust, der in Anbetracht der schweren Gefahr, in der wir alle geschwebt hatten, nicht bedeutend war. Unser Glück wollte, daß gerade der Dampfer »Schattenstroem« gesichtet wurde, der auf unsere Notsignale hin uns Hilfe brachte, so daß wir binnen drei Stunden von der Sandbank loskamen.
Wir passierten Mobeka und gelangten schließlich nach Irengi und Upoto, der Stätte der Sehnsucht so mancher Europäer, da hier die Mädchen und Frauen, gleich Eva vor dem Sündenfall, in anmutiger Unschuld ihren Körper vollständig nackt dem Auge darbieten. Je weiter man sich vom Stanley-Pool entfernt, desto mehr verkürzt sich der kunstvolle Faltenüberwurf der Negerinnen von oben als auch von unten, bis hier in Upoto auch die letzte Hülle fällt und dem anfänglich erstaunten Auge gleich einer antiken Statue den ebenmäßig schöngeformten Körper enthüllt. Weder Mieder noch Schuh entstellt die schlanke Gestalt, keinerlei Modekünste verunstalten den zierlichen Fuß. In harmonischer Linie, ein einheitliches Ganzes bildend, erweckt das entblößte Weib dem Beschauer nur Bewunderung für das Herrliche, was die Natur im Frauenkörper geschaffen hat. Unbefangen gehen Frauen und Mädchen im Evakostüm ihrer Arbeit nach, unbefangen sind ihre Bewegungen und Mienen.
So eigenartig es uns auch im ersten Augenblick anmutet, alle unsere europäischen Anschauungen und Begriffe von Schamgefühl hier umgeworfen zu finden, merken wir nach kurzer Zeit mit Erstaunen, daß der unbekleidete, lebenskräftige Körper uns gar nicht erotisch berührt. Ist es in Europa der ungewohnte Anblick eines Körpers, der gewöhnlich sorgsam vor unserem Auge gehütet wurde? Liegt es in unserer Erziehung oder anderer Lebensauffassung, oder nimmt der zufällig bloße Körper einer Frau infolge des verletzten Schamgefühls Stellungen ein, die unwillkürlich beim Betrachten erotische Gefühle hervorrufen? Kurzum -- ich habe nichts dergleichen beim Anblick dieser Frauen gefühlt, und nicht etwa aus dem Grunde, daß sie nach europäischen Begriffen unschön wären. Der Europäer ist im allgemeinen geneigt, alle Neger und Negerinnen häßlich zu finden. Auch hierin begeht er einen Irrtum. Wenn man viele Jahre zwischen ihnen gelebt hat, bemerkt man, daß es zwischen ihnen ebensowohl schöne als häßliche Menschen gibt, geradeso wie bei uns Europäern. Ich habe im Laufe meiner vielen Reisen Negerinnen gesehen, die es an Grazie, Wuchs und Gestalt mit jeder Europäerin aufnehmen konnten.
Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß alte sowie schwangere Frauen die Blößen ihres Körpers verdecken, nur Kinder, junge, gesunde Mädchen und Frauen sind unbekleidet. Der Mangel einer Kleidung soll nicht bedeuten, daß die Mädchen und Frauen Upotos verhältnismäßig nicht ebenso eitel wie ihre Schwestern in Europa wären. Ihre Eitelkeit ist nur anderer Art und besteht darin, unförmige Bündel von Perlen sich um den Hals zu hängen oder schwere Messingringe (oft zwei bis drei Kilogramm schwer) um Füße, Hals oder Hände schmieden zu lassen. Doch damit noch nicht genug verunstaltet, werden Arme und Gesicht zu einer greulichen Maske tätowiert.
In Upoto kam Janssen, mein zukünftiger Chef, an Bord und schlug mir gegenüber gleich einen so kameradschaftlichen Ton an, daß wir sofort gute Freunde wurden. Er hatte keinerlei Geheimnisse vor mir, zeigte mir sämtliche Briefe und Instruktionen aus Brazzaville, und die nächsten Tage vergingen wie im Fluge mit Plänen und Besprechungen.
