Chapter 12 of 28 · 3952 words · ~20 min read

Part 12

Das ist der Gruß, mit dem Städter und Waller sich begrüßen. Von Gasse zu Gasse pflanzt sich das Gemurmel fort. Nun ist man am Marktplatz: Schaubude, Würfelbude, Schießbude, Schaukel, Karussell, Glücksrad, Pfefferkuchenstand, Menagerie, Wahrsagerin. Ei, was gibt’s da alles zu sehen, zu kaufen, zu naschen, zu belachen! Und dazwischen Kinder, Knaben und Mädchen, und auch viele erwachsene Leute, die sich an den Fremden heranmachen, ihn förmlich bedrängen:

»Wellt’ er mech dangen, Fir met ze sprangen?«

Unsanft fühlte sich Bäreb vom Bruder an der Nase gerissen, sonst hätte sie noch lange gestanden und mit verwirrten Augen in das Marktgewimmel gestarrt. So etwas hatte sie noch nie gesehen, so etwas gab’s nicht in Heckenbroich, nicht einmal in der Kreisstadt. Eine neue Welt war das. Noch konnte sie sich nicht hineinfinden.

Die Herrlichkeiten des Marktes waren es weniger, die ihren Sinn verwirrten, als das Läuten der Glocken, die geschmückten Straßen, die Fahnen, die Kränze, die brennenden Lichter um Heiligenbilder. Und dann die Melodie, diese unruhig hüpfende Melodie, die, von Querpfeifen gepfiffen, von Trompeten geblasen, von Leierkasten gedudelt, überall zu vernehmen war.

Ein Trupp spielender Kinder kam jetzt gezogen; ein Kleiner voran, den Mund beschmiert mit Kirmeskuchen, schlug den Takt, und die Kameraden pfiffen und parpten, schlugen mit Deckeln und sangen dazu:

»Adam hatte sieben Söhn’, Sieben Söhn’ hatt’ Adam, Sieben Töchter muß er han, Eh er sie bestaden kann!«

Aus einem geöffneten Fenster drang in rauschender Reihenfolge von Tönen, auf die Tasten getrommelt, die gleiche Weise an Bärebs Ohr. Und wenn das Stück zu Ende war, fing es wieder von vorne an; immer von neuem, immer von neuem, und immer dasselbe.

Bäreb hätte sich die Ohren zuhalten mögen. Nun fiedelte irgendwo noch eine Violine. Ein Quinkelieren ohne Ende, ein Hämmern, ein Tuten, ein Dudeln, ein Kratzen; man wurde taub davon. Was war das?! Man konnte nicht sagen, woher es kam – Bäreb drehte sich wie ein Kreisel, bald hierhin, bald dorthin – ganz Echternach war voll der Melodie. Von den schwarzgrauen Dächern kam sie nieder, aus dem zerstampften Pflaster stieg sie auf, um alle Ecken zog sie, aus allen Fenstern flog sie, die Luft war dick von ihr.

»Pä, pä!« Dores hob lauschend das Fingerchen; er mochte Musik gern leiden, er fing an zu hüpfen auf der Schwester Arm.

Was war das, was war das?! Bäreb riß die erschrockenen Augen noch größer auf; in ihren Schläfen stach es, in ihren Ohren surrte es, ihr Kopf dröhnte, als schlüge darin einer mit Hämmern auf Eisen, und in ihren Füßen zuckte es. Jesus Maria, was war das denn? Das quälte ja so!

Sie wollte entfliehen und war doch froh, daß sie gegen den dicken Mann anrannte, den sie kannte. »Wat es dat? Hört doch!« sagte sie und drängte sich an ihn.

Er lachte froh: »Dat is der Springprozessionsmarsch, Mädche, da springen mir all morjen nach! Adam hatte sieben Söhn,« fing er an zu trällern und probierte mit seinen dicken Beinen einen flotten Hüpfschritt.

War der nicht recht bei Trost oder hatte er sich betrunken? Ganz scheu guckte Bäreb ihn an.

