Part 16
So jäh, so ohne Vorbereitung, daß die Stille fast noch unheimlicher war als der Lärm. Die Luft war schwer, voll Sonnenglanz und Süße, und so erfüllt mit einem fremden Duft, als käme sie von Hyazinthenfeldern und hätte nie nach Teer und Fisch und Salzwasser geschmeckt.
Die Leute auf der Straße sahen sich an, als wollten sie sagen: Also bitte, was sagt ihr zu dem Wetter? Und wo zwei Bekannte sich trafen, auf der Straße, in der Bahn, in einem Laden, sprachen sie es aus: Also nein, was sagen Sie zu dem Wetter? Und alle, die es hörten, verbargen mühsam ein Lächeln in ihren hölzernen Gesichtern, weil sie ihre innersten Gedanken ausgesprochen hörten.
Mette konnte das Lächeln nicht verbergen. Diese stille, weiche Luft, die liebkosende Sonne, dieser ganze unwahrscheinliche und unangebrachte Frühling hatte etwas so einschmeichelndes, so betörendes, daß sie ganz erfüllt war von einer warmen Glückseligkeit, die sich einen Ausweg suchte – da sie nicht singen konnte, mußte sie wenigstens lächeln.
Das machte nicht der Frühling allein. Es war auch, daß sie den Frühling ertragen konnte, ohne zu leiden. Ihr war zumut wie einem, der nach langer Krankheit zum erstenmal ohne Schmerzen die Glieder regt und jeden Atemzug als himmlische Gnade empfindet.
„Ich bin gesund,“ sie sagte es sich selbst immer wieder vor wie den Kehrreim eines Liedes: „Ich bin gesund! Ich bin gesund!“ – – –
* * * * *
Gwen und Mette saßen in einem Abteil des rollenden Zuges. Zwei ältere Damen, schwarz, steif und aufrecht, saßen ihnen gegenüber und beobachteten sie scharf.
Von Zeit zu Zeit ging Fred Wietinghoff auf dem Gang vorüber und schnitt Grimassen, mit dem erwünschten Erfolg, daß Gwen fast erstickte vor Lachen.
Wenn sie sich aber notdürftig erholt hatte, bot sie ihrerseits alles auf, um Mette zum Lachen zu reizen.
„Unverschämtheit,“ sagte sie mit gespielter Entrüstung, „sieh nur, wie dieser Mensch jedesmal hereinstarrt, wenn er vorbeigeht. Ich werde mich nächstens beim Schaffner beschweren.“
Mit beleidigter Miene rückte sie das Reisemützchen fester, um sich anzulehnen, und schlug die Beine übereinander.
Aber Mette ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen.
„Ach, denk’ nur nicht, er starrt herein, weil du ihm so gefällst!“ sagte sie ruhig, „daß ist entweder ein Verbrecher oder ein Detektiv, der einen Verbrecher sucht. Das sieht man doch sofort.“
„Ach Gott, nein!“ Gwen trieb das Spiel voller Übermut weiter, „mach’ mich nur nicht gruselig! Ich hab’ neulich eine schreckliche Geschichte gelesen – von einem gesuchten Schwerverbrecher, der in Frauenkleidern reiste. Natürlich war er glattrasiert. Aber er hatte einen so starken Bartwuchs, daß er sich zweimal am Tage rasieren mußte.“ Sie sprach leise, aber gerade laut genug, um von scharf gespitzten Ohren verstanden zu werden – dabei streifte ihr Blick mit gewollter Unauffälligkeit das stark beflaumte Gesicht ihres Gegenübers. „Und denke dir, er war allein im Abteil mit einer jungen Frau, auf einer sehr langen Fahrt, und sie sieht – erst denkt sie natürlich, sie täuscht sich – aber sie sieht immer deutlicher, wie bei der Dame, die ihr gegenübersitzt, sich allmählich das ganze Gesicht mit hervorkeimenden Bartstoppeln bedeckt! Das muß doch furchtbar sein – ich glaube, ich wäre vor Entsetzen gestorben, ich habe mir auch fest vorgenommen, nie wieder allein zu reisen. Darum hab’ ich dich auch so gebeten, heute mitzukommen.“
„Ich hab’s ja auch gern getan,“ Mette machte ein sorgenvolles Gesicht, „wenn Emma nur gut auf die Kleinen aufpaßt ... Bubi hat heute morgen wieder so gehustet.“
Das war selbst Gwen zuviel. Einen Augenblick starrte sie in Mettes unverändert ernstes Gesicht, dann prustete sie los, fuhr aber sofort mit dem Taschentuch an den Mund und hustete krampfhaft.
