Part 4
Zum Donnerwetter, das Frauenzimmer konnte einen verrückt fragen! Hätte er ihnen doch das Geld vor die Füße geworfen! Ein wütender Zorn gegen sich selber überkam den Mann: er hatte nicht widerstehen können, Trinkgeld genommen – Geld! Geld – er hatte es entbehren müssen die ganze Zeit seiner Jugend. Er hatte auch jetzt noch nicht viel, das Gehalt war nicht groß, und seine Familie wollte doch leben – drei Mark waren immerhin drei Mark. Aber nein, nein, pfui! Ihm ekelte vor sich selber.
»Sehen Sie sich um,« stieß er rauh heraus. Er konnte es nicht mehr ertragen. Ohne ein weiteres Wort sprang er über einen aufgeworfenen Graben und rannte, ein paar der Sträflinge, die gaffend dagestanden hatten, mit rauhen Worten vor sich hertreibend, immer weiter vom Bau ab ins Venn hinein.
»Ein greulicher Mensch! Ordentlich unheimlich!« Frau Schmölder raffte ihr Kleid hoch auf und setzte vorsichtig die Füße, sich immerfort ein wenig scheu umsehend. »Was ist denn nun eigentlich zu sehen, Heinrich? Ich sehe hier doch gar nichts Besonderes. Das war wirklich eine komische Idee von dir!«
»’ne Kater-Idee,« sagte Josef Schmölder.
»Wieso?« Der ohnehin schon Gereizte wurde noch gereizter: da war ja richtig das infame Gesicht, das Josef zuzeiten zu schneiden beliebte. »Hättest du weniger Kater-Ideen in deinem Leben jehabt wär et besser für dich jewesen un –«
»– und für uns,« ergänzte Josef. Er nahm’s heute humoristisch. Der Himmel blaute, das Wetter war herrlich, richtiges Frühlingswetter, und da – sieh da! Er hielt die Hand vor die Augen. Da schimmerte ein ganzes Stück Venn helleuchtend wie Gold. Das waren die gelben Narzissen, die blühten jetzt im üppigsten Flor.
»Ärgere dich nicht, Onkel Josef,« wisperte die Nichte und hing sich an seinen Arm. Sie mochte glauben, er lege die Hand vor die Augen, weil die Anzüglichkeit ihres Vaters ihn verletzt hatte.
»I wo, Hedde!« Er fing leise an zu pfeifen. »Sieh mal an, da, die Narzissen!« Und dann breitete er plötzlich die Arme aus: »Kind, das ist ein Meer von Gold, in dem ich wohl ertrinken möchte. Sonst pfeife ich aufs Gold – es macht hart, egoistisch, ungerecht – aber dieses Gold ist schön, es ist ein Trost fürs Auge, ein Labsal fürs Herz. Und daß diese armen Schlucker das immer so vor Augen haben, ordentlich darin waten können, das ist ein Ausgleich der barmherzigen Natur!«
»Wie poetisch!« spöttelte Heinrich.
Aber Frau Schmölder nickte. Sie war dem Vetter gut, und – lieber Gott, wo so viele aßen, konnte er auch noch mitessen! Ein bißchen verstiegen war er freilich zuweilen.
Josef sah und hörte nicht. »Komm, Hedde, wir wollen Narzissen pflücken! Einen goldenen Strauß!« Er riß die Nichte mit sich fort.
Leichtfüßig liefen die beiden durch das struppige Heidekraut; der Mann schien nicht minder jung, als die Siebzehnjährige, deren Zopf mit einer himmelblauen Schleife noch kindlich, lang auf den Rücken baumelte.
Heinrich Schmölder war sehr schlechter Laune, und er war doch so guter gewesen, als er heute aus dem Schwan zum Mittagessen nach Hause gekommen war und die Fahrt zur Strafkolonie vorgeschlagen hatte. Der Josef verdarb einem eben immer die Stimmung. »Verrückter Mensch!« sagte er zu seiner Fraun.
