Part 10
Sie stand leise auf, um an das Telephon zu gehen. Sie wollte wenigstens bei dem Kabarett anklingeln und Gisela krank melden. Vielleicht konnte sie ihr dadurch eine Strafe ersparen. Außerdem war ihrem bürgerlichen Empfinden der Gedanke unerträglich, daß die Leute dort in fieberhafter Aufregung von Minute zu Minute warten sollten und keine Nachricht bekämen.
Sie schlich erst auf Zehenspitzen, sich vorsichtig umschauend wie ein Verbrecher, nach dem Nachttisch, um den Revolver herauszunehmen. Sie überlegte, wohin sie ihn tun könnte – kein Platz erschien ihr sicher genug. Sie beschloß, ihn mitzunehmen, und da sie nicht mit ihm gesehen werden wollte, schob sie ihn vorn in die Bluse. Sie fühlte ihn kalt und schwer und unheimlich in dem leichten Stoff hängen, und obgleich sie die Sicherung noch einmal geprüft hatte, hatte sie bei jedem Schritt das Gefühl, beim leisesten Anstoß würde Sicherung und Hahn sich lösen, und die Kugel ihr in die Brust dringen. Sie sagte sich trotzig, daß es das Beste wäre, was ihr geschehen könnte, und bezwang damit ihre Angst.
In der Telephonzelle wartete sie lange, ehe sie die Nummer nannte, weil sie auf dem Gang Schritte zu hören glaubte, oder Türen, die sich öffneten – sie wollte nicht, daß irgend jemand das Gespräch mit anhörte.
Als sie die Verbindung endlich bekommen hatte, mußte sie die Litanei, daß Fräulein Werkenthin krank sei und nicht kommen könne, dreimal herunterbeten.
„Einen Augenblick bitte, ich verbinde mit dem Bureau,“ sagte das erstemal eine höfliche Stimme.
„Moment, ich verbinde mit der Direktion,“ das klang schon weniger liebenswürdig.
„So,“ sagte eine scharfe Stimme nach dem drittenmal, „Fräulein Werkenthin ist krank. Das wird der Arzt entscheiden! Er wird in einer Viertelstunde in ihrer Wohnung sein.“
„Fräulein Werkenthin ist nicht in ihrer Wohnung,“ sagte Mette mit klopfendem Herzen, „sie ist bei mir.“
„Wer ist denn überhaupt da am Telephon?“
„Eine Freundin von Fräulein Werkenthin.“ Nicht, wenn man sie gefoltert hätte, würde Mette jetzt ihren Namen genannt haben. „Fräulein Werkenthin war bei mir zu Besuch und ist ohnmächtig geworden.“
Sie hörte, daß die Stimme mit höhnischer Betonung nach rückwärts sagte: „Sie war bei ihrer Freundin und ist ohnmächtig geworden!“
Eine Stimme schrie, heiser vor Wut, dicht am Apparat: „Sie ist wohl besoffen, wie?“
Mette hörte, daß jemand weggedrängt und zur Ruhe verwiesen wurde, und hörte noch ein unwirsches Gemurmel – „Morphium oder Koks oder Alkohol – immer abwechselnd“.
„Sagen Sie Ihrer Freundin,“ das war wieder die scharfe Stimme von zuerst, und wie sie höhnisch hervorhob „Ihrer Freundin“ traf es Mette wie eine Ohrfeige, „ich könnte sehr gut verstehen, daß sie das Vergnügen Ihrer Gesellschaft dem Auftreten an meinem Institut vorzieht. Aber ich kann ihr auch versichern, daß es mir durchaus kein Vergnügen macht, ihr für nichts und wieder nichts eine hohe Gage zu zahlen. Fräulein Werkenthin wird morgen ein Attest des Theaterarztes einreichen, oder sie ist entlassen.“
Der Hörer wurde mit einem Ruck aufgelegt.
Mette überlegte eine qualvolle Minute lang, ob sie an den Theaterarzt telephonieren sollte. Vielleicht ließ er sich bewegen, ein Attest zu schreiben.
