Chapter 12 of 17 · 3964 words · ~20 min read

Part 12

Mehr noch als die Männer zogen die Frauen Mettes Blicke an. Es war eine ganze Stufenleiter von Erscheinungen da. Solche, die zum dunklen Jackenkleid mit Aufschlag und Brusttasche den steifen Kragen, zum kurzgeschnittenen Haar den kleinen Herrenhut trugen – andere, die sich nur durch eine leise Schattierung verrieten – einige, aus deren scharfen Zügen Geist und Charakter sprachen, andere, die ganz den Typ der Kokotte vertraten.

Eine von allen fand Mette sehr schön. Sie war groß und schlank, hatte kurze goldbraune Locken und Bau und Profil eines Griechenknaben. Sie war in einer großen, ausgelassenen Gesellschaft, lachte viel und schien schon leicht betrunken.

Eine süße, aufreizende und gedämpfte Musik ertönte hinter einem Vorhang. Zwei junge Soldaten in Uniform hielten sich an den Hüften gefaßt und wiegten den geschmeidigen Körper im Walzertakt. Sie setzten die Füße in den schweren Stiefeln zierlich und behutsam wie Tänzerinnen – kein Schritt wurde hörbar.

„Jetzt ist der Moment gekommen,“ entschied Giesbert, „wo wir uns einen andudeln müssen. Ach Emil, wie ist doch das Leben bei dir reell! Wenn ich denke, ich kriege eine Flasche Sekt, dann krieg’ ich sie auch, aber wenn ich denke, ich kriege neune, dann kriegt sie die Bank.“

„Aber nein, Herr Giesbert,“ sagte Emil lächelnd, „Sie kriegen auch neun Flaschen Sekt!“

Sie tranken Sekt, und Sekt mit Rotwein, und Sekt mit Porter, und Benediktiner, und Schwedenpunsch, und Flips und wieder Sekt.

Mette trank ein wenig vorsichtig, und es machte ihr Spaß, zu beobachten, wie sie alle, einer nach dem andern, anfingen, Unsinn zu schwatzen.

Aber obgleich sie noch ihrer Zunge und ihrer Gedanken Herr war, fühlte sie doch das Blut etwas rascher kreisen und die Musik wie einen warmen Strom durch ihre Nerven rinnen. Einen Augenblick, als sie die Augen schloß, hatte sie den Wunsch und fast visionär auch die Vorstellung, am Rhein zu sitzen, auf einer Terrasse oder in einem blühenden Garten, vom Wasser her alte sentimentale Volkslieder zu hören und in einem vertrauten Kreise eine duftende Maibowle zu trinken.

Als sie die Augen aufschlug und den rauch- und dunsterfüllten Raum in den krankhaften Farben sah, faßte sie Grauen und Elend.

Sie waren so lustig geworden am Tisch, alle hatten sie weiche, offene, brennende Lippen und glühende Augen, alle lachten und schmiegten sich wie liebkosend in die Stühle oder tasteten mit den Händen nach einander.

‚Rausch, Rausch,‘ dachte Mette, ‚ich muß es doch erzwingen können, ich muß doch empfinden können, was sie alle empfinden! Es war doch vorhin schon so ein warmes Wohlgefühl in mir, ein leichter, gleitender Schwindel – warum ist es nur schon wieder verraucht und alles so schal und ekelhaft?‘

Sie stürzte rasch ein paar Gläser Sekt herunter. Aber sie spürte danach nur einen dumpfen, lastenden Druck über den Augen.

Sie hielt die Hand über das Glas, als Krafft ihr einschenken wollte, um sie ‚lustig zu machen‘:

„Bitte, nicht, ich habe schon Kopfweh, und lustig werde ich doch nicht.“

„Nimm doch ein bissel Koks, damit du den Kopf freikriegst,“ riet Gisela.

„Vielleicht.“ Mette war alles recht.

Von allen Seiten wurden ihr goldene und silberne Döschen gereicht.

Sie nahm ein wenig von dem weißen Pulver auf den Handrücken und sog es in die Nase. Sie hatte die Vorstellung von stäubendem Schnee, als sie die weißen Kristalle sah. Der Raum war schwül und dunstig, und die Vorstellung tat wohl. Es war, als ob sie reine, klare Winterluft atmete. Ihre Schädeldecke tat sich auf, und der drückende Nebel, der sich um ihr Gehirn gelagert hatte, entwich. Schleier schienen vor ihren müden Augen zu zerreißen, alles rückte näher, wurde fester in den Umrissen, klarer in den Farben.

