Part 2
Mette dachte oft über sich selbst nach. Sie las und lernte abends im Bett so lange, bis ihre Gedanken sich verwirrten, und sie, schon halb im Schlaf, nach der Lampe griff, um das Licht auszudrehen. Aber manchmal wurde sie nach kurzer Zeit durch irgendein Geräusch geweckt, daß sie mit hämmerndem Herzen auffuhr. Und dann konnte sie oft stunden- und stundenlang den Schlaf nicht zwingen – dann nützte weder Zählen noch Vokabelaufsagen, noch die Vorstellung des wogenden Kornfeldes – ein Zehntel der Gedankenkraft blieb mechanisch bei den Zahlen, und neun Zehntel jagten kreuz und quer und schleppten und zerrten alles herbei, was peinvoll und quälend und beunruhigend war. In solchen schlaflosen Nächten, wenn alle Dinge ihr so bedrohlich und feindselig naherückten und sie immer mehr bedrängten, bis sie schließlich fiebernd und glühend die Decken zurückwarf und sich aufrichtete, um Atem holen zu können, oder um die gekrampften Fäuste gegen ihre Angreifer zu schütteln, oder um die Finger in ihr Haar zu krallen und die gesenkte Stirn schwer, schwer in die Hände zu stützen – in solchen schlaflosen Nächten dachte Mette auch über sich selbst nach.
Sie wäre sich gern darüber klar geworden, ob sie ein guter oder ein schlechter Mensch war. Es war sehr schwer, das festzustellen, und manchmal spielte sie mit dem Gedanken, einen unbefangenen Menschen zum Richter aufzurufen, ihm alle „Für“ und „Wider“ vorzutragen und sich einem Urteil zu unterwerfen, sich freisprechen zu lassen oder eine Buße auf sich zu nehmen. Sie suchte unter den Leuten auf der Straße, in den Bahnen, in den Konzerten nach einem Gesicht, das von der Fähigkeit zu solchem Richteramt zeugte. Aber sie fand keines.
Sie suchte auch unter den gemalten Gesichtern in den Galerien. Und da war schon eher ein oder das andere, vor dem sie hätte stehenbleiben mögen, um mit gefalteten Händen zu bitten: Hilf du mir doch – das hab’ ich getan – und das hab’ ich verabsäumt – und dessen hat man mich ungerecht beschuldigt. Wie steht es nun um mich – sind andere Menschen besser oder schlimmer? Haben viele ein Recht, mich zu verachten? Habe ich das Recht verwirkt, andere zu verachten? Gibt es nicht ehrbare und tugendhafte Menschen, die niedriger stehen als ich? Und darf ich nicht zu manchen aufsehen, die noch mehr gesündigt haben, als ich?
Manchmal prüfte sich Mette, ob sie irgend etwas anders tun würde, wenn es ihr noch einmal zu tun gegeben würde. Sie meinte dann wohl, daß sie ihrem Kinderfräulein nicht mehr mit so blinder Schwärmerei anhängen würde. Und daß sie versuchen würde, ihrem Vater näher zu kommen, mehr Verständnis für ihn zu gewinnen, und ihm mehr Verständnis beizubringen. Und dann würde sie die Schuljahre besser ausnutzen, um das wenige, was sich auf der Schule lernen ließ, wenigstens gründlich zu erfassen.
Aber all dies war es ja nicht, was man ihr als Schuld angerechnet hatte. Ihre Schuld, ihr Verbrechen war gewesen, daß sie Olga Radó zu sehr geliebt hatte.
Und wenn Mette an diesen Punkt kam, dann bäumte sich der Widerspruch in ihr auf wie ein gepeitschtes wildes Pferd. Wenn Olga noch einmal in ihr Leben träte, dann würde sie jedes Verbrechen begehen, um zu ihr zu gelangen, ihre Stimme zu hören, ihre Hände zu fühlen.
