Chapter 8 of 28 · 3961 words · ~20 min read

Part 8

* * * * *

»Wat ich dir noch sagen wollt,« sprach die Bürgermeisterin am anderen Morgen zu ihrem Mann, als sie miteinander in der Küche den Kaffee tranken, »de Josef kam darum erauf, weil er dich fragen wollt, ob du nit en Magd für ihn wüßt? Ich bin et jestern janz verjessen. Er will en Magd haben, für auf die Fangeuse wohnen zu jehn, Bärtes!« Man merkte ihrem Ton an, daß sie dachte: welch ein Unsinn, auf der Fangeuse wohnen zu wollen!

Leykuhlen legte sein Butterbrot hin und fing laut an zu lachen: »Wat de für Ideen hat!«

»Mir scheint, de fühlt sich sehr unjlücklich unten bei seinem Vetter. Nu hat der Jilles oben im Moorhaus dem Schmölder jekündigt, un da hatt der Josef Lust jekriegt, anstatt dem Jilles nach oben zu ziehen. Aber er braucht doch en Magd – weißt du ein’, Bärtes?«

Leykuhlen schüttelte den Kopf: das würde schwer halten! Sämtliche Witwen und ältliche Frauenspersonen im Dorf ließ er an seinen Gedanken vorüberziehen. Da war die Witwe vom May aus der Tuchfabrik, der letztes Jahr an der Schwindsucht gestorben war, die war aber selber nicht fest auf der Brust, die hielt oben die Stürme und Nebel nicht aus. Da war zweitens die Witwe vom Johann Peter, der Anno siebzig als junger Kerl sein Bein verloren hatte, die war wohl noch rüstig und stark, aber die hatte zehn Kinder, die jüngsten davon mußten noch in die Schul – mit der war es auch nix. Da war die Hoefen, die war blind auf einem Auge geworden, und auf dem andern sah sie fast auch nichts mehr vom Weinen; der ihr Mann war vor zehn Jahren ausgezogen mit Karren und Gaul ins wallonische Venn, um Torf zu stechen, und war nicht mehr gesehen worden seit jenem Tag. Da war auch die alte Frau, die Lenzen Tring, aber die war fünfzehn Mal Großmutter schon, die hatte zu viele Enkel zu wiegen. Das Bertchen, die ledige Näherin, die nicht mehr in die Fabrik gehen konnte und jetzt nähte und flickte und Kinder das Stricken lehrte, die hatte zu feine Knochen für so was. Das Lieschen, das Bükelchen, das von der Gemeindewohltätigkeit lebte, die würd sich gewiß gern was verdienen – aber da hinauf, nein, da würde die auch nicht hinziehen!

Leykuhlen schüttelte den Kopf: »Ich weiß kein’!«

»Et müßt eijentlich en Junge un Kräftige sein,« sagte Mariechen nachdenklich.

»En Junge? Dat würd sich doch schlecht schicken. Dat leidt auch unser Pastor nun un nimmer, selbst wenn die Eltern et zujäben!«

»Och!« Sie lachte ihn hell aus ob dieses Bedenkens. »An so wat denkt doch de Josef nit mieh, da is de doch viel, viel zu ältlich für!«

»Zwei Jahr jünger als ich!« Leykuhlen lachte auch, streckte prüfend die kräftigen Arme aus und zog seine Frau plötzlich an sich. »Dat sag nit, Mariechen! Zwei Jahr jünger noch is de Josef als ich – mer soll nix verschwören!«

Errötend wie eine ganz Junge machte sich die Frau von ihm los und gab ihm einen Klaps. »Och, Bärtes! Ich bin doch dein Frau, dat is doch wat janz anderes! Un denn, du bist doch ’ne andere als de Josef!« Sich mit beiden Händen den Scheitel wieder glatt streichend, den er ihr verwirrt hatte, musterte sie mit Stolz und Liebe im Blick ihres Mannes Kraftgestalt. »Wat bist du für ’ne Kerl – un wat is de für eine! Recht erbärmlich – eso schwach – janz jries is sein Haar als!«

»Meins is ja auch als jrau,« sagte er neckend.

