Part 9
Fräulein Peters ist eine Seele von einem Menschen, und sie macht sich Gedanken um Sie – sie hat mir heute auseinandergesetzt, daß es meine Pflicht wäre, Ihnen die Augen zu öffnen. Aber wenn ich Ihnen über Sophie und Nora die Augen öffnen soll, kann ich nach bestem Wissen und Gewissen nur sagen, daß es prachtvolle Menschen sind.“
„Frau von Hersfeld sagte mir neulich, daß Sie sich schon sehr lange kennen,“ sagte Mette in einem leise drängenden Bestreben, das Gespräch von sich selbst abzuwenden.
„Schon sehr lange“ – sie atmete erleichtert auf, als Eccarius das Thema annahm – „ich kannte sie schon, als sie noch die schöne Nora von Zeyern war, die gefeiertste Tänzerin, die kühnste Reiterin. Sie hatte hundert Bewerber, und unter den hundert mußte sie gerade Herrn von Hersfeld aussuchen!“
Er schwieg einen Augenblick mit bitterem Lächeln.
„Er war krank, nicht wahr?“ fragte Mette zaghaft.
„Oh, wenn Sie das wissen, dann ist es auch keine Indiskretion, wenn ich Ihnen mehr erzähle. Er war sogenannt ausgeheilt, wie er selbst voll Stolz jedem erzählte, der es hören wollte und nicht hören wollte. Nur seiner Frau und seinen Schwiegereltern nicht.
Hersfelde war Majorat, und er wollte einen Sohn haben. Es kam auch ein Junge zur Welt – er war schon ganz mit Ausschlag bedeckt, als er geboren wurde. Was diese mütterlichste aller Frauen an diesem Kinde gelitten hat, das ist unbeschreiblich! Und wir alle – seine sogenannten Freunde – wir sahen das Kind an und sahen uns an und wußten: das wird nichts mehr. Aber keiner traute sich, der jungen Mutter ein Wort zu sagen. Und sie hoffte und hoffte und pflegte an diesem unseligen Würmchen herum und freute sich über den kleinsten Fortschritt. Viel Fortschritte waren allerdings nicht zu verzeichnen.
In einem Alter, wo andere Kinder herumlaufen und den ganzen Tag plappern und krähen, lag er in seinen Kissen und drehte kaum den Kopf, wenn man ihm etwas Blankes vortanzen ließ. ‚Er wird ein Denker,‘ sagte Frau Nora dann und lächelte ein herzzerreißendes Lächeln. Aber als er mit vier Jahren noch immer kein Wort sprach, sondern nur ein blödes Gelalle von sich gab, da versteckte sie sich und ihn vor aller Welt. Sie ging nicht mehr von ihrem Grund und Boden fort, sie empfing keinen Menschen. Sie verschloß sich mit ihrem kranken Kinde in undurchdringlichste Einsamkeit, sie pflegte es, sie spielte mit ihm, sie versuchte unermüdlich und vergebens, ihm etwas beizubringen. Mit ungefähr fünf Jahren starb das arme Kind. Aber Herr von Hersfeld brauchte einen Erben. Nach einem halben Jahr war die unglückliche Frau wieder in der Hoffnung – ach Gott, sie war wirklich in der Hoffnung.
Da nahm ein befreundeter Mediziner die Sache in die Hand – das heißt, er sprach wohl nur ein leichtsinniges, aber ehrlich entrüstetes Wort von der Unverantwortlichkeit, Kinder in die Welt zu setzen. Und als sie ihn zur Rede stellte und nicht locker ließ, fragte er sehr erstaunt, ob sie nicht wisse, was ihrem Kinde gefehlt hätte. Und da sie keine Ahnung hatte, sagte er ihr’s. Das war ja schließlich auch sein gutes Recht. Aber er hat sich doch sehr schwere Vorwürfe gemacht. Denn am selben Tage verunglückte Frau Nora durch einen Sturz vom Heuboden und holte sich so schwere innere Verletzungen, daß sie nie wieder gesund wurde. Daraufhin ließ dann Herr von Hersfeld sich von ihr scheiden!“
„Lebt er noch?“ fragte Mette.
