Chapter 5 of 15 · 3998 words · ~20 min read

Part 5

»Ah, sehr brav, sehr brav, mein lieber Freund«, antworte ich darauf, innerlich tief beschämt und erstaunt über so viel Liebe und Aufmerksamkeit von seiten eines Mannes, den ich bisher höchstens dreimal gesehen.

Wieder hüllten wir uns in tiefes Stillschweigen. Die Idee, daß der gute Mann eigens mir zuliebe die weite Reise gemacht haben sollte, wollte mir doch nicht so recht in den Kopf. Wäre ich ein abergläubischer Mensch gewesen, so hätte ich jetzt ernstlich Furcht vor irgendeiner Hexerei empfunden, die der Häuptling mit mir vorhatte, so unverwandt und durchdringend blickten seine Augen mich an. Doch da ich als guter Mensch von meinen Nächsten stets das Beste denke, so hatte ich keine Furcht, sondern fühlte nur ein leises Unbehagen, zumal ich nicht recht wußte, auf welche Weise ich mich für so viel Güte revanchieren sollte. Ich verließ also meinen Lehnstuhl und machte einen kleinen Rundgang in der Faktorei, um die verschiedenen Arbeiten zu inspizieren. Das war gegen 9 Uhr morgens. Etwa eine Stunde später kehrte ich auf die Veranda zurück und fand den guten Mann, den ich völlig vergessen hatte, mit seinen beiden Dienern auf der gleichen Stelle hockend vor.

»Mfumu, seit etwa vierzehn Tagen habe ich hier« -- dabei deutete er in die Magengegend -- »ein Tier, welches auf und ab geht und mir meinen Schlaf raubt.«

Da haben wir die Bescherung, dachte ich, sicherlich wünscht der Brave ein Medikament. Mit ernsthafter Miene ließ ich mir die Örtlichkeit seiner Schmerzen von ihm näher erklären. Diesmal lamentierte er fließend weiter:

»Und da ich weiß, daß du ein guter Chef und großer Medizinmann bist, der alle Teufel zu bezwingen vermag, bin ich zu dir gekommen, dich zu bitten, das Tier im Magen zu töten.«

Unwillkürlich setzte ich eine wichtige Miene auf -- ein Beweis, daß eine Schmeichelei, selbst von einem Negerhäuptling, niemals ihre Wirkung verfehlt -- und stellte die bei derartigen Anlässen üblichen Fragen.

»Laß die Zunge sehen -- gut. Bist du bei gutem Appetit?«

»Nein.«

»Gehst du regelmäßig ins Grüne?«

»Seit einer Woche nicht.«

»Ah, ah« -- schließe ich meine Diagnose, »der Fall ist schwer, sehr schwer.« Gewichtig schreite ich ein paarmal auf und ab, die Stirne in krause Falten ziehend. Für mich, der ich niemals einen pharmazeutischen Kursus zu absolvieren Gelegenheit hatte, bedeutete dies einen ganz komplizierten Fall. Meine Wissenschaft in derartigen Dingen reichte gerade so weit, um sofort mit klarem Blick zu erkennen, daß hier nur ein kräftiges Purgativ, wie =Magnesium sulfuricum= (Bittersalz) helfen konnte. Ich entnahm daher meinem Arzneikasten eine Flasche, welche das Heilmittel für den Patienten enthielt. Dieser war mir auf den Fersen gefolgt und hatte mißtrauisch jede meiner Bewegungen beobachtet. Ich füllte einen Löffel bis zum Rand und leerte ihn in ein Glas. Dies genügt für gewöhnlich, doch, teils aus Mitleid für die Qualen, welche der Bedauernswerte bisher erduldet hatte, teils aus Vorsicht, weil Negermagen stets die doppelte Dosis vertragen können, leerte ich einen zweiten vollen Suppenlöffel mit der gebührenden Feierlichkeit in das Glas.