»Och, deins!« Sie fuhr ihm mit beiden Händen auf den ein wenig strubbligen Kopf. »Du bist ja noch akkurat so, als ob du noch schwarz wärst!« – – – – – – – –

Es war ein heller Morgen. Kein Morgen freilich, wie er am ersten Juni in anderen Dörfern zu sein pflegt. Hier schoß noch keine Saat in die Halme und neigte und wiegte sich in einem Wind, der schon Sommerwärme in sich hatte. In der Rheinebene hatten die Obstalleen längst abgeblüht, zwischen dem dunkelnden Sommerlaub kündeten schon kleine Früchtchen die künftige Ernte; aber zu Heckenbroich waren eben erst die Hecken grün geworden. Die Hecke vor Huesgens armseligem Haus zeigte sogar noch viel braunes und dürres Winterlaub; nur wo die Sonne so recht ankommen konnte, grünten schwächliche Sprießer.

Heute brauchte Weber Huesgen nicht in die Fabrik zu gehen. Gestern abend war er mit dem letzten Arbeiterzug von Aachen gekommen, staubig, verwahrlost und verdrossen dazu. Das war doch ein schweres Leben! Nun, da er anfing, seine Jahre zu fühlen, wurde ihm die Woche oft sauer. Immer arbeiten, und kein Familienleben dazu; mit den ledigen Kerlen in der Herberge umherliegen. Und wenn man einmal die Woche nach Hause kam, dann zu allem noch eine kranke Frau! Nun hatte er auch gar kein Pläsier mehr.

Spät am Abend noch hatte sich Huesgen scheren lassen – die blaugrauen Stoppeln überwucherten ihm das Gesicht wie ein Gestrüpp – dann hatte Kathrinchen den Zober herbeigeschleppt, ihm die Füße zu waschen, und Bäreb hatte sich gleich an des Vaters Sachen gemacht, um sie zu flicken. Die Frau aber saß bei ihrem Ehemann auf dem Bettrand, den schlafenden Säugling an der Brust, und hielt seine schwielige Hand in der ihren. Sie hatte ihm ja so viel, so viel zu erzählen.

Unter ihrem Wunderglauben hatte sich sein gesunkener Mut aufgerichtet wie ein schnell-wachsender Baum. Er ließ Müdigkeit und Verdrossenheit fahren und wurde so vergnügt, als hätte er einen Schoppen getrunken. Oh, und die Frau war ja soviel besser als letzten Samstag! Ordentlich Rot hatte sie auf den Backen, sie war wie verjüngt. Er hatte kräftig geschmaust. Sie hatte ihm Eier mit Speck gebraten, und sie, die vorher nichts hatte essen mögen, teilte heut mit ihm; die Kinder, die großäugig zusahen, bekamen vom Vater auch eins nach dem andern einen Happen Brot, in Fett getunkt, in den Mund gesteckt, der gierig zuschnappte. Weber Huesgen lachte darüber und klopfte ihnen die Köpfe: hübsche Kinder doch alle, staatse Kinder! Und mit dem Dores würde sich das ja nun auch bald bessern! Väterlich betrachtete er auch den schlummernden Säugling; die Frau mußte den auswickeln und ihm zeigen, wie stark er gebaut war. Nein, es waren der Kinder nicht zu viele, die waren ein Geschenk von Gott im Himmel!

Draußen zog der Mond friedlich seine Bahn. Hier am Ende des Dorfes kam kein Lärm vorüber; still, ganz still war’s und traulich. Es ward eine glückliche Nacht unter dem armen Dach. –

Nun aber läuteten die Glocken. Weber Huesgen ging mit seiner Frau zum ersten Mal zum Hochamt. Jetzt traute sie sich das schon.

In einer ununterbrochenen Reihe, zu zweien und zu dreien strebten die Dörfler zur Kirche hin. Viele hatten einen weiten Weg, denn oft, wo man’s gar nicht mehr vermutete, lag noch ein Häuschen hinter seiner hohen Hecke versteckt.

