Part 17
„Ach, und du erst,“ Gwen warf sich über sie und küßte ihr Mund und Augenlider, Hals und Wangen.
‚Ich will nicht,‘ dachte Mette, ‚sie ist mir anvertraut, und ich rühre sie nicht an. Ich bin sein Kamerad ... ich bin sein Kamerad ...‘
Rosenrote Wellen hoben sich. Sie stiegen ihr bis zum Herzen, bis zum Hals, bis über die Augen. Das Zimmer schien zu schwanken, wie in zitternden Atemzügen, wie in ruckweisen Herzstößen.
Plötzlich war alles still, hell, es war wie blendendes Licht, und wie ein schmetternder Hornstoß.
Vielleicht hatte ganz leise eine Diele geknarrt.
Mette fuhr auf, wach, nüchtern.
Irgend etwas war im Zimmer, was vorher nicht da gewesen war.
Ein violetter Fleck. Und darüber Fred Wietinghoffs Gesicht.
Fred Wietinghoffs Augen. Brennend. Gierig. Ganz unverhüllt, wie die Augen brünstiger Tiere – ganz nackte Augen.
Mette schrie nicht auf.
Sie schleuderte den weichen Körper von sich, der würgend auf ihr lag.
Ein Wort stieg in ihr auf und verließ sie nicht mehr. Es war das einzige Wort, das sie denken konnte, und das ihre Gedanken unablässig wiederholten:
‚Abgekartet. Alles abgekartet.‘
Sie richtete sich auf und griff nach ihren Kleidern.
In diesem Augenblick stürzte Wietinghoff auf sie zu.
„Mette,“ stammelte er, „Süßeste.“
Da schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
Er war auf Widerstand gefaßt gewesen, auf Stoßen, Kratzen, Beißen – er hätte sie lachend bezwungen.
Der Schlag ließ ihn zurücktaumeln.
Mette schlüpfte in ihre Bluse.
‚Abgekartet,‘ dachte sie, ‚abgekartet.‘
Sie knüpfte die Bänder des Unterrocks. Ihre Hände zitterten nicht, trotz der wahnsinnigen Hast. Erst als sie angezogen war, warf sie einen flüchtigen Blick auf Wietinghoff.
Auf seinem blassen Gesicht brannte die Spur ihrer Hand wie ein feuriges Mal. Über seinen Augen lagen die breiten zitternden Lider.
Ein seltsames Gefühl stieg in Mette auf. Eine rasende Freude: ‚ich habe ihn gut getroffen.‘ Und dann eine dämmernde Erkenntnis: ‚es ist das erstemal, daß ich dies schöne Gesicht berührt habe – dies schöne Gesicht.‘
Nie hatte sie mit einem Gedanken daran gedacht – aber ihr war, als hätten ihre Hände sich immer danach gesehnt, dies Gesicht zu streicheln.
Ein namenloses Weh quoll in ihrem Herzen. So, als hätte sie etwas Schönes und Kostbares besessen, und sähe es zum erstenmal, da es ruchlos zerstört und zerbrochen vor ihr lag.
Sie ging ruhig im Zimmer hin und her und holte ihre Sachen zusammen. Wenn sie an Fred Wietinghoff vorüber mußte, machte sie einen Bogen. Er sah sie nicht an, aber er fühlte es und zuckte zusammen.
Gwen war auf ihr Bett gekrochen. Sie saß nackt und rosig auf dem großen Federbett, hatte die Schultern hochgezogen und spielte verlegen mit ihren Zehen.
Die Tür nach dem Nebenzimmer stand offen. Es war die Tür, durch die Fred Wietinghoff gekommen war.
‚Abgekartet,‘ dachte Mette, ‚abgekartet.‘
Sie ging in Hut und Mantel auf die Tür zu. Als sie die Klinke in der Hand hielt, blieb sie stehen.
„Ich werde in das Zimmer nebenan gehen,“ sagte sie ruhig, „ich habe keine Lust, jetzt in der Nacht das Hotel zu verlassen. Um sieben Uhr werde ich gehen und die Tür vom Korridor offen lassen.“
Wietinghoff drehte sich um.