„Warum? Sie machen ein Gesicht zu der Frage, als ob Sie ihn sonst umbringen möchten. Aber Sie können ganz ruhig sein; er ist tot – er hat sogar ein recht dramatisches Ende gefunden, oder vielmehr sein Ende hatte einen dramatischen Anfang. Denken Sie, dieser Mensch hatte die Absicht, ein zweitesmal zu heiraten, nachdem er von Nora geschieden war. Ein schönes, unschuldiges junges Mädchen aus bester Familie. Sie machen sich keinen Begriff, was die arme Frau Nora da an Gewissensqualen gelitten hat – sie kannte die Braut – sie kannte die Eltern – und sie kannte da auch endlich Herrn von Hersfeld, ihren geschiedenen Gatten. Aber trotzdem sie ihn so gut kannte, liebte sie ihn wohl immer noch – irgendwo in einem letzten Seelenwinkel waren noch die Trümmer des starken Gefühls. Und es erschien ihr als ein Verbrechen, den Mann anzuklagen. Man hätte es ihr ja auch so leicht als kleinlichen Racheakt auslegen können. Und andererseits war es ein viel größeres Verbrechen, das arme Mädchen unwissend in eine solche Ehe gehen zu lassen.“
„Um Gottes willen,“ sagte Mette mit angstvollen Augen, „hat sie das getan?“
„Sie war so hilflos – sie konnte sich kaum rühren – die Lage wurde erschwert dadurch, daß das Mädchen schon zu Zeiten seiner Ehe in Hersfeld verliebt war und der Frau, wenn nicht feindlich, doch mißtrauisch gegenüberstand. Sie hat mir oft gesagt, daß sie in ihrer verzweifelten Lage um ein Wunder gebetet hat.
Und das Wunder geschah. Die Trauung war anberaumt, der Bräutigam erschien nicht. Als er geholt werden sollte, versteckte er sich im Stall und schoß mit dem Revolver um sich. Schließlich wurde er überwältigt und nach einer Anstalt gebracht. Ein paar Monate lebte er noch unter Anfällen von Verfolgungswahn und Tobsucht. Dann ging er ein. Gehirnerweichung. Einer von seinen früheren Kameraden machte die treffende Bemerkung, als die Todesursache bekannt wurde: „Das erstemal, daß man erfährt, daß Hersfeld Gehirn gehabt hat!“
Sie gingen wieder eine Weile schweigend, jeder in seine Gedanken versponnen.
Eccarius hob den Kopf mit einem plötzlichen Entschluß. Sein Gesicht war wieder wie aufgehellt von dem flüchtig darübergleitenden liebenswürdigen Lächeln.
„Nun haben Sie mich mit ganz heimtückischer Eleganz von meinem Thema weggelockt. Ich habe Ihnen lange Geschichten erzählt und nichts von dem gesagt, was ich beauftragt war, Ihnen zu sagen – und nicht nur beauftragt – was ich auch aus eigenem Antrieb sagen wollte ...“
„Muß es denn sein?“ fragte Mette mit flehenden Augen, „glauben Sie im Ernst, daß ich nicht alles weiß, was Sie mir sagen können? Ich weiß, daß Sie es gut mit mir meinen, und ich bin Ihnen auch so dankbar dafür. Aber ich habe – vielleicht gerade weil ich so jung und eben erst mündig geworden bin – so sehr das Gefühl, daß nur ich selber mir helfen kann und daß ich mir selber helfen muß. Ich weiß, daß ich nicht immer den kürzesten und den geradesten Weg finden werde – aber ich habe ja auch kein Ziel – nur das eine Ziel, das Leben kennenzulernen, ganz, soweit das einer Frau möglich ist, mit Licht- und Schattenseiten, mit Fehlern und Vorzügen – wie man einen Menschen kennenlernen will – den man liebt!“
