Chapter 9 of 28 · 3980 words · ~20 min read

Part 9

Der Landrat wurde blutrot, aber dann faßte er sich gewandt: nur es nicht mit dem Mann verderben, der war doch zu wichtig! Einlenkend legte er dem Erregten die Hand auf den Ärmel: »Lieber Herr Bürgermeister, Sie scheinen zu glauben, daß mir das Wohl und Wehe des Bauern hierzulande nicht ebenso am Herzen liegt, wie Ihnen? Da sind Sie sehr im Irrtum. Ich denke Tag und Nacht darüber nach, wie man glückliche Wandlungen schaffen könnte. Es ist nötig, glauben Sie’s nur! Sie selbst sind doch von einer viel zu hohen Intelligenz, um nicht einzusehen, daß der Eifler nicht so fortwirtschaften kann wie vor dreißig Jahren. Um Gottes willen, nur keine Mißverständnisse, lieber Leykuhlen!« Er nahm sein Glas und führte es an das Glas des anderen. »Wir alle sind hier ja Pioniere, Apostel, wie Sie’s nennen wollen, wir alle wollen das Beste bringen. Das öde Venn, es wandle sich in fruchtbarere Gefilde! Prosit! Auf unser Vennland!«

Der Bürgermeister konnte nicht anders, er mußte anstoßen, aber er tat es mit einem so starken Stoß, daß er Wein verschüttete. Die Frau kam rasch mit einem Tuch, das Naß von der Decke zu wischen, er wies sie zurück: »Laß nur, Mariechen!«

Er war blaß geworden; man sah es trotz des gesunden Braunrots, das sein Gesicht so gleichmäßig überzog. Er biß sich auf die Lippen. »Herr Landrat,« sagte er dann ruhiger, aber man spürte in seinem Ton noch den Groll, »Sie sind redejewandter als ich, Sie wissen Ihre Worte zu setzen. Herr Landrat, aber janz herausreden können Sie sich doch nit. Jewiß, Sie mögen et jut meinen, ich verkenn dat jar nit; Sie denken darüber nach, wat besser sein könnte hier – vieles, dat sag ich auch. Aber wir hängen nu mal am Herjebrachten; dat hängt auch viel zu sehr mit dem zusammen, wat unser Teuerstes ausmacht, als daß sich dat herausreißen ließ ohne Schaden. Sie sagen, Sie lieben unser Land – jut, Herr Landrat, Sie lieben es, aber mit dem Verstand. Sie wollen schaffen, erneuern, sich betätigen, ausjestalten, Ihre Ideen ins Werk setzen. Ich, Herr Landrat,« – er schlug sich auf die Brust mit Heftigkeit – »ich aber lieb es mit der Seele. Und dadrin liegt der Unterschied. Und darum versteh ich Sie manchmal nit und Sie mich nit. Nühst für unjut, Herr Landrat!« Ein Beben war in seine starke Stimme gekommen; er streckte, sich selber überwindend, dem soviel jüngeren Manne die Hand hin.

Mühlenbrink schlug ein und lächelte, wenn auch mit einer gewissen Bittersüße. Sie schüttelten sich die Hände.

Die Debatte war geschlossen, aber eine angenehme Unterhaltung wollte doch nicht in Fluß kommen. Die Herren tranken aus und empfahlen sich; sie hatten heute noch viel zu tun, in einem Tage war’s ohnehin kaum zu schaffen. Der Landrat begleitete sie, er forderte auch den Bürgermeister auf, mitzukommen. Dieser lehnte ab; aber als sie eine halbe Stunde fort waren und er am Fenster gestanden hatte und auf das Glas getrommelt, ging er ihnen doch nach. – – –

Es wurden mehr Brunnen im Dorfe geschlossen, als man anfänglich vermutet hatte; gut die Hälfte der vorhandenen. Die Heckenbroicher waren außer sich: nun mußten sie, Gott weiß wie weit laufen und die schweren Eimer Wasser schleppen, während sie es sonst so bequem gehabt hatten, gleich hinter dem Stall. Und das war noch weniger angenehm, immer beim Nachbar drum ansprechen zu müssen – jeder für sich – man mochte bei aller getreuen Nachbarschaft es auch nicht gern, wenn einem immer einer hinter die Hecke gelaufen kam.