„Gnädiges Fräulein,“ sagte er heiser.
In seinem blassen Gesicht standen seine dunklen Augen wie zwei offene Wunden.
Mette zog die Tür hinter sich zu und riegelte hart ab.
Sie drehte das Licht nicht an.
Sie wußte und fühlte es: überall lagen Sachen – fremde Sachen – seine Sachen.
Nach einer ganzen Weile hörte sie Stimmen von nebenan, hin und her, gedämpft und unterdrückt, aber doch vernehmlich.
‚Lieber Gott, was werd ich noch alles hören,‘ dachte sie, ‚lieber Gott, gib mir Kraft, gib mir Kraft. Laß mich sterben, wenn du kannst, aber laß mich nicht wahnsinnig werden, daß ich nicht irgend etwas tue – irgend etwas ganz Furchtbares ...‘
Aber das Schlimmste war der Duft, der über dem Zimmer lag. Der Hauch der Zigarette, der feine Geruch des Juchtenleders, der Duft der Seife, des Essigs.
Mette machte das Fenster weit auf und schob sich einen Stuhl zwischen die Flügel. Die Nacht war kalt, Mette zitterte, so fest sie sich auch in ihren Mantel wickelte.
Sie dachte an die Stadt, die sie verlassen würde. Wo nun hin – wohin?
Sich weiter hetzen lassen, heimatlos, ruhelos, jeder Begierde ein Freiwild?
Oder sterben?
Ja, wenn sie an den Schlaf hätte glauben können.
Aber sie fühlte in dieser Stunde stärker als je, unleugbar, unantastbar das Unzerstörbare in sich.
Sie wurde demütig vor dem, was sie in sich trug, wie eine Mutter in Demut ein fremdes Leben in sich fühlt.
‚Meine arme Seele,‘ sagte sie leise, ‚was hab’ ich dir getan? Warum hab’ ich nie daran gedacht, dich zu pflegen und dir zu helfen? Warum wollt’ ich dich immer nur auf die Wanderschaft schicken, immer in den kalten Sternenraum hinein? Arme Seele – wozu hab’ ich dich denn, wenn du nur leidest an mir, und ich an dir! Einmal werd’ ich es wissen – einmal werd’ ich alles erfahren. Ich möchte nicht sterben, nein, ich möchte nicht sterben, eh ich nicht weiß, warum ich gelebt habe.‘
Eccarius fiel ihr ein: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann.
‚Nein, ich liebe den Tod nicht. Ich fürchte ihn nicht, aber ich liebe ihn nicht. Ich will ihn lieb gewinnen. Ich will leben, um den Tod lieb zu gewinnen. Vielleicht ist es das, warum wir leben müssen. Und vielleicht ist es das, warum wir leiden müssen.‘
Die Stimmen nebenan waren zur Ruhe gegangen. Der fremd-vertraute Duft war aus dem Zimmer entwichen.
Am Himmel erblaßten die Sterne vor dem ersten fahlen Dämmerlicht des aufsteigenden Märzmorgens.
Ende des zweiten Buches
Askanischer Verlag Berlin SW
In unserem Verlage erschien Anna Elisabet Weirauch
Der Skorpion Ein Roman Erster Band
„Der Skorpion“ behandelt mit Unerschrockenheit und Klarheit ein Thema, welches selten, vielleicht nie zum Gegenstand eines Romans gemacht worden ist: Das Problem der gleichgeschlechtlichen Liebe.
Es wird die Geschichte der Liebe, der Leidenschaft zweier junger Mädchen erzählt, die beide reizvolle, geistig hochstehende Menschen sind. Sie wird erzählt von den ersten Anfängen einer schwärmerischen Sympathie, mit allen innerlichen und äußerlichen Kämpfen, allen Qualen und Seligkeiten bis zur Katastrophe der Trennung, des gewaltsamen Todes der einen und darüber hinaus.
Sie wird erzählt ohne jede Tendenz, ohne zu schmähen und ohne zu verherrlichen, in wundervoller dichterischer Sprache, die nie auch nur die Grenzen des Unschönen streift, nicht in der Absicht, eine Lanze zu brechen oder Sensation zu erregen, nur in der Absicht, Vorgänge zu schildern, die sich – manchem unerklärlich – tausendmal unter unsern Augen abspielen, und die nicht aufhören zu existieren, dadurch, daß man sie verschweigt.
