Part 19
Der junge Leutnant Abeking hatte den Leuten oft zugehört, gern zugehört. Schön waren die Lieder, mehrstimmig, von den starken Kehlen gesungen, deren Ungeschultheit hier nichts das Ohr Verletzendes hatte. In der großen Unbegrenztheit klangen die Sänge weich und getragen.
»Des Abends kann ich nicht schlafen gehn, Ich muß erst meine Herzliebste sehn – Steh auf, mein Schatz, und laß mich ein« –
Das war wie ein Anruf, das pflanzte sich fort von Baracke zu Baracke; das ganze Lager war voll davon. Naturlaute, Sehnsuchtsklänge. Sie wurden eins mit dem Locken des Bächleins, mit dem leidenschaftlichen Liebeskonzert der Frösche.
Nun war auch das Singen verboten. Wer draußen gesehen wurde nach Sonnenuntergang, bekam drei Tage Mittelarrest.
Auch die Offiziere fuhren längst nicht mehr so oft hinunter ins Städtchen, Leykuhlen brauchte sich nicht über unausgesetztes Rädergerassel und spätes Heimkehren bei Nacht zu kränken; die Geschichte mit Abeking hatte ihnen die Lust dazu etwas benommen.
Der junge Leutnant war fort. Seine Kopfwunden gingen nicht ans Leben, aber er war doch fort; nicht in seine Garnison zurück, er hatte Urlaub bekommen – auf unbegrenzte Zeit. Und der Abschied würde nachfolgen, das wußten alle mit den Verhältnissen Vertraute. Das legte einen Druck auf die Gemüter.
Kein Mensch wußte zu sagen, wie die Geschichte eigentlich ruchbar geworden war – was wäre denn sonst so Schlimmes dabei gewesen: ein junger Mensch reitet im Dusel einmal zum Liebchen, unvorsichtig, tollkühn, er stürzt – aber nun, nun?! Es war alles zu offenkundig. Es war unmöglich, Abeking konnte nicht bleiben.
Leutnant Schmidt und der Stabsarzt hatten sich bis jetzt noch immer nicht entschließen können, wieder im Schwan zu kneipen. Aber die Neugier plagte sie: was mochte die schöne Helene wohl für ein Gesicht machen?! Es war ein Jammer um den Abeking, ein so netter Junge, ein so lieber Mensch, und Offizier dazu mit Leib und Seele! Was fing er jetzt an? Er saß nun zu Hause bei Muttern. Eine verkrachte Existenz, ein zerstörtes Leben, ehe es noch eigentlich recht angefangen hatte. Als Mann konnte man ihn voll und ganz verstehen: es war ja nur eine Dummheit gewesen, eine verliebte Torheit. Diese Helene, dies Teufelsweib! Daß sie es gewesen war, die der verliebte Junge zu einem Schäferstündchen im Waldesdunkel entführt hatte, von dem er dann, wie im Rausch, davongesprengt war, so blind und toll, daß der Gaul, erregt durch die Erregung des Reiters, wild wurde und scheute, das zirpten alle Spatzen von den Dächern. In den Augen ihrer Freunde hatte die schöne Frau darum aber nicht verloren: im Gegenteil; sie war nun mal so! Und sie hielt schadlos für manches andere. Was hätte man denn sonst machen sollen, in dieser völligen Weggesetztheit?!