Die Zubereitung einer Medizin, die den »bösen Geist im Körper töten sollte«, mußte natürlich im mystischen Dunkel erfolgen, damit mein Ruf als Medizinmann nicht vom Erstbesten vernichtet werden konnte. Ich trat daher in meine Dunkelkammer, in welcher mein Boy vorher das rote Licht angezündet hatte, und in deren geheimnisvollem roten Schein füllte ich das Glas bis zum Rande mit »=aqua destillata=«. Hierauf reichte ich dem Häuptling, der von der Veranda aus den ganzen Vorgang beobachtet hatte, das Glas mit gebieterischer Gebärde. »Trinke!«

Dieselbe Gebärde und Haltung mir gegenüber einnehmend, erwiderte dieser:

»Trinke du zuerst!«

Mit einem Schlag stürzte ich aus meinen mystischen Höhen, in die mich die Zubereitung der Medizin versetzt hatte. Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Doch ein Blick auf den Patienten genügte, um zu sehen, daß ich recht gehört hatte und daß dies sein bitterer Ernst war.

»Aber ich bin doch nicht krank!« erklärte ich.

»Wenn du nicht krank bist, dann wird es dir nicht schaden«, war die Antwort.

»Aber ich gehe doch regelmäßig, jeden Tag ... ins Grüne!«

»So wirst du eben noch regelmäßiger gehen.«

»Ah, geh zum Teufel, wenn du nicht trinken willst, dann schau, daß du weiterkommst!«

»Aber ich will ja trinken, nur mußt du zuerst die Hälfte trinken!«

»Wenn du nur die Hälfte trinkst, dann nützt die Medizin nichts, du mußt alles trinken.«

»Gut, dann trinke du das ganze Glas und bereite mir die gleiche Medizin nochmals!«

»Der Teufel soll dich holen -- Kaluka -- schau, daß du fortkommst!«

Bis zu diesem Augenblick hatte ich die Angelegenheit von der komischen Seite betrachtet. Nun fing ich wirklich an, ärgerlich zu werden. Mein Patient ließ sich durch meinen Zorn durchaus nicht aus dem Gleichmut bringen. Langsam erhob er sich, setzte die Füße einwärts, schüttelte das greise Haupt:

»Wa--wa--wa--was? Du willst nicht trinken? Dann hast du mich vergiften wollen!«

Und seine beiden Diener nickten zustimmend mit den Köpfen und wiederholten: »-- vergiften -- vergiften wollen.«

Ich erstickte vor Wut und mußte mich zusammennehmen, um ihnen nicht das Glas an den Kopf zu werfen.

»Und wir gehen jetzt zum Richter, um dich anzuzeigen!«

Mir wurde es schwarz vor den Augen; ich fühlte, wie mir eine Blutwelle zu Kopf stieg. Da hatte ich mir eine schöne Suppe eingebrockt! Hin und her überlegend, rannte ich wie ein wildes Tier auf der Veranda auf und ab. Der Satz: »dann wolltest du mich vergiften« ging mir im Kopf herum. Ich konnte den Esel doch nicht im Glauben lassen, daß ich es wirklich auf sein Leben abgesehen hatte. Der Kerl wäre imstande, die Geschichte in ganz Boma und Umgebung zu verbreiten. Er hatte zwei Zeugen, die offenbar ganz der gleichen Meinung waren. In Gedanken sah ich mich schon vor das Schwurgericht gestellt! Ich würde ja sicherlich freigesprochen werden, aber ein Makel würde ebenso sicher auf meinem Namen bleiben, und ich sah schon in Gedanken die englischen Missionare in ihren Journalen der Welt verkünden: Mißglückter Versuch eines Händlers, einen bedeutenden Eingeborenenhäuptling zu ermorden! Aussagen von zwei Zeugen, die zugegen waren. Urteil der Kongogerichte. Freispruch des Mörders mangels genügender Beweise!

Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich bei diesem Dilemma. Am liebsten hätte ich dem Kerl von meinem Capita[3] 25 Hiebe mit der Nilpferdpeitsche aufzählen lassen. Doch nein -- rechtzeitig hielt ich inne! -- Mißglückter Vergiftungsversuch -- dann Prügel -- vielleicht gar Totschlag -- mir wurde es schwarz vor den Augen! »Ah, wenn ich wenigstens noch Bittersalz vertragen könnte! Doch ich versichere, nicht einmal riechen, geschweige denn trinken konnte ich bisher das abscheuliche Zeug. Ach, in welches Wespennest hatte ich da die Hand hineingesteckt! -- Es sollte mir nichts übrigbleiben -- ihr werdet sehen!« --

Mafuta mingi stand noch immer vor mir, das Glas mit meiner Medizin in der Hand. Plötzlich reifte ein heroischer Entschluß in mir, ich nahm das Glas und leerte es auf einen Zug!