Auch die vom Venn waren heute gekommen, sie wurden heruntergetrieben zu zweien und zweien. Simon Bräuer hatte sie gut im Zug. Los und ledig gingen sie, wie andere Leute auch; aber wenn sie auch nicht gebunden waren, sie gingen doch wie gefesselt, die Köpfe gesenkt, die Blicke zu Boden geschlagen. Trapp, trapp. Harte Tritte hatten sie in grobgenagelten Schuhen. Sie waren heute im Sonntagsstaat, in reingewaschenen Kitteln und dunklen Mützen; ganz ordentlich sahen sie aus. Aber mißbilligende Blicke streiften dennoch die Kolonne; es blieb ein großer Abstand zwischen ihr und der übrigen Schar der Kirchgänger. Die Frauen guckten scheu; sie eilten sich noch mehr, daß sie in die Kirche kamen.

Wie ein Beet von bunten Tulipanen prangten dicht gefüllt die Bänke der Weiber. Sie hatten alle ihre besten Kopftücher um – rot und gelb, grün und violett, blau und orangefarben – Wolle mit Seide durchschossen in großblumigen Mustern.

Von ihrem Platz sah die Frau Bürgermeisterin nach jenen Bänken hin. Sieh da, mitten zwischen frischeren und gesünderen Gesichtern das blasse der Huesgen! Ah, das war recht, daß die heut nicht fehlte, die hatte ja zwiefach Grund, hier zu knieen! –

»_In nomine patris et filii et spiritus sancti!_ Amen!«

In tiefer Andacht neigte sich die Gemeinde. Der Pastor, trotz seiner Siebenzig noch im Amt, hielt das Staffelgebet. Und Confiteor und Introitus folgten. Die hohe Wölbung verschluckte die lateinischen Worte; die hohle Stimme des greisen Priesters am Altar und die näselnde des ihm antwortenden Dieners vom Chor gaben ein immerwährendes Echo. Man konnte nicht viel verstehen. Aber der Weihrauch duftete, die Chorknaben knieten, die ewige Lampe ergoß blutrot dämmernden Schein auf den Leib des Erlösers, der lebensgroß, in natürlichen Farben angemalt, der Gottesmutter im Schoße ruhte.

Das Sonnenlicht war draußen geblieben; durch die bunten Scheiben brach nur ein einziger Strahl herein. Wie eine goldene Leiter, auf der Millionen von flimmernden Sternchen auf und nieder tanzten, leitete er hin zur Monstranz, die auf dem weißgedeckten Altar erstrahlte.

»_Gloria in excelsis Deo!_«

Kein Räuspern war mehr hörbar, kein Scharren mit den Füßen. Alles lag auf den Knieen. Das war wie ein reifes Ährenfeld, das lautlos fällt in dichten Schwaden.

Trotz der kellerigen Kühle des hohen Gewölbes ward es schwül. Hunderte schwitzten in emsiger Andacht; Männer und Weiber und Kinder dazu. Das ganze Dorf war hier versammelt; nur die Gichtbrüchigen fehlten, und die Uralten, die nicht mehr vom Bette auf konnten, die Wöchnerinnen und die ganz kleinen Kinder. Es roch nach Seife, nach der Pomade der glattgestrählten Köpfe, nach den Sonntagskleidern, die man nur einmal vorholte in acht Tagen aus dem alten wurmstichigen, nie gelüfteten Schrank, der das Beste verwahrte; nach der Tünche der Wände, deren neuer Bewurf noch nicht völlig getrocknet war in diesem Frühjahr. Die Luft wurde dick, die Gesichter wurden rot, die Füße eiskalt. Ein heiliges Schauern zog durch die Seelen, ein Frösteln durch Mark und Bein.

»_Dominus vobiscum!_«

Der Greis am Altar kehrte sich gegen seine Gemeinde, er breitete die Hände aus und schloß sie wieder.

War Gott nahe?!

Ein Seufzer ertönte aus den Bänken der Frauen. Trotz der Andacht drehten alle die bunt-verhangenen Häupter sich um. Wer seufzte da? Fast klang’s wie ein Stöhnen. Unwillige Blicke bohrten sich in das noch blasser werdende Gesicht der Huesgen-Annelies. War’s nicht besser, sie ging aus der Kirche, ehe sie schwach wurde? Flüsternd neigte sich die Nachbarin zu ihr, aber Annelies schüttelte den Kopf: nein, ihr war nur auf einmal so kalt geworden, ihr war schon wieder wohl! Sich einen Augenblick hinsetzend, um sich zu erholen, und dann doch gleich wieder niederknieend auf das schmale Bänkchen, betete sie eifrig im Oremus.