„Wenn Sie das Leben so lieben,“ sagte Eccarius mit einer nachgiebigen Beharrlichkeit, „so müssen Sie sehr behutsam damit umgehen. Und wenn Sie auf Ihrer Wanderung kein Ziel haben, oder nur das Ziel, möglichst viel zu sehen auf Ihren selbstgesuchten Wegen, so dürfen Sie sich nicht in eine Sackgasse verrennen, aus der Sie nicht wieder herausfinden. Seien Sie mir nicht böse – aber ich habe die Frechheit gehabt, Sie im stillen zu beobachten – ich sehe Sie doch seit Monaten zweimal täglich mindestens – und ich habe mir im Laufe der Jahre ein wenig Menschenkenntnis erworben – Sie machen, wenn man es so in zwei Sätzen bezeichnen darf, nicht den Eindruck eines Menschen, der das Leben liebt, sondern eher eines Menschen, der – den Tod nicht fürchtet.“
Mette hatte schon auf die Klingel an der Haustür gedrückt und wandte sich um:
„Ist das ein Widerspruch? Kann man nicht beides – das Lebens lieben und den Tod nicht fürchten?! Vielleicht gehört es zusammen. Ich will es zu meinem Wahlspruch machen und groß über alle meine Tage schreiben: Das Leben lieben und den Tod nicht fürchten!“
„Ich weiß kein noch besseres Wort,“ sagte Eccarius mit nach innen gekehrten Blicken, „man kann diesen Satz auch anders stellen – dann will ich ihn zu meinem Wahlspruch machen.“
Das Mädchen öffnete die Tür. Auf Mettes fragenden Blick schüttelte Eccarius leicht den Kopf:
„Ein andermal ...“ – – –
* * * * *
Sie saßen in der frühen Dämmerung des Wintertages zusammen, Nora, Sophie, Eccarius und Mette. Es war schon so dunkel im Zimmer, daß man kaum mehr deutlich die Gesichtszüge der Zunächstsitzenden unterscheiden konnte. Aber keiner hatte das Verlangen nach Helligkeit.
Mette hatte nach Johannes gefragt – und Sophie hatte ihr in Aufregung und Empörung mitgeteilt, daß er sehr unter häßlichen Klatschgeschichten zu leiden habe. Man hatte seinem alten Freund, dem dicken Drencker, in gehässiger Weise hinterbracht, daß sein Geld dem jungen Krafft das Studium ermögliche – oder vielmehr, daß Willi Krafft sein – Drenckers Geld – im Bac verspiele und mit Frauenzimmern verprasse.
Nora hatte Johannes verteidigt. Wenn sie ihn auch nicht in verklärendem Licht sah, und sein Verhältnis zu Drencker ihr unbegreiflich und peinlich war – sie hatte immer geglaubt, daß seine Freundschaft für Willi Krafft von einer ganz idealen schwärmerischen Art wäre.
„Und wenn nicht!“ sagte Sophie eigensinnig. „Wo immer ein Menschenhandel abgeschlossen wird, liegt die Schuld auf seiten des Käufers. Der Gekaufte ist immer in Notlage. Und es ist gerade schlimm genug, wenn so ein reiches Schwein einen Anteil an einem Menschen kaufen kann. Daß er ihn dann noch ganz und restlos haben will, ist eine Frechheit.“
„Jeder Handel sollte ehrlich sein!“ warf Eccarius in seiner leisen, nachdenklichen Art ein.
„Nein,“ ereiferte sich Sophie, „wer sich für sein schmieriges Geld einen Menschen kaufen will zur Befriedigung seiner kleinen niedrigen Lüstlein, der _soll_ betrogen werden. Es _soll_ Dinge geben, die nicht zu kaufen sind, für kein Geld der Welt. Und glauben Sie mir, Eccarius – in all diesen schmutzigen Handeln, wo es sich um eigentlich Unverkäufliches dreht – ob es nun Liebe ist oder Ehre oder Ruhm oder Begabung oder Adel – immer war zuerst der Käufer da, immer zuerst der, der auf seinen Geldsack schlug und sagte: das will ich haben, schafft es mir, ich kann es zahlen. Und dann wurde erst die Ware gesucht. Glauben Sie, daß ein armer Musiker auf den Gedanken kommt, seine Gedanken, seine Melodien, das liebste, was er hat, einem reichen Krämer anzubieten, damit der sie unter seinem Namen erscheinen läßt? Nein, so ein Gedanke kann nur in einem Krämergehirn aufkeimen!
