Chapter 8 of 17 · 3994 words · ~20 min read

Part 8

Aber das eine blieb, und das war: Nora. Man kann sagen, daß es eine fixe Idee von mir war. Weißt du, ich glaube manchmal, niemand weiß, wie tief und echt und ganz verwurzelt solche fixen Ideen in Kinderseelen sein können. Und um sie auszuroden, gibt es nur zweierlei: räumliche Trennung – dann hält die kindliche Treue noch eine ganze Weile an dem geliebten Bild fest – länger, als die mancher Frau und jeden Mannes – oder aber, das viel häufigere: die Urteilskraft wächst, und was ein zwölfjähriges Herz angebetet hat, dessen schämt sich ein vierzehnjähriges bereits – aber wenn durch einen Zufall oder einen Schicksalswillen so eine kindliche Schwärmerei sich an einen Gegenstand klammert, der auch dem reifsten Urteil würdig erscheinen muß, wenn dieser Schwärmerei durch immer neues Zusammensein immer neue Nahrung zugeführt wird, so liegt gar kein Grund vor, daß sie erlischt oder sich abwendet – das ist die vernunftgemäße Erklärung. Die gefühlsmäßige ist, daß dieser Mensch mir bestimmt war, seit Jahrtausenden oder Jahrmillionen, und daß ich ihn erkannt habe, in dem Augenblick, als er mir zuerst gegenübertrat.“

„Und Nora,“ fragte Mette mit zögerndem Zweifel, „hätte sie das dann nicht auch spüren und erkennen müssen?“

Sophie hob die Achseln: „Ich war ein Kind. Vielleicht waren meine Instinkte dadurch noch reiner und kräftiger. Was ist denn überhaupt Instinkt. Die Erinnerung an die Erfahrungen eines vorigen Lebens, die noch nicht überwuchert sind von neuen Eindrücken, noch nicht unterdrückt von der Gegenarbeit des zweifelnden Bewußtseins. – Andererseits aber – wer kann sich zu einem Kinde so hingezogen fühlen, daß er in ihm sein Schicksal zu erkennen glaubt?“

„Und wann hat sie es eingesehen?“ fragte Mette, „ich bin wohl schrecklich lästig, nicht wahr?“

„Nein, du bist sehr lieb. Aber danach mußt du besser sie selbst fragen. Jedenfalls hat sie erst einmal einen sehr schönen Mann geheiratet, den ich mit meinem glühendsten Haß beehrte. Na, er hat ihn ja auch redlich verdient. Aber wir wollen jetzt zu ihr hinaufgehen. Wir haben gar keine Entschuldigung dafür, sie so lange allein zu lassen, wenn wir doch nichts tun. Komm, willst du dich noch einmal kritisch betrachten?“

Sie nahm die Tücher von der Tonbüste.

„Bitte, schau dich an – hast du eine andre Vorstellung von dir gehabt?“

Mette legte den Kopf schräg.

„Eigentlich ja. Es ist seltsam, daß alle Werke immer ihrem Schöpfer gleichen. Es ist so viel von dir darin, daß es direkt ein bißchen äußerliche Ähnlichkeit mit dir hat!“

„Also bist du nicht zufrieden?“

„Ich bin mit mir nicht zufrieden, weil ich nicht so ausseh’. Aber ich will mir Mühe geben, daß ich dem Bild ähnlich werde, das du dir von mir machst. – Nur bei der Nase wird es mir nicht gelingen!“ setzte sie dann lachend hinzu, „die hast du nämlich auch verschönt!“

„Ja? – ach, ich finde nicht! Heut’ abend kommt die Gjellerström – da wirst du einer strengen Kritik unterworfen. Wenn sie dies Ding gut findet, will sie mir auch ein paar Stunden sitzen – und da sie bekanntlich nie eine Minute Zeit hat, muß ich das schon als große Vergünstigung ansehen.“ Sophie warf einen plötzlichen scharfen Seitenblick auf Mette und griff nach dem Modellierholz. „Halt mal still einen Augenblick – du hast nämlich recht mit der Nase – da stimmt etwas nicht!“

Mette hielt ihr die Hand fest:

„Ach nein, laß nur! Laß mich nur noch so schön, bis die strenge Kritik vorüber ist! Vielleicht mach’ ich auf diese Weise Eindruck!“

