Part 5
Es klopfte an die Tür, und Mara Luigi steckte den rötlichen Wuschelkopf durch die Spalte. Sie hatte es sich angewöhnt, jeden Tag ein halb dutzendmal bei Mette anzuklopfen, um eine belanglose Frage zu stellen, oder eine noch belanglosere Mitteilung zu machen. Mette hatte einzig aus diesem Grunde schon manchmal die Möglichkeit eines Umzugs erwogen.
„Störe ich?“ fragte sie, indem sie durch die Tür schlüpfte. Sie schlüpfte wirklich, denn sie hatte die Gewohnheit, wenn sie so kam, die Tür nur zu einem spitzen Winkel zu öffnen, ihren schmalen Körper noch schmäler zu machen und mit hochgezogenen Schultern und katzenhaft geschmeidigen Bewegungen durch den Spalt zu gleiten.
„Absolut nicht,“ sagte Mette geduldig. Im Grunde störte sie ja auch nicht. Niemand fragte danach, wann Mette Rudloff die Lektion zu Ende bringen würde ... leider!
„Kommen Sie ein bissel mit hinüber auf meine Bude, ja? Die Werkenthin ist da, Giesbert, Kramer, die Breslauer. Wir trinken Tee und rauchen – ich soll Sie schön bitten, auch im Namen der andern.“
Mette stand auf und legte Hefte und Bücher gerade. Sie fuhr noch ein wenig unschlüssig mit den Fingern an dem Bleistift hin und her:
„Soll ich wirklich ...“
„Ja natürlich sollen Sie! Sie werden noch ganz dumm von dem vielen Studieren, glauben Sie mir! Früher war ich auch so – Bücher, das war mein Schönstes ... ich hab’ mir immer die Bücher im Bett versteckt, weil meine Mutter nicht wollte, daß ich so viel lesen sollte ...“
‚Schöne Bücher mögen das gewesen sein,‘ dachte Mette.
„Und jetzt? Du lieber Gott! Jetzt bin ich froh, daß ich die ganze Bücherweisheit vergessen habe! Das Leben sieht anders aus, als es in Büchern beschrieben steht ...“
„Wissen Sie, wie es aussieht?“ fragte Mette ernsthaft, „darum könnt’ ich Sie beinah beneiden. Mir erscheint es an einem Tag so und am andern Tag so. Nicht nur mein Leben, sondern ‚das Leben‘ überhaupt.“
Sie hatten unterdessen den Türgang gequert, und die Luigi öffnete ihr Zimmer und rief hinein:
„Kinder, wißt ihr, wie das Leben aussieht? Oder vielmehr, könnt ihr es erklären und beschreiben?“
Mette hatte die Fenster weit offen gehabt, und die Strahlen der tiefstehenden Sonne hatten das ganze Zimmer mit mildem, flirrenden Goldglanz erfüllt. Hier waren alle Vorhänge sorgfältig zugezogen, und das Licht der japanischen Korblampe, das durch den gebatikten Seidenschirm verschleiert wurde, warf in ein tiefes Dämmern vereinzelte violette, grüne und purpurne Reflexe.
„Wie das Leben aussieht?“ rief eine Männerstimme aus dem Dunkel. Es war Giesbert, wie Mette gleich darauf erkannte, als ihre Augen sich in der ungewohnten Beleuchtung zurechtgefunden hatten.