Aber sie hätte ihren Namen angeben müssen, ihre Wohnung. Sie hätte diesem fremden Mann gegenübertreten müssen, ihn in ihr Zimmer führen. Alles in ihr kochte auf vor Empörung. Wie kam sie dazu?
Sie ging geräuschlos in ihr Zimmer zurück. Als sie ihre Sachen auf dem Boden verstreut sah, schüttelte sie wieder eine Welle Zorn.
Sie hatte jetzt keine Lust, aufzuräumen. Sie wollte auch gar nicht sehen, was da alles lag, so roh herumgezerrt und herumgeworfen.
Sie drehte einen Sessel so, daß er der Verwüstung und dem Diwan den Rücken drehte. Sie nahm ein wissenschaftliches Buch vor und versuchte, zu lesen. Vom Diwan klang der regelmäßige Atem so rauh und schwer, daß er gar nicht aus dem zarten Körper zu kommen schien. Und die Unordnung hinter ihr bedeutete zugleich auch Unruhe. Es war, als ob die offenen Schübe und Türen ein hilfesuchendes Klagen ausstießen. Und als ob sie Augen auf dem Rücken hätte, die durch die Sessellehne hindurch immerzu die weißen Flecke von Papier und Batist auf dem dunklen Teppich sahen.
Das Gehen und Reden draußen hörte auf. Es wurde still in der Wohnung, still im Haus.
Die Heizung ließ nach, das Zimmer wurde immer kälter.
Die Kälte kroch vom Fußboden herauf in Mettes Glieder. Sie zog die Füße auf den Sitz, aber auch das half nicht für lange.
Dicht neben ihr auf der Erde lag Giselas Mantel. Sie hob ihn auf und legte ihn sich über die Knie. Eine Duftwelle stieg von ihm auf. Sie schleuderte ihn angeekelt wieder auf den Teppich zurück.
Sie zittert vor Kälte, Aufregung und Müdigkeit. – – –
* * * * *
Lange nach Mitternacht stand sie leise auf, um sich vom nächsten Stuhl ihren eigenen Mantel zu holen. Die erstarrten Glieder schmerzten bei jeder Bewegung. So vorsichtig sie ging, die Dielen krachten unter ihrem Schritt, und Gisela fuhr mit einem Aufschrei in die Höh’.
Ihre Augenlider waren dick geschwollen, das Haar hing in wirren Strähnen um das blasse, verwüstete Gesicht.
„Wer geht da?“ rief sie, „oh, du bist es, Mette!“ sie lachte halb verlegen, „ich dachte, es wären Einbrecher.“
„Ich habe ans Trocadero telephoniert,“ sagte Mette müde und ruhig. „Ich glaube, Kayser war selbst am Telephon – du hast die Vorstellung versäumt. Er war sehr wütend – du sollst morgen ein Attest beibringen, oder du bist entlassen.“
„Wenn schon,“ sagte Gisela wegwerfend, „er soll sich nicht lächerlich machen mit seinen Drohungen.“
Mette hob die Achseln: „Das kannst du ihm vielleicht selber sagen! Mir war es unangenehm genug, mich von den Herren behandeln zu lassen, als wäre ich daran schuld.“
„Arme Mette“ – das klang ehrlich bedauernd und ohne jeden Spott – „du weißt gar nicht, wie leid du mir tust. Mußtest du armes kleines Bürgerseelchen mit deinen tausend Ängsten an mich geraten!“ Sie arbeitete sich aus den Decken heraus: „Ich war schon ziemlich bei mir, vorhin, als ich den Revolver suchte, glaub’ mir! Ich weiß ganz genau, was ich wert bin, und was für mich und alle das beste wäre.“
Sie saß auf dem Diwan und sah betrübt auf ihre schlanken Beine in schwarzseidnen Strümpfen hinab.
„Meine Mutter hat mir immer prophezeit, daß ich in der Gosse ende. Schon als ich ganz klein war. Ich muß bald enden, wenn es nicht doch noch dahin kommen soll. Krank bin ich – vielleicht bin ich morgen brotlos – meine Stimme ist hin, verbraucht, kaputt. Morgen such’ ich mir einen Liebhaber im Klub, übermorgen im Kaffee, nächste Woche auf der Straße.“
Sie hob das Gesicht, das von Tränen überströmt war.
