Part 10
Aber der Alte ließ nicht locker. »Nu sag doch, sag ens! Haste jetippelt wie ich? Haste Schlamassel gehabt in der Besoffenheit – haste einen jestoch?«
Als Antwort kam nur ein dumpfes Knurren.
»Sag ens! Et sind’r auch welche hier, dat sind Linker und Freischupper. Der Ohligs is wegen Meineid hier. Der hat noch Jlück jehabt – fahrlässigen Meineid – sonst säß de im Zuchthaus. Un einer is hier, de hat Wechsel gefälscht, de is janz vornehm. Jung, sag et doch, warum bist du dann hier? Mir kannste et ruhig sagen!« Der alte Kunde war sehr neugierig, um so neugieriger, je hartnäckiger der andere schwieg. »Ich bin soviel erumjekommen auf der Walze, oh, ich weiß Bescheid!«
»Paragraph hundertsiebenundsiebzig,« murmelte der Blasse zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er wußte selbst nicht, warum er es nun doch sagte; er hatte es nicht sagen wollen, aber der alte Kerl reizte ihn ja dazu. Was würde der zudringliche Pracher nun wohl für ein Gesicht schneiden?!
»Ah so!« Der Vagabond hatte keine Ahnung von Paragraph hundertsiebenundsiebzig, aber die Blöße wollte er sich doch nicht geben, das einzugestehen. »Ah, so,« machte er noch einmal, ganz befriedigt.
Der andere verwunderte sich. Wie, es graute dem Alten nicht? Und ihm graute es doch vor sich selber. Nicht immer, aber heute, heute in dieser Mondscheinnacht, in der von weit her das Quarren der Frösche kam in leidenschaftlichem Chor; in dieser Nacht, in der die Gedanken wanderten, immer hinter dem Manne her, der jetzt wohl längst schon bei dem Weibe war. Das Weibsbild – das Weibsbild!
Der Rotfuchs hätte aufschreien mögen in Wut und Qual, er warf sich mit einem Ruck auf die andere Seite herum und unterdrückte ein Wimmern. Aber es wurde doch hörbar in der totstillen Nacht.
»Halt dein Bonum,« schrie einer, der jetzt schlafen wollte, »ich schmeiß dir sonst meine Holzklumpen druf!« Es polterten ein paar Holzschuhe nieder.
»Bet dich, bet dich, meine Jung,« flüsterte der alte Landstreicher, »dann kannste jut schlafen!« Er selber bekreuzte sich und legte sich dann zurecht, die Hände auf der Brust gefaltet. »Morjen is Feiertag, da krieje wer Wurst oder Speck bei die Linsensupp, un nachmittags Schmalz auf et Brot – un vielleicht ’ne Kaffee!«
Das letzte hatte er schon undeutlich gemurmelt wie in einem glücklichen Traum; nun schlief er bereits, halb im Sprechen noch, schon fest wie ein Kind.
Aber der Rotfuchs konnte den Schlaf nicht finden; bei allen anderen war der, nur nicht bei ihm. Zitternd, frierend und doch glühend, sich schüttelnd in Fieberschauern kauerte der Sträfling unter seiner Decke.
Der Mond war weiter gegangen hinter den dunklen Rand des Hahnheister Busches; nun war es stockfinster im Schlafsaal, aber der Schlaf kam und kam nicht zu Jacobs. Es packte ihn wie Verzweiflung: schlafen, schlafen, nicht mehr den Mann sehen, der über das Venn rannte! Nicht mehr das Weib sehen, das dem Mann am Halse hing! Im Schlaf Ruhe finden, vergessen, was sich gar nicht mehr vergessen ließ!
Aber der Schlaf kam nicht. Sollte er beten, wie der alte Paternapgacker es ihm angeraten hatte? Pah, das half ja doch nicht! Und fluchen, sich mit den Fäusten gegen die Stirn schlagen, gegen die Brust, sich mit scharfen Zähnen in die emporgestreckten Arme beißen, sich verbeißen darin wie ein wildes Tier, das half auch nicht.