Mette klopfte ihr besorgt den Rücken:
„Wenn du dich nur nicht von meinem Bubi angesteckt hast. Du hast ihn gestern immerzu geküßt.“
Gwen drohte zu ersticken.
„Ich hab’ dir gleich gesagt, Keuchhusten ist so ansteckend – und so gefährlich für Erwachsene!“
Gwen richtete sich auf, erschöpft und tränenüberströmt.
„Meistens tödlich!“ stöhnte sie, „Professor Rabe hat mir auch gesagt: der Keuchhusten, der jetzt grassiert, würde die ganze Stadt entvölkern.“
„Gwen,“ mahnte Mette noch leiser, mit zuckenden Mundwinkeln.
Gwen schob mit der flachen Hand jeden Widerspruch beiseite.
„Alles tödlich,“ sagte sie grabesernst, „alles tödlich!“
Als sie endlich den Zug verließen, blieben sie auf dem Bahnsteig stehen und bogen sich vor Lachen.
Mette sah sich nach dem eben verlassenen Wagen um. Sie hatte sich nicht getäuscht: eine schwarzbeschuhte Hand wischte die Fensterscheibe blank, und eine spitze Nase reckte sich vor. Ein aufmerksamer Blick verfolgte sie.
Gwen hob die Hand, um einen Abschiedsgruß zurückzuwinken. Mette hielt ihr den Arm fest.
„Laß doch,“ Gwen wollte sich losreißen, „ich kann doch Bekannte in dem Zug haben! Was geht das die alten Hexen an? Winke – Winke! Adieu, lieber Zug, fahr’ wohl oder entgleise! Ach nein, lieber nicht, es könnten ja vielleicht auch noch nette Menschen drin sein.“
„Komm jetzt,“ sagte Mette, „Wietinghoff steht da und schließt und schnallt an seiner Reisetasche herum, nur um nicht aufzufallen – ganz wie ein richtiger Detektiv. Wir hatten doch verabredet, daß wir zuerst den Bahnhof verlassen. Komm! Er wirft schon ganz verzweifelte Blicke!“
Sie gingen durch die Sperre und durch den Schalterraum hindurch auf die Straße, die flirrend im Sonnenglanz vor ihnen lag.
Fünf Minuten später trat Fred Wietinghoff, den Hut ziehend, an sie heran.
„Nein, meine Damen, welche Überraschung, daß ich Sie hier treffe!“
„Herr Wietinghoff!“ auch Gwen war sehr überrascht, „was tun Sie denn hier? Darf ich bekannt machen? Herr Wietinghoff – Fräulein Rudloff ... ach nein, kennen tut ihr euch doch wohl schon? Also, meine Freundin besucht nämlich hier eine erkrankte Großtante, und Mama hat mir die Erlaubnis gegeben, sie zu begleiten.“
„Ich denke, du mußtest reisen, und ich habe darum Bubi mit dem Keuchhusten zu Hause gelassen?!“ neckte Mette.