„Gott sei Dank,“ sagte sie erleichtert, „ich fange an, euch zu begreifen – es ist wirklich ein herrliches Gefühl.“

Nur ließ die Wirkung bald nach. Sie versuchte es noch einmal.

Ihr Kopf war frei, ihre Gedanken fest. Sie fühlte sich wohl und sicher.

Giesbert machte ihr Komplimente, mit ein wenig schwerer Zunge:

„Fabelhaft, kleine Rudloff, fabelhaft! Das kleine Mädchen kann was vertragen, allerhand Hochachtung! Die trinkt uns unter’n Tisch, Willi, und schnupft uns unter den Fußboden, in den Keller, noch unter den Keller – wir sind überhaupt gar nicht mehr da, so klein sind wir vor ihr – sooo klein.“

Die kleine Luigi hatte mit Kramer den Platz gewechselt, um neben Mette zu sitzen. Sie legte beide Arme auf ihre Stuhllehne und redete halblaut auf sie ein:

„Sagen Sie mir ehrlich – warum können Sie mich eigentlich nicht leiden? Ich habe Sie immer so furchtbar gern gehabt, vom ersten Augenblick an – ich darf das doch sagen, nicht, Giselchen? Aber ich hatte immer das Gefühl, daß Sie mich nicht leiden mochten! Ich bin Ihnen wohl zu weiblich, nicht wahr? Aber – glauben Sie mir, das hat mit dem Äußeren gar nichts zu tun! Oder mögen Sie gern kurzes Haar? Soll ich mir die Haare abschneiden lassen?“

„Mette ist die einzige Frau der Welt, die ich heiraten würde,“ erklärte der kleine Johannes wie ein schlaftrunkenes Kind, „Mette würde ich glatt heiraten, wenn ich ein Mann wäre!“

„Gott, was hat die Frau für Fesseln!“ Krafft umspannte bewundernd Mettes Handgelenke. „Zeigen Sie her! An den Füßen auch?“

Mette stemmte lachend die gekreuzten Füße gegen den Rand seines Stuhls. Er streichelte ihre Knöchel in den dünnen seidenen Strümpfen.

„Du darfst sie streicheln,“ erlaubte Johannes großmütig, „weil es Mette ist, darfst du!“

In Metten schwoll eine große und fast gerührte Freude. Sie fühlte sich schön, begehrenswert und begehrt.

„Sie hat die schönsten Beine der Welt,“ sagte Gisela und schob Mette lachend die Röcke bis an die Knie zurück. Mette ließ es ruhig geschehen. Zum erstenmal sah sie selbst in einem Rausch von Stolz das vollendete Ebenmaß ihrer schlanken Beine.

Das Mädchen am andern Tisch, das aussah wie ein Griechenknabe, versuchte immer Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jedesmal, wenn Mettes Blick hinübertraf, führte die andere das Glas zum Munde. Erst hatte sie es wie zufällig getan, jetzt lächelte sie und hob es ihr entgegen. Mette lächelte wieder und trank ihr zu.

Jetzt wollte das Mädchen aufstehen; die Leute am Tisch suchten sie mit Gelächter zurückzuhalten. Aber sie ließ sich nicht beirren.

Sie kam mit dem Glas in der Hand auf Mette zu. Die Bemühung, recht gerade und sicher zu gehen, gab ihren Bewegungen eine besondere Anmut.

„Ich möchte mit Ihnen anstoßen,“ sagte sie mit einem trotzigen kleinen Lachen.

Mette hob ihr Glas. Sie stießen an und tranken.

Die Fremde blieb stehen: „Und – ich möchte Ihnen auch einen Kuß geben – das heißt, wenn Fräulein Werkenthin es erlaubt.“

Alle am Tisch lachten schallend auf und riefen alles Mögliche durcheinander.

„Ich erlaube,“ sagte Gisela spöttisch.

„Sie hat gar nichts zu erlauben,“ widersprach Mette trotzig.