»Ich seh et schon, lang dauert et nit, und wir sind wieder am Herunterfahren,« sagte der Rheinländer. Und der Stabsarzt sagte ganz ernsthaft: »Dann wollen wir aber alle drei an Abeking ’ne Postkarte schreiben. Der arme Kerl!«
Vorläufig fuhr nur Scheffler herunter, so oft der Dienst es erlaubte; er war ein sehr verliebter Bräutigam. –
»Bärtes, es ist nicht mit anzusehen,« sagte Josef Schmölder, als er heute heraufkam, den Freund zu besuchen. Er hatte es nicht mehr ertragen können, unten nur von der Ausstattung, von Wäsche – Leibwäsche, Tafelwäsche, Bettwäsche – von Silber und von Möbeln reden zu hören. Scheffler drängte darauf, daß die Hochzeit schon zum Winter sein sollte, aber – »Gott sei Dank, da ist Heinrich doch fest geblieben,« sagte Josef. »Er gibt Hedwig allerfrühestens nächstes Frühjahr fort. Der Herr Bräutigam ist zwar ganz unparlamentarisch geworden, und die kleine törichte Person hat geweint; aber es hilft ihnen alles nichts. ›Mai frühestens, so wahr ich Heinrich Schmölder bin‹, hat er gesagt. ›Und wenn Ihnen das nicht paßt, so lassen Sie’s bleiben!‹ Dabei hat er dem Monsieur ganz unverfroren ins Gesicht gesehen!« Josef lachte. »Das hat mir ordentlich gefallen vom Heinrich – er ist doch ein Kerl! Es sei ihm darum manches verziehen, was er mir an den Kopf geworfen hat, der Grobian!«
Leykuhlen lachte nicht mit. Er war heut nicht wie sonst, seine Frische war fort. Josef glaubte auf dem glatten, braunroten Landmannsgesicht Furchen zu sehen, die ein Kummer gepflügt hatte.
»Was ist das heute mit dir, Bärtes,« sagte er herzlich und sah dem großen Mann, der vor dem Kanapee stand, in dessen ausgesessene weiche Ecke er sich bequem hineingedrückt hatte, von unten her in die Augen. »Hast du Ärger gehabt? Du bist auch traurig; das paßt gar nicht zu dir!«
»Er macht zu viel Jedanken,« sagte Frau Mariechen, die aus dem Schrein die buntblumigen Kaffeetassen hervorholte und auf den mit weißer Serviette gedeckten Tisch stellte. Auch sie sah von unten her ihren Mann an; es war eine demütige Besorgnis in ihrem Blick. »Ach, sagen Sie et ihm doch, Herr Schmölder, dat er recht dran jetan hat, die Kirch zu bauen. Und dat er doch nit dafor kann, dat die Krankheit nu auch im Dorf is!«
Wie, war hier auch Typhus? Josef machte ein betroffenes Gesicht. Aber ehe er etwas sagen konnte, sagte Leykuhlen schon: »Wir haben bereits zwei Fäll im Dorf. Vorjestern der Peter Jans, unten in der Lämmerjaß; jestern der Mechernich am jrünen Klee. Torfarbeiter, arme Leut mit vielen Kindern. Und wer kömmt nu an die Reih?« Mit einem tiefen Seufzer setzte er sich schwer auf den Stuhl an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand.
Die Frau trat dicht neben ihn, sie legte den Arm um seinen Nacken. »Bärtes, wat machste dir für Jedanken – o, ich kenn se all!« Sie klopfte ihm gegen die heiße Stirn. »Du denkst, wenn die Leut sterben, die Männer von ihren Frauen weg, die Ernährer von ihren Kindern, dann bist du dran schuld, weil wir noch kein Wasserleitung haben im Dorf. Weil die Leut immer noch aus ihren Pötzen trinken. Ach, dat is ja all dumm Zeug!« Sie versuchte zu lächeln; es gelang ihr auch, ihre Stimme klang heiter: »Bärtes, du hast zu schwer Blut! Herr Schmölder« – sie wandte den Blick ihrer klaren Augen jetzt Josef zu – »ich kenn meine Mann jetzt jar nit mehr, er is doch sonst auf ’m Platz, zu juter wie zu böser Zeit. Und er hat doch auch sonst immer jewußt, dat über uns einer is, der alles so macht, wie et jut is. Laß se doch reden, Bärtes, laß se doch schimpfen, laß se doch schreien: en Wasserleitung hätt jebaut werden müssen! Laß se doch, Bärtes! Ich, dein Frau, ich sag dir: recht haste jetan, janz recht!« Sie reckte ihre Gestalt mit dem sonst immer ein wenig geneigten Kopf zu ihrer schlanken Höhe auf: »Recht haste, Bärtes!«
War das eine Energische! Josef hätte das gar nicht von der zurückhaltenden, sonst immer wenig Worte machenden Frau erwartet. Jetzt floß ihr ja die Rede vom Mund – und aus dem Herzen; und das war die Hauptsache. Eine prächtige Frau, auch eine schöne Frau! Das war ihm vordem nie aufgefallen. Aber auf diesem Gesicht mit den einfachen Linien lag jetzt soviel Hingabe, soviel felsenfestes Vertrauen, daß es schön wurde und auch jung, ohne doch eigentlich jung mehr zu sein. Und ihre Stimme klang frisch.
