Part 14
Als Mette auf ihren Platz zurückkehrte, traf ihr Blick auf Heinrich Rantzau, der, schwarz und schlank, an einem weißen Türpfosten lehnte. Ihr Blick glitt weiter und über das heiße, strahlende Gesicht des jungen Lucius. Ein paar Worte fielen in ihr Ohr:
„Hab’ ich zuviel getanzt?“
„Aber nein, mein Junge – amüsier’ dich nur.“
„Ich hatte Angst, du wärest böse ...“
Die abgerissenen Sätze verließen Mette nicht mehr. Sie summten ihr durch den Kopf wie eine Melodie, die man nicht loswerden kann.
Fred Wietinghoff verbeugte sich vor ihr:
„Darf ich Sie zum Zweck eines Bostons aus Ihren sanften Träumen reißen?“ fragte er lachend. „Gestehen Sie mir – woran haben Sie eben gedacht?“
„Daran, daß ich heute keinen guten Tag habe,“ sagte Mette nachdenklich.
„Was heißt ‚guten Tag‘? Wenn Sie damit auf deutsch ^beau jour^ sagen wollen, so wäre das ein ganz unverschämtes ^fishing^!“
„Ach, das meint’ ich wahrhaftig nicht,“ sagte Mette wegwerfend, „nein, so einen Tag, wissen Sie, wo man Bühnenzauber im Vormittagslicht sieht und überall die Maschinerie hervorguckt. Wo man die Drähte sieht, an denen die Engel fliegen, und die Versenkung, aus der der Teufel aufsteigt.“
Fred Wietinghoff lächelte, während er sie sehr sicher durch das Gewühl der Tanzenden hindurchsteuerte. Es war ein gutes, schönes, weiches, etwas mitleidiges und ein klein wenig triumphierendes Lächeln.
„Sie sind ja doch ein richtiges Mädelchen,“ sagte er.
„Wieso _doch_?“ fragte Mette mit etwas erzwungenem Lachen. „Natürlich bin ich es, leider. Aber warum konstatieren Sie das gerade jetzt?“
„Weil das, was Sie eben sagen, so typisch dafür ist. Denken Sie sich zwei Kinder: einen Jungen und ein Mädel im Theater. Und dann denken Sie sich die beiden hinter den Kulissen. Das Mädel ist enttäuscht, weil die Rosengärten aus Papier sind und die Goldkronen aus Blech und die Wolken auf Gaze gemalt – und weil eben überall die Maschinerie herausguckt. In dem Augenblick fängt der Junge erst an, sich für den ganzen Kram zu interessieren: Wie kommt es? Wie entsteht es? Wie wird es gemacht? Die Drahtvorrichtung, an der die Engel fliegen, oder die Versenkung, aus der der Teufel herausgeschraubt wird – das ist ja millionenmal interessanter als der ganze faule Zauber in bengalischer Beleuchtung! Haben Sie nur den Mut zur Gründlichkeit – steigen Sie in die Versenkung und auf den Schnürboden, in alle Tiefen und Höhen, und lassen Sie sich alles zeigen und erklären, und prüfen Sie und untersuchen Sie – folgern Sie und experimentieren Sie. Dann sitzen Sie mit dem Lächeln der Wissenden im Theater und hören um sich die Ahs und Ohs der naiven Gemüter – und wissen ganz genau, wie alles kommt. Und wenn Sie weit genug eingedrungen sind, dann lassen Sie selber die Engel fliegen und den Teufel aufsteigen – ganz wie es Ihnen beliebt!“
„Ich will aber gar nicht,“ klagte Mette eigensinnig, „ich will es von weitem sehen und in feenhafter Beleuchtung, und wenn ich zehnmal weiß, daß es gemacht ist, um mich zu betrügen, so will ich doch daran glauben können!“
„Oh, Sie Frau!“ Er tanzte mit ihr aus dem Saal in ein kleineres Zimmer und führte sie zu einem Sessel, „wenn es nicht so komisch wäre, müßte man euch bedauern.“ Er zog sich einen Stuhl neben sie: „Die Frauen leben doch von Illusionen!“ Er stützte die Ellbogen auf die Knie und die Stirn auf die Handballen. Da der kleine Stuhl viel zu niedrig für ihn war, hatte er es nicht schwer, die langen Arme und die langen Beine zusammen zu bringen. Ohne aufzusehen, schüttelte er den Kopf in den Händen: „Was macht denn eine Frau in der Ehe glücklich? Die Vereinigung? Fragen Sie einmal nach! Für fünfzig Prozent der Frauen bedeutet sie ein Martyrium. Nein, der phantastische Gedanke einer ewigen, unveränderlichen – einer beschworenen und unterschriebenen Treue – das ist das eheliche Glück der Frau!“