Er aber strich ihr freundlich die Wange: »No, Mädche, du kuckst ja ganz verdattert? Wo giehste eweil hin mit ’m Brüderche? Komm noren, eich will dech traktieren!«

Gutmütig führte er die Willenlose mit sich fort. Ja, essen wollte sie gern etwas, und sie war auch sehr müde. Er führte sie in ein Bierhaus am Markt. Da gab’s den ganzen Tag warme Würste, und dem Dores, der schon alles mit den Augen verschlang, ließ er eine Suppe bringen und ein großes Stück Kirmeskuchen. Bäreb aß und trank, trank mehr als sie aß; Hunger hatte sie eigentlich doch nicht, sie hatte Brot genug gehabt, aber Durst quälte sie, ein furchtbarer Durst, der ihre Kehle ganz austrocknete. All der Staub, den sie hatte schlucken müssen, saß ihr noch darin. Auch der Dicke hatte einen gewaltigen Durst, und so alle, die um sie her saßen.

Wie durch einen Schleier sah Bäreb die roten Gesichter. Und dann sah sie an den Wänden Gestalten sich drehen, Frauen mit Hauben, Ritter mit Schwertern, langzopfige Mädchen von jungen Burschen umschlungen –

Adam hatte sieben Söhn’, Sieben Söhn’ hatt’ Adam –

die tanzten alle im Marsch der Springprozession, und St. Willibrordus, die Fahne im Arm, die Bischofsmütze auf dem Kopfe, hob zwei Finger seiner Rechten und segnete sie. So war es an die Wände gemalt, aber Bäreb sah es, als wäre es wirklich.

Mechanisch führte sie die Hand ans Glas, mechanisch hob sie das Glas an den Mund, mechanisch dankte sie dem Dicken, mechanisch nickte sie, als er ihr anempfahl, sich nach einer Herberge umzusehen. Die Stadt war voll, an Dreißig- bis Vierzigtausend kamen hier zusammen, wo wollte sie nächtigen, wenn sie nicht Verwandte am Ort hatte, oder gute Bekannte?

Stumpf trottete sie von dannen. Sie irrte durch die Straßen; der Dores schlief schon, schwer lastete er auf ihrer Schulter. Unwillkürlich suchte sie einsame Wege. Sie war das nicht gewohnt hinter ihren Hecken; das Lärmen, die Musik waren zuviel für sie. Ganz betäubt wankte sie einem grünen Dickicht zu, das sie sah am Ufer der Sauer.

Sie trat durch ein Gatter, verschlossen war es nicht; ein alter Park mit Bäumen, die höher waren als die Tannen im Venn, umrauschte sie. Ah, hier war’s gut sein! Sie fragte nicht: ist’s erlaubt? Sie sah sich nicht weiter um – gepriesen sei der Schutzengel, der sie hierher geführt! Das Lärmen war verstummt, sie legte den Bruder ins Gras und sich dicht daneben; bald schlief sie fest.

In dem einsamen Park, der abends verschlossen wird, weil die Liebespaare sich sonst drein verkriechen und die Landstreicher, alle, die das heimliche Dunkel lieben, schliefen die müden Geschwister. Um sie flatterten Schmetterlinge, gaukelten im Liebesspiel und setzten sich ermattet auf die wilden Blumen im Schatten. Jasminbüsche dufteten berauschend, wie weiße gewölbte Glocken standen sie mit der Blütenlast ihrer hängenden Zweige im dunkelnden Laubgewirr. Hier war eine Wildnis. Faune mit abgeschlagenen Nasen grinsten aus dichtverwachsenen Bosketts, Nymphen mit ausgestreckten Armen fingen mit dem Marmorweiß ihrer nackten Leiber verstohlene Sonnenstrahlen auf. Verschlafen rauschte die Sauer vorüber am verfallenen Pavillon; dessen Stuck war abgefallen, seine Malereien entblättert, aber noch schützte das Dach, und noch sah man innen im Kuppelgewölbe die Amoretten sich tummeln um die schaumgeborene Göttin der Liebe.

Fern war das Treiben des Marktes, fern waren die vielen Füße. In der Stille der schützenden Bäume schlief Bäreb tief, aber nicht sanft. Es verfolgte sie etwas in ihrem Traum, das saß ihr im Ohr; das quälte sie selbst im Schlafen. Sie warf sich unruhig, atmete laut und zog die Stirn kraus. War es der Jasminduft, der sie belästigte, oder eine Erinnerung? Mit einem Schrei wachte sie auf. Grau-dämmerig war’s im Blättergewirr – wo war sie? Mit beiden Händen faßte sie sich an den Kopf. Ein Läuten hub an, das sie erschreckte. Sie riß den noch schlafenden Dores auf: zur Vesper, zur Vesper! Es läutete schon!

