Part 4
Aber stellen Sie sich vor, wie lächerlich man sich machen würde, wenn man in Luzern oder Baden-Baden oder sonstwo einen Berliner ansprechen würde: ich glaube, Sie sind aus meiner Heimatstadt! Wenn man in Ritzebüttel geboren ist, geht das schon eher! Familie hat man auch nicht, oder man macht keinen Gebrauch davon. Manchmal beneide ich die alten Adelsgeschlechter, die so in hundert Zweigen ausgebreitet sind, und doch mit allem verwachsen, was ihren Namen trägt. Und endlich beneid’ ich die Leute, die einen Beruf haben ... schließlich hat doch jeder Schuster Anknüpfungspunkte zu jedem Schuster der Welt, die Droschkenkutscher duzen sich untereinander, die Ärzte haben einen Kollegen, an den sie sich wenden könnten, fast in jedem Dorf der Erde – die Künstler sind wie eine große Familie, namentlich die Leute vom Theater – Kollegenschaft ist doch schon eine große Sache ... es ist ja möglich, daß Beruf eine Kette ist ... aber ... ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl verstehen ... ich denke manchmal, es müßte gut sein, irgendwo recht fest angekettet zu sein, damit man nicht in einen Abgrund stürzt.“
„Oh! Ich versteh schon ... wollen Sie eine Zigarette?“ sie bot ihr das schmale Birkenholzetui, „nur ... ich glaub’ nicht recht an eine Zusammengehörigkeit zwischen Berufskollegen. Ebensowenig, wie an eine Verwandtschaft des Blutes ... mir ist auf der ganzen Welt kein Mensch so fremd, wie meine Schwestern. Nein, nein, derselbe Bildungsgrad, dieselben Interessen, – das einigt die Menschen ebensowenig, wie dieselbe Höhe des Einkommens.“
„Aber man muß sich doch irgendwo zugehörig fühlen ...,“ meinte Mette ratlos.
Gisela hob müde die Achseln:
„Um sich glücklich zu fühlen, sicher. Das Beste ist vielleicht noch die Zusammengehörigkeit mit _einem_ Menschen. Aber das ist ein so seltner Fall, daß man den Menschen findet. Und sonst? Ich denke manchmal, Leute, die dasselbe Unglück haben, oder dieselbe Krankheit, sollten sich zusammenschließen. Die Blinden, die Lahmen, die Buckligen.“
So ungefähr hatte Mette vorhin noch gedacht. Aber da ihre eignen Gedanken, von einem andern in Worte gebracht, vor ihr standen, regte sich in ihr der Widerspruch.
„Ich glaube nicht,“ sagte sie nachdenklich, „daß ich meine eignen Gebrechen so rings um mich sehen möchte, vielleicht auch noch in Verzerrungen und Vergröberungen, ebensowenig, wie ich mich in einem Spiegelsaal aufhalten möchte, wenn ich aussätzig wär’. Im Grunde wird es jeden mehr reizen, seine Gebrechen zu verbergen und möglichst unerkannt unter Gesunden zu leben. Ach – und ich glaube nicht einmal, daß die Kranken besonders mitleidig miteinander sind. Jeder sagt sich: bei dem ist es noch weit schlimmer, als bei mir!“
Ein junger Mann trat neben Gisela und umschlang sie mit einer mädchenhaft weichen, schmeichlerischen Bewegung.
„Du sollst uns etwas singen, Gisel,“ bat er, „bitte, bitte, sei lieb!“
Sie schüttelte schweigend den Kopf und zog ein wenig die Brauen zusammen.
