Chapter 1 of 17 · 3855 words · ~19 min read

Part 1

Der Skorpion II

Alle Rechte vorbehalten Copyright by Askanischer Verlag Berlin 1921

Druck von Herrosé & Ziemsen G. m. b. H., Wittenberg (Bez. Halle) Einband von E. Albert Kindle, Berlin SW

Anna Elisabet Weirauch

Der Skorpion

Ein Roman

Qui vivens laedit Morte medetur

Zweiter Band

Askanischer Verlag Berlin 1921

O sorte dura, che mi fa esser quale Punta d’un Scorpio, et domandar riparo Contr’el velen’ d’all ’istesso animale.

(Louïze Labé.)

Mette Rudloff verschloß und verriegelte die Tür. Sie hörte die Schritte des Mädchens sich entfernen, hörte das An- und Abknipsen der elektrischen Schalter, irgendwo in ziemlicher Entfernung eine Klinke gehen, eine Angel kreischen – wieder Schritte ... das war wohl in einem andern Stockwerk – ein leises, immer wiederkehrendes ungleichmäßiges Geräusch, als ob ein offenstehendes Fenster im Winde klappte. Und Stille. Eine weit sich wölbende, leere, kühle, dunkle, reglos harrende Stille.

Mette mußte sich entschließen, endlich die Hand vom Riegel zu nehmen und nach dem Lichtschalter zu gehen, obgleich sie sich ein wenig fürchtete vor dem Schall ihrer Tritte und dem Rauschen ihrer Röcke. Sie drehte alle Flammen an, auch die kleinen Lampen neben dem Bett und auf dem Schreibtisch. Die blendende Lichtfülle tat ihr wohl. In dem überhellen Raum ging sie an den Wänden entlang, schloß die leeren Schränke auf und wieder zu, hob die Gardinen und ließ sie wieder fallen. Sie hatte nicht den Gedanken, daß sich irgendwo ein Mensch, ein Verbrecher verborgen haben könnte, aber sie versuchte, sich auf jede Weise mit der fremden Umgebung vertraut zu machen. Sie hatte Angst davor, daß irgend etwas sie überraschen und dadurch erschrecken könnte. Die nie gesehenen Möbel konnten im dunklen Zimmer so leicht eine spukhafte Gestalt annehmen, ein Luftzug konnte der Gardine die Form eines Menschen geben. Sie betrachtete auch die Bilder mit Aufmerksamkeit. Sie erinnerte sich aus fiebrigen Abenden der Kinderzeit, daß selbst wohlbekannte Bilder, wenn man sie in der Dämmerung oder beim Schein des Nachtlichts vom Bett aus sah, sich zu grauenvollen Fratzen verwandeln konnten.

Sie versuchte, sich die Linien der blühenden Landschaften, der friedlichen Bauernhäuschen, der drolligen Kinderköpfchen einzuprägen, um sie nachher wiederzufinden in den verschwommenen Flecken, die sich so gern zu hohngrinsenden Ungeheuern, zu ekelerregenden oder furchteinflößenden Fabelwesen ballten und zerrten.

Als sie das Zimmer auf diese Art untersucht hatte, drehte sie das Licht wieder aus, bis auf eine Birne, die den übermäßig großen Raum nur dämmrig erhellte. Aber nun war in dieser Dämmerung nichts Erschreckendes mehr – Mette wußte ja: dieser vorspringende Schatten war die geschweifte Kommode, und der befremdende Lichtschein kam von der Kante des Waschtischspiegels, die ihn von dem Bild der Lampe im Schrankspiegel auffing.

