Part 13
Und bereit, zu lügen, mit ruhiger Stirn, mit klarer Stimme, mit kaltem Blut zu lügen, nicht um Vorteil, nicht einmal um Achtung – nur aus Scham, aus tiefster, abgründigster Scham – nur um sich den deckenden Mantel nicht von der nackten Seele zerren zu lassen.
Nur daß Mette Rudloff Gisela Werkenthin nie geliebt hatte ...
Aber manchmal war ihr, als wäre sie jetzt fähig, auch ihre größte und heiligste Liebe zu verleugnen.
Das war, wenn sie vor den Möbius-Mädeln zitterte.
Konnte es nicht sein, daß sie plötzlich Fannis und Emmis rotblonde Köpfe hier irgendwo auftauchen sah? Konnte sie nicht ganz unvorbereitet einer von den beiden gegenüberstehen?
Ja, dann konnte sie sich nicht damit helfen, daß sie sie für wahnsinnig erklärte. An dem gesunden Menschenverstand der Möbius-Mädel würde niemand zweifeln. Und hier schon ganz gewiß niemand ...
Aber was konnten die ihr schon nachweisen! Und immer konnte Mette jedem Angriff durch einen Gegenangriff begegnen. Im Hause Möbius hatte Mette Olga Radó kennen gelernt – ihre „Cousine“ hatten die Mädel sie mit Stolz genannt. Sie brauchte ja nur bei ihnen sich nach ihrer „Verwandten“ zu erkundigen und erstaunt zu fragen, ob es denn wahr wäre, daß Olga Radó tot wäre? Ob sie wirklich sich erschossen hätte?
Nur weinen dürfte sie dabei nicht ...
Und wenn Mette nur daran dachte, daß sie nicht weinen dürfte, dann stürzten ihr die Tränen stromweis über’s Gesicht.
Aber jetzt fing sie allmählich an, ruhiger zu werden. Sie dachte nicht mehr oft an die Möglichkeit irgendwelcher Begegnungen. Mitunter erschienen ihr auch die letzten Jahre ein wenig unwirklich, verschwommen und fast bedeutungslos.
Die Erinnerung an Olga blieb. Aber am stärksten war jetzt die Erinnerung an die erste Zeit ihrer Freundschaft, an die reine Anbetung, die Mette da empfunden hatte, an Olgas geistige Überlegenheit, ihre vollendeten Manieren, die bestrickende Vornehmheit ihrer Erscheinung und ihres Auftretens. Mette dachte seltener an ihre herzverbrennenden Zärtlichkeiten, seltener an die Qual des Abschieds, der nicht einmal ein Abschied zu nennen war – seltener an ihren Tod.
Es war ihr manchmal ein schmerzliches und rührendes Vergnügen, sich auszumalen, daß Olga noch lebte und plötzlich in diesen Kreis einträte. Sie würde unter diesen eleganten, sicheren, gewandten Frauen die eleganteste, sicherste, gewandteste sein – und wenn sie wollte, würde sie es fertig bringen, in einer halben Stunde diese ganze kühle, zurückhaltende und selbstbewußte Gesellschaft zu heller Begeisterung hinzureißen.
Aber je klarer das Bild der lebenden Olga vor ihr aufstand, um so mehr verblaßte die Erinnerung an die letzten Monate. Mitunter schien ihr das ganze wie der Wirbel einer Karnevalsnacht, und sie war der Überzeugung, daß niemand ein Recht hatte, aus dieser Zeit eine Vertraulichkeit herzuleiten – ebensowenig etwa, wie man eine Dame bei nüchternem Tageslicht daran erinnern darf, daß man sie auf dem Faschingsball unter der Larve küßte.
Mette hatte die Larve und den Maskenflitter abgelegt, sie war wieder Melitta Rudloff, und es wäre taktlos gewesen, auf irgendwelche flüchtigen, halbvergessenen Beziehungen anzuspielen.
So sehr war sie Melitta Rudloff, daß sie manchmal Umschau hielt, ob sie nicht jemand ihres Namens wüßte, dem sie sich anschließen, oder den sie zu sich rufen könnte.
So müde war sie der jungen Freiheit.
Oder vielleicht der Gebundenheit.
Denn wenn sie irgendeine ältere Verwandte bei sich gehabt hätte, so hätte sie sich eine Wohnung nehmen und viel mehr nach ihrem Geschmack leben können.