„Dann gibt es also eigentlich keine Frau, die in der Ehe glücklich ist?“ Mette lächelte traurig. „Höchstens solche, die sich einbilden, es zu sein?“
„Das ist doch in der Praxis genau dasselbe.“ Wietinghoff zuckte leicht die Achseln. „Ich möchte lieber krank sein und mir einbilden, ganz gesund zu sein – wohlverstanden, solange ich mir das noch einbilden _kann_ – als gesund sein und mir irgendeine schwere Krankheit einreden. Die sogenannten Tatsachen sind doch im Leben das allerbelangloseste!“
„Ich möchte doch nicht in einem Wahn befangen glücklich sein,“ Mette schüttelte wie abwehrend den Kopf, „lieber eine leidbringende Gewißheit, als ein geträumtes Glück!“
„Dann sind Sie doch kein richtiges Mädchen,“ neckte Wietinghoff, „eben wollten Sie doch noch Ihre Illusionen behalten – um jeden Preis. Aber was ist überhaupt ‚gewiß‘, und was ist unsere Vorstellung? Damit verlieren wir uns in die tiefsten Abgründe der Philosophie!“
„Also das, was man ganz landläufig unter ‚Gewißheit‘ versteht, meine ich. Ich kann das Wort nicht leiden: ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.‘ Es ist kein wahres Wort.“
„Es ist sehr wahr. Was Sie absolut nicht wissen und nie wissen werden – das macht Sie auch nicht heiß. Nur was Sie zu spät wissen, kann Sie heiß machen. Was Sie ahnen, fürchten, halb wissen.“
„Wenn Sie in einem glücklichen Rausch leben wollen,“ sagte Mette trotzig, „dann können Sie sich betrinken oder Morphium nehmen ...“
„Das Zeug hält nur alles nicht vor,“ meinte Wietinghoff verächtlich, „ich schwöre Ihnen, wenn es ein Gift gäbe, das einen fortwährenden und ununterbrochenen, dreißig Jahre langen, heiteren Rausch verschafft, dann wär ich der erste, es zu nehmen – und wenn die ganze Welt gegen das ‚Laster‘ anheulte. Merken Sie, wie wir langsam gewechselt haben?“ Er lachte auf. „Jetzt sind Sie für Ergründung und ich für Rausch. Das heißt, ich wäre dafür,“ setzte er ernsthaft hinzu, „wenn ich ein schlechterer Rechner wäre! Alkoholiker, Morphinisten, Kokainisten und wie sie alle heißen, sind keine guten Rechner. Sonst wüßten sie, daß Rausch und Elend sich kompensiert. Und um dem Elend auch ja das Übergewicht zu geben, werfen sie noch Kampf und Reue in die Wagschale.“ Er stand auf und reckte sich etwas. „Nein – der beste von allen Räuschen bleibt noch die Liebe. Es ist nicht der stärkste Rausch – aber es ist der erträglichste Jammer.“
Der Raum war jetzt ganz leer. Wietinghoff ging ein paar Schritte auf und ab.
Mette saß in sich zusammengesunken.
„Und weiter gibt es nichts?“ fragte sie mit einer hilflosen Handbewegung.
Er drehte sich rasch um und sah voll ins Licht. Seine großen dunklen Pupillen zogen sich wie durch eine bewußte Muskelanstrengung zu schwarzen Pünktchen zusammen, daß die tiefblau gerandete Iris eisgrau wurde.
„Doch,“ sagte er aus der Tiefe der Brust, „Kraftrausch! Arbeitsrausch! Denkrausch!“ Ein flüchtiger Schmerz glitt über sein Gesicht. „Schaffensrausch – das ist der höchste und vielleicht auch der stärkste – aber das ist der Kelch für den Priester und nicht für die Gemeinde. Im übrigen ...“ er setzte sich mit einem Ruck wieder neben sie, „wozu red’ ich eigentlich auf Sie ein, wenn Sie gar nicht zuhören, sondern meinem Freund Vandahl nachschauen, wie gebannt.“
„Er tanzt eigentlich sehr gut,“ sagte Mette gedankenlos – ihre Blicke hatten wirklich Vandahl verfolgt.