Bittere Tränen fing der Ruhelose an zu weinen. Wie weh ihm die Brust tat! Kein Atemholen ohne Stich. Der trockene Husten hatte die anderen schon manche Nacht gestört, heute kam ein ganz besonders starker Hustenreiz. Mit fliegender Brust, hoher Röte auf den Backenknochen kauerte der Sträfling halbaufgerichtet. Wenn doch der Morgen käme! Wurde es denn nie, niemals mehr Tag?!
Er erwartete das Licht mit sehnsüchtiger Gier.
VII
Gegen die Stunde des Sonnenaufgangs ist es kalt auf dem hohen Venn, mag der Tag auch noch so warm werden. In einer bleichen Kühle, vom Tau genäßt, lagen Strafkolonie und Heiderücken, Weide und Dorf und die ragenden Hainbuchen. Hinter den Hecken hervor tönte das Muhen der eben aus dem Schlaf erwachten Kühe, ein Ochse brüllte, ein Hahn krähte, ein Kalb blökte.
Beim Bauer Adams am grünen Klee war die ganze Nacht Licht gewesen, und auch jetzt, da das ganze übrige Dorf noch schlief, war man dort schon auf den Beinen. Man erwartete den Tierarzt, der Knecht war schon vor Morgengrauen hinuntergefahren, den Dreiborn zu holen. Der Hausherr selber war im Stall aufgeblieben, aber noch zeigte sich kein Absehen der Qual. Sollte die Braune, das schönste Stück Vieh, eingehen? Ihr schmerzliches Muhen ging den Menschen durch Mark und Bein.
Bis hinüber zu Huesgens war es gut zu hören, trotzdem die Stalltür geschlossen blieb und die Hecke, die der stolze Bauer als Trennungsschranke auch an der Nebenseite seines Hofes aufrechthielt, hoch und stark und dicht war. In die schmalen Lücken ihres knorrigen Astgefüges hatten sich die kleinen Huesgens eingezwängt; ihre schmalen Körper schlüpften überall durch. Sie waren früh vom Strohsack geklettert und lauschten nun mit ängstlich-neugierigen Augen. Ihre Kuh, die liebe Maiblum, die sollte auch bald kalben, wenn es der nur nicht auch so schlecht erging wie der großen braunen beim Bauer Adams!
»Du,« sagte das Kathrinchen zum Bruder Tönnes und zum Drückchen und tupfte den kleineren Geschwistern einem nach dem anderen auf den Kopf: »Du, bet dich für oß Maiblum! Wie dat arm Dier sich quäle moß!«
Nebenan ging das dumpfe Brüllen und Angstgestöhn immer weiter und erfüllte die Herzen der lauschenden Kinder mit banger Furcht. Mitunter kam eine Pause, aber dann setzte das Angstgebrüll um so stärker wieder ein.
»De Mathes is der Doktor holle,« sagte der Tönnes. »Mir ha ke Jeld, für der Dokter zu holle!«
Kathrinchen nickte bekümmert: freilich, die Mutter hatte schon so viel gekostet! Sie konnten nichts weiter tun als beten. Unter dem dünnen Schürzchen, das sich im Morgenwind blähte, faltete die Kleine die Hände: ach ja, das würde sie der Bäreb recht ans Herz legen, wenn die heut nach Echternach springen ging für die Mutter und den Dores, daß sie auch mitbetete für die liebe Maiblum! Wie von einem glücklichen Gedanken freudig erregt, ließ das Kathrinchen die Geschwister an der Hecke zurück und lief hinein ins Haus zu Mutter und Schwester.
Drinnen bei Huesgens war rege Bewegung. Auch hier hatte fast die ganze Nacht das Lämpchen gebrannt. Bäreb hatte noch, als sie aus der Fabrik heimgekommen war, die Kirche besucht und dann die halbe Nacht in der Küche aufgesessen, geflickt, genäht und sich gerüstet. Wenn sie auch keinen großen Staat machen konnte mit ihrem Anzug, sauber und ganz mußte der Rock wenigstens sein – wie sollte sie sonst wohl bestehen vorm heiligen Willibrord?! Auch auf die Hosen des Dores, die er immer durchscheuerte bei seinem Rutschen, hatte sie einen neuen Flick aufgesetzt und die Flecken verwaschen und gebürstet, so gut es anging. Kaum eine Stunde hatte sie bei den Geschwistern gelegen, beim Morgenrot weckte sie schon wieder das Brüllen der Kuh von nebenan. Bange Sorge erfüllte ihr Herz: auch die Maiblum war die letzten Tage so unruhig, brüllte so viel und fraß nicht wie sonst! Jesus Maria, es würde doch nicht schlimm werden mit der Kuh?! Es war ihr recht, daß die Geschwister hinausliefen, um an der Hecke zu lauschen. Der Tönnes war schlau, der würde schon dahinter kommen, wie’s mit der Kuh vonstatten ging!