Aber so war es ihr natürlich verboten, allein zu wohnen, ebenso wie sie nicht in einem Hotel absteigen durfte, und ihr von Pensionen, Kaffeehäusern, Restaurants und Theatern, ja selbst Straßen nur eine ganz beschränkte Auswahl erlaubt war.
Manchmal war es ihr lächerlich vorgekommen, wenn man ihr ganz erschrocken sagte: „O Gott nein, da dürfen Sie nicht hin – man sieht, daß Sie hier fremd sind!“
Aber sie hatte sich immer gefügt.
Sie wußte zu gut, daß sie selber Maß und Urteil verloren hatte. Sie hatte eine Zeitlang in trotzigem Selbstgefühl gedacht, daß sie alt und gefestigt genug sei, um sich ohne Schaden jeden Umgang, jedes Buch, jede Art des Lebens erlauben zu können. Sie hatte dann erfahren, daß sie nicht schwimmen konnte in dem trüben strudelnden Wasser, in das sie kopfüber hineingesprungen. Dicht am Ertrinken hatte ihr Stolz sie verlassen, und sie hatte sich willenlos und dankbar von einer festen Hand herausziehen lassen.
Nun hatte sie keine Sicherheit mehr. Sie hatte geglaubt, sich ohne Gefahr ins Meer stürzen zu können – und war jetzt froh, wenn eine kundige Hand ihr das Badewasser bereitete.
Sie geriet manchmal in eine leise Verlegenheit, wenn ein erstaunter Blick sie traf, weil es sich herausstellte, daß sie ein Buch gelesen, ein Theaterstück gesehen hatte, was sonst jungen Mädchen „ihrer Kreise“ streng verboten war.
Sie mußte manchmal einen burschikosen Ausdruck hinunterschlucken, der ihr in den letzten Monaten so geläufig geworden war, daß sie nichts Unpassendes mehr dabei finden konnte.
Manchmal dachte sie fast mit Dankbarkeit an Tante Emilie. Wenigstens hatte sie gelernt, wie man Messer und Gabel zu halten hatte – es wäre schlimm gewesen, wenn sie auch auf solche Dinge noch hätte achten, auch da noch irgendeinen Verstoß hätte fürchten müssen. Aber was die äußere Form betraf, war die „gute Erziehung“ ihr in Fleisch und Blut übergegangen.
Es konnte vorkommen – wenn es ihr zweifelhaft war, ob ein Mädchen aus guter Familie allein in die Oper gehen, oder sich von einem Bekannten, den sie am Vormittag in der Stadt traf, in eine Konditorei zu einem Stück Torte einladen lassen durfte – es konnte vorkommen, daß sie sich in solchen schwierigen Fällen blitzschnell überlegte: was würde Tante Emilie dazu sagen? Und da Tante Emilie so ziemlich alles für unschicklich, verwerflich und sittenlos erklärte, so konnte Mette sicher sein, auch in den Augen der strengsten Richterin einen wohlgefälligen Wandel zu führen.
Sie hatte wahrhaftig schon erwogen, ob es nicht das vernünftigste wäre, Tante Emilie kommen zu lassen. Dann hätte sie das unfehlbare Orakel in Schicklichkeitsfragen gleich zur Hand – sie könnte eine Wohnung mieten, die Möbel kommen lassen, ein Heim haben, Besuch empfangen, kleine Gesellschaften geben – ach, und zu Streitigkeiten irgendwelcher Art lag ja kein Anlaß vor.
Selbst Tante Emilie konnte gegen diesen Verkehr nichts einzuwenden haben.
Mette war zahm geworden – es war etwas anderes, ob man die Welt, die blühende, lachende Welt, immer nur durch das Gitter des Käfigs sah und sich Kopf und Flügel an den Stäben zerstieß, um nur einmal aufzufliegen ... oder ob man abends müde geflogen, ein bißchen zerkratzt und zerrupft, freiwillig in das behagliche Bauer zurückschlüpfte, um geborgen zu sein.
Schließlich, die Tür blieb ja immer offen. Mette war mündig.
Und plötzlich fiel ihr dann wieder ein, daß sie es um kurze Monate zu spät geworden war. Daß Olga Radó noch leben könnte, mit ihr leben, frei von allen Sorgen und Schulden und Ängsten, in einem schönen behaglichen Heim, wie sie es sich gewünscht hatte, daß sie leben könnte und glücklich sein, daß ihr Lachen noch auf der Welt wäre, und ihre glockentönige Stimme, und ihr schönes, stolzes Gesicht und ihre zärtlichen kraftvollen Hände – daß das alles nicht vernichtet zu sein brauchte, zerstört, weggeweht, ausgelöscht – wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre.
