Chapter 3 of 17 · 3925 words · ~20 min read

Part 3

Giesbert hatte irgendwoher einen reihergeschmückten Tüllhut genommen und ihn auf den Kopf gestülpt. Mit einer Hand hielt er das Korsett auf seinem Magen zusammen, mit der anderen griff er bei jedem Schritt ängstlich nach dem schwebenden Hut, um ihn im Gleichgewicht zu halten.

„So geh ich morgen aufs Atelierfest,“ verkündete er im Triumphton, „ich werde Furore machen!“ Und plötzlich, mit einer Stimme, die ins Falsett umschlug: „Huch nein! Ich bin die Schönste von allen! Die Tante wird mich ausbilden lassen! Wenn ich nur wüßte, wozu? Ich habe so entsetzlich viele Talente!“

„Richtig,“ schrie die kleine Luigi dazwischen und machte einen Luftsprung, „das Atelierfest bei Sophus! Sei doch eine Minute still, ekelhafter Bengel! Sagt mir lieber im Ernst, was zieht ihr an? Kostüm oder so? Leg’ jetzt die Sachen hin, Giesbert, sonst bekommst du so gewiß und wahrhaftig keinen Schnaps!“ Sie stampfte zur Bekräftigung mit dem Fuß auf.

Giesbert markierte ein angstvolles Zittern und Schlottern und stürzte mit knickenden Knien ans Bett, um die Sachen niederzulegen.

Die Kleine lachte und holte aus dem Schrank eine Schnapsflasche.

„Ich habe nur zwei Gläser! Erich, klingle mal!“ befahl sie.

„Ach, laß doch,“ meinte Fräulein Lorenz gleichmütig, ohne sich aufzurichten, „wir trinken nacheinander! Wenn Emma jetzt hier Schnapsgläser herbringen soll, erzählt sie wieder, wir feiern Orgien.“

„Also schön!“ Mara Luigi spülte die Gläser in der Waschschale aus. Sie griff nach einem Handtuch, und Mette erschrak ein wenig, weil sie dachte, sie würde es zum Abtrocknen der Gläser benutzen; aber sie wischte sich nur die Fingerspitzen daran ab. Sie goß die Gläser voll und bot Mette zuerst an.

„Wissen Sie was, Fräulein Rudloff?“ sagte sie, als sie vor ihr stand, „Sie müssen morgen da mit hin, ganz gewiß, das müssen Sie!“

„Ich?“ fragte Mette fast erschrocken, „wohin denn?“

„Auf das Atelierfest natürlich! Sie haben wahrscheinlich in Ihrem Leben noch kein richtiggehendes Atelierfest mitgemacht. Das müssen Sie sich doch mal ansehen.“

Mette verspürte gar keine Lust; sie verwünschte es, daß sie überhaupt dieser Aufforderung gefolgt war, anstatt in ihrem Zimmer zu bleiben, wo sie sich vor jedem störenden Geräusch verschließen konnte und sich vor den eigenen Gedanken in ihre stillen, klugen Bücher flüchten.

„Aber ich kenne diese Herrschaften doch gar nicht,“ sagte sie hilflos.

‚Doch seltsam,‘ dachte sie, ‚zu Hause hätte ich sicher „diese Leute“ gesagt und hätte mir von Tante Emilie einen Rüffel geholt. Hier, wo es sicher allgemein als affektiert auffällt, wenn ich „Herrschaften“ sage, kommen Tante Emiliens gute Lehren zum erstenmal zum Durchbruch.‘

„Wen? Sophus und Nora?“ fragte Giesbert, einen Augenblick von seinem tollen Gehabe ablassend und – noch außer Atem – sich das Haar streichend und wie ein vernünftiger Mensch redend:

„Die kennen Sie nicht? Dann müssen Sie morgen erst recht mit, denn dann ist es höchste Zeit, daß Sie sie kennenlernen. Ein paar Prachtweiber, ein paar ganz hervorragende Menschen! Will vielleicht jemand etwas anderes behaupten? Den fordere ich sofort zu einem Boxmatch!“

Er krempelte die Ärmel auf, duckte den Nacken und fletschte die Zähne.