„Ist das eine Preisfrage für eine Malerakademie? Soll jeder ein Bild malen, wie er sich das Leben vorstellt? Dann malen neunundneunzig Prozent ein nacktes Weib! Nur die Attribute sind verschieden – dem einen ‚beut‘ es eine Schale mit goldenen Früchten, und für den andern schwingt es hohnlachend eine Geißel.“
„Kann denn keiner von euch erklären, wie er findet, daß für ihn das Leben aussieht?“
„Sphynx,“ sagte Kramer phlegmatisch, „fabelhafter Busen, weich, verlockend und Raubtierkrallen. Und dazu das obligate Rätsel natürlich. Und der Abgrund daneben!“
„Grüß Sie Gott, Fräulein Rudloff,“ sagte Gisela Werkenthins dünne zerbrochene Kinderstimme, „sind Sie auf die verrückte Idee gekommen, daß Sie wissen wollen, wie das Leben ausschaut? Gell ja? Wenn ich ein Maler wär’ und sollt’ ein Bild malen ‚das Leben‘, ja, Giesbert, du hast ganz recht, ein nacktes Weib tät’s natürlich werden, bei mir auch. Und zwar eine mit der Leyer im Arm, die in Entzückung dahin tanzt, den Blick nach oben. Aber worauf sie tanzt, was im ersten Augenblick aussieht wie ein blumiger Teppich, das sind verschlungene, verkrampfte Menschenleiber, blutiggeschundene, röchelnde, ringende, alle, die das lachende Leben zu Boden getreten hat, und die es verfluchen, aber sich doch noch ausrenken und andere niederwürgen, um noch einen Zipfel seines Gewandes zu erfassen ...“
„Einen Zipfel vom Gewand des nackten Weibes,“ spottete Giesbert, „o heilige Logik! Sie spricht so schöne Sätze, die Kleine, ganz wie ihre Freundin, die moderne Sappho, aber sie weiß am Schluß schon nicht mehr, was sie am Anfang gesagt hat.“
„Du bist ein Viech!“ sagte Gisela und nahm irgendeinen Gegenstand auf, um nach seinem Kopf zu zielen.
Frau Breslauer griff mit einem ängstlichen Aufschrei nach ihren Händen:
„Um Gottes willen, den guten Aschbecher! An dem seinem Schädel zersplittert doch ein Stein!“
„Also nehmt euch in acht!“ rief Giesbert mit vorgestreckter Stirn, „ihr demoliert das ganze Mobiliar, wenn ihr mir’s an den Kopf schmeißt! Ich stehe wie ein Fels im Meer, und um mich liegen die Scherben der Meidingerschen Wirtschaft!“
„Also Fräulein Rudloff,“ sagte der kleine Kramer, „Sie haben diesen edlen Wettbewerb der Phantasien entzüngelt ... kann man das sagen? Ich glaube, es ist ganz neu, und es ist jedenfalls ein sehr schönes Wort ... entzüngelt! Aber ich bitte mir aus, daß ich es nicht nächstens in irgendwelchen lyrischen Schöpfungen des verehrten Kreises wiederfinde ...“
„Ja, in meinen zum Beispiel,“ warf Frau Breslauer ein.
„Oder in meinen,“ lachte Mara Luigi.
„... kurz und gut, es ist mein Wort, und ich lege Beschlag darauf. Also Sie haben die Phantasien entzüngelt, nun müssen Sie aber auch mittun in diesem Wettbewerb ... wie würden Sie denn das Leben darstellen?“
„Ach Gott,“ sagte Mette und hob ratlos die Achseln, „als eine Zwiebel vielleicht. Eine Haut nach der andern zieht man herunter, aber man kommt nicht an einen Kern!“
„Aber man vergießt Tränen bei dieser Beschäftigung!“ sagte Gisela fast bitter.
„Ja, und wer sich zu intensiv damit befaßt, dem Leben auf den Grund zu gehen,“ lachte Giesbert, „der kann leicht in schlechten Geruch kommen!“
„Ach, das Leben kann ganz nett sein,“ sagte Frau Breslauer behaglich.
„Ja,“ sagte Kramer und seine Augen wurden plötzlich ganz ernst und weiteren sich, „am Meer! Am Meer, da kann das Leben schön sein. Da gehört gar nichts dazu. Kein schönes Mädchen, und kein Alkohol, und kein Geld, und keine Opiumzigarette, und kein Erfolg, und kein garnischt. Da ist es einfach schön, zu atmen.
