Chapter 3 of 28 · 3993 words · ~20 min read

Part 3

»Hm!« Der Bürgermeister räusperte sich; er war über sich selber einen Augenblick im Zweifel. Richtig war’s, er hatte immer gegen das Fabrikenlaufen geredet, er war auch dem Landrat schroff begegnet, wenn dieser ihm von Wasserleitung und so weiter gesprochen hatte, er schätzte das Althergebrachte und hing an dem von Eltern und Voreltern Überkommenen wie nur einer. – Und doch – er warf den Kopf in den Nacken – nun wußte er wieder, woran er war. Er mußte gegen das eigene Herz sprechen: von »rückständig« mußte er sprechen. Denn es war eine Kurzsichtigkeit, offenbar eine Dummheit, sich gegen die Kolonisation da oben zu sperren. Erstens gehörte das Venn ja gar nicht der Gemeinde, sondern dem Fiskus, so war also überhaupt nichts anzufechten. Zweitens hatten die Gefangenen den Simon Bräuer über sich, einen Aufseher, der mehr in Banden hielt, als Schloß und Riegel; Mörder waren so wie so nicht unter ihnen. Drittens konnte es der Gemeinde nur von Vorteil sein, wenn kolonisiertes Land ihre Ländereien begrenzte. Ja, es mußte einem doch wohl einleuchten: hat man gutes Wiesenland neben sich, so ist die eigene Wiese auch besser, und hat man Ackerland neben sich, so weht einem der Wind keinen Unkrautsamen ins Korn. Es ging nicht anders, man mußte die Leute, die in harter Fron harte Arbeit taten, wohl dulden!

Aber er sprach vor tauben Ohren. Kaum konnte man sich erinnern, daß eine Gemeinderatssitzung je so stürmisch geendet hätte. Die Bauern schimpften. Ohne Handschlag ging der Bürgermeister von ihnen fort. Sie blieben noch stehen in einem Trüppchen vor der Schule und disputierten laut und heftig untereinander. Leykuhlen sah sich nicht mehr nach ihnen um, obgleich er wußte, daß sie ihn beredeten. Ja, wie sollte das hier noch einmal werden?! Oh, sie waren durchaus nicht dumm, sie hatten es auch gelernt, beim Viehhandel ihren Vorteil wahrzunehmen und sich durch den schlauen Käufer von auswärts nicht überlisten zu lassen. Aber war das wohl eine Klugheit, die nur das Naheliegende sieht und nicht auch weiter in die Zukunft?! Die Stirn gerunzelt ging er langsam heim.

»Mariechen!« rief er übers halb-offene Gadder in den Flur hinein.

Es war ein altes Haus, in das er trat. So war das schon zu Lebzeiten von Mariechens Eltern gewesen, und die Großeltern hatten auch so gewohnt, und deren Eltern schon; »1724« stand, aus hölzernen Buchstaben gefügt, über dem niedrigen Eingang, durch den vor nunmehr zwanzig Jahren auch sie eingegangen waren, ein junges, glückliches Paar. Er hatte nichts ändern mögen am alten Familienhaus der Endepohls. So wie einst reichte auch heute noch das Dach an der Seite fast bis zur Erde herab, nur daß man das dick-bemooste, grün-braun gewordene Stroh hatte entfernen müssen und statt seiner Schieferplatten gelegt hatte. Das war nun längst nicht mehr so schön wie früher, als die bunten Feldblumen, Weidenrose und Klatschmohn, Klee und die weißen Sterne der Wucherblume lustig auf dem alten Dach geblüht hatten, und nur ungern hatte sich Leykuhlen dazu entschlossen. Aber das Gadder war noch keiner modernen Haustür gewichen, es zeigte noch sein kräftiges Tiefgrün mit den weißen Schnörkelverzierungen und dem schweren eisernen Klopfer in der Mitte. Der Backofen bauchte sich noch aus der Wand heraus wie ein Bienenstock, Kapuzinerkresse und ein Centifolienstrauch klammerten sich im Sommer an ihn an und putzten die zartblaue Tünche mit feurigem Gelbrot und sanftem Rosa. Noch so wie einstmals waren die Balken der Länge und Quere nach braun gestrichen und karierten die Außenwände. Stall- und Scheuertüren leuchteten in freudigem Tiefblau. Farbenfroh lag das alte Haus hinter der mehrhundertjährigen Hecke. Diese war die schönste im Dorf, Leykuhlen hatte sie nicht niedergelegt, obgleich sie ihm das Licht nahm; sie war der Stolz der Vorfahren gewesen. So hielt auch er sie sorglich; fein gerade geschoren auf den Strich ragte sie wie eine Mauer, nur oben das Giebelfensterchen, Dachfirst und Schornstein ragten über sie weg.