Er ließ sie nicht los und bettelte wie ein Kind:
„Ach, geh! Sei doch lieb ... nur für uns nebenan, nur für ein paar Menschen, ein einziges, kleines Liedchen.“
„Meine Laute ist nicht da, Johannes!“
„Ach, du nimmst die vom Sophus, komm nur!“
Johannes zerrte sie mit sanfter Gewalt von ihrem Sitz auf. Sein schmales Gesicht mit feinen Zügen und zarten, blühenden Farben war von fast engelhafter Schönheit. Das blonde, weiche wellige Haar war ein wenig zu lang, die großen dunkelblauen Augen zu sanft, fast schwärmerisch im Blick.
Mette fand sein Äußeres trotz seiner überraschenden Schönheit fast unangenehm. Aber nach wenigen Sekunden kam sie zu der Einsicht, daß es eigentlich nur der Anzug war, der sie störte, weil er so gar nicht zu ihm paßte. In einer weißen Tunika, in einem seidenen Puffenwams, auch vielleicht in einem goldgestickten Rokokorock wäre er ein vollendetes Bild gewesen.
Gisela, immer noch von seinem Arm festgehalten, streckte die Hand nach Metten aus.
„Kommen Sie mit, kleines Mädchen,“ sagte sie, „ich kann Ihnen zwar keinen Genuß versprechen, aber Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie sich mein Gekrächz mit anhören.“
Mette ergriff die dargebotene Hand und ließ sich mit fortziehen. Es war eine schmale, fieberheiße, zerbrechlich dünne Hand, die sich mit einem lockeren und doch sehnigen Griff um ihre Finger klammerte.
Irgendwo in der Ferne sah sie Eccarius’ Gesicht auftauchen.
Er sah sie gar nicht an, und trotzdem schien ihr sein ernstes und bekümmertes Gesicht einen Vorwurf gegen sie zu bedeuten.
‚Ich hätte mich um ihn kümmern müssen,‘ dachte sie mit leichtem Erschrecken und dann, wie in aufflackerndem Trotz: ‚Warum eigentlich? Wozu red’ ich mir Verpflichtungen ein, die ich nicht habe? Ich will keine Rücksicht mehr nehmen, ich will dahin gehen, wohin es mich lockt – immer nur dahin, wohin es mich lockt!‘
In dem kleinen Nebenzimmer saß, lag und hockte ein Dutzend Menschen in den verschiedensten Stellungen.
Sophie war darunter in ihrer kleidsamen Pagentracht, neben ihr der junge Mensch, der Willi hieß und vorhin auf der Erkerstufe gesessen hatte, die kleine Luigi und der Maler Giesbert, der eine Art Cowboyanzug trug, und Ulrich, der Mann mit dem hageren ernsten Gesicht und der tiefen, mollklingenden Stimme.
Man hob Giselas schmale und leichte Gestalt auf einen Tisch, Johannes nahm Sophien, die noch an den Wirbeln drehte, die Laute aus den Händen und legte sie Gisela in den Arm.
Ein junger Mensch in einem seidenen Pierrot-Kostüm lief mit einem Tablett voll Gläsern herum und bot auch Metten an. Mette trank den süßen und feurigen Wein rasch aus, um das Glas wieder los zu werden, und sah sich dann suchend nach einem Platz um.
Sophie streckte ihr die Hand hin.
„Kommen Sie her zu mir, kleiner verflogener Vogel,“ sagte sie, „hier tut Ihnen keiner was.“
„Ich habe keine Angst,“ sagte Mette lächelnd.
Sie hatte wirklich keine Angst. Sie fühlte sich sehr wohl und geborgen in den tiefen weichen seidenen Kissen, zwischen zwei Menschengesichtern, die ihr nicht fremd und nicht unangenehm waren.
Der kleine Johannes setzte sich mit seiner pagenhaften Grazie zu ihren Füßen nieder. Und obgleich sie keinerlei Zärtlichkeit für ihn empfand, tat ihr seine leichte anschmiegende Berührung wohl.