Sie hatte einen Wachtraum, der mit der Hartnäckigkeit eines Fieberwahns immer wiederkehrte. Sie sah Olga in weiter Entfernung, manchmal wie vor ihr fliehend, aber meist ihr zugewandt, mit sehnsüchtig ausgestreckten Händen. Sie wollte zu ihr. Sie mußte zu ihr. Aber immer drängte sich jemand dazwischen. Ihr Vater, Tante Emilie, Onkel Jürgen, Frau Flesch, der Detektiv, die Möbius-Mädels. Und Mette hielt den Revolver umklammert – Olgas Revolver – und schoß. Und traf. Und die Getroffenen stürzten zusammen und ließen den Nächsten auftauchen. Aber wenn die Reihe zu Ende war, fing sie wieder von vorn an. Wie Puppen in einer Schießbude standen sie wieder auf und versperrten ihr den Weg. Und Mette schoß sie nieder, unzähligemal. Aber Olga entfernte sich, ihre Erscheinung wurde immer undeutlicher, verblaßte, verdämmerte, bis sie verschwand.
Die Sehnsucht nach Olga konnte Mette fast bis zum Wahnsinn peinigen – und doch war sie nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Sehnsucht, die ins Ungewisse ging, die nach einem Menschen schrie, nicht nach Liebe oder Kameradschaft oder Verständnis, nur nach der Wärme eines Körpers, nach umschlingenden Armen, nach zärtlichen Lippen.
Dann konnte es vorkommen, daß Mette sich mit Nägeln und Zähnen in die Kissen einkrallte und sich schüttelte wie im Fieber. In solchen Augenblicken wurde es ihr auch klar, daß sie doch wohl ein schlechter Mensch wäre. Und das Belastendste war, daß sie keine Reue kannte und nicht einmal gute Vorsätze. Im Gegenteil. Wenn sie sehr unglücklich war, dann faßte sie geradezu den Vorsatz, schlecht zu werden. Sie wollte nur lernen und an sich arbeiten, um Macht über die Menschen zu gewinnen, um zu berücken, zu verführen. Und dann wollte sie nach allem greifen, was ihre Lust oder ihre Neugier auch nur für eine Stunde reizte, wollte nur den Schaum von den Kelchen schlürfen, den Saft aus den Früchten pressen und weiterjagen, von einem zum andern, nirgends verweilend, nirgends sich anheftend, nirgends aus den Tiefen schöpfend.
Ein solcher Entschluß trieb sie den Menschen näher. Sie wollte kopfüber den Sprung in den Strom wagen, weil sie die Kraft in sich fühlte, die Flut zu meistern. Sie nahm sich vor, am andern Tag eine Bekanntschaft anzufangen, mit irgend jemand auf Redefuß zu kommen – ein Wort konnte wie ein ins Wasser geworfener Stein immer weitere Ringe ziehen, und in wenigen Wochen konnte sie der Mittelpunkt eines Kreises sein.
Wenn sie am andern Tag unter den Gesichtern Umschau hielt, erschienen sie ihr plötzlich alle leer und langweilig oder verlogen und unheimlich, und ihr Inneres zog sich zusammen wie ein erschreckter Igel, ängstlich und feindselig. Und sie faßte einen neuen Entschluß: zu schweigen, immer zu schweigen, niemals mehr als das unumgänglich Notwendige zu reden, niemals mehr einem Menschen das Du zu gönnen, Barrikaden und Mauern des Schweigens zu errichten zwischen sich und der Welt. – – –
* * * * *
Es wäre vielleicht noch wochen- und monatelang so weiter gegangen, wenn nicht eines Tages Gisela Werkenthin in die Pension gekommen wäre, um die kleine Geschminkte zu besuchen. Sie fiel Mette sofort auf, als sie das Eßzimmer betrat. Nicht, daß sie besonders schön gewesen wäre. Sie war schlank, schmächtig, knabenhaft gebaut. Ihr schmales Gesicht wurde noch schmäler durch das auf Pagenart geschnittene dunkle Haar, das die Hälfte der Wangen verdeckte. Ihr Mund war fast lippenlos, nur eine feine blaßrote stolz und schmerzlich gebogene Linie. Ihre dunklen Augen mit auffallend breiten Lidern lagen in großen, tiefen, aschgrauen Höhlen.
Mette stand an diesem Abend nicht gleich nach dem Essen auf, wie gewöhnlich. Sie ließ sich noch einen Tee bringen, um einen Vorwand zu haben, tat, als ob sie ungeduldig in dem Tee rührte, um ihn abzukühlen, und beobachtete dabei den Tisch, an dem die blasse Frau mit den abgeschnittenen Haaren saß.
Sie lachte mit den andern, trank, und rauchte unzählige Zigaretten.