Wietinghoff griff sich an den Kopf:
„Himmel, die Familienverhältnisse scheinen aber ziemlich ungeklärt! Ich mache den Vorschlag, daß wir uns bemühen, alles, was wir von Familie haben, möglichst zu vergessen und zu diesem Zweck erst mal ausgiebig frühstücken!“ – – –
* * * * *
Als sie aus dem Ratskeller wieder ans Tageslicht stiegen, stand auf dem sonnigen Platz eine alte Frau mit einem großen, vollen Veilchenkorb. Fred kaufte zwei Sträußchen und brachte sie den beiden Mädchen.
„Ach, Kinder,“ sagte er dabei und strahlte sie an, „ich möchte euch ja Blumen geben, daß ihr sie nicht mehr tragen könntet – aber es geht nicht – es sieht zu hochzeitsreisemäßig aus!“
Sie wanderten durch die alten Straßen, durch die winkligen Gassen mit vorhängenden Giebelhäusern, über weite hallende Plätze mit schön geformten Brunnen.
Fred Wietinghoff war ein guter Führer. Er wußte Bescheid, und was er nicht kannte, entdeckte er im Augenblick. Seinem scharfen und geübten Auge entging kein geschnitzter Balkon, kein Spruch über den Fenstern, kein altertümlicher Türklopfer.
Die Schatten wurden lang, und der Westhimmel stand schon in roter Glut, da fiel es ihm mit plötzlichem Erschrecken ein:
„Herrgott, daß ich daran nicht gedacht habe! Wir hätten ans Meer fahren müssen, um die Sonne untergehen zu sehen.“
„Ach, ans Meer!“ In Mette kämpften Sehnsucht und Enttäuschung.
„Morgen!“ jauchzte Gwen, „oh, bitte, bitte, laßt uns morgen ans Meer fahren! Wir versäumen den letzten Zug – ich telephoniere nach Hause, oh, Metting, mach’ kein Gouvernantengesicht – dich erwartet ja sowieso niemand. Wir machen heut’ Abend einen gemütlichen kleinen Bummel und fahren morgen ans Meer!“
Fred Wietinghoff hielt sie am Ellbogen fest:
„Erst mal werden hier keine Indianertänze aufgeführt. Im übrigen ist die Idee durchaus akzeptabel. Das heißt, wenn Fräulein Rudloff mittut. Denn ich allein kann weder die Verantwortung für Ihr Betragen, noch für Ihren Ruf übernehmen.“
„Oh, Mette!“ Gwen verdrehte vor Empörung die Augen, „er kann die Verantwortung für mein Betragen nicht übernehmen! Mir geht die Luft weg! Mette, liebe, liebste Mette, fahren wir morgen ans Meer?“
„Mir ist alles recht,“ sagte Mette mit frohmütiger Überzeugung.
Ihr war alles recht. Sie war in einem so traumhaften Glücksgefühl befangen, wie man es nur an fremden Orten haben kann, auf Reisen, wenn der Alltag wie etwas Unwahrscheinliches, Halbvergessenes hinter einem liegt, und fremde Häuser, fremde Mauern, fremde Berge, fremde Seen bunt und eindringlich vor einem aufsteigen, an einem vorüberziehen.
Sie war froh, daß dieser Zustand noch nicht zu Ende sein sollte. Daß sie morgen erwachen durfte, einen Fenstervorhang beiseite schieben und auf eine Straße heruntersehen, die ihr im Morgenlicht ein nie erblicktes Bild bot. Daß sie dann ans Meer fahren wollten ...
Und dann ...?
In eine andere Stadt –
an einen rauschenden Strom –
oder an einen stillen See –
oder in die Berge –
in den keimenden, knospenden Wald –
nur immer weiter. Und nie zurück. Immer dies Gefühl des Losgelöstseins in sich, des Schwebens, der großen Freude, der stillen, genießenden Seligkeit. – – –
* * * * *
„Wenn ich den Damen einen Vorschlag machen dürfte,“ sagte Wietinghoff, „so holen wir jetzt meine Reisetasche vom Bahnhof ab, und Sie bewaffnen sich damit, eh Sie in einem Hotel Unterkommen suchen. Damen ohne Gepäck – das macht sich nicht gut, und Sie können schließlich nicht jedem Kellner und Zimmermädchen die Geschichte von dem versäumten letzten Zug erzählen.“
„Und Sie,“ fragte Gwen.