„Sie können ruhig mitgehen,“ sagte die üppige Frau Breslauer mit ihrer etwas öligen Stimme, „ich bin das erstemal auch so ^sans façon^ mitgeschleppt worden und wurde gleich so reizend aufgenommen, nicht wahr, Maralein? wirklich ganz reizend!“

„Ja,“ lachte der kleine Kramer, „die haben, glaub’ ich, noch nie einen Menschen auf eine andere Weise kennengelernt, als daß er ihr Gast war!“

„Holt Gisela uns ab, oder treffen wir uns da?“ fragte die Lorenz.

‚Gisela,‘ dachte Mette, ‚die wird also auch dabei sein. Ich müßte es ja tun. Ich habe eigentlich nur die Wahl, mich entweder zu vergraben und ein Einsiedlerleben zu führen, oder aber jede Gelegenheit zu benutzen, um unter Leute zu kommen und Welt und Menschen kennenzulernen. Gisela! Ich sitze doch nur hier, um mir irgendwie einen Weg zu ihr zu bahnen, und wenn es mir so bequem wie nur möglich geboten wird, ihre Bekanntschaft zu machen, dann hab’ ich eigentlich nicht die geringste Lust, sondern nur Angst und Scheu und Widerwillen und das Bedürfnis, mich irgendwohin zu verkriechen, wo ich meine Ruhe hab’.‘

Eccarius mußte wohl den inneren Widerstreit auf ihrem Gesicht gelesen haben. Er beugte sich ein wenig vor und sagte in einer sehr beruhigenden Art:

„Sie können es wagen, denke ich. Sie werden eine bunte Auslese Menschen versammelt finden. Es wird Sie sicher zerstreuen und auch interessieren – es sind wirklich wertvolle darunter. Und wenn es Ihnen zu lebhaft wird, dann verpflichte ich mich, Sie zu jeder Zeit sicher nach Hause zu bringen.“

„Sie sind auch da?“ fragte Mette erleichtert.

Er nickte.

„Ja, dann glaub’ ich wirklich, ich kann es wagen!“ – – –

* * * * *

Während Mette sich ankleidete, um auf das Atelierfest zu gehen, hatte sie durchaus nicht das Bestreben, sich möglichst hübsch herzurichten, um beachtet zu werden, zu gefallen, zu wirken. Sie hatte nur den einen Wunsch, möglichst wenig aufzufallen und hätte viel darum gegeben, unsichtbar sein zu dürfen, oder sich den Trubel von einer Galerie herab, aus einem dunklen Nebenzimmer, anzusehen.

Sie wählte ein sehr schlichtes schwarzes Taftkleid, das durch keinen Farbenfleck, durch keine kühne Linie den Blick auf sich zog – aber sie konnte nicht hindern, daß ihre Erscheinung trotzdem etwas Auffallendes hatte – vielleicht machte das die Erwartung, die auf dem Grund ihrer leeren Augen loderte, und diese Augen in so scharfen Gegensatz brachte zu der sanften und fast abgeklärten Ruhe ihres blassen Gesichts. – – –

* * * * *

Als Mette in dem Vorraum der kleinen Villa draußen ihren Mantel ablegte und eine Fülle von Menschen, zum Teil in phantastischen Verkleidungen, sie umdrängte, eine Fülle von Geräuschen sie umbrauste, hatte sie schon Fluchtgedanken. Sie sah sich nach der kleinen Luigi um, die eine Welle von Menschen aus ihrer Nähe gerissen hatte. Vielleicht würde es niemand bemerken, wenn sie sich ihren Mantel wiedergeben ließ und leise wieder aus der Tür schlüpfte. Sie sah sich um, die Möglichkeiten eines Entkommens erwägend, und traf mit dem Blick in Eccarius’ Augen, der dicht hinter ihr stand.

„Nun sehen Sie sich einmal um,“ sagte er begütigend, als hätte er ihre Gedanken erfühlt, „und wenn es Ihnen zuviel wird, geben Sie mir einen Wink, und ich bringe Sie nach Hause. Ich habe gar nicht die Absicht, bis zum grauenden Morgen hier zu bleiben.“

Die Räume waren groß und hell, aber so voll lärmender Menschen, daß Mette schwindlig wurde. Ein dünner blauer Rauchschleier lag schon jetzt über den Gruppen und zog in Kreisen um die Lampen. Gesichter tauchten auf, prägten sich Mettes Sinnen ein, scharf und doch unwirklich, wie Fiebererscheinungen, und verschwanden wieder.