Aber plötzlich konnte sie während des lärmenden Gesprächs in sich zusammensinken, wie eine Schlafende, die schmale Hand mit der brennenden Zigarette stand wie erstarrt in der Luft, und ihre Augen bohrten sich durch den Nebel von Rauch und Dunst, als sähen sie in der Ferne ein furchtbares lähmendes Geschehen.
Am nächsten Tage suchte Mette Frau Meidinger, die Wirtin, auf. Sie hatte eine unwichtige Kleinigkeit mit ihr zu besprechen, die sie sicher ein anderes Mal durch die Vermittlung des Mädchens erledigt hätte. Aber in der Nacht hatte sie den unerschütterlichen Entschluß gefaßt, den Sprung in das „Leben“ zu tun, und aus diesem Grunde zwang sie sich erst einmal dazu, Frau Meidinger persönlich aufzusuchen, die blond und rundlich, wohlfrisiert und liebenswürdig wie immer, in ihrem sehr behaglichen Wohnzimmer hinter einem gedeckten Teetisch thronte.
Sie schien sehr entzückt, Mette zu sehen. Sie quälte so lange, bis Mette eine Tasse Tee genommen hatte, und dann fing sie an, in ebenso neugieriger wie herzlicher Art, Fragen zu stellen, die Mette beantwortete, weil sie keinen Grund hatte, sie _nicht_ zu beantworten. Aber sie lächelte ein wenig dabei und dachte: ‚Wenn ich etwas vor dir verbergen wollte, meine Liebe – auf _diese_ Weise würdest du es nicht aus mir herausfragen.‘
Sie gab gern zu, daß sie Waise wäre. Ja, es war ihr sogar ganz recht, daß die Trauer, die sie noch um ihren Vater trug, eine genügende Erklärung für ihr blasses und verhärmtes Aussehen gab. So kam die gutmütige und aufdringliche Frau wenigstens nicht auf den Gedanken, nach einem heimlichen Kummer und seiner Ursache zu forschen.
Mettes Schicksal war in wenigen Sätzen klargestellt: sie war Waise, hatte weder Geschwister noch Großeltern am Leben und hatte mit Absicht eine fremde Stadt aufgesucht, um in ganz veränderter Umgebung die traurigen Eindrücke der letzten Zeit loszuwerden. Frau Meidinger gab sich damit zufrieden, oder sie tat wenigstens so. Sie gestand Mette ein, daß – was diese sehr verwunderte – schon alle Gäste nach ihr gefragt hätten, und daß jeder hinter der jungen schweigsamen Dame in Trauer eine romantische Geschichte vermutete. Fräulein Luigi – Mette würde doch zweifellos Fräulein Luigi kennen? – sie wäre ja beim Kabarett und hätte viel Erfolg jetzt, außergewöhnlich viel Erfolg – ja, die Kleine mit dem schönen roten Haar – mit dem rotgefärbten Haar, versteht sich, das hätte Mette doch wohl auch schon bemerkt? – Also Fräulein Luigi hätte sogar Frau Meidinger schon immer gequält, daß sie eine Bekanntschaft vermitteln solle; aber wie Frau Meidinger das Fräulein Peters erzählt habe, hätte die gesagt, sie wäre immer sehr geradezu, Fräulein Peters, und manchmal auch ein bißchen derb: „Unterstehen Sie sich und machen Sie dies feine, zarte, vornehme junge Menschenkind bekannt mit dieser ...“, na, sie wollte lieber nicht wiederholen, was Fräulein Peters gesagt hätte, denn, wie gesagt, Fräulein Peters sei manchmal ein bißchen derb. Aber so schlimm würde es wohl gar nicht sein mit der kleinen Luigi. Sie wär’ natürlich keine Heilige vom Himmel – aber wen ginge das was an? Sie, Frau Meidinger, wäre ihr nicht zum Vormund gesetzt ... und die Hauptsache wäre, daß ihr Haus rein bliebe, darauf achtete sie, und da könnte ihr keiner etwas nachsagen. Und wenn ein junges Mädel heut ihr Brot verdienen müsse wie ein Mann, dann wolle sie auch ihr Vergnügen haben wie ein Mann. Die Soliden wären ihr lieber, freilich, selbstredend. Aber heutzutage, ach, wer wäre denn heutzutage noch solid? Und wer es nicht so triebe, der triebe es eben anders. Ob Mette nicht gestern die Gisela gesehen hätte?