Mafuta mingis Gesicht verzerrte sich zu einem behaglichen Grinsen; ich aber rannte zu meiner Flasche, schüttete vor seinen Augen drei große Löffel in das Glas und füllte dieses bis zum Rand mit =aqua destillata=.

»So, jetzt trinke, sonst erschlage ich dich auf der Stelle.« -- -- --

Eine Woche später erschien Mafuta mingi wieder, um mir für den Erfolg meiner Behandlung zu danken; er war zwei Tage lang fortwährend -- ins Grüne gegangen. Und ich armer Teufel -- --?!

Ich habe in meinem späteren Leben niemals mehr einem Häuptling eine Medizin gegeben.

Die Fahrt zum Stanley-Pool. Leopoldville. Brazzaville.

Von Matadi stromaufwärts bis zum Stanley-Pool bildet der Kongofluß eine Reihe von Katarakten, Stromschnellen und Strudeln, die für Dampfer völlig unpassierbar sind, so daß diese Strecke in früheren Jahren mit Karawane zu Fuß zurückgelegt werden mußte. Im März 1890 wurde mit dem Bau der 500 Kilometer langen Eisenbahn begonnen, und im Jahre 1898 wurde diese offiziell dem Verkehr übergeben. Wer sein ganzes Leben in der Heimat hinterm Bureautisch in beschaulicher Ruhe zugebracht hat, wer als Weltbummler, dank seines Goldes, in bequeme Sessel zurückgelehnt, eine Vergnügungsreise über die Kristallberge nach dem Stanley-Pool macht, der wird keine Ahnung von der Riesenarbeit haben, die durch menschliche Intelligenz hier geschaffen, von dem Kampf zweier Welten, der hier ausgefochten worden ist und Tausende von Opfern durch Seuchen aller Art gefordert hat. Niemals wird er sich davon Rechenschaft ablegen, wieviel menschliches Blut hier an jedem Schritt Landes haftet, und wie viele vor ihm ihre Gesundheit, ihren Verstand und ihr Leben bei dieser mörderischen Arbeit lassen mußten. Der aber, der mehr als einmal unter viel kleineren Aufgaben zusammengebrochen ist, der am eigenen Körper die erschlaffende Wirkung der Sonnenstrahlen empfunden hat, kann sich eine Vorstellung davon machen, was es heißt, dieses Riesenwerk in den Granitfelsen in schwindelnder Höhe entstehen zu lassen.

Hinaus aus der Station eilt der Zug -- zur Linken, fast senkrecht in der Tiefe, winkt der Kongofluß mit den bekannten Jellala-Katarakten und Strudeln. Gleich einem Band schmiegt sich der schmale Bahnkörper an die mächtige überhängende Felswand. Ein Lockern der Schienen an irgendeiner Stelle würde den Zug 300 Fuß senkrecht in die Tiefe stürzen lassen, wie dies beim Bau der Bahn wiederholt vorgekommen sein soll. Wir wagten gar nicht daran zu denken. Bei der nächsten Biegung bot sich unseren Augen der Ausblick auf einen schäumenden Wasserkessel. Vor uns, gleich zwei Dolomitentürmen, ragten zwei Felskegel, rings von rötlichem Gestein und vereinzeltem Strauchwerk umgeben, senkrecht empor. An dieser Stelle mündet der Pozo, ein kleiner Gebirgsfluß, der über große Granitblöcke, wie Champagner perlend, in die Tiefe stürzt, in den Kongo ein. Wir folgten dem Laufe dieses Wildbaches etwa eine halbe Stunde stromaufwärts. Zu beiden Seiten genossen wir einen Ausblick, wie er nirgends auf der Welt schöner zu finden ist. Phantastisch zerklüftetes Felsengebirge, von den ersten Sonnenstrahlen mit zartem Rosahauch übergossen, formt bald große Dome, bald trägt es wieder den Charakter der Dolomiten. In der Tiefe rauscht der tosende Wildbach zwischen Felsblöcken dahin, bald einen Wasserfall, bald ein großes Sammelbecken bildend. Kaleidoskopartig ziehen alle diese Bilder an unseren Augen vorbei. In raschem Lauf erklomm der Zug, von zwei kräftigen Bergmaschinen getrieben, in langen Spiralen das vor uns liegende Hochgebirge.

