Chapter 11 of 17 · 3943 words · ~20 min read

Part 11

„Wir wollen oft zusammen ins Freie,“ sagte Sophie, „ich will dir alles zeigen, was ich früher – ganz früher – so hundertmal gesehen habe, immer in so verzweifelter Einsamkeit und immer in so zerfressender Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich das alles zeigen könnte. Wir müssen gehen, wenn die Obstbäume blühen, und nachher, wenn der ganze Wald voll Heckenrosen und Gaisblatt steht, oh, und im September, wenn das Laub bunt wird.“ Sie faßte nach Mettes Hand und preßte mit einem fast schmerzend festen Druck die Finger um das Gelenk. „Du sollst auch nicht fortgehen – das war ja alles Unsinn, was ich dir vorhin gepredigt habe. Wir werden schon sehen, dein Leben hier zurechtzukriegen – wir müssen dir nur eine Arbeit suchen – und du mußt dir ein nettes, kleines Heim einrichten, daß du nicht mehr in der scheußlichen Pension zu wohnen brauchst – und dann mußt du feierabends kommen und gemütlich bei uns sitzen, und einmal in der Woche müssen wir uns freimachen von aller Arbeit und von morgens bis abends in den Bergen herumlaufen.“ Sie wechselte plötzlich den Ton und sagte komisch trocken: „Und dann müssen wir uns verlaufen und müssen die Dächer, aus denen das von Gott uns bestimmte Mittagessen raucht, vor der Nase haben und an einem Abhang stehen, den wir nicht hinunterkommen – oder?“

„Wir kommen!“ sagte Mette zuversichtlich. „Schon weil uns nichts anderes übrigbleibt. Oder wollen wir uns vielleicht vom Ziel entfernen, um einen bequemeren Weg zu suchen? Ausgeschlossen!“

Im Anfang, als die Füße in dem raschelnden Laub versanken, ging es ganz gut. Aber auf dem letzten Streifen, kaum haushoch über der Chaussee, standen wieder Fichten und Kiefern, und der nadelbedeckte Boden war in der Sonne glatter als gebohntes Parkett.

Sophie, die das Bergauf-bergab von Kindheit an gewohnt war, stand – wenn auch in letzter Zeit aus der Übung gekommen – doch auf festeren Füßen als Mette, die von Schritt zu Schritt nach einem Ast suchte, an dem sie sich halten konnte. Sophie streckte ihr die Hand hin, aber Mette schlug ehrgeizig jede Hilfe aus; dabei fingen sie beide an zu lachen, über sich selbst, über den andern, über das kleine Abenteuer, über Scherzworte, die sie sich zuriefen, es brauchte nur der Warnung des andern, daß man fallen würde, der Ahnung einer wirklichen leichten Gefahr, um das Gelächter, das man unterdrücken wollte, in tolle, kindische Lustigkeit ausarten zu lassen. Mette lachte, daß ihr die Tränen aus den Augen stürzten, sie sah nicht mehr, wohin sie trat, die Füße glitten unter ihr weg, ein Zweig, an dem sie sich hielt, knickte ab und blieb ihr in den Händen; sie wäre unfehlbar gestürzt, wenn nicht Sophie, einen Fuß gegen eine Wurzel gestemmt, sich ihr entgegengebeugt, sie aufgefangen und gehalten hätte. Einen Augenblick lagen sie so Brust an Brust, heiß, lachend, mit hastigem Atem und schlagenden Herzen. Im selben Augenblick wurden beide ernst, neigten die Gesichter zueinander und legten willenlos und demütig Mund auf Mund.

Mette schloß die Augen. Sie fühlte Sophies fiebernde Lippen auf ihren Lidern, ihren Schläfen, ihren Wangen. Sie hörte ihre heiße Stimme flüstern:

„Rühr’ dich nicht, wehr’ dich nicht, sonst stürzen wir beide hinunter!“

Sie dachte nicht daran, sich zu wehren. Sie dachte nicht daran, sich zu rühren. Sie hielt reglos still, das Herz wurde ihr groß und warm, und ihr war, als müsse es unter Liebkosungen aufblühen wie ein junger Baum im Maienregen. – – –

* * * * *

Sie aßen Mittag unter dem freundlich winkenden roten Dach und fuhren über den silbernen See und wanderten nach der Bahnstation, und waren bald ausgelassen, bald sentimental, aber immer zuvorkommend und ritterlich gegeneinander – und sie sprachen von tausend Dingen, nur nicht von sich selbst und nicht von dem, was sie dachten und empfanden.