Eccarius blieb an ihrer Seite und deutete manchmal auf irgend jemand, den sie aus dem Gewühl nicht herausfinden konnte, und nannte ihr dazu einen Namen, den sie nicht verstand oder nicht behielt, weil er keine Bedeutung für sie hatte.

Eine schöne, große und schlanke Frau in einer Art Pagentracht eilte an ihnen vorüber. Eccarius rief sie an, und sie blieb stehen, um ihn zu begrüßen. Dadurch gewann Mette Zeit, sie zu betrachten. Sie trug schwarzseidene Kniehosen, weiße Strümpfe, einen Frack mit Spitzenmanschetten und hatte das dunkellockige Haar, das offen bis auf den halben Rücken fiel, im Nacken mit einer großen schwarzen Schleife zusammengebunden. Ihr Gesicht hatte klare und regelmäßige Züge, eine hohe und schön gemodelte Stirn und einen fast herausfordernd freien und kühnen Ausdruck, der Mette auf den ersten Blick gefangen nahm. Sie schien es Mette anzusehen, daß sie sich in dem Trubel nicht ganz zu Hause fühlte. Sie faßte sie bei der Hand wie ein Kind:

„Kommen Sie nur!“ sagte sie, halb zu ihr, halb zu Eccarius gewandt, „ich bringe die Kleine zu Nora – das ist doch immer ‚der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht‘ – da werden Sie sich wohler fühlen. Ach Gott!“ sie legte Mette die Hand unters Kinn und drehte so ihr Gesicht ein wenig zu Eccarius, „sieht sie nicht aus wie ein Kleines am ersten Schultag? Kommen Sie, Kindchen, Sie sollen einen Ehrenplatz haben!“

Sie bahnten sich einen Weg durch schwatzende und lärmende Gruppen. Die schöne Frau wurde von allen Seiten angerufen, festgehalten, umarmt, begrüßt, gefragt. Mit immer gleichbleibender Geduld und Liebenswürdigkeit machte sie sich überall wieder los, aber es dauerte eine Viertelstunde, bis sie mit Mette zwei Zimmer durchquert hatte.

Am Ende des zweiten Zimmers war ein etwas erhöhter Erker, auf dem, andere Stühle und einen hübsch gedeckten Teetisch überragend, ein hochlehniger, schön geschnitzter Renaissancesessel stand. In diesem Sessel, von dem erdbeerroten Brokat abgehoben wie von einem gemalten Hintergrund, saß eine hochblonde Frau, in Weiß gekleidet, weiße, weichfließende Schleiertücher über den Schultern, eine leichte weiße Decke über den Knien.

Beim ersten Anblick war Mette überrascht von der Schönheit des Bildes. Bei näherer Betrachtung merkte sie, daß die thronende Frau die Vierzig überschritten haben mochte, daß sie zu üppig war, um schön zu sein, daß Alter und Krankheit die früheren reinen Linien des Gesichts angegriffen und verwischt hatten, aber im nächsten Augenblick, als Mette ihre warme, frauliche Hand hielt, als ein Lächeln von unbeschreiblich wärmender Herzlichkeit und Güte sie anstrahlte, vergaß sie, nach Schönheit und Häßlichkeit zu fragen und gab sich bedingungslos dem milden Zauber dieser Persönlichkeit.

„Hier, Norina,“ der schlanke Page hatte den Arm leicht um Mettes Schulter gelegt, „hier, nimm die Kleine unter deine schützenden Fittiche. Sie geht uns sonst verloren in dem Wirrwarr.“

Irgend etwas in diesen Worten, die Fürsorge, die sich unter leichtem Spott verbarg, erinnerte Mette so an Olga, daß sie hätte aufheulen mögen wie ein getretener Hund.

Die hellen, menschenerfüllten Räume, die fremden Gesichter, die nicht nur wie sonst gleichsam hinter Schranken an ihr vorüberzogen, sondern auf sie eindrangen, irgendwie die Schranken durchbrachen, die sie um ihr Leben gezogen hatte, das war nach der Stille und Einsamkeit der letzten Wochen zuviel. Ein Zustand kam über sie, der einem heftig einsetzenden Fieber nicht unähnlich war.