„Du auch, mein Sohn Brutus?“ lachte Sophie, „armes Kind! Mein herzlichstes Beileid!“

„Ja, nicht wahr?“ Mette lachte auch. „Ich würde mir selber leid tun – darum tanz ich lieber nicht mit in dem Reigen um die göttliche Fiametta!“

„Ich auch nicht!“ Sophie legte die Tücher wieder um die Büste. „Weißt du,“ sagte sie nach einem sinnenden Schweigen, „manchmal hab’ ich das Gefühl, als hätte ich Noras Unglück verschuldet mit meinen wahnsinnigen Wünschen. Es war doch mein einziges Gebet, daß ihr etwas Furchtbares passieren sollte, damit ich sie retten könnte. Ich hab’ mir immer solche Sachen ausgemalt, jeden Abend, wenn ich im Bett lag.

Zum Beispiel, daß sie bei uns auf der Treppe ein Bein brechen möchte, und dann sechs Wochen bei uns liegen müßte, und ich hätte sie dann ganz für mich und dürfte sie pflegen und immer um sie sein. Und später noch, wenn ich hinter der Gardine am Fenster stand, um sie mit ihrem Mann vorbeireiten zu sehen, dann wollt’ ich mit meinen Gedanken das Pferd zum Durchgehen zwingen – ich spähte schon immer, ob ich es nicht heranjagen sah – dann wollt’ ich mich ihm entgegenstürzen und ihm in die Zügel fallen und sie vom Tode erretten. Oder ich malte mir aus, sie würde stürzen, oder verbrennen, oder die Blattern bekommen, und ihre Schönheit verlieren. Dann würde Herr von Hersfeld sie verstoßen, und kein Mensch würde sie mehr ansehen mögen – und dann wäre ich da – nur noch ich!

Wenn ich jetzt einmal nach Hause komm’ und die alten Wege gehe – namentlich hinüber nach Hersfelde zu, dann hab’ ich so deutlich das Gefühl, mit dem ich damals da ging: jetzt bei der nächsten Biegung müßte ich Nora finden, irgendwo am Wegrand sitzend, weinend, verlassen, verzweifelt. Und dann würde ich sie trösten und mit mir nehmen und immer bei mir behalten. Vielleicht kam es auch daher, weil man in der Gegend schon damals munkelte, wie unglücklich sie sei. – Meistens machten mir die Äußerlichkeiten gar keine Schwierigkeiten – wenn ich an den Punkt kam: wo gehe ich nun aber mit Nora hin, wenn ich sie finde, und sie will bei mir bleiben? Dann dachte ich mir eben: ich habe ein Häuschen im Wald, oder die und die hübsche Villa am See gehört mir, oder mein Auto steht bereit, und wir fahren in die Stadt, wo ich mein Atelier habe – denn ein Atelier hatte ich damals schon in meinen Träumen. Und eine sehr große und berühmte Künstlerin war ich immer nebenbei. Komm, wir gehen hinauf.“

Sie hatte unterdessen ein wenig Ordnung gemacht – ‚für Fiametta‘, wie Mette bei sich dachte – und schob ihren Arm in Mettes.

„Manchmal hatte ich auch realere Pläne – Gott sei Dank, daß daraus nichts wurde!“

Sie schritten schon die Treppe hinauf: „Weißt du, was ich wollte?“ Sophie stieß ein leises spöttisches Lachen durch die Nase. „Ich wollte Hersfeld verführen! Damals war ich aber schon, was man so erwachsen nennt. Ich ging auf Tanzgesellschaften und saß stundenlang vorm Spiegel, um mich schön zu machen. Weil ich Hersfeld verführen wollte!“ Sie schüttelte den Kopf. „Verrückte Idee! Ich wollte dann vor Nora hintreten und ihr die Beweise bringen: siehst du, so ein Schurke ist der Mann, den du liebst! Verlaß ihn und komm mit mir! Aber als ich ihn dann soweit gebracht hatte, daß er mich einmal in einem halbdunklen Wintergarten küssen wollte – nebenbei war es nicht schwer, ihn soweit zu bringen – da packte mich das Entsetzen so, daß ich ihn wegstieß.“

„Hast du das Nora auch gebeichtet?“ fragte Mette lächelnd.