„Sie müssen es wissen,“ meinte Wietinghoff spöttisch, „Sie haben ja intensiv genug mit ihm getanzt!“
„Seltsam,“ sagte Mette, „daß Sie bei allem In-Anspruch-genommen-sein noch Zeit und Sinn dafür haben, andere Leute zu beobachten.“
„Sie müssen nicht denken, daß ich den Eifersüchtigen spielen will,“ er preßte einen Augenblick die Lippen zusammen, was ihm ein ganz knabenhaftes Aussehen gab, „mit so verbrauchten Tricks arbeite ich nicht.“
„Ich denke gar nichts dergleichen.“ Mette sah ihn mit ruhiger Freundlichkeit an. „Aber ich kann Ihnen sagen, daß es mich freuen würde, wenn Ihr Freund Vandahl etwas weniger – intensiv tanzte. Seine – Intensität hat mir heute schon einmal die Laune verdorben. Er sollte überhaupt nicht tanzen, wenn seine Frau nicht tanzen kann.“
„Er verlernt es,“ lächelte Wietinghoff. „Und vielleicht würde ihn seine Frau gar nicht mögen, wenn er nicht so ein guter Tänzer wäre. Im übrigen ist Vandahl wirklich der beste Ehemann der Welt ...“
„Wenn das der beste ist!“ seufzte Mette leicht.
„Ernstlich. Nur ein Mann, der die Frauen braucht, liebt und vergöttert, kann ein guter Ehemann sein. Kann er in dem Moment, wo er eine von ihnen heiratet, seine besten Eigenschaften ablegen? Wenn sie ihn glücklich macht, ganz sicher nicht. Höchstens, wenn er einen Drachen erwischt hat, wird ihm das ganze Geschlecht verleidet, und er zieht sich grollend an den Stammtisch zurück.“
„Also eigentlich,“ lachte Mette, „ist es das Zeichen einer glücklichen Ehe, wenn der Ehemann allen andern Frauen den Hof macht.“
„Natürlich,“ stimmte Wietinghoff vergnügt bei. „Wenigstens ein Zeichen, daß die Frau dem Mann noch nicht alle Sympathie für ihr Geschlecht ausgetrieben hat. Wenn ein Freund der Frauen nach der Verheiratung kein Weib mehr ansieht, so hat er wahrscheinlich den Geschmack daran verloren, weil er zum erstenmal eine gründlich durchschaut hat.“ – – –
* * * * *
An Heinrich von Rantzaus Arm ging Mette zu einem der kleinen weißschimmernden, blumengeschmückten Tische. Sie hatte eine leise Sympathie für Rantzaus stille und zurückhaltende Art und freute sich, von ihm bevorzugt zu werden. Heut zum erstenmal wurde ihr die Ursache dieser Bevorzugung klar. Er fühlte, daß sie keinerlei Ansprüche an ihn stellte – sie verlangte keine Schmeicheleien von ihm, sie versuchte nicht, ihn durch Blicke, Worte oder unabsichtlich scheinende Berührung in Verlegenheit zu bringen – jedes Gespräch war ihr recht und ein langes Schweigen fast noch lieber; er fühlte sich bei ihr nicht böswillig beobachtet und konnte ohne Zwang, ganz kameradschaftlich mit ihr verkehren. An all das dachte Mette nun zum erstenmal – aber es stieß sie nicht ab. In seinem scharfgeschnittenen und energischen Gesicht lag ein leidvoller Zug um den Mund, eine Last auf den breiten dünnen Augenlidern.
‚Armer Hund,‘ dachte Mette, ‚ich will gut mit ihm sein. Wenn er auch zehnmal sagt: amüsier’ dich, mein Junge – es tut ihm ja doch innen alles weh.‘
Schräg gegenüber an einem anderen Tisch saß Gwendolen neben dem jungen Lucius. Unter den vielen hübschen und frischen Erscheinungen war Gwen unstreitig die schönste. Sie lachte und lockte und prangte wie ein junger Baum in der Blüte. Ihre meerfarbenen Augen unter den gebogenen Wimpern wechselten in fortwährendem Spiel von Hell und Dunkel. Ihr zartes, weißes Gesicht strahlte in einem kühlen Rosenschein, wie durchleuchteter Marmor. Bei jeder Bewegung tanzten die goldflirrenden Löckchen ihr um Stirn und Nacken.