Ich kenne solche Fälle – sehr genau! Von den harmlosesten Anfängen, wo ein wohlgenährter Bürgerssohn von einem armen begabten Mitschüler sich die ersten Liebesbriefe schreiben läßt – für eine Handvoll Zigaretten – bis zu Opernpremieren, wo sich als Komponist ein Herr verbeugt, der nie einen Ton von der aufgeführten Musik geschrieben hat – hätte schreiben können. Ach, die Welt ist schon ziemlich ekelhaft. Man kann nur froh sein, wenn man möglichst wenig mit ihr zu tun hat. Wir sitzen hier auf unserer Insel – gelt Norina? Und soviel Schiffe auch anlegen – sie fahren alle wieder weiter – ansiedeln darf sich keiner in unserm Bereich. Im übrigen kann ich nur sagen: Drencker soll froh sein, daß es ihm nicht ergangen ist wie dem armen Keller, der sich vor acht Tagen erschossen hat, weil ihn eine Erpresserbande langsam erdrosselt hat und weil der unglückliche Mensch lieber tot sein wollte, als immer vor dem Gefängnis zittern.“
Eccarius schüttelte den Kopf:
„Daß die mittelalterliche Institution dieser Strafen immer noch besteht!“
Nora legte sich dafür ein: „Es muß doch einen Schutz für Kinder und Unmündige geben – auch wenn die Unmündigen zufällig über einundzwanzig Jahre sind. Es gibt ein sehr wahres Wort: wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Wie zwei reife Menschen miteinander leben, geht keinen Staatsanwalt etwas an. Genau so, wie kein Staatsanwalt sich in das hineinmischt, was in einer Ehe vorgeht. Ich muß sagen, in manchen Fällen: leider! Wenn gestraft wird, so wird geklagt, und wenn jemand klagt, so fühlt er, daß ihm Unrecht geschehen ist.“
„Der Paragraph hundertfünfundsiebzig ist eine Einnahmequelle für Gauner und Erpresser,“ widersprach Eccarius heftiger, als es seine Art war – „aber kein Schutz für Kinder irgendwelchen Alters. Kinder dulden stumm und klagen nicht. Wenn einmal ein Fall ans Licht kommt, dann schreit die Welt vor Empörung – aber in tausend Fällen kommt von solchen an Kindern begangenen Verbrechen nicht ein Schimmer zutage.“
„Das ist nicht möglich,“ sagte Sophie mit vor Erregung bebender Stimme, „es kann auf der ganzen Welt nicht tausend Unmenschen geben, denen ein Kind nicht heilig wäre.“
Eccarius lachte, ein heiseres, tonloses Lachen:
„Ich will Ihnen einen Fall erzählen – einen Fall von tausend. Ein Verbrechen von tausend, bei welchem der Verbrecher straflos ausging ... ich kannte eine Familie – eine wohlhabende, angesehene Familie, kluge gütige Eltern, die vier gesunde, begabte, gut veranlagte Kinder hatten ... vier Knaben. Die Mutter konnte nicht ganz allein die Sorge für vier heranwachsende Jungen haben – es wäre auch gegen das Herkommen gewesen – man nahm ein Kinderfräulein ins Haus – eine halbgebildete Person, wie es üblich war, eine von sympathischem Äußern mit guten Zeugnissen und allen möglichen Empfehlungen. Dies Kinderfräulein hatte nichts besseres zu tun, als den Knaben beizubringen ... wovor man sie sonst sorglich behütet. Die unglücklichen Kinder gerieten dadurch ganz in den Bann dieser Person. Sie wußten, daß sie etwas Verbotenes taten. Sie schlugen sich mit dem schweren Begriff ‚Sünde‘ herum, und baten Gott um Beistand. Das infame Weib erfand mit unerschöpflicher Phantasie immer neue Listen, um die widerstrebenden und ermüdeten Kinder aufzustacheln. Sie wurden immer elender – sie wurden auf alles mögliche behandelt, in teure Bäder geschickt – natürlich in Begleitung des Fräuleins. Manchmal faßte eines der Kinder den Entschluß, der Mutter alles zu beichten – aber es blieb bei dem Entschluß. Diese Dinge waren zu furchtbar, als daß man sie der gütigsten Mutter hätte anvertrauen können. Vielleicht können Sie sich eine Vorstellung davon machen, was solche Kinder für eine ‚Kindheit‘ gehabt haben. An Leib und Seele erschöpft, unlustig zu Spiel und Arbeit, bei aller Begabung kaum fähig, in der Schule mitzukommen, in ewiger Angst vor Entdeckung, vor Strafe, vor Krankheit, vor der Hölle – und immer widerstandsloser dem Laster hingegeben, immer mehr wie Schatten durch die Tage schleichend, und lebend nur in dem gefährlichen Spiel der Nächte.