Die Höfen, die halbblinde Witwe, fiel den Bürgermeister förmlich an, als er eines Tages an ihrem Hause vorbeiging und sie, gerade vom Nachbar kommend, einen Eimer Wasser hinter ihre Hecke schleppte. Da hatte der Gendarm ihr gestern einen Brief ins Haus gebracht – »Maria Jusep! So ’n Onjlöck, so ’n Onjlöck!« Nun sollte sie ihren Brunnen ausschachten lassen und ummauern, sonst blieb er für immer geschlossen und sie durfte nie, nie mehr daraus trinken. Ihr Brunnen! Ihr Josef selig hatte das Wasser immer so gerühmt, er hatte sich noch daran gelabt, ehe er mit dem Gaul ins Venn gefahren war. Ihre Mutter selig hatte daraus getrunken – ihr Sohn, ihre Tochter, die an der Krankheit gestorben war – die Lieben alle, die sie auf dem Kirchhof liegen hatte, und der Lennerd auch, der jetzt in Amerika war, und ihre Bill, die nach Köln weggeheiratet hatte. Und nun sollte sie nicht mehr daraus trinken?! Aus ihren erblindenden Augen flossen Tränen.

Es erbarmte Leykuhlen. Aber was sollte er machen? Überall der gleiche Verdruß. Aus diesem Haus und aus jenem gingen ihn die Besitzer an, er sollte doch machen, daß die Sperre aufgehoben würde. Man brauchte das Wasser, jetzt, da Pfingsten so nahe war, doppelt; man wollte waschen und scheuern und Brotteig einmachen, man hatte zu tun und konnte das Wasser nicht so von weither schleppen.

Aber der Landrat blieb fest: »Mein lieber Bürgermeister, dabei kann ich gar nichts machen, so gern ich Ihnen auch gefällig sein möchte.«

»Und daran sind Sie schuld,« grollte Leykuhlen. Er war sehr verstimmt; er hatte sogar Stunden, in denen er sich Vorwürfe machte, doch nicht lieber die Wasserleitung statt der Kirche gebaut zu haben. Aber wenn er sie dann aus dem Giebelfenster seines Hauses wieder ansah, war es ihm, als habe er in seinen Gedanken ein Unrecht begangen. Das Geläut der Glocken dröhnte ihm wie eine Mahnung – zu bezahlen waren sie ja noch, aber wenn man die Gemeindejagd gut verpachtete, trug man die Schuld schon ab. Sie läuteten ihm Friede und Freude ins Herz.

Sie läuteten das heilige Pfingstfest ein. Überall war geschmückt mit Maien. Am Kircheneingang standen zwei ganze Bäume, ihre silbrigen Stämme und das zarte Blattgrün zierten wunderschön das dunkle Portal.

Birken gabs genug auf den Ödländereien von Heckenbroich, auf hungrigem Boden, wo kein anderer Baum mehr fortkommen wollte. Nach dem Schießplatz zu waren ganze Trupps zu finden, die ihre langen Haare im streichenden Winde wehen ließen.

Etwas erhöht, auf einer Erdwelle stand eine besonders große Birke, ganz einsam, weit hinragend, hoch wie eine Stange. Den einzigen starken Ast, der sich vom Wipfel abkrümmte wie ein gebogener Arm, streckte sie weit von sich. Hier war immer der Platz des Kommandierenden, wenn auf der weiten Heidefläche sich die Parade entwickelte, und die verschiedenen Truppenkörper in ihren verschiedenen Uniformen die endlose Monotonie belebten. Hier standen auch die Offiziere, um die Wirkung der neu zu erprobenden Geschütze zu konstatieren. Und hier, ›am krummen Ast‹, stand auch oft Hans Abeking, am Abend des großen Schießens, wenn seine Leute das Gelände nach verlorenen Geschossen und auf Blindgänger absuchten.