Gisela probierte mit tiefgeneigtem Gesicht die Saiten. Das lose, schwarze Haar fiel ihr über die Wangen. Mit einer plötzlichen Bewegung hob sie den Kopf, schüttelte das Haar zurück, und nach ein paar einleitenden Akkorden begann sie zu singen:
Irgendwo ruft die Stimme durch die tiefe Nacht, diese Stimme, die mich beben macht.
Irgendwo irgendwo auf heißem Lager dehnt sich die Hand, nach der sich meine sehnt.
Irgendwo weint ein Herz im Dunkel heiß und still das an meinem Herzen schlagen will.
Ihre Stimme war klein, wie durch einen Schleier gedämpft, aber namentlich in der Tiefe von einem leidenschaftlichen, bestrickenden Klang.
Mette war wie eingesponnen in ein traumhaftes, süßes und doch schmerzlich-sehnsüchtiges Glücksgefühl.
Sophie hatte den Arm um sie gelegt, und ihre Hand glitt manchmal im Takte der Musik in einem sanften und wärmegebenden Streicheln über Mettes Schulter.
Giselas Augen suchten Mette manchmal, wenn sie sang. Ihre Blicke trafen ineinander, hingen ineinander, und Mette war, als sänge sie all diese Worte ihr zu.
‚Süßes Leben,‘ dachte sie, ‚schönes geliebtes Leben.‘
Eine fiebernde Sehnsucht war in ihr, die ihr das Herz groß und übervoll machte. Diese Sehnsucht hatte keinen Namen und kein Ziel. Es war Sehnsucht nach fernen Ländern, und Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Es war Sehnsucht nach brausendem Ruhm, nach Heldentaten, und Sehnsucht nach Großmutters stillem Garten, nach der Wiese, über der die Bienen stimmten.
Deine arme silberne Seele Atmet so schwer in Blut. O weh! daß ich dir fehle, weh, daß ich dich nicht fand. Deine Seele will versinken, deine Seele will ertrinken, ertrinken im brennenden Blut, – weil niemals meine kühle Hand auf deiner Stirne geruht.
Sophiens schönes heiteres Gesicht überschattete sich mit einem fast schmerzlichen Ernst. Sie lächelte, aber dies Lächeln war wie getränkt mit Schwermut.
„Wart’ einen Augenblick,“ sie hob Gisela die Hand entgegen, „ich möchte Nora holen, du weißt ja, wie gern sie dich hört.“
Sie stand rasch auf. Johannes sprang im selben Augenblick in die Höhe.
„Darf ich dir helfen?“ fragte er bittend.
Metten erschienen diese Worte rätselhaft, ohne daß sie indes lange darüber nachdachte.
Sophie und Johannes gingen nicht in den großen, saalartigen Raum, aus dem sie gekommen waren. Sophie öffnete eine Glastür hinter Vorhängen, die in den nachtdunklen Garten hinausführte.
„Laßt einen Augenblick offen,“ bat sie, „es ist ja so warm draußen – wir kommen so herum zurück.“
Gisela zögerte einen Augenblick. Ihr leicht bewegliches Gesicht spiegelte einen inneren Kampf.
„Sophie,“ rief sie ihr nach, von dem hohen Tisch heruntergleitend, „ist es dir lieber, wenn ich mitgehe? Ich kann schließlich auch drin singen.“
„Nein, nein,“ gab Sophie zurück. Sie stand schon auf den Stufen und hob die Falten des Vorhangs auf, daß sie einen Augenblick wie eine kunstvolle Umrahmung der schlanken Gestalt wirkten. „Es ist so voll und rauchig drin und staubig vom Tanzen, und man kriegt die ganze Bande doch nicht zu einem ruhigen Zuhören. Ich bin auch ganz froh, wenn ich einen guten Grund habe, um Nora ein bißchen da herauszulocken – von selbst entschließt sie sich doch nicht, und sonst wird es ihr wieder zu viel.“
Sie nickte Gisela noch einmal zu, herzlich, dankend, und tauchte im Dunkel unter. Durch die halb offene Tür drang der vielfältige Duft der warmen durchblühten Nacht.