Die Fremde beugte sich schnell über sie, und Mette fühlte auf ihren Lippen den offenen, heißen, weinfeuchten Mund – sekundenlang. Sie schloß die Augen, und dadurch, daß ihr der Kopf in den Nacken gepreßt wurde, dadurch, daß Krafft ihre Füße immer noch auf seinem Stuhl festhielt, wurde ihr so schwindlig, daß sie sich mit beiden Händen an ihrem Sitz festklammerte. Sie hatte das Gefühl, daß der Stuhl sich neigte, daß der Raum schwankte, daß sie auf einer Schaukel wäre, die losgerissen durch die Luft flöge, oder auf einem Schiff, dessen auseinandergeborstene Planken von einem strudelnden Abgrund verschlungen würden.

Sie richtete sich auf und stieß die Fremde fast heftig vor die Brust, um Luft zu bekommen.

In demselben Augenblick sah sie, daß Gisela aufsprang, totenblaß, mit verzerrtem Mund und den Kopf vorgestreckt, wie ein sprungbereiter Panther, mit brennenden Augen nach dem Eingang starrte.

Mette folgte unwillkürlich dem Blick, und sie sah noch den dunklen Vorhang hinter den eben Eingetretenen zusammenfallen.

Neben der etwas gebeugten Gestalt Ulrich Zeedens stand Corona von Gjellerström, am Arm eines großen, schlanken, eleganten Mannes.

Ihre Augen waren so groß und klar, ohne Erstaunen, voll prüfender Neugier und von einem warmen, samtenen Glanz. Metten schien es, als wären diese Augen nicht eines Armes Länge von ihr entfernt, so deutlich sah sie das Spiel der Lider, die Lichtflecke in der braunen Iris, den Schatten der Wimpern.

Diese Augen hoben sich mit sanftem Aufstrahlen dem Mann an ihrer Seite zu, als hätten sie übergenug von dem Bilde, das sie eben aufgefangen, ihre Lippen bewegten sich, der Mann nickte zustimmend, sie wandten sich alle drei, und der Vorhang fiel wieder hinter ihnen zusammen.

Gisela riß ihr Glas vom Tisch und schleuderte es mit einem harten Auflachen nach der Tür. Giesbert und Krafft packten sie sofort an den Handgelenken. Sie wehrte sich, wollte sich freimachen, ließ schließlich den Kopf auf die Brust hängen und brach in ein lautes haltloses, hysterisches Weinen aus.

Die andern Leute, so sehr sie auch mit sich beschäftigt waren, wurden aufmerksam.

Mette fing an, am ganzen Körper zu zittern.

„Fort,“ sagte sie halblaut, „nur fort, nur fort, nur fort.“

Sie hatte das Gefühl, als ob sie im nächsten Augenblick in das schreiende Weinen einstimmen müßte, oder sich auf den Boden werfen, oder den Tisch umstoßen und mit den Füßen in die Gläser und Flaschen treten.

Sie war froh, als sie endlich auf der Straße standen, in einer kühlen, blauen Morgendämmerung, noch froher, als sie ein Auto fanden, das sie alle aufnahm.

Die Luft gab ihr die Besinnung wieder. Ihr war übel und sterbenselend.

Sie beschwor die anderen auf den Treppen, auf den Gängen, keinen unnötigen Lärm zu machen. Je mehr sie bat, desto übermütiger wurden sie. Kramer hatte jeden Halt verloren; er wollte durchaus bei Frau Meidinger anklopfen und sie ersuchen, ihm ein schönes Mädchen zur Verfügung zu stellen.

„Es ist ihre Pflicht,“ lallte er, „sie ist die Mutter von diesem sogenannten Etablissement hier. Sie kann es mir ruhig auf die Rechnung setzen, sie setzt einem ja so alles auf die Rechnung.“

Als Mette ihre Tür aufschloß, wollte Giesbert sich mit hineindrängen. Sie stieß ihn zurück, aber er packte sie, und in der offenen Tür entspann sich ein Ringen, bei dem Giesbert Mette an sich riß und ihr Gesicht und Hals mit wütenden Küssen bedeckte.

Plötzlich tat sich die Nebentür geräuschvoll auf, und Luise Peters stand auf dem Gang, in einem seltsamen großkarrierten Morgenrock und einer Nachtfrisur, zwei langen, glattgeflochtenen Zöpfen, und verlangte energisch Ruhe.