Es ist schön, die Sonne zu fühlen, und den Wind und den weichen, weichen Sand, und die ewige Bewegung des Wassers. Wenn man nur das Salz auf den Lippen schmeckt, und den Seegeruch atmet, diesen Duft, den man nirgends findet, und der einem sofort das Atmen Lust sein läßt, ein bißchen nach nassem Holz, und ein bißchen nach Teer, und ein bißchen nach Fischen und Algen – aber vor allen Dingen nach Salzluft und Salzwasser und Sonne, nach Reinheit und Weite, nach Frische und Gesundheit und Kraft!“
Er blähte die Nüstern, als wolle er den Meerwind einsaugen, sein unbedeutendes Knabengesicht war seltsam gespannt, ganz erfüllt und durchdrungen von dem verschönenden Ausdruck einer tiefen verzehrenden Sehnsucht.
Mette fühlte etwas wie Neid. Wie gut mußte es sein, Sehnsucht zu haben nach etwas Unveränderlichem, ewig Lebendigen, nach etwas, das immer an der gleichen Stelle war und einen immer mit der gleichen Liebe empfing.
„Überhaupt die Natur,“ sagte Frau Breslauer mit einem verzückten Augenaufschlag, „Sie glauben gar nicht, wie ich für Natur schwärme. Sie ist und bleibt doch immer unsre treueste Freundin. Ich habe immer gesagt: der Wald ist mein Dom!“
„Ach, Natur ist meistens so kalt,“ sagte die kleine Luigi kläglich und zog fröstelnd die Schultern hoch.
„... und im Sommer ist sie zu heiß,“ neckte Giesbert, „und wenn’s trocken ist, dann staubt’s, und wenn’s regnet, ist es naß. Du bist mir schon eine Heldin!“
„Natur,“ sagte Gisela nachdenklich, „Natur ist wieder so ein Begriffswort, worunter sich jeder etwas anderes denkt. Der eine nennt grüne Bäume Natur, der andere die weisen Einrichtungen, daß sich alles Lebende untereinander auffrißt, einer versteht unter einem natürlichen Leben barfuß gehen und Gras fressen, und der andere heiraten und Kinder kriegen.
Und wenn Hannchen Bodenstedt sich in seidene Kimonos hüllt und sich die Lippen rotschminkt, so sagen die einen, es ist seine Natur, und die andern sagen, es ist unnatürlich. Ich weiß überhaupt nicht, was Natur ist!“
Mit diesem achselzuckend herausgestoßenen Endurteil wandte sie sich wieder mit voller Aufmerksamkeit ihrem Zigarettenetui und einem schlecht funktionierenden Feuerzeug zu.
„Ich will euch mal was sagen, Kinder,“ sagte Giesbert entschieden, „natürlich oder nicht. Nackte Waldschnecken, die überall Schleimspuren hinterlassen, sind auch ‚natürlich‘, und sie sind mir darum doch widerlich. Und dieser kleine heilige Johannes ist für meinen Geschmack ein ganz übler Bursche.“
„Wie du redest,“ ereiferte sich die Luigi, „du kennst ihn gar nicht ... er ist im Grunde ein so hochanständiger Kerl ...“
„Weil er keine Chantage betreibt? Das fehlte auch noch! Ich will ihn ja auch gar nicht mit irgendwelchen erpresserischen Friseurgehilfen auf eine Stufe stellen ...“
„... wenn du aber sagst, ‚übler Bursche,‘ klingt das so!“
„Also gut, ich nehme es zurück. Er ist nicht so übel, wie mir bei seinem Anblick wird. Aber er ist entschieden etwas waldschneckenmäßig. Und diese alte Tante, dieses Miststück von einem Kerl, dieser päpstliche Sänger, dieses widerwärtige Subjekt ... entschuldigt, Kinder, aber ich kriege Magen- und Gallenzustände, wenn ich an ihn denke.