„Ich borge mir bei einem Bekannten ein Gepäckstück. Wir können jetzt auf dem Wege zum Bahnhof die notwendigsten Übernachtungsrequisiten besorgen – das packen Sie in meine Tasche und begeben sich nach dem Deutschen Kaiser. Ich suche unterdessen meinen Freund Schmidtke auf und borge mir einen vertraueneinflößenden Handkoffer. Nach einer halben Stunde komm’ ich ins Hotel, gehe in den Speisesaal und bin wahnsinnig überrascht, Sie da zu finden. Abgemacht?“
„Herrlich!“ Gwen zappelte schon wieder mit den Füßen vor Vergnügen.
„Stopp, stopp, stopp! Keine Pirouetten und Spitzentänze, wenn ich bitten darf! Ich flehe Sie an, Fräulein Mette, passen Sie auf das Kind auf, die Kleine macht uns im Hotel und in der ganzen Stadt unmöglich – ich weiß gar nicht, ob ich Sie eine halbe Stunde mit ihr allein lassen darf?“
„Das ist nur Ihre Gegenwart, die sie so übermütig macht,“ beruhigte Mette, „wenn sie mit mir allein ist, ist sie ganz vernünftig.“
„So?“ Ein seltsames Zucken glitt um Fred Wietinghoffs Mundwinkel, ein kurzer scharfer Blick flog von Mettes Gesicht zu Gwens. – – –
* * * * *
Die frühe Dämmerung war schon hereingebrochen. Gwen zog die gelben Vorhänge vor die Fenster und drehte alle elektrischen Flammen an – die Krone, die Nachttischlampen, die Birnen über dem Waschtisch und dem Spiegelschrank – daß das große Hotelzimmer ganz in Licht gebadet war.
„So hab’ ich’s gern.“ Sie zog die Schultern hoch wie ein schnurrendes Kätzchen. „Licht und Wärme muß ich haben.“ Sie prüfte die Zentralheizung unter den Fenstern, der sengende Glut entstieg. „So ist es schön! Nur kein kaltes Schlafzimmer! Zu Haus wird mir sowieso die Heizung abgedreht, weil Mama es für ungesund hält, warm zu schlafen. Wenn ich verheiratet bin, muß mein Schlafzimmer warm sein wie ein Treibhaus, damit ich ohne Hemd und ohne Decke schlafen kann!“
Sie öffnete Wietinghoffs Reisetasche und nahm die kleinen Einkäufe heraus. Als das geschehen war, stöberte sie ganz selbstverständlich weiter.
