Part 5
Der Gesang verstummte jäh, Frau Leykuhlen hatte die Tür geöffnet. »He, wo steckt ihr dann?«
Das Kathrinchen war erschrocken in den dunkelsten Winkel entwichen. Es traute sich nicht vor, weil der fremde Herr es so anlachte. Erst auf ein zweites Geheiß kam es heran mit gesenktem Kopf, immer den Dores auf dem Arm, und hielt stumm der Frau Bürgermeister den blechernen Henkeltopf hin, darin es alle Mittag und Abend eine Suppe für die Mutter holte.
»Du singst ja so hübsch,« sagte Josef.
»Oh ja, dat Kathrinche kann schön singen,« sagte die Frau und strich der Kleinen eine dunkle Haarsträhne unters Kopftüchelchen. »Setz doch de schwere Jung hin, drag den nit ümmer, Köngd!« Und als die Kleine zögernd flüsterte: »Da kriescht he!« nahm sie kurz entschlossen den Jungen selber auf den Arm. »Bis still, Dores, laaß dat Kathrinche dem Hähr jet singe! Sing ens, Köngd, sing ens, Kathrinche, wat du Christdag jesongen hast in der Scholl!«
Das Kathrinchen stellte sich in Positur, es wagte nicht zu widerstreben. Es faltete die Hände, ergeben-demütig.
Ah, das wurde einmal eine, die ihr Kreuz trug ohne Murren! Eine Rührung überkam den Junggesellen.
Nun öffnete das Mädchen sein Mündchen; in die dunklen Augen unterm Kopftüchelchen kam ein hellerer Strahl, es schlug sie weit auf.
»O du liebes Jesukind, Laß dich vielmals grüßen, Alle Kinder, die hier sind, Fallen dir zu Füßen. All um deine Liebe bitten, Die so viel für uns gelitten. Schenk uns deine Liebe!«
Die kindliche Stimme stieg hell und klar in die Höhe. Josef nickte wohlgefällig: hübsch musikalisch, sicher und rein!
»Oh ja, die kann et jut,« sagte die Frau und dann hielt sie dem Dores den Mund zu: »Bis doch still, Jöngelche!« Der Dores wollte durchaus mitbrummen.
»O du liebes Jesukind, In der Kripp’ im Stalle Wehte gar so kalt der Wind, Littst du für uns alle. Aber jetzt sollst warm du liegen, Jetzt soll unser Herz dich wiegen. Komm in unsre Herzen!«
»Du brauchst dat janze Liedche nit zu singe,« sagte die Bürgermeisterin; sie konnte den Dores kaum bändigen, eigensinnig stieß er immer ihre Hand weg von seinem Mund und trat ihr mit den welken Beinen gegen den Leib. Schon fing er an, falsch in den Gesang hineinzukrähen.
Aber Kathrinchen, stärker und heller als zuvor, die Augen unverwandt emporgerichtet, sang die Schlußstrophe:
»O du süßes Jesukind, Höre unser Flehen: Laß die Kinder, die hier sind, In den Himmel gehen, Daß sie mit den Engeln droben Dich und deine Mutter loben. Jesum und Maria!«
Josef Schmölder sagte kein Wort, er hatte gelauscht mit geneigtem Kopf. »Laß die Kinder, die hier sind, in den Himmel gehen« – das hatte ihn tief gerührt. Er fühlte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen; unter einem Scherz suchte er seine Stimmung zu verbergen. Musikalisch, wie er war, pfiff er die Melodie des eben gehörten Liedes nach, und dann sagte er: »Ich denke, es gibt keinen Singvogel im Venn?! Da hätten wir ja doch einen!« Er versuchte, die zurückweichende Kleine in die Wange zu kneifen.
Aber die Bürgermeisterin blieb ernst. »Der heilige Schutzengel behüte dich!« sagte sie und legte dem Kind die Hand auf den Kopf. »So, Kathrinche, nu komm, nu kriegste de Zupp. Entschuldigen Sie ’ne Augeblick!«
Sie ging mit den Kindern in die Küche. Als sie nach kurzer Zeit wiederkam, fand sie ihren Gast zum Aufbruch gerüstet; er hatte den Hut aufgesetzt und den Spazierstock wieder zur Hand genommen.
