Part 7
Gisela wandte den Kopf ein wenig nach der Seite, mit einer unbeherrschten und fast ungeduldigen Bewegung. Der Schein einer Straßenlaterne fiel auf ihr Gesicht, das elend und traurig und fast verfallen aussah.
‚Vielleicht würde es ihr Freude machen, wenn ich sie küßte,‘ dachte Mette, ‚es ist traurig genug, aber ich tue niemandem weh damit.‘
Sie beugte sich ein wenig, mit einem kleinen, verlegenen Lächeln, und legte ihren Mund auf Giselas Lippen.
Sie fühlte diese Lippen unter ihrem Mund aufzucken und aufblühen, scharfe Zähne drängten sich knirschend gegen die ihren, preßten sich in ihre Lippen.
Eine schmale Hand klammerte sich um ihr Genick, wühlte sich in ihr Haar, gab sie nicht wieder frei.
Als Mette sich aufrichtete, war ihr ein wenig taumelig.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie traurig, ‚vielleicht liebt sie mich, und ich liebe sie nicht.‘
„Gute Nacht,“ sagte sie und legte einen Augenblick die Hand zärtlich und behutsam gegen Giselas Wange. Ihr war, als spräche sie zu einem Kinde:
„Schlafen Sie recht, recht wohl!“
Mette wollte sich auf ihren Diwan legen.
Sie hatte trotz der frühen Nachmittagsstunde die Lampe angedreht und die Vorhänge fest zugezogen, um nicht zu sehen, wie der unermüdliche Herbstregen an den grauen Hofwänden entlang troff und rieselte.
Sie hatte Kissen und Decken auf den Diwan gehäuft, einen Stuhl in erreichbare Nähe gerückt, auf dem sie einen ganzen Stoß Bücher aufschichtete – der Nachmittag war lang, und sie würde keine Lust haben, aufzustehen ... sie würde auch keine Lust haben, stunden- und stundenlang sich in _ein_ Buch zu vertiefen. Sie trug ein halb Dutzend Bücher zusammen, mit dem genießenden Vorgeschmack, mit dem ein Feinschmecker sich ein erlesenes Mahl zusammenstellt:
Novellen von Herman Bang, Gedichte von Rainer Maria Rilke, einen Band Dickens – ja, nach Dickens war ihr ganz besonders zumute – dann wollte sie ein klein wenig Spanisch treiben, in dem bilderreichen Werk über das Rokoko blättern, ein paar Briefe des Clemens Brentano an Sophie Mereau lesen. Nein, nicht den Dostojewski, der einen so ganz gefangen nahm, daß man tage- und wochenlang nicht von ihm loskam – und auch nicht die „^Antikrists mirakler^“ – da mußte sie zu oft nach dem Wörterbuch greifen, um einen Genuß zu haben.
Auf den kleinen, glasbedeckten Tisch am Kopfende stellte sie Zigaretten, Schokolade und eine Vase mit ein paar blaßrosa, süßduftenden Nelken, die sie sich heute in der Stadt gekauft hatte.
Als sie sich eben hingelegt hatte, eine leichte Decke über die Füße gezogen und nach dem obersten Buch griff, klopfte es an die Tür.
Einen Augenblick dachte sie ärgerlich: ‚Warum habe ich nicht abgeschlossen, dann würd’ ich mich jetzt nicht rühren – da könnte, wer wollte, an der Tür rütteln.‘
Aber als auf ihr „Herein“ Gisela die Tür öffnete, freute sie sich doch.
„Oh, wie hübsch haben Sie es hier!“ rief Gisela, ehe sie noch guten Tag sagte. „Nein, ich bitte Sie um Gottes willen, springen Sie nicht auf, sonst lauf ich gleich wieder hinaus. Sie haben sich’s da so nett bequem gemacht, nun dürfen Sie sich bitte nicht von mir aus Ihrer Ruhe aufjagen lassen. Ich wollte zu der kleinen Luigi, aber sie ist nicht da, und da wollt’ ich mir eigentlich nur mal Ihr Zimmer anschauen. Jessas, ist das aufg’räumt bei Ihnen – so sieht meine Bude nicht an hohen Feiertagen aus!“
„Wenn Sie wollen, daß ich nicht aufstehe,“ sagte Mette lächelnd – sie saß auf einen Ellbogen gestützt, einen Fuß angezogen, die zurückgeschlagene Decke in der Hand, immer noch im Begriff aufzuspringen – „dann müssen Sie schon hierher kommen – sonst muß ich Licht anmachen und Sie feierlich in einen Sessel nötigen.“
„Nein, nein, ich komm’ schon,“ Gisela lief nach dem Diwan, drückte Mette auf das Kissen zurück und zog ihr die Decke bis unters Kinn.