Als Frau Mariechen jetzt ihre Wange auf die Stirn ihres Mannes legte, schien sie des Fremden Anwesenheit völlig vergessen zu haben. »Bärtes,« flüsterte sie in ihn hinein, »Bärtes, sei doch nit esu bang!« Und dann wurde ihre Stimme ermutigend; das Anfeuernde lag noch mehr im Ton als in den Worten. Sie faßte ihn bei beiden Schultern und sah ihm tief in die Augen: »Mann, Mann, wer ein rein Jewissen hat, der braucht doch keine Mensch zu scheuen. Und du hast en rein Jewissen, Bärtes, so wahr ein Jott lebt!«
»Deine Frau hat ganz recht, Bärtes,« sagte Josef und nickte dem Freund zu. Er wollte auch Frau Mariechen zunicken, aber sie hatte sich losgemacht und war rasch hinausgeeilt, errötend wie ein Mädchen, dessen Liebesgeständnis ein Unbefugter belauscht hat. »Du hast ’ne famose Frau, Bärtes!«
»Dat weiß ich, dat weiß ich!« Der Bürgermeister lächelte, aber es war nur ein flüchtiger Glanz, der über sein Antlitz huschte. »Sie jlaubt an mich. Sie weiß ja auch, wie ich’t jemeint hab – wenn ich nur andere davon auch überzeugen könnt! Oft mein ich jetzt, ich hab doch nit dat Richtge jetan. Jott, Jott –« er verstärkte plötzlich seinen Ton, stützte beide Arme auf den Tisch und den schweren Kopf zwischen sie – »wenn ich dächt, dat durch en Wasserleitung die Typhusjefahr abjewendt wär, ich könnt mir die Haar aus ’m Kopf reißen, dat se noch nit jebaut is!« Er faßte sich mit beiden Händen in die Haare und riß daran. »Ich Esel, ich Schafskopp, ich Doof-Uehl!«[22] Er stöhnte auf und schloß die Augen wie in einem Schwindel.
[22] Scheltwort: taube Eule.
Es war heiß und still in der Stube, man hörte das Fliegengesumm. »Josef!« Etwas ruhiger geworden, hob der Bürgermeister jetzt wieder von neuem an: »Siehste, Josef, mer meint et so jut und macht et doch immer all verkehrt – und dat macht eso traurig. Is et dir auch als so erjangen?« Fast hilflos sah er den andern an, auf seiner Stirne perlte der Schweiß.
»Und ob!« Josefs Mund verzog sich zu einem leicht-ironischen und doch auch bitter-traurigen Lächeln. »Ob’s mir so ergangen ist?!« Er sagte mehrmals rasch hintereinander: »Immer! Öfter als dir, Bärtes, das kann ich dir sagen. Du bist doch ein anderer Kerl. Dich möchte ich beneiden – jetzt doppelt, weil ich weiß, was du an deinem Mariechen hast. Ich habe niemanden!« Er seufzte. Aber rasch die Bewegung abschüttelnd, die ihn erfaßt hatte, lachte er auf. »Wir leben nun einmal, alter Junge, leben, um alles verkehrt zu machen. Das ist nicht anders. Wie’s uns ergeht, geht es noch vielen; ich könnte dir Exempel von Beispielen erzählen – oh! Aber ich denke, wenn wir wenigstens das Gute anstreben, das, was wir als das Gute erkannt zu haben glauben, das ist doch schon immer etwas!«
»Dat is nit jenug,« sagte der Bürgermeister langsam und stand schwerfällig auf. »Ich will dir wat sagen, Josef! Et jibt en Lied in der Kirch – du kennst et jewiß nit mehr – dat lernt mer auch schon in der Schul. Et heißt drin:
›Unser Wissen und Verstand Ist mit Finsternis umhüllet, Wenn nicht deines Geistes Hand Uns mit hellem Licht erfüllet.‹
Und dat is gewißlich wahr, Josef! Dat is die einzige Erkenntnis, die wir haben!«
XII
Überall rührte sich der alte Feind. Die Fälle von Typhus im Lager und die Fälle zu Heckenbroich waren der Anfang; andere folgten nach in den Dörfern, die wie Oasen, grünen Tellern gleich, im roten Heidemeer schwimmen. Da und dort. Noch war es keine Epidemie, wie sie zu früheren Zeiten wohl geherrscht hatte, aber doch ging ein Grausen durch alle Gemüter.