Wie man sich an dieses dicke Schwein verkaufen kann, ist mir ewig unfaßbar. Ich bin, weiß Gott, nicht intolerant und habe gar nichts gegen den Gedanken, daß zwei schöne Frauen mal miteinander, na ja ... Obgleich mir die Weiber mit Kragen und Schlips und abgeschnittenen Haaren auch zum Kotzen sind ... Anwesende sind natürlich immer ausgeschlossen.“
Gisela verbeugte sich mit spöttischem Lächeln.
„Aber Giselchen, du bist doch kein Mannweib, so mit Baß und Schnurrbart und dicken Zigarren. Du bist im Grunde doch ein süßes kleines Weibchen.“ Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und umschlang sie mit beiden Armen: „Du bist nur durch einen Zufall auf die falsche Bahn gelenkt, glaube mir, mein Herzblatt. Versuch, es nur einmal mit einem reellen Mann, und du bist für immer geheilt und gerettet. Ich stelle mich dir gern zur Verfügung, gratis und franko. Du ahnst gar nicht, was du für Spaß haben wirst – frag’ nur Frau Breslauer ...“
Frau Breslauer kreischte laut auf:
„Uch nein, Giesbert, was soll denn Fräulein Luigi denken.“
„Aber Sie waren doch verheiratet, Frau Breslauer!“ sagte Giesbert ernst und vorwurfsvoll. „Wollen Sie leugnen, daß es Ihnen Spaß gemacht hat? Ich meine doch nicht mit mir! Mara weiß, daß ich die uneheliche Treue nie verletze!“
„Na,“ sagte Kramer, scheinbar sehr befriedigt, „deutlicher man kann nicht gut!“
Mette bemühte sich, zu all diesen Unterhaltungen ein lächelndes Gesicht zu machen. Ihr war ein wenig fiebrig zumute, und die Stube mit den lauten, lachenden, kreischenden, schwatzenden Menschen schien sich wie ein atmender Brustkasten auszudehnen und wieder zusammenzuziehen, die Wände glitten von ihr fort und rückten fast bedrohlich näher.
‚Dies alles geht mich gar nichts an,‘ dachte sie. ‚Ich will doch tapfer sein und will das Leben kennenlernen, und dabei – wenn ich nur reden höre von irgendwelchen Dingen, von denen ich doch weiß, daß sie existieren – verwirrt es mich und macht mich schwindlig, nur weil ich in einem Kreis aufgewachsen bin, in dem es nicht üblich war, erotische Beziehungen als Salon-Unterhaltungen zu behandeln. Ich bin dumm und feige und eine prüde Gans.‘
Gisela stand von ihrem Stuhl auf:
„Du hast ganz recht, Kramerle, das ist kein Ton für uns!“
Sie setzte sich auf Mettes Sessellehne und strich ihr mit einer behutsam, kaum fühlbaren Bewegung das Haar aus der Stirn.