Rantzau folgte Mettes Blick, oder vielleicht suchten seine Augen auch Lucius. Ohne jeden Zusammenhang mit früher Gesagtem fragte er plötzlich:
„Wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit Fräulein Peters?“
Mette sah ihn etwas verwundert an:
„Sie fragen so, als ob irgend etwas Erstaunliches dabei wäre? Wir sind doch ziemlich in einem Alter – ziemlich gleich erzogen ...“
„Merkwürdig!“ Ein leiser Spott zuckte um seinen Mund. „Sind das die Gesichtspunkte, nach denen Sie Ihre Freunde wählen? Ich hatte Sie etwas anders eingeschätzt!“
„Freunde!“ sagte Mette und zog die Brauen hoch. „Zu Freundinnen haben andere Leute uns gemacht. Sie haben mich sicher noch nie sagen hören: meine Freundin Gwendolen Peters. Ich habe in meinem ganzen Leben erst von einem Menschen gesagt: meine Freundin ...“
Rantzau fiel ihr ins Wort, leise, flüchtig, und doch war eine verhaltene Dringlichkeit in seiner Stimme:
„Sie sagen es nicht mehr?“
„Meine Freundin ist tot.“
Er schwieg. Er sagte kein bedauerndes „ah“ oder „oh“, und Mette war ihm dankbar dafür.
Ihr war seltsam zumute. Sie saß in diesem fremden Raum, sah viele fremde Gesichter um sich und erzählte einem fremden Mann von Olga Radós Tod. Sie trug ein helles, festliches Kleid und hatte getanzt und gelacht und geplaudert. Wein schimmerte vor ihr im geschliffenen Kelch, Blumen leuchteten in kristallenen Vasen vom weißglänzenden Damast, und ihr Duft mischte sich mit mannigfachem Wohlgeruch, der von nackten, gepuderten Frauenschultern aufstieg. Stimmen schwirrten fröhlich durcheinander und übertäubten doch nicht das leise Klirren von Glas und Silber und den süßen Gesang der Geigen.
Und hier saß Mette Rudloff und zerschnitt auf dem Teller eine Scheibe saftigen Rehbratens und sagte dabei:
„Meine Freundin ist tot.“
Die Tage und Wochen der Qual und Verzweiflung wollten wieder aufsteigen. Mette hatte sie nicht vergessen: die Stunde, da sie es erfahren hatte, den Augenblick, da sie den Revolver berührte, den Weg über die Straße, als sie von Peterchen nach Hause ging und so gern ihr Gesicht vor den Leuten versteckt hätte, weil sie das Gefühl hatte, als sei ihr ganzes Gesicht eine offene blutende Wunde, in die jeder neugierige Blick Schmutz und Steine werfe. Sie wußte das alles. Aber sie konnte nicht mehr unterscheiden, was Traum und was Wirklichkeit war. Vielleicht war dies Traum: der helle Saal, und die Musik, und diese festfrohen Menschen, von denen sie keinen länger als ein paar Monate kannte. Vielleicht war alles andere Traum gewesen, alles Große, Hinreißende, Quälende, Schmerzende, und all das Trübe und Wirre der letzten Zeit. Vielleicht war dies ihr Leben – das Leben, zu dem sie geboren war – das zu den weißen gestickten Kleidchen paßte und zu dem großelterlichen Garten.
Und einen flüchtigen Augenblick war ihr, als hätte sie gar kein Recht zu sagen: meine Freundin ist tot. Als wäre sie noch zu jung, um irgendein Leid erfahren zu haben, als schmücke sie sich mit einem erdichteten Schmerz, um sich dem ernsten und abgesonderten Mann gegenüber einen Schein von Gleichberechtigung zu geben.
Die schlimmen Tage stiegen wieder auf – aber sie stiegen auf wie schattenhafte Gespenster, durch deren durchsichtige Leiber der lichterstrahlende Saal schimmerte. Sie waren ohne Farbe und Leben, weil sie nicht mehr das Blut aus Mettes tiefen Wunden tranken. – – –
* * * * *
Mette saß neben Gwendolen im Wagen.