In dem kleinen Kreis war eine wartende Stille. Die Leute, die nebeneinander standen, tauschten mit gedämpfter Stimme Bemerkungen aus. Gisela klimperte mit den Saiten, ohne die Augen aufzuheben.
Das gemurmelte Gespräch wurde nach einigen Minuten ein wenig lauter und lebhafter, um ganz zu stocken, als Schritte auf dem Gartenkies knirschten, schwere Schritte, und um dann – angeregt von den intimsten Freunden des Hauses – wieder aufzuflackern in einer Art, die zu bedeuten schien: Wir haben nicht auf euch gewartet, wir achten nicht auf euch, wenn ihr kommt.
Mette sah unwillkürlich nach der Gartentür, den Eintretenden entgegen, und, obgleich sie im selben Augenblick sich zusammenriß, Beherrschung von sich verlangte und ein Lächeln erzwang, erschrak sie so, daß sie fühlte, wie sie blaß wurde.
Sie führten, sie schleppten Nora herein.
Sophie stützte sie auf der einen Seite, Johannes auf der andern. Aber sie konnten ihren schweren Oberkörper nicht aufrichten; er neigte sich nach vorn, als sei er verbogen, zerbrochen, und mühsam hatte sie den Kopf wieder gehoben, und ihre sanften, braunen Augen, voll stummer Qual, wie die eines gepeinigten Tieres, trafen von unten herauf einen Herzschlag lang in Mettes Blicke.
Ulrich schob einen Stuhl zurecht, Willi schleppte Fußkissen herbei, ein paar Sekunden später saß sie in dem Sessel, die Hände auf die Seitenlehnen gestützt, die Knie, die ein wenig höher gezogen waren als bei andern, von den leichten fließenden Falten der seidenen Decke überbreitet, den blonden Kopf von einem veilchenfarbenen Kissen gestützt, wieder ein Bild von fast königlicher Schönheit.
Nur wenn man sehr genau hinsah, entdeckte man um Mund und Wangen ein leises Zittern, wie von Schmerzen oder von überstandener schwerer Anstrengung.
Mettes Herz war ganz erfüllt von widerstreitenden Gefühlen: Ein Entsetzen war in ihr, das an Grauen und fast an Ekel grenzte, ein quälendes Mitleid und zugleich eine Angst wie vor niedersinkenden dunklen Schleiern, vor einer langsam sich senkenden, unerträglichen Last.
War das Leben nicht eben noch hell und bunt und lockend gewesen? Hatte sie es nicht geliebt mit einer heißen, sehnsüchtigen, inbrünstigen und opferbereiten Liebe? Und war es nicht jetzt, als ob ein feuriger, geschmeidiger Tänzer im Seidenwams, in dessen Armen sie sich noch eben trunken gewiegt hatte, die Larve vom Gesicht hob und höhnisch grinsend ein zerfallendes Totenangesicht zeigte?
Was gab es denn auf der Welt? Was erwartete einen denn im Leben? Elend und Kummer, Siechtum und Tod und bittere, eiskalte Einsamkeit ...
Gisela griff ein paar Akkorde und sang:
Irgendwo mahnt eine Turmuhr dumpf und schwer Irgendwen, daß es nun Zeit zum Heimgehn wär’. Irgendwohin führen die weißen Wege hinaus, Irgendwo bin ich auf der Erde doch auch zu Haus ...
Sie neigte den Kopf tiefer über das Instrument. Es war seltsam, daß aus der zusammengepreßten Brust die Töne ihren Weg fanden.
Sie waren alle still, als sie geendet hatte.
Willi war der erste, der rief:
„Weiter, weiter ... noch eins, noch eins.“
Andere riefen es ihm nach. Gisela glitt von dem Tisch herunter und legte die Laute in eine Ecke. Ihre müden Bewegungen waren die eines Kindes, aber ihr immer schmales Gesicht war ganz klein und alt geworden.
