Part 20
Es trieb ihn um bei Tag und Nacht. Es litt ihn nicht im Bett, er konnte ja doch nicht schlafen; vor Morgengrauen schon war er aufgestanden und war hinausgeschritten auf die Höhe des Venns und hatte nach Osten gestarrt, wo die Wolken sich in leuchtendem Purpur färbten. Wenn sie doch, ach, wenn sie doch endlich, endlich einmal nicht mehr so strahlend erstünde, die unbarmherzige Sonne!
Alle Quellen waren versiegt. In den tiefsten Brunnen stand nur noch ein Pfützchen trüben, schlecht riechenden, fauligen Wassers. Kaum daß man das Vieh tränken konnte, es verschmachtete; denn auch kein Hälmchen saftigen Grüns war mehr zu finden. Und in den beiden Torfarbeiterhäusern lagen die Männer noch immer und quälten sich in wilden Delirien. Es war der Krankheit noch gar kein Absehen.
Was war das für ein Leid, was war das für eine Angst! Das Dorf lag geduckt wie unter einem dräuenden Alp. Alles atmete beklommen. Soviel gebetet war noch kaum worden zu Heckenbroich. Aber beklommener denn alle atmete Leykuhlen, er fühlte sich in tiefster Seele betroffen. Mariechen hatte viel zu reden, viel zu ermutigen: ›Mach dir nühst draus, Bärtes, laß sie doch reden! Wat kannst du dafür? Unser Herrjott schickt die Trockenheit und die Krankheit; wir müssen sie nehmen aus seiner Hand!‹ Aber heimlich kränkte sie sich: wie die Undankbaren ihren Mann verkannten! Und er hatte doch alles zu =ihrem= Besten getan! In heimlicher Sorge ging sie umher, und nachts tat sie, als ob sie schliefe; aber sie schlief nicht, sie horchte auf ihres Mannes rastloses Wälzen und unruhiges Atmen, und wußte dann nichts anderes zu tun, als inbrünstig bei sich zu beten. Gestern hatte jemand ganz laut draußen vor der Hecke auf den Bürgermeister geschimpft – wer war’s gewesen? Sie hatte es nicht sehen können – das war ja auch gleichgültig – wenn nur er, er es nicht gehört hatte!
Besorgte Blicke warf die Frau auf ihren Mann, der stundenlang jetzt in der Kanapee-Ecke saß, und sich die Zeitung so vorhielt, daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Es wollte ihr dünken, als sei das leichte Blatt zu schwer für seine starke Hand. Jesus Maria, wenn er wüßte, daß ihr, als sie zum grünen Klee gegangen war, die Kranken zu besuchen, ein Rudel Kinder nachgerannt war, erst mit schüchternem Gekicher, dann mit dreisterem Lachen, zuletzt mit ungezogenen Redensarten. Das waren freilich nur Kinder, unverständige Kinder, aber sie sprachen das nach, was die Erwachsenen sagten. Wenn es nur regnen wollte, endlich regnen, barmherzig, erquicklich, dann würden sie im Dorf auch einsichtiger werden, und ruhiger!
Die Bürgermeisterin kannte ihre Heckenbroicher gar nicht mehr wieder. Aber sie, die sonst mit ihrem Mann alles besprochen hatte, sagte ihm kein Wort davon. Er selber schwieg auch beharrlich. –
Es war eine Nacht, so drückend heiß, daß niemand Schlaf finden konnte. Hinter den Hecken brütete die Schwüle. Leykuhlen und seine Frau saßen noch unten in der Wohnstube beisammen; er saß in der einen Ecke des Kanapees, sie in der anderen. Die Lampe hatten sie nicht angezündet, selbst dies bißchen Licht war zuviel, man hatte nach all der Blendung des Tages eine Sehnsucht, fast eine Gier nach der Dunkelheit. Ach, daß doch Wolken hängen möchten, tief herab, und sich entladen mit Donner und Blitz! Und sei es ein Ungewitter mit heulendem Sturm, wenn nur Regen dabei war, erlösender Regen! Schwül genug war es.