Auf dem kleinen Bahnhof saßen sie zwischen andern Leuten, schweigsam und müde, und warteten auf den Zug. Die frühe Dunkelheit brach an, die wenigen Laternen warfen trübes Licht in das blaue Dämmer. Mette fing an zu frieren und drückte das Gesicht in den hochgeschlagenen Kragen.

Endlich kam der Zug. Sie suchten beide nach einem leeren Abteil, ohne diese Absicht auszusprechen. Sie fanden eines und stiegen ein.

‚Nun wird alles gut,‘ dachte Mette, ‚ich will meinen Kopf an ihre Schulter legen und mir leise gute Worte sagen lassen. Dann wird das Frösteln aufhören.‘

Sophie saß neben ihr, ein wenig vorgebeugt, und sah aus dem Fenster, ohne ein Wort zu sprechen – lange, lange. Draußen glitten Felder und Wälder vorbei, immer dichter in Dunkelheit gehüllt, selten durch ein helles Fenster, eine einsame Laterne unterbrochen. Endlich wandte Sophie Metten das Gesicht zu – ein Gesicht, das im schwachen Schein des flackernden Gaslämpchens gespannt in allen Zügen, ernst und totenblaß aussah.

„Ich habe dir heut’ morgen etwas gesagt, Metti,“ fing sie an – schwerfällig, stockend, und doch so, als hätte sie die letzte schweigsame Stunde dazu verwandt, es auswendig zu lernen, „denk’, es wäre das einzige gewesen, und vergiß alles, was ich sonst gesagt oder getan habe. Ich hab’ dir gesagt: geh’ weg von hier! Und ich bitte dich jetzt, wenn du das geringste – Wohlwollen für mich hast: geh’ weg von hier! Ich weiß seit beinah’ dreißig Jahren, daß ich ohne Nora nicht leben kann. Ich habe es mir selbst bewiesen – ich bin in jeder Hinsicht verkommen, als ich den Zusammenhang mit ihr ganz verloren hatte, und ich bin ein Mensch und ein Arbeiter geworden, von dem Moment an, wo sie bei mir war. Ich lebe seit fünf Jahren in der Überzeugung, daß ich restlos glücklich bin. Ich darf mir diese Überzeugung durch nichts erschüttern lassen. Ich darf niemals auf den Gedanken kommen, daß es eine Lebensmöglichkeit für mich gibt außer Nora. Sie würde es fühlen, und sie würde gehen. Sie erträgt ihre Leiden nur, weil sie mir bedingungslose Notwendigkeit ist. Sie würde ein Ende machen, wenn sie wüßte, daß ich mich eine Stunde lang wohlfühle ohne sie. Vielleicht hast du uns so gern, daß es dir ein Opfer ist, den freundschaftlichen Verkehr mit uns aufzugeben. Ich möchte beinah sagen: ich hoffe es.“ Sie senkte den Kopf sehr tief, damit man das Zucken ihrer Lippen nicht sah. „Aber ich weiß, daß du dieses Opfer bringen wirst, weil du eine Ahnung hast, um was es geht. Ich habe mich überschätzt. Es ist sehr schlimm, sich das eingestehen zu müssen. Wenn du fort bist, werd’ ich es Nora beichten – aber nicht jetzt, solange es ihr nur eine Minute die Ruhe nehmen könnte. Ich würde auch jetzt nicht den richtigen Ton dafür finden!“ Sie sah wieder aus dem Fenster.

Mette war die Kehle trocken.

„Natürlich,“ sagte sie gedankenlos, „selbstverständlich.“ Und immer wieder: „Ja – selbstverständlich – natürlich,“ ohne zu wissen, was sie damit meinte.

Als der Zug hielt, sprang Sophie heraus und faßte Mettes Ellbogen, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Aber sie ließ sie gleich wieder los, und beide lächelten verlegen und schmerzlich.

Auf dem Bahnsteig gaben sie sich mit festem Druck die Hand.