„Was er da alles drin hat! Herrliche Seife, riech mal, Mette! Die könnten wir eigentlich hierbehalten. Und Mundwasser auch. Rasiercreme – brauchen wir nicht. Herrgott, wieviel Bürsten denn noch! Schön, die Wildlederslippers – daß ich keine Pantoffeln da habe, ist mir eigentlich am unangenehmsten; ich hasse es, mit bloßen Füßen auf Hotelteppichen herum zu laufen. Ich muß doch sehen, was er für Pyjamas mit hat. Violett mit weiß. Ganz hübsch. Möchtest du Pyjamas tragen? Ich denk’ sie mir ziemlich unbequem. Aber morgens zum Frühstücken find’ ich sie sehr nett. Weißt du, ich glaube, sie sind für häßliche Leute kleidsamer als für hübsche. Schon weil man Hals und Arme nicht sieht. Ich möcht’ doch einmal einen anziehen, um zu sehen, ob er mir steht, ^bleu électrique^ vielleicht. Und du müßtest einen erdbeerroten haben, aber nicht ‚^fraise^‘, sondern erdbeerrot – nach den deutsch-französischen Farbenbezeichnungen müßte man eigentlich die Franzosen für farbenblind halten – aus ^fraise écrasée^ machen wir ^fraise^ und wundern uns, daß wir noch nie im Leben fraisefarbene Erdbeeren gesehen haben. Ist es dir noch nie passiert, daß dir ein Ladenfräulein gesagt hat: ‚In blau haben wir das nicht, höchstens in ^bleu^.‘? Ach, die Welt ist zu idiotisch. Ich habe so Lust auf guten Alkohol. Was trinkst du eigentlich am liebsten? Willst du das rechte Bett oder das linke? Ich glaube, ich muß mir die Haare noch mal machen. Soll ich das Mützchen aufbehalten? Es sieht vielleicht am ladylikesten aus. Findest du eigentlich, daß ich ladylike aussehe? Ach doch, nicht? Bist du fertig? Wollen wir hinunter? Woher kommt es, daß deine Haare immer tadellos sitzen? Du hast auch nicht soviel kurzes wie ich. Seh’ ich anständig aus? Von hinten, von vorn, von allen Seiten? So, dann gib’ mir noch einen Kuß und komm!“
Auf der Treppe kehrte Gwen noch einmal um.
Sie schwenkte Mette den Zimmerschlüssel entgegen, ehe sie ihn in ihr Handtäschchen gleiten ließ.
„Den Schlüssel! Ich hab’ ihn abgezogen – schließlich braucht nicht jeder eine Herrentasche mit Rasierzeug und Pyjamas bei uns zu finden. Fred soll sie rausholen, sobald er kommt.“
Mette fürchtete sich ein wenig vor dem großen, hellen Speisesaal. Sie hatte es völlig verlernt, sich einen Tisch auszusuchen, mit Kellnern zu verhandeln, eine Weinkarte zu prüfen. Es stand ihr wie ein Examen bevor. Und das schlimmste war, daß sie sich nicht verraten durfte und die Beantwortung dieser Fragen mit einem ‚wir erwarten noch jemand‘ hinausschieben.
Als sie eintraten, fiel ihr erster Blick in einen Spiegel, und in diesem Spiegel sah sie Fred Wietinghoffs Gesicht. Er sah über eine Zeitung hinweg, die er in beiden Händen hielt, seine Augen, groß und offen und von tiefem leuchtenden Blau, sahen ihr entgegen und grüßten sie. Und von seinem Blick, von seinem festen hellen Gesicht ging ein Strom von Ruhe und Sicherheit aus.
Wie gut, daß er da war! Wie gut, daß er da war!
Jetzt sah sie auch vor dem Spiegel seine breiten Schultern, seinen blonden Kopf.
Gwen fing an zu kichern und stieß Metten an. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie auf ihn zueilen und ihn durch einen Schlag auf die Schulter aufschrecken.
Mette hielt ihren Arm fest.
„Er hat uns gesehen,“ sagte sie leise, „komm ruhig an ihm vorbei.“
Mette hörte das Stuhlrücken hinter sich und seine raschen großen Schritte.
Sie begrüßten sich wieder voller Verwunderung. Wietinghoff suchte einen größeren Tisch – er hatte sich absichtlich an einen ganz kleinen gesetzt – und beauftragte den Kellner, seine Sachen herüberzubringen.
Er wählte mit Bedacht ein kleines Abendessen, einen edlen Wein.
„Nachher trinken wir Sekt,“ sagte er, als der Kellner außer Hörweite war, „ich werde natürlich in seiner,“ mit einer Schulterbewegung, „Gegenwart auf diese Idee kommen: ‚Aber ich bitte Sie, meine Damen, diese Begegnung müssen wir doch mit einer Schampus feiern!‘ Klingt es nicht ganz glaubwürdig?“
„Sehr,“ bestätigte Mette lachend.