Aber wie sie die Ohren auch spitzten, kein Rauschen war draußen vernehmbar auf den Blättern der Hecke, nicht einmal ein Tröpflein. Der Himmel war verschlossen. So ging es nun schon an die zwei Monate, es gab keinen Regen mehr. Die Welt mußte verdursten.
»Jesus Maria,« sagte die Frau plötzlich und neigte sich gegen den Mann, »hörste nühst, Bärtes? Wär et am End doch am Regnen?!«
Sie irrte sich. Jetzt war wohl ein Rauschen hörbar im Blattwerk der Hecke, aber so tat kein Regenguß. Das waren Hände, Arme, Füße, die sich durcharbeiteten durchs raschelnde Laubwerk, Körper, die sich durchwanden durchs dichte Gefüge. Von der Seite her brach es ans Haus heran.
Wenn jemand was wollte, warum ging er denn nicht vorne herum, offen und ehrlich durchs Heckentor?!
»Still, bis still, Mariechen,« sagte der Mann und legte der Frau die Hand auf den Mund. Sie hatte aufschreien wollen in plötzlichem Schreck.
Ein Stein war oben gegen das Giebelfenster gekracht das vom Mondschein hell beglänzt wie ein Auge über die Hecke lugte. Die Scheibe brach und klirrte. Und nun klatschte es dumpf. Sie warfen mit Kuhdung, mit Dreckfladen, mit allerlei Schmutz und Unrat; was sie gerade aufschnappten von Straße und Hof. Und ein Gequäk und Gekrächz erhob sich, ein Gewieher und Gegrunze, ein Gemauze und Geknauze, als sei die ganze Tierwelt lebendig geworden. Ein Hund bellte, eine Katze miaute, ein Ochse brüllte, ein Esel iate; es war eine Höllenmusik.
Mit beiden Armen hielt Frau Leykuhlen ihren Bärtes umfangen; sie preßte ihn fest an sich: oh, daß sie seine Ohren nur zuhalten könnte, verstopfen, daß er nichts hörte von dem abscheulichen Konzert. Sie brachten ihm eine Katzenmusik, wie man sie nur dem bringt, der sich Ungebührliches hat zu Schulden kommen lassen. Dieses entehrende Ständchen ihm, dem Bürgermeister, von seinen Heckenbroichern selber dargebracht?! Die Frau zitterte, sie hätte in Tränen ausbrechen mögen. »O Bärtes, Bärtes, mach dir nühst draus!«
»Bis still, Mariechen,« sagte er wieder wie vorhin. Er war ganz ruhig. Seine Stimme klang nicht einmal zornig, nur traurig, als er jetzt das Fenster aufriß und in die Nacht hinausrief: »Jetzt is dat äwer jenug! Nu laßt de Dummheiten! Joht no hehm!«
Einen Augenblick war es still; dann raschelte es wieder in der Hecke. Liefen sie hastig fort, beschämt, hatten sie es doch mit der Angst bekommen?!
Die Frau, die sich neben ihren Mann ins Fenster gezwängt hatte, fuhr plötzlich zurück – klatsch! Ihr Bärtes, o, ihr Bärtes! Eine Ladung Kot war ihm ins Gesicht geflogen, sie wurde noch mit davon bespritzt. Und eine Stimme, – es war nicht zu erkennen, wem sie gehörte, denn sie verstellte sich – äffte ihm nach: »Laßt de Dummheiten, joht no hehm!« Ein wieherndes Lachen erscholl – wieder ein hastiges Rauschen und Rascheln – die Nachtbuben rannten davon.
»Jesus Maria!« Entsetzt drückte die Frau den Kopf an ihres Mannes Brust. Jetzt konnte sie nicht anders, sie mußte laut weinen: daß man ihn so kränkte, ihn!
Er strich ihr über den Scheitel: »Bis still, Mariechen, bis still! Laß se schreien. Wer kann sich an so wat kehren!«
War er wirklich so ruhig, war er wirklich so besonnen, wollte er nicht hinter ihnen drein rennen, sie einholen, sehen, wer es gewesen war?! Sie hob den Kopf und forschte angstvoll in seinem Gesicht. Es war zu dunkel, sie konnte seine Züge nicht erkennen, sie fühlte nur seine Hand, eiskalt trotz der Hitze, schwer auf ihrem Scheitel liegen.