»Wollen Sie nit auf meine Mann warten?«
»Nein, Frau Bürgermeister« – er warf einen raschen Blick durchs Fenster – »es wird mir sonst zu dunkel.«
»Aber ’n Jläsche Wein – nee, Sie müssen doch ’ne Schluck trinke!« Sie nötigte ihn; sie hatte eine Flasche unterm Arm mit hereingebracht und auf einem Tablett ein paar Gläser.
Aber er nahm nichts an, er wollte auch nicht länger mehr warten. »Ich komme wieder, ich komme bald wieder, grüßen Sie den Bärtes einstweilen vielmals!« Er drückte ihr die Hand.
Und nun war er draußen. Es war ihm auf einmal eng geworden in der dämmerigen Stube. Nun das kleine Mädchen mit den tiefdunklen Augen fort war, fehlte ihm der poetische Anreiz. Eine nette Frau, das Mariechen, nett, sauber, aber nüchtern wie ihre wohlgeordnete Stube mit dem vielen heiligen Krimskrams drin! Huesgen, – Huesgen, wo hatte er doch den Namen schon einmal gehört? Huesgen –? Er konnte sich nicht entsinnen.
Es war schon spät. Unten in der Stadt war es sicher schon ganz dunkel, wenn hier oben der Himmel auch noch einiges Licht spendete. Alles – die Viehweiden mit den vereinzelt ragenden Hainbuchen, die Dachgiebel, die Hecken, die gepflasterte Straße, die Kirche, die Schule, das Wirtshaus – war von silbrigem Grau umzittert. Nur ein Hauch noch von zartem Rosenrot war in diesem Silbergrau; bald würde alles Licht tot sein. Doch da – unwillkürlich hatte er sich nach der Richtung umgedreht, aus der er vorhin gekommen war – wie wunderbar! Da brannte es. In höchster Glut. Als sei das Venn ein Meer von Glanz und Farbe, das den Sonnenball in sich geschluckt hatte und nun selber eine Quelle des Lichts war. Der Horizont, der seinen Scheitel begrenzte, glühte tiefrot. Wie Flammen leckten feurige Zungen in den bleiernen Nachthimmel hinauf. Ein Glanz kam von dort her, eine Farbenpracht, daß jetzt die Dorfstraße mit ihrem Grau von Steinen und Staub zum rosigen Band wurde und die weiße Wand der kahlen Kirche wie ein Spiegel den Vennglanz auffing und widerstrahlte.
Vom Blut des Abends getränkt, erschien alles verklärt. Frommen Pilgern gleich zogen Männer und Frauen des Weges. Das waren die müden Arbeiter und Arbeiterinnen, die jetzt nach Hause kamen aus Schmölders Fabrik. Die Tür der Kirche stand weit geöffnet; von der Straße aus sah man die glimmende Lampe vorm Hochaltar. Die Männer zogen die Hüte; von den Weibern aber wäre keines vorübergegangen. An ihren Strümpfen unablässig strickend, waren sie bergan gestiegen, nun ruhten die rasselnden Nadeln, dafür wurden die Rosenkränze aus den Taschen gezogen. Die Kügelchen rollten. Müde, hungrige Gesichter neigten sich über gefaltete Hände. Es war schon spät, dunkel war’s auch schon in der Kirche, die Mägen knurrten, aber ein paar Ave oder ein Vaterunser mußten hier doch noch gebetet werden.
Des Huesgen-Jörres Bäreb war als Letzte in die Kirche getreten. Langsamer als die anderen war sie bergan gegangen; die Füße waren ihr dick; sie hatte die ganze Nacht zu waschen gehabt, beim ersten Sonnenstrahl schon hatte sie aufgehängt; und dann, ohne das Bett zu berühren, das sie mit dem Kathrinchen und dem zweijährigen Drückchen teilte, war sie zur Fabrik hinuntergegangen, als der Tau noch gefroren die Gräser bereifte und es sie eisig durchfröstelte nach durchwachter Nacht. Brennend hatten ihre Augen nach Schlaf verlangt den ganzen Tag. Während die andern Mittagszeit machten, ihr Brot verzehrten und von ihren Liebsten sich was erzählten, hatte sie sich zwischen den Lumpensäcken lang hingestreckt. Sie mochte nicht essen, und von einem Liebsten zu erzählen hatte sie auch nichts.