Sie suchte ihn abzulenken. »So, nun zeig mir doch auch mal was hier! Nun sei doch nicht so, nun bist du ihn ja los!«
»Auf wie lang?« Sie hatte nicht das Richtige getroffen, Heinrich Schmölders Stirn zog sich in immer ungeduldigere Falten. »Mit dem Menschen ist ja nicht zu leben. Er macht einen selber janz verdreht mit seiner fahrigen Art. Ein Mann wie ein Weib! Ein Mensch, der in seinem Leben nie an seinem Platz jewesen is. Nun jeht er auf et End der Vierzig los und hat noch nie wat vor sich jebracht! Aber wat soll man da machen!« Er seufzte. Ehe man den Jungen in der Welt herumflanieren ließ und Dummheiten machen auf den Namen Schmölder, eher wollte man sich denn doch die Pönitenz auferlegen und ihn bei sich behalten, so fatal es auch war, die Bummelei mit anzusehen.
»Gott, Heinrich,« sagte die Frau gutmütig, »er stört dich doch nicht!«
»So – er stört mich nicht? Wat du weißt!« Heinrich Schmölder konnte recht grob gegen seine Frau werden, wenn er es auch nicht immer so böse meinte. »Sie ist ihm zu beschränkt,« – so hatte die schöne Helene aus dem Schwan schon längst herumerzählt.
Frau Schmölder hatte eine gute Art, zu schweigen. Sie war bequem geworden mit den Jahren, behäbig und bequem. Auch hier war es ihr unbequem, noch mehr zu sehen, sie hatte schon genug. »Laß uns gehen,« sagte sie und zupfte ihren Mann am Ärmel.
Aber er brummte: »Drei Mark erausjeschmissen! Ich dacht, der Kerl würde uns was herumführen, einem die janze Idee der Anlage was erklären. Na, ich interessiere mich auch jar nit für die Jeschichte hier – is mir janz Wurst, was sie hier machen! Ja, wir jehen jetzt – ruf Hedde – Dummheit mit den Blumen – es is höchste Zeit!«
Frau Schmölder rief nach der Tochter. Aber erst als der Vater ganz energisch sein »Hedwig, kommt sofort!« ins Venn hinausbrüllte, wo ihr helles Kleid im Sonnenglanz schimmerte, bald im Kraut untertauchte, bald aufflatterte, kam sie angeflogen.
Ihre runden Wangen waren dunkelrot, ihre Augen glänzten. Sie war ganz atemlos. Einen großen Strauß hastig abgerissener, in dem Eifer des Pflückens schon halb zerdrückter Narzissen trug sie in der Hand. Und ein Sträußchen hatte sie im Gürtel. »Die hat mir Onkel Josef angesteckt,« sagte sie mit heimlichem Stolz. »Er sagt, das sähe hübsch aus.«
»Dummheit!« Der Vater riß ihr die Blumen aus dem Gürtel und warf sie fort. »Da, siehst du, lauter Flecke von den zerquetschten Stengeln.«
Die Tochter ließ den Mund hängen. Mit den Tränen kämpfend ging sie hinter den Eltern her, tupfte mit dem Taschentuch bald an dem hellen Bandgürtel herum, bald an ihren Augen.
»Wo ist denn eigentlich der Josef?« fragte die Mutter.
»Er sagte, wir sollten nur fortfahren, er käme zu Fuß nach Haus. Ach, es wäre viel netter, er wäre mitgefahren!«
Heinrich Schmölder drehte sich um nach seiner Tochter und warf einen raschen Blick in ihr Gesicht – na, das wäre! Sollte die sich etwa in den alten Sünder vergafft haben?! Einem überspannten Backfisch war alles zuzutrauen. Und der Josef hatte immer Glück bei Weibern gehabt, viel zu viel Glück. Hatte nicht selbst Lenchen neulich gesagt: »Bring doch mal deinen Vetter her, Schmölderchen!« Jawohl, er würde sich schwer hüten! Daß die Helene mit dem zu poussieren anfing und er den Sekt bezahlen mußte!
»Frag doch nit nach ihm,« sagte er jetzt ärgerlich zu seiner Frau. »Ich möcht wohl wissen, warum du dich so um ihn kümmerst? Laß ihn kommen oder nit kommen. Aber der Josef hat immer Eindruck auf dämliche Frauenzimmer jemacht. Aber es steckt nix hinter seinen irjendwo anjelesenen Redensarten; ›alles Mumpitz‹, wie der Berliner sagt!« Dabei beobachtete er scharf seine Tochter; aber aus dem ausdruckslosen jungen Mädchengesicht mit dem blühenden Rund war nichts herauszulesen. »Hier komm neben mich,« sagte er zu ihr, und behielt sie an seiner Seite, bis sie das Stück Venn durchstampft hatten und sicher in ihrer Equipage saßen – ohne Josef – die Tochter auf dem Rücksitz den Eltern gegenüber.