„Ich glaube, ich kann nicht mehr,“ sagte sie, wie um Verzeihung bittend. Ihre Stimme war nur wie ein heiseres Flüstern.
Durch die Tür des Nebenzimmers kam ein älterer dicker Mann mit einem aufgeschwemmten häßlichen Gesicht.
Drinnen paukte jemand aufs Klavier, aber es wurde kaum vernehmbar vor Lärmen und Lachen und dem Geräusch der schleifenden Füße.
Der dicke Mann griff den kleinen Johannes mit einem festen Griff um den Leib.
„Komm, mein Hannchen, wir wollen tanzen,“ rief er und zerrte ihn im Kreis herum.
Johannes wiegte sich in den Hüften wie ein kokettes Mädchen.
Mette sah jetzt erst, daß er an den auffallend schmalen und kleinen Füßen zu den tief ausgeschnittenen Lackschuhen durchbrochene seidene Strümpfe trug.
Er war ihr plötzlich widerlich. Der dicke Mann war ihr widerlich. Gisela war ihr widerlich, weil ihr Gesicht alt und krank und verlebt aussah. Willi war ihr widerlich, weil er der Luigi Wein in den Ausschnitt schüttete und ihr die Hand den Rücken hinuntergleiten ließ unter dem Vorwand, sie abzutrocknen. Mara Luigi war ihr widerlich, weil sie es sich gefallen ließ und es sich gern gefallen ließ, trotzdem sie schrie und zappelte und mit den Beinen strampelte.
Mette hatte brennendes Verlangen nach der Ruhe ihres einsamen Zimmers.
Giesbert stand vor ihr und wollte mit ihr tanzen. Sie stemmte beide Hände gegen seinen Arm, der sie umklammern wollte und mit fortreißen.
„Bitte nicht,“ sagte sie flehentlich und ungeduldig, „nein, bitte, nein, ich möchte nicht!“
Plötzlich, da sie sich losgemacht hatte und ein wenig taumelig auf den Füßen stand, traf ihr Blick in Eccarius’ Gesicht.
Er trat mit einem leisen Lächeln auf sie zu, und sie streckte mit einer unwillkürlichen Bewegung die Hand nach ihm aus.
„Gut, daß Sie da sind,“ wollte sie sagen, „ich möchte nach Haus!“
Dann fiel es ihr ein, daß sie kein Recht hätte, über ihn zu bestimmen wie über einen Bedienten, nachdem sie sich den ganzen Abend nicht um ihn gekümmert hatte.
Aber eh’ sie noch die Worte gefunden hatte, um ihn anzureden, sagte er:
„Sie sehen müde aus, gnädiges Fräulein. Ich will Sie nicht hetzen, wenn Sie noch Lust haben, hierzubleiben. Aber wenn Sie gehen wollen, verfügen Sie nur ganz über mich.“
Mette war ihm herzlich dankbar, obgleich sie wieder fast erschrocken war über seine Häßlichkeit, als er so plötzlich vor ihr auftauchte.
Sie war mit sich selbst nicht zufrieden. Es mußte doch an ihr liegen, daß sie überall Häßliches sah, Trauriges zu spüren glaubte. Sie war wohl nicht stark genug für das Leben, nicht gesund genug, nicht dumm genug oder nicht weise genug.
Das Leben hatte überall Schroffen und Kanten, Spitzen und Ecken. Wo man nur hineingriff in die rosigen, schimmernden Wolken, die es schmückend umzogen, wurde man gestoßen und geschunden. Man mußte ein Pflasterstein sein oder ein Diamant, um nicht zu zersplittern an diesen Härten.
Sie schritt in einem fast verstockten Schweigen neben Eccarius her. Mochte er von ihr denken, was er wollte! Sie war müde und aufgewühlt, zornig und mutlos – sie hatte keine Lust, sich mühsam durch eine gleichgültige Unterhaltung hinzuquälen.