Und dann schlug der Haß wieder wie rote Flammen in ihr hoch ...
Die Stimmen vom Tennisplatz kamen näher. Die weißen Kleider schimmerten durch das schwarzrote Laub der Blutbuchen und das goldfarbene des Ahorns. Jetzt bogen die ersten um die Ecke und schritten um das Rosenrondell herum auf die Terrasse zu: Gwendolen und Fred Wietinghoff.
Frau Konsul Peters lächelte ihrer schönen Tochter entgegen. Dies Lächeln zeigt noch mehr von den langen vorstehenden, etwas auseinandergerückten Zähnen, die, mit Plomben aller Art versehen, mit weißen Porzellanflecken geziert, mit haarfeinen Goldleisten umgeben, dieselbe Farbe hatten, wie die großen mattgrauschimmernden Perlen in den schöngeformten Ohren, und den Eindruck von unendlich zerbrechlichen und kostbaren Wesen machten, die um jeden Preis und mit zartester Sorgfalt erhalten werden mußten. Mit andern Zähnen wäre das regelmäßige, etwas welke und hochmütige Gesicht – das unverändert, der wechselnden Mode zum Trotz, von hochstehendem, sorgsam gewellten und sorgsam unter ein Netz gebrachtem dunkelblonden Haar umgeben war, – fast schön zu nennen gewesen.
Sie lächelte stolz und wohlgefällig. Und sie war dazu berechtigt.
Mette war von neuem entzückt, wie Gwendolen die schmalen Füße mit den federnden Gelenken schön und sicher setzte, wie die schlanken, festen Formen sich unter dem weißen Kleid zeichneten, wie das lockige Haar in der Sonne gleißte und flirrte.
Mettes Herz war voll lichter Freude bei diesem Anblick – aber es schlug nicht um einen Schlag schneller.
Ihr Herz war ebenso froh, wenn sie Fred Wietinghoff sah, der neben Gwendolen ging, viel größer als sie, breit in den Schultern, schmal in den Hüften, alle Konturen der Muskeln zeigend unter dem seidenen Hemd. Wenn er so kam, sah er aus wie ein Zwanzigjähriger. Aber wenn das Licht ihm ins Gesicht fiel, sah man auf der klaren, goldbraunen Haut scharf eingeritzte Fältchen um Mund und Augen, und in dem glatten metallblonden Haar ein paar weiße Fäden an den Schläfen.
Aber sie freute sich auch, wenn sie Vandahl sah, der schon von weitem die aufleuchtenden Augen seiner jungen Frau suchte und ihr grüßend zuwinkte.
Und sie freute sich, wenn sie dann hinter den andern Heinrich von Rantzau und den jungen Lucius auftauchen sah, so eifrig in ein Gespräch vertieft, das der Jüngere mit weitausholenden Gesten begleitete, als gingen sie irgendwo über einsames Feld, und nicht auf eine Gesellschaft von Leuten zu, die sie erwartete und beobachtete.
„Kinder, ich verdurste!“ Das war Gwendolens erstes Wort, während sie die letzten Stufen der Terrasse im Sprung nahm.
Sie lief auf den Teewagen zu, der hinter Mette stand, und goß Himbeersaft und eisgekühltes Wasser in ein geschliffenes Glas.
Fred Wietinghoff nahm ihr mit großer Ruhe das Glas aus der Hand, als sie es zum Munde führen wollte und trank es aus.
„Was heißt das?“ fragte sie verdutzt und empört.