Bäreb vergaß fast ihre Reise darüber und was sie alles vorhatte am heutigen Tag. Mit der Bahn mußte sie heute noch bis Ettelbrück kommen, da hatte die Mutter eine Base wohnen, bei der kam sie wohl unter mit dem Dores für eine Nacht. Und morgen würde sie aufbrechen nach Echternach, so früh, daß sie dort eintraf zu rechter Zeit, schon zur Vorfeier in der Pfarrkirche, die oben an der steilen Treppe liegt, die man Pfingstdienstag hinaufspringen muß. Oh, sie wußte so genau Bescheid zu Echternach, als wäre sie zehnmal schon dort gewesen! Mit großer Sorgfalt kleidete Bäreb sich heute an, wusch und kämmte sich dreimal so tüchtig als sonst. Aber der Dores wollte sich durchaus nicht waschen lassen, sein Geschrei weckte die Mutter.
Frau Huesgen kam angeschlichen im Unterrock; man sah es, wie schwach sie war, sie hielt sich kaum auf den Füßen. Sie weinte, als sie den Dores sich wie ein Tier gebärden sah; er wälzte sich auf dem Estrich und stopfte sich brüllend Sand in den Mund, und was er sonst fand an Unrat. Jesus, barmherziger Heiland, würde es denn nie besser werden mit ihm? Niemals?! Sie jammerte laut.
»Motter,« sagte die Tochter vorwurfsvoll, »ich jonn jo springe!«
Aber Frau Huesgen war heute kleinmütig. Die Kraft, die die wundersame Begegnung ihr verliehen hatte, hielt nicht immer vor; wenn es auch besser, viel besser mit ihr geworden war, heute fühlte sie doch wieder die Schwäche. Das schreckliche Brüllen der Kuh nebenan verstörte sie ganz. Wenn’s mit der Maiblum nun ebenso ging, Jesus Maria! Die war ihr einziges Hab und Gut.
Das Kathrinchen kam herein, hinter ihr her stürmte der Tönnes.
»De Doktor ös do,« kreischte er atemlos, »nu jeht er in der Stall. Ich moß kicke!« Wie der Wind fegte er wieder hinweg, um draußen an der Hecke abermals zu lauschen.
Kathrinchen aber faßte die große Schwester um den Hals und flüsterte ihr eifrig etwas ins Ohr, und Bäreb horchte und nickte verständnisinnig und lächelte dann. Sie lächelten beide. Dann lauschten sie alle; selbst der Dores, als ob er die ängstliche Spannung, die Erwartung, verstünde, ließ jetzt sein Schreien. – – –
Der Bauer Adams kraute sich in Verzweiflung den Kopf: das Kalb lag verkehrt herum, drum kam’s nicht heraus. Es hatte sich mit den Beinen verfangen, es verletzte die Kuh.
Frau Adams hielt sich die Schürze vor und weinte wie bei einer Leiche. »Eso ’n fing Kuh, oß fingste Kuh! Jesesmarijusep!«
Ihr Gejammer machte den Tierarzt nervös. »Schmeißt Euer Frau eraus!« sagte er grob zu dem Bauer.
Das tat der nicht mehr wie gern. Hatte er ihr nicht schon zehnmal gesagt, sie sollte in die Stube gehen?! Er selber war auch kaum fähig, andere Hilfe zu leisten, als daß er im dunklen Stall die Laterne hielt und dabei stand mit leis sich bewegenden Lippen, während der Doktor und der Knecht an der stöhnenden Kuh hantierten.