»Mariechen!« Leykuhlen war aus dem dunklen Flur in die Küche getreten; auch hier war die Frau nicht. Einsam standen die silberblanken Melkeimer auf der weißgescheuerten Bank; der große, weitbauchige Milchkessel glänzte wie Gold daneben. Zerstreut sah er die vielen buntblumigen Teller an der Wand – »Zum Andenken« – »Sei glücklich« – »Aus Freundschaft« – »Aus Liebe« – wo war sie denn nur?! Wenn sie doch käme! Er sehnte sich nach ihr, heute mehr noch denn sonst. »Bärtes,« würde sie sprechen und ihm die Hand auf den Ärmel legen, »was ärgerst du dich? Hast du dich nicht schon oft über sie geärgert? Aber ruhig, sie kommen dir schon wieder, sie können ja garnichts machen ohne dich – oder ärgerst du dich am Ende über dich selber?« Ja, da hatte sie recht, wie immer, wie in allem! Das Herz wallte ihm plötzlich auf, wie einem ganz jungen und noch verliebten Ehemann. Er rief noch lauter, noch ungeduldiger: »Mariechen!«

Die Seitentür öffnete sich, die aus der Küche gleich in den Kuhstall führte, aber es war nur die Magd, die den schwarzhaarigen, glattgescheitelten Kopf hineinstreckte: »Se is nor Huesgens gangen. De Dores hat als widder de Krämp; dat Kathrinche kam se hollen!«

Also bei Huesgens war sie? Nun, da ging er ihr eben dorthin nach!

Es litt den Mann nicht mehr allein im Haus: was sollte er so einsam in der Stube sich Gedanken machen, die sie mit einem Wort vertreiben konnte?! Rascher, als er gekommen war, ging er wieder zum Haus hinaus. Eben als er in den Heckenausschnitt trat, rasselte ein Wagen übers holprige Pflaster vorüber; so rasch der auch fuhr, er erkannte doch den Landrat im Fond und trat unwillkürlich hinter seine Hecke zurück. Jetzt mochte er den nicht sprechen. Wo fuhr der hin? Zur Strafkolonie natürlich! Schon ein paar Briefe hatte er vom Landrat erhalten, worin der ihn aufforderte, doch einmal mit ihm dorthin zu fahren. Der interessierte sich sehr für die Kolonisation – wie eben für alles! Mit einem Seufzer, der mehr nach Unlust wie nach Befriedigung klang, trat Leykuhlen wieder hinter seiner Hecke hervor und sah dem Wagen nach. Nein, das war heute nicht die Hotelequipage vom Schwan, die der Landrat sonst immer zu seinen Ausfahrten benützte, es war der Krümperwagen oben vom Platz; sie hatten ihn wohl heruntergeschickt. Der Landrat fuhr zum Diner ins Offizierkasino. Richtig, die Pferde bogen links um, trabten nicht weiter die lange Dorfstraße hinunter.

Leykuhlen ging die Dorfstraße abwärts, die so lang ist, weil kein Haus dicht neben dem andern liegt, sondern jedes mit Weide und Gärtchen und Gemüseland ganz allein für sich hinter seiner bergenden Hecke. Er atmete auf: nun, der Landrat kam ihm heute nicht in die Quere! Aber, vielleicht, daß Mariechen Lust hatte, dann wollte er wohl einmal mit ihr zur Strafkolonie gehen und sehen, wie die Leute da voran kamen. Es war ja nicht weit, von Huesgens Haus nur eine halbe Stunde. Und das Wetter war heute lind, angenehmer als in all den letzten Wochen.