Schön gebunden 15,– Mark Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
Gewissen Ein Roman
Der Held des Romans, der Maler Norman, ist der Typ des anständigen Menschen, der ängstlich befolgt, was sein Gewissen ihm vorschreibt, der nicht den Mut findet, sich mit kraftvoller Faust die irdische Seligkeit von den Sternen zu holen, dem jedes ertrotzte Glück Sünde zu sein scheint und nur das Schwer-zu-ertragende Pflicht bedeutet. Dieser Pflichtmensch wird zum Mörder, weil sein Gewissen ihm verwehrt, das Joch einer unwürdigen Ehe abzuschütteln, und ihn antreibt, das Mädchen, das er liebt und das in grenzenloser Liebe und Leidenschaft sich ihm anbietet, zu verschmähen, weil er in dem hergebrachten törichten Wahn befangen ist, daß die körperliche Unberührtheit das heiligste Gut des Weibes sei, und daß es verwerflicher sei, den Leib eines Mädchens zu zerstören, als ihre Seele.
Schön gebunden 18,– Mark Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
Anja Die Geschichte einer unglücklichen Liebe Ein Roman
„Anja“ erzählt die Geschichte eines schönen und stolzen Mädchens, das, nur seiner souveränen Weibesnatur folgend, sich verschenkt und gerade deshalb dem Begreifen des Mannes immer rätselhaft bleiben muß.
In diesem Roman werden mit sezierender Hand die tiefsten Fasern menschlichen Fühlens aufgedeckt. Der Widerspruch zwischen der Gefühlsnatur der Frau und dem verstandesmäßigen Erfassenwollen des Mannes tritt in reizvollem Gegensatz hervor, von dem aus blendende Schlaglichter auf die Charaktere beider Geschlechter geworfen werden. Wir sehen hier Liebe geboren werden, wachsen, sich entwickeln. Liebe, die Mitleid ist, Sorgsamkeit, gütiges Helfenwollen – und die erst nach Erfüllung aller Wünsche zur rasenden Leidenschaft wird und den zerbricht, der stark, gesund und harmonisch, sich anmaßt, von seiner Höhe herab Menschen beglücken und Schicksale trennen zu können.
Schön gebunden 15,– Mark Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
Der Tag der Artemis Drei Novellen
„Der Tag der Artemis“ – das ist der Tag, der Knaben zu Männern macht, der Tag, an dem im jungen Menschenkinde unerkannt, gebieterisch, erschreckend oder beglückend zum erstenmal das Geschlecht sich regt.
Die erste der Novellen ist eine Institutsgeschichte. Schwärmerische Neigung, ehrliche Kameradschaft, Eifersucht, Haß, gekränkter Ehrgeiz – alle Leidenschaften toben und gären in diesen unreifen Knabenseelen, bis sie in einer Katastrophe explodieren.
„Gere“ ist die Geschichte eines Schülerselbstmordes. Der Gequälte, der in dem unverstandenen natürlichen Trieb nur Schmutz und Laster sieht, verliert seinen letzten Halt, den Glauben an die Heiligkeit der Mutter, und greift zum Revolver.
„Der Statist“ variiert das Thema des erwachenden Liebesgefühls in heiterer Form. Einen armseligen Drogistenlehrling bringt ein Zufall als Statisten ans Theater. Die schwärmerische Leidenschaft für die Heldin des Hoftheaterchens macht einen Menschen aus ihm und führt ihn auf einen Weg, den er weitergehen wird, auch wenn die Leidenschaft längst verlodert ist.
Erzählungen aus jenen Lebensjahren, wo die Erotik noch schlummert, wo sie aber im geheimen heftiger wühlt, als wir ahnen und ahnen wollen.
Schön gebunden 15,– Mark Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
Askanischer Verlag Berlin SW
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 17]: ... blättert, ohne etwas nach dem Namen der Maler ... ... blättert, ohne etwa nach dem Namen der Maler ...