„Herrgott, die Tasche.“ Gwen hob erschrocken die Hand vor den offenen Mund und sah mit runden entsetzten Kinderaugen von einem zum andern. „Fred, Sie müssen Ihre Tasche aus unserm Zimmer holen! Was soll denn das Zimmermädchen von uns denken? Aber lassen Sie sich nicht erwischen, sonst werden Sie noch als Einbrecher verhaftet! Das wär’ eigentlich ein herrlicher Witz! Passen Sie auf, ich will Ihnen unauffällig den Schlüssel zustecken!“
Sie kramte in ihrer Tasche, die sie unter dem Tisch auf ihrem Schoß hielt, zog den Schlüssel heraus, krampfhaft bemüht, ihn in ihrer kleinen Faust verschwinden zu lassen, und schob die geschlossene Hand über den Tisch.
Wietinghoff nahm ihr den Schlüssel ab, ließ ihn in die Hosentasche gleiten und bog sich vor Lachen mit dem Stuhl zurück.
„Wundervoll,“ sagte er und zeigte sehr vergnügt seine festen weißen Zähne, „jetzt hat das ganze Lokal gesehen, wie Sie mir unauffällig den Zimmerschlüssel zugesteckt haben! Na, mir soll’s recht sein! Ich fühle mich nicht weiter kompromittiert. Niedlich genug sehen Sie aus!“
Er sagte es etwas geringschätzig, mit einem spöttischen Zucken um den Mund. Aber unter gesenkten Augenlidern hervor lief ein Blick über Gwen hin, der etwas Vertrauliches, Taxierendes und zugleich Brennendes und Einsaugendes hatte.
‚Was soll ich hier?‘ dachte Mette in plötzlicher Qual, ‚warum muß ich Zeuge ihrer Verliebtheit sein? Bloß, weil sie ihren Ruf wahren wollen? Lächerlich. Sie sind sicher schon hundertmal allein zusammen gewesen. Sie können nicht Angst haben, daß etwas geschehen könnte, was noch nicht geschehen wäre. Diese beiden Menschen kennen einer den andern ganz und ohne Rückhalt. Ich hab’ es vor Monaten schon gewußt. Wie konnte ich es wieder vergessen? Was soll ich hier?‘
Fred Wietinghoff goß die Gläser voll.
„Auf gute und ehrliche Kameradschaft!“ sagte er.
„Darauf trink ich mit!“ Mette hob ihr Glas.
Wietinghoff suchte ihren Blick mit ernsten und offenen Augen.
„Sie sind der geborene Kamerad,“ sagte er herzlich. „Treu, klug, verschwiegen und kühn. Wissen Sie – man sieht oft Menschen in einer anderen Zeit, unter anderen Schicksalen – sozusagen in einer anderen Rolle. Wenn ich Sie sehe, denke ich immer tausend Jahre zurück, Minnesänger- und Ritterzeit, und dann seh’ ich Sie in Knappentracht Ihrem auserwählten Liebsten folgen – es gibt solche Gestalten in den alten Liedern und Sagen, und sie haben mich schon in meiner Knabenzeit immer mit Rührung und Bewunderung erfüllt. So ein Heldenmädchen, das ganz ohne Ehrgeiz, nur aus Liebe, alle Strapazen erträgt, an allen Ruhmestaten seinen Anteil hat, geneckt und gelobt wird, aber niemals den Lohn der Leidenschaft empfängt – bis es einmal im Gewühl des Kampfes Hieb oder Stich empfängt und der Ritter selber auf beiden Armen seinen treuen Knappen ins Zelt trägt und aus dem Knabenwams einen weißleuchtenden Frauenleib ans Licht schält.“
„Findest du nicht, daß er Talent hat?“ neckte Gwen. „Er sollte doch unter die Dichter gehen. Und was bin ich? Äußern Sie sich, Herr Wietinghoff, in welcher Rolle belieben Sie mich zu sehen?“
„Sie sind absolut eine Ausgeburt des zwanzigsten Jahrhunderts,“ gab Wietinghoff fast verächtlich zurück, „albern und frühreif, verderbt und kindlich, putzsüchtig, anspruchsvoll ...“
Gwen zappelte mit den Füßen und öffnete den Mund zu einem ungezogenen Schreien.