Die kleine Luigi fand ihren unerwarteten Anblick so komisch, daß sie sich bog und schüttelte und mit ausgestrecktem Finger auf sie zeigte.

Mette benutzte Giesberts überraschtes Herumfahren, um in ihr Zimmer zu schlüpfen, die Tür zuzuschlagen und abzuriegeln.

Sie taumelte gegen den Schrank, an dem sie sich festhielt, an allen Gliedern zitternd. Eine brennende Scham fraß an ihr, zernagte sie innerlich, höhlte sie aus.

Sie krümmte sich und konnte doch den unablässigen, bohrenden Schmerzen nicht entgehen. Sie wünschte sich fort und wußte doch, daß sie nicht den Mut und die Kraft hatte, einen Handkoffer zu packen. Sie mußte fort sein, wenigstens aus dem Haus, eh’ der Morgen kam. Es war undenkbar, daß sie je wieder das gemeinsame Speisezimmer betrat. Undenkbar, daß sie abwartete, bis Frau Meidinger ihr kündigte, weil sie solche Elemente nicht in ihrem Haus dulden wollte.

Sie verspürte Grauen und Ekel vor sich selber. Dazu kam das körperliche Übelbefinden, Schwindel, Müdigkeit, Herzschlagen, die gallige Bitterkeit, mit der das Kokain ihr im Rachen brannte ...

Sie fühlte, daß ein Entschluß gefaßt werden mußte, und sie wußte nicht, welcher.

Ihre Gedanken suchten in fiebernder Angst nach einem Halt, an den sie sich klammern konnten. Sie suchten nach einem Menschen, dem sie beichten konnte, und der die Macht hatte, loszusprechen. Sie suchten nach einem Menschen, der sie vor sich selbst in Schutz nahm, vor dem sie knien könnte, in dessen Schoß sie das Gesicht verbergen könnte, und der gütige, starke Hände auf ihren Kopf legte.

‚Mutter,‘ schrie es in ihr, ‚Mutter!‘

Ihre Gedanken drängten zu Sophie – sie wehrte ihnen. In dem friedevollen kleinen Haus, das ihr immer so tröstlich Zuflucht geboten hatte, war sie zum Störenfried geworden. Nicht durch eigene Schuld, dachte sie bitter.

Olga – nur bei Olga war Rettung. Sie wollte den Revolver an die Stirn drücken und wollte denken, es wären Olgas kühle feste Hände.

Und Olgas Hände würden alles Peinigende auswischen – auslöschen – Scham und Reue und Ekel und Gram und hoffnungslose Verzweiflung. In der nächsten Sekunde schon konnte das alles ausgelöscht sein.

Und wenn sie morgen tot war, war alles erklärt. Die kleine Luigi würde es nicht verstehen. Sie würde immer dabei bleiben: sie war doch so lustig gestern.

Aber Cora von Gjellerström würde es erfahren. Und sie würde sich der heutigen Nacht erinnern – sie hatte Mette wohl gesehen, oh, Mette fühlte noch ihren Blick – und sie würde ein wenig fröstelnd die Schultern zusammenziehen bei dem Gedanken, daß sie eine Sterbende gesehen hatte.

Und Luise Peters würde sagen: das arme Kind, sie hat sich Mut angetrunken.

Sophie würde sehr erschrecken – vielleicht auch sich grämen. Aber was ging das Metten an! Sophie hatte sich ja auch nicht darum gekümmert, was aus Mette wurde. Und sie hatte ja Nora ...

Es mußte schnell geschehen, eh’ jemand im Haus wach wurde. In zwanzig Sekunden konnte es vorüber sein – alles vorüber ...

In dem Augenblick, als sie den Revolver aus dem Kasten hob, klopfte es an die Tür.

Mette stand reglos und hielt den Atem an. Vielleicht sollte sie es jetzt tun, gerade, schnell, gehetzt von dem ungeduldigen Klopfen.

Dann war es vorbei – dann sollte der, der da klopfte, ihretwegen die Tür eintreten.

Ob es einen lauten Knall gab? Sie selber würde wohl nichts mehr davon hören ... hoffentlich nicht – obgleich das Ohr von allen Sinnen am längsten in Funktion bleiben sollte ... ach, vielleicht ging es gar nicht so schnell – vielleicht hörte sie noch das Tür-Aufbrechen und Gekreisch und Gejammer.

