Part 15
Der kleine Abeking blieb ganz ernsthaft: das war doch immerhin eine Sache, sich so für’s Leben zu binden, ein großer Schritt, ein gewagter Schritt! Auch er hatte einstmals von Verloben geträumt, mit einem jungen Mädchen im weißen Kleid. Er hatte sich das immer entzückend gedacht, jetzt langweilte ihn das zum Sterben. Er gähnte und trommelte auf den Tisch: wie konnte Scheffler nur?! Sein Blick suchte Helene. Ob sie denn nun nicht bald Zeit fand, hierher an den Tisch zu kommen? Er winkte ihr mit den Augen – sie sah gerade her zu ihm und lachte – eine stürmische Bitte sprach aus seinem hübschen Gesicht. War er denn dazu hier heruntergekommen, gab er denn dazu soviel Geld aus, noch dazu Geld, das nicht einmal das seine war, um sie mit so vielen zu teilen?! Die Röte des Zorns und der Eifersucht schlug ihm zu Kopf; er hatte auch hastig getrunken, bei der Hitze wirkte alles doppelt. Er hätte alle diese hier, die sie mit den Blicken verfolgten, niederknallen mögen, und sie dann in seine Arme reißen und küssen – ha, küssen! Seine Blicke verschlangen sie.
Schelmisch abwehrend schüttelte die schöne Frau den Kopf. Dabei spitzte sie aber doch den Mund wie zum Kusse. Ihre Lippen bewegten sich jetzt leise, er glaubte ein ›Nachher‹ oder ›Später‹ von ihnen abzulesen. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl. Es war unsagbar öde; die Anekdoten von Schmidt kannte er schon alle, oder wenn er sie noch nicht kannte, wußte er doch, worauf sie hinausliefen – wie konnte der Stabsarzt nur so darüber lachen?! Zu blöd! Seine Gedanken folgten wieder Scheffler: der verlobte sich nun – auch gräßlich – wie konnte sich ein Mann, ein Offizier, mit solch einer törichten, kleinen Person verloben, die noch von nichts eine Ahnung hatte, die kalt war wie eine Blüte im Schnee, ohne Glanz, ohne Duft?!
Sein Blick suchte wieder die schöne Frau. Jetzt sah er sie an einem Tisch stehen und mit ein paar Belgiern scherzen. Unerhört, unerträglich! Er hielt es nicht mehr aus. Wie Scheffler vorhin, so stieß auch er jetzt seinen Stuhl zurück und hörte nicht darauf, daß die Kameraden sagten, er solle doch noch sitzen bleiben, sie kämen nachher auch mit an die Luft. Er rannte aus dem Saal.
Ah, diese Qualen! Er glaubte nie ähnliche empfunden zu haben. Er hätte weinen mögen. Und doch konnte er ihr nicht böse sein, ihr nichts vorwerfen, es lag ja in ihrem Geschäft, mit jedem freundlich sein zu müssen. Ach, daß sie dazu verdammt war, Wirtin im Weißen Schwan zu sein! Würde sie denn nicht auch wo anders hin passen? Nein, nein – ja natürlich – ja, ja, ganz entschieden! Wer sagte da: nein?! Wie ein Wilder sah er sich um. Auch in anderer Lebenslage, in jeder Situation würde Helene am Platze sein. Besser als hier; für hier war sie viel zu schade! – –
Wenn sie nun herauskäme aus dieser Sphäre?! Ein Gedanke, so groß und ungeheuerlich schoß ihm plötzlich durch den brausenden Kopf, daß er vor sich selber davonrannte.
Er rannte die Gasse zu Ende, über Treppen und Treppchen, den steilen, schmutzigen, zwischen zerbröckelnden Mauern verborgenen Engpaß hinan, der zur Burgruine hinaufführte. Dort war er ganz einsam. Aus dem Städtchen herauf kam ein Sumsen, aber es wirkte hier oben nicht anders wie Bienengesumm.