Sie schloß den Handkoffer auf und nahm das Notwendigste heraus: das Nachthemd, das sie übers Bett warf, ein paar Flaschen und Bürsten, die sie nach dem Waschtisch trug. Dann zog sie den Nachttischkasten auf und legte ihn mit einem weichen seidenen Tuch aus, – so sorgfältig, als glätte sie einem Geliebten das Lager oder bereite eine priesterliche Handlung vor. Mit behutsamen Bewegungen, als trüge sie etwas Lebendiges, bettete sie den Revolver und das Zigarettenetui mit dem Skorpion hinein. Sie schob den Kasten zu, mit einer angestrengten Entschlußkraft, denn wie immer, weckte der Anblick des Revolvers den fast leidenschaftlichen Wunsch in ihr, den kühlen glatten metallenen Mund an die Schläfe zu setzen. Sie fürchtete sich davor, diesem Wunsch nachzugeben, denn sie wußte nicht, ob nicht eine plötzliche Regung sie verleiten würde, die Sicherung zu lösen, den Hahn zu berühren und also mehr durch einen Zufall als aus Notwendigkeit sich selbst zu zerstören, und damit Denken, Fühlen, Erinnerung und Erwartung auszulöschen.

Sie wollte nicht sterben. Oder vielmehr, sie wäre gern gestorben, wenn sie nicht dann hätte tot sein müssen. Sie wäre gern desselben Todes gestorben, den Olga Radó starb, nur um sich mit dem letzten Gedanken sagen zu können, daß sie nun ertrug, was Olga ertragen hatte, und daß es also nicht so unerträglich sein konnte, nicht so entsetzlich, wie die unerfahrene Phantasie es sich ausmalte.

Aber andererseits hatte sie eine brennende Begier nach dem Leben, von dem sie so wenig wußte. Nicht, daß sie sich große Freuden, hohe Entzückungen davon versprochen hätte. Aber sie fühlte sich dem schönen und grauenvollen Untier gegenüber so gut gewappnet, daß es schade gewesen wäre, den Kampf aufzugeben. Ihr war, als hätte Olgas Blut ihrer Seele das unverletzliche Kleid gegeben, das der hörnerne Siegfried im Blute des Drachen gewann. Sie war überzeugt, das Schönste, das Schwerste, das Wichtigste ihres Lebens überstanden zu haben. In der Tragödie oder Komödie, in der mitzuwirken sie durch ihre Geburt gezwungen war, hatte sie nur im ersten Akt eine Rolle zu spielen gehabt. Alle Kräfte und Gefühle hatte sie verausgabt – nun mischte sie sich unter die Statisten, noch glühend, aber doch schon ermüdet von den Erschütterungen, die sie durchtobt hatten, und sah halb neugierig und halb gelangweilt dem Spiel der andern zu.

Aber im Grunde überwog die Neugier, und obgleich sie wußte, oder zu wissen glaubte, daß sie niemals mehr einer starken Empfindung – sei es Glück oder Schmerz – fähig sein würde, obgleich sie ihr Gemüt gegen Eindrücke jeder Art gepanzert fühlte, drängte es sie, gleichsam um die Unversehrbarkeit dieses Panzers zu erproben, Eindrücke aufzusuchen, sich ihnen darzubieten – sich in das Gewühl des Kampfes zu stürzen, die starrenden Speerspitzen gegen die Brust zu drücken.

Das erste, dem sie sich willig hingab, und dessen Verwundungen sie früher sicher nicht standgehalten hätte, war dies: Fremde und Einsamkeit.

Aus dem Gefühl heraus, daß sie selber in ihrer jungen Freiheit sich dies erwählt hatte: Fremde und Einsamkeit, und bei dem Gedanken daran, daß nichts ihr mehr wehtun könne und wehtun dürfe seit der Trennung von Olga, seit Olgas Tod, empfand sie die kühle und fast feindliche Stille als wohltuend und erlösend.

Sie wußte es: die Einsamkeit würde sie ertragen können. Aber morgen würde sie gezwungen sein, mit zehn oder fünfzig fremden Menschen in einem Raum ihre Mahlzeiten einzunehmen. Diese Vorstellung hatte etwas atemraubendes. Neugierige Augen prickelten auf ihrer Haut wie Nadelspitzen. Aber auch das würde sich ertragen lassen.

Unten im Haus schlug eine Tür, dumpf und schwer, daß ein Zittern durch alle Wände lief. Der Fahrstuhl hob sich mit einem summenden Geräusch – es war, als ob in dem Riesenleib des Hauses ein mühsamer Atemzug aufröchelte. In der Stille der Nacht vernahm man ganz deutlich das Knacken, wenn er am ersten, am zweiten Stockwerk vorüberglitt.