„Bitte, machen Sie auf!“ rief draußen eine ebenso flehende als fordernde Stimme, „bitte, Fräulein Rudloff, machen Sie einen Augenblick auf.“

Das war nicht Giesbert, oder Mara Luigi, oder eins von den Mädchen. Das war Luise Peters.

Vielleicht war sie krank und brauchte einen Menschen. Sie würde wohl schwerlich in der Nacht an der Tür rütteln, um Mette eine Moralpredigt zu halten.

Mette warf den Revolver achtlos in den offenen Kasten zurück und öffnete die Tür.

Luise Peters drängte sich ins Zimmer. Breit und robust stand sie da, ein wenig lächerlich in ihrem großkarrierten Morgenrock, trotz ihrem angstblassen Gesicht.

Ihr rascher, wacher Blick traf den offenen Nachttischkasten und den Kolben des Revolvers, der kaum sichtbar daraus hervorragte.

Aber sie verriet sich mit keiner Miene.

„Ich wollte Sie um Entschuldigung bitten, mein kleines Fräulein,“ sagte sie mit gutmütigem Lächeln, „ich habe mich vorhin beschwert, weil ich dachte, Sie kämen sehr lustig nach Hause. Aber ich merkte dann gleich, daß Ihnen nicht gut war. Sie müssen sich gleich hinlegen – aber Sie können ja kaum auf den Füßen stehen – darf ich Ihnen nicht behilflich sein? Sie können es mir gern erlauben, ich versteh’ etwas von Krankenpflege ...“

Während sie sprach, nahm sie Mette den Hut von dem wirren Haar. Sie knöpfte ihr das Kleid auf. Sie hielt sie dabei wie eine Puppe immer in einem ihrer starken Arme und drehte sie hin und her. Sie zog ihr die drückenden Haarnadeln aus dem gelockerten Knoten.

Mette spürte plötzlich die warme Nähe eines Menschen, sie spürte die guten, starken, sorgenden Hände – es war, als ob eiternde Wunden in ihr aufbrächen und warmes Blut alle Schmerzen wegschwemmte – sie fing an zu weinen, ein unstillbares, sanftes, erlösendes, qual-fortspülendes Weinen.

„Ich bin noch zu klein,“ sagte sie unter strömenden Tränen, „Sie werden denken, ich bin betrunken – aber es ist mein voller Ernst: um so entsetzlich allein durch die Welt zu laufen, bin ich noch viel zu klein!“ – – –

* * * * *

Drei Tage lang hielt Luise Peters Metten in einer sanften Gefangenschaft. Sie ließ sie keine Minute allein, bestellte ihr das Essen aufs Zimmer und wies jeden Besucher mit der Begründung ab, daß Mette krank sei.

Metten war es ganz recht so. Sie selbst hätte die Kraft zu dieser Lüge nicht gefunden, und doch fühlte sie die Notwendigkeit, sich von all den Menschen, mit denen sie das letzte Jahr gelebt hatte, auf Nimmerwiedersehen zu lösen.

Am ersten Tag versuchte Luise Peters Metten zu überzeugen – was nicht schwer war – daß sie einen ganz unpassenden Verkehr unterhielte und am besten täte, der Stadt und all ihren sogenannten Freunden den Rücken zu kehren.

Am dritten – vormittags – erzählte sie Mette viel von ihrer Heimatstadt – von der weitberühmten Sauberkeit, nach der sie sich immer zurücksehne, von den Menschen, die für steif und förmlich galten, weil sie das Herz nicht auf der Zunge trügen – die aber ehrlich wären und trotzig und treu – und von ihrer kleinen schönen Stiefschwester Gwendolen, die in Mettes Alter wäre, aber noch ein Kind – das vom ganzen Hause sorglich behütete Nestküken. Das wäre eher ein passender Umgang für die arme kleine feine Mette, als diese greulichen Weiber hier ...

Am Nachmittag half sie Mette die Koffer packen. Mette wollte fort – nach der reinlichen Stadt, wo die flinken weißen Schiffchen das blaue Wasser kreuzten.

Mette war sehr gerührt von all der Güte, und fast noch mehr von dem Vertrauen.