„Ich seh’ wohl furchtbar um den Kopf aus?“ sagte Gwen, „wenn Mama mich so sieht, dann fängt sie ihre alte Predigt wieder an, ich müßte ein Netz tragen. Hassen Sie Haarnetze auch so wie ich, Mette? Wie kommt es, daß Ihr Haar so gut hält? Sie haben doch auch getanzt! Mama würde ihre Freude an Ihnen haben! Mama hat Sie überhaupt schrecklich gern – Sie werden mir immer als Muster vorgehalten. Aber selbst das kann Sie mir nicht verekeln. Ich bin schon sehr angetan von Ihnen, wirklich – aber ich glaube, Sie können mich nicht leiden.“
Mette legte leicht den Arm um ihre Schultern.
„Kleine, törichte Gwen,“ sagte sie lächelnd, „Sie glauben ja selber nicht, was Sie da schwatzen.“
„Ach ja,“ sagte Gwen und schmiegte sich wie ein Kätzchen an sie, „lassen Sie den Arm so liegen, das tut gut. Ich weiß ganz genau, was ich rede, Mama sagt zwar immer: schweig, du bist betanzt, weil sie behauptet, ich rede nach dem Tanzen so viel Unsinn – noch mehr als sonst. Aber ich bin wirklich nicht betanzt, und ich weiß sehr genau, daß ich Sie gern habe – und ich weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können – Sie widersprechen ja auch gar nicht – dazu sind Sie viel zu ehrlich. Sie sagen: schwatz keinen Unsinn, kleine Gwen – das sagt man zu kleinen Kindern auch immer, wenn sie zufällig die Wahrheit treffen. Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen – Sie machen schon ganz traurige Augen, weil Sie nicht wissen, wie Sie sich aus der Affäre ziehen sollen.“
„Ich dachte daran,“ sagte Mette aufrichtig, „daß Sie ein so entzückendes kleines Menschenwesen sind – und daß ich Sie herzlich gern habe – und daß ich Sie trotzdem heut verleugnet habe und gesagt, Sie wären nicht meine Freundin.“
„Bei Tisch,“ Gwendolen nickte ernsthaft, „ich hab’ es gefühlt. Aber das nehm’ ich Ihnen nicht übel,“ sie lächelte, „Sie durften das auch nicht zugeben, wenn Sie bei meinem lieben Heinrich nicht in Ungnade fallen wollten. Hat er nicht gesagt, ich wäre eine Kanaille?“
„Er hat gar nichts gesagt,“ widersprach Mette erschrocken, „wie kommen Sie überhaupt darauf, daß es Rantzau gegenüber war?“
„Weil ich ihn kenne!“ triumphierte Gwen. „Er haßt mich doch wie – wie die Sünde ist entschieden nicht das richtige Wort. Ich weiß es aber, und ich weiß auch warum.“
Mette fühlte sich durch diese Worte und noch mehr durch den Ausdruck ihres Gesichts etwas abgestoßen.
‚Sie ist doch wie alle Frauen,‘ dachte sie verächtlich. ‚Sie bildet sich jetzt ein, daß Heinrich von Rantzau sie haßt, weil er eine unerwiderte Liebe zu ihr hat! Sie wird mir jetzt erzählen, daß sie ihn bei irgendeiner Gelegenheit hat abfallen lassen. Eine andere Möglichkeit findet gar keinen Platz in dem Gehirn dieser Weibchen.‘
„Soll ich Ihnen erzählen, warum Ihr Freund mich nicht ausstehen kann?“ Tausend Kobolde tanzten auf Gwens Gesicht.
„Bitte!“ sagte Mette ziemlich kühl.
„Ich habe ihm einen Freund abspenstig gemacht!“
„Was heißt das: einen Freund abspenstig gemacht?“ Mette horchte auf, „kann eine Frau einem Mann den Freund abspenstig machen?“
„Herrn von Rantzau? – o ja! Denn er begehrt seine Freunde ganz und gar für sich – mit Haut und Haar – mit Leib und Seele. – Tun Sie doch nicht so, Sie Unschuldsengel, als wenn Sie nicht gemerkt hätten, was die ganze Stadt weiß!“
„Seltsam,“ Mette schüttelte den Kopf, „was eine Stadt alles weiß!“
„Viel seltsamer, was sie nicht weiß!“ lachte Gwen, „was alles in ihrem Innern vorgeht, ohne daß sie eine Ahnung davon hat! – Aber Rantzau ist bekannt, weil er gemeingefährlich ist. Er hat einen Einfluß auf die jungen Leute, der geradezu unheimlich ist. Er hat doch immer einen ganzen Kreis um sich, der ihn direkt vergöttert. Aber ich mag das gar nicht ...“
„Wenn ein anderer vergöttert wird?“ neckte Mette.