„So, meine Schöne, wollten Sie schlafen? Soll ich Sie in den Schlaf singen und mich dann auf den Zehenspitzen hinausschleichen? Schlaf, Kindchen, schlaf!“ Sie stützte sich mit einem Knie auf den Diwan, faßte Mette an beiden Schultern und wiegte sie leise hin und her.
Mette empfand ein leises und nicht unangenehmes Schwindelgefühl. Sie griff nach den beiden Händen, die auf ihren Schultern lagen, und hielt sie fest.
„Lassen Sie das,“ sagte sie mit geschlossenen Augen, „mir wird schwindlig.“
Sie fühlte, daß die schaukelnde Bewegung aufhörte, aber zugleich fühlte sie einen leichten Atem über ihre Stirn streifen und einen weichen Mund sehr leise, sehr zärtlich über ihre Schläfen, ihre Wangen, ihre Augenlider gleiten.
Es war wohltuend, aber sie wehrte sich gegen das Angenehme dieser Empfindung.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie trotzig, ‚ich habe mich nie nach ihrem Mund gesehnt – so kann einem Tier zumute sein, wenn es gestreichelt wird.‘
Der weiche Mund ließ ab von ihrem Gesicht, und Gisela kauerte sich auf dem Diwan nieder.
Ohne jeden Übergang deutete sie auf die Blumen und fragte:
„Von wem haben Sie die schönen Nelken?“
Mette drehte ein wenig den Kopf, um der Bewegung mit den Augen zu folgen.
„Von mir,“ lächelte sie.
„Was heißt das?“
„Was das heißt? Ich habe sie mir heute morgen selbst gekauft!“
„Seltsam!“ Gisela schüttelte den Kopf. „Erwarten Sie Besuch?“
„Nein, warum denn?“
„Weil das für mich der einzig mögliche Grund wäre, um mir Blumen zu kaufen und aufs Zimmer zu stellen!“
„Ich habe sie mir gerade gekauft, weil ich dachte, allein zu sein.“
„Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht sagen: weil ich hoffte ...“
Mette lächelte: „Also, weil ich fürchtete, allein zu sein!“
„Das ist eine höfliche Lüge,“ sagte Gisela, „aber trotzdem – ich bin schon dankbar, daß ich Ihnen eine Lüge wert bin. Denn ich glaube, Sie lügen selten.“
„Ich weiß nicht.“ Mette dachte ernstlich darüber nach. „Ich glaube, ich habe als Kind ziemlich viel gelogen. Überhaupt, solange ich noch in ‚erzieherischen Händen‘ war. Aber es war ein unfrohes und phantasieloses Lügen – ich habe mir niemals mit Begabung interessante Geschichten ausgedacht –, es war wohl mehr ein Leugnen, ein sehr standhaftes und hartnäckiges.“
„Lügen und leugnen – das ist ein himmelweiter Unterschied. Da haben Sie ganz recht. Aber wenn ein Kind leugnet, heißt es immer ‚es lügt‘ und ‚es ist verlogen‘. Und dabei ist es vielleicht nur schamvoll und hartschädelig und verbohrt. Ich bin so entsetzlich falsch behandelt worden als Kind – warum haben Sie keine Kinder? – Sie wären sicher eine gute, verständnisvolle Mutter.“
„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“ Mette hob die Achseln. „Ich habe mir immer eingebildet, jede Mutter wäre gut und verständnisvoll – aber das mag wohl daran liegen, weil ich meine nie gekannt habe.“
Gisela lachte bitter auf: „Ich wollte, ich hätte meine auch nie gekannt!“
Mette griff fast erschrocken nach Giselas Hand:
„Das klingt furchtbar, wenn Sie so etwas sagen! War sie so schlimm?“
„Schlimm? Oh, gar nicht schlimm!“ In ihrer Stimme tanzte eine erzwungene Leichtigkeit, „sie war eine brave, tüchtige, vortreffliche Frau. Aber meinem Vater war sie auch zu brav und vortrefflich. Er hat sie verlassen und hat sich zwei Jahre später aufgehängt. Und da ich ihm ähnlich war – schließlich konnte ich nichts dafür, meine Mutter hatte ihn sich ja zum Gatten ausgesucht und nicht ich ihn mir zum Vater –, aber weil ich so ganz in die väterliche Familie hineingeschlagen bin, sah mich meine Mutter schon von vornherein als erblich belastet an. Wissen Sie, es gibt Menschen – und zu denen gehörte meine Mutter – die sind so sittlich, daß sie überall Unsittlichkeiten wittern. Wir mußten mit den Händen auf der Bettdecke schlafen, und wenn wir es einmal im Schlaf vergaßen, und meine Mutter kam, um zu kontrollieren, dann riß sie uns die Decken weg. Ich schwöre Ihnen, ich wußte nicht einmal, warum sie das tat.“
Mette wußte es auch nicht, aber sie fragte auch nicht, weil sie sich schämte, ihre Unwissenheit einzugestehen und mehr noch, weil sie ahnte, daß eine Erklärung ihr peinlich sein würde.
„Das war der Anfang.“ Gisela sprang auf und begann, ruhelos mit unhörbaren Schritten auf dem dicken Teppich hin und her zu gehen. „Und dann ging es weiter. Mit vierzehn hatt’ ich meine ersten heimlichen Rendezvous. Mit einem Tanzstundenjüngling, einem kleinen Gymnasiasten, der womöglich noch harmloser und idealer war als ich. Wie diese Untat ans Licht kam, wurde ich einem furchtbaren Verhör unterworfen: Ob wir uns geküßt hätten, ob wir uns umarmt hätten, und wann und wo und wie ... ich bin dadurch erst auf den Gedanken dieser Möglichkeiten gekommen ...
Genau so wie in der Schule: dicht neben der Schule war ein Papierladen, wo wir immer unsere Hefte kauften. Der Mann hatte Ansichtskarten im Schaufenster, und dabei ein nacktes Frauenbild – die Reproduktion irgendeines Kunstwerkes. Aus dieser Postkarte wurde ein fürchterlicher ^cas^ gemacht. Es wurde herausgepreßt, wer von den Mädels vor diesem Schaufenster stehengeblieben war; Eltern und Lehrer gingen gemeinsam vor und zwangen den Mann, alle anstößigen Bilder aus seinem Laden zu entfernen. Widrigenfalls uns anbefohlen wurde, ihn zu boykottieren. Was war die Folge? Es wurde geradezu Sport bei uns, uns irgendwelche Aktbilder zu verschaffen – in der Religionsstunde zirkulierten sie dann unter den Tischen, mit Unterschriften und Bemerkungen versehen – es war wie ein ansteckendes Fieber in der ganzen Klasse, aber den Bazillus hatte man mühsam hineingetragen.
Vielleicht war in einigen unter uns, vielleicht in vielen, eine mühsam zurückgedämmte, unreife Sinnlichkeit – aber Kinder sind lange nicht so schamlos wie Erwachsene und fürchten sich viel mehr, zurückgewiesen zu werden – durch das allgemeine Gespräch über das ‚unsittliche‘ Bild wurden alle Hemmungen übersprungen ... es sprach natürlich jetzt jeder mit jedem von ‚so etwas‘.