Er starrte träumerisch in den sinkenden Sonnenball. Von hier aus gesehen war die Heide ein Meer mit Wellen und Wellchen, und die Sonne tauchte unter wie ins große Wasser, die ganze Flut rotfärbend mit ihrer Glut. Die Augen gingen ihm über. Heut dachte er an seine Mutter und an seine Schwester, die mit einem ebenso jungen Leutnant, wie er einer war, verlobt war, und er ärgerte sich, daß er unten bei Helene so viel Geld ausgab, sich gänzlich verausgabte und doch noch Schulden hatte bei seinem Freund Scheffler und sogar bei dem dicken Stabsarzt. Das war scheußlich! Die Mutter knappte sich die Zulage ab; er wußte das, wenn sie’s ihm auch nie sagte. Er machte sich die größten Vorwürfe: wahrhaftig, er war es wert, an diesem krummen Ast aufgehängt zu werden! Mit verschleierten Blicken maß er den einsamen Baum.

Aber dann sah er hinüber zum Lager, dessen Wellblech-Baracken jetzt im sinkenden Licht all ihre Nüchternheit verloren hatten. Die platten Dächer sprühten nicht mehr Funken wie unterm erbarmungslosen Mittagsstrahl, sie erglänzten jetzt gleich mattem Silber, und freundlich aus den paar Tannen heraus blinkte das weiße Kasino. Bei aller Knappheit war es doch famos, Offizier zu sein!

Abeking seufzte auf: nein, er hätte sich doch in keinen anderen Beruf hineindenken können. Sein verstorbener Vater war Militär gewesen, Großpapa auch – warum sollte nicht auch er Karriere machen, wie die beiden sie bei verhältnismäßig jungen Jahren doch schon gemacht hatten?! Und Schulden würden sie auch gehabt haben – überhaupt, was machte das, so ein paar kleine Schulden? Es ging gar nicht anders.

Sein Blick strahlte auf: morgen, Pfingstsonntag, fuhren sie wieder hinunter. Es waren jetzt immer noch ein paar Kameraden mit von der Gesellschaft, in Helenens Zimmer wurde zuweilen ein Spielchen gemacht, ein höchst harmloses; aber man konnte doch höllisch dabei verlieren. Helene gewann immer; sie setzte oft da und dort, geschwind hineinguckend und sich für ein paar Augenblicke über die Schulter dieses und jenes Herren beugend. Aber an seiner Schulter hatte sie doch am längsten gelehnt! Noch glaubte er den Schlag ihres warmen Herzens zu fühlen; sie hatte sich vor Freude über den Einsatz den er für sie getan, dicht, ganz dicht über ihn geneigt und mit lachenden Augen den Fall der Karten beobachtet. Sie war so ganz beim Spiel, sie hatte gar nicht acht, daß sie ihn fast zerdrückte mit ihrer weichen Fülle – aber – ah, es war sehr schön so gewesen!

Der junge Mann seufzte wieder: nein, morgen würde er doch nicht mittun! Und wenn es nur zehn Mark waren, die man verlieren konnte. Die Feiertage würden ohnehin viel verschlingen. Lieber Gott, man konnte doch das Fest nicht hier in der Heide vertrauern! Es war ja nicht immer die Stunde des Sonnenuntergangs, die alles verklärte, und in dieser Öde, in der sie alle seufzten und in der man gewaltsam Zerstreuung suchen mußte, um nicht melancholisch zu werden, Bilder zeigte, so reizvoll-lockend, wie den Wandrern der Wüste die Fata Morgana.

Röter und röter erglühte die Heide. Ihr Braun ward jetzt tiefpurpurn, von einer solchen Kraft des Leuchtens, daß der Himmel blaß und farblos dagegen erschien. Von dem Sonnenball war nichts mehr zu sehen, er war gesunken; aber röter, noch immer röter flammte das Heidekraut, und alle Lachen im Venn flammten mit. Wie in einem gewaltigen Brand lohte das ganze Moorland. Und nun stieg auch Dampf auf; schier ein Rauch wie bei einem Brande. Er wurde dicht und dichter, schnell und schneller sich aus kriechender Stellung zu Mannshöhe erhebend.

Der Leutnant gab das Zeichen zum Aufbruch. Jetzt war die geeignetste Stunde, sich das Fieber zu holen, die Kerls sahen ja ohnehin nichts mehr. Teufel, wie schneidend kalt es auf einmal war!

Fröstelnd, unwillkürlich in einen starken Trab verfallend, trottete die Kolonne in die Baracken zurück.