Die Maximiliansglocke läutete mit feierlichem Dröhnen das Fest des heiligen Willibrord ein; sie lud die Pilger zur Abendandacht an seinem Grabe. Von allen Seiten kam das gelaufen, was schon in der Stadt versammelt war; Scharen, Scharen, Scharen. Bäreb sah viele, die sie schon gestern und am Morgen gesehen hatte, aber noch hundert und aberhundert neue Gesichter dazu.

»Heiliger Willibrord, bitt für uns, – Bitte für uns, heiliger Willibrord!«

Da war es wieder, das gewohnte Gemurmel. Mit ausgeruhter Stimme fiel Bäreb ein. Dabei glitten ihre Augen rastlos umher: es gab so viel, zu viel zu sehen beim heiligen Willibrord.

Da waren Buden am Fuß der großen Treppe, Buden über Buden mit Rosenkränzen – solche aus weißen Perlen, solche aus blauen Perlen und duftende braune aus Rosenholz – und Weihwasserkesselchen gab es da, und Betbücher, und Heiligenlegenden mit bunten Bildern, und Willibrord-Statuen aus Porzellan und Stuck; und noch viel mehr der heiligen Andenken an Echternach.

Sie raffte sich gewaltsam aus ihrer Zerstreuung auf. In die Pfarrkirche sich drängend zwischen allem Volk, kniete sie nieder, wo es gerade war, schlug ihr Büchlein auf und begrüßte den Heiligen demütig:

»Sei mir gegrüßt, großer Freund Gottes, heiliger Willibrord, der du von den Gläubigen in dieser Kirche besonders verehrt und angerufen wirst. Dir zu Ehren bin ich hierher gewallt und hoffe zuversichtlich, ich werde durch deine Fürsprache von Gott Gnade und Erlösung erlangen.«

Rote und blaue zuckende Lichter fielen durch die bunten Kirchenfenster auf das St. Willibrordus Büchlein. Geblendet stierte Bäreb hinein, sie konnte nicht weiterlesen. Ach, das war keine Andacht, die war ja hier nicht möglich! Mit Scharren und Trappeln, mit Murmeln und Seufzern zogen tausend bei ihr vorüber. In endloser Prozession zu zweien und dreien; Väter und Mütter mit ihren Kindern, Greise und Greisinnen wankend am Stabe, Arme und Kranke, Junge und Alte, Aufrechte und Verkrüppelte, alle zogen sie hintereinander durchs Kirchenschiff zum Grab des heiligen Willibrord.

Bäreb stellte den Dores auf die Beine: hin, hin! Er stolperte eilig auf seinen wackligen Füßchen, er kam sich selber nicht rasch genug voran. »Pä, pä!« Er riß sie vorwärts mit ungeduldigem Straucheln.

Da lag St. Willibrordus auf seinem vergoldeten Sarg, aus Holz geschnitzt, wie ein Bischof angetan, ein wenig aufgerichtet, gerade so, als wäre er lebend. Im Schauer der Ehrfurcht neigte sich jedermann.

»Heiliger Willibrord, bitt für uns, Bitte für uns, heiliger Willibrord!«

Das Schiff der Kirche war erfüllt vom steigenden Murmeln, hundertfach, tausendfach; die Wölbung, gegen die es anstieß, hallte es noch dreifach zurück. Um das Grab herum, hinter dem Altar her, immer:

»Heiliger Willibrord, heiliger Willibrord!«

Bäreb hätte noch gern länger am Grabe verweilt. Ach, wenn der Dores nur das äußerste Eckchen des Sarges anrühren könnte! Aber die Menge stieß sie weiter, um das Grab herum, hinter dem Altar her, und hinein in die Sakristei.

Da saßen am Tische die Priester, feierlich ernst, ohne Wort und ganz vertieft in ihr Geschäft. Hunderte, tausende von Händen streckten sich – eine Hand nach der anderen legte die Opferspende dem heiligen Willibrord fromm auf den Tisch.

»Wir bitten dich, heiliger Willibrord, erhöre uns!«

Zur einen Tür herein, zur anderen Tür heraus; es entstand kein Gedränge. Alles ging still vor sich, nur das Geld klapperte und klingelte auf dem Tisch.