Ich habe mich gewehrt, kann ich Ihnen sagen, ich wollte nichts damit zu tun haben – vielleicht hab’ ich mich aus Angst gewehrt, weil ich fühlte, daß mir Schicksal werden könnte, was den andern nur Spielerei war ... wissen Sie, wie Kinder in solchen Fällen sind? Oh, so grausam, so wollüstig, so sadistisch ... weil ich mich wehrte, wurde ich verfolgt ... die ganze Klasse war gegen mich verschworen; ich mußte sehen, was ich nicht sehen wollte, ich mußte hören, was ich nicht hören wollte, ich mußte tun, was ich nicht tun wollte – ich wurde in einen Kessel hineingetrieben, aus dem ich nicht wieder herausfand.“
Sie faltete die Hände und riß die Finger wieder auseinander, daß die dünnen Gelenke knackten, als wollten sie zerbrechen.
„Nein, wie kann man sich nur selber Blumen kaufen,“ sagte sie plötzlich, vor den Nelken stehenbleibend, „warum tun Sie das? Haben Sie an irgendeinen Menschen gedacht, dem Sie sie bringen wollten? Und haben es dann vielleicht nur nicht getan, weil – ja, vielleicht, weil Sie gerade verstimmt miteinander sind.“
„Ich habe keinen Menschen auf der Welt, dem ich Blumen bringen könnte,“ sagte Mette bitter, „höchstens ein Grab, und das kann ich nicht erreichen.“
Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam, das auszusprechen. Sie wurde glühend rot bei dem Gedanken, daß sie in den Fehler der Vertraulichkeit verfallen könnte – einen Fehler, den sie andern mit einer gewissen überlegenen Nachsicht verzieh, den sie an sich selbst so haßte, daß sie wochenlang keine Ruhe fand, wenn sie sich einmal darauf ertappte.
Vielleicht aber war es nicht einmal das Bedürfnis, sich anzuvertrauen. Vielleicht war es schlimmeres als das. Vielleicht war es irgendwo – noch ganz im Unbewußten – der Wunsch, sich mit diesem heiligen, vernichtenden Schmerz zu drapieren, sich einen neuen, mystischen Reiz zu geben in den Augen dieser ... dieser ...
In diesem Augenblick haßte Mette Gisela Werkenthin.
Es war, als ob Gisela diese Regung fühlte. Sie hatte eine Bewegung begonnen, als wolle sie auf Mette losstürzen, sie mit tröstender, mitleidiger Zärtlichkeit überschütten – und unterbrach sich, um mit gesenktem Kopf und ineinandergeschlungenen Händen sich auf das Fußende des Diwans zu kauern.
„Versprechen Sie mir eines,“ sagte sie leise und wie mit einer niemals aufzuhellenden Freudlosigkeit in der Stimme, „wenn ich einmal tot bin, legen Sie mir Blumen aufs Grab. Nicht zum Begräbnis und nicht einen großen bestellten Kranz.
Ich denke es mir so schön, wenn ich Besuch bekomme, wenn ich schon lange da liege und schlafe – ich liebe Friedhöfe so ... am meisten, wenn sie ein bißchen verwildert sind, ich möchte kein wohlgepflegtes Prunkgrab – einen grauen Stein, schon halb eingesunken und halb mit Efeu überwuchert ... und dann eine schöne Frau im weißen Kleid, die davor steht – nur eine Minute an mich denkt – nicht mit Schmerz, nur mit einer milden Wehmut, und eine Handvoll Blumen über mich streut – ich werde es fühlen, oh, ganz gewiß, ich werde es fühlen.“
Mette richtete sich auf und faßte sie rüttelnd an beiden Schultern.
„Kind!“ sagte sie, „und darum ersuchen Sie mich? Ich werde meine Enkelin beauftragen! Wenn der Stein auf Ihrem Grabe eingesunken ist, flattert meine Asche längst im Winde.“
„Wie lange dauert es, bis ein Stein einsinkt?“ fragte Gisela in einem so komisch-ungeduldigen Klageton, daß Mette auflachte.
„Noch sind Sie ja nicht tot und begraben,“ sagte sie tröstend.
Da sprühten ihr die dunklen Augen wie mit einem plötzlichen Aufflackern entgegen:
„Leider!“ sagte die tonlose Stimme, fast zischend vor Bitterkeit.
Wieder war in Mette eine leise Abwehr.