„Gib mir deinen Revolver, Mette, ich bitte dich, du tust ein gutes Werk. Ich schreibe noch einen Abschiedsbrief, damit dich kein Verdacht trifft. Ich bitte dich, sei barmherzig!“
„Ich habe ihn gar nicht mehr,“ log Mette, „ich habe ihn verborgt.“
Dabei fühlte sie sein Gewicht. Er hing vorn in ihrer Bluse, daß der Kragen wie eine feine drückende Schnur auf ihrem Nacken lag.
‚Was soll nun werden?‘ dachte sie, ‚niemals werde ich von ihr frei kommen. Es wird immer so weiter gehen, ich werde sie in meinem Zimmer finden, jedesmal, wenn ich heimkomme, sie wird keinen Beruf mehr haben, kein Geld, sie wird wie eine Klette an mir hängen – und das soll mein Leben sein. Warum nur das alles? Wodurch habe ich das verdient? Nur weil ich mir ihre Zärtlichkeiten habe gefallen lassen? Hat sie dadurch ein Anrecht auf mich, habe ich mich in ihre Hände gegeben, mit Leib und Seele?‘
Gisela kreuzte fröstelnd die nackten Arme über der Brust.
„Es ist kalt hier,“ sagte sie, „warum bist du nicht ins Bett gegangen, armes Tierchen? Es ist doch sicher schon sehr spät – viel zu spät, als daß ich noch eine Bahn nach Hause bekäme. Ach, ich bin wie gerädert. Komm, Mettelchen, wir legen uns beide in dein Bett, damit wir warm werden. Frierst du auch so mordsmäßig?“
„Nein,“ sagte Mette kurz. „Leg du dich nur ins Bett. Ich will noch ein bißchen lesen – ich bin noch zu wach.“
Gisela schlüpfte aus den Schuhen und kroch ins Bett.
„Ich lege mich ganz an die Wand,“ sagte sie, „du hast noch Platz.“
„Ja, ja, danke schön.“
Mette saß wieder ganz still in dem tiefen Sessel ...
Das Gewicht des Revolvers ließ sie wieder eine feine drückende Schnur im Nacken spüren ...
Sie dachte über sich selbst nach und ihr war schwindelig, als sähe sie einen Abgrund, den sie überquert hatte, ohne seine entsetzliche Tiefe gewahr zu werden.
Hatte nicht vor einigen Minuten eine Stimme in ihr geschrien: Tu es doch, gib ihr den Revolver, laß sie ein Ende machen, dann hast du Ruh’!
Wenn sie es getan hätte, dann hätte ein Schuß gekracht, Blut und Hirn hätte sie bespritzt, im Zimmer läge jetzt eine Tote – oder eine Sterbende.
Und sie, Mette Rudloff, hätte einen Mord begangen!
Aus Feigheit, aus Bequemlichkeit, aus kleiner, erbärmlicher Selbstsucht.
Sie hatte diesen Mord in Gedanken begangen. Es hätte nur einer harmlosen Bewegung bedurft ...
Und dann ...
Sie schauderte zusammen.
Vom Bett her klang ein tiefes, ruhiges Atmen.
Mettes Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln.
‚Sie hätte es nicht getan,‘ dachte sie, ‚die hätte es nicht getan.‘
Eine Landstraße dehnte sich weiß im Licht. In schattendunklen Ecken, wo die Sonne niemals hinkam, lagen noch kleine bräunlich-zermürbte Fleckchen Schnee. Die Obstbäume an beiden Seiten der Straße hatten kugeldicke Knospen, an denen die dunkle Hülle schon weißschimmernde Streifchen sehen ließ. Der Wald in der Ferne war überflogen mit einem rötlichen lebenverkündenden Schleier.
Mette und Sophie wanderten die Straße entlang.