Wietinghoff beeilte sich, sie zu beschwichtigen.
„Aber süß,“ sagte er hastig, ängstlich, „ganz entzückend dabei, unwiderstehlich, bezaubernd, berückend, betörend.“
„Scheint so,“ lachte Gwen, „Sie hab’ ich jedenfalls betört, denn Sie sind furchtbar töricht. Prost, Kinder – ich finde den Wein herrlich und das Leben wunderschön.“
Mette trank ihr zu. Der Wein goß warme Ströme durch ihre Nerven.
‚Kamerad,‘ dachte sie, ‚schönes, liebes Wort. Kamerad! Das möcht’ ich sein, und das kann ich sein. Kameradschaft. Das ist mein Reichtum und meine Stärke. Aber noch nie hat sie jemand von mir verlangt. Ich kann diesem kleinen Mädchen Kamerad sein und kann’s diesem Mann sein – ob die beiden nun andere Beziehungen miteinander haben, geht mich gar nichts an – es berührt mich gar nicht. Seltsam – noch nie hat mich jemand zum Kameraden haben wollen – nicht einmal Olga. Und dabei ist mir, als wäre mir durch dies Wort ein Schlüssel zu meinem Innern gegeben, daß ich in mich selbst hineinsehen kann und erkenne, was in mir ist. Ich will Fred Wietinghoff immer dankbar sein, daß er mir dieses gute Wort gesagt hat.‘
Die frohe Stimmung hielt bei allen an. Manchmal lachte Gwen so ausgelassen, daß Wietinghoff oder Mette sie zur Ruhe verweisen mußten. Manchmal flog ein Scherzwort hin und her, das Mette nicht verstand. Aber es quälte sie nicht mehr. Ein guter Kamerad mußte sich vertrauensvoll und geduldig in alles schicken. Mußte überhören können, was er nicht zu wissen brauchte. Und mußte mit immer wachen, hundertfach geschärften Ohren hören, wenn ein Notruf an ihn erging. – – –
* * * * *
Auf dem Türgang sagte Fred Wietinghoff ihnen gute Nacht. Er küßte beiden lange die Hand, und keiner um einen Herzschlag länger als der andern. Aber Gwens Finger hob er an die Lippen und sah ihr dabei in die Augen, eindringlich und wie beschwörend. Über Mettes Hand beugte er tief den Kopf. – – –
* * * * *
„Morgen fahren wir ans Meer!“ Gwen tanzte übermütig durchs Zimmer. „Mette, süße Mette, ist das Leben nicht schön? Und ist es nicht entzückend, mit Fred zu bummeln und zu reisen? Bist du nicht entzückt von ihm? Ach, etwas doch, mir kannst du es ruhig zugeben, ich bin nicht eifersüchtig! Nur ausschalten laß ich mich nicht – aber sonst ... Du bist ja doch ein bißchen in ihn verliebt, sag’ es nur ruhig.“
„Ich glaube, du bist ein bißchen beschwipst, kleine Maus,“ sagte Mette lächelnd, „es ist höchste Zeit, daß du in dein Bettchen kommst.“
„Ja, höchste Zeit – höchste Zeit,“ trällerte Gwen leise. Sie zog sich aus, während sie in der Stube herumtanzte, und streute ihre Sachen auf alle vorhandenen Stühle und Tische. „Müde bin ich zwar gar nicht ... bist du müde, Metting? Hoffentlich nicht.“
„Warum nicht? Was hast du denn noch vor?“
„Ach, ich geh’ heut Abend noch auf den Ball mit dir ... auf den Federball ... habt ihr das als Kinder auch immer gesagt? Blöd, nicht? Alle Kinder haben dieselben dummen Redensarten und finden sie tausendmal hintereinander immer wieder witzig. Und wenn man älter wird, mag man die besten Witze nicht zweimal hören und die schönsten Gerichte nicht zweimal essen. Eigentlich traurig, nicht? Oder? Fred Wietinghoff würde sagen: der ewige Hunger nach neuem peitscht uns vorwärts. Sonst würden wir uns wie Karusselpferde im Kreis herumdrehen. Also, gepriesen sei der Drang nach Abwechslung! Was machst du nur so ewig, Mettika? Ich steige gleich ins Bett.“
Sie stieg aber trotzdem nicht gleich ins Bett, sondern lief im Hemd im Zimmer hin und her, hatte dort etwas zu ordnen und hier etwas zu suchen und verbrachte die Zeit mit Geschwätz und Getändel.