Mette machte ein zweifelndes Gesicht und hatte das Gefühl, rot zu werden.
„... eine von den Damen, die gestern zu Besuch bei Fräulein Luigi waren?“
„Ja, die Dunkle – ach, Sie haben sie sicher gesehen, Fräulein Rudloff! Sie sieht ja so elend aus, so namenlos elend! Ist Ihnen das nicht aufgefallen? Sie haben wohl nicht so den Blick dafür – aber wer Bescheid weiß, der sieht es ihr ja auf hundert Schritt an, daß sie Morphinistin ist. Es ist schließlich keine Indiskretion von mir, wenn ich Ihnen etwas erzähle, was die ganze Stadt weiß. Diese begabte Person! Es ist ein Jammer um sie, denn sie geht zugrunde, sage ich Ihnen, sie geht zugrunde an einer Frau!“
Frau Meidinger machte eine Kunstpause und sah Mette erwartungsvoll an.
Mette fühlte, daß dieser Blick sie aufforderte, irgend etwas zu sagen.
„Wie fürchterlich,“ sagte sie in dem Ton eines Kindes, dem man unglaubbare Schauergeschichten erzählt.
„Ja, mein liebes Kind,“ sagte Frau Meidinger mit beinah mitleidiger Überlegenheit, „in Ihren großen unschuldigen Augen, da steht so deutlich die Frage: Gibt es denn so etwas überhaupt? Ach, mein Kind, haben Sie eine Ahnung, was es alles gibt! Wir leben in einer schrecklichen Zeit, wirklich! Aber was soll man machen? Man kann aus der Zeit ebensowenig heraus wie aus seiner eigenen Haut. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, ich hätte auch lieber im Biedermeier gelebt, wo alles recht gemütlich herging. Oder zu Goethes Füßen gesessen – wo finden wir heute einen Goethe?“
Mette bedauerte aufrichtig, Frau Meidinger nicht zu dem ersehnten Platz verhelfen zu können. Sie stellte sich das Bild recht erheiternd vor und benutzte die nächste Gelegenheit, um sich zu verabschieden.
Schon während sie über den langen, schlecht erleuchteten Flur nach ihrem Zimmer ging, kehrten ihre Gedanken zu der armen Gisela zurück und hörten nicht auf, sie zu umkreisen.
Arme Gisela, die an einer Frau zugrunde ging! Oh, wie Mette sie verstehen konnte. Und sie würde Mette verstehen. Alles würde sie verstehen, was Mette durchgemacht, Kampf und Liebe und Leid.
Mette war zumut, als müsse sie diese fremde Frau mit den qualbrennenden Augen suchen, ihr nachgehen, sie bei der Hand fassen, um ihr zu sagen: „Wir verstehen uns, wir gehören zusammen, weil wir die Unglücklichsten der Welt sind. Wir müssen Freunde werden, weil niemand außer uns begreifen kann, was wir gelitten haben.“ – – –
* * * * *
Am andern Abend ging das Gespräch zwischen den Tischen hin und her über irgendeine Meldung des Abendblattes. Einige hatten die Zeitung schon gelesen, andere nicht, und da Mette sie in der Hand hielt, bot sie sie ihrem Nachbarn an. Die kleine Luigi bat, auch einen Blick hineinwerfen zu dürfen, was Mette mit großer Liebenswürdigkeit gestattete, und nach fünf Minuten war ein allgemeines Gespräch im Gange.
Am nächsten Tag schien es für Fräulein Luigi selbstverständlich, daß sie Mette mit ein paar freundlichen Worten anredete. Und am Abend, als sie die, welche sich gewöhnlich um sie scharten, aufforderte, auf ihrer Bude noch einen Schnaps zu „genehmigen“, trat sie auch an Mettes Tisch heran und bat sie, noch eine Viertelstunde mitzukommen – nicht „feierlich“, aber „gemütlich“.