Behaglich in einem drehbaren, federnden Madeirafauteuil sitzend, wandte ich mich meinem Gegenüber, dem Kommandanten der französischen Tschadsee-Expedition, Gentil, zu, der mir in den nächsten Tagen viel Interessantes über seine Feldzüge in Tongking und gegen die chinesischen Piraten erzählte. Wir teilten den Waggon nur noch mit zwei Missionaren der Missionsstation »Kimuenza«, mit denen wir uns im weiteren Verlaufe der Reise noch anfreundeten. Vorläufig waren sie noch mit ihrem Frühstück aus der mitgebrachten Proviantkiste beschäftigt. Moderne Speisewagen und Restaurants gab es auf dieser Linie noch nicht. Jeder Reisende hatte Proviant für zwei Tage, also für die Reisedauer, mitzunehmen.

[Illustration: Eine Kurve der Kongobahn.]

Nach einiger Zeit hatten wir den höchsten Punkt der Trasse erreicht und warfen noch einen Blick zurück. Der Pozo schlängelte sich einige tausend Fuß unter uns gleich einem Faden dahin. Wir hatten nunmehr eine Art Hochplateau erreicht und eilten bald an kahlem Felsgestein, bald an Sümpfen, an kleinen Wäldern und Morast vorbei. Jede Viertelstunde hielt der Zug still, um die Wasserkessel neu zu füllen, da der Dampfverbrauch bei der großen Steigung sehr groß ist. Gegen Mittag erreichten wir die Waldzone.

Von der Glut der Sonne zu grenzenloser Kraftentfaltung getrieben, reckt der Urwald überall, wo Gewässer durch den stehenden Schlamm der dunklen, schattigen Moräste rieseln, ein Blätterdach von unendlicher Mannigfaltigkeit gegen den Himmel. In dem dunklen, rätselhaften Schatten dieser Vegetation wogt ein beständiger unerbittlicher Kampf um die Lebenskraft, um das Licht. Stahlharte Kautschukmuskeln in Gestalt einer rankenden Liane, aus einem schwanken Reis im Laufe der Zeit zum furchtbarsten Gegner emporgewachsen, umklammern den Körper der Urwaldriesen, um in unaufhörlichem Durst deren Herzblut auszusaugen und sie schließlich zu Boden zu zwingen.

Unser Zug raste mit Windeseile dahin, vorbei an kolossalen, aus Lianen aller Art bestehenden Triumphbogen, vorbei an Lichtungen, wo Bananen, Palmen und tausenderlei Blattpflanzen eine Welt für sich bilden. Unser Auge weidete sich freudetrunken an den herrlichen Schätzen, die uns die Natur enthüllte und in der Phantasie ahnen ließ. Gegen 6 Uhr abends kamen wir in Thysville an und unterbrachen hier die Fahrt, da die Strecke nachts nicht befahren werden kann. Wir fanden hier in den verschiedenen Faktoreien behaglich eingerichtete Zimmer vor und nahmen sofort ein erfrischendes Bad, um uns von den Strapazen der Reise zu erholen.

Am folgenden Morgen, gegen 8 Uhr, setzten wir die Reise fort. Diese führte wieder größtenteils durch herrlichen Urwald. Wir waren in der sogenannten Waldzone angelangt, und das Zirpen der Baumgrillen, das Kreischen der Papageien und Lockrufen einer Menge anderer Vögel übertönte das Getöse des dahineilenden Zuges.