Der Kreisphysikus erstattete Bericht nach Aachen; der Landrat runzelte die Stirn.
Bei der schönen Helene im Weißen Schwan kamen die Herren zusammen; sie waren ganz ein und derselben Meinung, auf Leykuhlen wurde viel geschimpft. Dieser dickschädelige Bauernbürgermeister! Es war kaum zu glauben, daß ein sonst doch ganz intelligenter Mann sich so gegen alle Neuerungen verschloß! Der Kreisphysikus kannte die Bauern: natürlich soffen sie aus den geschlossenen Brunnen! Am grünen Klee, wo das Wasser am schlechtesten war, war ja auch der erste Fall gewesen. Diese unvernünftigen Leute konnten es nicht lassen, sie glaubten es eben nicht; nachts wurde geschöpft, weil es am Tage des Verbotes wegen nicht möglich war, und der Bürgermeister, der doch sicher drum wußte, drückte nicht nur ein Auge, nein, alle beide zu. Unerhört!
Es war an einem heißen Vormittag, als Kreisphysikus und Landrat beim Frühschoppen im Schwan saßen und durchs geöffnete Fenster drüben auf der anderen Gassenseite den Bürgermeister von Heckenbroich vorübergehen sahen. Er ging langsam mit gesenktem Kopf und suchte den Schatten; sein Gesicht war hochrot, das Taschentuch, mit dem er den Schweiß wischte, hielt er in der Hand.
Helene mit ihren Luchsaugen war die erste gewesen, die ihn erspäht hatte. Sie machte »pst!« und winkte ihm mit dem Finger. Er mußte das wohl bemerkt haben, aber er tat, als hätte er nicht Auge noch Ohr. Erst als der Landrat ans Fenster trat, und auch der Kreisphysikus diesem über die Schulter weg rief: »Hela, Leykuhlen! Guten Morgen! Hören Sie denn nicht?« blickte er zum Schwan hinüber.
Die Herren winkten; nun konnte er nicht anders. Unwillkürlich hob er den Kopf: nein, das sollten sie nicht denken, daß er ihnen auswich! Mit ein paar großen Schritten war er über der Gasse; nun stand er unter dem Fenster: »Tag zusammen!«
»Kommen Sie denn nicht herein?«
»Ich bin et nit gewohnt, hier ’ne Frühschoppe zu trinken!« Aber wenn die Herren ihm etwas zu sagen hatten, kam er schon herein. Er trat ein und setzte sich zu ihnen an den Tisch.
Der schönen Wirtin Augen funkelten; sie machte sich am Büfett zu schaffen und räumte, was sie sonst nie tat, zwischen den Gläsern auf. Das wollte sie doch auch gern mal hören, wie die den Bürgermeister zwischennahmen. Das gönnte sie ihm. Es regte sich etwas wie instinktiver Haß in ihr gegen diesen Mann, der ihr abgeneigt war; und daß er das war, das fühlte sie seit langem schon. Was hatte sie ihm eigentlich getan? Er war doch ein stattlicher, ansehnlicher Mann – warum war er denn so eklig gegen sie?! Eine starke Röte stieg ihr in die weiße Stirn: der, der hätte am liebsten alle abgehalten, hier herunter zu kommen! Der, der war gar am Ende dran schuld, daß der arme Junge, der Abeking, geschaßt worden war?! Ob er sie und Abeking wohl auf dem Gaul hatte reiten sehen als verliebtes Pärchen in der Mondscheinnacht?! Mit unsicheren Blicken lauerte sie zu ihm herüber.