Sie mußte lächeln, als sie sah, daß im selben Augenblick, wo der Raum um sie zu flackern schien, ein Schatten von Sorge über das Gesicht der blonden Frau lief. Zugleich fühlte sie, wie ihr ein Stuhl in die Kniekehlen geschoben und sie von sanften, aber kraftvollen Händen auf den Sitz gedrückt wurde.

Sie saß nun auf einem niedrigen Stuhl dicht neben dem hohen Sessel.

„So,“ sagte die dunkeltönige Stimme hinter ihr, „und wenn es Ihnen nun zu hell oder zu laut oder zu bunt wird, dann legen Sie ihr Köpferl auf die Lehne und kriechen ein bissel unter den Schleier, das mach’ ich auch immer so.“

Mette schmiegte gehorsam die Wange gegen die Seitenlehne des hohen Stuhls und fühlte, wie der Schleier ihr leicht über den Kopf gezogen wurde. Der hauchdünnen weichen Seide entströmte ein leiser Resedaduft.

„Ach, Reseda,“ Mette war ganz glücklich, „das erinnert mich so an den Garten meiner Großmutter. Alle Beete waren eingefaßt mit einem Kranz von Reseden.“

„Ja,“ sagte Nora mit einer Stimme, die so sanft war wie der seidene Schleier, „Reseda und Levkoien, das wächst immer in Großmutters Garten. Darum hab’ ich auch den Duft gern.“

„Wohl dem, der wenigstens eine Großmutter gehabt hat,“ sagte ein ernst aussehender Mensch an Noras anderer Seite. „Nein, lachen Sie nicht, Willi, das sollte gar kein Witz sein. Eine Mutter, was man wirklich so nennt, haben wir doch wohl alle nicht gehabt. Meine Mutter ist eine famose Frau, Sie kennen sie ja, Nora ... aber als ich vierzehn war und in den entsetzlichsten Kämpfen und Krisen, da machte sie eine große Tournee durch Amerika und heimste Gold und Lorbeeren ein – ich war furchtbar stolz auf sie, aber ich kann Ihnen sagen, ich wollte, ich hätte damals eine Großmutter gehabt!“

„Und besonders eine mit einem Garten,“ lachte der „Willi“ Genannte und streckte die Beine weiter in das Zimmer – er saß auf der Stufe, die zum Erker hinaufführte.

„Auch das,“ erwiderte der Ernste, „wer hat heutzutage noch einen Garten! Wohl dem, der wenigstens die Erinnerung daran hat! Ich kenne Menschen, die ihre ganze Lebenskraft aus ihren Kindheitserinnerungen saugen. Ein großmütterlicher Garten, das ist wie eine Insel im Meer der Geschehnisse, und ich kann nur sagen: Wohl dem, der von einer Insel abgesegelt ist und nicht auf einem schaukelnden Schiff geboren. Wenigstens weiß er doch, daß es irgendwo das friedliche Eiland gibt, und ein günstiger Wind kann ihm einen Resedaduft zuwehen – aber für unsereinen weht der Resedaduft immer aus dem Lande Nirgendwo ... oder vielmehr: Es weht ein Duft an uns vorüber, und wir wissen nicht einmal, daß es Reseda ist!“

„Warten Sie noch acht Tage, Ulrich,“ begütigte Nora, „wenn die Reseda bei uns im Gärtchen blüht, setz’ ich Sie tagelang daneben in die Sonne – dann werden Sie später, wenn Sie dem Duft irgendwo begegnen, immer die Vorstellung von unserm Gärtchen haben ... und mich können Sie getrost als Großmutterersatz betrachten.“

Er griff nach ihrer Hand, um sie zu küssen:

„Ja, bei Ihnen ist wirklich noch das Eiland des Friedens, und Sie sind ein guter Engel, daß Sie jedem Müden hier Rast gönnen.“

Nora wandte sich an Mette.