Der Dreiborn war ein geschickter Mann, geschickter als mancher Menschendoktor. Aber während er fast blindlings sein Geschäft verrichtete, denn zu sehen war kaum etwas bei dem erbärmlichen Lichtgefunzel, räsonierte er laut: längst hätten sie ihn holen müssen, aber immer erst kamen sie, wenn’s zu spät war! Diese Bauern, diese verdammten Dickschädel, nichts weiter konnten sie als beten und plärren! »Halt dat Licht ruhig,« brüllte er den Adams an, »wenn Ihr so dermit wackelt, komm ich nit zu Stand. Wat hatt Ihr dann mit der Kuh jemacht? Dat Kalb stirbt ab, dat krieg ich nu un nimmer lebendig eraus. Dämliches Bauernpack!«
Der kleine Mann pustete vor Wut; er war komisch anzusehen, aber heute hatte der große Bauer doch Respekt vor ihm. »Mir han nühst =jemaat=, mir han nur jebet,« sagte er ganz kleinlaut.
»Äh wat, jebet – nur jebet, dat is et ja jrad!« Dreiborn pustete immer zorniger; er war ein aufgeklärter Mann, ›ein Mann der Wissenschaft‹, wie er sich selber nannte. »Leben wir im neunzehnten Jahrhundert oder im Zeitalter des dunkelsten Aberglaubens? Fast möchte man dat Letztere meinen. Aber so seid Ihr, alles wird bebetet, un dann seid Ihr ruhig: so, da sorgt nu der liebe Jott für! Der hätt viel zu tun, wenn der Euer Jeplärr immer hören wollt. Heut betet Ihr um Regen und morgen wollt Ihr schon wieder Sonnenschein, oder umjekehrt, – akkurat wie Ihr’t braucht. Dat wär ja ne nette Jeschicht, wenn Euer Beten immer jehört werden würd! Paßt auf, lernt wat, nützt die Zeit und stellt Euch auf Euch selber – dat andere all is Unsinn!«
Der Knecht riß das Maul auf und grinste dumm: das war was ganz Neues, was er da zu hören kriegte! Der Bauer kniff die Lippen zusammen, am liebsten hätte er dem Dreiborn eins auf den Mund gegeben: sich so was anhören zu müssen, noch dazu im eigenen Stall! Aber seine kostbare Kuh stöhnte so kläglich; er konnte nur schweigen und still die Heiligen bitten, ihm das Anhören dieser Gottlosigkeiten nicht als Sünde anzurechnen. – – –
Es war um die zehnte Stunde, als Dreiborn den Hof am grünen Klee verließ. Das Kalb hatte er nicht mehr retten können, die Kuh hoffte er jedoch durchzubringen; aber das arme Tier war gewaltig matt. »So’n Unverstand, so’n Unverstand,« brummte er vor sich hin, als er aus der Hecke trat, und brummte noch immer weiter, als er sie schon längst hinter sich hatte.
Schon geriet er in den Strom der Kirchgänger, und das besserte seine üble Laune nicht. Mit seinen scharfen Augen musterte er die einzelnen Gestalten. Da, der zitternde Alte, der am Stecken schlorrte, täte auch besser, sich daheim ins Bett zu legen! Und da die Frau, die alle Augenblicke niederkommen konnte, gehörte auch nicht mehr in die überfüllte Kirche! Und hier die Kinder, Dreikäsehochs, die sollte man lieber draußen herumspringen lassen beim schönen Sonnenschein, als ihnen mit unverständlichem Singen, mit barem Unsinn den klaren Kinderverstand zu verwirren!
Den Kopf vorgestreckt, die Augen herausgedrückt, hochrot im Gesicht, rannte der Cholerische weiter.
Die Leute grüßten ihn, sie kannten alle den Doktor Dreiborn. Schon manches Stück Vieh hatte er ihnen gerettet, aber sonst war er ein komischer Herr! Sie tippten auf die Stirn und warfen sich bedeutsame Blicke zu, als er vor ihnen herlief mit seinen dicken Beinchen, die Hände, die den Hut hielten, auf den Rücken gelegt, nur durch ein kurzes Nicken die Grüße erwidernd, die ihm zuteil wurden. Nach jedem scharfen Blick, den er um sich warf, räsonierte er aufs neue halblaut vor sich hin.
Der unterbrochene Strom der Kirchgänger, aus dem es ihm nicht gelang, herauszukommen, versetzte ihn in immer größere Erregung. Dieses verdammte Gerenne! Konnten sie nicht ruhig daheim bleiben und ihre Wirtschaft beschicken? Aber das Vieh konnte brüllen, die Kinder weinen, der Vater bettlägerig sein, die Mutter im Sterben liegen, wenn die Glocken zu läuten anfingen, mußte gelaufen werden!