[Illustration: Der Kongo bei Upoto.]
Wir passierten auf unserer weiteren Reise Basoko, an der Mündung des Aruwimi, und Isangi, an der Mündung des Lomamiflusses gelegen, und trafen nach 24tägiger Flußfahrt in Stanleyville, dem Endziele unserer Reise, ein. Ich betrachtete Stanleyville eigentlich erst als Ausgangspunkt meiner afrikanischen Laufbahn und das vorher Erlebte gewissermaßen als eine Art Übergangsstadium.
Stanleyville liegt am rechten Ufer des Flusses unmittelbar unterhalb des ersten der sieben verschiedenen Fälle und Katarakte, die insgesamt unter dem Namen »Stanleyfalls« bekannt sind und der Schiffahrt am Oberkongo vorläufig ein Ende setzen. Als Endstation der Dampferlinien und Ausgangspunkt der Truppen, die nach dem Osten gegen die revoltierenden Soldaten der Expedition Baron Dhanis und zur Unterdrückung der Araberaufstände entsandt wurden, war Stanleyville bereits Beginn 1899 eine ansehnliche Station und zählte gegen 42 europäische Beamte und Offiziere unter der Leitung eines =Commissaire général=.
Unsere Ankunft fiel in eine kritische Periode. Stanleyville war vor kurzem anläßlich der Kämpfe mit den Arabern und Suaheli der Schauplatz blutiger Ereignisse gewesen. Gegen 35000 Suaheli (berüchtigte Sklavenjäger und Mischvolk aus Arabern und den verschiedenen Negerstämmen), die das Nutzlose weiterer Kämpfe eingesehen und sich ergeben hatten, waren zwangsweise in der Umgebung von Stanleyville und den Strom entlang, bis La Romée, angesiedelt worden. Diese unbotmäßigen Horden zu regieren und ihrem Morden und Plündern Einhalt zu gebieten, war keineswegs eine leichte Sache. Reibungen entstanden oftmals aus geringfügigen Anlässen, und das Bewußtsein von der Übermacht dieser Fanatiker gegenüber dem Häuflein von Europäern erweckte in uns das Gefühl, auf einem Pulverfaß zu sitzen.
Kommandant Verdonk, der damalige Distrikts-, später Generalkommissar, empfing uns auf das liebenswürdigste und händigte uns die Schlüssel der Faktorei, die Herr Kiel ihm vor seiner Abreise übergeben hatte, aus.
Nach all den herrlichen Staatsposten, die wir im Laufe unserer Reise besuchten, hatte ich mich natürlich in Gedanken oftmals gefragt, wie wohl meine zukünftige Faktorei aussehen möge, und da der Kapitän keine befriedigende Auskunft zu geben vermochte, mir in meiner regen Phantasie ein kleines Schmuckkästchen, unter lauschigen Palmen oder Mangobäumen hervorlugend, vorgestellt. Unsere aufs höchste gespannten Erwartungen machten daher einer tiefen Niedergeschlagenheit Platz beim Anblick der inmitten eines vollständig kahlen, zum Fluß abfallenden Geländes gelegenen armseligen paar Gebäude, die unsere Faktorei vorstellen sollten. Die ehemals diesseits des Flusses am Ufer entlang liegende Kaffeeplantage war von unserem Vorgänger mit Stumpf und Stiel ausgerottet und an deren Stelle auch nicht der leiseste Versuch unternommen worden, das nunmehr vollständig kahle Terrain mit Nutz- und Zierbäumen zu bepflanzen. An Baulichkeiten bestand vorläufig nichts als ein kleines unansehnliches, provisorisches Haus mit zwei Räumen, dessen einer als Schlafzimmer, der zweite als Waren- und Produktenmagazin diente. Außer diesem provisorischen Gebäude hatte Kiel mit dem Bau eines Magazins begonnen, von dessen einen Hälfte man hoffen konnte, daß sie in den nächsten Tagen vollendet sein würde. Die ganze Einrichtung war den Verhältnissen entsprechend höchst primitiv und nur für eine Person berechnet, so daß es, vom Bett angefangen, am Nötigsten für mich mangelte. Offenbar hatte unser Vorgänger seine ganze Aufmerksamkeit und Energie einzig und allein dem Handel mit den Arabern und Eingeborenen zugewendet und darüber seine eigene Bequemlichkeit vollständig außer acht gelassen.