Ein Ruf höchster Bewunderung entrang sich unser aller Lippen, als nachmittags, nach einer kurzen Steigung plötzlich zu unseren Füßen der Stanley-Pool in silbernem Blau erglänzte. Gleich einem Binnensee glitzert und spiegelt die unermeßliche Wasserfläche, soweit das Auge reicht, in allen Tönungen, vom zartesten Grün bis zum tiefsten Dunkelblau, während in weiter Ferne, ganz am Horizont, Kreidefelsen -- auch Dover Cliffs genannt -- das Panorama wie eine Gletscherkette abschließen.

Nach einer kleinen Viertelstunde Fahrt am Ufer des Pools entlang erreichten wir Kinschassa, das vorläufige Ziel meiner Reise, während der Zug noch ein kurzes Stückchen weiter bis nach Leopoldville, im Volksmund kurz »Leo« oder auch »Kintambo« genannt, ging.

[Illustration: Faktoreigebäude Kinschassa.]

Hier wurde ich von Herrn Tours, dem Chef der holländischen Faktorei, welcher von meiner Ankunft bereits telegraphisch verständigt war, empfangen und auf das liebenswürdigste bewillkommt.

Der Stanley-Pool ist gewissermaßen das Tor Innerafrikas, der Ausgangspunkt der Schiffahrt nach dem oberen Kongo und seiner zahlreichen Nebenflüsse. Um voll zu verstehen, was der Kongo, dieser mächtigste Fluß Zentralafrikas, als natürliche Verkehrsader für die Nutzbarmachung des Riesenreiches mit einem Flächeninhalt von rund 2260000 Quadratkilometer bedeutet, muß man sich vergegenwärtigen, daß etwa 14200 Kilometer des Flußsystems schiffbar sind, was, auf unsere europäischen Verhältnisse übertragen, ungefähr der Gesamtausdehnung der Küsten des Mittelmeeres (etwa 14500 Kilometer) gleichkommt.

Infolge seiner zentralen Lage als Endpunkt der 500 Kilometer langen Eisenbahn und als Stapelplatz des Verkehrs nach dem Inlande ist Leopoldville dazu berufen, dereinst die Hauptstadt des Kongostaates zu werden. Kinschassa, unweit Leopoldville am Stanley-Pool inmitten hundertjähriger Baobabriesen anmutig gelegen, bildet eine Art Vorstadt, das Faktorei-Viertel der Metropole. Mit Leopoldville ist es durch eine breite Allee verbunden, welche dem Pool entlang durch Ansiedlungen der Eingeborenen der Umgebung führt und zu beiden Seiten mit Mangobäumen und Baobabs bepflanzt ist.

Gleich nach unserer Ankunft in Kinschassa gingen wir zu Fuß nach Leopoldville. Von der einsamen langen Wanderung sahen wir uns mitten in das Großgetriebe eines afrikanischen Hafenplatzes versetzt. Lange Kolonnen von Trägern mit ihren Lasten von Ballen, Kisten oder Koffern auf dem Kopf treffen von den verschiedenen Richtungen her am Hafen ein und bringen die Landesprodukte entweder sofort an Bord der verankerten Schiffe oder reihen sie am Quai unter Aufsicht von europäischen Beamten ein. Andere Gruppen wieder laden die kostbare Ladung von Rohgummi und Elfenbeinzähnen aus den Dampfern direkt in die bis an die Quais heranfahrenden Eisenbahnwaggons um. Das Getriebe am Hafen läßt sich am besten mit einem Ameisenhaufen vergleichen. Der erste Eindruck des oberflächlichen Beschauers ist der eines wirren Durcheinanders, eines widersinnigen Hin- und Herlaufens. In Wirklichkeit aber herrscht musterhafte Ordnung, strenge Aufsicht und Zucht. Jede der hier arbeitenden Kolonnen steht unter Kontrolle eines europäischen Beamten. Alle die Fäden dieses komplizierten Betriebes, der viel Umsicht erheischt und von dessen tadellosem Funktionieren das Schicksal von Menschenleben tief im Innern des Landes abhängt, vereinigen sich in der Hand des Distrikts-Kommissars, des Allgewaltigen von Leopoldville, der über das Ganze gebietet, und ohne dessen Einwilligung kein Dampfer den Hafen verlassen darf.