Schon schwollen die Knospen dick und braun und wie glänzend lackiert an den Hainbuchenhecken. Wo es ganz geschützt war, geduckt unter dem knorrigen Hauptstamm, wagte sich allerhand Kraut hervor. Noch schliefen die Farne, die im Sommer so üppig unter den Hecken emporschießen, zu braunen Schnecken zusammengerollt; es war nur Unkraut, was jetzt grünte, aber es hatte gelbe Blütchen, wie winzige goldene Sternchen, und jetzt kam ein Kind gelaufen, hatte die ganze Faust voll davon und streckte sie dem Manne entgegen: »Dag, Hähr Burjermeester!«

Er nahm die Blümchen aus der Kinderhand und sah die Kleine freundlich an; sie war sehr hübsch, hatte ein rundes Gesichtchen mit großen, sanften, tiefschwarzen Augen. Aber das runde Gesichtchen war blaß, und die Augen hatten keinen blanken Glanz. Es war etwas Ernstes in dieser Kindheit. Dieses Kind kriegte sicherlich Kartoffeln und Kaffee und wieder Kaffee und Kartoffeln und ein Stück Brot, und weiter nichts.

»Ah, du bis et, Kathrinchen,« sagte Leykuhlen, die Kleine jetzt erkennend. Es war die Elfjährige von Jörres Huesgen.

Er griff ihr unters Kinn und hob so das blasse Gesichtchen zu sich auf: »Sag ens, kocht din Motter ooch alle Dag wat?«

Kathrinchen nickte stumm.

»Wat dann?«

»Kaffee,« sagte sie leise.

»On Erdäppel?«

Sie nickte wieder.

Aha, gerade so, wie er sich’s gedacht hatte! »Nühst angersch?« Schade, dieses zarte Ding würde auch bald in die Fabrik laufen wie seine ältere Schwester, die Bäreb, und würde schmalbrüstig werden und den Husten kriegen beim Rennen durch Wetter und Wind. Schade! Der Huesgen Jörres, der seine Not hatte, eins satt zu kriegen, hatte ihrer acht – nein, neun lebendige Kinder, da war ja erst neulich wieder eins angekommen – und mancher wohlhabende Mann, der sein halbes Besitztum gern dafür hingegeben hätte, der hatte keins! Es zog eine schmerzliche Erinnerung über das kräftige Männergesicht. Wie in einen Traum verloren, sah Leykuhlen in das weiche Kinderantlitz.

Die Kleine stand starr da, das Gesichtchen durch seine Hand emporgehalten; sie wagte nicht, sich zu rühren. Da gab er sie endlich frei. Er holte tief Luft: »So is et!« Und dann, wie sich besinnend: »No, Kathrinchen, sag ens, wat kocht din Motter als noch?«

»Nühst!« Das Mädchen sah ihn ganz verwundert an: das war doch wohl gut, Kaffee und Kartoffeln und ein Stück Brot – wenn man nur immer genug davon hätte. »Mi Motter is immer krank,« sagte sie schüchtern und tief errötend. »On oß Bäreb jeht no’r Fabrick. Ich koche dat. Dat kann ich als!«

Leykuhlen strich ihr übers Haar. »Komm, Kathrinchen,« sagte er und nahm sie an die Hand. Er hielt sie so ganz fest; die kleinen kalten Finger erwarmten zwischen den seinen und fingen an zu schwitzen. Sie gingen miteinander immer weiter über die lange Straße, aber sie sprachen nicht mehr. Der Mann war in Gedanken und das Kathrinchen traute sich kein Wort. Es wäre gern davongesprungen, aber erst vor der halb eingefallenen Hecke, hinter der ganz niedrig, wie zusammengesunken, das Huesgensche Häuschen lag, wagte es, sein Händchen dem festen Griff zu entziehen. Hurtig und lautlos wie eine Maus huschte es in die dunkle Hütte und war verschwunden.

Sich tief bückend, um den Kopf nicht zu stoßen, folgte Leykuhlen dem Mädchen. Die Tür der Stube stand offen, er konnte aus dem Flur, der als Küche diente, gerade dort hineinsehen. Dunstig wie in einem Stall war die Atmosphäre, eine überwarme, dicke Luft in selten gelüftetem Raum. Er konnte sich nicht zu seiner ganzen Größe aufrichten, die schiefe Balkendecke hing ihm dicht überm Scheitel; er fühlte, wie ihm das Blut in die Stirn schoß – oder machte ihm das, was er sah, so seltsam heiß?!

Drinnen in der Stube neben dem Ehebett, auf dem die Huesgen lag, saß Mariechen auf dem Schemel. Sie hielt das Kleinste auf dem Schoß, ausgebündelt, ganz splitterfasernackt, als sei es eben geboren, und blickte darauf nieder mit einem Lächeln, wie er es nur einmal an ihr gesehen hatte.