Als das Kinderfräulein ging, um in einer andern Familie ihr Werk fortzusetzen – da war es zu spät. Von den vieren hat sich keiner mehr erholen können. Der eine erschoß sich in der Nacht nach seiner Verlobung. Der zweite blieb ein unseliger Monomane und mußte schließlich mit völliger Nervenzerrüttung in eine Heilanstalt gebracht werden. Die beiden jüngsten haben allem, was Eros heißt, im tiefsten angewidert, den Rücken gekehrt. Der eine, schwärmerischen Geistes, hat sich in ein Kloster geflüchtet – der andere schlägt sich durch eine graue und freudlose Welt und schaudert zurück vor jeder Gemeinschaft mit Menschen. Das Weib ist wahrscheinlich heute noch eine würdige Kinderfrau, und die ihr anvertrauten Kinder werden elend unter ihrer umsichtigen Pflege.“
Niemand sprach. Die Dunkelheit war über das ganze Zimmer gekrochen und ließ kaum mehr von den Fenstern einen blassen grauen Fleck sehen.
„Oh!“ sagte Sophie – Mette glaubte zu hören, daß ihre Stimme von zornigen Tränen bebte und glaubte zu fühlen, wie sie die Fäuste ballte: „Man sollte sie hinrichten.“
„Dann müßte man viele hinrichten,“ sagte Eccarius ruhig.
Wieder lastete das Schweigen.
Es klopfte, jemand öffnete die Tür, heller Lichtschein stach in die Dunkelheit, Lärm zerriß die Stille.
„Ich bringe die Zeitung,“ sagte das Mädchen und blieb verwundert in der Tür stehen. „Soll ich Licht machen, gnädige Frau?“
„Ja, machen Sie Licht, Martha.“
Das Licht gellte auf wie ein Trompetenstoß. Sie neigten alle die Stirnen, um ihm zu entgehen und zogen die Brauen zusammen und blinzelten mit den Augen.
Keiner fand den Mut, den andern anzusehen. Sophie nahm dem Mädchen die Zeitung ab und fing an, daraus vorzulesen, die gleichgültigsten Dinge der Welt, die niemanden interessieren konnten. Aber alle heuchelten Anteilnahme und wußten irgend etwas dazu zu sagen, so daß ein lebhaftes Gespräch aus lauter belanglosen Phrasen zustande kam.
Eccarius ging, ehe die Unterhaltung wieder versickerte.
Sie sprachen noch über ein Dutzend anderer Dinge, als er fort war. Aber es war, als ob sie weder ein ernstes, noch ein erzwungen leichtes Gespräch mehr ertragen konnten. Sophie fand den erlösenden Gedanken. Sie machte den Vorschlag einer Skatpartie, um noch ein Weilchen gemütlich beieinander zu sitzen und Ablenkung für die Gedanken zu haben.
Aber plötzlich, mitten im Spiel, ließ sie die Hand mit den Karten auf den Tisch sinken:
„Er hat einen Bruder in der Irrenanstalt,“ sagte sie, als hätte sie die ganze Zeit nichts anderes gedacht.
„Ich weiß,“ sagte Nora ebenso ernsthaft. „Und einen im Kloster.“
Als Mette nach Hause kam, begegnete ihr auf der Diele eines der Mädchen und sagte – wie es ihr schien, mit einem vieldeutigen und unverschämten Lächeln:
„Fräulein Werkenthin ist da und wartet auf Fräulein Rudloff.“
Mette fühlte ihr Herz zittern, wie in letzter Zeit so oft. Sie ging langsamer, weil sie nicht so schnell nach ihrer Zimmertür kommen wollte. Ihr war, als ob sie dringend noch einiger Sekunden Aufschub bedürfte – dann schien es wieder, als wäre das Mädchen stehengeblieben, sie glaubte den spöttischen, beobachtenden Blick wie einen Stich zwischen den Schulterblättern zu fühlen und ging wieder rascher.