„Gott, ist das schön,“ sagte Mette und zog mit offenem Mund die reine starke Luft in die Lungen, „es war ein wundervoller Gedanke von Nora, uns einmal hinauszujagen!“
„Nora hat immer wundervolle Ideen,“ meinte Sophie mit einem heitern und zärtlichen Stolz. „Sie weiß immer, was ich brauche und was mir gut tut, viel besser, als ich selbst. Ich weiß nun allerdings meistens nicht, was mir fehlt. Tatsächlich – ich fühle mich unbehaglich und weiß nicht, ob ich schlafen möchte, oder essen, oder spazierengehen. Aber Nora sagt mir dann: du mußt dich hinlegen, oder: du mußt an die Luft – und es ist immer das Richtige.“
„Du hast es gut,“ sagte Mette mit einem kleinen nachdenklichen Seufzer, „aber du weißt es wenigstens – darum gönne ich es dir auch.“
„Ja, ich weiß es,“ das klang fast andächtig. „Ich hab’ es so unmenschlich gut! Ich weiß es – und du weißt es. Aber die wenigsten Leute sonst machen sich einen rechten Begriff davon. Ich glaube, sie überschätzen mich vielfach. Man hält mich im allgemeinen für viel stärker und selbständiger, als ich in Wirklichkeit bin – für viel männlicher, können wir ja auch sagen. Und dabei bin ich im Grunde so entsetzlich hilflos! Ich kann arbeiten – aber doch nur, weil ich weiß, für wen ich arbeite. Ich glaube, wenn ich nach der Arbeit in eine leere Wohnung hinaufsteigen müßte, ich würde wahnsinnig vor Einsamkeitsangst, oder ich würde Abend für Abend im Kaffee sitzen und trinken und rauchen, bis mir das Leben erträglich erscheint. Ich weiß, daß manche Leute mich bedauern, weil Nora krank ist. Denke dir, vielleicht klingt es brutal und herzlos – aber manchmal empfinde ich es direkt als ein Glück, daß sie sozusagen mit dem Haus verwachsen ist. Das Haus und sie – es bleibt immer auf demselben Fleck und ist immer da für mich.“
„Es erwartet dich,“ sagte Mette mit trübem Lächeln, „und im Grunde freust du dich jetzt schon auf den Abend, wenn du wieder heimkommst. Das ist für dich das Schönste an dem ganzen Ausflug.“ – – –
* * * * *
Sie schritten bergan. Die Sonne brannte so, daß sie die Jacken öffnen mußten.
„Was macht Gisela eigentlich?“ fragte Sophie. Man merkte es dem Ton an, daß die Frage beiläufig und harmlos klingen sollte, und vielleicht darum schon dreißigmal im letzten Moment zurückgehalten worden war.
„Es geht ihr schlecht,“ sagte Mette trotzig, „hast du schon einmal erlebt, daß es ihr nicht schlecht ging?“
Sophie schüttelte den Kopf:
„Daß du nicht mehr Einfluß auf sie hast! Du bist doch im Grunde so eine gesunde und kraftvolle Natur. Aber sie zieht dich hinunter, anstatt daß du sie heraufreißt. Woran liegt es, daß du gar keinen Einfluß auf sie hast?“
„Das liegt daran, daß ich sie nicht liebe,“ sagte Mette in einer verärgerten Stimmung, die ihr lange schweigend getragene Gedanken über die Lippen drängte, „und daran, daß sie mich nicht liebt. Glaub’ mir, in jedem großen Einfluß, den ein Mensch auf einen andern ausübt, steckt – ganz unbewußt vielleicht und ganz verborgen – ein Stück Liebe. Ich wenigstens bin sicher nur zu beeinflussen, wenn ich liebe.“
„Du wirst aber beeinflußt,“ Sophie wurde plötzlich sehr ernst, „obgleich du ja nicht liebst, wie du sagst. Du glaubst nicht, wie du dich für einen unbefangenen Beobachter verändert hast! Als wir dich kennenlernten, warst du so kinderjung – selbst wenn du ernst warst oder melancholisch, es war eine so ungebrochene Lebenskraft in dir. Du warst – wie soll ich es nur sagen? – wie eine Flamme, die noch fast bedeckt ist, aber man spürt, daß sie sich durchfressen wird und plötzlich hell und sieghaft auflohen.“