[Illustration: Mustapha mit Familie.]
Hier gab es Arbeit für uns beide in Hülle und Fülle. Ein komfortables Wohnhaus, Bett, Tisch, Stühle, Schränke, kurzum, alles fehlte und mußte geschaffen werden. Wir richteten uns also vorläufig so gut wie möglich in den beiden Räumen ein und brachten die aus dem Dampfer entladenen Waren und Lebensmittel mangels eines Magazins auf den Veranden und in dem unvollendeten Bau unter. Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch verließ uns der »Nfuma ntanga«, und wir hatten nunmehr Gelegenheit, unser Personal etwas näher zu inspizieren.
Laut Angabe der Direktion sollte dasselbe aus dem schwarzen Schreiber, der die Arbeiten eines europäischen Beamten verrichtete, und zwanzig ausgewählten Männern von der Küste, darunter Schreiner und Schlosser, bestehen. Die meisten dieser Leute, vor allem die Handwerker, hatten jedoch die Faktorei gleichzeitig mit Kiel verlassen und waren an die Küste zurückgekehrt. Zurückgeblieben waren nur fünf Mann, und diese gehörten zu jener Kategorie von Leuten, die sich schnell irgendwo eingewöhnen und dann auch dableiben. Sie hatten sich, wie wir bald bemerkten, einen vollständigen Harem von Boys und Frauen zugelegt, steckten mit den Arabern unter einer Decke und waren mit der Zeit träge und faul geworden. Außer diesen sechs Mann von der Küste waren je nach Bedarf zwanzig bis dreißig Suaheli unter der Leitung eines Chef-Capitas mit Namen Mustapha auf der Faktorei, Sklaven des arabischen Oberhauptes Shibu, die monatlich ausbezahlt wurden. In Mustapha hatte unser Vorgänger entschieden eine glückliche Wahl getroffen. Er war von zierlicher Gestalt, hellbrauner Farbe und gewinnendem Wesen. Seine Gesichtszüge trugen arabischen Charakter und waren unstreitig intelligent. Lippen und Nase waren im Gegensatz zu den Eingeborenen schmal und edel geformt, Hände und Füße zart und sorgfältig gepflegt. Die etwas hervortretenden Backenknochen und flammenden Augen gaben dem Gesicht ein energisches Gepräge. Den europäischen Beamten und höheren Sultans und Scheikhs gegenüber stets bescheiden und zuvorkommend, war er gegenüber den Arbeitern und Negern stets der befehlende Gebieter, dem sie unbedingt gehorchten. Dies ist in kurzen Umrissen das Charakterbild des Mannes, der als Dolmetscher und im Umgang mit den Arabern unser hauptsächlichster Führer und Berater wurde. In allem war er versiert, in allem wußte er Bescheid.
Am Tage nach unserer Ankunft, und noch ehe wir Gelegenheit gehabt hatten, uns völlig einzurichten, war Mustapha mit den arabischen Häuptlingen der Umgebung, wie Habibu Ben Salim (der später vom König Leopold in Brüssel in Audienz empfangen wurde), und Shibu, erschienen, um uns zu begrüßen. Beide, imposante Greise mit herrlichen schneeweißen Bärten, in golddurchwirkte, mit kostbaren Handarbeiten besetzte Gewänder gehüllt, gefolgt von zahlreichem, vom Kopf bis zu den Füßen in blendend weiße Hemden gekleidetem Volk, machten auf uns, die wir bisher nur mit halb oder ganz nackten Wilden Handel getrieben hatten, einen imposanten Eindruck. Da die gläubigen Araber, wenigstens öffentlich, keinen Alkohol, auch keinen Champagner trinken, ließen wir ihnen schwarzen Kaffee mit englischen Cakes vorsetzen. Mustapha vermittelte das Gespräch als Dolmetscher, und wir erfuhren bei dieser Gelegenheit, daß unser Vorgänger es verstanden hatte, sich ihre Freundschaft zu erwerben. Mit der beiderseitigen Zusicherung, es auch fernerhin so zu halten, versprachen sie, uns ausgiebig mit Elfenbein und Reis zu versorgen.