Der Bürgermeister kam ihm gerade zu paß. Leykuhlen war eilig, Mariechen war schon voraufgegangen, aber nun hielt der Tierarzt ihn am Rockknopf fest. Es gab kein Loskommen.
Leykuhlen kannte den Mann seit Jahren schon und schätzte ihn als tüchtig in seinem Beruf, nun aber wurde er ungeduldig. Ins feierliche Getön der Glocken hinein, in die Lautlosigkeit der andächtigen Waller, die wie Wellen dem Felsen der Kirche zuströmten, sprudelte der ihm seine ganze törichte Lebensauffassung ins Gesicht! Er aber wollte sich nicht den heiligen Pfingsttag verkümmern lassen. »Ich muß jehen, ich komm sonst zu spät,« sagte er und suchte sich freizumachen.
Aber der andere hielt ihn fest: »Ich sag Ihnen, Bürjermeister, Sie sind auch so en Art Doktor: für die geistigen Schäden unserer Gemeinde sind Sie verantwortlich wie ein Arzt für die Gebrechen des Körpers. Sie müssen ran! Sie haben doch auch an der Wissenschaft Brüsten jesogen, nu immer ran un die Leut aufjeklärt, damit wir kein Heer von Idioten züchten, sondern von denkenden Wesen!«
»Da fangen Sie nun erst mal bei =Ihren= Patienten mit an, Herr Tierarzt,« sagte Leykuhlen. Jetzt nahm er den kleinen Viehdoktor nur noch komisch: nein, über den konnte man sich wirklich nicht ärgern! Er legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter und patschte ihn scherzhaft: »Un ich sag Ihnen, Dreiborn, behalten Sie Ihre Weisheit für sich oder tragen Sie die Ihren Ochsen un Kühen vor – wir sind hier kein Rindvieh!« – – – – –
Derweilen saß die Bäreb im Eisenbahnzug und fuhr durch Gegenden, die sie längst nicht mehr kannte. Das war wohl noch Venn, aber nicht mehr so, wie es sich um Heckenbroich dehnte. Die Ginstersträucher, die jetzt um die Ley und am Truppen-Übungsplatz überall wie goldene Flammen leuchteten, standen hier schwarz, so weit das Auge sehen konnte. Hatte man sie angebrannt, um sie dann umzugraben, mit ihrer Asche den Weideboden zu düngen? Nein, auch die vielen kleinen Schonungen waren angekohlt, die Nadeln, sofern noch welche an den Tännchen hafteten, dürr und rostbraun. Über dem Strich Venn, den ein Waldbrand abgerast hatte, flimmerte ein Sonnenglast, der ihn noch viel trauriger machte.
Bäreb seufzte: es war doch viel schöner um Heckenbroich. Hier gab es ja gar kein Weideland mehr!
Langsam keuchend und bimmelnd kroch der Zug immer bergan, immer noch weiter so hinauf bis St. Vith. Da hieß es ein paar Stunden warten. Bäreb hatte nichts davon gewußt, daß sie umsteigen mußte; alle Mitfahrenden in der vierten Klasse waren ausgestiegen, sie aber saß noch immer geduldig am einen Ende der Bank, ihr Bündel zu Füßen, den Dores auf dem Schoß. Es war ein Glück, daß der Schaffner noch einmal in den Wagen sah.
»Echternach?« hatte sie schüchtern gefragt. Sie war des Fahrens schon herzlich satt. War es noch weit bis dahin? War man nun bald da?
Der Mann hatte sie ganz empört angeschrieen: »Aussteigen,« und hatte sie am Arm gegriffen, sie gerade noch herausgerissen, sie und das Kind und das Bündel, ehe der Zug abfuhr, der sie mit davongeführt hätte, weiß Gott, wohin in die fremde Welt.
In den Wartesaal traute sich Bäreb nicht, da mußte man was verzehren; auch schrie der Dores, den das »Aussteigen!« des Schaffners erschreckt hatte, so mörderlich, daß sich das Mädchen gar nicht in Menschennähe wagte. So ging sie den Bahnsteig zu Ende bis zum Güterschuppen, setzte sich da auf eine der umherliegenden Kisten, lehnte den Rücken gegen die beschienene Schuppenwand und sonnte sich.