Mette gab sich innerlich einen Ruck und stand auf, um mitzugehen. Sie mußte an dem Tisch vorüber, an dem Luise Peters mit ihren Genossen saß. Mette ging mit sehr hochgerecktem Kopf vorbei, aber sie glaubte die erstaunten und spöttischen Blicke auf ihrem Rücken prickeln zu fühlen. In einem aufwallenden Trotzgefühl schob sie ihre Hand in den Arm der kleinen Luigi: ‚Ich gehöre zu diesen hier,‘ sollte das den andern sagen, ‚zu diesen, die ihr verachtet, und die ein Herz für mich haben – und nicht zu euch, ihr hochmütigen Tugendbolde – ihr hättet euch ja eher um mich kümmern können – jetzt geschieht es euch recht, wenn ich zugrunde gehe!‘
Als dies Gefühl ihr klar wurde, kam sie sich selbst sehr lächerlich vor. Was hatten diese wildfremden Menschen mit ihr zu tun, wieso hatten sie eine Verantwortung für sie! Und doch empfand sie dunkel: Die da sitzen und mir höhnisch und bedauernd nachsehen – die sind meine Klasse, sind mir verwandt, zu ihnen gehöre ich – aber ich löse mich von ihnen und gehe mit den andern, mit den fremden – mit denen, die mir verwandt sind, weil sie mein Schicksal haben, weil sie überhaupt ein Schicksal haben und nicht bloß ein Dasein, weil sie Leid kennen und Leidenschaft – und nicht bloß Leiden, weil sie eifersüchtig sind und nicht bloß eifrig, weil sie triebhaft sind und nicht bloß betriebsam ... nein, ich gehöre nicht zu euch, ich hasse euch, ich verachte euch! Ihr und euresgleichen, ihr habt Olga Radó gemordet – ich gehöre nicht mehr zu euch, und da ich doch irgendwohin gehören muß, will ich versuchen, zu diesen zu gehören.
Sie überschritt die Schwelle zu Mara Luigis Zimmer mit so angespannter Entschlußkraft, als schritte sie in ein neues Leben. – – –
* * * * *
Die kleine Luigi mußte von den meisten Stühlen erst eilig irgend etwas wegraffen, um ihren Gästen Platz anbieten zu können. Als sie einen Arm voll aller möglichen Gegenstände zusammen hatte, warf sie ihn aufs Bett: „So, Kinder, setzt euch!“
Fräulein Lorenz, eine schlanke, gutgekleidete Blondine mit einem hübschen und ausdruckslosen Puppengesicht, warf sich auf den kissenbedeckten Diwan und nahm einen großen Teddybären zärtlich in den Arm. Der kleine Kramer, ein blonder, schmächtiger Junge mit dem Gesicht eines frühverdorbenen Kindes, bemühte sich, einen Platz auf dem Diwan zu erkämpfen. Aber die hübsche Lorenz trat so heftig nach ihm, daß ihre schlanken zappelnden Beine in dünnen Seidenstrümpfen bis über die Knie sichtbar wurden.
Ein ernst und kränklich aussehender Mann, der nicht unbedingt zu diesem Kreis gehören mußte, da Mette ihn auch schon mit der andern Partei in freundschaftlichem Gespräch getroffen hatte, schob Mette, die noch immer wie unschlüssig in der Mitte des Zimmers stand, wortlos einen Sessel hin.
Mette lächelte ihm dankbar und etwas verwirrt zu und setzte sich.
Unterdessen hatte der kleine Kramer einen so kräftigen Tritt erhalten, daß er mit einem lauten Jammergeschrei von der Diwanecke herunterrutschte und auf den Teppich glitt, wo er sitzen blieb und sich weder mit Gewalt noch mit Zureden wieder in die Höhe bringen ließ.
Frau Breslauer, eine üppige Dame mit gemalten Augenbrauen, hatte auf dem Bett ein Korsett aus weißem Seidentrikot entdeckt, das sie unter den zahlreichen anderen Sachen hervorzog. Sie wollte absolut wissen, ob es Maßarbeit sei, ob die berühmte Fischer es angefertigt hätte und wie teuer es gewesen wäre.
Giesbert, ein junger Maler, ein schlanker, gut aussehender Mensch, riß das Korsett aus den Händen der Frauen und tanzte damit durch die Stube. Mara Luigi jagte hinter ihm her, sie hatte die ohnehin schon kurzen Röckchen mit der linken Hand zusammengerafft, die rechte streckte sie zappelnd in die Luft – wenn Giesbert sich aufreckte, kletterte sie auf einen Stuhl, wenn er auf einer Seite des Tisches hin und her sprang, in Bereitschaft, jeden Augenblick die Laufrichtung zu verändern, machte sie es auf der anderen Seite ebenso. Ihre Haarnadeln fielen klirrend zu Boden, Strähnen und Locken tanzten um ihr Gesicht.