Den Kopf in die Hand gestützt, saß der Leutnant auf einem Mauerrest und blickte starren Auges hinab in die Enge der Gäßchen, die unter ihm lagen. Auf das hochgegiebelte Schieferdach des Weißen Schwans – die Wetterfahne, ein sich ringelndes Weib mit dem Fischschwanz, stand gerade auf ihn gerichtet – hätte er spucken können. Er stierte auf den im Nachmittagssonnenlichte glitzernden und glimmenden alten Schiefer. Da unten wohnte sie – ah, eine Nymphe, eine Nixe, von den Drachen bewacht, die an den Ecken der Dachrinnen auf die Straße spieen! Er seufzte und starrte, bis ihm die Augen übergingen. Wenn er nun den Abschied nähme, ihr zuliebe –?!
Das war ein abenteuerlicher Gedanke, ein ganz verrückter Gedanke, der nirgendwo anders entspringen konnte, als auf dem Moorgrund des öden Schießplatzes, als hier in der Enge der versunkenen Stadt. Er hatte ihn behext, das fühlte er wohl. Er wurde ihn nicht los. Und ihm war, als hätte er erzählen hören, der schönen Helene wegen hätten sich schon einmal zwei Offiziere duelliert. Warum auch nicht? Sie konnte schon junges Blut dazu bringen. Man war doch kein Fisch, wenn man auch hier kaltgestellt war – ah, so kalt! Mit einem Laut des Unmuts reckte sich der junge Offizier und heftete dann seinen Blick auf seine blanken Stiefelspitzen; er konnte nicht mehr dahinabsehen, es zog ihn sonst hinunter mit Allgewalt.
Es war doch schon manches Mal vorgekommen, daß Offiziere einer Heirat wegen den Abschied nehmen mußten! Erst kürzlich war ein Bekannter von ihm zu Krupp gegangen – es ging ihm da sehr gut – sie lebten sehr glücklich. Warum sollte nicht auch er bei Krupp ankommen?!
Wahrheit und Dichtung vermischten sich in des jungen Mannes Kopf; dabei war er benommen vom hastig getrunkenen Wein, seine Augen sahen nicht klar mehr, der blinkernde Schein, der auf dem besonnten Schieferdach lag, machte ihn ganz verdreht. Er schloß die Augen, um nicht mehr hinsehen zu müssen. Er schlief ein, aber in seinen Träumen spukte die schöne Helene, viel schöner, viel hübscher noch, als sie in Wirklichkeit war. Mit einem lauten Ruf fuhr er auf und streckte die Arme aus – ah, eben war sie ihm an die Brust gesunken!
* * * * *
Es war nicht möglich, noch länger auf Scheffler zu warten. Abeking war zwar dafür gewesen, noch eine Stunde sitzen zu bleiben. Er war so unbefriedigt, so unglückselig – sollte er wirklich =so= gehen?! Helene hatte noch immer nicht Zeit gefunden, sich zu ihnen zu setzen; nur einen zärtlichen Blick hatte sie ihm dann und wann zuwerfen können, und es war ihm gelungen, ihr hinter dem hohen Büfett, das gegen die Blicke aus dem Saal schützte, einen flüchtigen Kuß zu rauben. Er hätte bis zum Morgengrauen geharrt.
Aber die beiden anderen, die übergenug hatten, fanden es rücksichtslos von Scheffler, so unpünktlich zu sein. Sie bestanden darauf, anspannen zu lassen; Schwiegervater würde Egonchen schon in der Equipage nach Hause schicken.
Wie ein Träumender bestieg Abeking den Wagen: Helene hatte ihm eben noch ein Zeichen gegeben, ein Zeichen! Was meinte sie damit? Als sie aufgebrochen waren, an den Kellner gezahlt und mit Geklirr und Gerassel das Lokal verlassen hatten, war sie ihnen gefolgt in den Hausflur. Dort brannte nur eine einzige Lampe; es war viel zu wenig Beleuchtung für den tiefen und hohen, wie in einem Kloster gewölbten Gang. Aber ihm war’s heut gerade recht so. Während der Stabsarzt und Schmidt scheltend nach ihren Mänteln suchten, hatte sich Helene dicht an ihn geschmiegt, er fühlte ihre weiche Hand an seiner Wange. Sie war heiß und erregt, er roch den Weindunst ihres Atems, aber das, was ihn bei einer anderen zurückgestoßen haben würde, fiel ihm bei ihr nicht auf, oder es störte ihn doch nicht. Arme Frau – sie hatte so vielen zutrinken müssen! Er fühlte sich plötzlich wie ihr Erretter, ihr Ritter.