Was jeden Neuling am Hafen in erster Linie fesselt und seine Aufmerksamkeit an sich zieht, ist die ganz eigenartige Bauart der Dampfer. Der Kongo verbreitert sich in seinem Oberlauf, an der sogenannten Äquatorialkurve, zu einem unendlich langen Binnensee. Stellenweise ist der Fluß bis zu 18 Kilometer breit. Ausgedehnte Inseln und Sandbänke verlegen das Flußbett und hemmen die Schiffahrt. Der Verkehr ist zu normalen Zeiten schwierig, besonders aber zu Zeiten der Trockenperiode, bei niederem Wasserstand, wo einzelne Durchfahrtsstellen kaum fünf bis sechs Fuß, d. h. 1,50 bis 1,80 Meter tief sind. Diesem Umstand mußte nun bei der Konstruktion der Schiffe Rechnung getragen werden. Es entstand ein ganz eigenartiger Typ von Raddampfern -- sogenannte Flachboote -- die im Verhältnis zur Länge sehr breit sind, geringen Tiefgang besitzen und von einem großen Schaufelrad, das am Hinterteil des Schiffes, ähnlich einem Mühlenrad, angebracht ist, getrieben werden. Maschinen, Heizanlagen und Kessel sind im Unterdeck eingebaut, und auch ein Teil der Ladung, der auf Deck nicht untergebracht werden kann, und Brennholz zur Speisung der Maschine, muß daselbst verstaut werden. Darüber befinden sich die Kabinen des Kapitäns und der Passagiere sowie die Kommandobrücke. Zur Zeit meiner ersten Reise galten 50 Tonnen Laderaum schon als respektabel; späterhin wurden von der Regierung Dampfer in Dienst gestellt, die bis zu 250 Tonnen Ladung fassen konnten.

[Illustration: Kongodampfer.]

Eine breite Allee führt an Ziergärten und reizenden Villen mit breiten Veranden vorbei zur »Grande Place«, wo sich auf einem Sockel mit dem Bildnis König Leopold =I.= eine prachtvolle weibliche Figur als Sinnbild der »Zivilisation«, die Schöpfung eines dänischen Offiziers, erhebt. Von hier aus führen mehrere mit Ananas-, Mango- und Papaibäumen bepflanzte Alleen in alle vier Windrichtungen. Wir folgten einer derselben und gelangten auf eine Anhöhe, von der aus wir einen prächtigen Rundblick genossen.

Zu unseren Füßen, lieblich am Gestade des Pools inmitten von Palmenhainen und kleinen Ziergärten gelegen, schmiegt sich die Villenkolonie von Leopoldville an das sanft ansteigende Gelände. Die kleinen Einfamilienhäuschen mit den luftigen Veranden und weißen Dächern lugen anmutig aus dem Grün hervor und machen den Eindruck behaglichen Komforts.

In leuchtender Apotheose versank der Sonnenball gleich einer Feuerkugel am Horizont, flammende Strahlenbündel vom hellsten Rot bis zum zartesten Smaragdgrün in allen Regenbogennuancen zum Äther emporsendend. Der Stanley-Pool erschien in flammende Lohe getaucht; auf seiner spiegelnden Wasserfläche schimmerten Myriaden leuchtender Blutstropfen; die in weiter Ferne, am Nordende des Pools gelegenen Kreidefelsen erstrahlten im magischen Alpenglühen. Doch nur kurze Zeit wahrte die prächtige Farbensinfonie; die hellen Akkorde verklangen und gingen in Moll-Tönungen, die bis zum tiefsten Violett hinunterreichten, über. Bald schwanden auch diese dahin, und die weichen Konturen der von der Sonne bestrahlten Landschaft nahmen plötzlich härtere Linien an. Ein tiefer Ernst war über die Natur gekommen; ein leichtes Frösteln durchschauerte den Körper und mahnte zur Heimkehr.