„Und jetzt?“ sagte Mette trübe. „Jetzt glimmt es und schwelt, und die Glut läuft an den Kanten entlang, und manchmal züngelt noch irgendwo ein ganz schwächliches blaues Flämmchen auf, aber man sieht, daß es keinen Atem hat, es wird erlöschen, die Glut wird erlöschen, und es bleibt ein dunkler, kalter, halbverkohlter rauchender Haufen – kein Aschenhaufen, denn der hat ja seinen Zweck erfüllt, der hat sich in Flammen verzehrt und hat Wärme gegeben – oder sonst seinen Zweck erfüllt. Glaub’ mir, ich könnte auch meinen Zweck in der Welt erfüllen, wenn er auch noch so gering ist – es müßte nur einer Feuer in mich hineinwerfen, mich in Flammen setzen – das Material ist ganz gut.“
„Vielleicht,“ lächelte Sophie, „ist jeder Mensch so ein Haufen Brennmaterial – mehr oder weniger gutes. Manche haben die Flamme direkt von Gott – manche haben sie von brennenden Menschen. Aber es kommt auch dann immer noch darauf an, ob das Häuflein am richtigen Platz verbrennt. Es kann einem einzigen Wärme spenden, es kann, in einem Maschinenkessel eingesperrt, Wunder vollbringen und Tausende übers Meer führen – es kann auch wild um sich brennen und Städte und Wälder in Asche legen. Aber, schön ist es immer, wenn’s brennt, und wenn es Pech und Werg und Moorerde ist.“
Mette hob die Achseln – ihr war, als höbe sie eine Last hoch: „Ich bin am Verlöschen, glaub’ mir – und habe mit meiner Kraft keinen erwärmt und kein Rädchen in Bewegung gesetzt – und bin noch nicht einmal ausgebrannt – das ist das schlimmste!“
Sie gingen ein paar Minuten schweigend. Sophie stieß mit der Stockspitze nach Kieseln, die im Wege lagen, als wollte sie sie zersplittern.
Plötzlich warf sie den Kopf hoch.
„Geh’ weg von hier!“ sagte sie zwingend, „pack’ deine Koffer und fahr’ morgen nach Hause!“
„Ich hab’ kein ‚Zuhause‘,“ sagte Mette bitter.
„Dann fahr’ irgendwohin – in eine fremde Stadt, oder in die Berge, oder in ein Bad. Irgendwohin, wo du fremd bist. Such’ dir einen Kreis intelligenter, anregender, aber vor allen Dingen reinlicher Menschen. Ich würde sagen: such’ dir _einen_ Menschen – aber da ist mit Suchen so wenig getan. Es ist ja auch vorgekommen, daß einer auf der Straße eine goldene Uhr oder eine gefüllte Brieftasche gefunden hat – darum wäre es doch recht töricht, auszugehen, um goldene Uhren oder Brieftaschen zu finden. Aber was du hier um dich hast – das sind ja keine Menschen für dich.“
„Und du?“ fragte Mette, „du und Nora, und Eccarius, und Zeeden und Johannes? – Ich hab’ hier ein Dutzend Menschen, die mir wohlwollen, die freundschaftlich für mich empfinden, deren Gesichter mir vertraut sind – ach, du ahnst ja nicht, wie unendlich viel das schon wert ist!“
„Ach, weißt du,“ Sophie lächelte nachdenklich, „man hat überall Freunde, auch wenn man sie nicht kennt. Man kann ihnen ja entgegenfahren, um sie kennenzulernen! Ich mußte einmal nach Marburg an der Lahn – ich kannte keine Seele da und fürchtete mich ein bißchen, wie ich so durch die Nacht fuhr, einer unbekannten Stadt entgegen. Da fiel mir meine Namensschwester ein, Sophie Mereau, nach der sie mich auch immer Sophus nennen – ich hab’ dir ja ihren Briefwechsel mit ihrem verrückten Mann zu lesen gegeben – ich dachte daran, wie sie nach Marburg fuhr, auf der Landstraße im Postwagen noch dazu, und was für Mut dazu gehört haben mag, sich von allen Freunden loszumachen und in ein ungewisses Leben hineinzufahren – in ein Leben mit diesem tollköpfigen, heißblütigen, grüblerischen Seelensadisten, diesem Clemens. Und ich freute mich auf die Stadt – ich wollte die Gassen aufsuchen, durch die sie ihre täglichen Gänge machen mußte, und wollte suchen, was vielleicht damals schon so war und was sich verändert hatte. Du glaubst nicht, wie mich das beruhigte.