Man hörte das Aufschnappen der Tür, das Ins-Schloß-Fallen, Schlüssel-Klappern, Schließen, das Drehen der Lichtschalter, Schritte, die behutsam über den dämpfenden Teppich gingen, aber doch die Dielen zum Knarren brachten, ein unterdrücktes Lachen, ein geflüstertes Gute-Nacht-Rufen.

Mette versuchte nachzuprüfen, ob die Stimmen, die sie kaum vernommen, angenehm oder unangenehm gewesen seien – sie kam zu keinem abschließenden Urteil.

Die Tür zum Nebenzimmer ging. Man hörte das leiseste Geräusch, das Anknipsen des Lichtes, das Zuziehen der Fenstervorhänge.

Nichts wußte Mette von diesem Menschen da nebenan, nichts. Nicht einmal den Namen, nicht das Alter, nicht einmal so viel, wie jedes Gesicht verrät, das auf einer dunklen Straße an einem nachlässigen Blick vorübergleitet – und doch wußte sie, daß dieses nachbarliche Wesen nicht gern früh geweckt wurde – denn es verschloß die Fenster mit ungewöhnlicher Sorgfalt. Es mußte ein rücksichtsvoller Mensch sein, denn er bemühte sich, leise zu sein, zog gleich die Stiefel aus und schlüpfte in weiche Schuhe, so daß man den Schritt nicht mehr hörte, ihn nur noch durch eine leichte Erschütterung spürte. Es war auch ein reinlicher Mensch, der sich trotz der späten Stunde mit viel Ausdauer die Zähne putzte.

Mette mußte lächeln. Vielleicht wäre es das Sicherste, die Bekanntschaft aller Menschen auf diese Weise zu machen. Was half es einem, den Namen eines Fremden zu erfahren, oder seinen Beruf, oder den Stand seines Vaters! Was half es einem, mit einem Menschen zu plaudern, Stunden und Stunden, um schließlich nichts von ihm zu wissen, als wo er den letzten Sommer verbracht hatte, oder wie er die Besetzung der neuesten Operette fand! Und was half es einem, wenn man Wand an Wand mit einem Menschen wohnte und jeden Atemzug hörte ... und doch nichts von ihm wußte?

Ach, was half es selbst, mit einem Menschen eines Blutes zu sein, und alle Tage des Lebens, vom ersten an, mit ihm zu verbringen. Oder was half es, einen Menschen zu lieben, ihn zu lieben mit jeder Faser des Leibes und der Seele – wenn im letzten Grunde doch einer nichts vom andern wußte!

Es war so unendlich schwer, sich zurechtzufinden in diesem Wirrwarr von Charakteren, Gefühlen, Schicksalen und Lügen, die so millionenfach verschlungen, einen selbst mit umschlangen – ach, so schwer, daß man hätte weinen können, wenn man daran dachte, wie hilflos man war!

Mette trat ans Fenster und lehnte sich hinaus. Sie suchte am Himmel den Antares, ihren Stern. Aber die Brandmauern der Häuser verdeckten ihn. Sie beugte sich ein wenig weiter und sah in den Schacht des Hofes hinunter. Ein seltsamer Schwindel faßte sie an. Wenn sie in die Tiefe da hinunterglitte, würde es kein Mensch bemerken. Und wenn man morgen früh ihre Leiche dort unten fände, würde man nicht wissen, was man anfangen, wen man rufen, wen man benachrichtigen sollte.

Mette Rudloff war ja jetzt frei. So frei, daß ihr ein leiser Schauer über den Rücken rieselte. Nirgends der Druck einer Kette, aber auch nirgends ein haltendes Band, nirgends eine engende Mauer, aber auch nirgends ein schützendes Dach.

Die Menschen, denen Liebe oder Pflicht sie verbunden hatte, waren tot. Vater war tot, Olga war tot. Von den andern hatte sie selbst sich mit scharfem Schnitt gelöst.

Und nun glitt sie frei durch den unendlichen Raum, wie ein losgetrenntes Blatt, wie eine schwebende Schneeflocke. Ihre Hände klammerten sich um das Fensterbord, als fürchtete sie, ein Lufthauch könne sie losreißen, forttreiben, zerschellen.