‚Sie hat sicher kein Recht, so zu sprechen,‘ dachte sie, ‚sie hat sicher nicht so Schweres erlitten ... aber schließlich, wer will abmessen, was einem das Recht auf Verzweiflung gibt, und vielleicht macht es noch viel, viel müder, gegen sich selbst zu kämpfen, als gegen das Schicksal.‘
Da wich die Abwehr, und es war nur ein heißes, hilfloses Mitleid in ihr.
Sie fing an, mit zaghaften Händen das weiche, wirre, dunkle Haar aus der weißen Stirn vor ihr zu streichen. Die brennenden Augen schlossen sich, und auf das schmale Gesicht trat der Ausdruck einer stillen, sehnsüchtigen Seligkeit.
Da Gisela reglos stillhielt und kein Atemzug, kein Pulsen der Adern zu spüren war, überkam Metten ein unheimliches Gefühl.
„Machen Sie die Augen auf,“ bat sie ängstlich, „es macht, glaub’ ich, dies verwünschte violette Licht – Sie sehen aus wie eine marmorne Totenmaske.“
Die breiten Lider hoben sich schwerfällig. In den weit offenen Augen war eine schachttiefe, lichtlose Leere, in die erst allmählich Blick und Leben wiederkehrte.
„Glauben Sie mir, kleine Mette,“ sagte sie mit ihrer leisen, kranken Kinderstimme, „ich werde sehr bald tot sein.“
„Was denken Sie sich unter ‚tot sein‘,“ fragte Mette zaghaft.
„Eine tiefe, kühle, unzerstörbare Ruhe.“ Sie schloß die Augen, und sofort glich ihr Gesicht wieder einer marmornen Maske.
„Ewige Ruhe – das war schon in meiner Kindheit wie eine Melodie, wie ein süßes, geheimnisvolles, verlockendes Lied – als ich ganz klein war und mir gar nichts dabei denken konnte, hab’ ich es gehört – es war ein typischer Ausdruck meiner Mutter: der oder der ist zur ewigen Ruhe eingegangen. Und es hat mich nicht mehr verlassen, ich hab’ es mir immer gewünscht: zur ewigen Ruhe einzugehen.“
Ihre hohe Stimme hatte einen verschwebenden körperlosen Ton.
Unter den langen dunklen Wimpern, die wie Schatten auf den schmalen Wangen lagen, begann es zu blinken, zu glitzern, ein paar Tropfen lösten sich und perlten herunter.
Mette hatte immer noch die beiden Hände um die blaugeäderten Schläfen geschlossen.
„Nein,“ sagte sie, und ohne selbst zu wissen, was sie mit diesem ‚nein‘ meinte, „nein, nein, nein!“
Die Lider hoben sich wie ein Vorhang, und die Augen, ganz erfüllt mit Tränen, in denen das Licht sich brach, schienen noch größer, noch brennender als sonst.
„Nein,“ sagte Gisela, „nein, nein, nein! Noch keine ewige Ruhe, kleine Mette, kleine süße schöne Mette! Aus deinen Fingerspitzen strömt Leben, auf deinen Lippen blüht Leben, aus deinen Augen strahlt Leben. Mir ist, als ob ich schon tot wäre, und du rührtest mich an und sagtest: steh auf und wandle! Oh, wie schwer muß es sein, aus einem schmalen, kühlen Sarge wieder aufzustehen, weil es einem Wundertäter so gefällt!
Ich bin gestorben, kleine Mette, an einer tödlichen Krankheit gestorben, die Fiametta heißt. Wenn du Tote beschwören willst, kleine Zauberin, dann mußt du sie mit deinem Blute nähren, das weißt du doch. Wenn ich leben soll, dann muß ich von deinem Leben trinken.“
Die schmalen Hände krallten sich wie Raubtierpranken in Mettes Schultern und preßten sie zurück auf die Kissen – auf dem ihren ausgestreckt lag der leichte sehnige Körper, dicht über dem ihren schwebte das weiße Gesicht mit den brennenden Augen.
Angst, Grauen, Widerwillen, Mitleid, Zärtlichkeit und das betörende Brausen des eignen und des fremden Blutes stürzten zusammen zu einem tosenden Wirbel, der jeden Gedanken in einem buntschäumenden Abgrund verschlang.