Fußnote:
[4] =Katuka= -- schau, daß du fortkommst, =nyama= -- gleichbedeutend mit »Vieh«.
Erste Besuche bei den Araberhäuptlingen.
Kiel hatte auf seiner Rückkehr nach dem »Pool« zirka 4000 Kilogramm Reis von den Arabern mitgenommen, die er mangels genügender Warenvorräte nicht hatte bezahlen können und schuldig geblieben war. Diese Schulden zu begleichen, erachteten wir als unsere erste Pflicht. Unser Hauptgläubiger residierte in Romée, und da unser Dampfer uns bereits verlassen hatte, beschlossen wir kurz, sofort mit unserm großen Kanu, das etwa 2000 Kilogramm an Waren sowie zwanzig Ruderer bequem fassen konnte, dort hinzufahren. Das Boot hatte eine Länge von etwa acht Meter und eine durchschnittliche Breite und Tiefe von 120 respektive 75 Zentimeter. In der Mitte befand sich ein Aufbau, eine Art Blätterdach zum Schutz gegen Sonne und Regen, groß genug, um uns beide in unseren Stühlen und sämtliche Waren unterzubringen. Dahinter war aus Lehm eine Art Feuerstelle hergerichtet, worauf unser Koch auch während der Fahrt unser Essen zubereitete. Ganz vorn und hinten standen, gleichmäßig verteilt, zwanzig bis dreißig Ruderer, die, im Takte singend, mit ihren lanzenförmigen Rudern das Boot vorwärtstrieben.
Wer die primitiven Werkzeuge der Neger aus Museen kennt, wird es für ganz und gar ausgeschlossen halten, daß Negerhände damit den langwierigen, viel Geschicklichkeit erfordernden Bau eines derartigen Kanus ausführen konnten. Wenn man bedenkt, welche ungeheure Mühe es erfordert, solch einen Urwaldriesen zu fällen, zu entrinden und mittels Feuer und Hacken Splitter für Splitter auszuhöhlen, dann wird man einen hohen Respekt vor der Arbeitskraft dieser Eingeborenen bekommen. Zu berücksichtigen dabei ist noch, daß sich nur das härteste Holz und nur Stämme dazu eignen, die ohne Äste und Fehler sind.
Als wir endlich alle im Boote untergebracht waren und unter dem gleichmäßigen Takt eines Gongs und dem Jubelgesang der Ruderer, die stromabwärts leichte Arbeit hatten, wie ein Pfeil über die Wasserfläche dahinflogen, da pochte mein Herz laut im stolzen Hochgefühl und der Gewißheit, endlich meine Träume erfüllt zu sehen. An einer Anzahl Dörfer vorüber, deren Einwohner beim Passieren unseres Kanus neugierig ans Ufer eilten, gelangten wir nach etwa zweistündiger Fahrt zur Mission St. Gabriel de Sacré Coeur, deren Patres uns aufs liebenswürdigste bewillkommneten und über Mittag zu Gast baten.