Eccarius ließ ihr Zeit, ihre fieberbrennende Stirn in der Nachtluft abzukühlen. Sie sah nach den hellflammenden Sternen hinauf und spürte, wie immer, die fast schmerzliche Bedrängnis, als ob etwas in ihr sich mühte, die zusammengefalteten Flügel auszubreiten, um sich endlich, endlich ins Grenzenlose aufzuschwingen und sich dabei so ungeduldig gebärdete, daß es ihr das Herz bedrückte, den Atem beklemmte, die Rippen preßte.
Nach einer ganzen Weile hörte sie eine ruhige Stimme neben sich, wie aus einer langen Kette von Gedanken heraus:
„... Sie müssen mir einen Gefallen tun, gnädiges Fräulein! Sie dürfen dies Haus und unsere Wirte nicht nach dem heutigen etwas“ – er zögerte – „turbulenten Fest beurteilen. Sie müssen einmal einen ruhigen Nachmittag da draußen im Gartenhäuschen sitzen und mit den beiden Frauen reden. Ich glaube sicher, daß Sie viel davon haben könnten, und es wäre schade, wenn Ihnen der heutige Tag die Lust dazu verdorben hätte.“
Mette fühlte sich durchschaut und ein wenig beschämt.
„Oh, durchaus nicht,“ sagte sie etwas verlegen, „ich war wirklich sehr entzückt von den beiden Damen. Ich bin nur so etwas lärmende Gesellschaft nicht gewöhnt, ach, ich bin überhaupt keine Geselligkeit gewöhnt, und es waren einfach zu viel und zu vielerlei Eindrücke für mich – ich habe ein bißchen Karussellgefühle, wenn Sie sich darunter etwas vorstellen können.“
„O ja,“ Eccarius lachte leise, „darunter stell’ ich mir in der Hauptsache vor: Schwindel und Übelkeit.“
„Nicht nur,“ widersprach Mette, „auch Musik, die immerfort in einem weiterdröhnt, und sehr viel Buntes und sehr viel Licht, mysteriöse und aufreizende Buntheit – perlgestickte flimmernde Bilder, hinter denen sich das Geheimnisvolle, Verlockende und Unheimliche verbirgt – der Antrieb, das Werk, die Maschine. Und im Dunkel einzelne grell beleuchtete Gesichter, die immer wieder auftauchen und vorübergleiten – und vor allen Dingen – ja natürlich vor allen Dingen der Eindruck eines ersehnten, erwünschten und bis zur Ermüdung ausgekosteten Vergnügens.“
„Dann ist es ja gut.“ Eccarius lächelte, als wären seine Gedanken schon wieder anderswo.
„Sie wußten gar nicht, daß Frau von Hersfeld krank ist?“ fragte er nach einer Weile.
„Nein,“ sagte Mette. Und dann stieß sie hervor, halb unwillkürlich, aber wie getrieben von dem Gefühl einer Schuld, die sie wieder gutzumachen hatte.
„Oh, sie tut mir ja so entsetzlich leid!“
„Sie hat ein sehr trauriges Geschick gehabt,“ sagte Eccarius etwas zögernd, „aber trotzdem würde ich nicht sagen, daß sie mir leid tut – denken Sie nur, ich würde nicht wagen, es zu sagen – es käme mir beinah vermessen vor. Die Frau hat so unendlich viel, was zur Bewunderung zwingt, so unendlich viel, durch das sie unsereinem überlegen ist und um das man sie beinah beneiden könnte, daß Mitleid eigentlich – meinem Gefühl nach – gar nicht angebracht wäre.“
Mette spürte, daß er die Worte so behutsam setzte, um ihr nicht grob und deutlich zu verstehen zu geben, daß sie eine Dummheit gesagt hatte. Sie war ihm dankbar für diese vorsichtige Art, denn es kränkte sie empfindlich, wenn sie sich irgendwie zurechtgewiesen fühlte.