„Armes Hascherl,“ sagte sie bedauernd, „was müssen Sie sich alles mit anhören! Sie müssen auch rein denken, Sie sind in ein Tollhaus geraten! Achten Sie gar nicht auf das, was der Lackl daherredet! Es ist alles nur halb so schlimm, wie es klingt!“
Mette lächelte zu ihr auf:
„Ach, wenn es nur nicht schlimmer ist, dann geht’s ja noch! Dinge, die verheimlicht werden, sind meist viel schlimmer, als solche, über die öffentlich gescherzt wird.“
„Sie haben recht,“ sagte Gisela mit dunkelbrennenden Augen, „das schlimmste weiß niemand, und es wird niemals ausgesprochen.“
Sie versuchte ein Lächeln, das Metten fast rührend erschien, und strich ihr wieder mit weichen Fingern über das Haar. „Aber Sie sollten von allem Schlimmen verschont bleiben, von allem Schlimmen und allem Schmutzigen. Sie passen in ein Schloß. Oder noch besser in einen Schloßpark. Wissen Sie, als ich Sie das erstemal sah, da wußt’ ich gleich den passenden Rahmen für Sie. Ich kenne einen Schloßgarten, in dem Sie sich ausnehmend gut machen würden. Da sind Terrassenstufen, die zu einem kleinen See hinunterführen, direkt ins Wasser hinein. Und auf diesem Teich sind sehr viele Schwäne, schwarze und weiße. Und ich sehe Sie immer auf diesen Stufen stehen, in einem weißen Gewand, mit einem Körbchen in der Hand und die Schwäne füttern, die sich an die Stufen drängen.“
„Ein schönes Bild,“ sagte Mette lächelnd, „aber es hat eigentlich ein bißchen etwas Melancholisches und Verlassenes. Wenn es im Kino wäre, zum Beispiel, dann würde die Frau in dem weißen Gewand sicher im letzten Akt die Stufen hinuntersteigen, in einer Mondscheinnacht, einen Arm voll Blütenzweigen an die Brust gedrückt, und in dem stillen Schloßteich verschwinden.“
„Das werden Sie nie tun,“ sagte Gisela ernst.
„Warum nicht,“ fragte Mette überrascht und fast ein wenig beleidigt, als spüre sie eine leise Nichtachtung in diesem Zweifel. Sie war versucht, zu erzählen, daß ein geladener Revolver in ihrem Nachttischkasten lag, und daß sie hundertmal schon gegen die Versuchung angekämpft hatte, ihn an die Schläfe zu drücken.
„Nicht weil Sie feige sind,“ sagte Gisela rasch, als ob sie ihre Gedanken ahnte. „Vielleicht eher im Gegenteil, weil Sie viel Mut haben. Sie haben so feste Hände und machen manchmal so eine merkwürdige Geste, so ...“ sie machte die Bewegung, „Sie krallen so langsam die Finger zusammen, daß man alle Sehnen sieht – es sieht aus, als freuten Sie sich direkt darauf, das Leben bei den Hörnern zu packen, wenn es auf Sie loskommt.“
„Ich weiß das gar nicht,“ sagte Mette, „wie Sie beobachten?!“
Sie sagte mit Absicht nicht „mich beobachten“, wie es sich ihr erst auf die Lippen drängen wollte.
Aber Gisela sprach es deutlicher aus:
„Manchmal – wenn mich etwas interessiert. Manchmal seh’ und hör’ ich auch vom hellen Tage nix. Aber Sie hab’ ich beobachtet. Ich weiß auch, daß Sie keine zusammengewachsenen Augenbrauen haben, und das ist schon ein Zeichen, daß Sie eines natürlichen Todes sterben.“
Sie nahm Mettens Gesicht in beide Hände und drehte es ein wenig dem Licht zu:
„Nein, sehen Sie, es ist gut ein Fingerbreit frei über der Nasenwurzel,“ sie legte die Spitzen ihrer schmalen Finger zwischen Mettes Brauen und strich dann behutsam die Bogen entlang.
Mette schloß die Augen und lächelte. Die weichen Hände glitten wie Vogelfittiche über ihre Schläfe, ihre Wangen.
Wie lange war es her, daß eine Hand sie gestreichelt hatte? Monate und Monate ... endlose kalte, einsame, verzweifelte Monate.
Etwas wie ein Schluchzen quoll in ihrer Kehle auf: das heiße Mitleid mit sich selbst.
‚Streichle mich,‘ dachte sie, ‚du weißt ja nicht, wie arm ich bin. Wie grenzenlos arm und erfroren, daß es mich erwärmt, wenn du aus Spielerei deine Hände über mein Haar gleiten läßt.‘
Mette schlug einen Moment die Augen auf. Niemand beobachtete sie. Ein lautes und lebhaftes Gespräch war im Gange. Ach, diese glücklichen Menschen litten nicht so unter Langerweile, daß sie immer auf der Lauer liegen mußten, um irgendwo etwas Interessantes zu erspähen. Sie erlebten ihre Romane selbst und brauchten sie nicht bei andern zu wittern – sie waren so voll von ihren mannigfaltigen Schicksalen und Leidenschaften, daß sie kaum noch Raum in sich fanden, um die fremden zu erwägen.