Der Pater Gabriel war ein äußerst jovialer Franzose, der uns über die Anfänge seiner Mission und die tausenderlei Gefahren und Schwierigkeiten, unter denen er zu leiden hatte, berichtete. Sein Gefährte Pater van Dussen hatte uns an der Landungsstelle empfangen und durch sein gespenstisches Aussehen einen für immer unvergeßlichen Eindruck auf mich gemacht. Man stelle sich ein weit über das normale Maß hinausreichendes Skelett in einer ebenso langen weißen Soutane vor, darüber einen Bart, der nach allen Seiten in noch nie gesehener Üppigkeit wucherte, und zwei kolossale, schwarze Augengläser, die den Rest des gerunzelten, bis zu den Knochen abgemagerten, fahlen Gesichtes völlig dem Beschauer entzog, da der übrige Teil desselben durch den großen, breitrandigen Tropenhut vollkommen verdeckt wurde. Er war schon sehr alt, der ehrwürdige Pater, und wußte viel Interessantes über seine Erlebnisse in Südamerika, wo er viele Jahre bis zur Verstoßung der katholischen Mission geweilt hatte, zu berichten. Still ergeben in sein Schicksal, hatte er hier kurz vor seinem Lebensabend einen neuen Wirkungskreis gefunden. Im übrigen waren beide äußerst vergnügt, Gesellschaft auf ihrer einsamen Station zu erhalten, und überboten sich trotz der bescheidenen Mittel, die ihnen zur Verfügung standen, in ihrer Gastfreundschaft. Aus ihren Erzählungen erfuhren wir, daß vor einigen Tagen zwei Missionsmädchen von großen Affen, die alljährlich aus dem Innern an die Flußufer kommen, geraubt worden waren. Nach den Schilderungen dürften es Gorillas oder Schimpansen gewesen sein. Als Pater Gabriel sich mit einigen Soldaten auf die Verfolgung machte und auf eines der Tiere schoß, ließ es das Mädchen von der Höhe fallen. Dieses lebte noch, hatte jedoch infolge des Sturzes derartige innere Verletzungen davongetragen, daß es binnen einigen Stunden starb. Die anderen hatten mit dem zweiten Mädchen unter furchtbarem Brüllen das Weite gesucht und konnten in dem tiefen Morast nicht weiter verfolgt werden.
Nach herzlichem Abschied verließen wir gegen drei Uhr nachmittags Le Sacré Coeur und fuhren weiter stromabwärts. An den Flußufern fanden wir keine weiteren Dörfer vor. Dagegen wurden aus dem grünen Vorhang des Waldes, der alles Lebende dahinter unserem Auge verhüllte, langgezogene Töne und Ausrufe hörbar, die von Mustapha beantwortet wurden. Eingeborene boten uns alle möglichen Gegenstände, darunter auch Sklaven und Sklavinnen, zum Kaufe an. Der Sklavenhandel ist hier unter den Suaheli noch in vollem Betrieb. Sklaven bilden den eigentlichen Reichtum der Neger und werden gerade so wie andere verkäufliche Gegenstände verhandelt.
Meine Unterhaltung mit Janssen verstummte allmählich, und ich gab mich ganz der weihevollen Stimmung hin, die am Spätnachmittag über dem Strom lag. Meine Sinne öffneten sich all dem Neuen, das sich mir hier erschloß. Meine Blicke schweiften von dem vor mir trommelnden Mustapha, dessen Wiege wahrscheinlich im fernen Osten in Sansibar gestanden hat, und der so wie ich durch Schicksalsfügung mitten unter die raubgierigsten aller Völker Innerafrikas verschlagen war, hinüber zu den muskulösen, schweißtriefenden Gestalten unserer Ruderer. Das Auge weidete sich an dem prächtigen Anblick dieser jungen lebenstrotzenden, braunen Körper, die die Ruder mit taktmäßigem, wuchtigem Schlag durch das glitzernde Wasser führten. Unwillkürlich blieb mein Blick an einer der schmalen, feingeformten Hände hängen, dieser Rassenhand, die ebensogut das Messer zückt, um das ungetreue Weib zu töten, als den meuchlings niedergestreckten Feind in Stücke zu teilen, um ihn tief im Innern der Urwälder, bis wohin die Gesetze der Europäer nicht reichen, mit den Gefährten aufzufressen.