Leykuhlen saß das Gesicht ihr zugekehrt, aber er achtete ihrer gar nicht. Das war sie nicht gewohnt, das boste sie gewaltig. Wenn sie ihm nur ordentlich die Hölle heißmachten! Sie hob sich unwillkürlich auf den Zehenspitzen und reckte den Hals lang, ihre Zungenspitze züngelte im Lächeln zwischen den Zähnen vor: aha, jetzt kriegte er’s aber mal!
Der Landrat hatte gesprochen: »Wie steht’s bei Ihnen oben, Bürgermeister? Noch sind mir keine neuen Fälle gemeldet worden, aber mit dem einen Ihrer Erkrankten soll’s ja sehr schlecht stehen. Ist dem so?«
»In der Tat!« Leykuhlen hatte den Rücken von der Stuhllehne gehoben und saß nun da, ohne Lehne, kerzengerade. Aha, ein Verhör! »In der Tat, Herr Landrat, dem Mechernich wird et wohl an den Kragen jehen!« Er tat gleichgültig, aber die Stimme konnte seine innere Erschütterung nicht verhehlen.
»Das ist der Fall am grünen Klee, da, wo die Brunnen besonders schlecht sind, Herr Landrat,« erklärte der Kreisphysikus.
»Ja ja, ich weiß, ich weiß, ich bin ganz genau orientiert!« Der Landrat zog die Brauen hoch. »Es ist sehr bedauerlich. Das brauchte nicht zu sein. Die Familie brauchte nicht des Ernährers beraubt zu werden!« Er wechselte einen raschen Blick mit dem Kreisphysikus und neigte sich dann mit einer impulsiven Bewegung zu Leykuhlen hinüber: »Bürgermeister, Bürgermeister, warum habt ihr nicht längst eine Wasserleitung gebaut?! Nun heißt es wieder: Venn, Venn, Sumpf – aber das schlimmere, viel schlimmere Übel ist eure Verbohrtheit! Ohne gesundes Wasser keine gesunde Bevölkerung. Und Licht, Luft in die Häuser! Die Hecken nieder, die Fenster auf, und Wasserleitung in jedes Haus!«
»Und ein Krankenhaus an den Ort,« ergänzte der Physikus. »Wie oft ist unser städtisches Spital überfüllt, so überfüllt, daß wir unbarmherzig abweisen müssen!«
»Und –« der Landrat wollte noch etwas sagen, um wiederum den Kreisphysikus zu ergänzen, aber der Bürgermeister schnitt ihm gegen alle Regeln der Höflichkeit die Rede ab.
»Ich denk, wenn wir en Wasserleitung hätten, wären wir all so gesund, dat wir kein Krankenhaus mehr gebrauchten,« sagte er ohne allen Hohn, aber mit Nachdruck. Und dann stand er auf: »Nu weiß ich ja Bescheid, nu kann ich wohl jehen, meine Herren!« Er reckte sich in seiner ganzen Größe; dann ließ er seine blauen, jetzt so feurigen Augen rasch nach dem Büfett hinblitzen: wer hatte da gekichert?!
Die schöne Helene wurde dunkelrot. Ein Blick der Verachtung hatte sie getroffen, einer so sprechenden, einer so deutlichen Verachtung, daß ihre Kniee zu beben anfingen. Sie stahl sich zum Türchen hinaus. Draußen im kleinen Gang, der zu ihrem Privatgemach führte, stand sie, zitternd vor Wut, und preßte doch die Fäuste gegen den Mund, um nicht laut herauszuweinen. Sie schämte sich auf einmal so – warum? Sie wußte es selber nicht. Unklare Empfindungen stürmten auf sie ein. –
Die drei Männer am Stammtisch waren aufgestanden. Es war eine gewisse Kühle in dem Händedruck, mit dem die beiden Herren Leykuhlen verabschiedeten. Er fühlte die Kälte. Den Nacken hielt er steif. Nun noch das Letzte gesagt! Und er sagte mit einem tiefgeschöpften Atemzug, ohne mit der Wimper zu zucken: »Nu will =ich= Ihnen auch not wat sagen, Herr Landrat, und Ihnen, Herr Kreisphysikus! Ich bin herunterjekommen, weil, weil – ich hab et dem Doktor mitjeteilt – mich wundert, dat Sie et nit schon zu wissen jekriegt haben – seit heut morgen ist auch ein Knabe vom Weber erkrankt. Der wohnt auch am jrünen Klee. Et wird wohl auch Typhus sein. Morgen zusammen!«
Er ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie riefen ihn auch nicht zurück. Sie standen ein paar Augenblicke da und sahen sich stumm an, und dann setzten sie sich stumm wieder nieder zu ihrem Wein. Aber er schmeckte ihnen nicht mehr.