* * * * *

Es war Nacht. Eine Nacht, so bitterkalt, daß man kaum glauben konnte, im Juni zu sein. Als könnte es frieren, so hell-weiß schimmerte der Mondenschein und machte die dunklen Lachen zu blitzblanken Schilden, mit denen das Moorland die Pfeile des Himmels auffing. Wie grausame Augen, unbarmherzig, spähten die Sterne herab auf den Hahnheister Busch und auf das Haus, das, toteinsam und gemieden wie ein Pesthaus zu mittelalterlicher Zeit, vor den struppigen Kusseln des Buschrandes liegt.

Das Venn fror es nicht, und weder das saure Gras noch seine Blumen, die gelbe Narzisse, die weiße Maiglocke, die rote Orchis mit den schwarzen Flecken und die zarten rosa und weißen Glöckchen der Venn-Erika froren. All das blühte hier zusammen, nicht so streng geschieden nach Sippe und Blütezeit wie anderswo; es war froh, überhaupt erblühen zu können, und hart gewohnt.

Nur die Menschen fror es unter dem Ziegeldach des einsamen Hauses. Das heißt, Simon Bräuer fror es nicht, der war ins Dorf gegangen, der kalte, harte Mann heut heiß vor Freude. Sein Weib war heute im Wirtshaus von Heckenbroich abgestiegen. Nun ging er, sie zu küssen. Sie war gekommen für die paar Feiertage; es gab dann weniger Arbeit für ihn, ein Hilfsaufseher konnte ihn dann wohl einmal vertreten, und im übrigen schloß er seine Vierzig ein.

In langen, ungeduldigen Sätzen sprang der frohe Mann in der gradesten Richtung durchs eiskalt betaute Kraut. Und wenn er es auch sonst nicht so zeigte, er liebte sie doch. Und gerade weil er sie so lange hatte entbehren müssen, liebte er sie doppelt; viel mehr denn je. Er glaubte es jetzt kaum länger ertragen zu können, von ihr getrennt zu sein. Es half nichts, sie mußte her, und wenn sie auch anfänglich nicht wollte! Bei der Höfen war Platz zu finden, die blinde Witwe brauchte nur ein Stübchen vom Haus, da konnte die Therese gut unterkommen mit den Kindern. Ach ja, die Kinder! Ein weiches Gefühl faßte den Dahinstürmenden: wie lange hatten sie den Vater entbehrt! Den Vater, der sie zwar streng hielt und oftmals prügelte, und dem sie doch teurer waren als sein Herzblut. Ob das Johannchen auch brav lesen und schreiben lernte in der Schul’? Ob der Anna Zöpfchen schon ein Stück länger gewachsen war? Ob das Peterchen schon die ersten Hosen anhatte? Und ob das Kleine, das ganz Kleine, etwa schon »Pappa« sagen konnte?!

Im einsamen Venn, in der eiskalten Nacht, glaubte der Vater ein lallendes Stimmchen zu hören.

Hätten die Sträflinge jetzt Simon Bräuers Gesicht gesehen, sie hätten sich nicht mehr geduckt in hündischer Furcht – jetzt war er einer, dessen Mund lächelte. – – – – – –

Im Schlafsaal, dem langgestreckten Schuppen-Anbau, wälzten sich die Vierzig unterm tiefhängenden Dach. Seine Ziegel schlossen nicht fest aufeinander, sie ließen Hitze und Kälte gleich ungehindert durch. Die Vierzig konnten nicht Ruhe finden, obgleich sie todmüde waren. Der Aufseher hatte heut mehr denn je kommandiert. Sie hatten das neue Haus scheuern müssen vom obersten Dachsparren herab bis zur untersten Stufe des Eingangs, er hatte mit scharfen Augen jedes Stäubchen gesehen, jedes Fleckchen. Die einen hatten Wasser geschleppt, weither aus dem Tümpel, darinnen die Frösche sprangen und heute quarrten, als wär’s eine Sommernacht; andere hatten gefegt mit den Birkenbesen, die sie selber gebunden hatten, wieder andere mußten Maien schneiden und mit ihnen das Haus rund umstecken. So sah es viel weniger kahl und unfreundlich aus.