Josef Schmölder lag weit drinnen im Venn zwischen blühenden Narzissen. Eben war der Aufseher von ihm fortgegangen; sie hatten eine ganze Weile zusammen gesprochen. Der Aufseher war etwas aufgetaut, als Josef ihm auseinandergesetzt hatte, welch vorteilhaften Einfluß es auf die Gemütsverfassung der Sträflinge haben müsse, hier unter freiem Himmel arbeiten zu können. »Den freien Blick kann ihnen doch niemand nehmen, den Blick zum Himmelsblau, den Blick auf die Blumen und die Tannen, den Blick in die Weite, in unbegrenzte Weiten – die Natur ist die einzige Trösterin und Heilbringerin!«
»Oh ja, dat Venn is wohl schön,« sagte Simon Bräuer. »Man muß et nur kennen wie ich. Von klein auf!«
»Nun, sehen Sie, ich bin doch nicht hier in der Gegend geboren und finde es auch schön, unendlich stimmungsvoll! Ich bin hier bei meinen Verwandten, unten in der Stadt – Schmölders – die kennen Sie doch wohl?«
»Ich kenn =Sie= auch. Sie sind der Vetter, der nit jut getan hat!« Simon Bräuer lachte, ein etwas grimmiges Lachen, bei dem er die Oberlippe von den scharfen weißen Eckzähnen hob und den anderen, der faul im Heidekraut lag, mit seinen Falkenaugen anblitzte. »Wären Sie nit der vornehme Herr un hätten wat Besseres vor sich jesehen, wer weiß, Sie jingen vielleicht auch zwischen denen da!« Er nickte nach seinen Kerlen hinüber.
Der war recht geradezu! Josef Schmölder zog das elegante Etui aus rotem Juchten, das ihm Cousine Schmölder zum Namenstag verehrt hatte, aus der Brusttasche und bot dem Mann eine Zigarre an.
Aber da stierte ihm dieser mit einem fast wilden Blick ins Gesicht: »Nee, ich nehm nix mehr an!«
Er war davongerannt wie einer, der ein schlechtes Gewissen hat. –
Nun war Josef allein. Mit halbgeschlossenen Augen träumte er. Gleichsam durch einen Schleier sah er fernhin – Schafe, die da weiden, – die hellen Kittel auf der Fläche. Und ihr Hüter, der Hirt, stand dabei, so hochaufgerichtet, so lichtumflossen in der unbeschatteten Helligkeit des Venns, daß er größer erschien, als er war; alles überragend. Josef hatte immer das Entschlossene, das Energische bewundert – wie dieser Mann in diese Natur hier paßte! Verschlossen, herb wie sie. Und doch Größe in beiden. Wer doch auch so sein könnte!
Eine haltlose Traurigkeit überkam plötzlich den ins Venngras Hingelagerten. Ihm war es, als müsse er mit beiden Händen in dies karge, zähe Grün fassen und sich daran halten, sich anklammern: mach mich stark du, lehre mich zu sein wie du, Stürmen zu trotzen und standzuhalten! Er seufzte tief.
Solche Stunden hatte Josef Schmölder oft; sie kamen ihm mitten im Lachen. Dann machte er sich Vorwürfe über Vorwürfe: nein, er konnte nun und nimmer aus sich heraus, er blieb ein Halber, ein immer Wollender und nie Vollbringender! Hätte er nicht auch Weib und Kind haben können wie Vetter Heinrich, und ein gutes Renommee und viel Geld dazu? Es brauchte ja nicht gerade in Lumpen verdient zu sein. Wenn er jetzt Geld hätte, wie würde er andere glücklich machen! Diese armen Fabrikmädchen! Sie sollten nicht mehr auf den Lumpensäcken ihren Happen verzehren mit schmutzigen Fingern, die Kehle trocken vom gefährlichen Staub. Eine Küche würde er einrichten, sie daraus zu speisen – gutes, warmes, auskömmliches Essen – und einen Raum würde er ihnen bauen, groß und luftig und licht, darin sie sich erfrischen konnten und ausruhen. Wie gut hätten sie’s da! Und diese Schafe, die hier weideten, die sollten auch nicht irre gehen fürder mehr. Wie ein guter Herr wollte er sie um sich sammeln und sie nicht fragen: wo bist du gewesen, was hast du getan? Ah, wie vieles ließe sich schaffen, wie vieles gutmachen, was die Gesellschaft verbrochen hatte! Diese Gesellschaft, diese satten Philister, die hier heraufkamen, die armen Kerle anzuglotzen. War es etwa ihr Verdienst, daß sie da unten ehrlich in ihren Häusern saßen?!