Und sie hatte heute nichts von der Schnippischkeit, von dem neckend-überlegenen Ton, mit dem sie sonst die jungen Leutnants abzufertigen pflegte. Der kleine Abeking mit den treuherzigen Augen gefiel ihr gut: so jung, so jung, ah, so ein ganz junger war doch tausendmal netter, als so ein alter ›Knopp‹ wie Schmölder zum Beispiel! Netter auch als der Stabsarzt seligen Angedenkens, netter selbst als der schöne Egon, netter als viele, viele andere. Er war schüchtern, er traute sich nicht so wie die anderen, das gefiel ihr am allerbesten an ihm. Ein Gesicht hatte er fast wie ein Mädchen, fein und zart, trotzdem er schon braun gebrannt war wie eine Haselnuß. Und was er für ein niedliches Schnurrbärtchen hatte! Sonst, wenn er daran herumzwirbelte, während seine Blicke an ihr hingen, hätte sie immer sein hübsches Gesichtchen zwischen beide Hände nehmen mögen: ›Da haste en Bützken, lieber Jung!‹ – aber heute kam er ihr männlicher vor, unternehmender. Als er ihr heute hinter dem hohen Büfett einen heftigen Kuß aufdrückte, hatte sie etwas von einer Leidenschaft gefühlt, die auch ihr immer bereites Herz gleich mit in Flammen setzte. Als sie sich jetzt im dunkelnden Flur an ihn drückte, mit weichen Fingern seine Wange streichelte, war Verliebtheit in ihrem Tun: wahrhaftig, das war kein dummer Junge mehr, mit dem man ein bißchen liebäugelte, den man hinhielt von einem Mal zum andern, das war ein Mann, ein richtiger Mann! »Komm wieder,« flüsterte sie und streifte mit ihren Lippen sein Ohr.
Weiter hatte sie nichts sagen können. Die Kameraden rissen ihn mit fort: »Kommen Sie, kommen Sie, Abeking, wollen in die Klappe!«
Nun fuhren sie alle drei schweigsam zum Lager hinauf. Solange sie noch übers Pflaster des Städtchens holperten, hatten sie von Scheffler gesprochen – der übte sich ja nun in Bräutigamsgefühlen – aber als der Wagen ruhiger und langsamer die steigende Chaussee hinanrollte, verstummte die Unterhaltung. Die beiden gähnten und wickelten sich in ihre Mäntel. Abeking, ihnen gegenüber, machte einen langen Hals und spähte ihnen ins Gesicht: aha, sie schliefen schon! Wenn er nun aus dem Wagen spränge, das Endchen zurückliefe? Eine halbe Stunde kaum, und er wäre bei ihr! Nein, es war noch zu früh, längst noch nicht Mitternacht, der Schwan war noch voller Lärm und Lichter. Schade! Eine glühende Sehnsucht packte ihn, die schöne Frau zu umarmen. ›Komm wieder,‹ hatte sie in sein Ohr geflüstert – was meinte sie damit? Morgen? Übermorgen? Oder – heute noch?!
Während die Kameraden schon fest schliefen, fand er keinen Schlaf, obgleich die Augen ihm fast zufielen und der Kopf ihm verworren war. Sie hatten ihm so oft eingeschenkt; sie hatten’s gut damit gemeint, aber er konnte nicht viel davon vertragen. Nun hörte er in einem fort, wie aus weiter Ferne und doch nah, ganz nah, das ›Komm wieder!‹ Verdammt noch mal, wie sollte er das denn machen?! Er schätzte den Sprung, vom Wagen herab auf die Straße. Merken würden die beiden es jetzt nicht, aber nachher, wenn sie ausstiegen; nachher. Nein, jetzt ging es nicht!