Sie hatten alle weidlich geschafft. Einen Kalender hatten sie nicht, aber an der verdoppelten Arbeit hatten sie gemerkt, daß morgen Pfingsten war. Den besseren Weg, den sie begonnen hatten, hatten sie noch vollends geschwind abstechen müssen und ausschaufeln und festtreten vom Haus bis nach der Chaussee hin. Eine Pferdearbeit war das gewesen im beschleunigten Tempo; am Mittag hatte die Sonne auf den Buckel geprickelt wie mit Nadeln, morgens und abends hatten die steifen Finger kaum Spaten und Hacke regieren können.

Und all das für das Fraumensch, das er erwartete! Sie hatten wohl gehört, was der eilfertige Bote, der Hütejunge, gestammelt hatte: »Se is nu do! Se läßt Uech jrüße!« Sie hatten das glühende Rot gesehen, das über sein Bronzegesicht schoß. In den Schlafsaal hatte er sie früher denn je getrieben, sie da eingesperrt ganz ohne Licht; nur der Mond, der durch die Ziegel fiel und durch die Ritzen zwischen den rohbehauenen Steinen, gab ein wenig Helle. Er selber war davongerannt. Wie grinsende Affen hinter Käfigstäben hatten sie am Gitter des Fensterchens ihm nachgeglotzt. Wie er rannte, wie er rannte! Er konnte es nicht abwarten, bis er bei seinem Frauensmensch war!

Mit höhnischem Lachen drehte Jacobs, der Rotfuchs, sich vom Fenster ab und hüstelte heiser. Er war hier oben immer erkältet, die Vennluft tat ihm nicht gut und auch nicht die Landarbeit. Er war seines Zeichens Kunsttischler. Drei Jahre hatte er gekriegt – viel, viel zu viel! Was hatte er denn der Trine groß getan, die er antraf, als er die Landstraße auf Köln zutippelte? Sie war am Rübenausziehen im Feld. Warum war sie denn so allein und nicht mit Vater oder Bruder? Verwünschtes Weibsbild! In den Graben hatte er sie geworfen. Erst hatte sie sich gar nicht gemuckt, dann aber hatte sie geschrieen, ganz mörderlich. Es war ihm blutrot vor den Augen geworden. Er hatte gefühlt, wie es in seinen Händen zuckte, wie es ihn hinriß gegen seinen Willen – ha, zupacken, zudrücken, die kalten, zitternden Hände um die weiße Kehle klammern! Fest – noch fester – warum schrie die Trine auch so?! So –! Sie würde das verdammte Schreien jetzt wohl sein lassen! – – – Aber er hatte sie ja gar nicht gewürgt. Leute waren hinzugekommen, er hatte sich auf die Flucht gemacht, aber laufen konnte er nicht so rasch wie die Verfolger, der Atem war ihm ausgegangen. Sie griffen ihn. Und er hatte seine drei Jahr gekriegt. Es wären nicht drei geworden, wäre ihm nicht eine ähnliche Geschichte schon einmal früher passiert. Daß der Teufel all das Weiberpack hole! Hier oben, Gott sei Dank, hier gab’s keine Weiberröcke! Weit war das Dorf, hier war er sicher vor Weibervolk. Wahrhaftig, und wenn’s auch entsetzlich hier oben war, man war doch sicher – bis jetzt!

Er erzitterte. Ein Gedanke war ihm plötzlich gekommen, der ihn packte und schüttelte und ihn nicht locker ließ – – – wie der rannte, rannte! Er stellte sich alles vor, er dachte sich alles aus. Wie er sie umhalste! Wie das Frauenzimmer ihm in die Arme fiel! – – – Wenn das Fraumensch nur nicht bis ganz dicht hierher kam!

Ein Grausen schüttelte ihn. Wie die Meute den Eber, den sie hetzt und stellt und von allen Seiten umkläfft, so fielen ihn gierige Gedanken an. Da half kein Wehren.

Der bleiche Mensch, der auf der harten Eisenbettstatt lag, stöhnte auf; ihn fror trotz der härenen Decke, er zog sie sich zitternd höher an den Hals. Sie war sehr dünn, und doch fing er jetzt an zu glühen und mächtig zu schwitzen. Mit feuchten Händen strich er sich über Stirn und Augen – Teufel, könnte er doch aufwachen wie aus einem bösen Traum! In seinen Schläfen stach und hämmerte es, vor seinen Augen tanzte es rot im Dunkeln. Er fühlte sich sterbenselend, rasend über sich selber und doch rasend vor Verlangen. Wieder stöhnte er auf.