Eine Furcht überkam sie, als wäre sie ein verirrtes Kind, dem im Dunkel alle Wege gleich fremd und bedrohlich erscheinen.

Ihre verzweifelten Blicke suchten nach einem Halt und fanden ihn in dem steten milden und geheimnisvollen Glanz der Sterne über ihr.

‚Liebe Sterne,‘ dachte Mette, ‚wie gut, daß ihr da seid! Immer noch dieselben, wie vor Zehntausenden von Jahren, und sogar noch dieselben von den Abenden, als ich mit Olga am Wannsee lag. Es gibt keinen Zufall, es kann keinen Zufall geben. Warum prallen die Sterne da oben nicht aneinander und stieben wie ein Funkenmeer durch die Nacht? Ewige, unzerstörbare Gesetze halten ihr Milliardengewicht schwebend im Raum und führen sie mit so überlegener Ruhe ihre Bahn, als sei es das leichteste von der Welt, Sterne zu regieren. Und irgendwo stehe ich auch unter diesen Gesetzen und kann mich nicht dagegen wehren – und will es ja auch gar nicht. Ich bange mich vor der Entscheidung, ob ich rechts oder links gehen soll, und dabei sind ja doch alle Wege versperrt bis auf den einzigen, den ich gehen soll und muß, weil er der meine ist, der unabänderlich vorgeschriebene, der ans Ziel führt. An welches Ziel? Ich weiß es nicht. Aber da ich lebe, so wird man ja wohl noch irgend etwas mit mir vorhaben, und das beste ist, in Geduld zu warten.‘

Ein Gesangbuchvers aus ihrer Kinderzeit drängte sich ihr in die Gedanken – aber sie konnte ihn nicht mehr richtig zusammenbringen:

... der Sonne, Mond und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn. Der wird auch Wege finden, Da dein Herz gehen kann.

Die Worte summten ihr immerzu im Kopf herum, während sie sich auskleidete. Aber erst als sie im Bett lag, fiel es ihr plötzlich ein:

„die dein Fuß gehen kann“

hieß es wohl. Wie war sie nur auf „Herz“ gekommen? Ach, vielleicht, weil es ihr wichtiger erschien – so unendlich viel wichtiger ...

Mette durchwanderte Museen und Galerien mit angespannter Aufmerksamkeit, gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen. Sie erlaubte es sich nicht mehr, wie früher durch die Säle zu schlendern, zu betrachten, was ihr gefiel, wie ein Kind in einem Bilderbuch blättert, ohne etwa nach dem Namen der Maler zu fragen, nach der Zeit, in der sie gelebt, oder gar nach der Schule, der sie angehört hatten.

Sie arbeitete sich systematisch durch das überreiche Material hindurch. Sie kaufte sich einen ganzen Stapel von Kunstgeschichten, Monographien, Führern durch die Museen und studierte sie so gewissenhaft wie Schulaufgaben. Manchmal übte ein Bild eine starke Anziehungskraft auf sie aus, das sie nirgends als besonders wertvoll verzeichnet fand. Aber noch gestattete sie sich keinen eigenen Geschmack. Sie schalt sich selber mit unnachsichtiger Strenge jung, dumm, unreif, ungebildet. Es konnte vorkommen, daß sie einem heimlich geliebten Bilde, das von andern verächtlich behandelt wurde, im Vorübergehen einen zärtlichen Blick zuwarf, der sagen sollte: ‚Noch kann ich mich nicht mit dir beschäftigen, noch kann dir mein Wohlwollen auch gar nichts nützen, weil ich viel zu unwissend bin – erst muß ich lernen, muß so klug werden, wie die Klügsten der andern, dann will ich dich entdecken und will dein Lob singen.‘

Zuerst mußte man die ganz unanfechtbaren Größen aufsuchen, sich mit ihnen vertraut machen, sie in sich aufnehmen. Manchmal empörte sich Mettes Gefühl gegen irgend etwas, was sie schön und großartig finden sollte. Das konnte sie in eine tiefe Mutlosigkeit stürzen. Sie überlegte umsonst, ob sie nicht irgend jemand um Rat bitten könnte – um Beistand gegen die Autorität, die für bezaubernd und reizvoll erklärte, was ihr mißfiel. Dann versuchte sie, sich vorzustellen, was Olga Radó wohl gesagt hätte – Olga, die durch keine Autorität einzuschüchtern war, die ihren eignen Geschmack und ihre eigne Meinung hatte, bei der sie unerschütterlich und manchmal sogar eigensinnig beharrte.