»Mariechen!« wollte er rufen, aber er hielt an sich: nein, er wollte sie nicht stören, er durfte sie nicht stören. So war sie ganz in ihrem Element. Auf den Zehen ging er langsam rückwärts hinaus und sah dabei noch immer hin, obgleich er eigentlich gar nicht sehen wollte. Sie selber würde ja niemals mehr ein Kind bekommen, das hatte ihnen der berühmte Arzt in Aachen gesagt, sie hatten sich auch darein geschickt – aber – er seufzte – es war schwer! Zögernd nur entfernte er sich, ihr Lächeln bannte ihn. Und als er schon längst draußen war, sah er noch immer sein Mariechen vor sich mit diesem stillen, seligen und zugleich doch ein wenig schmerzlichen Lächeln.

Ohne daß er es wußte, hatte er den Weg höher hinauf zum Venn eingeschlagen. Er wurde dessen erst inne, als er die letzten Hecken und auch das Weideland, das ein dunkler Tannenbusch begrenzt, hinter sich hatte. Er sank plötzlich tief in weichen, schwarzen Moorboden. Jetzt war alles naß hier; die verdorrten Heidekrautbüschel ragten wie Schöpfe aus den Lachen, man mußte Obacht geben, wohin man trat. Das stöberte ihn aus seinen Sinnen auf, er sah um sich. So oft er auch hier oben gestanden hatte, hinter sich die unermeßliche Weite des Venns, vor sich die Hecken des friedlichen Dorfes, hinter denen die Häuser zu schlafen schienen, er empfand immer wieder die Wohltat dieser Unbegrenztheit, die Beruhigung dieser ungeheuren weltentrückten Stille. Daß er so lange nicht hier gewesen war! Wie sah es jetzt hier aus? Nun, viel war noch nicht zu sehen! Es war nicht viel anders als sonst; nur daß sie dort, wo der einsame Baum steht, der Galgenbaum, der wie ein dürrer Pfahl ragt und nur im Sommer einen kurzen, nach der Seite gewehten Schopf zeigt, jetzt rohe Balken aufeinandersetzten. Ein primitiver Bau! Hui, mußte der Wind durch die Lücken pfeifen! Er ging darauf los.

Ein harter Zuruf hielt ihn an: »Halt!«

Mit starken Schritten kam der Aufseher heran.

»Was wollen Sie?«

Das klang drohend, und selbst, als jetzt Simon Bräuer den Heckenbroicher Bürgermeister erkannte, wurde sein Gesicht nicht viel freundlicher. Der Landrat war so und so oft hier gewesen und hatte ihn aufgehalten mit seinen Vorschlägen und Verbesserungen, und nun kam der Bürgermeister auch noch angerannt! Widerwillig gab er Auskunft: nun ja, sie waren am Arbeiten, das mußte ja auch so sein, das koste den Staat eine Masse Geld hier oben und würde noch mehr kosten, noch viel mehr. Drainiert mußte der Boden zu allererst ordentlich werden – wo sollte sonst all die Nässe hin?! Aber dann, dann – ein freundlicher Strahl huschte jetzt über das finstere Gesicht – dann konnte es hier wohl was werden. Es mußte was werden!

Leykuhlen hörte die große Energie heraus in Wort und Ton. Bräuer war ihm nie sonderlich angenehm gewesen – ein verschlossener, unzugänglicher, finsterer Mensch – er erinnerte sich seiner noch als Junge, und daß er andere Jungen, die ihn auf der Weide täppisch neckten, mit Steinen blutig geworfen hatte; aber jetzt interessierte er ihn. Das war doch ein Kerl, mit dem etwas auszurichten war! Wie kam dieser arme Junge, der nie ein Bröckelchen Land zu eigen besessen hatte, der seine zwölf Jahre in den Kasematten von Köln verbracht und dann noch ein paar dazu als Aufseher hinter den Mauern von Siegburg, zu diesem lebhaften landwirtschaftlichen Interesse?!