Giesbert hatte die kleine Luigi auf seine Knie gezogen, und sie wühlte mit der Hand in seinen Haaren, während er sich mit Kramer über den Plan zu einem Kolossalgemälde unterhielt, und sie mit Frau Breslauer über seine Schulter hinweg ein neues Tanzkleid besprach.
Über Mettes Stirn glitten die weichen leichten Hände.
„Sie haben ein seltsames Gesicht,“ sagte die gedämpfte Stimme neben ihr, „es ist so offen und klar und dabei ganz undurchsichtig. Es ist fast unveränderlich und doch ausdrucksvoll. Merkwürdig.“
„Ich finde, mein Gesicht hat nur eine hervorstehende Eigenschaft,“ sagte Mette halblachend, „es ist langweilig.“
„Vielleicht ist jedem Menschen, der sich sehr gut kennt, das eigene Gesicht langweilig,“ sagte Gisela Werkenthin nach einer kleinen, nachdenklichen Pause.
‚Gott sei Dank, daß sie es mir erspart, mich gegen irgendeine Phrase wie ‚oh, durchaus nicht‘ zu wehren,‘ dachte Mette.
„Aber das ist sicher sehr unrecht,“ fuhr Gisela fort, „warum sieht die kleine Mara so reizend aus? Weil sie wirkliches Interesse für sich hat und sich tagelang im Spiegel anschaut und an sich herumputzt und schminkt und frisiert, als wenn’s eine verhätschelte Lieblingspuppe wär’. Aber da nützt kein ‚Vornehmen‘, das steckt im Blut, und wir beide werden’s wohl nie erlernen. Schad’t auch nix. Mit mir wär’ eh nix anzufangen, auch mit der größten Müh’ nicht, und Sie sind ohnedem schön genug!“
Es klopfte an die Tür, und auf ein fast allgemeines „Herein“-Rufen trat Eccarius ein.
Sein ernstes, blasses häßliches Gesicht war Metten in diesem Augenblick unangenehm. Sie wußte nicht, warum.
Erst einige Sekunden später kam es ihr zum Bewußtsein. Sie spürte die weichen Hände nicht mehr auf ihrem Haar – Gisela war von der Sessellehne heruntergeglitten und stand jetzt neben Frau Breslauer.
Mette wünschte Eccarius zu allen Teufeln, sie war einsilbig und fast unliebenswürdig, weil sie erwartete, daß er dann bald wieder gehen würde. Aber er wich den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite.
Es geschah nun schon zum drittenmal, daß Mette sich auf ihren Spaziergängen plötzlich an einer Ecke der stillen Vorstadtstraße fand, in der das Häuschen der Sophie Degebrodt gelegen war.
Dieses drittemal aber bog sie nicht rasch nach der entgegengesetzten Seite um, sondern sie ging entschlossen die gerade Straße hinunter, die in der vollen Herbstsonne lag, ganz weißgebadet bis auf die dünnen flirrenden Schatten, die das zarte Gefieder der jungen Ebereschen warf, die, schwer mit Beerendolden von leuchtendem Ockergelb bis zu glühendem Scharlach beladen, in zwei schnurgeraden Reihen den Fahrdamm säumten.
Mette wußte zwar die Nummer nicht mehr, aber es würde nicht schwer sein, das Haus wiederzufinden. Das dritte rechts mußte es sein – richtig, das Gartengitter trug ein ziemlich auffallendes Namenschild, und über dem Laubendach hing die kleine Fahne reglos in der stillen Luft.