Wohin das Auge blickt, überall spielt sich der gleiche Kampf des Schwachen mit dem Mächtigeren ab; es ist ein beständiger Streit zwischen Sein und Nichtsein. Tief aus dem Gewirr von Bäumen und stacheligen Pflanzen tritt unbemerkt ein kleines, schmächtiges Keimchen hervor. Gleich einer Schlange schmiegt und ringelt es sich am gewaltigen Stamme hinauf dem Licht der Sonne zu, die es zu neuem Leben entfacht und ihm Kraft verleiht. Bald streckt es tausend Fühler aus, die gleich Parasiten ihren Ernährer umarmen und von dessen Herzblut leben. Einmal ans volle Licht gelangt, entwickelt das Pflänzchen ein riesiges Laubgewinde und stößt Tausende von neuen Trieben aus, die von den Baumkronen der höchsten Riesen bis zur Erde reichen. Mit den Jahren werden sie so mächtig, daß sie ihren Ernährer in ihren kraftvollen Armen ersticken und durch ihre eigenen Blätterranken des notwendigen Lichtes berauben, bis ein Tornado Sieger und Besiegten zu Boden schleudert.
[Illustration: Budjas-Frau.]
An schlanken ~Elais~palmen, an herrlichem Urwald vorüber, aus dessen Tiefen uns ein aromatischer, die Sinne bestrickender Duft entgegenströmte, glitt unser Boot. Hier flogen unter lautem Geschnatter ein paar Enten auf, dort stürzte ein Fischadler auf seine Beute, wieder kamen wir an Scharen schlafender Fledermäuse vorbei, die in Klumpen wie reife Früchte an irgendeinem vollständig kahlen Baume hingen. Alles war meinem freudetrunkenen Auge so neu und ungewohnt und versetzte mich in einen völligen Taumel von Entzücken.
Bei einbrechender Dunkelheit erreichten wir unsere erste Etappe, die englische Mission in Jakussi, und wurden daselbst von Sir Roger und Mr. Williams auf das liebenswürdigste aufgenommen. Besonders freudig überraschte es uns, in der Gattin unseres Gastgebers eine reizende, anmutige Engländerin in dieser unwirtlichen Gegend Innerafrikas kennenzulernen. Da wir der englischen Sprache mächtig waren, verging der Abend in sehr vergnügter und angenehmer Unterhaltung. Die Missionare erzählten von den Leiden und Freuden ihres weltabgeschiedenen Lebens, während Mrs. Roger fünf bis sechs reizende Mulattinnen im Alter von acht bis zwölf Jahren um sich versammelt hatte und in die Geheimnisse der Näharbeit einweihte. Nach langer Zeit schlief ich wieder einmal in weichen Federbetten in einem mit europäischem Komfort eingerichteten Zimmer. Am anderen Morgen war alles in großer Aufregung; ein Leopard war in der Station gewesen und hatte einen der großen Hunde weggeholt.
[Illustration: Bambala-Mann.]
Frühmorgens verließen wir Jakussi, um unsere Reise stromabwärts fortzusetzen. Nach dreistündiger Fahrt gelangten wir am rechten Ufer an die erste arabische Niederlassung des Häuptlings Rumbee, der nach den Aufzeichnungen unseres Vorgängers unser Hauptreislieferant war und für uns 200 Sack auf Lager haben sollte. Dieser hatte, des langen Wartens überdrüssig, seinen ganzen Vorrat bereits an den Staat abgegeben, so daß wir das Nachsehen hatten. Wir bezahlten unsere alten Schulden und erreichten endlich nach vielem Hin- und Herparlamentieren, daß er uns versprach, Ende des nächsten Monates 200 Sack Reis nachzuliefern. Da sich nach Mustaphas Aussagen auf dieser Seite des Stromes noch mehrere Araberansiedlungen vorfanden, sandten wir unser Boot stromabwärts voraus und gingen selbst zu Fuß durch die bald größeren, bald kleineren Reisplantagen. Die Ansiedlungen der Suaheli zeichnen sich durch ihre großzügige Anlage und ihre Reinlichkeit aus. Die Bauten sind in Pise (Gerippe aus Holz, Aufbau aus einem Gemisch von Lehm und Termitenerde) ausgeführt und gewöhnlich weiß, hellblau oder auch rosa getüncht. Solch ein Gebäude besteht aus dem Frontbau mit Vorhallen und den Schlafgemächern, an welche sich eine Hecke anschließt, die den Hof und die Wirtschaftsgebäude umzäunt. In dem letzteren befinden sich die Küche, Vorratskammer sowie Schlafgemächer für die unmittelbare Hausdienerschaft. Der dazwischenliegende Hof dient zum Aufenthalt der Frauen und des Geflügels. Die Wohnungen der Häuptlinge sind ebenso gehalten, nur entsprechend größer und besitzen als besondere Merkmale eine Säulenhalle oder eine schwere, mit eingeschnitzten Schriftzeichen verzierte Tür. Bei wundervoll schönem Wetter machten wir einen Spaziergang durch die verschiedenen Plantagen von Mais, Maniok, Bananen, Yam, Bohnen und Reis, die die Suaheli am Flußufer entlang angelegt hatten. Aus allen Türspalten, Nischen und über Hecken hinweg lugten kleine Hausfrauen.