»Jeh nach oben, Mariechen, jeh! Kuck, wat die Nixnutze da anjericht haben!«
Er machte nicht Miene, mit ihr hinaufzusteigen in die Giebelstube. Sie zögerte; aber sein Ton wurde heftig: »Jeh, jeh!« Da ging sie; ungern nur ließ sie ihn hier unten allein.
Mit zitternden Händen schaffte sie oben Ordnung, bis auf die Betten waren die Glassplitter geflogen, Boden und Wände waren beschmutzt; die Buben hatten gut gezielt durch das im Mondschein spiegelnde Fenster. Sie kehrte und wischte, die Kniee bebten ihr, aber sie hätte die Magd nicht zu Hilfe rufen mögen. Gott sei Dank, daß die nach der anderen Seite heraus schlief! Wie sollte die sonst Respekt behalten, wenn sie so was mit angesehen hätte! Eine tiefe Scham kam über die Bürgermeisterin; sie konnte nichts sehen vor bitteren, gekränkten Tränen, die ihr unaufhaltsam über das heiße Gesicht rollten. Ach, ach, das waren keine Kinderstreiche mehr, keine Dummheiten, wie Bärtes sagte, das waren Niederträchtigkeiten! Wer hätte das je von den Heckenbroichern gedacht?! Ihr ganzes Leben war im Dorf verflossen – vierzig Jahre sind lang – und nie hatte sie in all dieser Zeit geglaubt, es könnte hier einer sein, der sie so kränke. Nicht sie – ach nein, es war ja nicht um ihrer selbst willen, daß ihr Tränen des Schmerzes, des Zornes und der Scham über das Gesicht liefen, es war um seinetwillen. Was er jetzt wohl machte? Was er wohl denken mochte so ganz allein bei sich?!
Sie rannte hinab, die angezündete Lampe hochgehoben in der Hand. Einen Augenblick zögerte sie vor der Stubentür – drinnen war’s noch dunkel, sie hörte keinen Laut, war er nicht mehr da?! Behutsam drückte sie die Klinke nieder, leuchtete in die dunkle Stube hinein.
Da lag er auf den Knieen vor dem Tisch, hatte die gefalteten Hände auf den Tischrand gelegt und sein Gesicht auf die Hände. Sie sah nur seinen Rücken, aber sie sah doch, wie heftige Atemzüge ihn erschütterten.
Da zog sie sich leise zurück. Das fühlte sie, jetzt durfte selbst sie nicht stören. –
In dieser Nacht schliefen sie nicht. Aber auch nur wenige im Dorf schliefen. In den Häusern, eingeschlossen hinter den Hainbuchenhecken, war die Luft dick und schwül. Nur Regen, nur Regen! Mit offenen Mäulern lagen die Menschen auf ihren Betten und schnappten nach Luft. Die Kinder greinten, selbst sie fanden keinen Schlaf. Da und dort flinzelte Lämpchenschein, man hörte Stimmen, die Mutter vertröstete die Kleinen. In den dunstigen Ställen brüllte heiser das durstige Vieh. Der und jener schlich vor sein Heckentor und schaute prüfend den Himmel an: zog da nichts auf von Gewölk im Westen? Er blinzelte angestrengt, das harte Bauerngesicht erhellte sich für Augenblicke wie von einem Hoffnungsstrahl; aber enttäuscht sank der Blick gleich wieder: nein, das war kein Gewölk, das Regen brachte. Das war nur ein Rauch, ein Dunst, als sei die Erde ein Feuerherd und pustete den Dampf ihrer Glut zum Himmel.
Es war keine Nacht zum Schlafen. Es war eine Nacht, um wach zu liegen, sich zu wälzen in banger Sorge. – – –
Eine müde, überwachte Stille lag mit dem neuen Tag über Heckenbroich. Feurig ging eben die Sonne im Osten auf, als es auf der Straße bimmelte. Leykuhlen fuhr mit dem Kopf zum Schlafkammerfenster heraus, – er brauchte es ja nun nicht mehr aufzutun – das klang ja, als schellte der Meßner vorm Priester her, der den Leib des Herrn über die Straße trägt?!