„Ich opfere mich mal wieder für Sie,“ sagte er mit unerschütterlichem Gleichmut, „ich habe Sie eben vor einer Lungenentzündung bewahrt. Bitte, wenn Sie Durst haben, trinken Sie Tee. Darf ich Ihnen eine Tasse zurechtmachen?“
„Ich will Wasser trinken!“ Gwendolen stampfte ungeduldig mit dem Fuß, „geben Sie mir die Karaffe, ich verdurste!“
„Sie verdursten noch lange nicht,“ gab Wietinghoff zurück, „Sie haben ein ganz – klein – wenig Durst. Da Sie aber noch nie in Ihrem Leben Durst gelitten haben, so haben Sie gar keine Vergleichsmöglichkeiten. Trinken Sie eine Tasse lauwarmen Tee, das wird Ihnen sehr gut tun.“
„Ich mag aber keinen lauwarmen Tee,“ sagte Gwendolen zwischen Lachen und Ärger. „Ich trinke im Winter heißen Tee und im Sommer kaltes Wasser. Ich will Wasser trinken, und wenn ich eine Lungenentzündung kriege, geht es Sie auch nichts an.“
„Ach Gott,“ machte Wietinghoff bedauernd, „die kleine Siebzehnjährige! So jung sind Sie gar nicht mehr, daß Sie sich damit ‚nüdlich‘ machen könnten. Sie denken sich das wohl sehr romantisch, wenn Sie, erhitzt vom Spiel, in jugendlicher Unbesonnenheit ein Glas eiskaltes Wasser herunterstürzen und dann in der Blüte Ihrer Jahre durch eine Lungenentzündung dahingerafft werden.“ Er saß auf der Lehne eines Korbsessels und schaukelte den einen Fuß im absatzlosen weißen Schuh in der Luft: „Lungenentzündung ist eine gräßliche Schleim- und Spuckangelegenheit – nicht ein bißchen poetisch. Es gibt überhaupt keine poetische Krankheit,“ er reckte sich ein wenig in den Schultern, „nur Gesundheit ist poetisch – aber von einem Säbelhieb bis zum Nervenfieber ist alles prosaisch und ekelhaft und meist mit schlechten Gerüchen verbunden.“
„Oh, Fred, Sie sind widerlich,“ sie drehte ihm den Rücken, „Sie sind absolut nicht salonfähig – ich werde es Ihrer Mutter erzählen.“
„Och, die denkt, Sie verleumden mich!“ er lächelte behaglich und etwas boshaft, „die weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können.“ – – –
* * * * *
Vandahl hatte sich einen Hocker dicht neben den Stuhl seiner jungen Frau gerückt. Mette sah, wie seine großen, gutgeformten Hände verstohlen die Falten ihres Kleides streichelten.
Aus ihren sanften braunen Augen floß fortwährend ein leuchtender Strom von Zärtlichkeit über ihn hin.
Mette hatte ein wenig Angst um sie. Sie sah so glücklich aus, und sie liebte ihren Mann anscheinend so abgöttisch und wurde ebenso abgöttisch wieder geliebt. Wenn sie nur ihre schwere Stunde erst gut überstanden hätte! Der Wunsch brannte in Mettes Herzen wie ein stilles Gebet.
Rantzau und Lucius standen gegen die steinerne Brüstung gelehnt. Mette hörte nur abgerissene Bruchstücke ihres Gesprächs, wenn die andern schwiegen:
„Warum nicht? Die Elektronen, die als sogenannte Kathodenstrahlen abgeschleudert werden, haben eine Geschwindigkeit von zirka einer Viertel Million Kilometersekunden.“
Das war Rantzaus tiefe, ruhige, klangvolle Stimme.
Gwendolen setzte sich auf Mettes Stuhllehne und legte den Arm um ihre Schulter.
„Schützen Sie mich, Mette,“ sagte sie, „alle Menschen ärgern mich und sind scheußlich zu mir. Sie sind der einzige Mensch hier, den ich wirklich lieb habe!“
„Oh, Gwen,“ Mette sah lächelnd zu ihr auf. „Es ist gut, daß Sie heute Abend über keine Brücke mehr gehen.“
Gwendolen machte ein ernstes Gesicht:
„Ich werde einmal jemand umbringen,“ sagte sie, als erzähle sie Märchen, „und werde die Leiche im Keller verscharren und alles wertvolle stehlen und im Wald vergraben. Dann werde ich irgendwohin gehen – aufs Gericht, oder auf die Polizei oder zum Senat und werde alles erzählen. Und dann werden die Leute lachen, oder sie werden mich bedauern und werden sagen: ‚Das arme Kind! Sie hat Fieber, sie phantasiert – das ist Konsul Peters seine Kleine. Krischan, nehmen Sie ein Auto, bringen Sie die lütt’ Deern tu Hus, die Mudder schall se in’t Bett packen, se kriegt die Masern.‘ Und dann bringt mich der Gerichtsdiener oder der Wachtmeister nach Hause, damit mir ja unterwegs kein Malheur passiert ... oh, Mette, haben Sie von den Mürbekuchen gegessen? Die macht Deuli immer so großartig! Dafür lohnt es sich direkt, zu leben. Aber ich habe noch nie genug davon gekriegt. Ich hab’ mir ausbedungen: wenn ich einmal heirate, will ich als Hochzeitsgeschenk von ihr eine Badewanne voll Mürbekuchen haben. Und an meinem Hochzeitstag esse ich von morgens bis abends Mürbekuchen. Essen Sie doch, Mette – ich glaube wirklich, Sie leben von Luft und Liebe.“
„Von Luft vielleicht,“ sagte Wietinghoff sachlich, „soweit ich Ihren Konsum an dem andern eben genannten Volksnahrungsmittel beurteilen kann, würde ich bei Ihrem Jahresquantum nicht eine Woche bestehen.“
Mette gab sich Mühe, seine Worte nicht zu verstehen.