Auch Sophie lächelte, ein trübes Lächeln: „Ach Gott, da hatte Nora mich schon nicht mehr nötig, um zu erfahren, was er für ein Schuft war. Da wußte sie’s längst ... Jetzt trinken wir Tee – aber ausgiebig, ich hab’ einen Mordshunger.“

So hübsch lag das helle warme Zimmer da, mit dem einladend gedeckten Tisch. So schön sah Nora aus mit dem königlich getragenen, im Lampenschein goldschimmernden Haupt über den weißen Gewändern. Und es war wohltuend, zu sehen, wie ihre Augen Sophien erwarteten und ihr entgegenleuchteten. Wohltuend zu sehen, wie Sophie diesen erwartenden Augen entgegeneilte, wie sie sich beugte, um die Kissen bequemer zu rücken, die Decke zurecht zu ziehen.

Aber es tat auch ein bißchen weh, diese beiden Menschen zu beobachten, die mit so viel Liebe und Fürsorge aneinander hingen, und die sich so genug waren, daß jeder Dritte sich überflüssig vorkam, so herzlich er auch aufgenommen wurde.

Man kam sich jedesmal so grenzenlos allein vor ...

„Mettelchen!“ sagte Nora, als ob sie ein Kind bedauerte, „du ißt mich nich, du trinkst mich nich, du bist mich doch nich krank?! Ich habe dir schon dreimal Indianerkrapfen angeboten, und du reagierst nicht?! Du bist doch sonst nicht so?!“

„Sie hat heut’ ihren melancholischen,“ neckte Sophie, „ich hab’ ihr zum Trost schon meine ganze Lebensgeschichte erzählt, aber es hat nicht verfangen.“

„Nein,“ sagte Mette eigensinnig, „es war mir auch gar kein Trost. Denn das Traurige ist, daß ich nicht einmal weiß, was ich will. Du hast gewollt und hast schließlich erreicht, was du gewollt hast ...“

„Ja, mit ein paar unbedeutenden Modifikationen,“ meinte Sophie, ohne jede Bitterkeit, „denn eigentlich wollte ich eine berühmte Bildhauerin werden und kein besserer Steinmetz. Aber das macht wirklich nicht viel aus.“ Während sie sprach, horchte sie nach den Geräuschen – Klingeln, Stimmen, Schritte – an der Außentür.

„Da kommt die Gisel, vielleicht ist dir das ein Trost. Vielleicht richtest du dein Wollen auf die, ich glaube, sie hat ein großes ^faible^ für dich – es wäre deinerseits keine starke Anstrengung vonnöten!“

„O Sophie,“ sagte Nora, halb erzürnt und halb erschrocken, „wie kannst du nur so etwas daherreden! Du bist wirklich ganz frivol! Red’ dem Kind so etwas ein – sie kommt noch auf dumme Gedanken – ich will gar nichts gegen die Gisel sagen – aber das ist doch kein Mensch, der zu unserer kleinen Mette paßt!“

‚Das weiß ich selber am besten,‘ dachte Mette trotzig und trübselig.

Das Mädchen ließ Gisela eintreten, die alle drei in einer flüchtigen Art und ohne zu lächeln begrüßte.

Sie setzte sich neben Mette, aber ein Stück entfernt vom Tisch, als wollte sie damit zeigen, daß sie nicht die Absicht hatte, die ihr hingesetzte Tasse Tee zu berühren und hielt beide Hände in ihrem großen Pelzmuff vergraben.

Nach einigen Minuten allgemeiner Redensarten wandte sie sich halblaut an Mette:

„Ich komme aus deiner Pension – ich wollte zu dir, aber du warst nicht da – auch kein Zettel, keine Nachricht, wo du wärest.“

„Ich wußte ja gar nicht, daß du kommen wolltest!“ sagte Mette erstaunt.

„Wenn mir nicht zufällig Herr Giesbert auf dem Korridor begegnet wäre,“ fuhr Gisela fort, „dann könnte ich die Stadt durchirren, um dich zu suchen.“

„Merkwürdig,“ sagte Mette laut und mit einem erzwungenen Lachen, „woher wußte denn Giesbert, wo ich bin?“

„Doch wahrscheinlich von dir,“ Gisela zog die feingezeichneten Brauen sehr hoch, „von mir jedenfalls nicht! Ich hab’ mich ja auch darüber gewundert.“

„Na, jedenfalls hast du mich ja jetzt gefunden.“ Mette nickte ihr zu mit einem herzlichen, aber etwas angestrengten Lächeln. „Das ist ja die Hauptsache. Lag irgend etwas Besonderes vor, daß du mich sprechen wolltest?“

„Etwas Besonderes – nein, denn daß ich mich vor dem Alleinsein fürchte, weil ich denke, ich werde verrückt, das ist ja das alltägliche.“ – – –

* * * * *

Die Unterhaltung schleppte sich gezwungen fort.