Mit einem Seufzer der Ungeduld zwirbelte der junge Mann sein Bärtchen. Er atmete zitternd-beklommen, in seinen Adern floß es wie Feuer, er hatte kaum die Beherrschung, ruhig sitzen zu bleiben. Mit brennenden Augen stierte er über den Wagenrand. Aber er sah nichts von dem Zauber der schönen Nacht, er sah nur gespenstische Umrisse. Daß da links vom sich windenden Band der Straße tief unten im Tälchen der silberne Bach glänzte, und goldene Sterne sich in ihm spiegelten, sah er nicht. Er sah nur immer die begehrlichen Augen der schönen Frau. In dem Murmeln und Plätschern, das der über Steine herabfallende Bach zu ihm heraufsandte, hörte er nur die flüsternde Stimme: ›Komm wieder!‹
In dieser Nacht brauchte es keiner Nachtigallen-Lockung. – – ›Komm wieder!‹ – –
Der junge Mensch fieberte. Es klopften ihm alle Pulse. Er mußte zu ihr – ›Komm wieder!‹ – er mußte, es litt keinen Aufschub! Wenn er nun mit den Kameraden hinaufführe bis vors Lager, wenn er dann, während sie schlaftrunken davonwankten, dem Kutscher ein Zeichen machte, ihm einen Taler in die Hand drückte, sich einen Gaul beim Zügel langte, sich hurtig aufschwang und noch einmal hinuntergaloppierte ins Städtchen? Zu ihr!
Und hurre hurre, hopp hopp hopp, Ging’s fort in sausendem Galopp, Daß Roß und Reiter schnoben Und Kies und Funken stoben.
Dies Gedicht fiel ihm immerwährend ein, er konnte den Rhythmus gar nicht loswerden: hurre hurre, hopp hopp hopp. Drunten war’s still, die Lichter waren alle erloschen, an den Laden schlug er, klirrend stieg er ab – trapp trapp trapp – des Rosses Hufe dröhnten – sie würde ihn hören. Sie wartete ja schon auf ihn. Hurre hurre, hopp hopp hopp – haha, das war eine Idee, ein toller Streich! Ein toller Ritt, aber – – wenn die Sonne aufging, war er wieder oben im Lager. Niemand merkte etwas, das Pferd stand im Stall, er selber lag in seinem Bette; nur zum Schein, was braucht es der Rast, wenn man beim Liebchen gewesen ist?!
»Und hurre hurre, hopp hopp hopp!« Er murmelte es in das dumpfe Rollen des Wagens, in das gleichmäßige Schnarchen der Kameraden hinein.
Die Pferde schnauften; der müde Kutscher trieb sie nicht mehr an, aber sie trabten von selber, sie witterten den Stall. Der Mond fing an zu scheinen. Jedes Hälmchen am Wege zitterte tau-beperlt. Die großen Tannen am Chausseerand, die, riesenhaft, vom Bachtal bis hier heraufragen, schimmerten silberig und fingen den Mondglanz mit ihren Ästen auf.
Weitoffenen Auges fuhr der Trunkene in den huschenden Glanz hinein, aber er sah nicht. Wie Leichensteine, weiß und gespenstisch, ragten die Meilensteine am Rand der steil-abstürzenden Böschung. Sein Gesicht schimmerte geisterbleich; er lächelte in sich hinein.
X
Egon von Scheffler war glücklicher Bräutigam. Es hatte schwere Mühe gekostet, den Alten herumzukriegen; vieler Tränen des Töchterchens hatte es bedurft, und vieler Versicherungen des Offiziers. Aber die Helene hatte das höchst schlau eingefädelt – was sollte der Vater jetzt noch machen?!
Es war eine unangenehme Überraschung für Heinrich Schmölder gewesen, als am hellen Pfingstnachmittag seine Hedwig plötzlich zu ihm in die Stube stürmte, wo er auf dem Sofa lag und rauchte, hastig, mit glühenden Wangen und glänzenden Augen sich auf ihn stürzte, die Arme um seinen Nacken schlang und ihr Gesicht an das seine preßte: »Ach, Papa, Papachen, ich bin ja so glücklich!« Was hatte sie sich denn so? Er wußte nicht, wie ihm geschah. Aber als er, sich ein wenig vom Sofa aufrichtend, Herrn von Scheffler in der Tür stehen sah, etwas verlegen lächelnd, aber doch mit einer gewissen Siegermiene, da wußte er alles. Zum Donnerwetter, wie war der denn hereingekommen? Er hatte es doch gar nicht klingeln hören!