Josef war aufgesprungen, die Faust schüttelte er in die Luft. So eng wie ihre Gassen waren sie, so verbaut in ihren Gefühlen wie ihre verschnörkelten Häuser; über ihren Bergrand sahen sie nicht weg. Da war Cousine Schmölder, eine herzensgute Frau, aber – nur ihr Haus, ihre Familie. Und das Mädel?! Nun, Hedde war allerliebst. Jugend, und sei sie noch so nach der Schablone, ist immer reizend. Aber sie würde ja nur allzubald den Sohn des Konkurrenten aus Aachen heiraten und genau so werden, wie ihre Mutter jetzt war – sie sah ihr jetzt schon zuweilen erschreckend ähnlich – oder vielleicht den Oberleutnant aus dem Lager, den Adjutanten von Scheffler, von dem sie ihm schon mehrmals mit tiefem Erröten erzählt hatte. Nun, was ging’s ihn an?!
Er mußte lachen, mitten aus seinem Ernst heraus. So ging es ihm immer, er konnte sich eben selber nicht ernst nehmen – und er, er wollte andere glossieren?! Das spöttische Lachen schwand rasch von seinem Gesicht. Er sah auf einmal wieder alt aus und müde und traurig, als er jetzt das Antlitz nach jener Seite kehrte, wo die Sonne groß und leuchtend überm Vennrand hing und das Kreuz auf der Marienley, dem einsamen Felsen mitten im Heidemeer, in einen Glorienschein hüllte.
Langsam, fast widerwillig das Auge losreißend, das doch die Fülle des Lichtes nicht ertragen konnte und zu tränen begann, schickte er sich zur Heimkehr an. Er mußte lange geträumt haben. Wie viel Uhr es wohl sein mochte? Nun, Feierabend noch nicht. Noch immer irrten die Schafe durchs Heidemeer, und der Hirt trieb sie vor sich her. So früh gabs keine Rast für die Arbeiter auf dem Venn. Halbgebückt standen sie – die einen hackten, die anderen gruben – oh weh, ihnen mußte ja der Rücken fast brechen!
Es war ein Feuer angezündet, langsam schwelend fraß die Flamme Wurzeln und Gestrüpp; ein schwerer Rauch kroch über den Moorboden und stieg an gegen die Sonne. Das war ein Kampf wie der Kampf der Finsternis gegen das Licht. Aber der schwarze Rauch war der Stärkere, er verschlang das Licht.
Pfui, wie der stank! Unangenehm berührt, rümpfte Josef Schmölder die Nase. Und dann schauerte er zusammen: hu: kalt war das mit einem Mal, nun die Sonne verschwunden war und die Nebel über dem Vennrücken lagerten! Nur um das Kreuz der Marienley war es noch hell, als habe sich alles Licht des scheidenden Tages darum versammelt. Schwarz hob sich die Kreuzesform vom Goldgrund ab. Ob die Blicke jener Elenden sich jetzt wohl auch dorthin richteten? Ob sie das Kreuz wie einen Trost, wie eine Verheißung sahen, oder ob es ihnen drohend erschien, grausig und blutig, eine Mahnung an das eigene Geschick?! Sie alle waren ans Kreuz geschlagen. Wer im Leben wäre das nicht?!
Mit einem Seufzer schickte sich Josef Schmölder nun zum Gehen an. Er stapfte durchs struppige Kraut der Chaussee zu. Was sollte er noch hier oben? Wenn er den armen Teufeln noch helfen könnte!