„Ich möchte von Luft leben,“ sie sog die Luft ein, die über den Garten herüberwehte. Trotz des Rosenduftes war sie stark und herbe, und schmeckte ein wenig nach Meer. „Von viel frischer, reiner Luft!“
Mette wartete – schon im Abendkleid – in Gwendolens weißem Zimmer. Sie waren zu einer Tanzgesellschaft geladen, die ziemlich früh ihren Anfang nahm, und Mette sollte im Petersschen Wagen mitfahren – aber Gwendolen hätte um nichts in der Welt ein Rennen versäumt und war noch nicht zurück.
Mette wartete. Es war warm und still und fing an zu dämmern. Das Zimmer war geheizt, aber das Fenster stand offen. Das gab zusammen den Eindruck eines Sommerabends, mehr als den eines Herbstnachmittags.
Mette dachte an den Abend mit einer Freude, die ihr selbst als kindlich erschien. Es war so nett, sich hübsch angezogen in hübschen Räumen zu bewegen, viele Bekannte zu treffen, zu plaudern, zu tanzen und sich ein klein wenig den Hof machen zu lassen. Manchmal dachte sie wie mit einem plötzlichen Aufdämmern des Bewußtseins: ‚Wie lange kann das dauern? Dies plätschernde Treiben kann doch nicht ein Leben ausfüllen? Wann wird der Tag kommen, da mir all dies schal und widerwärtig ist?‘
Aber sie verscheuchte diese Gedanken, wie man halb im Schlaf versucht, das Erwachen zu verscheuchen und einen sanften Traum festzuhalten.
Endlich rollten draußen Räder, und eine Minute später war das ganze Haus voll Leben und Bewegung: Klingeln riefen, das Haustelephon schnarrte, Türen gingen, Schritte wurden laut, unten, oben, auf der Treppe.
Gwendolen riß die Tür auf und stürmte ins Zimmer. Sie hatte für gewöhnlich sehr lebhafte Bewegungen und pflegte öfter zu laufen, zu hüpfen, zu springen, als zu gehen. Das alte Kinderfräulein mit ergrauten Scheiteln folgte ihr mit ausgestreckten Händen, um den weißen Mantel in Empfang zu nehmen, den Gwen von den Schultern zerrte.
„Rasch, rasch, Deuli, umziehen – das hellblaue, nicht das Taft, das Georgette, das mit der Rose – oh, Metti-Betti, mein Armes, sitzen Sie schon lange hier? Aber Sie sind nicht ungeduldig geworden, nein? Ach, Sie werden ja überhaupt niemals ungeduldig! Warum sind Sie nicht mitgekommen! Es war fabelbar, einfach fabelbar! Ich verstehe Sie nicht! Wie kann man sich nichts aus Pferderennen machen?!“
Mette lächelte:
„Vielleicht liegt es daran, weil ich niemals ungeduldig werde! Man darf das eben nicht in aller Geduld abwarten, welcher Gaul nun zuerst am Ziel ankommt! Die Ungeduld ist doch die einzige Würze dieses Vergnügens!“
„Ach, es ist zu herrlich.“ Gwendolen ließ Kleid und Unterrock auf den Boden gleiten und trat mit einem großen Schritt aus den Sachen, die sich hemmend um ihre Füße bauschten. „Wissen Sie, daß ich immer am ganzen Körper vibriere? Die Wettlust – das hat mit dem Geldgewinn gar nichts zu tun. Ich habe auch schon gesetzt,“ sie kauerte sich auf eine Stuhlkante und zog die grauen Halbschuhe von den Füßen, ohne die Bänder zu lösen. „Heimlich natürlich, denn ich darf ja nicht – Mama würde mich – aber dann kann es mir passieren, daß ich mich während des Rennens gar nicht mehr um den Gaul kümmere, den ich gewettet habe, weil mir ein anderes Vieh sympathischer ist.“ Sie schleuderte das batistene Unterleibchen auf einen Stuhl und löste die Schnüre des dünnen weichen Korsetts. „Deuli! Du mußt mir den Tub bringen! Es war so heiß und staubig, ich kann nicht ungewaschen tanzen gehen – sind Sie böse, Metting? Ach, wir kriegen von dem Zimt immer noch genug, auch wenn wir eine Viertelstunde später hinkommen!“ Sie zog die Strümpfe aus, während die Alte die Gummiwanne hinstellte und den Hahn über dem Waschbecken aufdrehte.