Auch Frau Schmölder war, trotzdem ihr der Offizier so wohl gefiel, von der Plötzlichkeit der Sache nicht sehr erbaut: Hedwig war doch noch so jung, man hätte doch noch erst überlegen sollen! Sie sah ihre Tochter so böse an, wie sie nur konnte: fragt man nicht erst seine Mutter um Rat? Und Heinrich sah wiederum seine Frau böse an: sie war an allem schuld, sie hatte die Sache protegiert! Aber Hedwig schien so glückselig, und sie war das einzige Kind. Schulden hatte übrigens Scheffler nicht. Er hatte sofort, nachdem ihn Schmölder zu einer Unterredung in sein Privatkontor gebeten hatte, seine Verhältnisse unumwunden klargelegt: Vermögen hatte er keins, nur eine Zulage gehabt, aber ein gutes Avancement hatte er vor sich, und er war auch niemandem etwas schuldig. Dies gab den Ausschlag.
Mit umwölkter Stirn sagte der Fabrikant ja. Er hätte lieber jeden anderen zum Schwiegersohn gehabt, als einen Offizier; aber wenn er gerecht sein wollte, mußte er sich eingestehen, daß der, an dem er so gern etwas zu tadeln finden wollte, untadelig aus seinem Verhör hervorgegangen war. Die beiden Männer reichten sich die Hände.
»Machen Sie meine Hedwig jlücklich,« sagte der Vater. Es lag eine Bitte in dem sonst so trockenen Ton Heinrich Schmölders, und zugleich ein leis-bange Frage, die der Bräutigam wohl heraushörte.
Er verbeugte sich gehalten: »Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, Ihr Fräulein Tochter glücklich zu machen. Mein Ehrenwort!«
Ein paar Stunden später nannte man sich schon ›Egon‹ und ›Schwiegerpapa‹, wenn auch vorerst das ›Sie‹ noch beibehalten wurde. Heinrich Schmölder hatte einen feinen Wein heraufbringen lassen; es wurde ein ganz fröhliches Abendbrot. Die Eltern sahen immer wieder ihr Kind an, und das Kind den Bräutigam.
Scheffler selbst war in einer strahlenden Laune. Es war alles so glatt gegangen, es hatte gar nicht vieler Worte bedurft in dem blühenden, lauschigen Garten zwischen den Felsen, und das kleine Mädchen war ihm an die Brust gesunken, errötend, zitternd, und er hatte ihr einen zarten Kuß aufgedrückt. Nun hielt er die Hand der Braut beständig in der seinen. Er sah wohl den immer wiederkehrenden ängstlich-forschenden Blick des Vaters, der ihn über den Tisch weg fast durchbohrte, aber er lächelte zuversichtlich: ja, er hatte dies kleine Mädchen wirklich lieb, herzlich lieb, viel lieber, als er eigentlich gedacht hatte. Es würde schon ganz gut mit ihr gehen!
Es wurde spät, bis der Bräutigam sich verabschiedete, und als ihm dann die Braut das Geleit bis zur Gartentür gab, und er sie da noch einmal küßte, seine Lippen auf die warmen jungen Lippen drückte, mischte sich in diesen Kuß ein aufflackerndes Begehren: wahrhaftig, das hatte er sich doch nicht so reizend gedacht, so ein junges Ding die Liebe zu lehren!
Der Schwiegervater hatte ihn mit der Equipage heraufgeschickt. In der bequemen, weichgepolsterten Ecke lehnte träumerisch der Offizier; er dachte daran, daß der Alte doch eigentlich ein famoser Kauz sei, der, der Tochter zuliebe, auch dem Schwiegersohn so leicht nicht etwas abschlagen würde. Oh, wie klug hatte er doch daran getan, der kleinen Hedwig Schmölder, die die anderen Kameraden etwas unbedeutend fanden, den Hof zu machen! Zufrieden lächelte er in sich hinein. Nun würden sie ihn beneiden! Er strich sich den schönen Schnurrbart. Gedanken, angenehme Gedanken strömten ihm in Menge zu; er war ganz darein vertieft.