Die Epistel ging vorüber, nun das Credo; jetzt kam bald die Opferung. Die Huesgen hatte heute noch nichts genossen. Brot und Wein waren ja da auf dem Tische des Herrn. Nun opferte der Priester die Hostie, nun vermischte er Wein und Wasser, nun wendete er sich zu allen und doch zu jedem einzelnen:

»_Sursum corda!_«

Und die Gemeinde antwortete murmelnd:

»_Habemus ad dominum!_«

Unruhig blickte die Huesgen um sich; vor ihren Augen schwankte das Schiff der Kirche: war es noch nicht bald aus? Noch nicht? Der Schweiß fing ihr an zu rinnen. Noch nicht bald?! Sie hörte kaum etwas mehr. Endlich ein Klingeln. Dreimal anschlagend. Ah, die Wandlung! Der Priester erhebt die heilige Hostie und dann den Kelch; tief anbetend schlägt alles die Brust. Wieder das silberne Glöcklein und wieder.

Die Huesgen riß weit die Augen auf, vor ihren Ohren ward das zarte Klingeln zum gewaltigen Läuten. Es erschütterte die Leere ihres Leibes; es schwieg nicht, es betäubte sie schier. Es läutete immerfort in feierlich rhythmischem Dröhnen. Vor ihren Augen erstand ein Flimmern – so wie jetzt im goldenen Strahl, so hatte die Mutter Gottes gestern vor ihr gestanden! Jesus, Maria, Josef! Jetzt erst fühlte sie einen tödlichen Schreck. Sie schloß aufseufzend die Lider.

Man hatte die Huesgen aus der Kirche führen müssen, sie fast tragen. Das Hochamt war doch noch zu anstrengend für sie gewesen; sie war in Ohnmacht gefallen. Jetzt lag sie daheim auf dem Bett; der Mann saß ganz betreten bei ihr. Er war verlegen und unglücklich und kam sich schuldig vor: das hatte er doch nicht gedacht, daß sie noch so schwach wäre! Und – er warf einen schweren Blick auf den Dores, der beschmutzt und greinend auf dem Estrich herumkroch und dem Kathrinchen, das ihn aufheben wollte, sich ungebärdig widersetzte – nun würde es auch mit dem Dores nicht anders werden! Wie sollte die Frau auch nach Echternach springen gehen?!

Das übermannte ihn schier. Er ging hinaus von der Frau aus der Stube, und da er nicht wußte wohin, um seinen Kummer zu verbergen – was sollten die Kinder wohl denken, wenn sie ihren Vater weinen sahen? – ging er zur Kuh in den Stall.

Die stand trächtig. Ihr großer, runder Leib füllte fast den ganzen winzigen Stall aus. Er klopfte sie seufzend; er konnte sie nicht recht sehen im dumpfen, lichtlosen Raum, aber sie war doch eine Hoffnung. Wenn die Kuh ein Kalb bekam, dann war das ein großer Segen. Man konnte es aufziehen oder man konnte es auch bald verkaufen, je nachdem.

Die Kuh stand unruhig, sie machte einen Satz.

»He, Maiblum!« Liebkosend legte der Mann seinen Kopf an die breite Stirn des schnaufenden Tiefes und stand so, gebückt, ein Weilchen. Das gab ihm Ruhe. Morgen früh, ehe die Sonne noch aufgegangen war, mußte er wieder fort nach Aachen, die ganze Woche wegbleiben – aber saß denn nicht noch die heilige Dreifaltigkeit oben im Himmel?!

Bäreb, die Älteste, hatte den Vater in den Stall gehen sehen. Nun kam sie ihm nach. Auch sie mußte sich bücken, sie war noch gewachsen in letzter Zeit.

»Wat willste?« Er richtete sein hageres, schlecht rasiertes Gesicht von der Stirn der Kuh auf und sah sie erschrocken an: »Is et schlechter mit der Motter?«

»Nee!« Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte noch nicht das Sonntagskleid austun können, aber sie hatte es hochgeschlagen; und nun, im Schmutz des Stalles, in dem es nur wenig Streu gab, zog sie ihre Röcke zwischen die Beine hoch und klemmte sie so fest. Sie war ein reinliches Mädchen. »Ich muß Uech ens spreche,« sagte sie und errötete tief.