Mette hatte ein wenig Herzklopfen, als sie das eingeklinkte Gittertürchen öffnete. Sie war so befangen, wie als Kind, wenn sie zu fremden Leuten gehen, an fremden Türen klingeln sollte. Wenn sie jetzt in die Laube käme, würde man ihr vielleicht sehr erstaunt entgegenstarren. Niemand würde ihren Namen wissen, niemand sich ihres Gesichtes erinnern, man würde sie fragen, mit welchem Recht sie sich erlaubte, einzudringen – oh, sie würde sich und andere in eine sehr peinliche Lage bringen!
Es wäre sicher besser, die paar Stufen zu dem Vordereingang hinaufzugehen und dem öffnenden Mädchen die Karte zu geben. Dann konnte man sie mit einer höflichen Phrase abweisen lassen, wenn man sich ihres Namens nicht mehr entsann. Sie ging zögernd ein paar Schritte wieder zurück.
Aber man hatte sie wohl gesehen, oder das Knirschen im Kies gehört – hinter dem Haus reckte sich ein blonder Kopf hervor.
„Ah! Fräulein Rudloff!“ der kleine Johannes sprang ihr förmlich entgegen. Und im ersten Augenblick hatte sie vergessen, was sie von ihm gehört, was sie über ihn gedacht hatte, und war entzückt von seiner knabenhaften Anmut, von der tänzerischen Leichtigkeit seiner Bewegungen.
„Wie nett, daß Sie kommen! Nein, bitte gleich hier herum, wir brauchen ja nicht durch’s Haus. Wir haben schon öfters von Ihnen gesprochen, und wo Sie wohl stecken möchten. Nora wird sich schrecklich freuen – Sophus hat noch zu tun, kommt aber auch gleich.“
Er führte sie an einer grünen Wand vorbei, an der schon die ersten prallen Bohnen zwischen unzähligen roten und weißen Blüten hingen.
Auf den schmalen Beeten wucherten Phlox und Astern in leuchtenden Farben. Eingefaßt waren sie mit dem goldgrünen Saum blühender, duftender Reseda.
In der großen, sechseckigen Laube war ein behaglicher Teetisch gedeckt.
Mette hatte auch ein wenig uneingestandene Angst davor gehabt, Nora wiederzusehen. Nun war sie fast dankbar überrascht durch ihre Schönheit, und durch den beherrschten Adel ihrer Bewegungen. Nora war schon so an ihr Leiden gewöhnt, daß es ihr gar nicht einfiel, etwa den Versuch zu machen, aufzustehen, um dann hilflos und kläglich zurückzusinken. Sie saß ein wenig steif und sehr königlich und streckte Mette mit einem gewinnenden Lächeln die Hand entgegen.
Neben ihr saß Ulrich Zeeden, der sich beeilte, aufzuspringen und hinter dem Tisch hervorzukommen, wobei er das Teegeschirr in Gefahr brachte, was sowohl Mette als Johannes zu einem eiligen Zugreifen veranlaßte. Dadurch entstand eine heitere Verwirrung, die über die ersten Sekunden, die von peinlicher Förmlichkeit hätten sein können, hinwegleitete und sofort ein allgemeines, lebhaftes Gespräch in Gang brachte.
Nach einigen Minuten kam auch Sophie mit großen eiligen Schritten aus dem Haus. Sie begrüßte Mette sehr herzlich, verlangte dazwischen „recht rasch“ eine Tasse Tee, wollte sie im Stehen trinken, ließ sich dann doch auf einen Stuhl nötigen und schwatzte sich für eine Viertelstunde fest, wobei sie jede zweite Minute ängstlich sagte: „Oh, Kinder, das Licht geht mir weg, ich muß ja hinein an die Arbeit!“
Als sie dann schließlich davonlief, kehrte sie am Haus noch einmal um und rief zurück:
„Aber daß ihr mir alle dableibt, bis ich wiederkomme, ich will heut’ Abend noch eine Stunde Gemütlichkeit haben, ich hab’ so viel gearbeitet heute.“
„In deinem traurigen Beruf, hast du vergessen zu sagen!“ lachte Johannes hinter ihr her.