„Sie dürfen nicht denken, daß es immer so bunt hier zugeht! Sie müssen einmal kommen, wenn wir mehr unter uns sind – wir haben so ein nettes Gärtchen, das ist unsre ganze Freude ... solange es irgend möglich ist, trinken wir draußen unsern Tee und freuen uns, wenn uns dabei jemand Gesellschaft leistet.“

„Ja, wenn die Fahne weht!“ lachte der junge Mensch auf der Stufe und drehte sich mit einem Ruck herum, „Sie müssen wissen, gnädiges Fräulein, hier geht es zu wie bei Majestätens. Wenn die Herrschaften anwesend sind, dann wird die Flagge gehißt!“

„Du mußt ordentlich erklären, Willi,“ verbesserte Nora, „es ist nämlich so: auf dem Laubendach ist so etwas wie eine Fahnenstange ^en miniature^ und daran weht ein buntes Wimpelchen. Man sieht es von allen Seiten, auch vorn, wenn man auf der Straße am Haus vorbeigeht.

Wenn nun Sophie übermäßig zu tun hat, oder es mir gesundheitlich nicht hervorragend geht, dann wird das Fähnlein eingezogen, dann braucht keiner – wenigstens kein Eingeweihter – sich erst bis zur Tür zu bemühen, um sich abweisen zu lassen. Schließlich ist das doch für beide Teile immer peinlich. Für den einen, der seine Arbeit unterbricht, oder seine Schmerzen bezwingt, und dann doch ein unliebenswürdiger Wirt ist, für den andern, der sich als Störenfried vorkommt, oder im andern Falle, wenn er wirklich abgewiesen wird, doch meistens das Gefühl hat: mit mir hätte man eine Ausnahme machen können, oder: mir hätte man es nicht durchs Mädchen sagen zu lassen brauchen. Es ist auch den Mädchen gegenüber peinlich: Sie sind meist so an das Lügen gewöhnt, daß sie von selber sagen: es ist niemand zu Hause. Daß ein Mensch arbeitet, scheint ihnen immer keine genügende Entschuldigung.

Nun wissen aber doch unsre Freunde, daß ich niemals das Haus verlasse ... und Sophie sehr selten. Sie kommen sich dann so angelogen vor. Um all diese Peinlichkeiten zu vermeiden, ist also das Fähnlein da. Wenn es weht, so heißt das: bitte, nur herein, wir erwarten euch. Da braucht es gar nicht erst den Umweg durch das Haus, da kann jeder, der Lust hat, uns zu sehen, gleich durch das Gartentürchen – und wenn es verschlossen ist, auch über die Hecke, nicht wahr, Willi?“

Willi war aufgesprungen und winkte mit der Hand zurück, ohne sich umzusehen, weil er mit gespannter Aufmerksamkeit in den Raum starrte, wo sich ein Kreis um ein tanzendes Paar bildete.

„Fiametta tanzt!“ rief er nach rückwärts, mit einer flüchtigen Wendung des Kopfes, „nein, dies Weib ist doch fabelhaft! Sie müssen sich das ansehen!“

Er ergriff Mette am Ellbogen, ganz jungenhaft in seiner Ungeduld, und zog sie vom Stuhl auf und an die Stufe des Erkers.

„Ich bitte Sie, haben Sie so etwas schon in Ihrem Leben gesehen? Ist sie nicht blendend? Ist sie nicht vollendet?“

In dem ziemlich kleinen Kreis, den die drängenden Zuschauer freigelassen hatten, tanzte ein schlanker, gutgewachsener junger Mensch mit einer Frau von rassiger Schönheit und großer Anmut. Sie war so eins mit der Musik, daß es schien, als entströmten die Töne ihren geschmeidigen Gliedern.

Sie hatte eine Art, zu tanzen, wie Mette sie noch nie gesehen hatte. Ihre Bewegungen waren sanft, kühl, gebändigt, edel und fast feierlich, und dabei sah es aus, als verbrauche die schöne Person einen großen Kraftaufwand, um ihren ebenmäßigen Körper in so würdevoller Ruhe zu bewahren, als bedürfe es nur eines Momentes Selbstvergessenheit, um das gezügelte Temperament wie eine Flamme auflohen zu lassen, um die lässige Weichheit der Muskeln in Stahl zu wandeln, und den sehnigen Leib in Raubtiersprüngen durch die Luft zu jagen.

Mette empfand bei ihrem Anblick ein schmerzlich-brennendes Gefühl, und als sie versuchte, in ihrer gewohnten Ehrlichkeit, sich darüber Rechenschaft zu geben, deutete sie es als Neid. Diese Frau konnten sicher tausend beobachtende Blicke nicht in Verlegenheit bringen – ihr würde es wohl keine Aufgabe bedeuten, durch einen menschenvollen Raum hindurch auf einen Tisch loszusteuern.