Warum wurde sie denn so rot? Der Vater bekam einen plötzlichen Schreck: die Bäreb war jung, auch hübsch – sollte noch neues Unheil zum anderen dazu kommen?! »Nu sag et als rasch,« sagte er müde und matt.

»Ich will no’r Echternach jonn – über vierzehn Tag – springen!« Sie hatte sich Mut gefaßt: warum sollte der Vater denn auch dawider sein? Und sie hatte sich schon fleißig umgehört, jeder im Dorfe wußte davon zu erzählen, sie war ganz genau unterrichtet. Teuer war’s nicht sehr bis nach Echternach, die Eisenbahnfahrt war ermäßigt, es kostete vierter Klasse nicht viel. Und viele würden wallfahrten, sie war nicht allein, sie fand Anschluß genug. Ihr brauchte nicht zu grauen. Und zu Haus mußten sie sich eben ein paar Tage behelfen ohne sie, das Kathrinchen war ja auch schon so verständig; und wenn sie den Dores gar mitnehmen würde zum heiligen Willibrord – ja, das war das beste, dann sah der das Kind gleich selber – dann war ohnehin die größte Last aus dem Haus.

»Ich jonn,« sagte sie entschlossen. »Ich denk, Ihr werdt nühst derje’n han, Vatter, ich wollt et Uech bloß saone. Die Motter hält de Bittjang doch nit uhs. Ich bin die nächste derzu – hui, on ich kann springe!« Die Lust dazu flammte in ihr auf, ihre Augen blinkten.

Der Alte sagte nicht viel, er nickte nur: »Wenn de meinst!«

Da sagte sie, aussprechend, was ihr nun schon den ganzen Tag, seit die Mutter wieder so elend dalag, im Kopfe herumging: »Ich will ooch janz jenau so springen, wie et vorjeschriewen is, ich machen et mir nit kommod. Ich bin so jung, ich kann dat jut uhshaalde. Fünnef Schritt vor und vier zorück! On den Dores, wenn den nit mieh laufe kann, dann will ich him drage. Heiliger Willibrord, bitt für uns!« Sie bekreuzte sich, und dann lachte sie, heiter und zuversichtlich: »Dann hilft de oß Motter, on oß Doresche ooch. Dat is janz sicher!«

Der Weber nickte. Er hatte sonst gegen den Plan der Tochter nichts einzuwenden, aber Arbeitstage würde sie versäumen – den Mittwoch sicherlich, wenn nur nicht auch noch den Donnerstag!

Bäreb rechnete an ihren Fingern ab: Sonntag und Montag waren Feiertage, da hatte sie übrig Zeit, hinzukommen, konnte schon Montag mittag an Ort und Stelle sein. Am dritten Feiertag, am Dienstag, war die Prozession. Da konnte sie abends noch ein Stück wieder zurückkommen, und Mittwoch abend war sie dann zu Hause; nur ein Arbeitstag brauchte also versäumt zu sein. Donnerstag war sie schon wieder in der Fabrik, als wäre nichts gewesen. Ihre ganze Kraft, ihr ganzer Jugendmut lag in dieser Rechnung. Wie konnte sie müde werden, was brauchte sie auszuruhen?!

Die Kuh muhte dumpf, ihr Leib zitterte, als empfände sie Schmerzen.

»Maiblum, no?« Das Mädchen sah besorgt nach ihr hin, dann gab es ihr einen Schlag mit der flachen Hand, kräftig-liebkosend: »Maiblum, ich saon der, wart, bis ich wieder daheem bin, maach keen Saachen!«

Der Weber schmunzelte. In aller Not hatte er doch noch Glück, ein großes Glück: brave Kinder hatte ihm der Herrgott gegeben!