Denke dir, du kämest in eine Stadt, in der deine besten Freunde gewohnt haben, von der sie dir immer erzählt haben, vielleicht fändest du sogar ihr Haus, ihre Wohnung noch unverändert – würde es dir fremd vorkommen, auch wenn sie lange gestorben sind? Und eigentlich haben wir doch in jeder deutschen Stadt gute Freunde gehabt. Geh’ nach Weimar – es hört sich sehr lächerlich an, wenn man sagt: ‚um auf Goethes Spuren zu wandeln.‘ Aber da ist kein Weg und kein Platz und kein Park und kein Dorf in der Umgegend, das dir nicht vertraut vorkommt und wo du nicht sagst: aha, das war da! und hier geschah das! Und wenn du durch die Straßen gehst und die Gedächtnistafeln an jedem dritten Haus siehst, dann kommt es dir vor, als wären es Türschilder von guten Bekannten, und wenn du Lust hast, kannst du auch hinaufspringen und durch ihre Wohnräume gehen – du bist bei Goethe ein ebenso gern gesehener Gast wie bei Liszt – nur schade, sie sind gerade nicht zu Hause – es wäre schön, ihnen einmal die Hand zu drücken – aber das ist ja nicht das wesentliche. Wir wissen ja, was sie uns zu sagen haben. Wir nehmen irgendwelche alte Briefe vor, zum Beispiel – ganz gewiß, wenn Goethe noch lebte, würde er uns niemals lesen lassen, was er Lida schrieb – und so kennen wir ihn ja eigentlich viel besser, als wenn wir ihn wirklich gekannt hätten!“
„Wie du mich manchmal an Olga erinnerst,“ sagte Mette kopfschüttelnd.
„Das ist deine Freundin, die gestorben ist?“ fragte Sophie sehr zart, mit Augen, in denen Angst und Trauer stand.
„Ja!“ Mette konnte lächeln. „Sie konnte auch Leute lieben, die hundert Jahre tot sind. Nur daß bei ihr Leidenschaft werden konnte, was bei dir doch immerhin mehr Freundschaft und Verehrung ist. Ich komme mir manchmal sehr klein und sehr tierisch vor – aber mir gibt immer noch eine warme Hand oder ein schlagendes Herz oder ein lebendiger Atem tausendmal mehr das Gefühl menschlicher Nähe, als ein Bild oder ein Buch, aus dem eine ganze Seele mich unverhüllt ansieht. Aber ich gebe zu, daß das ein Manko ist.“ – – –
* * * * *
Die Wege im Wald waren mit Tannennadeln bedeckt. Kleine Quellen, vom schmelzenden Schnee gespeist, suchten sich hastig und rücksichtslos ihre Straße meerwärts und überrieselten in vielfach geteilten, schmalen und breiten Rinnsalen die Fußsteige, um sich in das Bachbett zu stürzen. Gefällte Baumstämme lagen quer über den Weg und wollten umgangen oder überklettert sein.
Nach jedem dritten oder vierten Baum schien ein ebener, weithin sichtbarer, gebahnter Pfad zwischen den geraden Reihen der hohen Fichtenstämme zu laufen. Der Boden war rings umher mit einer ganz gleichmäßigen dicken Schicht abgefallener Nadeln überzogen, die unter jedem Tritt leise knackten und knirschten.
Sophie und Mette schlugen irgendeinen dieser Wege ein, im Gespräch vertieft. Aber sie merkten nach einer Weile, wie unter dem Nadelteppich Moospolster sich hoben, Wurzeln sich streckten. Der Boden wurde unebener, Löcher wechselten mit kleinen Hügelchen.