Mette lag schon im Bett: „Du wirst dich erkälten,“ sagte sie kopfschüttelnd, „wie kann man so herumtrödeln? Du warst doch schon vor einer halben Stunde fertig. Dreh’ die überflüssige Beleuchtung aus und kriech’ ins Bett.“
Gwen reckte die nackten Arme über den Kopf.
„Ich hab’ eine solche Unruhe in mir,“ klagte sie. „Begreifst du denn das nicht? Ach Mette, du tust ja nur so, als ob du von Eis und Schnee wärst. Fühlst du denn nicht, wie der Wein durch deine Adern geht und dir immer von unten gegen das Herz stößt, immer so.“ Sie schlug ruckweise mit der geballten Faust gegen die Brust. „Und fühlst du nicht, daß es da draußen Frühling wird? Hast du keine Wurzeln mehr in der Erde, daß du nicht fühlst, wie der Saft in dir gärt ... in dir, wie in jedem Baum und Strauch ...“
Sie blieb neben dem Schrank stehen und legte die Arme, die Schläfe an das glatte Holz:
„Manchmal glaub’ ich, diese armen mißhandelten, zersägten, behobelten Bäume haben noch einen Rest Leben in sich – und im Frühling, wenn die große Orgie sich vorbereitet ... dann fängt es an, noch in dem armen polierten Holz zu pulsen und zu zucken – fühl’ nur, es ist wie ein leiser Herzschlag drin, und dann denk’ ich, die Möbel freuen sich an mir – sie fühlen mein Leben aufschäumen, und das gibt ihnen Lust und Ruhe – Mette!“ – Sie war mit ein paar Sprüngen auf dem Bettrand und faßte Mette rüttelnd an den Schultern. „Bist du lebloser als das tote Holz? Das ist nicht wahr und das glaub’ ich dir nicht!“
Sie schlang die Arme um Mette und wühlte den Kopf neben ihr in die Kissen.
„Warum magst du mich nicht, Metting?“ flüsterte sie ihr ins Ohr. „Sag’ mir, ist es, weil du Fred liebst? Es ist nicht wahr, daß du nie eine Frau geliebt hast. Es ist auch nicht wahr, daß du mich nicht lieben könntest ...“
„Lieben,“ sagte Mette tonlos, „was nennst du lieben.“
„Lieben nenne ich selig machen ... und selbst dabei selig sein ... alles andere nenn’ ich Freundschaft oder Anbetung oder Schwärmerei, ja, am besten Schwärmerei. Ich will wissen, was du gegen mich hast!“
Sie kniete auf dem Bettrand und riß sich wie eine Rasende das Hemd von den Schultern.
„Du sollst mich jetzt ansehen! Du mußt mich jetzt ansehen! Wo hab’ ich irgendeinen Fehler, der dich abstößt?“
„Du bist sehr schön,“ sagte Mette mit gequältem Lächeln.