Allmählich beruhigte sich der Dores; sie gab ihm zu essen aus ihrem Bündel, und er beschmierte sich ganz und gar, aber er war doch wenigstens zufrieden. Unbekümmert um das Fremde, was um ihn war, kroch er zu ihren Füßen im Kies des Bahnsteigs, steckte von den weißen Steinchen, die in der Sonne blinkerten, in den Mund, probierte, ob das ein Zückerchen sei, spuckte den Stein dann wieder aus, um ihn wiederum ins Händchen zu nehmen und zur Schwester emporzuhalten: »Pä, pä!« Das war sein gewöhnlicher Ausdruck für alles, was ihn verwunderte oder erfreute; mehr sagte er nicht.
Bäreb wurde sehr müde; nun spürte sie doch die durchwachte Nacht. Sie liebkoste den Bruder und versuchte, mit ihm zu spielen, aber der Schlaf war stärker als der gute Wille. Wie im Traum hörte sie plötzlich die Mutter sprechen, die Maiblum brüllen, die Geschwister schreien – vor ihr lag das Haus hinter der Hecke – ein Gefühl der Wohligkeit durchrieselte sie, die Augen fielen ihr zu. – – –
Als sie erwachte, lag der Dores vor ihr im Kies und schlief. Die Sonne war fort, aber auch ihr Zug.
»Nach Echternach, nach Echternach?!« Der Mann mit der roten Mütze, gegen den sie verzweifelnd anrannte, zuckte die Achseln: ja, da hätte sie eben besser aufpassen müssen, der Zug dahin war schon eine Weile fort!
»Jesus Maria!« Sie brach in heiße Tränen aus: was nun?! Ach, sollte sie nicht lieber umkehren? Es ging doch gewiß noch ein Zug zurück nach Heckenbroich. Aber dann schämte sie sich und nahm sich zusammen: sie mußte ja springen gehen, sie hatte so vieles zu erbitten, sie durfte nicht umkehren. Ganz vernünftig erkundigte sie sich, ob’s denn nicht noch einen weiteren Zug nach Ettelbrück gäbe? Ei gewiß, auf den Abend noch. Da ward sie wohlgemut. Ach, wenn sie nur hinkam, wenn sie nur hinkam! Keinen Gedanken mehr schickte sie zurück in die verlassene Heimat, all ihr Sinnen, ihr Herz und ihren Verstand richtete sie voran.
Sie hatte ein Büchlein bei sich, das »St. Willibrordus Büchlein«, enthaltend das Leben des Heiligen, die Gebete zu seiner Verehrung und zur Wallfahrt nach Echternach. Das hatte die Frau Bürgermeister der Mutter für sie gegeben. Nun las sie darin. Sie las vom heiligen Willibrord, dem Vorbild der Demut, dem Muster des Gehorsams; vom Glaubenseifer des heiligen Willibrord, von seiner Liebe zu Gott und seiner Nächstenliebe, von seinem Gebetseifer, von seinem Bußgeist, von seiner Sanftmut und endlich von der reinen Absicht des heiligen Willibrord bei allen seinen Werken. Mußte das ein guter Heiliger sein! Sie las mit leuchtenden Blicken, las sich immer mehr und mehr in die feste Überzeugung hinein, daß er allen half, die zu ihm kamen nach Echternach. ›Heiliger Willibrord, bitt für uns‹ – das schwebte ihr immerfort auf den Lippen.
Sie hatte ihren alten Platz auf der Kiste wieder eingenommen und las eifrig, halblaut jedes Gebet, das sie herausbuchstabierte, leise mitmurmelnd. Erst als ihr die Sonnenstrahlen nicht mehr aufs Büchlein fielen, merkte sie, daß es Abend ward.
Es war kühl hier auf dem Bahnsteig der höchstgelegenen Station; von allen Seiten konnte der Wind ankommen, hohe Zäune aus Latten mußten die Schienenstränge schützen gegen die Schneewehen des Winters. Es tat nicht gut mehr, auf der Kiste zu sitzen. Nun Bäreb nicht mehr vom heiligen Willibrordus las, fühlte sie sich auf einmal allein und verlassen; der Dores war doch so gut wie niemand.