Da merkte er doch plötzlich auf. Wie ein Schatten flog etwas an ihm vorüber, ein beschlagener Huf sprühte Funken, ein Pferdeatem, heiß und keuchend, schnob am Wagen vorbei. Was war das?! Er wollte sich erheben, sich umsehen – da – da war auch schon alles verschwunden. Ein Traum, eine Halluzination, eine Täuschung der Sinne. –
* * * * *
Am folgenden Morgen pochte der Bursche vergebens an Abekings Tür. Der Herr Leutnant hatte mal einen festen Schlaf, aber wenn auch noch Festtag war, er mußte doch Appell abhalten! Der Bursche räusperte und scharrte mit den Füßen, zuletzt donnerte er mit der Faust gegen die Tür. Diese war nicht verschlossen; als er sich endlich ohne ›Herein‹ hineintraute, war sein Leutnant nicht da, das Bett gar nicht berührt.
Er stieß unwillkürlich einen Laut des Erstaunens aus, der die ganze Enge der Offiziersbaracke durchhallte.
Adjutant von Scheffler steckte den Kopf mit der Schnurrbartbinde und den mit Creme gesalbten Wangen zu seiner Tür heraus, aus einer anderen fuhr der Stabsarzt; Leutnant Schmidt und noch mehrere zeigten sich im Negligé. Was war denn los? Was brüllte der Kerl denn so und glotzte wie ein abgestochenes Kalb?! –
Wenige Stunden später erschienen verschiedene der Herren in Heckenbroich. Die Leute, die in Hemdsärmeln in ihrem Heckenausschnitt standen, den zweiten Pfingsttag anrauchten und sich des warmen Wetters freuten, wurden ausgefragt: hatten sie heute nicht etwa einen Herrn vom Lager gesehen, einen Unterleutnant von der Artillerie? So und so sah er aus! Man gab ein genaues Signalement. Aber keiner der Bauern wollte ihn gesehen haben.
Kopfschüttelnd kehrten die Herren wieder ins Lager zurück. Donnerwetter, wo steckte der Abeking denn? Vom Platz konnte man sich doch nicht mir nichts dir nichts entfernen. Heute gegen Mitternacht war er mit Schmidt und dem Stabsarzt heimgekommen, sie hatten sich alle schlafen gelegt, und nun war er auf einmal nicht mehr da, und kein Posten hatte ihn sich entfernen gesehen! Es ging nicht anders, man mußte Meldung machen.
Scheffler übernahm diese heikle Mission. Er entledigte sich ihrer mit der ihm eigenen Gewandtheit und Delikatesse, aber er entging doch nicht dem Donnerwetter der Ungnade. Man liebte es so wie so nicht, daß die Herren soviel umherstreiften und in der Nacht erst nach Hause kamen – der Offizier hat ein Vorbild zu sein, sowohl was Pünktlichkeit anbelangt als Solidität – und nun diese Geschichte! Erst als es Scheffler gelang, die vertrauliche Mitteilung seiner Verlobung beim Höchst-Vorgesetzten anzubringen, wurde dieser gnädiger. Er gratulierte seinem Adjutanten in schmeichelhaften Worten: war wirklich nett, sehr nett, diese Verlobung. Schmölders sehr nette Leute, alt-eingesessenes Patriziergeschlecht. Wenn nur alle Kameraden immer so das Richtige träfen!
»Aufrichtigen Glückwunsch, lieber Scheffler. Nun, wenn Sie Hauptmann sind, wird wohl geheiratet, was?«
»Zu Befehl, Herr Oberst!«
Der kleine Abeking war wieder in den Hintergrund gerückt. Die Verlobung von Scheffler wurde allgemein besprochen. Aber als es Mittag wurde und Nachmittag, und der Leutnant noch immer nicht da war, fingen die Kameraden wieder an, und zwar besorgter, auf ihn zu harren. Es war ihm doch wohl nichts passiert?!