Es war kalt draußen, kalt auf der Treppe, kalt auf dem Türgang.
Sie hatte sich so auf ihr warmes stilles Zimmer gefreut, auf den milden Schein der Lampe, auf eine Stunde im Sessel, ein gutes Buch in der Hand. Nun war ihr liebes Zimmer ganz erfüllt von fremdem Wesen, eine Wolke von Opium und betäubendem Parfüm würde ihr entgegenschlagen, und sie würde heute Abend keine ruhige Viertelstunde mehr haben.
Sie würde wieder die halbe Nacht in allen Nerven zitternd im Bett liegen und ein Adalin nach dem andern schlucken müssen, um ein paar Stunden steinschweren, unerquicklichen Schlafes zu haben.
Eine jähe Wut packte sie an und schüttelte sie.
‚Ich will, daß mein Zimmer leer ist,‘ dachte sie wie ein trotziges Kind mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten, ‚jedes Tier hat seine Höhle, in die es sich verkriechen kann! Ich will jetzt einen Raum haben, wo ich allein bin. Ich muß allein sein, ich muß Ruhe haben, ich will keine fremden Menschen in meinem Zimmer!‘
Sie lehnte sich einen Augenblick erschöpft und dem Weinen nah gegen die Wand. Sie überlegte, ob es nicht das beste wäre, wieder fortzugehen, sich in ein Kaffeehaus zu setzen und Zeitungen zu lesen – aber sie war müde und fürchtete sich vor den kalten, dunklen Straßen. Außerdem mußte sie ja schließlich doch einmal nach Hause, und sie würde um Mitternacht immer noch jemand wartend in ihrem Zimmer vorfinden.
Sie ging also rasch entschlossen auf ihre Tür los. Sie nahm sich vor, Kopfschmerzen zu heucheln – ach, sie hatte wahrhaftig schon welche vor Angst und lauter Ärger – sie würde sich einfach ins Bett legen, Kompressen machen, Pulver schlucken und auf alle Fragen und Erzählungen nur ein ja oder nein stöhnen. Vielleicht bliebe sie dann bald allein.
Als sie die Tür öffnete, hatte sie einen Augenblick das Gefühl, zu träumen oder wahnsinnig zu sein.
Alle Türen und Fächer ihres Schreibtisches waren offen. Weiße Berge häuften sich davor. Sie erkannte mit einem flüchtigen Blick Briefe, Bilder, Studienhefte – alles in einem wüsten Durcheinander.
Vor den offenen Schüben der Kommode kniete Gisela in Hemd und schwarzseidnen Trikothöschen und zerrte und wühlte in Mettes Wäsche.
Es war das Schlimmste, was man Mette antun konnte, wenn man sich an ihren wehrlosen Sachen vergriff.
Sie stürzte auf Gisela zu und packte zornig ihren nackten Arm.
„Was machst du denn da? Was fällt dir denn ein?“ herrschte sie sie an.
Gisela war nicht im mindesten erschrocken. „Du kommst zu früh,“ sagte sie kalt und entblößte mit einem höhnischen Mundziehen die Zähne, „jawohl, zu früh, ich weiß ganz gut, was ich sage, ich meine nicht zu spät, sondern zu früh. Wenn du fünf Minuten später gekommen wärst, wäre alles schon erledigt gewesen.“
„Was heißt das?“ fragte Mette, immer noch mehr in Wut, als in Angst, obgleich das Gesicht, das sie hundert Sekunden lang dicht vor dem ihrigen gesehen hatte, ihr fremd und unheimlich erschien, „was tust du hier? Was kramst du in meinen Sachen?“
„Ich suche etwas,“ sagte Gisela scharf und höhnisch, „das siehst du wohl, daß ich etwas suche. Geht es dich etwas an? Ich glaube im Grunde nicht, daß es dich etwas angeht. Ich glaube nicht, daß es dich,“ sie zeigte ein paarmal mit ausgestrecktem Finger auf Mettes Brust, „dich im Grunde etwas angeht – in deinem Grunde. Ich in meinem Grunde gehe dich nichts an. Ich bin am Grunde – ganz tief am Grunde.“ Sie sang mit leiser gebrochener Stimme und schmerzlich verzogenem Gesicht „In einem kühlen Grunde“, um plötzlich mit ganz verändertem klaren und fast geschäftsmäßigen Ton zu sagen: „Ich suche deinen Revolver.“
Mette wollte einen Blick nach dem Nachttisch werfen, aber mit fast übermenschlicher Energie bezwang sie die schon begonnene Bewegung, als sie sah, daß Giselas Augen an ihrem Gesicht hingen und jeder leisen Regung folgten.