„Soll ich solange nach nebenan gehen?“ fragte Mette.
„Ach wo,“ machte Gwendolen leichthin, „finden Sie etwas dabei, wenn ich mich vor Ihnen wasche? Nur kaltes, Deuli, und einen Schuß Lubin hinein! Ja, also, wenn mir ein anderes Pferd sympathischer ist, kümmer’ ich mich den Deubel um das gewettete. Meistens wette ich ja auch nicht – ich such’ mir einfach ein Pferd aus, was mir gefällt.“ Sie löste das Hemd auf den Schultern, ließ es zu Boden fallen, trat in ihrer zierlichen, schimmernden Nacktheit in das große Gummibecken und ließ den rieselnden Schwamm über Gesicht und Nacken, Brust und Arme gleiten. „Huh, kalt, aber schön! Das Wetten ist eigentlich nur Einbildung – weil die meisten Menschen ihr Interesse nur auf etwas konzentrieren können, wenn sie zwanzig Mark dran gewinnen oder verlieren können. Das Tuch, Deuli! Auf das Konzentrieren kommt es nämlich an: Man sitzt auf diesem Pferd, nein, man sitzt in ihm, man peitscht es an, mit jedem Atemzug, mit jedem Gedanken, mit jedem Nerv, vorwärts, vorwärts, vorwärts, man sieht, wie es zittert und schnaubt und schäumt und keucht und nicht nachläßt, immer toller, je näher dem Ende, desto toller – weiter, weiter – oh, man fiebert – und tausend Menschen fiebern mit einem, sie rasen, sie schreien, sie peitschen alle mit ihrem brennenden Blut dieses eine fliegende Etwas vorwärts – vorwärts, bis es durchs Ziel schießt. Ah! Das ist die Erlösung! Die große Entspannung! Man ist ganz erschlagen, ganz müde und ganz selig. Die Knie zittern einem so angenehm – wahrhaftig, nach jedem Rennen zittern mir die Knie. Man hat gerade Zeit, sich zu erholen, dann fängt die nächste Spannung an – ganz sanft, vorbereitend – sich steigernd – bis zur Ekstase. Es läßt sich überhaupt nur mit _etwas_ vergleichen ... wissen Sie nicht, was ich meine?“
Mette schüttelte den Kopf.
„Ach Gott, wie soll ich es dann erklären! Deuli, hör mal weg!“ Die Alte kniete auf dem Boden und zog mit behutsamen Händen die seidenen Strümpfe über die schlanken, festen, weißen Beine. „Wissen Sie nicht, womit man es vergleichen kann? Mit der Liebe natürlich!“
„Mit der Liebe?“ Mette machte ein verständnisloses Gesicht.
Gwendolen stand auf, um die zierlichen ausgeschnittenen Schuhe an den Füßen festzutreten.
„O Gott, Mette, reizen Sie mich nicht! Ich kriege es fertig und spreche es glatt aus – alles! Fragen Sie Deuli – es gibt nichts, was ich nicht über die Lippen bringe! Mädchen, machen Sie doch nicht ein Gesicht, als ob Sie noch an den Osterhasen glaubten! Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten noch nie geliebt?“
Mette schlug tapfer die Augen auf.
„Ich will Ihnen gar nichts erzählen!“ sagte sie ruhig.