„Ich finde diesen Weg nicht sehr gepflegt,“ erklärte Sophie lachend, „wollen wir umkehren oder sehen, daß wir hier irgendwo weiter und wieder hinaus kommen?“
„Weiter,“ entschied Mette, „umkehren ist mir gräßlich! Dann hat man alle Unannehmlichkeiten, die man noch in ganz frischer Erinnerung hat, noch einmal zu bestehen und ist schließlich wieder am Ausgangspunkt. Lieber will ich dreimal solange und über dreifach schwierigeres Gelände gehen, aber geradeaus und auf unbekannten Wegen.“
„Das versteh’ ich,“ lachte Sophie, „ich hab’ immer gesagt, das muß das schlimmste am Kinderkriegen sein, daß man es dreiviertel Jahr lang vorher weiß. Nur nicht wissen, was einem bevorsteht. Also – dann: durch!“
Jede Andeutung eines Pfades hatte längst aufgehört. Das Gestrüpp des Heidelbeerkrautes schlug ihnen bis fast an die Knie und ließ kein Plätzchen frei, wohin sie nur den Fuß hätten setzen können, ohne die zähen, holzigen Stiele unter der Sohle zu biegen. Abgebrochene Äste von der Größe junger Bäume, manche noch mit grünen Nadeln bedeckt, die meisten nackte, schwarze, traurige Gerippe, mit grauer Flechte überzogen, reckten sich ihnen entgegen, griffen mit Hakenarmen nach ihren Füßen, ihren Kleidern, als böten sie allen Willen eines lebenden Wesens auf, um sie nicht durchzulassen oder mitgenommen zu werden.
Die Stämme wurden schlanker, traten dichter zusammen. Ihre unteren Äste, zu denen die Sonne niemals durchdringen konnte, waren abgestorben, schwarz und dürr, grau übersponnen, und sie griffen nacheinander, schienen miteinander verwachsen, daß die beiden sich nur mit Mühe durch sie hindurchdrängen konnten oder sich bücken mußten, um unter ihnen wegzukriechen, wobei sie dann doch mit den Köpfen anstießen und im windzerwehten Haar allerlei abgesplitterte Zweigendchen oder trockene Flechte mitrissen.
„Wir sind im Zauberwald,“ flüsterte Mette, „gleich kommt der Herr des Berges, was meinst du – soll es ein Zwerg oder ein Riese sein?“
„Dort liegt das Feenschloß.“ Sophie deutete auf eine Stelle, wo es wie eine goldene Wand durch die Äste schimmerte. „Wenn wir dort sind, sind wir geborgen! Komm, Schwesterchen, gib mir die Hand, wir laufen, was wir können!“
Sie strebten vorwärts, so rasch es ging. Dort hinter den Bäumen stand lichter Himmel, sonnige Weite. Schon traten die Stämme mehr auseinander, an den glatten Rinden spielten Sonnenflecke.
Sie traten wie aus einem Tor ins Freie. Ein Abhang lag zu ihren Füßen, nach Süden gewandt, ganz getränkt und geblendet von Sonnenlicht. Laubbäume standen hier, Buchen und Eichen, und streckten die ganze Pracht ihrer kahlen Kronen wie starkes und zierliches Schmiedewerk gegen den blauen Glanz des Himmels. Im Unterholz aber waren schon ungeduldige Knospen gesprungen und falteten die fein gekrausten, von Frische glänzenden Blättchen auseinander.
Zwischen dem grauen, verwitterten Laub am Boden drängten sich grüne Spitzchen hervor, blaue Leberblümchen und weiße Windröschen hatten die Kelche weit, weit aufgetan, um die kosenden Strahlen einzusaugen.
Ein breiter weißer Weg führte unten vorbei, von jungen Birken gesäumt, deren schleierzartes, hängendes Astwerk besät war mit gelben Blütenbüscheln. Er machte unter dem Abhang eine Biegung und lief ein Stück sanft, fast eben, weiter talwärts. Da, wo man ihn aus den Augen verlor, lag überraschend wie ein köstliches Wunder der glatte Spiegel eines Sees so gleißend im Sonnenlicht, daß er die Augen blendete. Daneben ragten rote Dächer, weißes Mauerwerk – das Ziel.
„Herrgott, ist die Welt schön!“ jauchzte Mette, „oh, Sophus, ich bin dir ja so wahnsinnig dankbar, daß du mir das mal wieder zum Bewußtsein gebracht hast!“