Die junge Bäreb hatte noch keinen Schatz. Was erzählten die andern nicht alles in diesen langen Stunden, die man zusammenhockte bei der Arbeit, zu der man nicht Herz und Gedanken, kaum Sinne brauchte, nur die Finger. Die Anna von der Lämmerheck, die war voller Jubel; der ihr Schatz kam jetzt bald frei vom Militär, dann wollten sie heiraten. Und die Angenieß, deren Bruder als Hausknecht unten im Schwan diente, – Jesus, was wußte die nicht alles zu erzählen! Erst leise kichernd und dann vor Lachen fast berstend, hörten die Mädchen zu, was die Angenieß von der Madam für Stückchen erzählte. »Ba!« stieß dann die Bäreb wohl heraus und wandte die Augen ab. Ein glühendes Rot der Scham und des Schrecks färbte ihr bleiches Gesicht: was, der Herr hier, der Herr Schmölder selber ging auch zu der Madam? Das war nicht fein! Und doch durchrieselte es sie von Kopf bis zu den Füßen mit einem seltsam heißen, unruhigen Fluten. Mit zitternden Händen mechanisch ihre Arbeit tuend, blickte sie starr auf diese, und ihre Lippen, die sie sich blutrot gebissen hatte, zuckten wie von verhaltenem Weinen. Gut, daß die Angenieß dann mit der Litanei anhub:
»Heiliges Herz, Mariä, Herz Mariä, ohne Sünde empfangen –«
und sie dann alle murmelnd einzufallen hatten:
»Bitte für uns!«
* * * * *
Mit einem Seufzer sah Bäreb von ihrem Rosenkranz auf – die Kirche war leer. Nun war auch sie fertig. Den Rock herunterstreifend, den sie zum Knieen vorn aufgeschlagen hatte, tunkte sie die Finger in den Weihwasserkessel an der Tür, betupfte sich Stirn und Brust und trat dann hinaus.
Draußen war alles Rot erloschen; nur ein gelblicher Streifen über der purpurnen Finsternis des Venn-Rückens kündete, daß es noch nicht tiefe Nacht war. Sonst war es dunkel. Keine Laterne brannte die lange Dorfstraße auf und ab. Fast wäre die verspätete Beterin in ihrer Eile gegen eine Männergestalt gerannt, die auf den Kirchstufen stand, unbeweglich, den Kopf zum Venn hingewendet. Sie prallte zurück. »Hoppla!« hatte der Mann gesagt und eine Bewegung gemacht, als wolle er sie auffangen. Sie bekam einen großen Schreck.
Josef Schmölder war es. Er, der so rasch hatte heimgehen wollen, hatte sich erst überm Anblick des Sonnenuntergangs verzögert, und dann hatte er sich nicht losreißen mögen von den leisen Stimmen der Nacht, denen zu lauschen er hier auf den Stufen stehengeblieben war. Die Schwalben, die unterm Dach der Kirche Nest bei Nest angekleckst hatten und mit immerwährendem jauchzenden Abendschrei ihre Wohnstätten umsegelten, schwiegen jetzt; dafür ließen die Unken ihre Stimmen hören. Hier unter den großen Steinplatten vor der Kirchtür mußte die eine sitzen und drüben am Kirchhof die zweite. Sie antworteten sich unausgesetzt. Wie das leise Anschlagen eines silbernen Glöckchens hörte es sich an. Lieblich und doch in seiner Monotonie wehmütig. Warum klagten die Tierchen so?!
Josef war nicht minder erschrocken als das Mädchen, das gegen ihn anlief. Zwei schwarze Augen blickten ihn an – er sah sie ganz deutlich in einem plötzlichen Mondstrahl – und nun schob der Mond völlig das Nachtgewölk beiseite, das ihn bis jetzt verdeckt hatte, kalt und klar stand er mit einemmal über dem Kirchhof, die einzel-ragenden Bäume mit ihren wehenden Schöpfen kitzelten ihm das rundliche Gesicht.
Ei – Josef blickte in ein verlegenes, ihn scheu anlächelndes Mädchenantlitz – war das nicht das Mädchen, für dessen Mutter er damals den Doktor heraufgeholt hatte?!