Bleiern lastete der Himmel über der Gasse. Unter dem bleiernen Himmel schritt Leykuhlen hin. Solange er noch in der Stadt war, behielt er seine aufrechte Haltung bei; aber nun, da die hochgegiebelten Schieferdächer hinter der Felsnase des Burgfelsens untergetaucht waren, veränderte sich seine Haltung. Er sank förmlich in sich zusammen. An der steinernen Brüstung der Straße, hinter der große, rundgewaschene Felstrümmer das Flußbett füllen, stand er still. Ein Zittern war in seine starken Knie gekommen, er lehnte sich gegen das Steinmäuerchen. Sie hatten ihn doch nicht klein gesehen! Aber kein Triumph war in seinem Innern – denn hier war er allein, und hier war er, ach, so klein!
Einen schweren Blick ließ er rundum gleiten. Da war die liebliche Au, und über die Tannen der Höh guckten die Leyen. Aber heute atmete er hier nicht auf, wie sonst, wenn er der Stadt entronnen war. Heute dünkte ihn der Sommertag unerträglich. Diese Hitze! Hier unten gaben die Talwände noch einigen Schatten, am Wasser war das Grün sogar noch grün, aber oben, oben waren die Matten ja längst gelb, das Gras verdorrt bis in die Wurzeln. Wie sollte das noch werden?! In diesem Jahr gab es keine Weide mehr; und wenn man jetzt schon vom eingebrachten Heu zehrte, womit sollte man das Vieh denn durchfüttern den langen, endlosen Winter? Und wenn die Regierung auch aushalf, wie in anderen futterarmen Jahren, viel Vieh würde doch verkauft werden müssen, losgeschlagen um jeden Preis. Zu helfen stand nicht in Menschenmacht – einzig helfen konnte nur der, der da droben!
Er richtete seine Augen zum Himmel. Wenn er regnen lassen wollte! Tagelang, nächtelang, daß sich der vertrocknete Boden vollsog, daß die Wurzeln noch einmal ausschlugen, daß die Weiden sich neu begrünten, daß die geborstene Erde ihr durstig geöffnetes Maul schloß. Dann konnte noch alles gut werden. Nur Regen, Gott im Himmel, nur Regen!
Die Sonne hatte sich für wenige Augenblicke hinter bleierne Wolken verzogen. Ha, da war sie schon wieder! In geradezu quälender Helle strahlte sie nieder. Es schwamm Leykuhlen vor den Augen, mit einem Seufzer drückte er die Lider zu: und wie sollte es mit der Krankheit werden? In dieser Luft wurde es damit nicht besser. Nun war der Knabe erkrankt, der Dores – war es auch Typhus? Noch wußte man es nicht bestimmt, der Doktor sollte es erst feststellen; aber die völlige Bewußtlosigkeit, in der das Kind lag, ließ wohl kaum eine andere Deutung zu. Der blöde Knabe kroch überall herum, wer weiß, was er sich in den Mund gestopft hatte! Mariechen war gleich zu den Huesgens gegangen, als Kathrinchen die Krankheit melden gekommen war, und er war herunter zum Doktor gelaufen. Ach, es war doch eine Wohltat, sich wenigstens in etwas zu betätigen! Zu viel, allzuviel hatte er schon versäumt – konnte er es je wieder einbringen?!
Mit heftiger Gebärde riß der Mann die Lider wieder auf, seine Augen fuhren umher: ›Gott Vater, Sohn und heiliger Geist, seht uns arme Sünder, seht mich armen Sünder zumal, erbarmt euch!‹
Die Hände vor sich gefaltet, die Augen groß und starr geradeaus gerichtet, schritt der Bürgermeister bergan. Ein Kummer war in seiner Seele und ein Verzagen.