Was – wer – wo?! Wer sollte versehen werden?! Der Bürgermeister riß die Augen weit auf, er stierte und starrte. Richtig, da schritt der junge Hilfsgeistliche das Röcklein übergeworfen! Vor ihm her schlorrte der Küster, ungewaschen, ungekämmt, wie einer, den man eilig aus dem Bette geholt hat. Er klingelte mit dem allbekannten Glöcklein.
Mit einem Arm das Fensterkreuz umschlingend, beugte der Bürgermeister sich weit, weit über die Hecke hinüber. Mit Blicken, die seine Augen fast aus den Höhlen drängten, folgte er den Dahinziehenden. Da gingen sie hin, Priester und Meßner – klingling – leise tönte das silberne Schellchen. Da gingen sie und brachten einer scheidenden Seele die letzte Wegzehrung.
Aber wo gingen sie hin – zu wem – ach, wohin?! Leykuhlen wollte rufen und konnte nicht, der Mund war ihm wie zugehalten, nur ein heiser herausgestoßenes ›Herr, erbarme dich‹, brachte er über die Lippen.
Nun waren sie am Eckhaus. Gingen sie nun geradeaus, die Hauptstraße zu Ende, oder schwenken sie links ab zum grünen Klee! Sie schwenkten links ab.
Am grünen Klee lag der Mechernich, mit dem war es schon gestern sehr schlecht gewesen; nun reichten sie ihm die heiligen Sterbesakramente, daß er in Frieden abfahren konnte von dieser Welt. Aber ein verlassenes Weib schrie hinter ihm her, eine Schar kleiner Kinder weinte nach Brot. Ein Schauer überrieselte den Bürgermeister. Und daran sollte er, wirklich er, schuld sein? Wasserleitung – eine Wasserleitung anstatt der Kirche – ohne gesundes Wasser keine gesunde Bevölkerung – die Brunnen taugen nichts! Er hatte es zugegeben, daß sie doch daraus tranken. Gott im Himmel, wie sollte er sich verantworten vor dem höchsten Richterstuhl?!
Gedanke auf Gedanke wälzte sich heran, Vorwurf auf Vorwurf. Der Mann war erdrückt, wie zu Boden geschmettert; mit beiden Händen faßte er sich nach der glühenden Stirn und stöhnte auf. Da innen saß ein sausendes Rad, das sich drehte in unaufhörlichem Schwunge: wenn der Mechernich starb, was machte er dann – und wenn noch andere starben, was dann? Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, er wußte nicht mehr, hatte er recht oder unrecht getan, war er beladen mit einer Schuld oder durfte er ihrer sich ledig sprechen? Sein Geist war verwirrt. O, wer sagte ihm, hatte er recht getan oder unrecht?!
Er krampfte die Hände in einander, der kalte Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Kommt zu Hilfe, ihr Heiligen Gottes! Herr, erbarme dich, – gib ein Zeichen! Tue deinen Himmel auf, laß regnen! Vater unser – – – gegrüßet seist du, Maria – – – laß regnen, gib mir ein Zeichen – – – o du Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünde der Welt, erbarme dich!
Der Himmel glühte über Heckenbroich. Und das Venn flammte weit hinaus im leuchtenden Rot seiner höchsten Blüte. Die Luft stand still überm staubbedeckten Scheitel der sonnenflimmernden Dorfstraße. Heute war Sonntag, der Tag des Herrn.
Langsam, wie matte Fliegen, krochen die Menschen zum Hochamt; sie waren in Sonntagskleidern, aber Sonntagsmienen zeigten sie nicht. Niedergeschlagene Gesichter, ohne Hoffnung, ohne Freudigkeit. In einer stumpfen Resignation schleppte man sich zur Kirche. Nun hatte man schon soviele Rosenkränze gebetet, Kerzen gestiftet, Wallfahren gelobt, und alles sollte umsonst sein! Die Weiden waren hart wie Tennen, nie mehr konnte da Gras sprossen. Und der Mechernich lag im Sterben. Ein ängstliches Raunen ging von Mund zu Mund: die Sterbesakramente hatte er bereits empfangen. Wie lange noch, und mit den anderen Erkrankten ging es ebenso. Wer kam dann an die Reihe? Und morgen früh wurde der Dores begraben, der kleine Junge vom Huesgen-Jörres. Da ging der Vater!