Bei der nächsten Gelegenheit rief Sophie Mette ins Nebenzimmer:

„Was soll ich nur tun!“ klagte sie halblaut, „ich bin ganz verzweifelt. Du mußt mir helfen, Mettekind! Du mußt mir irgendwie mit List oder Gewalt die Gisel wegbringen! Es ist zu blöd – ich kann mich so maßlos ärgern. Ich hatte mich so gefreut, dich heut’ Abend hier zu behalten – aber die Gjellerström kehrt mir ja in der Türe um, wenn sie die Gisel sieht! Ach, schrecklich, daß die Menschen sich und andern das Leben immer noch unnütz komplizieren müssen! Es ist gerade kompliziert genug, wenn man weiter nichts tun will, als es erhalten.“

Mette versprach mit freundlichster Bereitwilligkeit, zu gehen und Gisela zum Mitkommen aufzufordern.

„Ach, sie geht schon von selbst,“ meinte Sophie leichthin, „sie ist ja nur deinetwegen gekommen – uns beehrt sie schon lange nicht mehr!“ – – –

* * * * *

Mette war froh, als sie auf der Straße stand. Der scharfe Ostwind, der ihr einen nadelscharfen, mit Eiskörnern gemischten Regen ins Gesicht trieb, war ihr gerade recht. Sie ging so schnell vorwärts, daß Gisela kaum an ihrer Seite bleiben konnte.

Ihr war, als ob ihr von allen Seiten brennende Schmach angetan worden wäre, und als ob sie sich rächen könnte, indem sie sich selbst peinigte und durch den dunklen, kalten Abend lief.

‚Ich bin fremd und ruhelos überall,‘ dachte sie mit selbstquälerischer Bitterkeit, ‚ich habe keine Heimat, kein Haus und keine Freunde. Wohin gehöre ich? Zu Gisela Werkenthin vielleicht? Ich weiß nichts von Zusammengehörigkeit. Aber die anderen wissen davon. Und sie setzen mich deswegen auf die Straße. Wohin gehöre ich? Zu Olga. Also ins Grab. Wenn ich wenigstens in ihrer Nähe liegen könnte. Aber ich habe das Gefühl, wenn ich mir jetzt die Kugel durch die Schläfe jage, verliere ich mich im grenzenlosen Raum. Oh, meine arme kleine einsame Seele wird so frieren und zittern in der unendlichen Unendlichkeit.‘

„Woran denkst du,“ fragte Gisela in einem fast neiderfüllten Ton.

„Ich weiß nicht.“ Mette hob die Achseln. „Vielleicht an das, woran Hamlet im dritten Akt denkt: ^to be or not to be^ ...“

„Das ist keine ^question^ mehr für mich!“ sagte Gisela mit höhnischer Bitterkeit, „^not to be^ ist zehntausendmal besser! Wenn ich nur wüßte, wie man es am besten bewerkstelligt. Morphium bin ich schon so gewöhnt – es gibt gar kein Quantum mehr, das ich nicht vertrüge! Ins Wasser mag ich nicht gehen, weil es dann doch einen Kampf gibt, weil sich der tierische Lebenswille gegen den Intellekt aufbäumt – ich will keine Zeit mehr zu Kampf und Reue haben, und ich will vor allen Dingen nicht noch einmal mein ganzes Leben vorüberziehen sehen, wie einem das ja in den letzten Augenblicken passieren soll. Ich danke dafür. Eine Revolverkugel wär’ schon das beste.“

„Ja,“ sagte Mette trocken, „soweit war ich auch gerade! Oder vielmehr, ich war schon weiter. Ich sah meine arme Seele schon irgendwo im Weltenraum zwischen den kalten Sternen umherirren und sich eine Heimat suchen.“