Das Angesicht des Stanley-Pools hatte sich völlig verändert. Schwarze Felsmassen und unwirtliche Inseln ragten tückisch über den Wasserspiegel empor und zauberten unheimliche Trugbilder vor die Sinne. Hier und dort stiegen Myriaden giftiger Keime aus ihren feuchten Brutstätten empor und ballten sich zu bläulichen Nebelschwaden, die im nächtlichen Reigen auf und nieder wallten. Diese in Europa als Bodennebel bezeichneten Dunstmassen bergen in den Tropen die heimtückischen Malariaträger, die für den eingewanderten Europäer entweder den Tod oder lebenslängliches Siechtum bedeuten. Eine innere Stimme warnte uns, nicht länger hier draußen zu verweilen, sondern ungesäumt das schützende Heim aufzusuchen. Wir wurden uns bewußt, daß unsichtbare, feindliche Mächte uns umlauerten, daß in den Tiefen des Stanley-Pools, der tagsüber, solange er von der Sonne beleuchtet ist, dem friedlichen Himmel gleicht, das raubgierige, gefräßige Krokodil auf den Einbruch der Nacht wartet, um unter dem Schutz der Dunkelheit sein nasses Reich zu verlassen und die ahnungslose Beute zu überfallen.

Nach dem Glauben der Neger Innerafrikas gehört die Nacht den bösen Geistern und verfluchten Seelen, die bald in der Gestalt eines Leoparden, Krokodils oder einer giftigen Schlange alle diejenigen, die das schützende Dach verlassen, dahinmorden.

[Illustration: Häuptling mit Familie im Festschmuck.]

Welche Gründe eigentlich dafür maßgebend waren, daß die Direktion der N. A. H. V.-Oberkongo-Abteilung auf französisches Gebiet, nach Brazzaville auf dem gegenüberliegenden Ufer des Stanley-Pools, verlegt wurde, ist mir stets ein Rätsel geblieben. Die Meinungen darüber sind geteilt. Die einen sprechen von Divergenzen mit den Machthabern des neuerstandenen belgischen Kongostaates, die anderen leiten die Tatsache aus dem Umstande ab, daß ein Großteil der Faktoreien im Gebiete des französischen Kongo liegt. Vielleicht waren auch die Eingeborenen am jenseitigen Ufer friedlicherer Natur. Ich überlasse dem geneigten Leser die Wahl einer der drei angeführten Gründe. Tatsache ist, daß Brazzaville zum Sitze des Direktors der Oberkongo-Abteilung auserkoren wurde und es bis zum heutigen Tage geblieben ist.

Meine Ankunft in Kinschassa war in Brazzaville bereits bekannt, und am nächsten Morgen holte mich unser kleiner Schraubendampfer »Wendeline« zu einem Besuch daselbst ab.

Noch lagerten dichte Nebelschwaden über der Fläche des Stanley-Pools, als wir ins Ungewisse hinausfuhren. Doch unser Kapitän kannte die Route ganz genau; er hatte sie von seinen täglichen Reisen gewissermaßen in der Hand, und sicher führte sein Steuer uns an großen Felsblöcken oder Teilen einer Insel, die plötzlich in gespensterhafter Größe aus dem Nebelmeer hervortraten, vorbei. Spukgestalten gleich, von der Brandung umtost, schwanden sie dahin, als bestünden sie in Wirklichkeit gar nicht, sondern wären nur Ausgeburten einer geängstigten Phantasie. Ein unheimliches Gefühl überkam mich bei dieser Fahrt ins Ungewisse. Der kühle, feuchte Nebel drang durch das leichte Tropenkostüm, legte sich wie ein Alp auf die Brust und machte einen vor Kälte erschauern. Trompetensignale, Trommelwirbel und das Tuten von Dampfpfeifen deuteten auf die unmittelbare Nähe von Leopoldville hin, doch weder Ufer noch Stadt waren sichtbar.