Dicht kam er an einem Paar vorüber. Er grüßte sie aus seiner leidvollen Stimmung heraus mit einem weichen: »Guten Abend!«
Die blassen, verschwitzten Gesichter starrten ihn einen Augenblick an. Dann wandten sich die Sträflinge wieder ihrer Arbeit zu; kein Gegengruß, kein Zug der stumpfen Gesichter verriet, daß sie das »Guten Abend« verstanden hatten.
Wie wenig Freundlichkeit mußten diese erfahren haben! Ein ungeheures Mitleid schwellte Josef die Seele. Da hörte er ein Lachen hinter sich; rasch blickte er sich um. Sie standen und gafften ihm nach. Zwei häßliche, rohe, gemeine Gesichter. Der Rothaarige, dem die Ohren so weit vom Kopfe abstanden, lachte hinter ihm drein. Es war nur ein kurzherausgestoßenes, sekundenlanges Auflachen, ein heiseres Keuchen, aber Josef fühlte wohl, dieses Lachen galt ihm. Sie lachten über den Herrn, der mit hellen Hosen, mit braunen Schuhen, mit steifem Hut hier oben herumspazierte. Er schämte sich plötzlich seiner Kleidung – die waren halbnackt, er ging wie ein Stutzer.
Mit hastigen Schritten lief er weiter. Nur rasch! Übrigens, denen hätte er nicht begegnen mögen ganz allein im stillen Wald oder noch weiter draußen auf dem Venn! Hätten sie da nicht ein gewisses Anrecht gehabt, zu sagen: »Her mit dem Rock, den Stiefeln, mit dem Hut?!« Nackt wie sie war auch er auf die Welt gekommen – alle gleich – das Schicksal hatte nur mit ihnen gespielt, hatte den einen besser angezogen, den anderen mit Lumpen behangen. Eigenes Zutun war verflucht wenig dabei!
Josef fühlte, wenn jetzt so einer gekommen wäre, er hätte sich ausgezogen bis aufs Hemd, ihm alles gegeben. Freiwillig. Aber es war doch gut, daß keiner kam. Gut auch, daß er jetzt die harte Straße, die, ohne Chausseebäume, ohne menschliche Behausung, als einzige Verkehrsader das Venn in zwei Teile scheidet, unter seinen Sohlen fühlte. Er lüftete den Hut und wischte den Schweiß von der Stirn. Ah, jetzt ging sich’s gemächlich bergab! Durch grüne Matten schlängelte das Flüßchen, dem Vennsumpf entsprungen, sein jetzt schon ganz klares Wasser und ließ die Forellen sehen, die silbern aufschnellten und im Abendstrahl nach Mücken schnappten. Vom alten Torfschuppen an war alles schon Heckenbroicher Weideland.
Friedlich klang die Abendglocke, und über die Hecken stiegen kerzengerade zarte Rauchsäulchen in den silbrigen Aether. Die harte Vennchaussee war zur gepflasterten Dorfstraße geworden. Hinter den Hecken brüllte das Vieh, und Melkeimer klapperten, und Stalltüren knarrten. Von Menschen nichts zu sehen, alles war wie ausgestorben, und doch belebt von einem heimlichen Leben, das sich hinter jenen Hecken abspielte, die wie Schutzwehren gegen alles Ungemach standen, wie Hüterinnen eines bescheidenen, weltfernen, friedvollen Glücks. Wer doch so wohnen könnte!
Vorhin, als sie in der Equipage durchgerasselt waren, hatte Josef den Zauber des stillen Dorfes nicht so empfunden wie jetzt. Leykuhlen war wahrhaftig ein beneidenswerter Mensch, daß er hier residieren konnte! Warum er ihn eigentlich noch nicht aufgesucht hatte?
Seit jenem lichten Vorfrühlingstag, an dem sie sich begegnet waren auf dem Fußpfad oberhalb der Fabrik, glaubte Josef schon alle Tage den Wunsch zu diesem Besuch gehabt zu haben, aber er war eben nie dazu gekommen. Es war noch nicht spät; wenn es auch nicht gerade Besuchszeit mehr war, er konnte wirklich einmal bei Leykuhlen vorsprechen. Aber wo lag dessen Haus? Rechts oder links hinein, oder geradeaus auf die Kirche zu? War niemand hier, den man fragen konnte? Er schaute sich um. Da hörte er Kinderstimmen.