»Pä, pä,« sagte er jetzt und riß sie am Kleide. Sie gab ihm eine Semmel, dann hob sie ihn auf aus dem Kies und ging langsam mit ihm zum Bahnhofsgebäude. Es half nichts, nun mußte sie doch in den Wartesaal hinein, es war für das Kind zu kalt und zugig draußen. Ein Glück, daß der Dores heute so lieb war; er hatte sich noch nicht seine Hosen beschmutzt, er spielte mit ein paar Steinchen ganz stillvergnügt und schrie nicht.
Den Bruder an sich pressend betrat sie den Wartesaal. Sie konnte nichts sehen vor Qualm und Tabaksrauch; mit niedergeschlagenen Blicken tappte sie zum entlegensten Plätzchen.
Mit großen Augen starrte der Dores drein. »Pä pä,« sagte er wiederholt und riß die Schwester am Ohrzipfel. Ein Soldat hatte ihm vom Nebentisch mit einem Bierglas gewinkt. Er strebte hin, er wollte einmal trinken: »Pä, pä, pä!«
Die Soldaten, die um den Tisch saßen, lachten laut. Es waren vier muntere stramme Kerle, die Urlaub hatten über die Pfingstfeiertage und die sich nun freuten, nach Hause zu kommen. »Komm, komm her,« sagte der eine und winkte dem Kind mit dem Finger.
»Pä, pä, pä!«
Bäreb konnte den Jungen kaum halten, er wollte von ihrem Schoß, und als sie ihm wehrte, biß er sie.
»Fräulein, lassen Sie doch das Kind,« sagte der Soldat. Und als sie den strampelnden Jungen doch nicht losließ, war der hübsche Soldat mit zwei Schritten bei ihr im Winkel zwischen Ofen und Wand und nahm ihr eins, zwei, drei, das Kind vom Schoß und ließ es an seinem Bierglas trinken. Ei, wie der Bengel schmatzte! Die Vier wollten sich ausschütten vor Lachen.
Bäreb wurde blutrot. Aber böse konnte sie doch nicht sein: die waren ja so freundlich! Verstohlene Blicke ließ sie zu dem Tisch hinübergleiten.
»Fräulein, wohin reisen Sie dann?« fragte wieder einer.
Sie wollte erst nicht antworten, aber dann besann sie sich: das wäre doch zu grob, die hatten ihr ja nichts getan. So antwortete sie verschämt-leise: »No Echternach!«
»So, Sie wollen wohl springen da?«
Sie nickte.
Die Soldaten zwinkerten sich zu; drei von ihnen hatten Lust, zu lachen, aber der vierte, der allerhübscheste, sagte ernsthaft: »Aber, Fräulein, da kommen Sie heut abend ja jar nit mehr hin!«
Ja, das wußte sie wohl! Sie erzählte von ihrem Malheur mit dem Zug. Ach, es tat ihr so gut, mit einem freundlichen Menschen zu sprechen! Sie genierte sich gar nicht mehr; das waren ja welche, die ihre Heimat kannten. Sie waren vom Platz.
Es dauerte nicht lange, so saß Bäreb bei den Soldaten am Tisch. ›Kommen Sie nur eraus, aus Ihrem Loch da,‹ hatte der hübscheste gesagt. Einer so freundlichen Aufforderung hatte sie nicht widerstehen können. Und Durst hatte sie auch. Sie ließen sie alle einmal trinken. Der Dores wanderte von Schoß zu Schoß. Ei, es war doch ganz schön, auf Reisen zu gehen! Das Bunt der Uniformen, das Rot der Kragen, die blanken Knöpfe zogen Bärebs Blicke unwiderstehlich an. So nah hatte sie noch nie einen Soldaten gesehen. Und als der allerhübscheste sagte, nun wäre er ganz zufrieden, den ersten Zug, der aus der Lausegegend hier fortfuhr, wo man nachts frieren und mittags braten müßte, versäumt zu haben, lächelte sie glücklich und litt es, daß er den Arm auf ihre Stuhllehne legte und ihr näher rückte.
Schade, daß sie nicht =einen= Weg zusammen hatten! Nur eine Strecke konnten sie noch zusammen fahren.