Auch Bäreb nahte dem Tische. Nah vor ihr war die Frau mit dem Kropf, sie konnte gut sehen, was die opferte: einen harten Taler! Und andere gaben nicht weniger. Da, die Frau mit dem blonden Mädchen legte ein blinkendes Goldstück hin, und dort ein Herr gab gar ein paar solcher goldenen Dinger! Bäreb erschrak bis ins innerste Herz: soviel hatte sie nicht. Was sollte sie tun?! Aber am Ende besann sie sich: wer nicht viel hat, kann nicht viel geben, auch geringere Scherflein nahm der heilige Willibrord.

»Heiliger Willibrord, bitte für uns!«

Mit Mut und Entschlossenheit fuhr sie in die Tasche – da hatte sie die Mark, ihre einzige Mark, die ihr noch übrig geblieben war, erfaßt. Mit der Linken ihr Brüderchen an sich ziehend, trat sie vor und legte mit der zitternden Rechten ihre Mark auf den Opfertisch. Die klimperte nicht hell wie ein größeres Silberstück. Bäreb wurde rot und dann blaß; ihr war es, als habe der geistliche Herr sie einen Augenblick streng angesehen. Hatte sie denn nichts, gar nichts mehr, hatte sie denn auch alles, alles geopfert? Heiliger Willibrord! Noch einmal fuhr sie mit Hast in die Tasche – da, noch ein Fünfzigpfennigstück! Sie gab auch dieses.

Zur einen Tür herein, zur anderen Tür heraus; alles ging wohl geordnet, ohne Gedränge. Bäreb stand draußen, sie wußte selber nicht, wie rasch. Innen verhallten die Klänge; die Vesper zu Ehren des heiligen Willibrord war zu Ende. Sie faltete die Hände beim Bimmeln des Betglöckleins, das von unten aus dem Kloster ›Zum guten Kinde Jesu‹ zur mächtigeren Schwesterglocke heraufrief. Und noch andere Glöckchen fielen ein; es waren soviel geistliche Stifte zu Echternach.

Bäreb fühlte jetzt auf einmal ihre ganze Verlassenheit. Der Bruder weinte vor Müdigkeit, auch ihr kamen beinahe die Tränen. Wo sollte sie hin?! Der Abend brach herein, um das alte Gemäuer der Pfarrkirche wischten die Fledermäuse. Und Menschen, Menschen, Menschen eilten in Scharen mit lautem Geschwatz, in hastiger Eilfertigkeit die steile Treppe zur Stadt hinab. Das waren Tausende, und alle wollten sie unterkommen.

Jetzt beschleunigte auch Bäreb ihre Schritte; wie aus einer Erstarrung erwacht, eilte sie flüchtigen Fußes die Treppe hinab. Sie hatte das Kind wieder auf den Arm genommen, sie durchirrte mit ihm die Gassen. War es denn so schwül, so unerträglich schwül in der Enge zwischen den grauen Häusern, oder trieb nur der rasche Lauf ihr den Schweiß auf die Stirn – oder die Angst? Überall Herbergen; fast jedes Haus hatte seine Tür geöffnet, die Fenster waren erleuchtet, Stimmengewirr schallte heraus, alles war voll, voll bis unters Dach. Auf dem Markte Gedudel, da ging es laut her. Das Karussel drehte sich mit seinen Flittern und glitzernden Glasbehängen bei Drehorgelmusik, am Schießstand zerkrachten die Tonpfeifen, und der große Löwe, das Hauptziel der Schützen, sperrte brüllend den Rachen auf. Auf der Rampe der Schaubude schwang ein wilder Mann mit Geheul seine Keule – er fraß Feuer – und eine dicke Frau, die Arme und Beine ganz nackend hatte, die nichts, gar nichts an hatte als ein rotes Atlasmieder und ein kurzes Sammetröckchen, zeigte sich der Menge.

Junge Burschen hatten sich untergefaßt und versperrten in breiter Reihe die Straße; ängstlich wich Bäreb den Halbtrunkenen aus und quetschte sich dicht an den Häusern vorbei. Wo es ihr nicht so überfüllt erschien, fragte sie schüchtern um Nachtquartier an. Sie hatte kein Glück; die einen achteten ihrer gar nicht, hörten kaum ihre Frage, die anderen zuckten die Achseln: längst alles besetzt. Endlich, todmüde und ganz verzagt, fand sie eine Alte in einem winzigen Kramlädchen, die ihr wohl Unterkunft geben wollte für die Nacht: sie könnte auf dem Stuhl vorn im Laden sitzen, wenn zugemacht war, und das Kind unter den Ladentisch legen, aber eine Mark kostete das, und im voraus.