Mitunter fand Mette ein spöttisches Scherzwort, das Olga hätte gebrauchen können, um sich gegen eine Bevormundung aufzulehnen. Wenn sie Worte dachte, die so Olgas Prägung trugen, dann war ihr, als hörte sie auch Olgas leises Lachen neben sich und ihre tiefe, klingende Stimme. Aber öfter noch geschah es, daß sie sich vergebens fragte: würde dies oder jenes Olga gefallen haben? Was würde Olga über dies oder jenes gesagt haben? Und es konnte sie zur Verzweiflung bringen, daß sie sich keine Antwort zu geben wußte. Daß Olga tot war, war schlimm. Aber fast noch schlimmer war es, daß Mette die Zeit, da Olga lebte, nicht genügend ausgenutzt hatte. Jetzt fielen ihr auf Schritt und Tritt Dinge ein, die sie hätte erfragen müssen und nach denen sie nie gefragt hatte. Dann war ihr, als müsse es irgendeine Kraft geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, die Gewalt des Todes zu zerbrechen, und ihre Gedanken schlugen sich wund an dem ehernen Schweigen, das unerschütterlich all ihren Fragen entgegenstarrte.

Sie fühlte sich manchmal so klein, wie ein Kind, das nicht über die gepolsterten Wände seines Laufstalls hinwegsehen kann. Der Wind hatte ihr mancherlei ins Gesicht getrieben – Blüten und Staub. Es mußte wohl außerhalb des Mäuerchens blühende Gärten geben und staubige Straßen – aber Mette wußte nicht, woher der Wind blies. Sie versuchte, sich über sich selbst hinaus zu dehnen – es half nichts. Aber sie wußte, was einzig helfen konnte: und wie mit Ungeduld verschlang sie alles, was sich ihren Sinnen und ihrer Seele darbot: Bücher, Bilder, Gespräche, Gesichter: sie wollte wachsen, wachsen, um über die Mauer zu sehen, um alles zu übersehen, was außerhalb lag, Welt und Leben, die Welt und das Leben, wo Olga Radó hergekommen war, und die man verstehen mußte, um sie zu verstehen. – – –

* * * * *

In dem großen Eßzimmer der Pension hatte Mette ihren Tisch in der dunkelsten Ecke. Die freundliche Wirtin hatte geglaubt, sich entschuldigen zu müssen, daß die Plätze in der Nähe der Fenster alle schon von älteren Gästen besetzt wären. Metten war es gerade recht so. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte den kleinen Tisch wie einen Schutzwall vor sich. Sie war meistens beim ersten Gongruf schon fertig und setzte sich auf ihren Platz, um die andern an sich vorüber zu lassen und sich nicht zwischen den vollbesetzten Tischen hindurchwinden zu müssen. Wenn sie sich einmal verspätete, war ihr der kurze Gang durch das Zimmer ein nicht endenwollender Marterpfad. Sie fühlte sich von all den unverhohlen neugierigen und selbst von den gleichgültigen Blicken gepeinigt und gehemmt. Obgleich sie sich jedesmal vor dem Spiegel prüfte, ehe sie ihr Zimmer verließ, hatte sie doch immer das Gefühl, daß ihr Haar sich löste, wenn ein Blick an ihrem Kopf haften blieb, oder daß sie ein Loch im Strumpf hatte, wenn jemand auf ihre Füße sah. Sie mußte dann immer gegen den Wunsch ankämpfen, ängstlich nach ihrem Haarknoten zu greifen, oder auch ihrerseits ihre Füße zu betrachten. Sie preßte die Ellbogen an den Körper, bemühte sich, ein undurchdringliches und ausdrucksloses Gesicht zu machen und vorsichtig zu gehen – weil die Vorstellung sie plagte, sie würde einen Stuhl umreißen oder an einem Tisch anstoßen – aber dabei doch so rasch, daß man ihr diese Vorsicht nicht anmerkte. Wenn sie dann glücklich in ihrer Ecke saß, fühlte sie sich wie im Hafen.