Deine arme silberne Seele atmet so schwer in Blut ...
Mette saß in Sophiens Werkstatt auf einem Marmorblock und spielte mit kleinen Klumpen feuchten Tons, die sie zu allerhand wunderlichen Gebilden formte.
Sophie sah manchmal mit einem raschen Blick von der Arbeit auf und auf Mettes spielende Finger.
„Du hast Talent,“ sagte sie mit gutmütigem Spott, „was machst du da eigentlich? Es sieht aus wie Wasserspeier von einem gotischen Dom! Oder sind es Seepferdchen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette, ohne aufzusehen, „vielleicht ein Symbol meines Lebens. Mir schwebt irgend etwas vor, aber ich sehe es nicht klar. Ich knete und knete daran herum und denke, ihm eine Form zu geben ... und wenn man es bei Licht besieht ... sind es Fratzen.“
Sie ballte die Klümpchen in der Hand zusammen und schleuderte sie in eine Ecke.
Sophie legte ihr Arbeitszeug aus der Hand und kam ein paar Schritte näher.
„Willst du dein Leben auch so beiseite werfen, wenn es dir nicht gleich gelingt?“ fragte sie mit lächelndem Ernst.
„Warum nicht?“ erwiderte Mette, „glaubst du, daß ein Menschenleben mehr wert ist, als ein Klümpchen Ton? Es kann das Höchste daraus werden, wenn ein formender Wille es in die Hand nimmt – aber wenn ungeschickte Finger daran herumstümpern und doch nichts zu Wege bringen – dann in die Ecke damit.“
„Ja, da hast du recht – das Material ist wertlos – erst die Idee gibt ihm den Stempel.“
Sophie ging an den Waschtisch und ließ das Wasser über die Finger rieseln, trocknete die Hände und zog den Leinenkittel aus.
„Willst du schon aufhören?“ fragte Mette erstaunt.
„Ja, dein Gesicht gefällt mir heut nicht,“ gab Sophie zurück, während sie die feuchten Tücher um das Tonmodell wickelte. „Ich will dich nicht so der Nachwelt überliefern!“
Sie ging auf Mette zu und faßte sie fest an beiden Schultern, um sie ein bißchen zu rütteln.
„Was hast du nur, Mädel,“ fragte sie eindringlich, „kannst du den Kopf nicht mehr gerade auf den Schultern halten? Kannst du nicht mehr geradeaus in die Welt sehen mit deinen schönen klaren Augen?“
Mette legte beide Hände auf Sophiens haltende Arme und versuchte, zu lächeln.
„Erzähl’ mir etwas, Sophus,“ bat sie.
„Nein, du sollst mir ja erzählen“ – bestand Sophie, „was hast du? Was fehlt dir?“
„Ich habe nichts – und mir fehlt nichts.“
„Du wirst mir doch nicht vorreden wollen, daß du wunschlos glücklich bist?!“
„Glücklich – nein! Aber wunschlos.“
„Das ist schlimm,“ sagte Sophie ernsthaft, „das ist der schlimmste Zustand, den ich kenne: nicht glücklich sein und doch wunschlos. Das hab’ ich auch einmal durchgemacht – monatelang, jahrelang – dabei wär’ ich auch beinah zugrunde gegangen ...“
Mette dachte an das, was sie von Gisela gehört hatte.
„Aber dann?“ fragte sie voll Spannung.
„Dann,“ lächelte Sophie, „ja, dann kam es wieder anders!“
„Du magst wohl nicht mit mir darüber sprechen?“
„Aber Kind,“ Sophie faßte herzlich ihre beiden Hände, „mit dir lieber, als mit irgendeinem Menschen auf der Welt! Ich hab’ gar kein Talent und gar keine Lust, mich auf Geheimnisse zu frisieren! Ich finde nur die Leute so gräßlich uninteressant, die immer von ihrem lieben kleinen Ich erzählen.“
„Sieh mal,“ sagte Mette zaghaft, „ich mag wirklich nicht gern um Vertrauen betteln, oder neugierige Fragen stellen. Aber ich habe manchmal das Gefühl, ich möchte dich rütteln und dich anschreien: gib dein Geheimnis heraus! Wie hast du es angestellt, so zu werden, wie du bist? Kann man so werden, wie du? So ruhegebend, so Harmonie ausstrahlend, so in sich gerundet und vollendet? Liegt es daran, daß du so glücklich bist? Und bist du überhaupt so glücklich?“
„Ich habe, was ich wollte!“ Sophiens Augen sahen groß und mit fanatischem Ausdruck ins Leere. „Oh, und ich habe so gewollt – was wißt ihr alle davon – ihr könnt ja gar nicht wollen. Ich habe Nora gewollt, immer und immer. Ich habe keine Kindheitserinnerung, die vor dieser Zeit war.