Sie lächelte – ein schweres und wissendes Lächeln – als Luise Peters sie zum Abschied in die Arme nahm und mit tränennassen Augen auf beide Wangen küßte.

‚Im Grunde bin ich doch zehn Jahre älter als sie,‘ dachte sie traurig, ‚denn ich weiß, wovon sie Gott sei Dank keine Ahnung hat: daß sie verliebt in mich ist! Weil sie ein wenig von der Veranlagung der greulichen Weiber hat – sie würde es sich selbst nie eingestehen. Vielleicht würde sie sich erschießen, wenn sie es sich zugeben müßte. Gott gebe, daß es ihr niemals zum Bewußtsein kommt.‘

Der einzige, dem Mette noch einmal die Hand geben wollte, war Eccarius. In seinem Gesicht stand viel Anteilnahme. Vielleicht hatte Luise Peters ihm mehr erzählt, als sie sich Metten gegenüber den Anschein gab, zu wissen.

„Sie sind mir noch ein Wort schuldig,“ sagte Mette mit einem mühsamen Lächeln, „ich habe öfter in schlaflosen Nächten darüber gegrübelt und wollte Sie fragen – dann hab’ ich’s immer wieder vergessen. Wissen Sie noch – als wir einmal zu Frau von Hersfeld hinaus pilgerten ...“ eine plötzliche Scheu hielt sie ab, Sophiens Namen auszusprechen, „da sagte ich, es soll mein Wahlspruch sein: das Leben lieben und den Tod nicht fürchten. Sie wollten aber den Satz nur umgekehrt gelten lassen ...“

„Ja,“ Eccarius nickte ernsthaft. „Den Tod lieben und das Leben nicht fürchten! Oder in andern Worten – und das ist der Spruch, der über _meinem_ Leben steht – ein guter Spruch, um ihn auf eine weite Reise mitzugeben: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann!“

Irgendwohin führen die weißen Wege hinaus. Irgendwo bin ich auf der Erde doch auch zu Haus.

Mette saß auf der Terrasse mit den älteren Damen, mit Frau Konsul Peters, mit Frau Senator Börgessen, mit Frau Generaldirektor Wietinghoff und mit der jungen Frau Vandahl, die ihres Zustandes wegen ein wenig schwerfällig war und lieber still im Korbsessel saß, als sich mit der „Jugend“ im Garten zu vergnügen.

Die Damen hatten fast alle eine Handarbeit zwischen den Fingern und arbeiteten mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit. Das Gespräch floß dabei sanft und ruhig fort, ohne Hast, aber auch ohne Stockung.

Mette sah auf den weißen Netzgrund, durch den sie unermüdlich, aber ohne Eile, die Nadel hin- und herführte und freute sich im Stillen, daß sie die Unterhaltung nicht in Gang zu halten brauchte. Sie durfte die Augen auf ihre Arbeit gesenkt halten und brauchte nur aufzusehen und zu reden, wenn sie gefragt wurde. Sie wirkte dadurch bescheiden und jungmädchenhaft, und niemand ahnte, wie herrlich bequem sie das fand.

Sie hatte in den letzten Monaten mehr als ein dutzendmal auf dieser Terrasse gesessen, aber an diesem Tage empfand sie zum erstenmal die Schönheit des Gartens, die ruhigen Stimmen neben ihr, die hellen Rufe vom Tennisplatz, alles, Farben, Düfte, Klänge mit einem unendlichen Wohlbehagen, mit einer dankbar genießenden Freude.

Wochen und Wochen hatte sie in einem heimlichen Zittern gelebt, wie ein Verbrecher auf der Flucht. Hundertmal hatte sie geglaubt, Gisela vor sich zu sehen oder ihre Stimme zu hören, hundertmal, wenn sie einen Brief von Luise Peters aufriß, erwartete sie die Nachricht, daß Gisela Werkenthin ein entsetzliches Ende gefunden, hundertmal hatte ihr das Herz schon so gewaltsam geschlagen, daß sie mühsam nach Atem ringen mußte – hundertmal war Angst und Erschrecken umsonst gewesen.