Mette legte die Hände sehr fest um die Sessellehnen und schloß eine Sekunde die Augen, weil sie fühlte, daß sie schwindlig wurde.
‚Das ist das Leben,‘ dachte sie, ‚ich muß mich daran gewöhnen.‘
Der häßlich und kränklich aussehende Mann, der immer noch hinter ihrem Stuhl stand, beugte sich ein wenig vor und sagte mit einer ungemein sanften und angenehmen Stimme:
„Gnädiges Fräulein sind fremd hier?“
„Ja,“ sagte Mette mit einem hilflosen Lächeln, „ziemlich!“
Sie schalt sich selbst sehr kleinlich und spießbürgerlich, aber sie hatte doch das Gefühl, daß es immer noch leichter in einer der steifen und herkömmlichen Gesellschaften sei, wo die Wirtin die Verpflichtung fühlte, sich um einen fremden Gast zu kümmern. Sie wollte nicht beachtet werden, nicht eine Rolle spielen, sie hätte diesem Durcheinander gern als unbeteiligter Zuschauer beigewohnt – aber als unsichtbarer – weil sie – ganz zu Unrecht – das Gefühl hatte, daß jeder sie ansah und mit leisem Unbehagen feststellte, daß dieses ernste, unbeholfene und schweigsame Wesen gar nicht in den Kreis paßte. Sie war sehr dankbar, daß dieser fremde, nicht sehr sympathisch aussehende Mann sie ansprach, und daß sie sich ihm zuwenden konnte – schon, damit die andern nicht dachten, sie warte hochmütig darauf, daß sich irgend jemand ihrer annähme.
Der häßliche Mann neigte sich ein wenig:
„Eccarius. Man hat uns zwar sehr liebenswürdigerweise zusammen eingeladen, aber man hat leider bis jetzt versäumt, uns miteinander bekannt zu machen.“
Er lächelte. Und dies Lächeln war bei aller Überlegenheit so gütig und nachsichtig, daß es Mette sofort für ihn einnahm.
„Man darf es so genau nicht nehmen,“ sagte sie, auch ihrerseits sofort zur Nachsicht bereit. „Es geht auch so!“
Sie gab sich einen kleinen Stoß und nannte ihren Namen, was Eccarius jedoch nicht veranlaßte, die Anrede „gnädiges Fräulein“ aufzugeben.
„Darf ich?“ Er zog sich einen Stuhl in ihre Nähe. „Natürlich, mein gnädiges Fräulein, es geht auch so! Wir stecken immer noch viel zu sehr im überlieferten Formelkram. Ich beneide diese Menschenkinder um ihre schöne Leichtigkeit! Das hüpft und springt und duzt sich und teilt alle Geheimnisse und weiß gar nicht, wie schwer es für unsereinen ist, eine Brücke von Mensch zu Mensch zu schlagen.“
Durch das Wort „unsereinen“ fühlte Mette sich erkannt. Trotz aller Mühe, die sie sich gab, merkte man ihr also an, wie fremd sie in diesem Kreise war. Sie war sich nicht ganz klar, ob sie das als wohltuend oder schmerzlich empfinden sollte.
Der hübsche Giesbert tanzte vor dem großen Schrankspiegel herum, hatte das Korsett über seinen grauen Jackenanzug umgelegt und versuchte, es zuzuzerren.
„Mein bestes Korsett,“ schrie die kleine Luigi aufgeregt, „du wirst es mir kaputt machen! Du bist ein Viech, leg’ es hin, aber sofort!“
„Du brauchst es ja doch nicht,“ lachte Giesbert, „tu doch nicht so, als ob du je eins anhättest!“
Er kniff sie in die Seiten, was sie zu einem lauten Quietschen veranlaßte.
Mette hätte es sich selbst nicht zugegeben, daß sie sich durch diesen Ton verletzt fühlen könnte.