Der Dampfer machte jetzt eine scharfe Wendung nach Steuerbord. Aus dem Nebelmeer vor uns stieg eine größere Sandbank mit bewaldetem Hintergrund gespenstisch empor. Der Kapitän bezeichnete mir diese Insel als die »Insel der dem Tode Geweihten«. Eine elende Baracke -- das Infektionsspital -- erhebt sich einige Schritte vom Ufer. In ihr kampieren Pockenkranke im vorgeschrittenen, unheilbaren Stadium. Diese Bedauernswerten, die eine beständige Gefahr für ihre Umgebung bilden und nicht mehr zu retten sind, werden auf die völlig abgeschiedene Insel gebracht, um hier ihr jämmerliches Dasein zu beschließen. Allwöchentlich einmal bringt ihnen eine Barkasse aus Leopoldsville das Nötigste an Nahrungsmitteln. Stirbt einer dieser Unglücklichen, so wirft man ihn ins Wasser, den Krokodilen und Fischen zum Fraß!

Weiter ging unsere Fahrt in raschem Tempo.

Als feuerroter Glutball war die Sonne inzwischen aus den Nebelschwaden emporgestiegen. Noch besaßen ihre Strahlen nicht die Kraft, die Macht der Finsternis zu bannen und die dichten Nebelschleier zu durchdringen. Gelang es dennoch hier oder dort ihren milden Strahlen, siegreich eine Bresche in die wallenden Dunstmassen zu schlagen, dann trieb ein Lufthauch sofort neue Nebelmassen heran. Kurze Zeit nur währte der ungleiche Kampf mit dem Tagesgestirn um die Vorherrschaft. Königin Sonne, mit dem flammenden Schwert umgürtet und dem leuchtenden Prunkgewande der Morgenröte angetan, blieb Siegerin, vor deren wärmespendenden Strahlen der Nebel schließlich zerriß und verschwand.

Wir waren allmählich in die Mitte des Stanley-Pools auf halbem Wege zwischen Leopoldville und Brazzaville gelangt; die Trompetensignale und Trommelwirbel von beiden Ufern drangen wie aus weiter Ferne zu uns. Dagegen zog ein zunehmender Schall, wie das Tosen von über Felsen stürzenden Wassermassen oder das Brechen der Brandung, meine Aufmerksamkeit auf sich. Über die Ursache dieses Getöses befragt, erklärte der Kapitän kaltblütig, daß er infolge des Nebels und der Gefahr von Kollisionen mit den von Leopoldville ausfahrenden Dampfern genötigt war, eine Route zu nehmen, die knapp oberhalb der berüchtigten Stromschnellen, die der Kongofluß beim Austritt aus dem Stanley-Pool bildet, führte. Wir überquerten demnach den südwestlichen Teil des Pools, der wegen der Nähe der Katarakte und der Gefahr, von der reißenden Strömung mitgerissen zu werden, im allgemeinen gemieden wird.

Wie ich später in Brazzaville erfuhr, war unser Kapitän für seine tollkühnen Fahrten allgemein bekannt. Er galt als einer der verwegensten Fahrer, und in Marinekreisen zirkulierte der Ausspruch, daß er seine Seele dem Teufel verschrieben habe. Gleichmütig zählte er mir die verschiedenen Dampfer auf, die der tosende Katarakt mit Mann und Maus verschlungen, und bezeichnete mir die Stellen, wo sie verschwunden waren, um nie wieder an der Wasseroberfläche zu erscheinen.

Unwillkürlich hingen meine Blicke gebannt am Manometer. In Gedanken legte ich mir zurecht, was ich zu meiner Rettung versuchen würde, falls aus irgendeinem Grunde der Druck nachlassen oder die Maschine versagen sollte. Nach einigen Minuten banger Erwartung überwogen die Gedanken der Zuversicht -- unser kleiner Dampfer »Wendeline« hielt sich tapfer und überwand ohne nennenswerte Anstrengung die starke Strömung. Eine Viertelstunde später landeten wir in unserer Zentrale inmitten einer ganz stattlichen Anzahl von Schiffen. Die Flottille der N. A. H. V. im Oberkongo umfaßte derzeit 16 Dampfer verschiedener Größe, nicht miteingerechnet die vielen eisernen Baleinieren -- Barkassen, wie sie zum Walfischfang verwendet werden.

Eine schattige Allee von Mangobäumen, der Stolz von Brazzaville, führt vom Landungssteg an verschiedenen Wohngebäuden entlang zum Sitz des Direktors.