Der ›Torfdrücker‹[14], der im Bett dicht über ihm lag, schob vorsichtig seinen Kopf über den Bettrand und blinzelte zu ihm herunter. Auch der ›Süßchenbäcker‹,[15] der rechts im Nebenbett lag, und der ›Betnoster‹[16] zur Linken wurden aufmerksam. Sie flüsterten. Sie waren so an das Flüstern gewöhnt, daß sie selbst heute, wo sie den Aufseher fort wußten, wo nichts um sie war als die Nacht und das Venn, daß sie selbst jetzt kein lautes Wort wagten. »Was ist los?«

[14] Dieb.

[15] Pferdeschlächter.

[16] Betbruder.

»Nix,« sagte Jacobs heiser und unterdrückte sein Stöhnen.

Der Rotfuchs war immer unfreundlich und borstig wie seine Haare, sie mochten ihn alle nicht; da waren der Süßchenbäcker und selbst der Torfdrücker – pfui, ein Gannef, ein Dieb ist was Verächtliches, – doch noch besser zu leiden. Aber die Kameradschaft regte sich jetzt doch in ihnen. Der Rotfuchs sah immer elend aus, war der am Ende krank geworden?

»Was haste für’n Schlamassel?« fragte leise der Dieb von oben herunter.

»Kümmer dich um deine eignen Masematten,« war die verbissene Antwort.

Aber der alte Landstreicher, der Betnoster, wie sie ihn nannten, weil er morgens und abends und mittags sich bekreuzte und betete, fragte treuherzig: »Haste Hunger, minge Sohn?« Ihm schmeckten Suppe und schwarzes Brot immer so köstlich, er hatte sonst niemals so satt gekriegt. »Da!« Er zog aus seinem Strohsack einen Kanten Brot hervor und langte ihn dem anderen herüber. »Iß, dann kriegste neue Kurasch!«

Der Rote nahm die Gabe nicht: pah, Hunger war nichts gegen das, was ihn quälte! Er dankte nicht einmal. Was wollte der ›Achelpeter‹?[17] Ohne Laut stierte er geradeaus, die Kniee hochgezogen im Bett sitzend, die Ellenbogen aufgestemmt, den Kopf zwischen die Fäuste gequetscht wie zwischen eiserne Schrauben. In der falben Helle, die ein Mondstrahl warf, schimmerte sein Gesicht totenbleich. Er knirschte mit den Zähnen.

[17] Fresser.

Der Torfdrücker und der Süßchenbäcker gaben das Fragen auf: wenn der nicht reden wollte, sollte er’s bleiben lassen, ihnen war es egal! Aber sie waren nun einmal in eine Art von Unterhaltung gekommen; am Tag draußen bei der Arbeit redeten sie kein Wort, jetzt konnte man sich ja ein bißchen besprechen.

Von Bett zu Bett fing ein Tuscheln an, ein Raunen und Lispeln. Auch andere nahmen bald teil daran, erst die zunächst Liegenden, dann auch die Ferneren.

Im bleichen Mond saßen sie aufrecht in ihren Betten, mit struppigen Haaren und verdunsenen Gesichtern; die Mücken des Venns, die erbarmungslosen Quälgeister, hatten sie schon weidlich zerstochen. Hier huschte ein Mondenstrahl und dort einer – bläulich schimmerten tätowierte Brüste – es tauchte für Augenblicke wieder ein neues verquollenes Gesicht auf mit struppigen Haaren und stieren Augen.

Sonst waren sie stumm, die heutige Nacht hatte sie beredt gemacht. Sie dachten alle an den Aufseher, der nun bei seiner Frau war. Und sie beneideten ihn, die Ledigen sowohl wie die Verheirateten. Der Roßschlächter, der Süßchenbäcker, sagte roh: »Der Teufel soll ihm en Bein stellen, wenn er zu seiner Keife geht! So ’n Hannes, so ’n Blechseppel! Ich hab auch en Frau zu Haus. Mer sollt den Kerl abstechen wie en Sau!«

»Der hat schon mal einen totgeschlagen,« flüsterte es aus der entferntesten Ecke, ganz leise. Aber der Roßschlächter hatte es doch gehört, er brüllte: »Jickesjackes, totjeschlagen! Redt keinen Stuß. Anjetippt hab ich ihn nur in der Besoffenheit, da war er jleich Mus. Wat kann ich dafor? Wenn dat wat Schlimmes jewesen wär, hätt mich der Zwicker[18] schon um ’ne Kopp kürzer gemacht. Et hat noch emal jut jegangen!« Er lachte auf. »Bald bin ich eraus. Wie lang habt ihr dann noch?«

[18] Henker.