„Glaubst du wirklich an so etwas wie eine Seele?“ Gisela lachte spöttisch. „Vielleicht auch an den lieben Gott und Hölle und Himmelreich? Schlaf, lieber Hamlet, Schlaf, und ohne Träume, garantiert!“

„Und dann?“ fragte Mette trostlos, „dann ist alles umsonst gewesen? Alle Qual und alles Wissen und alle Erfahrung und alles Streben – alles umsonst? Dir ist noch kein Mensch gestorben, sonst könntest du nicht so reden.“

„Laß mir den Trost,“ bat Gisela, „laß mir wenigstens den einen Trost, daß ich jeden Moment Ruhe haben kann, wenn ich will – ewige Ruhe.“

Sie gingen wieder eine ganze Weile in einem schweren und etwas verdrossenen Schweigen.

„Willst du mit hinaufkommen?“ fragte Mette, als sie vor der Haustür standen.

„Du fragst aus Höflichkeit, aber im Grunde paßt es dir nicht.“

Das wollte Mette sich selbst nicht eingestehen. Sie griff nach Giselas Hand.

„Komm doch,“ sagte sie herzlich, „du wolltest doch sowieso zu mir – jetzt _bin_ ich doch zu Hause. Und laß den Unsinn – ich bin schon nicht höflich! Davor brauchst du keine Angst zu haben!“

Die Wärme des Zimmers empfing sie wie mit ausgebreiteten Armen.

Gisela setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. Als Mette nach der Klingel gehen wollte, sagte sie hastig:

„Ach, laß doch! Was willst du denn?“

Mette stand unschlüssig: „Dem Mädchen klingeln, um Tee für uns zu bestellen. Man ist doch so durchgefroren. Magst du nicht?“

„Nein, bitte nicht! Dann kommt sie jetzt und fragt, dann sitzt man zehn Minuten in der Erwartung, daß sie den Tee bringt, dann kommt sie nach zehn Minuten wieder, um das Geschirr zu holen – ich kenn’ das; es ist eine ewige Unruhe.“

„Schön, wie du willst.“ Mette warf Hut und Mantel auf einen Stuhl und setzte sich. Die lichte Wärme des vertrauten Zimmers hatte sofort ein heimeliges Behagen in ihr wachgerufen. Sie hätte nun gern die schweren, nassen Stiefel von den Füßen gezogen und es sich bei einer Tasse Tee recht bequem gemacht. Aber auch das Stiefelausziehen würde wohl zuviel Unruhe machen. Sie unterdrückte einen Seufzer und schickte sich.

„Ich glaube, ich habe schon einmal die dumme Frage gestellt,“ fing sie nach einer Weile vorsichtig an, „hattest du mir irgend etwas besonderes zu sagen, daß du mich so gesucht hast?“

„Besonderes? – nein!“ klang die gedehnte Antwort. „Ich hatte nur Angst, allein zu sein – ich fürchte mich nicht vorm Tode – aber vor einem Selbstmordversuch mit untauglichen Mitteln. Ich möchte mich nicht in einem plötzlichen Lebensüberdruß aus dem ersten Stockwerk stürzen oder mich unter einen lahmen Omnibus werfen, bloß um mir vielleicht die Beine zu zerschmettern und als Krüppel durch die Welt zu kriechen. Nein, sich möchte mein Leben erhalten, bis ich genügend Vorbereitungen getroffen habe, um es anständig, rasch und gründlich zu erledigen. Und darum habe ich nach irgendeinem Menschen gesucht, an den ich mich solange hätte klammern können – aber du warst ja nicht da!“

‚Trotzdem ist dir ja nichts passiert,‘ lag es Mette auf der Zunge. Sie unterdrückte es und schalt sich selbst unglaublich roh und herzlos.

Gisela hockte auf dem Stuhl in der Haltung eines kranken Äffchens. Ihr kleines Gesicht mit den übergroßen Augen sah welk und fahl und wie zerknittert aus.