Schon fuhr Bäreb in die Tasche: ja, ja, nur unterkommen, nur ein Dach über sich haben, was es auch kostete! Da fiel ihr plötzlich ein: sie hatte ja kein Geld mehr! Entsetzt starrte sie drein, das Herz stand ihr still. O weh, wenn sie nicht schon die Eisenbahnkarte zur Rückfahrt gehabt hätte, sie wäre nicht einmal mehr nach Haus gekommen! Plötzlich hörte sie die Maiblum brüllen, die Mutter sprechen, die Geschwister spektakeln, und eine heiße Sehnsucht fiel sie an nach der Stille der Heimat, nach dem Geborgensein hinter der Hecke.

Sie stolperte fort übers Pflaster, blind vor rinnenden Tränen. Ach, wenn ihr doch nur ein Mensch begegnen würde, den sie kannte! Wo war der gutmütige dicke Mann, der sie heute mittag so freundlich gespeist hatte?! Er war nicht zu finden. Aber ein Tuten kam jetzt vom Marktplatz her, das sie entsetzte. Die dunkle Gasse ward plötzlich hell. Brannte es wo? Das war ja Feuerschein! Um die Ecke bog’s ihr entgegen – johlende Jungen vorauf, johlende Jungen hinterdrein – der wilde Mann, jetzt ohne Keule, aber lodernde Fackeln hochschwingend, daß die Funken flogen, fletschte grinsend die Zähne, und das dicke Weibsbild im kurzen Sammetröckchen verzog das traurige Gesicht zu einem Lächeln, winkte mit den Augen und warf Kußhände. Auf dem Markt war die Bude geschlossen, sie luden ein verehrliches Publikum zur Vorstellung im Freien am Platz vor der Brücke ein: gleich würden sie dort beginnen.

Auch Bäreb folgte, willenlos, getrieben von der Menge. Aber sie sah nichts von dem, was der Mann verschlang – nicht bloß Feuer, nein, auch Glas und Eisen hatte er versprochen zu fressen, rostige Nägel und zerbrochene Fensterscheiben – sie sah kaum das Seil, das weit über mannshoch von der Erde zwischen zwei Pfählen gespannt war, auf dem die berühmteste Seiltänzerin der Welt, die dicke Frau, ihre Kunst jetzt zeigen wollte. Ein Trupp junger Burschen hatte Bäreb aufgespürt und umkreiste sie beständig. Sie ließen ihr keine Ruhe, sie neckten sie unablässig. Und sie, so zag heute abend in ihrer Obdachlosigkeit, floh.

Jesus Maria, nur ein Mensch, ein Mensch, bei dem sie sich sicher fühlte! Es brauchte ja gar nicht einmal ein Bekannter zu sein.

An den Ufern der Sauer hinab und hinauf nächtigten viele. Wie Schatten bewegten sich Gestalten um lodernde Feuerchen; ganze Familien kampierten da. Sie kochten Kaffee; in Hotten und Kärrchen und Bündeln hatte man das Nötigste mitgebracht. Weit, weit kamen sie her zu Fuß, sie hatten nicht Geld gehabt, um zu fahren. Ein Geruch der Armut durchwehte die Sommernacht, ein Geruch, der stärker war, als der weiche Duft des Jasmins und der Lindenblüte, ein Geruch des Elends, ein Geruch der bittersten Leibes- und Seelennot.

Heiliger Willibrord, bitt für uns, bitte für uns, heiliger Willibrord!

Da waren manche, die kein Dach über sich hatten diese Nacht. Bäreb fühlte schon etwas wie Trost: ei, so konnten sie ja auch draußen schlafen. Vertrauend näherte sie sich einem Feuerchen. Doch sie wurde aufs neue gescheucht; ein verwildert aussehender Mann schrie sie grob an, und ein Weib kreischte in höchsten Tönen: »Hei, dat is unsen Plaatz! Wat will dat Frechmensch hei?!« Auch hier war ihres Bleibens nicht.