„Ich will jedenfalls alles versuchen, um sie näher kennenzulernen,“ sagte sie herzhaft entschlossen. „Ich glaube, daß man viel von ihr lernen kann, und nichts auf der Welt tut mir so not als zu lernen.“
„Es ist schon viel wert, wenn Sie das wissen,“ lächelte Eccarius, „die meisten Zwanzigjährigen glauben, genug zu wissen. Wenn Sie sich noch außerdem mit so sicherem Instinkt Ihre Lehrmeister suchen, dann können Sie gar nicht fehlgehen.“
„Ich hoffe.“
Mette zog die Brauen zusammen. Die Angst glitt wieder wie eine schattende Wolke über sie hin, die Angst, fehlzugehen, sich zu verirren, auf schwankenden Sumpfboden zu geraten, einem Abgrund entgegenzugleiten, irgendwie dem Untergang entgegenzutreiben.
‚Ich werde jedenfalls niemals nötig haben, einem zaudernden Tode entgegenzuschmachten,‘ dachte sie, ‚wenn ich mit zerschmetterten Gliedern in irgendeinem Abgrund liege, dann bleibt mir immer noch Olgas Vermächtnis – mein Freund, der Revolver!‘
‚Nora von Hersfeld,‘ dachte sie, ‚vielleicht kann sie einem Halt geben, vielleicht kann sie einem den Weg weisen ... vielleicht! Wer weiß es? Eccarius ist dieser Meinung. Aber was weiß denn ich von Eccarius? Nichts. Er kann ein Verbrecher sein, ein Bankdefraudant, ein Lustmörder, ein Mädchenhändler. Er kann alles dies _nicht_ sein, vielleicht aus Zufall nicht sein, und kann doch die Neigung zum Schlechten, den Willen zum Bösen haben, schlimmer vielleicht als ein alter Zuchthäusler, neben dem ich jetzt nur gezwungen und in tödlicher Angst gehen würde. Aber Eccarius scheint mir ein Schutz ... warum? Ich weiß nichts von ihm. Es ist schwer, sich zurechtzufinden, wenn man den Instinkt schon verloren hat und ein Erfahrungswissen noch nicht erworben.‘
„... Irgendwohin führen die weißen Wege hinaus ...“ summte sie.
„Mögen Sie die Lieder?“ fragte Eccarius rasch.
„Ich weiß nicht,“ antwortete Mette zögernd, „sie verlassen mich nicht. Spricht das nun für oder gegen sie?“
„Sie haben sie heut’ zum erstenmal gehört?“ Er berichtigte sich gleich selbst. „Ja, natürlich, Sie waren ja heut’ das erste Mal in diesem Kreise.“
Mette lächelte: „Kann man sie nur in diesem Kreise hören?“
„Ja, sie sind nicht veröffentlicht.“
„Hat Fräulein Werkenthin sie selbst verfaßt?“ Ihr Herz ging ein wenig rascher bei dieser Frage.
„Ach nein.“ Mette schien es, als ob ein ganz leiser Hauch von Geringschätzung in diesem „ach nein“ läge. „Sie stammen von Fräulein von Gjellerström.“
„Die kenne ich nicht,“ sagte Mette gleichgültig, „sie war wohl heute nicht da – oder ich habe sie nicht gesehen.“
„Sie haben sie sicher gesehen,“ sagte Eccarius mit einem Lächeln, von dem Mette in dem Halbdunkel der nächtlichen Straße nicht feststellen konnte, ob es spöttisch oder schmerzlich war. „Sie ist weder laut noch bunt angezogen, aber man kann sie merkwürdigerweise nicht übersehen. Vielleicht wissen Sie auch nur nicht, wie sie heißt. Ihre Freunde haben ihr den Namen Fiametta gegeben.“
Mette saß in ihrem stillen Zimmer und lernte Vokabeln.