Ein kleines Mädchen kam hinter einer schlecht gehaltenen Hecke hervor; die Füßchen der Kleinen traten leicht und lautlos, obgleich sie einen Jungen auf dem Arm schleppte, dessen dicker Kopf größer war als der ihre.
Der Junge greinte, als der Fremde auf sie zutrat. »Kinder, wo wohnt denn der Herr Bürgermeister?«
»Still, bis still, Doresche,« flüsterte die Kleine und drückte den dicken Kopf des Jungen mit der Zärtlichkeit einer Mutter an ihren Hals. Dann hob sie die Augen zu dem Herrn.
Josef war ganz überrascht von dem Blick dieser sanften schwarzen Augen. Wo hatte er solch ähnliche nur schon einmal gesehen? Er konnte sich nicht entsinnen. »Nun, Kleine?« sagte er freundlich und klopfte ihr das blasse Bäckchen.
Die Kleine wurde rot. »Bis still, Doresche, bis still!« Und dann sagte sie leise, wie zur Entschuldigung: »Der Bruder ist nicht an Fremde gewöhnt. Und er ist immer krank!« Sie mühte sich, hochdeutsch zu sprechen, jeden Konsonanten scharf betonend, besonders das »r«; fast fremdartig mutete dadurch ihre Sprache an, fremdartig wie ihre ganze Erscheinung.
Was für ein schönes Kind, feingliedrig und zart, nicht so, wie die Kinder aus anderen Dörfern! Josef betrachtete sie mit Interesse. Auch der Junge war nicht häßlich trotz seines dicken Kopfes; er wäre hübsch gewesen, wäre ihm nicht der Speichel über die hängende Unterlippe geflossen und hätten seine Augen nicht so glanz- und verständnislos geblickt. »Was fehlt denn deinem Brüderchen?« fragte er. Der Junge war wohl blöde? Schlaff hingen die welken Hände an der Schwester Hals; er mußte dem zarten Kinde eine fast unerträgliche Last sein. »Ich will dir den Jungen tragen. Wo willst du denn hin?«
Aber die Kleine schüttelte den Kopf. »Nee. Der Dores geht nicht bei fremde Leute. Ich will Euch zeigen, wo Ihr gehen müßt. Der Dores ist mir nicht zu schwer!« Sie schritt leichtfüßig vor ihm her, verstohlen den greinenden Bruder tröstend.
Josef hielt sich dicht hinter ihr. Unverzagt schritt sie aus; ihr Köpfchen mit dem hellen Kattuntüchelchen, unter dem sie das Haar verborgen trug, schmiegte sich bald links, bald rechts an den dicken Kopf. Wie eine Klette hing ihr der Junge am Halse; sie schleppte sich redlich. »Wie weit ist es denn noch?« fragte Josef ungeduldig; ihn dauerte die Kleine. »Sage mir nur, wo es ist, ich finde mich schon hin!«
»Ich gehe auch dorthin,« sagte sie verschämt, und ein leicht schelmisches Lächeln erhellte ihr ernsthaftes Gesichtchen.
Er war ganz entzückt. Wenn sie nur mehr plaudern wollte! Er machte sich an ihre Seite. Sie hatten wohl noch einen weiten Weg, das Dorf war ja endlos lang? Aber es gelang ihm nicht, viel aus ihr herauszubekommen; nur, daß der Dores, wie er noch ganz klein gewesen war, schon die Krämpfe bekommen hatte, und daß er nun schon sieben Jahre war, aber noch immer nicht in die Schule gehen konnte. Auch daß Vater schon einmal und die Mutter schon zweimal bitten gegangen waren nach Mariawald.
»Betest du auch für ihn?« fragte er.
»Ja!« Sie nickte wichtig. »Ich gehe alle Sonntag zur Maria im Stein nach der Ley. Aber –« sie seufzte auf, und ihr Hochdeutsch vergessend, sagte sie tief errötend: »Et notzt nühst!«
Er lachte auf; das klang so komisch. Komisch und rührend zugleich. Er wollte sie streicheln, aber sein Lachen hatte sie scheu gemacht; nun sprach sie auch nicht mehr. Eiliger als zuvor lief sie wieder vor ihm her, bis sie die hohe Hecke gegenüber der Kirche erreicht hatten, die schönste Hecke in ganz Heckenbroich. Da drehte sie sich um und nickte bedeutsam, und verschwand dann so rasch hinter der Hecke, daß er nicht einmal Zeit hatte, ihr die Groschen, die er ihr geben wollte, ins Händchen zu drücken.