Verwirrt, verstört, von überall verjagt, rannte Bäreb sinnlos weiter. Wohin, wohin?! Schon glaubte sie wieder die Quälgeister von vorher hinter sich zu vernehmen – ›Hetz, hetz, hussa, fangt sie, die Katz, kß kß‹ – sie rannte davon, atemlos, rannte, daß sie keuchte, rannte vom Ufer hinauf, wieder den Straßen zu. Menschenleer lagen sie jetzt, still, wie ausgestorben, alle Läden geschlossen. Blindlings rannte sie gegen die Ecke einer Mauer an, prallte zurück und rannte dann – einem Mann in die Arme.

VIII

Die Sauer rauschte sanft gegen die Ufer, die Sterne schienen nieder auf die Stadt des heiligen Willibrord. Flußauf, flußab tiefes Schweigen. Erschöpft, ermüdet von Wanderung, Gebet und Marktgetriebe schliefen die Pilger.

Auch Bäreb schlief, den Dores im Arm; sie schlief sanft und wohlbehütet. Die dunklen Wimpern schienen noch feucht von den Tränen, die sie in ihrer Verlassenheit geweint hatte, aber ihr Mund lächelte. Sie hatte es ja so gut getroffen, St. Willibrord hatte sie in seiner Stadt doch nicht zu Schanden werden lassen. Nun hatte sie einen Beschützer gefunden, einen, der jung war wie sie selber, einen, der gekommen war, gläubig wie sie: warum sollte der heilige Willibrord nicht auch dazu verhelfen können, daß man nicht zu dienen brauchte beim Militär? Es hatte zwar noch keiner gehört, daß St. Willibrord sich auch ums Nicht-Soldat-werden-müssen verdient gemacht hätte, aber wer Wunder vollbringt, so große Wunder, kann auch dieses vollbringen.

Treuherzig, offen und der Mitteilung froh, hatte der Jüngling das dem Mädchen erzählt. Er war auch ganz fremd in der Stadt, hatte keine Bekannte; und sehr viel mehr Geld als Bäreb hatte auch er nicht in der Tasche. Flüsternd tauschten die beiden jungen Menschen ihre Geschichten aus. Sie war aus der Eifel, er war aus der Eifel, wenn Bäreb auch niemals früher den Namen seiner Ortschaft gehört hatte; auch jetzt hörte sie den kaum, er war nur ein Schall, an ihrem Ohr vorübergleitend. Aber den Namen des jungen Burschen behielt sie: Niklas. So hießen auch viele in Heckenbroich – Klos. Man war gleich gut bekannt miteinander. Niklas hatte ihr den Dores abgenommen, und der ließ sich auch willig von ihm tragen, als ob er’s gefühlt hätte in seiner Schlaftrunkenheit, wie gut der Klos war. Und Bäreb selber hatte der freundliche Bursche an die Hand genommen und gesprochen: »So, eweil komm, Bärbche, eweil suche mir uns en Platz für zo schlaofen. Brauchst keen Angst mieh zu han, ech schützen dech!«

Er war noch so jung, nicht viel älter als achtzehn; er fühlte sich stolz, eines Mädchens Beschützer zu sein. Sie teilte ihm von dem Brot mit, das sie noch in ihrem Bündel verwahrte; er hatte noch ein Stück Wurst. Mit ihren jungen Zähnen bissen sie in das vertrocknete Brot und in die Wurst, die im Rauchfang so lange gedörrt hatte, bis sie hart genug geworden war, um den ganzen Sommer zu halten. So gut hatte es Bäreb heute mittag in dem großen Wirtshaus am Markt lange nicht gemundet; sie fühlte sich jetzt so sicher. Schulter an Schulter saßen sie platt auf der Erde, hinter sich die schlafende Stadt, vor sich den im Sonnenlicht leise gleitenden Fluß. Er hatte sie ein wenig abseits geführt, noch weiter den Fluß hinauf dem Parke zu, aus dessen umfriedetem Dickicht in langen Trillern die Nachtigall schlug. Zu trinken hatten sie nichts, aber mit geblähten Nasenflügeln, den Mund in eifrigem Kauen halb geöffnet, sogen sie zu Brot und Wurst den feuchten, laulichen Wasserdunst ein und den Tauduft des Grüns und den süßen Geruch des Jasmins. Unablässige Duftwellen strömten vom Parke her, der die Schatten seiner uralten Bäume schwer und schwarz über den Fluß hin legte. Wie Glühwürmer glimmten die Feuerchen der Pilger hüben und drüben, an den beiden Ufern der Sauer; mählich verlöschten sie. Eine Turmuhr in der Stadt schlug dumpfschnarrend Zwölf.