Im dumpfen Stall, wo sie beide gebückt stehen mußten, so niedrig war er, legte der Vater der Tochter die Hand auf. Eine gewisse Würde war in dem Ton, mit dem er sprach: »Da jeh denn in Jottes Namen!«

VI

Die lang-angedrohte Kommission war ins Dorf gekommen, hinter jede Hecke schnüffelte sie. Der Kreisphysikus war bei den Herren, er geleitete den Wasserbauinspektor und einen Brunnenmeister. Da hatte der Adams vom grünen Klee, der in der letzten Gemeinderatssitzung so ein großes Maul gehabt hatte, doch nicht das Herz, der Kommission den Zutritt auf seinen Hof zu verwehren. Und sein Kamerad, der Zumstädtchen, sagte auch kein Wort mehr. Freilich, eines sehr guten Empfanges konnten sich die Herren überall nicht rühmen. Freundlich die Mütze lüftend stand keiner der Bauern am Heckeneingang, keiner machte selber den Führer zum Ziehbrunnen hinters Haus, auf dem schmalen Pfädchen die Stallwand entlang, wo kaum zu treten war vor Brennesseln und Jauchepfützen. Die Frauen mußten heran, die waren wortreicher, die versicherten wiederholt, wie gut das Wasser sei, immer kühl und gesund seit Menschengedenken. Die Herren verstanden nichts vom Schwatzen der Weiber, einzig der Kreisphysikus kannte sich aus: wo die Weiber so arg viel redeten, da lag der Brunnen gewiß dicht bei der Jauchegrube.

»Es ist eine Schande,« sagte der Wasserbauinspektor zum Kreisphysikus, »daß die Leute hier keine Wasserleitung anlegen – doch so ein großes Dorf und eine ganz wohlhabende Gemeinde!«

»Sie haben erst kürzlich die Kirche gebaut!« Der Kreisphysikus zuckte die Achseln.

»Alles in Ehren,« sagte der andere wieder, »die Kirche – hm – aber eine Wasserleitung hätte nötiger getan. Acht Brunnen haben wir nun schon als verdächtig geschlossen; =ein= Brunnen genügte schon, die ganze Gegend zu verseuchen. Ich würde hier kein Wasser trinken; nicht ’nen Tropfen!«

»Ich auch nicht!« Die Herren hatten sich in ihrem Wagen das Frühstück mitgebracht, er hielt beim Wirtshaus. Sie gingen dorthin zurück, aber das dünne Bier, das die Bauern am Sonntag trinken, mundete ihnen nicht – konnte das nicht auch mit Wasser versetzt sein? Sie beschlossen, beim Bürgermeister anzuklopfen, der sicher einen trinkbaren Tropfen im Keller hatte.

Leykuhlen schien sie erwartet zu haben, die Frau kam schon mit Gläsern.

Den ganzen Morgen war der Bürgermeister im Hause hin und her geschritten, er hatte nicht hinaus mögen; zwar hatte er keine Angst – das Wasser war ja gut – aber doch trieb ihn eine heimliche Unrast um. »Nun?« fragte er jetzt gespannt.

»Schon so viele!« Der Kreisphysikus hielt acht Finger in die Höhe.

»Wie?!« Leykuhlen wurde rot. »Haben Sie denn da schlechtes Wasser jefunden?«

»Genaues läßt sich natürlich jetzt noch nicht feststellen, das wird erst die Untersuchung ergeben. Aber verdächtig, immerhin sehr verdächtig – nicht wahr, Herr Wasserbauinspektor?«

Der Wasserbauinspektor machte ein ernstes Gesicht. »Ich mache Sie darauf aufmerksam, Herr Bürgermeister, daß Ihre Gemeinde in einer ernstlichen Gefahr schwebt. Der Herr Kreisphysikus hat mir mitgeteilt, daß Sie hier im vergangenen Herbst zwei Typhusfälle hatten, das Jahr vorher sogar drei. Hier sind ganz unzulässige, gesundheitswidrige Einrichtungen. Beim Bauer Adams am grünen Klee – soll ja sogar ’n reicher Kerl sein – läuft entschieden von den Abflüssen der Ställe in den Brunnen. Das ist ja da alles so dicht beisammen, und die Erde ist durchlässig, es ist gar nicht anders möglich. Bei dem Nachbar ist’s auch nicht geheuer. Und so in vielen Fällen. Sagen Sie mal, Herr Bürgermeister, was würden Sie denn machen, wenn wir Ihnen nun hier sämtliche Brunnen schlössen?«