Sie sagten alle ihre Strafzeitdauer.

Der Landstreicher rieb sich schmunzelnd die Hände; er wollte gar nicht fort, es gefiel ihm ja so gut hier. Wenn man auch arbeiten mußte, man hatte doch immer satt, und Sattessen war das Beste!

»’ne komische Kauz,« sagte lachend einer, der nicht weit von ihm lag. Aber dann fuhr er wild auf: »Lieber acht Tag hungern, als in’t Kittchen – nur nit in’t Kittchen!« Er wollte die Fäuste recken: frei sein, nur frei! Aber unsanft stieß er gegen das obere Bett, das, wie in einer Schiffskoje, dicht über dem seinen war. Mit einem Fluch legte er sich wieder hin.

»He,« sagte der Roßschlächter, »wie heißt du?«

»Ohligs!«

»Von welcher Sort?«

»Schuster!«

»Äh, du Pechhengst, so mein ich dat ja nit! Aber du sagst, ›nur frei sein‹ – komm, lasse mir zwei Schibes machen!«[19]

[19] auskneifen.

»Süßchenbäcker, biste meschugge?« sagte irgendwoher eine Stimme, »dat is nit so leicht!«

Aber der Süßchenbäcker nahm den Mund voll, er prahlte gewaltig: »Ich bin stark, stärker wie’n Peerd, zehnmal stärker als der Bräuer; den schmeiß ich um. Un dann käpernicken wir auf und dervon. Zwei Kochemer[20] wie wir, dufte Jungens, kommen überall durch. In ’ner Stund oder zwei sind wir über der Jrenz, wir drehen den Blauen en lange Nas’, wir sind frei, frei!« Er dehnte den gewaltigen Körper.

[20] Schlaue.

»Dann kannste nie mehr nach Haus,« sagte eintönig der Landstreicher. »Tu dat nit, ich rat dir!«

»Ach wat, armer Pracher! Du Schnorrer, halt deine Brotlad!«[21] Die beiden Kerls lachten roh.

[21] Mund.

»Wandern, immer wandern, dat is en schlecht Jeschäft!« Der Landstreicher schüttelte traurig den Kopf. »Ich kann en Lied dervon singen. Hätt ich dazumal en Stück Brot jehabt, da hätt ich beim Bauer die Eier nit aus dem Stall zu holen jebraucht und wär nit trinken jegangen an die Kuh. Ich war nachher als noch öfter da, oh ja. Den ganzen Sommer hab ich nahbei im Feld jeschlafen, en Höhl hatt ich da. Aber hätt ich dat Jlück nit jehabt, dat der Grüne mich jekriegt hätt, ich hätt doch wieder Land auf, Land ab streichen müssen, wenn der Winter kam un meine Höhl zujefroren war im Feld. Nee, Jungens, nee, frei sein is nur schön, wenn mer auch wat zu acheln hat un nit immer zu tippeln braucht, zu tippeln von Städtchen zu Städtchen, von Dorf zu Dorf!«

»Du Schlemihl, du Schaute!« Sie lachten ihn aus; aber sie sprachen nicht mehr vom Freisein. Die Unterhaltung, die lauter geworden war im Eifer, verstummte wieder; nun flüsterten sie nur noch, scheu-ängstlich. Wie Windesgelispel und wie Geseufz ging’s durch den wüsten Raum unterm nackten Sparrengebälk.

Selbst der Süßchenbäcker hatte sein lautes Prahlen gelassen, er hatte sich zu dem Schuster auf den Bettrand gesetzt; die Köpfe zusammensteckend, tuschelten sie ganz heimlich miteinander.

Der Landstreicher neigte sich zu Jacobs hinüber: »Rotfuchs,« sagte er, »warum bist du hier?«

»Darum!« sagte der patzig.