Den Kopf gesenkt, den Blick auf die gefalteten Hände niedergeschlagen, schritt Weber Huesgen zur Kirche. Aber es war nicht der Tod des Kindes allein, der sein Haupt senkte. Eine Woche voll rastvoller Arbeit in grenzenloser Hitze lag hinter ihm; neue Runen waren zu denen seines arbeitsverfurchten Gesichts noch hinzugekommen. Regen, ach, nur Regen, Erlösung, Regen! Es trieb ihn in die Kirche, in dem dämmerig gehaltenen hochgekuppelten Raume war’s noch am erträglichsten; daheim weinte das Weib, und die Geschwister schauten mit erschreckten Augen auf die Leiche des Dores, die im Tannensärgelchen auf zwei Schemeln im Schuppen stand, mit einer Girlande geschmückt, die das Kathrinchen gewunden hatte aus Schlangenmoos und blühendem Heidekraut. Der Dores war nicht am Typhus gestorben, den hatte er gar nicht gehabt; die Hitze hatte ihn mitgenommen. Die hatte er nie gut vertragen können. Seit die Sonne alles verbrannte, war auch er verbrannt wie ein flackerndes Lichtlein. Nun war das wächserne Gesichtchen freundlich, die welken Händchen auf der Brust umfaßten das Kruzifixchen, das man ihnen zu halten gegeben hatte.
Ein Kind weniger! Der Weber seufzte. Er war ein liebevoller Vater; aber daß der Herrgott den Dores zu sich genommen hatte, das war mehr eine Gnade als eine Heimsuchung zu nennen, wenn die Annelies auch jetzt noch bitterlich weinte. Sie würde sich trösten. Sie hatte nun einen Engel im Himmel, der Fürbitte tat. Aber warum die Bäreb sich so arg anstellte?! Ordentlich ärgerlich war Jörres Huesgen auf seine Älteste. Statt der Mutter bei der Hand zu sein, kniete sie immer bei der Leiche, starrte sie an mit vom Weinen verschwollenen Augen und schluchzte dann auf, so heftig, daß es ihr fast das Herz abstieß. Freilich, Leben und Sterben ist ein ernstes Ding – wurde das die Bäreb erst jetzt gewahr?
Der Weber seufzte, als er beim Summen der Orgel auf der Betbank niederkniete, und trocknete sich mit dem roten Sacktuch den Schweiß ab. War das eine Hitze! Selbst hier war heut nicht die Kühle zu finden, die so wohltat, wie in einem tiefen Keller, wenn draußen die Sonne glühte. Auch in die Kirche war die Schwüle gedrungen. Ein erstickender Dunst lastete im Raum, dessen Wölbung heute niedriger schien.
Und um den Weber seufzten und schwitzten noch viele; die Leiber der knieenden Andächtigen dampften. Matt die Stimme des Priesters am Altar, fast erstickt durch die dicke Luft, matt die Responsorien des Dieners, matt der Gesang vom Orgelchor, kraftlos, ohne Frische und Fülle, und matt auch die Gebete. Hier schlief eine, dort schlief einer. Diese war auf die Bank zurückgesunken, legte den Kopf hintenüber und schnarchte mit offenem Mund; jener schlief gar im Knieen, das Haupt war ihm haltlos aufs Gebetbuch genickt. Geknickten Blumen gleich hingen die bunt-betuchten Köpfe der Frauen. Jetzt wurde eine gar ohnmächtig, es gab für Minuten ein Scharren, ein Poltern, man schaffte sie hinaus. Dann wieder die vorige bleierne, lähmende Stille.
Der alte Pastor bestieg die Kanzel, heute ließ er es sich nicht nehmen, selber in der Predigt zu seiner Gemeinde zu sprechen; es war eine schwere Zeit. Er redete mit zitternder Stimme von der weisen Anordnung Gottes, die alles, was da lebt, mit Segen erfüllt, die zur Zeit Regen und Sonnenschein gibt, die aber mit Entziehung des Segens heimsucht, wo sie Reue erwecken will und bußfertige Gesinnung.