„Komm gut nach Hause, Kind,“ sagte Sophie. „Und gut durchs Leben. Und ich danke dir – für alles.“

„Ich dir auch,“ antwortete Mette tonlos.

Dann ließ die gute feste Hand sie los.

Einen Augenblick trafen sich ihre Augen, glitten ineinander, dann irrten sie wie aufgescheucht nach irgendeinem hellen Fleck in der Ferne.

Sophie wandte sich. Sie vergrub beide Hände in den Taschen, drückte den Kopf in den Nacken und schritt weit aus.

Eine Weile überragte sie noch das Gewühl der strömenden Menge, dann tauchte die hohe Gestalt unter und verschwand.

Langsam, mit schweren Füßen, wandte sich Mette nach der andern Treppe.

Mette hatte das Fenster weit aufgemacht, einen Stuhl dicht daran gestellt und saß nun, beide Arme auf die Brüstung gestützt, das Gesicht in die Hände gelegt und starrte zu dem Stückchen Nachthimmel auf, das die Häuser freigaben. Sie suchte den Antares – „ihren Stern“. Aber die Mauern verbargen ihn.

Die Luft war weich und warm, fast schwül. Manchmal wehte von irgendwoher ein Duft wie von Akazien oder Tuberosen. Irgendwo war Musik. Man hörte mancherlei Geräusch aus dem Schacht des Hofes heraufdringen. Geschirrklappern, Lachen, Sprechen, Singen – das kam, weil alle Fenster offen standen.

Mette fühlte sich an irgend etwas erinnert, an eine sehr glückliche Zeit, die begleitet war von diesen noch ungewohnten Geräuschen des jungen Sommers. Aber sie konnte sich nicht besinnen, wann und wo das gewesen war. Vielleicht in ihrer Kindheit, wenn sie abends am Fenster ihres weißen Mädchenstübchens saß, zu den Sternen hinaufstarrte und in den Garten hinunter und ganz erfüllt war von der ahnenden Erwartung des Lebens, das kommen sollte – des großen, starken, brausenden Lebens, dessen Widerhall an Sommerabenden das von Häusern umschlossene Viereck zu durchzittern schien – so wie das Brausen des Meeres sich in einer Muschel fängt und weitersummt.

Oh – wie schön müßte es sein, auf irgend etwas zu warten. Auf das Namenlose, das Unbegreifliche ... vielleicht kam es doch noch! Was wußte menschlicher Verstand! Vielleicht waren da oben keine Welten, wo unselige Lebewesen von Qual zerfressen wurden und sich gegenseitig zerfleischten. Vielleicht waren es Löcher im dunklen Vorhang, der den goldenen Thronsaal verhüllt, oder Blumen auf dem Wiesenteppich, über den die Seligen wandeln ...

Vielleicht war Sterben schön ...

Vielleicht war es ein Moment unbeschreiblichen Jubels, mit dem die Seele sich aus dem zerfallenden Kadaver aufschwang ... vielleicht, sie schloß die Augen – eine Welle der Erregung überflutete sie, daß ihr schwindlig wurde – vielleicht würde sie im Augenblick des Sterbens Olga sehen ... sehen? wenn der Mechanismus von Linsen und Sehpurpur und Nerven zerstört war? ... aber fühlen ... ahnen.

Es gab nur zwei Möglichkeiten – entweder das Bewußtsein blieb erhalten, oder es verflüchtigte sich. Im ersteren Fall war es kein größeres Risiko, eine andere Daseinsform anzunehmen, als etwa die Wohnung zu wechseln – im letzteren gab es keinen Schmerz, keine Reue, keine Trauer über das vertane Leben ...

Mette starrte nach den Sternen. Sie dachte daran, daß Olga ihr einmal erzählt hatte, wie sie durch die Kraft ihrer sehnsüchtigen Wünsche fast die Seele vom Körper gelöst hätte und auf die Wanderschaft geschickt. Mette fühlte, daß sie diese suggestive Macht über sich selbst nicht hatte. Aber vielleicht konnte sie nachhelfen, der gefangenen Seele ein kleines Tor aufsprengen – in der Brust oder in der Schläfe.