Auch Bäreb erkannte den Herrn wieder, dessen sie so oft im Gebet gedacht hatte. Wie oft hatte sie danach verlangt, ihm sagen zu können: »Unser Herrjott jeb Uech der Lohn!« Ihre Schüchternheit überwindend, streckte sie ihm die Hand hin; sie schüttelte ihm die seine fast aus dem Gelenk. Und dann wurde sie rot über die eigene Kühnheit und wußte nicht mehr, wie loskommen. Sie hielt noch immer des Herrn Hand gepackt, ihre Augen, zutraulich und doch scheu, guckten auf zu ihm mit einer gewissen Andacht: ach, wäre der damals nicht hinuntergelaufen so geschwind und hätte den Doktor heraufgeschickt, wer weiß, die Mutter wäre damals sicher gestorben!
Josef lächelte; nun wußte er auf einmal, an wen des Kathrinchens Augen ihn erinnert hatten. »Du,« sagte er und hielt die arbeitsharte Hand fest, »sag mal, hast du eine Schwester, die Kathrinchen heißt?!«
»Ja, oß Kathrinche!« Das Mädchen lächelte, Grübchen vertieften sich in Wangen und Kinn.
»Und einen Bruder, den Dores?«
Da wurde das hübsche Mädchengesicht trüb.
Josef klopfte ihr die Wange: »Na, dann weiß ich Bescheid. Und deine Mutter ist noch immer schwach, der Dores ist auch noch immer nicht besser, und du und das Kathrinchen, ihr habt eure liebe Not!«
Fast entsetzt, mit offenem Mund, starrte Bäreb ihn an: woher wußte der Herr denn das alles? Wußte er am Ende auch, daß sie heimlich oft, oh, sehr oft, seiner gedacht hatte und immer gewünscht, sie möchte ihn noch einmal wiedersehen?! Sie stotterte, sie stammelte etwas Unverständliches. Dann aber riß sie ihre Hand aus der seinen mit einem hastigen: »Adjüs!« Jesus, Maria, was hielt der Mann sie wohl für dumm und ohne Manier?!
Mit hartem Geklapper ihrer Nägelschuh trabte sie davon. Ganz außer Atem und aufgeregt hemmte sie ihren Lauf erst, als sie schon ein weites Stück von der Kirche entfernt war. Nun wagte sie es, sich noch einmal umzudrehen. Aber sie sah ihn nicht mehr. Kahl und weiß schimmerten die leeren Kirchenstufen im kalten Mondlicht.
IV
»Et is ’ne Skandal,« sagte Bürgermeister Leykuhlen zu seiner Frau, als er auf dem Ledertuchsofa in der Stube den Sonntagsnachmittagskaffee trank.
Sie sagte nichts, sie strich ihm nur ein Stück Blatz, schenkte ihm noch einmal ein und setzte sich dann auf ihren Stuhl am Fenster. Da lag auf dem Nähtisch, sorgfältig in sauberes Leinen eingeschlagen, die Altardecke, die bald fertig sein mußte; an der sie stickte, oft halbe Nächte, damit die aufliegen konnte zu Pfingsten, wenn die Waller auszogen zu den Prozessionen nach Heimbach und Mariawald oder anderswohin zu heiligen Orten. Aber heute stickte sie nicht, so sehr es auch drängte; heute war Sonntag, heute hielt sie ein Andachtsbuch in den Händen.
»Et is ’ne Skandal, Marieche,« sagte Leykuhlen wieder, und dann, als sie noch nichts darauf erwiderte, zum dritten Male: »’ne Skandal, Marieche!«
Sie hob den Kopf und sah ihn einen Augenblick an: mit was war es denn ein Skandal? Sie wußte nicht genau, meinte er damit seinen jetzt ständigen Ärger mit dem Landrat, oder seinen Ärger mit den Gemeindeältesten, oder ärgerte ihn draußen das Wagenrollen und Hufegeklapper auf der früher stets so sonntäglich-stillen, nur zur Zeit des Hochamts- oder des Vesperläutens belebten Straße?!
Eben rasselte schon wieder ein Wagen vorüber, er streifte fast die Hecke.