Die Gemeinde hatte das Bußlied gesungen:
»O Gott, streck aus dein milde Hand, Erfüll mit Segen Leut und Land, Halt ab in gütger Vaterhuld Die Strafen für die Sündenschuld!«
Der Bürgermeister neigte sein Haupt tiefer und tiefer. Er wagte nicht aufzusehen; es war ihm, als müßten sich aller Blicke vorwurfsvoll auf ihn richten, als nagelten sie ihn alle fest mit ihren müden, umschatteten Augen.
Es brauste vor seinen Ohren, es hämmerte in seinen Schläfen, es siedete ihm in den Adern. Er hörte nichts mehr von dem, was der Pastor noch weiter sagte, er hörte nur immer das Schellchen des Meßners, der vor dem Priester her zum Sterbenden schritt. Mußte der Mechernich wirklich sterben? War er am Ende schon tot?! Zwischen dem Tönen des Schellchens vernahm er die Sterbeseufzer, das Jammern des Weibes, das Weinen der Kinder. Ströme von Schweiß rannen Leykuhlen über den Leib. Von einem Schwindel gepackt, wollte er die Augen schließen, aber es riß sie ihm wieder auf, er mußte sehen, alles das sehen, was er, er angerichtet hatte.
– – ›Ich begreife nicht, wie ein sonst so intelligenter Mensch sich so gegen alle Neuerungen verschließen kann‹ – ›Eine Wasserleitung ist das Allernotwendigste, wir werden den Typhus sonst hier nie los‹ – so, oder ähnlich doch hatten sie gesprochen. Schon lange, ach lange schon waren sie an ihm. Aber er hatte die Kirche gebaut. Er hatte die Gemeinde dazu bewogen. Hätte er sie nicht ebensogut zu etwas anderem bewegen können?! Sein, ja sein war die Schuld!
Wie ein Kranker wankte Leykuhlen aus der Kirche. Er bemerkte nicht, daß die Grüße, die ihm sonst ehrerbietig und willig zu teil wurden, heute ganz anders waren. Man grüßte, weil es eben sein mußte; keine Freundlichkeit erhellte diese Grüße. Die Bürgermeisterin hielt sich dicht neben ihrem Mann, ihr war, als müsse sie ihn schützen, wie gestern abend; und doch fiel jetzt kein Stein.
Die reichen Bauern, der Adams und der Zumstädtchen, kamen jetzt zusammen an ihnen vorüber; sie taten, als sähen sie den Bürgermeister nicht. Sie gingen stracks hinüber auf die andere Straßenseite und sprachen so eifrig auf einander ein, als hätten sie den wichtigsten Handel zu bereden. Sie waren grimmig. Nun hatten sie schon ein paar Mal den Dreiborn nach oben holen müssen – was das kostete! – und andere im Dorfe hatten ihn auch holen müssen.
Der Tierarzt war noch röter geworden als sonst und hatte noch mehr mit den Augen gekugelt als gewöhnlich, und hatte noch mehr räsonniert, als zu anderer Zeit: was verlangten sie denn, wie sollte das unvernünftige Vieh gesund bleiben, wenn der vernünftige Mensch sich krank säuft?! Er ereiferte sich sehr: weiß der Himmel, er wollte lieber Kaffern und Hottentotten kurieren, als Eifler Vieh. Was nutzte ihm alles, was er gelernt hatte, was war überhaupt die ganze Wissenschaft nutze, wenn ihr hier eine solche Borniertheit entgegengesetzt wurde? ›Ihr seid schwarz, schwarz bis in die Knochen – dat is euer Malheur!‹ Zu anderen Zeiten hätten die Bauern über ihn gelacht: was ereiferte sich der Viehdoktor denn so?! Oder sie hätten sich auch geärgert: so einer, der doch auch aus der Eifel stammte und nun in keine Kirche mehr ging, so einer, der seinen ganzen Glauben verloren hatte überm Studieren! Aber in der Stimmung, in der sie jetzt waren, hörten sie ihn an; sie verstanden ihn nicht ganz, aber das hörten sie doch heraus, daß der Dreiborn, der immerhin ein kluger Mann zu nennen war, und ums Vieh gut Bescheid wußte, nicht zufrieden war mit dem, wie es so war. Nein, sie auch nicht! Ganz und gar nicht!