Meistens nahm sie sich eine Zeitung mit, um sich während der Wartezeit dahinter zu verschanzen. Sie hatte nicht Angst davor, daß jemand sie anreden könnte – das Sprechen fiel ihr weniger schwer, als das Gehen – aber Angst, daß sie so aussehen könnte, als wartete sie auf eine Anrede – so beschäftigungslos, so einsam, so hungrig nach einem zugeworfenen Wort.

Dabei war sie es in Wahrheit gar nicht. Je weniger sie sprach, desto weniger vermißte sie das Gespräch. Wenn es auch keine Qual verursachte, so brauchte es doch immer eine gewisse Entschlußkraft, eh sie den Mund aufbekam, um dem Mädchen irgend etwas zu sagen. Und wenn sie abends auf ihr Zimmer ging und nach dem letzten „danke, Berta, ich brauche nichts mehr“, die Tür verriegelte, dann kam das Gefühl des Schweigenkönnens, des Schweigendürfens wie eine Erlösung über sie. Ihr war manchmal, als ob ihre Zunge schon lahm geworden sei, wie irgendein anderer Muskel, der nie bewegt wird. Und sie hatte kein Bedauern mehr für die Trappisten, weil sie deutlich empfand, daß es nur weniger Wochen bedurfte, um sich so an das Schweigen zu gewöhnen, daß sich vor jedes Wort unüberwindliche Hemmungen stellten.

Aber sie wußte, daß keine schützenden Klostermauern sie umgaben, und daß sie es sich nicht gestatten durfte, ein Trappistenleben zu führen. Sie wollte sich in den Strom aller Menschlichkeiten hineinstürzen, um Schwimmen zu lernen. Dabei klopfte ihr das Herz, wenn sie nur erst die Zehenspitzen benetzte.

Trotzdem stand sie den Menschen nicht verächtlich, nicht einmal gleichgültig gegenüber. Sie hatte für all und jeden eine wache Aufmerksamkeit und war rasch bereit zu Sympathie und Antipathie.

Es waren besonders zwei Gruppen in der Pension, die ihre Beobachtung auf sich zogen und ihre Teilnahme erregten. Die eine scharte sich um Luise Peters – „Lawising“, wie sie von allen Seiten gerufen wurde – eine norddeutsche Malerin, eine große, breite, derbknochige Person, deren frisches, rotbackiges Gesicht mit blanken Augen und weißen Zähnen, deren glattsträhniges und ungleichmäßig blondes Haar immer so aussah, als ob sie eben einem eiskalten Bade entstiegen sei. Lawising hatte eine tiefe und etwas rauhe Stimme, ein lautes und ins Auge fallendes Gebaren – aber man spürte, daß ihr nichts ferner lag, als ein eitles Aufsehen-erregen-wollen. Ihre große und kräftige Persönlichkeit konnte sich nur mit unsäglicher Mühe auf zarte und vorsichtige Bewegungen oder einen leisen und gedämpften Ton beschränken. Trotz ihres etwas lärmenden Wesens hatte sie nichts Unfeines, sie blinkte von innerer und äußerer Sauberkeit – ja, sie roch förmlich nach guter Familie.

Der Mittelpunkt des andern Kreises duftete eher nach französischer Parfümerie. Daß das schmale, feingliedrige Wesen künstlich gebleichtes Haar und künstlich getuschte Wimpern hatte, das entging auch Mettes ungeübten Augen nicht. Aber sie stellte doch fest – so vorurteilslos, als ob sie vor einem Bilde stände – daß die schwarz umränderten Augen zu den kupferglänzenden Locken einen sehr reizvollen Gegensatz bildeten, daß das Lachen, das die Kleine gefallsüchtig durch den Saal schwirren ließ, wirklich einen süßen und silbrigen Ton hatte, und daß die reichlich kurzen Röckchen allerliebst geformte schlanke Beine sehen ließen.