»Wenn wir nach dem Drainieren den Boden umbrechen, schiffeln und kalken, dann sollen wir wohl wat eraus kriegen. Wo Vennheu wächst, ist am End auch Kleeheu zu kriegen, mer darf nur nit die Jeduld verlieren,« sagte Bräuer jetzt ganz von selber. Man merkte es ihm an, wie diese Idee ihn erfüllte. Mit einem scharfen Blick sah er sich um, hob seine Rechte und machte eine weit-umfassende Bewegung: »Wer hat dat je erlebt, Roggen und Hafer auf dem hohen Venn?!«

»Oha!« Leykuhlen lächelte: das waren denn doch noch weitaussehende Pläne!

Aber wie beleidigt fuhr der andere auf: »Da is nix zu lachen. Wenn Sie et nit jlauben, wat kommen Sie dann hierhin? Un ich sag Ihnen: hier wächst Hafer!« Er hob wiederum die Hand und zeigte wie ein Gebieter über die unwirtliche Fläche. »Un hier wächst Roggen! – – – Voran, ihr Kerls!« Unsanft fuhr er ein paar Gefangene an, die langsam, schlorrenden Schritts eine schwere Karre voll Steine zum Bau hinschafften.

Der eine hatte sich vorgespannt, der Strick schnürte ihm die Brust ein; er zerrte mit vorgestrecktem Halse, die Augen waren ihm herausgequollen, die Sehnen zum Reißen angespannt. Tief sank das Gefährt in den schlammigen Boden ein. Der andere stieß von hinten dagegen, den Kopf ganz tief zwischen die Schultern gezogen, wie ein Tier fast auf Vieren laufend. Man konnte sein Gesicht nicht sehen, man hörte nur sein Keuchen. Jetzt blieben sie stecken.

»Voran!« Simon Bräuer hob befehlend den Arm. »Voran, ihr Faulenzer!«

Da duckte sich der hintere, der für ein paar Augenblicke sein blasses, schweißbedecktes Gesicht emporgehoben hatte, wieder, und der vordere ruckte an, wie ein marodes Pferd zur letzten verzweifelten Anstrengung angepeitscht. Der Karren schob weiter.

»Schwere Arbeit hier,« sagte Leykuhlen. Dies hier war wahrhaftig Pferde-, aber keine Menschenarbeit! »Bräuer, werden Ihnen die Leut dann nit krank?«

Das unerbittliche Gesicht verzog sich zu einem verächtlichen Lächeln. »Fünf Schwachmatikusse hab ich als nach Aachen zurückjeschickt, hab andere Leut dafür jekriegt. Et sitzen ihrer ja jenug hinter Schloß un Riegel, die jern heraus wollen. Is hier doch immer noch besser in freier Luft, wat, Jacobs?« schrie er den jungen Menschen an, der den Karren geschoben hatte, und jetzt, am Bau angelangt, sich emporrichtete und die steifgewordenen Arme umeinanderschlug. »Is doch besser hier als im Kaschöttchen?«

Es kam keine verständliche Antwort, ein heiseres Husten erstickte sie. Aber der Sträfling nickte und machte sich daran, die Steine abzuladen.

Sah der Mensch elend aus! Und ein unangenehmes Gesicht, die richtige Verbrecherphysiognomie! »Wat hat de dann pekziert?« fragte Leykuhlen halblaut. Es überlief ihn plötzlich eine schaurige Empfindung: dem möchte man nichts Wehrloses in den Weg schicken auf einsamem Venn. Diese roten Haare, diese abstehenden Ohren, diese unsteten Augen in dem abgezehrten, sommerfleckigen Gesicht! So konnte sich ein ängstliches Gemüt wohl einen Mörder vorstellen. »Wat hat de dann verbrochen?«

»O – – – –!« Bräuer zuckte gleichgültig die Achseln. »Wird wohl nur wegen Wechselfälschung oder Mundraub oder vielleicht wegen Sittlichkeit seine paar Jährchen jekriegt haben – ich weiß nit. Wer kann dat all behalten! Aber wenn Sie et jern wissen wollen – Jacobs!« Er winkte.