Ob sie wohl abdrücken würde, wenn sie jetzt den Revolver in Händen hielte? – – –

* * * * *

Aber der Weg durch das Zimmer war weit. Eh’ sie den dritten Schritt getan hätte, würde die feige Angst wieder da sein, und der brennende Wunsch nach den ganz kleinen, dummen, niedrigen Freuden des Lebens ... es müßte so nett sein, jetzt auf einer der Terrassen der hellerleuchteten Kaffeehäuser zu sitzen, Eis zu essen und Musik zu hören – nicht allein natürlich – in einem Kreis ruhiger, harmloser, bürgerlicher Menschen.

Es müßte sehr nett sein ...

... schöne und elegante Frauen an sich vorübergehen zu lassen – die auf- und abwogenden Leute zu bewundern oder zu bespötteln – sich von süßen und sentimentalen Geigenmelodien streicheln zu lassen ...

Und Eis mit Früchten! ...

Freilich, Sterben war vielleicht schöner ...

Und es war eigentlich leichter –

Der Revolver lag so nah!

Sie wandte den Kopf nach ihm. Es war fast, als riefe er nach ihr. Aber ihr Körper war schwer und wie festgekettet an dem Stuhl. Sie wußte: ‚Wenn ich jetzt aufsteh’, dann tu ich’s!‘

Aber sie stand nicht auf.

Draußen wurden lachende Stimmen hörbar, wurden lauter, kamen näher.

Man rief ihren Namen, klopfte an ihre Tür.

Sie brachen wie eine Horde in das stille Zimmer ein: Gisela, Kramer, Giesbert, die Luigi, Willi Krafft und Johannes.

„Weiß Gott, sie sitzt im Dunkeln!“ „Hast du gemunkelt?“ „Machst du astronomische Studien, oder willst du dich aus dem Fenster stürzen?“ „Mach hopp, dalli, komm mit, wir wollen noch ein bißchen bummeln! Es ist eine herrliche Frühlingsluft draußen!“ „Atmest du nicht mit mir ...?“

Sie hatte sich nicht nach diesen Menschen gesehnt – nach keinem von ihnen. Aber sie war fast gerührt, daß man sie nicht vergessen hatte. Sie dachten doch an sie – sie wollten sie mithaben – sie hatten sie vermißt – es war doch gut, nicht ganz allein zu sein auf der Welt.

„Gut,“ sagte sie heiter, „ich dachte gerade an Eis mit Früchten, als ihr kamt! Es ist nett, daß ihr mich holt – aber ihr müßt mir fünf Minuten Zeit lassen, daß ich mich anziehen kann – um eurer illustren Gesellschaft würdig zu erscheinen.“

Mette holte ihr hübschestes Sommerkleid aus dem Schrank, den kleidsamsten Hut – sie wußte selbst nicht warum. Aber sie hatte das unklare Gefühl, als liefen heute alle Bewohner der Stadt auf der Straße herum, um mit sehnsüchtigen Augen nach einem Menschen zu suchen. Vielleicht traf sie für eine Sekunde ein Blick, der an ihr Gefallen fand, aus irgendeinem Augenpaar, das ihr gefiel.

Es flog ihr durch den Kopf, während sie vorm Spiegel den Hut aufsetzte: Vielleicht ist es das, was die Menschen so ruhelos umhertreibt, immer von einer dieser sogenannten Vergnügungsstätten nach der andern – dies, daß sie hoffen, irgendwo für einen flüchtigen Augenblick dem Menschen zu begegnen, den sie suchen – den sie alle suchen, ihr Leben lang, weil sie alle allein sind. – – –

* * * * *

Sie saßen erst in den Korbsesseln einer Kaffeeterrasse, bei kleinen Lampen mit rosenbedruckten Seidenschirmen und Perlfransen, und aßen Eisfrüchte und Waffeln und tranken einen süßen Likör, um einer „Vergletscherung der Magenwände“ vorzubeugen, wie Giesbert sagte.

Aber die Luigi, die getanzt hatte, und Krafft und Johannes, die im Konzert gewesen waren, hatten noch nicht zu Abend gegessen und äußerten Sehnsucht nach einem reellen Beefsteak oder Schnitzel.

Man ging also zwei Häuser weiter in ein Weinrestaurant, wo die Musik dieselben Stücke in etwas veränderter Reihenfolge spielte.