[Illustration: Wabongo-Mann.]
Beim letzten dieser Dörfer bestiegen wir wieder unser Boot und ließen uns auf das linke Flußufer übersetzen, um dem Oberhäuptling von ~Romée~ Mansuri Ben Said, der über 15000 Suaheli gebietet, einen Besuch abzustatten. Der alte Häuptling war vor kurzem gestorben, und wir wurden daher von seiner ehemaligen Favoritin und ihrem Sohne, seinem Nachfolger, empfangen. Wir zahlten auch hier alte Schulden ab, hatten aber Mühe, ihn zu neuen Geschäften zu bewegen, da er mit den Abgaben an den Staat im Rückstand war und fürchtete, seine Waren würden in Stanleyville beschlagnahmt werden. Schließlich versprach er uns für den nächsten Monat 500 Sack Reis und stellte uns auch einige schwere Elfenbeinzähne in Aussicht. Wir hatten nunmehr unsere Arbeiten erledigt und traten die Heimreise an. Jetzt lernten wir die Kehrseite einer Kanufahrt kennen. Solange das Boot mit der Strömung fährt, geht die Sache vorzüglich, stromaufwärts jedoch ist es eine andere Sache. Schritt für Schritt, träge und faul schleicht das Boot trotz vermehrter Arbeitskraft am Ufer entlang, jeder Meter vorwärts wird der Strömung unter Aufbietung aller Kräfte abgerungen. Unsere Ruderer waren in Schweiß gebadet, das fröhliche Singen hatte einer unwilligen und mürrischen Stimmung Platz gemacht.
Langsam versank die Sonne als leuchtender Feuerball am Firmament. Große Fledermäuse, Vampire und anderes nächtliches Getier huschte mit dunklen Schwingen über die Wasserfläche, irgendwo in der Ferne heulte ein Schakal jämmerlich. Zum Quaken der Frösche gesellte sich ein Orchester von Baumgrillen und hundert anderen Insekten, die an dem nächtlichen Konzert teilnahmen. Die Dunkelheit brach herein, und es begann langsam zu regnen, so daß wir froh waren, endlich beim Häuptling Rumbee noch kurz vor Ausbruch eines Orkans Unterschlupf zu finden. Meine Leute hatten kaum genügend Zeit, den erstbesten Negerchimbeque (Hütte) für Janssen und mich mit Beschlag zu belegen und dessen Einwohner, primitive Bassengi, hinauszutreiben, als auch bereits ein wahrer Wolkenbruch über uns niederging. Dazu war die armselige, niedrige Hütte noch derartig mit Rauch angefüllt, daß wir uns trotz des Feuers kaum sehen konnten. Unsere Boys hatten jedoch inzwischen alle unsere Siebensachen aus dem Boote hierher ins Trockene gebracht, und es blieb uns nichts übrig, als hier zu übernachten.
[Illustration: Wabongo-Frau.]