»Nee, nee!« Leykuhlen legte ihm rasch die Hand auf den Arm. »Fragen Sie ihn selber nit! Nee, nit vor mir!«

»No, dann nit!« Der Aufseher lachte grimmig. »Daraus macht sich so ’ne Kerl doch nix. Der hat so oft sein Sünden anzuhören jekriegt, bis auf Herz un Nieren is de ausjezogen worden im offenen Jerichtssaal, dat et dem janz Wurscht is, wat ich ihn hier frag, oder Sie un ich. Dem is dat viel ärger, wenn Ihre Dorfmädchens ihn anjaffen wie en wild Tier und die Jungens hinter ihm dreinkreischen – Mädchens, mit denen er sonst poussieren würd, Bengels, mit denen zusammen er Kegel schieben würd. Dat is viel schlimmer für so einen, als wenn wir ihn fragen. Wir wissen doch auch, wat Versuchung is!«

»Sie haben recht!« Ganz betroffen sah Leykuhlen den Aufseher an: der Bräuer war doch nicht so roh, wie es den Anschein hatte! »Sie haben Verständnis für Ihre Leut!«

»No, wenn ich dat nit hätt! Ich bin doch drei Jahr in Siegburg jewesen. Beim Militär is et auch nit viel anders – pariert muß werden – nur die Montur is besser. Herr Burjermeister, wenn Sie sich aber interessieren, so schaffen Sie mir doch ein paar Bund Stroh!« Es kam etwas wie eine Bitte in die harte Stimme. »Die Kerls liegen hundsmiserabel. Un wenn ich wat alte Leinwand kriegen könnt! Die Halunken verschweinigeln sich die offenen Frostbeulen mit Absicht, sie denken, wenn sie humpeln, dann brauchen sie nit zu arbeiten – ja wohl, ich werd ihnen! Aufjepaßt!« brüllte er einen Sträfling an, der sich eben verstohlen bückte, um mit der hohlen Hand Wasser aus einer Lache zu schöpfen. »Hab ich nit verboten: jetrunken wird nit?!«

Erschrocken fuhr der Sträfling zurück. Er stammelte etwas von »Durst«; es klang wie ein Winseln.

»Wenn du Bauchschmerzen kriegst, scheuer ich dir noch die Huck,« schrie der Aufseher böse.

»Sie sind sehr streng,« sagte Leykuhlen vorwurfsvoll. Es stieß ihn plötzlich wieder etwas von dem Manne zurück.

Aber der Aufseher zuckte die Achseln: »Wenn ich nit streng wär, könnten wir nur einpacken hier. Entweder, sie jingen mir alle ein, oder sie schlügen mich tot. Adjüs!« Damit kehrte er sich kurz um und ließ den andern stehen.

Leykuhlen sah ihm nach, wie er mit starken Schritten auf die andere Seite des Bauplatzes ging und dort ein paar Sträflinge aufjagte, die sich in einem wärmenden Sonnenstrahl auf einem Balken niedergekauert hatten und ein wenig rasteten. Er sah sie auseinander fahren wie Hühner, zwischen die der Habicht stößt. Arme Teufel! Es war nun schon Ende April, aber es war doch noch recht kalt.

Ein Wind ging, der selbst den an Vennluft Gewöhnten durchschauerte; Leykuhlen knöpfte seinen Rock zu. Die in Leinenkittel Gekleideten ragten wie Vogelscheuchen, denen der Wind die Fetzen abzerren will, aus der baumlosen Fläche auf. So braun, so dürr noch das einsame Land!

Eine von ihm selbst nicht verstandene Traurigkeit senkte sich plötzlich auf Leykuhlens Seele. Der Himmel trüb, schwere Wolken hatten jetzt jedes Strählchen von sonnigem Licht verjagt; die Luft war wie Rauch, voll von beklemmendem Nebeldunst. Die Ferne so fern. Wo waren Städte und Menschen, fröhliche Menschen, und fruchtbare Felder?! Fern, sehr fern! Noch war kein Frühling im dunklen Moorland.

III

Im Städtchen wurde auf jeder Kaffeevisite und abends am Stammtisch, von Männern und Frauen mit gleichem Interesse, die Strafkolonie bei Heckenbroich besprochen. Wie der Landrat tat, der alle paar Tage hinauffuhr und sich sogar Besuch dazu eingeladen hatte, Herren von der Regierung in Aachen, so machten es viele. Man spazierte zu Fuß hinauf oder nahm einen Wagen an; die Ausgabe lohnte sich schon, nun bekam man doch einmal einen wirklichen Einblick in das Verbrecherleben. Kerle, Kerle! Was die für Arme hatten, hager und sehnig! Und tätowiert waren sie alle über und über, die Arme, die Brust. Jetzt stach die Maiensonne um die Mittagszeit schon heiß oben auf der ungeschützten Höhe, wenn’s in den Nächten auch noch Eis fror, sie trugen die Leinenkittel offen; man konnte alles sehen. Welche von ihnen waren weiß und fett, andere mager und haarig wie die Wölfe. Die Damen erschauerten.