»Dat Fraumensch!« Der Bürgermeister fuhr vom Sofa auf. »Zapperlot, sind se denn all jeck?«
Seit das Lager oben voller Militär lag, war dieses Vorbeirasseln des Bürgermeisters steter Ärger. Was ging es ihn an, wenn die Herren sich unten volltranken und ihre Taler ausgaben, als wären es Pfennige?! Aber das wurmte ihn, daß hier im Lande Eine sich finden ließ, die den Herren so gefällig war, daß die es sogar riskierten, sich die Hälse zu brechen, wenn sie toll und voll durch die Nacht heimritten oder -fuhren. Leykuhlen lachte zornig auf: das fehlte noch, daß sich noch mehrere fänden, die es der da unten nachmachten! Ach ja – er seufzte – es war leider nicht mehr so wie früher! Im Rücken die Sträflingskolonie – von der einen Seite das Lager – von der anderen die Helene – eine böse Umzingelung für Heckenbroich! Daß der Teufel alle miteinander hole!
»Du mußt nit eso auf dat Lenche kiefe, Bärtes,« sagte die Frau. »Janz allein is dat nit schuld. En lustige Flieg war die als in der Schul. Aber hätten wir dat Lager nit herjekriegt, so wär dat doch nit mit ihr jeworden. Dat Militär is dran Schuld. Unsren Mädcher kucken se auch als nach. Un die?! No, du sollst emal sehen, wat dat is, wenn die Soldaten hier langs kommen! Alles am Tor! Un die Kerls lachen und pfeifen und werfen Kußhändcher, un uns Mädcher machen ’ne Hals – eso lang! Du mußt et dem Herr Pastor sagen, dat de ens davon predigt. Wo Militär hinkommt, da is auch leicht Malheur!«
»No, Marieche! Hätten wir den Militärübungsplatz nit hier oben und nit dat viele Jeld für unser Land jekriegt, wir hätten auch unsre neue Kirch nit bauen können, unsre schöne neue Kirch. Dat war uns ja, wie ’ne Jnad von Jott, dat viele Jeld. Un da hat jeder jern jejeben für den heiligen Zweck – aus freien Stücken, aus Dankbarkeit. Un wat mein Vater sich immer jewünscht hat, un wat er immer zu mir jesagt hat, als ich noch ’ne dumme Jung war – ›En neue Kirch, et is en Schand, dat wir noch kein neue Kirch han!‹ – un wat dein Vater, unser alter Bürjermeister, anjestrebt hat zeit seines Lebens, dat hat sich nu realisieren lassen, dat haben wir jetzt!« Er war über dem Sprechen rot geworden in einer freudigen Erregung.
Ja, freilich, die Kirche war schön, die war ein Werk, auf das man stolz sein konnte. Weit hinein ins Land ragte sie, ein stolzer Dom, stattlicher als manche Stadt sie aufwies, aber – ein leichtes Sinnen ging über der Frau Gesicht – hatte man denn nicht auch in der alten und kleinen Kirche gut beten können? Sie stand auf und legte mit einem Lächeln ihrem Mann die Hand auf die Schulter: »Bärtes, wenn ich drüber nachdenk, die heilige Jungfrau, die Heiligen all haben uns auch in der alten Kirch gehört!«
Da sah er sie ganz bestürzt an: das sagte Mariechen?! Die kam ja bald mit dem Landrat überein, der ihm immer und immer zu hören gab, wieviel vernünftiger es gewesen wäre, lieber eine Wasserleitung zu bauen, eventuell ein Krankenhaus oder anderes Gemeinnütziges. Er lachte bitter auf: »Für das viele Geld!« sagte der Landrat! Gelangt hatte das Geld doch nicht, Schulden waren doch noch übrig geblieben vom Kirchenbau. Aber Strich darunter und gesehen, wie man die Schulden abgezahlt kriegte mit der Zeit! Er ärgerte sich heut fast zum ersten Mal über sein Mariechen: wie konnte sie so etwas Dummes sagen?!