„Oh, das war eine schlagfertige Antwort!“ Gwendolen verbeugte sich tief und beschrieb mit der rechten Hand einen großen Bogen vom Herzen durch die Luft, während sie mit der linken an den Korsettschnüren zog. „Mein Kompliment, schöne Dame! Es war eine so nette Abfuhr, daß ich sie mir gern gefallen lasse. Und trotzdem,“ sie trat einen Schritt näher und sah Mette mit einem seltsamen Blick an, „trotzdem,“ sagte sie halblaut, „werden Sie mir noch sehr viel erzählen. Nicht jetzt und nicht hier – später – wenn ich Sie einmal darum bitten werde.“
Mette geriet in eine leichte Verlegenheit:
„Ach Gott, ich habe das überhaupt nur so hingesagt ... warum heißen Sie eigentlich ‚Deuli‘, Fräulein Hellmann?“
Die Alte strahlte auf: „Das hat Fräulein Gwen immer gesagt, wie sie ganz klein war. Sie konnte noch kaum sprechen, da rief sie immerzu ‚Deuli, Deuli‘. Das sollte Fräulein heißen!“
„Das behauptet ihr!“ lachte Gwendolen und schlüpfte in die bereitgehaltene, blaßblaue Seidenwolke, „ich hab’ immerzu ‚greulich, greulich‘ geschrien, wenn ich dich gesehen habe!“ – – –
* * * * *
Mette tanzte. Die sanfte Bewegung, in welcher die Musik die gelösten Glieder führte, tat körperlich wohl. Es tat gut, müde zu werden. Nur wäre es fast besser gewesen, schweigend zu tanzen. Es war ein wenig langweilig, immer auf dieselben Fragen antworten zu müssen – „Gnädiges Fräulein sind wohl noch nicht lange hier?“ „Wie gefällt Ihnen unser Städtchen?“ „Sind gnädiges Fräulein verwandt mit Konsul Peters?“
Dann kam Vandahl und holte sie zum Tanz.
„Gott sei Dank, daß Sie über mich orientiert sind,“ lachte sie.
„Leider bin ich das durchaus nicht,“ entgegnete er ernsthaft.
„Ich brauche aber wenigstens nicht zu informieren, wie lange ich hier bin, und ob ich hier zu bleiben gedenke, und wo ich vorher war!“
„Nein, das ist allerdings das, was mich am wenigsten interessiert – und das, was mich interessiert, beantworten Sie mir ja doch nicht!“
„Oh, bitte,“ sagte Mette höflich verwundert. „Ich glaube nicht, daß ich Ihnen irgendeine Frage unbeantwortet ließe!“
Dabei ging ihr Herz schneller. Was vermutete dieser Mann hinter ihr, daß er neugierige Fragen stellen wollte? Sie hatte heute noch lange, lange ihr Gesicht vorm Spiegel geprüft. Es war glatt und faltenlos, ihr Mund war kühl und etwas herb verschlossen, ihre Augen klar und ruhig. Ihr Kleid war vom ersten Schneider der Stadt und ganz dem soliden Geschmack der besseren Bürger angepaßt. Der beliebteste Friseur hatte ihr Haar so geordnet, wie es in diesem Jahr „die Damen der Gesellschaft“ trugen. Nein, es war nichts, aber auch nichts Auffälliges an ihr.
„Bitte, fragen Sie!“ sagte sie – vielleicht etwas zu liebenswürdig im Ton, weil sie es weder zu herausfordernd, noch zu ängstlich sagen wollte.
„Ich möchte wissen,“ begann er zögernd und tauchte dabei den lächelnden Blick sehr tief in ihre Augen, „was eigentlich der Inhalt dieses schönen Gefäßes ist, das ich hier im Arm halte. Ist es Milch oder Eiswasser oder Sekt, was in Ihren Adern fließt?“
„Sekt doch wohl kaum.“ Mette versuchte, seinen Blick mit sehr gleichgültiger Miene auszuhalten und verzog nur ein wenig spöttisch die Lippen. „Oder finden Sie, daß in meinem Wesen so etwas Überschäumendes ist?“
Er zog sie einen Augenblick so fest an sich, daß ihre Brust die seine berührte.
„Es ist doch Sekt,“ sagte er leise mit zusammengebissenen Zähnen, „er ist nur sehr gut frappiert. Aber wenn er warm wird, sprengt er die Flasche – den Augenblick möcht’ ich einmal erleben!“
„Er wird nicht warm,“ sagte Mette und zog den Mund noch ein wenig mehr, „es wird schon genügend für kalte Duschen gesorgt.“