Bis auf zwei gutmütige alte Damen, die allen ein mütterliches Wohlwollen zuteil werden ließen, und zwei bösartige, die für alles, was Jugend hieß, nur ein giftiges Hohnlächeln übrig hatten, gehörten die Gäste der Pension einer der beiden Cliquen an, die sich nicht gerade befehdeten, aber sich doch gern mehr oder weniger offensichtlich übereinander lustig machten. Und auch – zur Freude der Wirtin – einen gewissen harmlosen Wettbewerb trieben: wenn die eine Partei bis Mitternacht zusammensaß und eine Flasche Wein nach der andern trank, so braute sicher am übernächsten Tag die andere Partei eine Bowle und zechte bis zum Morgengrauen.

Mette fühlte sich manchmal an ihre Schulzeit erinnert. Da waren erwachsene Menschen, die ganz wie die kleinen Mädchen in der Klasse, wenn sie sich von einem Tisch an den andern etwas sagen wollten, sich einer Art Zeichensprache bedienten. Oder ein paar Worte auf den Rand einer Zeitung schrieben und sie dem bedienenden Mädchen mitgaben – ganz wie man in der Schule Zettelchen auf die Wanderschaft geschickt hatte. Da waren Vertraute, die immer miteinander zu tuscheln hatten, ehe sie sich an ihre Plätze begaben, und die, wenn das Mädchen mit der Suppe kam, sich mit einem vielverheißenden „nachher“ trennten. Oder andere, die sich nur einen Blick zuzuwerfen brauchten, um einen Lachanfall zu bekommen, den sie mühsam zu unterdrücken oder wenigstens zu verbergen suchten.

Manchmal spürte Mette auch dasselbe Neidgefühl wie damals, als sie fremd und vereinsamt der Lustigkeit der Klasse gegenüberstand. Und dann dachte sie mit einem leisen inneren Lächeln, daß sie seit jener Zeit doch schon um vieles älter geworden war – nicht nur um das eine Jahrzehnt, das dazwischen lag. Sie war schon so alt und klug geworden, sich zu sagen, daß all diese Heiterkeit und Wichtigtuerei und Geheimniskrämerei nur so verlockend erschien für den, der unbeteiligt draußen stand – und daß sie überhaupt jeden Reiz verlor, wenn nicht jemand da war, der das Spiel als Zuschauer mit ansah und in dessen Gemüt man ein wenig Neugier und Neid und Sehnsucht erwecken wollte.

Mette merkte wohl, daß – von beiden Parteien – manches in halb unbewußter Berechnung geschah, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber sie war nicht genug von ihrem Wert überzeugt, um sich dadurch geschmeichelt zu fühlen.

‚Die spielenden Kinder brauchen einen Zuschauer,‘ dachte sie mit nachsichtigem Lächeln.

Sie fühlte auch mitunter, daß es nicht schwer sein würde, an einen der Kreise Anschluß zu finden. Sie hätte nur einmal in eines der allgemeinen Gespräche, an denen auch die liebenswürdige Wirtin sich beteiligte, ein paar Worte hineinwerfen müssen, sie hätte nur einmal einen Gruß weniger zurückhaltend zu erwidern brauchen, und in kürzester Zeit hätte sie nicht mehr abseits gestanden, hätte sie mitgeplätschert in dem muntern Bächlein dieser mehr oder weniger seichten Beziehungen. Manchmal nahm sie einen innerlichen Anlauf zu dem Sprung, weil sie dem, was sie „das Leben“ nannte, näher kommen wollte und mit leiser Angst verspürte, wie sie ihm immer fremder wurde. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit an einem Gespräch teilzunehmen, und das Herz schlug ihr, wenn die Gelegenheit da war – aber sie ließ sie ungenützt vorübergehen. Wenn sie den fertig gebildeten Satz schon auf der Zunge hatte, faßte sie die Angst, – nicht die Angst, den Satz nicht herauszubringen, oder für aufdringlich zu gelten – sondern die Angst, durch ein Wort Beziehungen anzuknüpfen, die nachher zu lösen schwer – ja fast unmöglich war.