Sie hatte sich oft vorgebetet, daß sie einen Skandal nicht zu fürchten brauche, weil ihr an der Meinung und Gunst der Leute nichts gelegen sei. Und doch hatte sie Momente, in denen sie sich eingestehen mußte, daß es weniger gräßlich wäre, die Nachricht von Giselas Tode zu empfangen, als sie plötzlich auftauchen zu sehen – hier zum Beispiel, auf der Terrasse des Peters’schen Hauses – und irgendeiner aufregenden Szene beizuwohnen – einer geschmacklosen Szene, zu deren Mittelpunkt sie wider ihren Willen selbst gemacht wurde. Sie konnte sich eine solche Szene mit Rede und Gegenrede bis ins kleinste ausmalen, so daß sie blaß und rot wurde, und das Blut ihr in allen Pulsen hämmerte.

Und mehr als einmal faßte sie den Vorsatz, eine erstaunt-beleidigte Haltung nicht zu verlieren, ein verständnisloses Lächeln festzuhalten – wenn sie die Sicherheit fand, jede Bekanntschaft zu leugnen, dann konnte, dann mußte man Gisela Werkenthin für eine Wahnsinnige halten und sie durch die Diener hinausschaffen lassen.

In schlaflosen Nächten lebte Mette das wieder und wieder durch.

Sie sah Giselas Gesicht, so unbeherrscht, so verzerrt von Haß und Schmerz und Rachsucht, wie in dem Augenblick, da sie Cora von Gjellerström ihr Glas nachschleuderte.

Und sie hörte sich selbst mit sehr klarer und ruhiger Stimme sagen: ‚Es tut mir so entsetzlich leid, gnädige Frau, daß ich die unschuldige Veranlassung zu einem solchen Auftritt in Ihrem Hause bin. Aber ich kann Ihnen nur versichern, daß ich diese ... Dame nie in meinem Leben gesehen habe.‘

Es würde sich ganz gut machen, vor dem Wort „Dame“ eine kleine Pause zu machen, viel besser, als etwa „Person“ zu sagen.

Vielleicht wäre es noch klüger, ganz sanft auf Gisela zuzugehen und in einem Krankenschwesternton zu fragen: „Wollen Sie mir nicht sagen, woher Sie mich kennen? Woher wissen Sie meinen Namen? Ich kenne Sie, natürlich, aber ich kann mich im Augenblick nicht besinnen – wollen Sie mir nicht helfen? Sind wir vielleicht zusammen in die Schule gegangen?“

Oder würde es nicht am Ende den günstigsten Eindruck hervorrufen, wenn sie die Erschrockene spielte, wenn sie zitternd hinter einen Stuhl flüchtete, oder sich schutzsuchend an eine der Damen klammerte: „Helfen Sie mir nur! Was will sie denn von mir? Verstehen Sie, was sie von mir will? Kennen Sie sie denn? Wissen Sie, wer das ist?“

Ja, vielleicht wäre das das natürlichste für ein wohlerzogenes und etwas schüchternes junges Mädchen, wenn es von einer Geisteskranken angefallen oder belästigt würde ...

Sie würde lügen, lügen bis aufs äußerste – obgleich ihr weder an der Meinung von Frau Konsul Peters, noch an der Meinung von Frau Senator Börgessen so sehr viel gelegen war. Aber sie wollte Ruhe haben, sie wollte ganz eingehüllt sein in einen undurchdringlichen Mantel von Wohlanständigkeit und hergebrachter Sitte, sie wollte nicht wieder am Pranger stehen und sich das Hemd von den Schultern reißen lassen, kein verächtlicher Blick sollte sie mehr treffen dürfen – ihre Haut war empfindlich geworden, so übermäßig empfindlich – und ein Blick, in dem nicht Wohlwollen und Freundlichkeit lag, tat ihr schon weh.

Oh, wie gut sie Olga Radó jetzt begriff, die sie verleugnet hatte, so erbarmungslos verleugnet und preisgegeben. Die war schon müde gehetzt gewesen, und ihre Haut war verbrannt gewesen von den vielen verächtlichen Blicken – sie konnte keinen Blick mehr ertragen und wollte es nicht. Sie fürchtete sich vor Blicken – fürchtete sich bis zur kleinlichen Feigheit.

Aber vor dem geladenen Revolver fürchtete sie sich nicht ...

Jetzt war Mette ebenso weit.

Bereit, lieber zu sterben, als Verachtung zu erdulden.