Nora ist zehn Jahre älter als ich. Und ich weiß noch, als sie zuerst zu uns herüber kam, um mit meinen Brüdern auf unserm Tennisplatz zu spielen, da trug sie einen Mozartzopf und machte einen Knix vor meiner Mutter. Und ich jagte herum und suchte die Bälle auf – aber wenn meine Brüder das von mir verlangten, wenn Nora nicht da war, dann spuckte ich und kratzte vor Wut. Sie hatten keine Ahnung von meiner Kinderseele. Sie dachten, ich wollte vor fremden Leuten eine Komödie spielen, um in den Ruf zu kommen, ein artiges und gefälliges Kind zu sein – ach, und das lag mir so fern – so weit konnte mein kindlicher Verstand noch gar nicht rechnen. Ich wollte einfach in Noras Nähe sein, ich wollte die Bälle aufheben, die sie in der Hand gehalten hatte. Sie lobte mich einmal, weil ich so unermüdlich wie ein kleiner Jagdhund in der heißen Sonnenglut hin- und herchassierte, sie lobte mich und streichelte mich.
Mein Bruder Konrad war damals vielleicht sechzehn, und er hatte, glaub’ ich, wirklich viel mit mir auszustehen, weil ich ein sehr unnützes und widerborstiges kleines Ding war. Er verklagte mich also, das heißt, er äußerte sich sehr wegwerfend über mich – so ungefähr, daß ich die Liebenswürdige spielte, wenn Gäste kämen, aber für den Hausgebrauch unausstehlich wäre. Ich wollte ihn zum Schweigen bringen und wählte das denkbar ungeeignetste Mittel: ich biß ihn nämlich in die Hand, daß sie blutete.
Natürlich gab es eine große Szene, Nora war empört über mich, und ich schämte mich so wahnsinnig, daß ich davonlief und mich versteckte. Das tat ich dann wochenlang, jedesmal, wenn sie kam. Es war eine furchtbare Zeit für mich, diese selbstauferlegte Qual ... ich hörte sie kommen, ich hörte ihre Stimme, manchmal wurde ich gerufen und gesucht, Nora rief mich – aber ich schämte mich zu sehr, um zum Vorschein zu kommen, ich verkroch mich nur noch tiefer, dabei hoffte ich doch im innersten Herzen, Nora würde mich finden, sie würde so unermüdlich suchen, bis sie mich gefunden hätte – aber meistens wurde es ihr sehr schnell langweilig, und sie gab es auf.
In der Zwischenzeit war ich natürlich extra ungezogen und ärgerte meinen armen Bruder, wo ich nur konnte, ich hatte nämlich den Verdacht, daß er ein kleines ^faible^ für Nora hatte, und was noch schlimmer war, daß sie eins für ihn hatte. Sie streitet es zwar heute noch ab – alle Vierteljahr einmal pfleg’ ich sie im Vertrauen danach zu fragen – aber sie streitet mir manches ab, was sie zu jener Zeit gesagt und getan hat – ich hab’ das besser im Gedächtnis bewahrt.“
Sophie schwieg. Ihre schönen, kräftigen Hände hingen wie müde von der Arbeit zwischen den Knien.
„Und dann?“ fragte Mette nach einer Pause.
„Und dann?“ Sophie hob den Kopf mit einem leisen spitzbübischen Lächeln. „Dann ging es immer so weiter – zwanzig Jahre lang. Manchmal so und manchmal so.