„Ja, in meinem traurigen Beruf!“ rief sie schon von der Tür her zurück.
„Warum traurigen Beruf?“ fragte Mette verwundert.
„Sie sagt doch immer, sie käme gleich nach Leichenfrau und Sargmagazin,“ erklärte Johannes, „sie macht doch Grabdenkmäler.“
„Das ist wirklich traurig,“ sagte Mette und bemühte sich, ein leises Lächeln festzuhalten, um nicht für übertrieben sentimental zu gelten. Die Worte „Grab“ und „Tod“ trafen sie immer noch wie ein schmerzlicher Stich.
„Man gewöhnt sich daran,“ sagte Nora ernsthaft, „wie man sich an alles gewöhnt. Und das ist gut. Man verroht ein bissel – für uns Überempfindliche ist das ganz gut. Wir fühlen uns sehr wohl zwischen Urnen und trauernden Genien, genau so wie ein Sargfabrikant nicht beim Anblick eines Sarges erschrickt, oder ein Arzt beim Anblick einer Wunde. Und wenn man so viel mit dem Tode zu tun hat, wie Sophie, und durch sie auch ich, dann verliert der Tod alles Grausige, und man sieht schließlich den Humor in tragischen Situationen – fragen Sie nur Sophie, die kann Ihnen Geschichten aus ihrer ‚Praxis‘ erzählen.“ – – –
* * * * *
Nora nahm eine Handarbeit aus einem neben ihr stehenden Körbchen und bat Johannes, das Mädchen zu rufen, damit der Tisch abgeräumt würde.
Johannes bettelte wie ein Kind, es selbst tun zu dürfen, und stellte gewandt und behutsam das Porzellan auf dem Teebrett zusammen. Als er wiederkam, saß er eine ganze Weile schweigend und sah mit verlangenden Augen Noras fleißigen Händen zu.
Schließlich, als könnte er kindische Begierde nicht länger zügeln, streckte er die Hände aus:
„Oh, bitte, bitte, laß mich auch ein paar Stiche machen!“
Nora überließ ihm lächelnd die Arbeit und suchte geduldig aus ihrem Körbchen eine begonnene Häkelei für ihre eigne Beschäftigung.
„Oh, gnädige Frau,“ rief Mette erschrocken, „die wundervolle Stickerei! Haben Sie denn gar keine Angst?“
„Ach nein,“ beruhigte Nora, „Johannes macht ebensogut Handarbeiten, wie ich.“
„Ja, nicht wahr, Nora?“ fragte Johannes mit einem errötenden Stolz. „Ich hätte Kunststicker werden müssen, oder Miniaturmaler. Ich habe für solche Dinge auch eine unerschöpfliche Geduld. Sonst habe ich gar keine Ausdauer.“
Er neigte den Kopf über die Arbeit, daß ihm die weichen blonden Haarwellen ins Gesicht fielen. Die schlanken, fast zu wohlgepflegten Hände bewegten sich mit Anmut und Geschick und setzten sicher Stich neben Stich.
Es war ein verwunderliches Bild. In Mette regte sich unwillkürlich der Gedanke: ‚Gut, daß es nicht mein Sohn ist – ich glaube, dann würd’ ich ihm die Stickerei aus den Händen reißen und um die Ohren schlagen. Aber so – er sieht ja doch immer aus wie ein gemalter Engel oder Heiliger.‘ – – –
* * * * *
Johannes mußte gehen, ehe Sophie zurückkam. Er wartete auf sie, bis es zu spät für ihn wurde, dann nahm er hastig, aber herzlich Abschied, trug den andern viele Grüße für Sophie auf und lief davon.
Ulrich Zeeden sah ihm kopfschüttelnd nach.
„Ein seltsamer kleiner Bursche,“ sagte er.