»Wir würden aus unsern Bächen Wasser schöpfen,« sagte Leykuhlen gelassen. Ihm war plötzlich eine Verachtung dieser Besserwisser gekommen. »Menschenweisheit und Menschenhand können doch nicht allem vorbeugen!«

»Na,« der Kreisphysikus lachte hell auf, »das muß mich aber doch von Ihnen wundern, Leykuhlen, daß Sie so was sagen. Natürlich, wenn so ein dummer Bauer das sagt!«

»Ich bin auch ’ne Bauer, Herr Kreisphysikus! Wir haben seit Jahren und Jahren aus unseren Brunnen jetrunken und sind leidlich jesund geblieben – ein Krankheitsfall kommt eben überall mal vor – warum sollten wir nit auch aus unseren Bächen trinken, wenn’t sein müßt? Ich weiß wohl, ich weiß wohl, wat Sie sagen wollen,« fuhr er fort, ohne sich unterbrechen zu lassen, »Vennwasser is Vennwasser, – ich warne ja auch davor – aber im jeheimsten Winkel meines Herzens denk ich: wer jesund bleiben soll, bleibt doch jesund. Wir stehen all in Jottes Hand!«

Die Herren wechselten einen Blick: der war in der Tat ein Bauer, kein Jota aufgeklärter!

Leykuhlen sah und verstand den Blick, aber er ärgerte sich nicht darüber. In ihm war eine große Ruhe: mochten sie reden, was sie wollten! Er stieß mit den Herren an: »Auf jute Jesundheit!«

In diesem Augenblick rasselte draußen jenseits der Hecke ein Wagen und hielt an. Frau Mariechen, die jedes geleerte Glas sofort wieder füllte, sich sonst aber ganz stumm in der Stube zu schaffen gemacht hatte – ihr war, als dürfe sie ihren Mann heute nicht verlassen – ging hinaus und kam gleich wieder mit einem roten Kopf. Sie flüsterte ihrem Mann etwas zu.

Leykuhlen stand langsam auf: »Der Landrat!«

Mühlenbrink hatte es sich nicht versagen können, selber nachzusehen, es war ihm denn doch zu wichtig, was die Herren konstatierten. Nun triumphierte er: aha, wer hatte nun recht gehabt?! Hatte er’s nicht hier dem verehrten Freund schon mehr als ein Dutzend Mal gesagt: eine Wasserleitung muß gebaut werden?! Das war wirklich ein Glück, daß er sich so dahinter gesetzt hatte. Angenehm war freilich die Mission, Besserung der Verhältnisse und höhere Kultur zu schaffen, nicht; man erntete selber nie Dank! Er sagte das nicht ohne Bitterkeit; der allzu Rührige hatte schon seine Erfahrungen gemacht.

»Ein schöner Kreis, ein interessanter Kreis! Aber wie vieles noch im argen!« Er seufzte. »Den Typhus werden wir hierzulande nie ganz los, die Verdummung der Leute geht eben über die Hutschnur. Als ich aus meinem früheren Kreis, aus Ostpreußen, hierherkam, war ich ganz paff. Ich bin doch auch ein gläubiger Christ, aber so etwas wie hier ist mir denn doch noch nicht vorgekommen. Das ist schon verbohrt!«

»Und wir werden doch nit die Wasserleitung bauen, und wenn uns die Rejierung sojar die Hälft dazu jäb,« sagte Leykuhlen plötzlich energisch und reckte sich unwillkürlich. Alles, was in ihm war, empörte sich. Dieser junge Mann, dieser Hans in allen Gassen, dieser nannte sich einen rechtgläubigen Christen und wagte es doch, so zu sprechen?! »Ich will Ihnen wat sagen, Herr Landrat,« sprach er geradezu, und der Trotz, der sich in ihm rührte, gab seinem Ton Härte und Schärfe. »Herr Landrat, Sie haben ja jar kein Ahnung, wat unser Bauer bedarf und wat er nit bedarf. Dat muß ich besser wissen. Sein Jlaube macht ihn jlücklich und zufrieden – Ihre Wasserleitung kann ihn weder jlücklich noch zufrieden machen. Ich pfeif auf Ihre Wasserleitung und auf all dat, wat drum und dran hängt!«

Das war stark! Ein saugrober Eifler! Die Herren sahen sich einen Moment ganz verdutzt an.