Eine glühende Sonne, viel heißer noch als die gestrige, brannte dörrend aufs Lager herab. Die Wellblechbaracken sprühten. Die meisten der Offiziere lagen bei verhängten Fensterchen auf ihren Betten und druselten, einige gähnten im Kasino. Alle hatten sie noch einen gewissen Katzenjammer von gestern, es war das beste, man schlief erst einmal ordentlich aus; zu morgen war ohnedies Felddienstübung anberaumt. Keinem Menschen war es behaglich. – –
Es war schon spät, als es an Bürgermeister Leykuhlens Tür klopfte. Ein paar erhitzte Radfahrer standen draußen.
Bis zum Dunkelwerden hatte man im Lager noch geduldig auf Leutnant Abeking gewartet, aber nun es Nacht zu werden anfing, zudem ein Gewitter drohte – fernes Wetterleuchten durchzuckte ab und zu den sternenlosen Himmel – hatte man plötzlich Angst bekommen. Es mußte Abeking irgend etwas passiert sein, nicht anders war sein unerklärliches Verschwinden möglich. Sämtliche Leute wurden ausgefragt, Unteroffiziere wie Gemeine, Infanterie wie Kavallerie und Artillerie; sie kannten ihn längst nicht alle, aber wenn sie ihn auch nicht gekannt hatten, jetzt kannten sie ihn, bis aufs Tüpfelchen wurde er ihnen beschrieben. Das ganze Lager war aufgestöbert.
War das eine Geschichte! Es surrte wie ein Bienenschwarm. Diese gottverfluchte Gegend, diese verdammte Ödenei! Was einem hier alles passieren konnte! Wie in Südwestafrika; schlimmer war’s in den Wüsten und bei den Hottentotten auch nicht, als hier in der Heide und im Moor. Vielleicht daß der Leutnant nicht hatte schlafen können vor Hitze – ’s war ja auch in den Käfterchen unter dem Wellblech zum Ersticken – er mochte wieder aufgestanden und ungesehen hinauspassiert sein, um sich draußen Erquickung zu holen. Diese verdammten Venn-Löcher, die zugewachsen waren mit Wollgras, die man nicht eher merkte, als bis man drin steckte! Er mochte eingebrochen sein im Halbdunkel, der arme Kerl, in ein tiefes Loch, vielleicht bis an den Hals. Er hatte sich nicht mehr herausarbeiten können. Oder ob ihn einer überfallen hatte, Geld bei dem Offizier vermutend? Vielleicht lag er irgendwo erschlagen hinter einem Busch, war ins Dickicht einer Tannenschonung verschleppt worden! Die Kolonie der Verbrecher, zwischen Lager und Dorf, war nicht weit. Was hat so ein Kerl denn noch zu verlieren?! Wenn er entdeckt wurde, Kopf ab; das war auch nicht viel schlimmer, als da oben zu hacken und zu roden!
Die abenteuerlichsten Gerüchte schwirrten durchs Lager. Wer zuerst solch grausige Befürchtung ausgesprochen hatte, wußte man nicht. Aber wo Zwei, Drei zusammenstanden, sprach man davon. Jetzt war die Befürchtung fast zur Gewißheit geworden: krank war Leutnant Abeking ja nicht gewesen, nein, ganz normal bei Kräften und bei Sinnen! Gesund und munter war er gestern mit Schmidt und Scheffler und dem Stabsarzt zum Diner in den Schwan gefahren, mit Schmidt und dem Stabsarzt auch wieder gesund und munter heraufgekommen. Nicht mit dem Krümperwagen waren sie gefahren, mit dem Break vom Bahnhofswirt. Ob der vielleicht etwas wüßte? Man mußte doch einmal hören. Einige eilten dorthin.
Aber der Bahnhofswirt zuckte die Achseln: er wußte nichts. Dienstbeflissen wollte er aber gleich einmal seinen Knecht fragen, den Kutscher, der die Herren gefahren hatte. Vielleicht daß der eine Ahnung hatte! Die Herren tranken derweil am Büfett einen Cognac, der Wirt ging in den Stall zum Knecht.