^la sopera^ – die Suppenschüssel.
^el relojero^ – der Uhrmacher.
Es lernte sich leicht, und es machte ihr Spaß.
^Un sombrero es un hombre que hace sombreros.^
Das Italienische war ihr viel schwerer geworden, ach, aber mit welchem Feuereifer hatte sie damals gelernt. Sie hatte so viele Gründe, die sie zum Lernen trieben. Sie durfte doch nicht sagen, daß sie die Stunden bei Olga nahm, statt bei dem italienischen Professor, den Vater ihr ausgesucht hatte. Und darum mußte sie sich möglichst rasch gründliche Kenntnisse aneignen, damit Vater nicht auf den Gedanken kam, den Unterricht zu kontrollieren oder dem Herrn Professor einen zur Strenge mahnenden Brief zu schreiben. Und dann galt es auch, vor Olga zu bestehen. Sie wurde nicht ungeduldig, aber sie war so fassungslos erstaunt, wenn man etwas nicht begriff oder nicht behalten konnte.
Und dann war der heißeste Ansporn: Die Reise nach Italien, die gemeinsame, die sie einstweilen nur auf der Landkarte oder im Baedeker machten, und die einmal Wirklichkeit werden sollte, greifbare, herrliche, unnennbar selige Wirklichkeit.
Und nun war alles vorbei und alle Hoffnungen vernichtet, gestorben, begraben.
Mette würde niemals nach Italien fahren und niemals nach Spanien, niemals, denn sie war allein und würde immer allein sein, und sie würde sich in fremden Ländern noch viel einsamer, verlassener, unglücklicher fühlen als in fremden deutschen Städten.
Es hatte wohl auch eigentlich keinen Zweck, Spanisch zu lernen ... wozu die Mühe, sich etwas anzueignen, wofür man niemals Verwendung hatte!
Sie ließ das Heft sinken und starrte vor sich hin. Die Tränen, die ihr schon in die Augen gestiegen waren, als sie an die italienischen Stunden bei Olga dachte, lösten sich und rollten über ihr unbewegtes Gesicht – eine nach der andern, ohne daß sie sich die Mühe gegeben hätte, sie aufzuhalten oder auch nur abzutrocknen.
Olga! – Aber Olga lernte nie eine Sprache, wie sie hochmütig sagte, „um sich mit Hotelportiers und Ladenmädchen verständigen zu können“. Olga studierte Sprachen, um sich in Geist und Wesenheit der Völker einzufühlen, um ihre Verschiedenheiten oder Ähnlichkeiten zu erfassen. Sie lernte Sprachen, weil sie sich an den Schönheiten eines Satzgefüges erfreuen konnte wie an einem Bildwerk oder an einer Melodie. Und sie lernte sie vor allen Dingen, wie sie alles tat, um sich zu bereichern, zu weiten, um mit dem Lernen ihr Gehirn in ständiger, immer wachsender Anspannung zu halten und um mit dem Gelernten ihr „inneres Haus auszubauen“, wie sie manchmal scherzend sagte.
Mette nahm das Heft wieder vor. Sie wollte auch ihr Haus in sich aufbauen. Sie wußte nicht recht, wie. Noch standen nicht die Grundmauern, noch war nicht einmal ein Plan vorhanden. Aber sie trug Bausteine zusammen, sie lernte, sie las, sie sah mit wachen Augen um sich, und sie dachte nach über alles, was sie gelernt hatte. Vielleicht würde einmal ein Tag kommen, da sie wußte, wie das alles zu ordnen und zu richten, da sie wußte, wo sie hinaus wollte, wozu sie strebte und lernte und wofür – ach, manchmal kam auch der ganz vermessene Gedanke: Da sie wußte, für _wen_ sie strebte und lernte.
^El que nos trae las cartas es el cartero.^