„Wie herrlich jung diese Menschen sind,“ sagte sie lächelnd zu Eccarius, „ich komme mir ganz alt und grämlich vor neben diesen Kindern.“
„Kindern ...“ wiederholte Eccarius mit einem seltsam verschlossenen Gesichtsausdruck und nach innen schauenden Augen, „ja, vielleicht ... Kindern ...“ Dann sah er Mette an, mit einem vollen Blick und seinem guten Lächeln:
„Sie haben sicher eine sehr glückliche Kindheit gehabt.“
„Ja,“ sagte Mette mit tiefster Überzeugung.
Sie dachte dabei nur an ihre ersten Lebensjahre. Sie sah sich im Park bei den Großeltern, in weißen gestickten Kleidchen, die die welken, gütigen Hände der Großmutter unermüdlich für sie arbeiteten. Sie sah das Gartenhäuschen mit den bunten Gläsern in den Fensterscheiben und den Bach mit der Brücke und die leuchtenden Blumenrondells vor der Terrasse. Sie spürte den Heuduft, der von den Wiesen herüberkam, sie hörte das Summen der Insekten, das die ganze Luft wie mit fernem Glockenton erfüllte, sie sah die riesengroßen weißen und gelben Schmetterlinge, die fast so groß waren wie die Kinderhändchen, die sich zärtlich nach ihnen streckten.
Wie kam es nur, daß sie an diese Zeit dachte, als sei jeder Tag, jede Stunde voll und übervoll einer unnennbaren Seligkeit gewesen, einer Seligkeit, die jetzt noch, wenn nur das Wort „Kindheit“ gesprochen wurde, das Herz mit einer sanften, lichten Wärme streichelte!
Wenn Mette daran dachte, daß sie sehr früh schon Kampf und Qual und Leid kennengelernt hatte, daß sie gegen Tante Emilie, die mit viel Rechtlichkeit und wenig Verständnis ihre Erziehung leitete, einen peinigenden Haß empfunden hatte, daß ihr früh schon bewußt war, was es hieß, Eifersucht zu fühlen, dann war ihr, als gehörte diese Zeit – eine Zeit, wo sie noch nicht zehn Jahre alt war – schon nicht mehr ihrer Kindheit an. Kindheit, das waren die wenigen Jahre, in denen ein Quell von beglückender Liebe aus dem eigenen Herzen sprudelte und sich unterschiedslos über Bäume, Tiere, Menschen und Puppen ergoß, die nur irgend in den Bereich der Sinne kamen.
In dem Augenblick, wo dieser Liebesstrom in eine Richtung geleitet wurde, wo er Hindernisse durchbrechen sollte, die sich ihm in den Weg stellten, wo er austrocknete auf einer Stelle, die er vorher befruchtet hatte und dürre Gleichgültigkeit oder sumpfigen Haß zurückließ – in diesem Augenblick schien für Mette der Begriff „Kindheit“ schon vorüber.
„Ja,“ sagte sie und richtete die Augen wieder auf Eccarius, „eine sehr glückliche Kindheit, aber keine sehr lange. Ich habe das Gefühl, daß ich früher erwachsen war als andere Kinder – nicht reif, um Gottes willen, daß Sie mich nicht mißverstehen – reif bin ich heute noch nicht ...“
„Wer ist reif?!“ warf Eccarius mit seinem sanften Lächeln ein.
„Aber ich glaube, daß ich früher als andere Kinder aus diesem Zustand seliger Unbewußtheit erwacht bin.“
„Das ist schade.“ Über seine ernsten, hellgrauen Augen zog ein Schleier, wie von tiefer Bekümmernis. „Das ist sehr, sehr schade.“
Mette hatte wohl unwillkürlich ein etwas erstauntes Gesicht gemacht, denn er bemühte sich, seine Anteilnahme zu erklären:
„Sehen Sie, wenn ich glückliche Kinder sehe, dann möchte ich immer Wälle und Mauern um sie errichten, damit sie so bleiben, wie sie sind, recht, recht lange so bleiben. Der Gedanke ist so furchtbar, daß nur ein giftiger Hauch diese zarten kleinen Geschöpfe zu treffen braucht, um all ihre Glückseligkeit in höllische Qual zu verwandeln.“
„Schenk es ihm doch!“ schrie der kleine Kramer von seinem Platz auf dem Fußboden aus, „wenn er sich doch von dem Korsett nicht trennen kann! Es hat eben jeder seine Passion, und es soll Leute geben, die das sehr amüsant finden!“
„Du Schwein!“ sagte Fräulein Lorenz und trat mit dem Fuß nach seiner Schulter.