„Ich weiß nicht, warum du sterben willst,“ sagte Mette mit einem Versuch zu trösten, der keine Kraft hatte, weil sie sich seiner Nutzlosigkeit schon von Anfang an bewußt war. „Es geht dir nicht schlechter als tausend anderen Leuten, und es geht dir besser, als es dir schon ergangen ist. Es geht dir gesundheitlich besser ...“

„Sag’ nur noch wie Frau Breslauer: Sie haben doch jetzt ein gutes Auskommen,“ unterbrach Gisela scharf. „Weil ich mich sattessen kann und mir außerdem noch seidene Strümpfe kaufen, habe ich die Verpflichtung, glücklich zu sein und dem lieben Gott zu danken!“

„Vielleicht hätte man die Verpflichtung,“ sagte Mette, zum Widerspruch gereizt, „vielleicht ist es das schwerste, zu hungern und zu frieren – vielleicht schwerer als alles Liebesleid und alle Sehnsuchtsqual – was wissen wir denn davon?“

„Wenn du das sagen kannst,“ Gisela verzerrte höhnisch den Mund, „dann hast du noch nie eine seelische Qual empfunden. Jede körperliche Krankheit ist doch geradezu eine Erlösung, weil sie einen ein bißchen ablenkt von dieser Verzweiflung, die einen wie mit stumpfen Zähnen zernagt oder wie mit einem stumpfen Messer zersägt. Man sehnt sich direkt nach einem scharfen, schneidenden Schmerz.“

„Ich kann dir ja auch nicht helfen,“ sagte Mette bedrückt.

„Nein, du kannst mir auch nicht helfen. Erstens liebst du mich nicht ...“

Mette nahm einen kraftlosen Anlauf, um zu widersprechen. Aber Gisela schnitt ihr mit einer Bewegung das Wort ab:

„Sag’ nicht das Gegenteil – bemüh’ dich nicht. Ich liebe dich ja im Grunde auch nicht – ich liebe überhaupt nicht mehr, glaube ich.“

„Dann weiß ich erst recht nicht, was du für Ursache hast, verzweifelt zu sein,“ sagte Mette ratlos und ein wenig ungeduldig.

„Ich weiß es auch nicht. Vielleicht die, daß ich so unlöslich an mich gekettet bin. Daß ich aus meiner eigenen Haut nicht heraus kann. Daß ich sogar noch in ihr begraben werden muß. Aber es ist natürlich unverantwortlich, daß ich auch noch andern Menschen zur Last falle. Ich sollte mich irgendwo in einen Winkel verkriechen und sehen, wie ich mit mir allein fertig werde, und krepieren, wenn ich nicht fertig werde. Schade wär’s weiter nicht um mich.“

Aus den weit offenen Augen rannen langsam Tropfen über das weiße abgezehrte Gesicht. Aber sie nahm die Hände nicht aus dem Muff, um die Tränen abzutrocknen. Sie ließ sie rinnen, als fühlte sie sie nicht.

Mette ging das Mitleid wie ein heißer Strom übers Herz. Im nächsten Augenblick kniete sie vor dem Stuhl und umschlang mit beiden Armen die kinderschmale Gestalt.

„Wein’ nicht,“ bat sie, „wein’ doch nicht, Kleines, Geliebtes! Du hast mich doch, und wir sind doch zusammen, du bist doch nicht allein auf der Welt – wenn du mich auch nicht liebst, ich bin doch da für dich, und ich bleibe bei dir, und ich tue für dich, was ich tun kann. Sei doch ruhig, mein Herzblatt, mein Armes!“

Das lautlose Weinen ging in verzweifeltes Schluchzen über. Der ganze zarte Körper bäumte sich und zuckte wie in Krämpfen. Mette nahm ihr behutsam den Muff aus den Händen, den Hut vom Kopf, hob sie auf beide Arme und trug sie nach dem Diwan. Sie bettete sie, deckte sie zu und legte sich neben sie, um dem unruhigen Körper Ruhe und Wärme zu geben.

Das Weinen wurde leiser, müder, es kam nur noch von Zeit zu Zeit ein stoßweises Aufschluchzen, wie bei einem erschöpften Kinde. Unter Mettes streichelnden Händen und geflüsterten Trostworten schlief Gisela ein. Sie hatte sich an Mettes Schulter festgenestelt und atmete tief und ruhig.

Mette lag regungslos, um sie nicht zu wecken. Aber sie starrte mit wachen, brennenden Augen in das Helldunkel des Zimmers, und das Herz flatterte in ihrer Brust wie ein angeschossener Vogel.