„Was willst du mit dem Revolver?“ fragte sie ganz ruhig, „das ist kein Spielzeug für dich.“
„Was ich mit dem Revolver will?“ sagte Gisela mit einem klagenden, singenden Kinderton. „Ihn abdrücken, gegen meine Schläfe halten, losdrücken, sterben, schlafen. Wie du fragst! Was ich mit dem Revolver will? Ei nun – was man mit einem Revolver zu tun pflegt. Ei nun ...“ Sie fing plötzlich an zu lachen. „Hast du schon einmal in deinem Leben gehört, daß ein Mensch ‚Ei nun‘ sagt. Zu blöd’!! Wer wohl diesen Satz erfunden hat! Ei nun ... ei nun ...“ Sie kam immer mehr ins Lachen, lachte so, daß ihr die Tränen über’s Gesicht liefen, schüttelte den Kopf, daß ihr die Strähnen um die Stirn flogen und wiederholte immer „ei nun – ei nun.“
Plötzlich stand sie auf und stieß mit den schmalen zierlich beschuhten Füßen gegen die Kleider, die auf dem Boden lagen.
„Du mußt dich nicht wundern, daß ich mich ausgezogen habe. Ich habe es ganz mit Absicht getan, weil mir zu warm war. Vielleicht findest du es ungehörig, daß ich mich in deinem Zimmer ausgezogen habe. Dann bitte ich dich hiermit um Verzeihung,“ sagte sie sehr förmlich, „du findest ja manches ungehörig, weil du aus einer höheren Gesellschaftssphäre stammst. Du bist eben ein Sphäroid,“ sie fing wieder an, unbändig zu lachen, „ich habe nie eine Ahnung gehabt, was das ist, aber genau so habe ich mir ein Sphäroid immer vorgestellt.“ Sie schwankte und stützte sich mit beiden Händen auf die Kommode, ihre Augen schlossen sich halb, ihr Mund verzog sich schmerzlich. „Wenn mich jetzt ein Mensch auf der Welt lieb hätte, würde er mich zu Bett bringen. Oh, nur liegen, daß mein Gehirn endlich in die richtige Lage kommt. Es hat sich umgedreht und stößt sich fortwährend an der Hirnschale.“ Sie lächelte, wie um Verzeihung bittend: „Ich weiß natürlich, daß es sich nicht umgedreht hat, aber es fühlt sich so an, glaub’ mir, genau so.“
Mette griff stützend an ihren Ellbogen:
„Komm, ich will dich hinlegen,“ sie bemühte sich, sehr sanft zu sprechen, „komm, sei mein gutes Kind. Du legst dich schön auf den Diwan – dann kommt dein armes Gehirn wieder in die richtige Lage – du bist müde, glaub’ mir, du mußt schlafen, dann bist du in ein paar Stunden wieder ganz frisch und munter.“
Sie faßte den schmalen, willenlosen Körper um die Schultern, führte ihn nach dem Diwan, bettete ihn auf die Kissen und bedeckte ihn noch mit den Decken aus dem Bett.
Sie setzte sich daneben und streichelte mechanisch die kalten und wie leblosen Hände, bis die zitternden Atemzüge ruhiger wurden, die Glieder sich streckten, und der Kopf sich tiefer in die Kissen grub.
Eine Weile saß Mette ohne sich zu rühren, weil sie Angst hatte, die Schlafende zu wecken. Jetzt war es doch wenigstens still im Zimmer.
Sie sah nach der Uhr. In einer halben Stunde hätte Gisela auf dem Podium stehen sollen, um zu singen. Sie warf einen Blick auf das erschöpfte Gesicht mit den erschlafften Zügen und dem geöffneten Mund. Es würde kaum möglich sein, die Schlafende jetzt zu erwecken, und sie an ihre Berufspflichten zu erinnern. Mette verspürte auch nicht die geringste Lust dazu.