Die Sonne gloste ob seinem Haupt, wie ein tiefgefärbtes blaues Tuch spannte sich der Himmel, kein Regen war in Sicht über Heckenbroich; ausgedorrt alles Land, so weit das sehnende Auge reichte. Wie stickiger Dunst stieg’s empor vom Venn, ein Brodem kroch übers Moorland; schwer und befangend legte er sich auf Gemüt und Körper. Müdes Schweigen zwischen Himmel und Erde. Da plötzlich ein Läuten – horch, das ›Angelus‹!
Der Wanderer hielt an. Sieh, da war ja der Turm von Heckenbroich! Und sieh, da war sie auf einmal voll da, sie, die Kirche, die man noch nicht hatte sehen können vom letzten Aufstieg! Zwischen hohen Tannen ragte sie, schöner noch, und viel höher als diese. Vom Dorf war noch nichts zu entdecken, das lag versunken hinter den Hecken, aber hier, im Ausschnitt der Tannen, die wie lebende Pfeiler das schöne Bild einrahmten, stand die Kirche von Heckenbroich, klar und deutlich auf dem Goldgrund der ewigen Sonne und grüßte weit übers Hochland hin.
Mit einem tiefen Aufatmen nahm der vom raschen Aufstieg Keuchende den Hut ab. Er neigte den Kopf; ein Aufleuchten ging dabei über sein bekümmertes Gesicht: da war sie ja, die Kirche, die neue Kirche von Heckenbroich, der Eifler Dom!
* * * * *
Es war am Tage des ewigen Gebetes. Feierabend – Mitternacht – die ganze Nacht hindurch das gleiche murmelnde Beten.
Sie füllten das dämmernde Schiff der Kirche, sie knieten auf den schmalen Betbänken, die Hände mit dem Rosenkranz an die leis sich bewegenden Lippen gehoben, und beteten das Gebet der Bittwoche: »Heilige Maria, du Hilfe der Christen, bitte für uns! Ihr Heiligen insgesamt, flehet für uns am Throne Gottes!«
Auf seiner Betbank kniete der Bürgermeister. Wenn die anderen einmal wieder sich niedersetzten, um auszuruhen, kniete er immer noch. Ohn Unterlaß betete er auf dem bretternen Bänkchen, das viel zu schmal war für seine Knie und viel zu niedrig für seine Größe. Er fühlte nicht, daß die gekrümmten Füße ihm abstarben, und daß seine Knie steif wurden. Das Gesicht hielt er in die Hände gedrückt, in seiner Seele schrie es:
›Der du ins Verborgene siehest, der du deine Sonne aufgehen lässest über Gute und Böse, der du regnen lässest über Gerechte und Ungerechte, du unsere einzige Zuflucht und Hoffnung, sei uns gnädig!‹
Seine Augen schmerzten. Er hob das Gesicht aus den Händen, er bohrte den brennenden Blick durchs Dämmerlicht der Kirche, bis er haftete auf dem Fenster überm Hochaltar, durch dessen Glas die Gestirne hereinleuchteten in unumwölkter Klarheit.
Am Dach der Kirche stand der Mond, nicht silbern, wie sonst, nein, rund und voll und rot, eine zweite Sonne, die die Sonne des Tages ablöste auf ihrer Bahn. Und um sie her stand der Chor der Sterne, flinzelnd vor blankem Glanz, wie sonst nur in eiskalter Winternacht.
›Schöpfer und Herr der Natur, alles zittert, alles dienet dir. Du machst die Wolken zu deinem Wagen und fährest auf den Flügeln der Winde.‹ – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – ›Herr Gott, ich bekenne vor dir, daß ich ein Sünder bin.‹
In das Murmeln der Gemeinde mischte der Bürgermeister laut seine Stimme:
»Herr, strafe uns nicht in deinem Zorn – Herr Gott, laß regnen, laß regnen! Heilige Maria, die Stillung der Stürme, du Morgenstern, bitte für uns, sei uns gnädig!«
Er wußte nicht, daß es nicht nur die Worte mehr waren, wie sie vorgeschrieben stehen im Andachtsbuch; er fügte Eigenes hinzu in der Bedrängnis seines Herzens.