„Ja, sehr richtig,“ bestätigte Gwen trotzig, „aber vor allen Dingen kann ich es nicht vertragen, wenn ein Mann von Männern vergöttert wird. Ich weiß nicht, ob ich es erklären kann: sehen Sie, das Ursprünglichste im Menschen ist doch das Geschlecht. Die große Zweiteilung alles Lebenden – das stammt nicht von mir, natürlich. Viel später kommt dann die Einteilung in Rassen, die Rassen scheiden sich in Nationen, die Nationen in Klassen und in Familien – alles befehdet sich untereinander. Ich bin Bürger gegenüber dem Adel, und Aristokrat gegenüber der Plebs. Ich bin Germane dem Romanen gegenüber, und Arier gegenüber dem Semiten. Aber das alles kann ich vergessen, weil es mir erst beigebracht worden ist. Aber zu allererst bin ich Weib gegenüber dem Mann, und die unverzeihlichste Beleidigung ist die, die man meinem Geschlecht zufügt. Verstehen Sie das nicht? Wenn ein Mann mich nicht ansieht, weil er eine andere Frau anbetet, so kränkt das meine Eitelkeit gar nicht – aber ein Mann, dem keine Frau gut genug ist, der einem Mann anhängt, der mein ganzes Geschlecht verachtet – o, das kann mich zur Raserei stacheln. Rantzau ist unerschütterlich – das weiß ich – aber seine Favoriten lock ich ihm weg, einen nach dem andern. Solange ich denken kann – nein, solange ich fühlen kann, führen wir einen erbitterten Kampf. Wissen Sie, Mette, daß es mir manchmal ist wie eine heilige Aufgabe und gar nicht wie ein amüsantes Spiel?“ Ihre Augen brannten in einem seltsamen Licht wie blaue Edelsteine. „Der, von dem ich zuerst sprach, Friedel Reimer – den hat er wahnsinnig geliebt – und der ist jetzt sehr glücklich verheiratet. Was hab’ ich davon? Aber manchmal, wenn ich die Frau sehe, denk’ ich: das dankst du mir und ahnst nichts davon.“
„Was sind Sie für ein wunderliches Gemisch,“ Mette betrachtete sie mit nachdenklichem Kopfschütteln, „so ein wohlerzogenes behütetes Kind und ...“
„Und dabei? ... sprechen Sie’s ruhig aus!“
„Ach, nichts ... sagen Sie mir nur – wie kommt es, daß Ihre Eltern von alledem nichts merken ... zum Beispiel von Heinrich Rantzau, von dessen Ruf doch die ganze Stadt weiß?“
„Eltern,“ sagte Gwen mit überlegenem Lächeln, „wissen Sie nicht, Mette, daß Eltern mit tödlicher Sicherheit immer nur das bemerken, was nicht vorhanden ist?“
„Ich komme gleich,“ rief Gwendolen hinter der Tür des Badezimmers, wo man das Plätschern des Wassers, das Rieseln der Brause hörte, „setz’ dich Metting-Betting und sieh dir ein Buch an! In fünf Minuten bin ich fertig.“
„Ich habe Zeit,“ gab Mette ruhig zurück.
Gwen bemühte sich trotzdem, ihr das Warten zu verkürzen:
„Du kannst dir immer etwas ansehen – auf dem Tisch liegt ein Paket, ein dickes, weiches, das pack mal aus. Ich hab’ mir heut Strümpfe gekauft – wie findest du sie? Sind sie nicht blendend? Aber was darunter liegt, darfst du nicht aufmachen – so etwas flaches, in Seidenpapier ... ach, ich zeig’ es dir ja doch! Mach es ruhig auf ...“
„Ich bin nicht neugierig.“
„Doch, doch, du sollst es sogar aufmachen. Es ist besser, du siehst es, wenn ich nicht dabei bin – dann kann ich wenigstens nicht rot werden. Mach schnell – in zwei Minuten komm ich! Hörst du? Ich entsteige schon plätschernd den kristallenen Fluten! Sowie ich halbwegs trocken bin, erscheine ich!“
Mette schlug die Seidenpapierhülle auseinander. Fred Wietinghoffs Gesicht sah sie an, lebendig und ausdrucksvoll. Eine helle Freude durchzuckte sie, als sie die schönen Züge sah, und fast zugleich der kindische Wunsch, das Bild zu entwenden, um es immer vor sich sehen zu können und sich daran zu erfreuen, wenn sie sehr weit von hier sein würde.