Nach dem Essen ging man in die nächste Bar, trank ein Glas Schwedenpunsch und eine Flasche Sekt, und die Luigi tanzte mit Giesbert und mit Krafft, was alle andern Tanzenden zum Aufhören und interessierten Zuschauen veranlaßte. Mette fühlte sich ein wenig in ihrer Eitelkeit geschmeichelt, weil sie zu diesen gut tanzenden Leuten gehörte.

Als die Polizeistunde kam, machten die Kellner Rechnung, stellten eine gedämpftere Beleuchtung her und zogen die schweren violetten Vorhänge vor die Fenster. Niemand dachte daran, aufzustehen und zu gehen.

An einem Nebentisch saß eine schöne blonde Frau mit zwei Herren. Mette sah die ganze Zeit zu ihnen hinüber. Die blonde Frau beobachtete alles mit einer lachenden staunenden Neugier, als hätte man sie in einen zoologischen Garten geführt, und die beiden hochgewachsenen Männer saßen neben ihr, als hätten sie die Aufgabe, sie vor jedem frechen Blick und jedem giftigen Hauch zu schützen.

‚Vielleicht ist das eine ihr Mann und das andere ihr Bruder,‘ dachte Mette, ‚es ist ein Platz am Tisch frei – warum sitz’ ich nicht da? Gehör’ ich nicht zu diesen Leuten? Meiner Familie nach, meiner Erziehung, meiner Bildung, meinen Manieren? Der Glattrasierte ist sicher ihr Bruder – er hat eigentlich ganz ihr Gesicht. Würde es nicht viel besser zu mir passen, wenn ich mit ihm verlobt wäre und mit ihm und meiner Schwägerin und meinem Schwager einen kleinen Bummel machte – sehr hübsch wäre das. Warum wünsch’ ich mir das eigentlich? Wirklich nur, weil ich Sehnsucht nach ganz klaren, bürgerlichen, reinlichen Verhältnissen habe? ... oder weil die schöne Frau mir gefällt?‘

Als die drei Leute vom Nebentisch aufgebrochen waren, fing Mette an, es langweilig und öde zu finden. Sie war müde und hatte reichlich genug, aber ihr war doch, als müßte sie noch weiter, um irgend etwas zu erleben, als müsse sich noch irgend etwas ereignen, was dieser sinnlosen Vergeudung von Zeit und Geld einen Schein von Berechtigung gäbe. Sie hatte Angst, daß es wieder so würde wie immer, wenn sie sich zeitiger von der Gesellschaft trennte, weil sie die Langeweile nicht mehr ertragen konnte und es dann am anderen Tage hieß: „Schade, daß du so früh gegangen bist – es war noch so besonders nett nachher, wir haben den und den getroffen, und wir waren so ausgelassen!“

Gisela bestand darauf, in den Klub zu gehen. Die andern, bis auf Krafft, der keine Karte anrührte, nicht aus moralischen Bedenken, aber weil es ihn tödlich langweilte, stimmten ihr zu.

Mette erschrak ein wenig. Sie wußte, daß es kommen würde, wie immer. Gisela würde spielen und verlieren. Dann würde sie für Mette weitersetzen und wieder verlieren. Dann würde Mette versuchen, etwas zu retten und selbst setzen – mit ein wenig Vorsicht und Zurückhaltung. Und sie würde zweimal gewinnen und dreimal verlieren. Oder auch umgekehrt.

Jedenfalls hatte die Stunde im Klub nachher immer ein paar hundert oder ein paar tausend Mark gekostet, und Mette pflegte dann wochenlang die verlorene Summe in Bücher umzurechnen, die sie in den Schaufenstern sah, oder in schöne Holz- und Ledersachen. Oder sie betrachtete die Bettler auf der Straße, die sie damit hätte glücklich machen können, und die blassen Kinder, die mit wunschbrennenden Augen vor Spielzeug- oder Süßigkeitenläden standen.