»Schlaof eweil, schlaof,« hatte Niklas gesagt. »Leg dich der Läng lang, dat de de Glidder ruhst, morje müsse mir springen!«

Sie seufzte auf; sie litt es in wohligem Behagen, daß er eine Flauschjoppe, die er bei sich führte, über sie und den Dores breitete und sich dann selber dicht neben sie streckte. Sein Atem bestrich sie. Jedes von ihnen hatte seinen Kopf auf seinem Bündel; das Gesicht zu den Sternen gekehrt, lagen sie ganz gut. Sehr gut, dachte Bäreb.

Plötzlich fiel’s ihr ein: »Ich han mich noch nit jebet!«

»Bet doch, bet doch,« flüsterte er.

Sie bekreuzte sich:

»O heiliger Schutzengel mein, Laß mich dir stets empfohlen sein, In allen Nöten steh mir bei Und halte mich von Sünden frei. In dieser Nacht, ich bitte dich, Bewahre, schütze, führe mich!«

Der Bursche kannte das Abendgebet, er hatte es halblaut mit ihr gebetet. Nun bekreuzten sie sich noch einmal.

»Aomen. Schlaof wohl, Bärbche!«

»Aomen. Du ooch, Klos!«

Und sie hatten die Gesichter von den Sternen abgewendet und sie, lächelnd im Dunkeln, einander zugekehrt. – – –

Noch war die Sonne nicht lange aufgegangen, als der Bursche erwachte. Er war das Frühaufstehen gewohnt, er arbeitete als Knecht, sein Vater und seine Mutter waren arme Leute – wenn er zum Militär müßte, müßten sie hungern!

»Bitt für uns, heiliger Willibrord!«

Schon hörte man wieder das alte Gemurmel, die Eintönigkeit des gleichen, des immerwährenden Anrufs. An den Ufern der Sauer war schon Bewegung; die dort gelagert hatten, wuschen und kämmten sich und packten ihre Habseligkeiten zusammen.

Die grüne Höh, drüben auf der preußischen Seite der Sauer, vergoldete sich, die weißen Häuser von Echternacherbrück wurden eben rosig bestrahlt, als auch schon wieder Prozessionen eintrafen. Die waren die Nacht durch gewandert von ihren Ortschaften her; nun begrüßten sie das St. Willibrorduskreuz, unweit des schwarzweißen Grenzpfahls, wo die Kanzel errichtet ist und der Priester die Gläubigen segnet zu Beginn der Springprozession. Sie begrüßten Kreuz und Kanzel mit frommem Gesang:

»Zu deiner Ehr, Gott, wallen wir, Kyrie eleison, All unsre Not wir klagen dir, Alleluja, alluja, Bitt Gott für uns, Sankt Willibrord!«

Der Niklas hatte sich auf den Ellenbogen gestützt und betrachtete im goldhellen Morgenlicht das Gesicht des schlafenden Mädchens neben sich. Gestern hatte er ihr Gesicht nicht mehr gut erkennen können, er hatte nur die junge zitternde Stimme gehört und das dankbare Schmiegen an seine Seite gefühlt, heute sah er erst, wie hübsch Bäreb war. Er betrachtete sie lange und mit Wohlgefallen: das war ein liebes Mädchen, ein arg hübsches Mädchen, eines, wie er daheim noch keins gesehen hatte!

»Bärbche!« Flüsternd sprach er ihren Namen aus; aber sie schlief noch fest, sie rührte sich nicht. Was sie für schöne Bäckchen hatte, zartgelblich und ein Rot drauf in einem Flaum, wie die Frucht ihn hat, wenn sie reifen will. Und lange Wimpern hatte sie wie schwarze Seide; schwarze Augen mußte sie haben. Die mochte er gern. Er konnte nicht erwarten, daß sie sie aufschlug. Vorsichtig nahm er die wärmende Joppe von ihr und dem Knaben und sprach leise: »Bärbche, stieh up, et is eweil höchste Zeit!« Er wagte es, ihr mit seiner Hand die Wange zu streicheln.