Er stand vor Bürgermeister Leykuhlens Haustür. Das angelehnte Gadder aufstoßend, trat er in den Flur, der dunkel war wie in allen Häusern. Aber nun öffnete sich eine Tür im Hintergrund, im schmalen Lichtstreif stand eine schlankgewachsene Frau: »’n Abend!«
Er nahm den Hut ab: aha, das war wohl die Frau Bürgermeister, das Mariechen?! Er glaubte sie nie früher gesehen zu haben.
Sie aber kannte ihn. Freundlich reichte sie ihm die Hand: »Mein Mann is noch nit zurück. Aber die Sitzung muß jleich aus sein. Bitte, treten Sie so lang als ein, Herr Schmölder! Nehmen Sie so lang als Platz!«
Sie führte ihn in die Stube und bot ihm einen Sitz auf dem Ledertuchsofa an, über das sie zuvor rasch mit der Schürze wischte. Das wäre nicht nötig gewesen; es war so sauber in der Stube, trotz des Dämmerlichtes blinkten Stühle und Tisch und Schrank und Kommode wie neupoliert. Bunte Tassen und Väschen standen auf der Kommodendecke. Vor der kleinen Statue der Muttergottes über der Stubentür brannte hinter rotem Glas das ewige Lämpchen. Am Spiegel steckten geweihte Palmzweige. Beim Fensterplatz, wo der Nähtisch stand, hing ein porzellanenes Weihwasserkesselchen, und überm Sofa, breit eingerahmt, in schwarzer Seide und Perlen gestickt:
»_Erkannt, gelobt, gebenedeit, geliebt, verehrt, verherrlicht allzeit das göttliche Herz Jesu und das reinste Herz Mariä!_«
Der aus der freien Luft Gekommene sah sich um: so sauber, so wohlgeordnet, es roch nach frischem Wasser und ein wenig nach gutem Heu. Ein angenehmer Geruch, und doch beklemmte ihn etwas. Seine Augen hafteten auf dem gestickten Spruch über dem Sofa: warum hatten die Leute da nicht lieber ein schönes Bild hängen? Es gab so gute Reproduktionen. Es überkam ihn wie eine leichte Verlegenheit: was sollte er mit dieser Frau nun reden?
Da sagte sie schon: »Sie werden sich wundern, Herr Schmölder, dat ich Sie jleich jekannt hab. Der Bärtes hat mir auch neulich von Ihnen erzählt. So mußten Sie aussehen und nit anders. Wie jeht et Ihnen dann, jefällt et Ihnen jetzt besser unten? Ich hab als oft daran jedacht, wat Sie zum Bärtes von unsern Fabrickmädchens jesagt haben.«
Er sah sie verwundert an, da lächelte sie. »Wissen Sie, Herr Schmölder, in unsrer Still fällt so’n Wort wie ’ne Stein in den Brunnen. Man hört dat weit und noch lang hernach. Et is schön von Ihnen, Herr Schmölder, dat Sie Intress’ für unsre Leut haben!« Sie reichte ihm die Hand. »Sie würden sich ’ne Jotteslohn verdienen, wenn Sie Ihrem Vetter sagen täten, er soll den Mädchens mittags wat mehr Zeit jeben, dat sie in die Stadt ereinjehen könnten. Da haben doch ihrer viele Bekannte oder Verwandte, da könnten sie doch en warm Supp kriegen; wenigstens im Winter!«
Eine nette und ganz verständige Frau! Josef setzte an, ihr seine Pläne, die ihm jetzt auf einmal wieder so lebendig wurden, als hätte er sie erst gestern ausgeheckt, mitzuteilen, als ein Kraspeln draußen auf dem Flur hörbar wurde. Und jetzt ein Singen, zart und fein.
»Aha, dat Kathrinche mit ’m Doresche. Huesgens Kinder – arme Leut!« Die Frau sprang auf.
Draußen erklang noch zaghaft, aber doch schon ein wenig stärker:
»O Maria, sei gegrüßt, Die du voller Gnade bist! Sei gegrüßt, du schönste Zier, Gott, der Herr, ist selbst mit dir. Du bist hochgebenedeit – –«