„Ist sie nicht fabelhaft,“ sagte der junge Mensch neben ihr, glühend vor Begeisterung, „ist sie nicht bezaubernd? Ist sie nicht wirklich wie aus einem andern Jahrhundert? Aus einem Jahrhundert, wo es noch schöne Frauen gab – schöne Frauen, die Persönlichkeit hatten und ihrer Umgebung – dem Hof, der Stadt, den Künsten! – ihren Stempel aufdrückten?“

Mette nickte nur stumm. Sie hätte ihn gern zum Schweigen gebracht, um zu verstehen, was hinter ihr gesprochen wurde. Sie hörte Noras sanfte, ruhige Stimme:

„Gewiß, Ulrich, sie ist sehr schön – sie hat Rasse und Temperament und Kultur, alles, was Sie wollen. Aber sie ist mir fremd und wird mir ewig fremd bleiben. Es klingt Ihnen vielleicht sehr töricht und sentimental, wenn ich sage: sie hat kein Herz. Aber ich glaube sogar, sie hat nicht einmal die primitivste Art von Gutmütigkeit ...“

Was Ulrich dagegen einwendete, konnte Mette nicht verstehen. Sie hörte erst wieder Noras Antwort:

„Nein, Ulrich, ich kann Ihnen nicht recht geben. Eine Frau ohne Güte ist für mich etwas so Reizloses, so Duftloses – und wenn sie noch so schön ist – so schön wie Ihre Fiametta – jawohl, Sie haben ein Faible für sie, und Sie verzeihen ihr alles, was Sie andern nicht verzeihen würden.“

„... nein, natürlich hat kein Mensch die Verpflichtung zu lieben, nur weil er geliebt wird. Aber man braucht ja nicht Gefühle in andern zu hegen und zu pflegen, wenn man keine Verwendung dafür hat ...“

„... o doch! Sie tut es! Und nicht in einem Fall – in hundert Fällen, und immer wieder! Sie hat die kleine Frau Bernhardt zugrunde gerichtet, sie hat Erwin halb verrückt gemacht, und sie richtet die Gisela zugrunde – alles aus Spielerei!“

Bei dem Namen Gisela zuckte Mette auf. Dies also war die Frau, an der Gisela zugrunde ging ... arme Gisela! Oh, Mette wußte wohl, daß man an einer Frau zugrunde gehen konnte! Das Herz brannte ihr in Zorn und Mitleid, in schmerzlicher Erinnerung und in Sehnsucht, zu helfen, zu lindern, zu retten.

Sie hatte keinen Blick mehr für die schöne Frau – ihre Augen suchten Gisela und fanden sie auf der andern Seite des Raumes, zusammengekauert, die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern, mit dem Ausdruck gänzlicher Abwesenheit ins Leere starrend. Mette nahm einen Moment wahr, in dem Mara Luigi sich Gisela Werkenthin näherte, um sich mit einer Entschuldigung an Nora zu wenden:

„Sie gestatten, gnädige Frau, ich möchte ein Wort mit Fräulein Luigi sprechen.“

In Noras Ton schien ein leises Erstaunen zu liegen:

„Ah? Sie kennen sich? Sind Sie befreundet?“

Mette fühlte ein flüchtiges Rot über Stirn und Wangen gleiten:

„Ja ... nein ... das heißt ... wir wohnen in derselben Pension,“ sagte sie etwas verlegen.

Sie bahnte sich einen Weg an den Wänden entlang, immer in der Angst, daß sie die kleine Luigi nicht mehr im Gespräch mit Gisela erreichen würde und hatte dabei das Gefühl, eine Tat von großem Wagemut zu begehen. Sie hatte fast ein Gefühl von Heimweh nach dem niedrigen Sitz unter dem weichen, hüllenden Schleier – sie kam sich selbst vor wie ein halbflügger Vogel, der das Nest verlassen hat, um einen Flug in die Welt zu tun.

Aber ein zwingendes Gefühl trieb sie vorwärts.