Gewiß – sie kam nicht in Verlegenheit. Sie konnte an die Bank telegraphieren und hatte in wenigen Stunden Geld, soviel sie wollte. Sie wurde nicht ganz klug aus den Bankabrechnungen – aber soviel wußte sie doch, daß sie mehr als ihre Zinsen verbrauchte. Es gab ihr manchmal ein unbehagliches Gefühl, fast wie einen leichten Schwindel. Aber dann schalt sie sich philisterhaft und enggeistig. Sie würde ja nie Kinder haben – und sie würde nicht lange leben. Vielleicht wäre es ganz gut, einmal keinen Pfennig mehr zu besitzen, und so gleichsam auf des Messers Schneide zu balanzieren. In solchem Augenblick würde sich erweisen, ob die Kräfte des Lebens stark genug in ihr wären – vielleicht würde sie in einem ganz bescheidenen, arbeitsamen Dasein – als Kellnerin, als Verkäuferin – glücklicher werden. Vielleicht wäre äußere Not Anstoß zugleich und Entschuldigung, den geliebten Revolver an der Schläfe abzudrücken.

Es war nicht nur Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod, die Mette veranlaßte, mit den andern in den Klub zu gehen. Gisela spielte mit mehr Unglück als Leidenschaft, und wenn sie so dringend darauf bestand, den Klub, irgendeine Bar oder eine Diele aufzusuchen, so tat sie es, weil sie vermutete, Fiametta dort zu treffen. Mette wußte das. Sie waren einander im Winter oft begegnet, und Mette freute sich jedesmal an ihrer ausdrucksvollen und hochmütigen Schönheit und ärgerte sich jedesmal, weil die andere immer gewählter angezogen, sicherer im Auftreten und vor allen Dingen in besserer Gesellschaft war als sie selbst.

Da nichts und niemand in der Nähe war, um Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hatte sie Zeit gehabt, in einem Pfeilerspiegel sich selbst zu beobachten. Sie erschien sich sehr fremd, aber eben darum ganz annehmbar – sie nickte ihrem Bild mit den Augen zu, als wollte sie sagen: Sei nur ruhig, heut’ wird es uns gelingen, ein ebenso hochmütiges Gesicht zu machen wie diese selbstbewußte Person! – – –

* * * * *

Als sie den Klub verließen, waren sie alle mehr oder weniger schlechter Laune. Sie hatten alle verloren bis auf Johannes, der, die Hände voller Scheine, mit Tränen in den Augen und flehenden Worten hinter Krafft herlief, um ihm das Geld aufzudrängen.

„... das ist doch meins, Willi,“ hörte Mette, „das hab’ ich doch so gut wie verdient! Davon weiß doch kein Mensch etwas!“

Willi Krafft wies ihn ab, mit kaum beherrschter Ungeduld, beide Hände in den Jackentaschen vergraben.

Sie taten alle beide Mette leid. Und Kramer tat ihr leid, der unheimlich viel verloren hatte und ganz blaß und einsilbig war.

Und Giesbert und die Luigi taten ihr leid, die sich gegenseitig Vorwürfe machten, nicht wenigstens auf verschiedenen Seiten des Tisches gesetzt zu haben. Und aus deren halblauten heftigen Worten etwas flackerte wie jahrelang schwelender Haß.

Und Gisela tat ihr leid, weil sie elend und verfallen aussah wie eine Schwerkranke – und weil sie die Fiametta nicht getroffen hatte.

Und sie selbst tat sich leid – oh, sie tat sich selbst so leid!

Sie waren alle schlechter Laune, aber niemand wollte nach Hause gehen, um allein damit fertig zu werden.

Sie erwarteten alle noch eine Entschädigung für diese vergeudete Nacht, einen tollen Rausch, eine große Lustigkeit – eine Sensation, ein Erlebnis, eine Freude, oder eine Stunde Vergessen aller Widerwärtigkeiten.

„Wo jetzt hin?“ fragte Giesbert und ließ mit etwas erzwungenem Übermut den Stock tanzen, „Stimmung, Herrschaften, Stimmung. Der Kater hat bekanntlich erst morgen in Aktion zu treten! Auf zum süßen Emil. Ich taxiere, die überwiegende Mehrzahl unserer erlauchten kleinen Gesellschaft wird sich da wie zu Hause fühlen.“

Sie bogen in eine stille, dunkle Seitenstraße. Still und dunkel lag da ein kleines bürgerliches Bierlokal dritten Ranges. Eine ältere Frau mit bloßem Kopf und Umschlagetuch schien auf einen herumschnüffelnden kleinen Hund zu warten, den sie von Zeit zu Zeit lockte und rief.