Er verließ die Stube und ging eilenden Schritts über den Kirchplatz hinüber zum Pastorat. Beim Pastor, hinter der dicken Mauer, hörte man das verdammte Wagengerassel nicht so. –
Nicht nur zu Wagen und zu Pferd, auch zu Rad und zu Fuß kamen die Herren vom Platz die lange Dorfstraße herunter. Man mußte hinunter, auf jeden Fall, es war zum Blödsinnigwerden oben auf der Heide; rein stumpfsinnig wurde man bei dem steten Einerlei. So viel man auch schon vom Truppenübungsplatz hatte munkeln hören, so trostlos hatte man es sich doch da nicht vorgestellt. Das war ja ein Sibirien, eine Verbannung. Nichts als Venn, endloses Venn, Moor und Himmel. Und die Mädchen, die man ab und zu bei Ritten durch das Dorf vor Augen bekam, waren blöd und unzugänglich, stupide Kreaturen. Ein Glück nur, daß die lustige Witwe unten auf einen guten Keller hielt und auch auf die nötige Laune. Sie setzte zwar etwas reichlich an, mit der Zeit würde sie recht fett werden, auch konnte sie mitunter fast lästig sein in ihrer Liebenswürdigkeit, aber –! Wenn die Helene nicht wäre, weiß Gott, man hätte sich aufhängen können am krummen Ast. Ein Teufelsweib, so blond sie war, und so naiv sie auch tat! Achtung, sonst kam man ihr nicht wieder aus den Krällchen!
Egon von Scheffler gab dem kleinen Abeking einige Verhaltungsmaßregeln. Sie hatten sich zusammen mit einem Stabsarzt und mit einem Leutnant, dem Abkommandierten Schmidt von den Deutzer Kürassieren, das Break vom Wirt an der Bahn gemietet; sämtliche Krümperwagen waren längst voraus vergriffen gewesen. Der Wirt würde zwar wieder gehörig schinden – oh ja, es kam heute schon was zusammen mit der Rechnung bei Helenchen, aber – na, man mußte den Leuten doch was zu verdienen geben! Nicht nur Manieren, auch Geld brachte man in diesen entlegenen Erdenwinkel. ›Das Militär ist ein Hauptfaktor der Zivilisation!‹ Exzellenz hatte das neulich in seiner Rede beim Liebesmahl im Kasino sehr energisch betont.
Abeking hatte anfänglich ein wenig beklommen dagesessen, er hatte weder soviel Geld wie der reiche Schmidt, der Sohn eines Großindustriellen, noch war er so leichtlebig wie der Adjutant von Scheffler. Aber die Sonne schien hell, Sonntag wars, und man konnte sich doch nicht gut ausschließen, wenn die so viel älteren Kameraden aufforderten. Und dann – zwar hätte ers sich nicht einmal eingestanden – sein Herz klopfte, wenn er des schönen Weibes im Weißen Schwan gedachte. Es verdroß den jungen Leutnant immer, wenn er die anderen in so leichtem Ton von ihr sprechen hörte. Der Respekt verbot ihm, ihnen über den Mund zu fahren, aber, weiß Gott, kalten Blutes hätte er Scheffler zuweilen niederknallen können, respektloser konnte man ja von einer Viehmagd nicht reden! Wenn ihnen Helene nicht salonfähig erschien, warum rannten sie denn alle hin?! Mochten sie doch wo anders hingehen und ihm das Feld allein überlassen!
»Warum starren Sie denn so finster drein, Abeking?« fragte Scheffler und lachend sagte der Kürassier: »Er ist schon eifersüchtig!«
»Keine Spur!« Der junge Leutnant bemühte sich, das ganz ruhig zu sagen, aber er warf die Lippen auf wie ein schmollender Knabe. Die beiden Gewitzten lasen ihm die Gedanken vom Gesicht ab wie aus einem offenen Buch. Heiliges Kanonenrohr, Abeking war wirklich ernsthaft in die Helene verliebt. Wie finster er immer die Brauen zusammenschob, wenn von ihr die Rede war, und Blicke schoß er, die Dolchstößen gleichkamen!
Nun machten sie sich ein Vergnügen daraus, immer wieder und wieder von Helenchen zu reden. Alle die Liebhaber, die sie schon gehabt hatte, – Militär und Zivil, – wurden der Reihe nach aufgezählt. Der Stabsarzt hatte auch zu ihnen gehört; jedenfalls ließ er sich’s ruhig gefallen, als man in der langen Reihe auch seinen Namen nannte, und widersprach nicht. Hier oben war wenigstens das eine Gute: hier, fern aller Zivilisation, brauchte man sich nicht den gleichen Zwang auferlegen, wie anderswo.