Völlig erschöpft kam Leykuhlen heim. Schwer ließ er sich in seine Kanapee-Ecke fallen und stützte den Arm auf. Als die Frau ihn etwas fragte, schüttelte er nur den Kopf verneinend; weitere Antwort gab er nicht.
Jesus, ihr Mann wurde doch am Ende nicht auch krank?! Mit tränenden Augen stand die Bürgermeisterin in der Küche und blies das Feuer an. Die Magd konnte nicht damit zurechtkommen, es wollte heute nicht brennen; die Sonne gloste über dem Schornstein, die drückende Luft schlug jedes Dampfwölkchen, das aufsteigen wollte, wieder hinab in den Kamin. Die Küche war voll von Rauch und vom brenzlichen Gestank des langsam schwelenden Torfes. Immer wieder stocherte die Frau im Feuerloch, ganz mechanisch, ihre Gedanken waren nicht bei diesem Werk. Sie merkte es nicht einmal, daß sie in eine Wolke von beißendem Dampf gehüllt stand, daß sie nichts sehen konnte vor Rauch und Tränen. Die Magd war dem erstickenden Qualm entwichen, die Frau war allein. »Jesus,« seufzte sie aus tiefster Seele, »Jesus Christus erbarm dich!«
Da wurde hastig die Tür aufgerissen. Der, um den ihre Gedanken kreisten in unablässiger Sorge, war plötzlich bei ihr mit zwei Schritten, mit seinen alten, kräftigen Schritten. Er faßte sie um den Leib. »Mariechen, Jott sei Dank!« Es war wieder etwas in seiner Stimmen von frischem Klang. »Denk ens an, Mariechen, mit dem Mechernich steht et besser. Dat war die Krisis. ›Den kriegen wir durch,‹ sagt der Doktor. Eben war er bei mir. Haste ihn nit jehört?«
Sie hatte nichts gehört, keinen Wagen, keinen fremden Schritt im Flur, sie war so ganz in ihren Sorgen befangen gewesen. »Wahrhaftig?« fragte sie, noch ungläubig, und blinzelte ihren Mann an.
»Mit Jottes Hilf,« sagte er ernst. Aber dann drückte er sie an sich in einer jähen Aufwallung des Gefühls: »Jott sei jelobt, Mariechen, ich kann et dir nit sagen, wie jlücklich ich bin! Wenn der Mechernich durchkömmt, dann« – er lächelte sie an – »Mariechen, dann stift ich die Uhr, die noch fehlt an der Kirch. Wenn et dir recht is, Mariechen?!«
Ob es ihr recht war!
* * * * *
Seit der Mechernich am grünen Klee die letzte Ölung empfangen hatte, war es besser geworden mit ihm. Merkwürdig, und doch nicht merkwürdig! Vor dem Häuschen des Torfarbeiters standen die Leute und besprachen den Fall mit einer von ihrer sonstigen Verschlossenheit und Ruhe stark abstechenden Lebhaftigkeit. Ja, als das heilige Öl seine Stirn salbte, da hatte er die Augen, die er geschlossen gehalten hatte seit Tagen schon, auf einmal wieder aufgemacht. Und er hatte gesprochen, ganz vernünftig, gar nicht mehr wirres Zeug. Er hatte die Frau erkannt und die Kinder und hatte ihnen die Hand gegeben – nicht zum Abschied, nein, zum Willkommen. Und gesagt hatte er, daß er wohl gewußt hätte, es sei nicht gut, im Venn von dem Wasser zu trinken, daß sie aber einen so argen Durst gekriegt hätten beim Torfaufsetzen in der großen Hitze, und daß sie gedacht hätten, es würde ihnen schon nicht schaden, die Soldaten hätten ja auch getrunken, oft schon da oben im Venn.