‚Ich darf nicht feige sein,‘ dachte sie, ‚ich will ein Schicksal haben, und ich will ihm entgegengehen. Ich will die Arme breiten und alles mit Freuden tragen, was mir beschieden ist. Ich will das Leben lieben, was es auch bringt.‘

Die süßen und heißen Tanzmelodien zitterten durch die Luft. Es war, als ob sie Mettes Schritte in ihren leichten und feurigen Rhythmus zwängen und die Gedanken in ihr wie den Kehrreim eines Liedes klingen ließen:

‚Ich will das Leben lieben, ich will das Leben lieben.‘

Als Mette vor Gisela Werkenthin stand und Mara Luigi Namen nannte und eine vorstellende Geste machte, war wieder dies seltsame Gefühl da: ‚Wozu das alles – was soll nun werden? Wir sind miteinander bekannt gemacht, das heißt, wir wissen unsre Namen – die Buchstabenreihe, unter der wir in staatlichen Registern geführt werden – und das gibt uns das Recht, miteinander zu reden. Aber nichts gibt mir das Recht, auszusprechen, was ich denke. Wenn ich sage: ich möchte Sie kennenlernen, weil Sie mir so entsetzlich leid tun; weil Frau Meidinger mir gesagt hat, daß Sie Morphium nehmen, um Ihr Leid zu betäuben – Ihr Leid an einer Frau, und weil ich Sie so ganz verstehe und versuchen möchte, Ihnen zu helfen, oder wenigstens mit Ihnen unglücklich sein will – wenn ich das sagte, würde man mich in ein Irrenhaus sperren und ganz mit Recht, denn in einem normalen Zustand brächt’ ich das auch gar nicht über die Lippen.‘

„Ich kenne gnädiges Fräulein schon vom Sehen, glaub’ ich,“ sagte Mette mit einem kühlen Lächeln halb zu Gisela, halb zur Luigi gewendet, „waren Sie nicht neulich einen Abend in der Pension Meidinger?“

„Ja freilich!“ Gisela hob die dunklen Augen zu ihr auf, „da hab ich Sie auch g’sehn. Darum kam mir Ihr G’sichterl gleich so bekannt vor. Gehn’s, setzen’s sich her zu mir, hier is noch a Platzl.“

Sie rückte ein wenig auf dem breiten Diwan.

„Vielen Dank,“ sagte Mette und strich den Taftrock glatt, um sich zu setzen.

Sie war schon wieder in einer leisen Angst, weil sie meinte, nun wäre es an ihr, irgend etwas zu sagen, und zwar etwas, was sie ein bißchen über das Maß des Alltäglichen hinaushob – aber ihr fiel nichts ein.

Gisela Werkenthin war nicht so leicht in Verlegenheit um den Anfang eines Gesprächs:

„Sie kennen die kleine Luigi aus der Pension, gell?“

Mette nickte.

„Und sie hat Sie hergebracht, gell? Sie haben im Grunde nichts mit Kunst und ähnlichen Scheußlichkeiten zu tun?“

„Leider nicht,“ lachte Mette.

„Leider? Danken Sie Gott und Ihren höchstehrenwerten Eltern, daß Sie einen anständigen Beruf haben.“

„Ich habe gar keinen.“

„Gar keinen? Das ist der anständigste.“

„Ist das Ihr Ernst? Ich finde es so entsetzlich, keinen Beruf zu haben.“

„Warum entsetzlich? Einen Beruf haben, das heißt: bezahlte Arbeit tun. Von irgend jemand Geld zu nehmen, das heißt irgend jemandem dienstbar zu sein ... ganz gleich, ob das ein Einzelwesen ist oder eine Gesellschaft oder das Publikum. Dem Publikum dienstbar zu sein, das ist schon das Schlimmste! Wenn man keinen Beruf hat und keinen zu haben braucht, dann ist man sein eigener Herr! In diesen Worten liegt doch schon alles: Daß man keines andern Knecht ist. Warum soll das entsetzlich sein?“

„Ich weiß nicht,“ Mette drehte die Hände mit einer Geste der Hilflosigkeit, „vielleicht, weil man dann gar nicht weiß, wo man hingehört. Heimat haben wir doch kaum mehr.

Ich bin in Berlin geboren und groß geworden. Gibt mir das ein Heimatsgefühl? Ja, vielleicht wenn ich in Tokio bin, und ich höre einen Berliner reden, werde ich irgendwie verwandtschaftliche Gefühle in mir entdecken und werde vielleicht mit ihm zusammen sentimental werden, wenn wir an die Linden oder an Potsdam denken.