„Rudlöffchen,“ rief Giesbert am andern Mittag von seinem Tisch aus zu Mette hinüber, „was hatte denn Ihre Freundin gestern? Sie hat Sie gesucht wie – wie – eine Stecknadel ist kein passender Vergleich für Sie – also wie das verlorene Paradies!“

„Ich weiß nicht,“ sagte Mette gleichgültig – sie mußte sich zu einem ruhig-freundlichen Ton zwingen, weil schon dieses Angerufenwerden ihr entsetzlich war – „meinen Sie Fräulein Werkenthin? Sie wollte mich wohl besuchen. Sie haben sie getroffen, nicht wahr?“

„Ja, ich dachte wunder was los wär’. Sie war so schrecklich aufgeregt.“

„Ach Gott,“ meinte die kleine Luigi spöttisch, „die gute Gisela ist immer aufgeregt. Da braucht doch weiter gar nichts los zu sein!“

In Mette kämpften Scham und Empörung. Sie hätte nun wohl die Frau, die man ihre Freundin nannte, gegen eine abfällige Bemerkung verteidigen müssen. Aber es war gerade schlimm genug, daß man Gisela Werkenthin so allgemein als ihre Freundin bezeichnete. Sie – Mette – hatte niemals durch ihr Benehmen irgend jemand das Recht dazu gegeben.

Außerdem hatte Mara Luigi recht. Und einen Menschen, über den diese kleine freche Person so zu urteilen sich erlaubte, einen solchen Menschen mußte Mette „Ihre Freundin“ nennen lassen.

Sie schwieg. Aber sie war unzufrieden mit sich selbst.

„Sie saßen bei Sophus?“ fragte Giesbert weiter, „eine wundervolle Alliteration! Sie saßen bei Sophus zur Sitzung – sie haute, den Hammer in Händen, Ihr Haupt – Kramer, ich schenke Ihnen diesen Anfang für ein Epos!“

Eccarius, der Mette zunächst saß, fragte jetzt – da das Gespräch nach der andern Seite weitergeführt wurde:

„Gehen Sie heute wieder hin?“

„Ja, diese Woche alle Tage – weil Sophie jetzt gerade Zeit hat – oder wenigstens nicht viel dringende Arbeiten.“

„Sie gehen gleich nach dem Essen?“

„Ja, weil Nora dann schläft – sonst läßt Sophie sie nicht gern allein, um ‚zu ihrem Vergnügen‘ zu arbeiten.“

„Sie müssen verzeihen, wenn es so klingt, als ob ich Sie ausfrage! Aber es geschieht nicht aus müßiger Neugier ... ich wollte fragen, ob es Ihnen recht wäre, wenn ich Sie heute hinausbegleite – ich hatte schon längst die Absicht, meine Freundinnen einmal wieder aufzusuchen.“ – – –

* * * * *

Mette und Eccarius schritten durch die vor Kälte hallenden Straßen, die mit einem dünnen Reif überflogen waren.

„Haben Sie sich gewundert,“ sagte Eccarius, „daß ich bei Tisch so ostentativ von meinen Freundinnen sprach? Ich hatte nämlich einen kleinen Disput mit Fräulein Peters. Fräulein Peters ist eine ganz prachtvolle Person, aber ein bißchen streng in ihrem Urteil. Oder vielleicht noch besser gesagt: ein bißchen beschränkt in ihrer Auffassung. Was sie nicht versteht, das wirft sie alles zusammen in einen Topf und verdammt es. Und zu dem, was ihr unverständlich ist, gehört natürlich auch eine Freundschaft wie die zwischen Fräulein Degebrodt und Frau von Hersfeld. Sie warf da gleich mit Worten wie ‚anormal‘ und ‚pervers‘ und ‚widernatürlich‘ um sich und meinte, es wäre kein Verkehr für Sie!“

„Für mich?“ fragte Mette sehr erstaunt, „wie sind Sie denn auf mich gekommen?“

„Offen gestanden – von Ihnen sind wir ausgegangen,“ erklärte Eccarius mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln. „Ja, ja, man weiß selber nie, wie wichtig man andern ist, und was man für ‚interessanten Gesprächsstoff‘ liefert. Ernstlich – man kennt seine Feinde nicht und weiß nicht, wer einem was am Zeuge zu flicken trachtet – aber man kennt auch seine Freunde nicht und weiß nicht, wer um sein Wohl und Wehe besorgt ist.