»Abeking,« schrie Scheffler laut, um sich im Rasseln der Räder, die mit einem furchtbaren Lärm über die schlechtgepflasterte Dorfstraße rollten, verständlich zu machen, »nichts für ungut, einen famosen Geschmack haben Sie aber doch entwickelt! Beichten Sie mal, wie weit sind Sie denn mit ihr gekommen? Schreibt sie Ihnen auch schon Briefchen? Vorigen Sommer, der Radebruk, konnte ein paar Dutzend aufweisen!«
»Radebruk – Radebruk?!« stammelte der Eifersüchtige nach und sah wild um sich.
»Ja wohl, Radebruk, Hauptmann von Radebruk! Sie wissen doch, der bei den Saarlouiser!«
»Der –?« Abeking atmete erleichtert auf. »Der ist ja verheiratet!«
»Na, wenn schon!« Scheffler brach in ein Gelächter aus, und dann wechselte er mit den anderen beiden Herren Blicke: oh diese Unschuld! Aber sie sagten nichts mehr, kränken wollten sie den jüngeren Kameraden denn doch nicht.
Nun waren sie auf weicherem Boden, das Rädergerassel hatte aufgehört, das Dorf lag ihnen im Rücken; in großen Kehren schlängelte sich die Chaussee zwischen mächtigen Tannen und Mattengrün hinab zur Au. Noch verdeckten die Riesentannen den ragenden Schornstein der Schmölderschen Fabrik. Schroff, scheinbar noch von keinem Fuß betreten, reckten Felsklippen ihre grauen Fratzen vom Waldhang jenseits; silbern, in Sprüngen und Sprüngchen, plätschernd, murmelnd, glucksend hüpfte ein Forellenbach zu Tal. Die Landschaft war wild und doch lieblich, aber keiner der Herren im Wagen hatte heute ein Auge dafür.
Selbst Abeking nicht; wenn er auch nicht schlief, wie der Stabsarzt, und gelangweilt gähnte, wie Schmidt und Scheffler, die eine Zigarette nach der andern ansteckten. Er überlegte, wie er es anfangen sollte, mit der schönen Helene einmal allein zusammen zu sein. Ob er’s versuchte, die andern zu überdauern? Aber wie kam er dann wieder herauf, ins Lager zurück? Nun, so schlimm würde das nicht sein, zu Fuß einfach. Er verkrümelte sich eben ein bißchen, ließ sich nicht eher finden, als bis die anderen abgefahren waren – um Eins spätestens hatte Scheffler dem Wirt versprochen, ständen seine Gäule wieder im Stall – nun, und wenn sie dann alle glücklich weg waren, dann – dann –! Er hatte sie ja ewig nicht unter vier Augen gesprochen; seit dem Tode ihres Mannes überhaupt noch nicht. Er hatte ihr einen Kondolenzbrief geschrieben, ein schweres Stück Arbeit – kondolieren konnte man ihr ja eigentlich nicht, es war doch eine Erlösung für sie, daß sie den Säufer losgeworden war – aber sie hatte ihm nicht darauf geantwortet. Hatte er sie etwa beleidigt dadurch? Sie war doch sonst stets für Offenheit, eine ehrliche Natur, die sich gab, wie sie war, nicht besser, nicht schlechter. Das imponierte ihm ja gerade so.
Ein Husten Schefflers und ein Schimpfen von Schmidt schreckten ihn aus seinen Gedanken auf; auch der Stabsarzt fluchte. Sie waren in eine Wolke von Staub geraten; wie graues Mehl flog er, von Rädern und Hufen aufgewirbelt. Hier mußte die reine Völkerwanderung gewesen sein. Und nun kam auch noch ein Tuten den Berg herab. Wie ein Ungetüm sauste ein belgisches Automobil hinter ihnen drein, kaum daß der Bauernbursche auf dem Bock noch zur Seite lenken konnte. An den entsetzten Pferden flog es vorbei im Hui. Unwillkürlich waren die Herren im Wagen aufgesprungen: das fehlte auch noch, ein Auto! Und natürlich auch zur Helene – verdammt! Sie schimpften laut hinter dem Automobil drein, das längst nicht mehr zu sehen war, ihnen nur einen pestilenzialischen Benzingestank hinterlassen hatte.
»So fahren Sie doch, Kerl, fahren Sie zu in drei Teufels Namen!« brüllte der Adjutant den Kutscher an.