Denn in diesem Augenblick war es ihr ohne jede Überlegung ganz bewußt, daß sie in kurzer Zeit die Stadt verlassen würde. Sie hatte noch nie mit einem Gedanken die Möglichkeit gestreift, den Aufenthalt zu wechseln und sah sich jetzt mit visionärer Deutlichkeit – die so selbstverständlich war, daß sie nichts Erschreckendes hatte – in einer tiefen Einsamkeit, in der dies Bild ihr eine freundliche Gesellschaft sein könnte.
Sie erschrak, als sich Gwen über ihre Schulter neigte.
„Schönes Bild, nicht?“ lachte sie, „du bist jetzt so zusammengezuckt, daß ich mir einbilden könnte, du hättest ein kleines Faible für ihn. Gestehe, Mettiling, wie ist es? Na, heraus mit der Wahrheit – du warst sehr vertieft in den Anblick – so vertieft, daß du mich gar nicht hast kommen hören.“
Mette legte das Bild aus der Hand, ohne es noch einmal mit einem Blick zu streifen.
„Weil ich mit meinen Gedanken ganz wo anders war,“ sagte sie, immer noch abwesend.
„Schade,“ neckte Gwen, „wo anders als bei Fred Wietinghoff? Aber bei mir auch nicht, fürchte ich. Sehr weit weg? Willst du mir nicht sagen, wo?“
Sie legte die weichen, nackten Arme schmeichelnd um Mettes Hals und preßte sie gegen ihre Wangen.
„Ich weiß selbst nicht, wo,“ sagte Mette nachsinnend. „In keiner Vergangenheit und keiner Gegenwart. Irgendwo, wo ich noch niemals war. Vielleicht in der Zukunft. Ich habe das Gefühl – ganz unklar und verschwommen – von einem verschneiten einsamen Haus.“
Gwen faßte sie rüttelnd an den Schultern:
„Komm wieder,“ rief sie, „du sollst jetzt hier sein und nicht in verschneiten Einsamkeiten. Wie findest du unsern Freund Freddy?“
„Unsern Freund,“ wiederholte Mette lächelnd.
„Natürlich ‚unsern‘. Er ist dein Freund so gut wie meiner. Er schätzt dich sehr – oh, sehr!“
„Das sagt er nur, um dich eifersüchtig zu machen,“ sagte Mette tröstend.
„Mich eifersüchtig!“ Gwen lachte hell auf, „nein, so kleinlich bin ich nicht. Und außerdem stehst du mir viel zu nah – ich werde immer ganz stolz – wirklich, mein Herz wird ordentlich heiß und groß, wenn ich höre, wie andere Leute von dir schwärmen. Und Fred Wietinghoff schwärmt sehr oft von dir ...“
‚Er sollte mir das Bild schenken,‘ dachte Mette, ‚wenn er mich wirklich schätzt, oder von mir schwärmt – wenn nicht alles bloß unsinniges Gerede ist – dann sollte er mir dies Bild schenken. Weiter will ich nichts von ihm ...‘
„Magst du ihn eigentlich?“ Gwen fragte es leichthin. Aber Metten schien es, als würde sie von einem Blick gestreift, der etwas Beobachtendes – ja fast Lauerndes hatte.
Sie zuckte die Achseln.
„Er sieht gut aus und hat ein sehr angenehmes Wesen,“ sagte sie gleichmütig.
„Mehr nicht?“
Mette hatte keine Lust, zu antworten.
„Noch mehr? Ich weiß ja nicht viel mehr von ihm.“
„Er ist diskret und verläßlich,“ sagte Gwen nach kurzem Zögern. Dann stieß sie ein leises Lachen durch die Zähne: „Und er hat einen sehr guten Geschmack!“
„Vielleicht,“ sagte Mette etwas abwehrend.
Es lag ihr nicht daran, irgendwelche Vertraulichkeiten zu erfahren. Sie hatte manchmal ein Gefühl von Angst gegenüber diesem blondlockigen Kind – sie scheute sich oft, eine Frage zu stellen, weil sie die Antwort nicht hören wollte – eine Antwort, die eine dünne Decke von Abgründen riß.