Giesbert schien sie zu kennen. Er begrüßte sie durch einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und forderte sie auf, die Haustür zu öffnen.

Die Alte übernahm die Führung, unter ständigen geflüsterten „Obacht“-Rufen ging es Stufen hinauf und hinab, über einen unbeleuchteten Hof, durch schmale Türen, enge, stockdunkle Gänge zwischen dicken Friesvorhängen hindurch, bis Licht, Geräusch, Farben und Stimmen einem plötzlich wirr und überraschend entgegenschlugen.

Der große langgezogene Raum, in einem fliederfarbenen Licht gebadet, war mit raffiniertem Geschmack ausgestattet, schwarz und lila waren die vorherrschenden Farben, schwarz war der dicke Teppich mit verstreuten lila Blüten, schwarz die polierte Holztäfelung, schwarz der Marmorkamin, die schweren Samtvorhänge, mit rasend verzerrten lila Ornamenten bedeckt, schwarz Bronzen und Holzschnitzereien, die auf dem Sims der Täfelung standen und sich von der fliederfarbenen Wandbespannung abhoben.

„Hübsch,“ sagte Mette mit erstaunten Augen, „wie kommt das hierher?“

„Das haben ihm seine Freunde so eingerichtet,“ sagte Giesbert mit etwas spöttischem Lächeln. „So als eine Art kleines Privatetablissement! Warum soll es nicht hübsch sein? Es sind sehr reiche Leute darunter – und sehr bekannte Künstler – Maler, Bildhauer, Innenarchitekten – was Sie wollen! Der süße Emil liefert ihnen als Revanche den Sekt und die Gesellschaft!“

„Emil!“ rief Johannes einen schlanken, geschmeidigen, dunkellockigen Mann an, „zeig’ doch unsern Damen einmal dein Lokal!“

Der Gerufene war mit viel Liebenswürdigkeit bereit. Er öffnete eine schmale Tür, und man kam in einen trübe erleuchteten, nüchternen Raum, in dem ein Dutzend braune Tische standen, auf denen jetzt schon die leichten Rohrstühle aufgestapelt waren, und wo bunte Plakate von Bier- und Tabakfirmen an den Wänden prangten.

An einem Tisch in der Ecke, der noch gedeckt war, lümmelten sich ein paar junge Burschen mit Karten in der Hand.

Anstoßend war der eigentliche Schankraum, dessen Fenster auf die Straße gingen. Wieder ein paar Tische und Stühle, die Theke mit den blankgeputzten Bierhähnen, ein Orchestrion an einer Wand. Hier war es fast ganz dunkel, nur eine kleine Notlampe über dem Büffet warf blitzende Lichter auf das Metall. In einer Ecke sah man schattenhaft zwei Gestalten, die miteinander zu ringen schienen, und hörte unterdrücktes Gekicher.

Sie gingen in den ersten Raum zurück, und „Emil“, wie er von allen Seiten gerufen wurde, war ihnen behilflich, einen bequemen Tisch und die nötige Anzahl Stühle zu finden.

Mette betrachtete die Leute um sich mit einem Gemisch von Neugierde, Teilnahme und Widerwillen.

Nicht weit von ihr saß ein fetter, schwarzbärtiger Mann, an seiner breiten, behaarten Hand blitzte und funkelte ein rosiger Solitär. Mit dieser dickfingrigen, ringgeschmückten Hand tätschelte er Kopf und Schulter eines jungen, blassen Burschen, der offenbar einen ausgewachsenen Sonntagsanzug anhatte und halb frech und halb verlegen aussah.

An einem anderen Tisch saß ein vornehm aussehender alter Herr, dessen feingezeichnetes Gesicht mit dem ergrauenden Spitzbart den Denker verriet. Die eine der schmalen weißen Hände lag um den Fuß des Sektkelches, die andere begleitete seine langen Reden mit einer Geste, als stünde er auf der Tribüne oder auf der Kanzel. Seine schönen blauen Augen glühten wie in einem Feuer jugendlicher Begeisterung. Ihm gegenüber saß ein breitschultriger, stiernackiger Soldat mit einem hübschen ehrlichen Bauerngesicht und grinste geschmeichelt und verständnislos.