Simon Bräuer hatte zu tun, die Neugierigen abzuhalten. Bis in die innersten Winkel des Hauses, dessen Gebälk jetzt schon fertig gerichtet stand, hätten ihm die Frauenzimmer kommen mögen. Zwar stand ein Pfahl am Zaun mit einem Schild: »Eintritt verboten« – aber wer störte sich hieran? In hellen Kleidern, wie Sommerfalter, kamen die Weiber; sie machten den Mann kribblig. »Da schlag ’n Donnerwetter drein!«

Schon wieder kam heut ein Wagen langsam die Venn-Chaussee heraufgekrochen; eine Equipage. Am alten Torfschuppen mußte jedes Fuhrwerk halten; von da an mußte man zu Fuß das Venngestrüpp, die Ginsterbüsche und allerlei versteckte Löcher durchqueren.

»Dat sie doch all in’t nächste Torfloch plumpsten bis an den Hals! Verdammt!« Bräuer fluchte. Er sah, wie seine Kerls die Köpfe von ihrer Arbeit hoben und hinstierten mit ihren grassen, hungrigen Augen.

Ein hellgekleidetes Mädchen lief den anderen vorauf. Bräuer brummte in sich hinein: »Die macht ja Sprüng wie en jung Kalb!« Wieder Weiber! Die sollten ihm wohl vom Halse bleiben. Das Gewehr über die Schulter hängend, ging er den Kommenden entgegen.

»Papa,« sagte gerade Fräulein Schmölder, »hier steht es ja: ›Eintritt verboten‹!«

»Für uns nit!« Der Fabrikant wollte seine Damen vorangehen lassen – seine Frau war auch neugierig gewesen, die Kolonie zu sehen, und Hedwig brannte auf die Verbrecher – aber breit stellte sich jetzt der Aufseher vor den Zauneingang. Sein Blick war so zurückschreckend, daß Heinrich Schmölder unwillkürlich »Juten Tag!« sagte und an den Hut faßte. »Wir wollen uns dat hier mal ansehen!«

»Es ist nicht erlaubt.« Der Aufseher gab den Eintritt nicht frei.

»Ich bin der Fabrikant Schmölder. Sie kennen mich doch?« Dem reichen Mann stieg das Blut in die Stirn. Das war denn doch keine Art! Und dazu war Vetter Josef noch dabei, der sich so wie so schon über alles und jedes mokierte! »Wenn Sie uns nit hereinlassen, werde ich mich beschweren, beim Landrat, bei unserem Bürgermeister!«

»Dat können Sie tun. Dat jeht die Herren aber jar nix an. Ich hab nach meiner Instruktion zu handeln.«

»Nun, dann eben bei der zuständigen Behörde!« Heinrich Schmölder wurde heftig, er glaubte hinter sich das maliziöse Lächeln seines Vetters zu sehen.

Der Aufseher zuckte die Achseln. »Tun Sie dat. Wenn Sie ’ne Erlaubnisschein vorzeigen, können Sie jederzeit passieren. Sonst nicht!«

»Gib ihm was, gib ihm was,« wisperte Frau Schmölder hinter ihrem Gatten.

Heinrich Schmölder griff in die Tasche. »Na, Sie werden wohl mal ein Aug’ zudrücken.« Ein verständnisvoller Händedruck – das Dreimarkstück brannte Bräuer zwischen den Fingern. Das bessere Teil in ihm empörte sich, er hätte es fortschleudern mögen: »Herr, was unterstehen Sie sich, bestechen ist nicht« – und er nahm es doch. Der Eintritt war frei.

Mit finsterem Gesicht, an der Lippe nagend, schritt der Aufseher vor den Eindringlingen her. Er hätte sie umbringen mögen. Was das Fräulein schwatzte, lachte, dumm fragte!

»Sind Sie ganz allein hier?«

»Ja.«

»Wieviel Gefangene sind denn hier?«

»Vierzig.«

»Sind auch Mörder drunter?«

»Nein.«

»Haben Sie aber nicht doch Angst?«

»Nein.«